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Montag, 21. Juni 2021

»Denn die Schöpfung…


 … wartet sehnsüchtig auf das Offenbarwerden der Söhne Gottes.« 
(Römerbrief 8,19)
 
 
Grafik: Twitter, Dominikus J. Kraschl OFM

Freitag, 15. Februar 2019

Das ganze Leben


Der verräterische Satz fällt neun Seiten vor Schluß: «Er war nie in die Verlegenheit gekommen», heißt es da über den Protagonisten Andreas Egger, «an Gott zu glauben (…).»

Dieses Bekenntnis gehört im modernen Literaturbetrieb dazu, es ist gleichsam das Schibboleth, welches erst die Tür zum Erfolg öffnet. Nach diesem kurzen Credo des selbstverständlichen Atheismus ist man im Feuilleton willkommen.

Es verwundert dann nicht länger, wenn im Buch selbst viel gestorben wird und die Traurigkeit eine ebenfalls selbstverständliche ist. Denn wo Gott fehlt, will sich die Freude, vom dauerhaften Glück ganz zu schweigen, nicht einstellen. Das heidnische Fatum hat das Sagen, mit anderen Worten die unvernünftige, grausame Natur. Die aufkeimende Liebe zwischen Egger und seiner Baut, dann Ehefrau Marie, geht, noch ehe sie zum rechten Blühen kommt, in den Massen einer gnadenlosen Lawine unter, die Marie auf immer unter sich begräbt.

Erbarmen? Gnade? - Fehlanzeige.

Denn  die gottlose Welt, die Robert Seethaler schildert, ist kein christliches Schöpfungsbuch, welches über sich hinausweist, sondern das huis clos eines Sartre, diesmal transponiert in den alpenländischen Lebenslauf eines Erniedrigten und Gemarterten.

Egger, so Seethaler, verzweifelt dennoch nicht. Egger, so weiterhin Seethaler, konnte „auf sein Leben (…) ohne Bedauern zurückblicken, mit einem abgerissenen Lachen und einem einzigen, großen Staunen.»

Camus läßt grüßen. Sein Sisyphos, der immer wieder den Felsblock zum Gipfel wälzt, um sodann, zurückgeworfen, aufs neue in der Niederung beginnen zu müssen, soll man sich, so Camus, als Glücklichen vorstellen.

Seethalers Egger soll man sich als Staunenden vorstellen. Das ist die halsbrecherische Volte des Existentialisten. Es gibt zwar am Ende nichts zu lachen, aber dennoch verleiht der Autor seinem Helden das große Staunen. Denn die pure Endlichkeit, so ist zu vermuten, hält niemand aus, auch kein Egger, auch kein Seethaler. Die Sehnsucht des Menschen, die ins Un-Endliche drängt, bricht sich staunend Bahn noch im existentialistischen geschlossenen Raum. Und vielleicht ist das die wirkliche Lektion dieses Romans, der sich Ein ganzes Leben nennt.

Denn auch dieser Titel ist falsch. Das Leben der Hauptperson ist bestenfalls ein halbiertes Leben. Dort, wo man dem Menschen die Ewigkeit nimmt, bleibt ein Kastrat zurück. In den Worten Camus‘: «Diese Welt vernichtet mich.»

Aber diese Welt ist, Gott sei Dank, mehr als diese Welt. Das ist keine Ewigkeitsvertröstung, sondern reale Sicht auf die nicht auslöschbare Sehnsucht des Menschen.

Egger wird schließlich neben seiner Frau Marie ins Grab gelegt. Aha, denkt der Leser verdutzt, Sehnsucht über den Tod hinaus, gar Liebe über den Tod hinaus. Mon Dieu, höre ich da Ionesco sagen, comme c'est bizarre, que c'est curieux, et quelle coïncidence!

Doch das absurde Rätsel löst sich, wenn man bedenkt, daß Egger, was Seethaler nicht weiß (als Künstler jedoch ahnt), das ganze Leben noch vor sich hat.

Grafik: Photo by Pablo Heimplatz on Unsplash

Freitag, 15. Juni 2018

Heimat


»(…) das allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war: Heimat«.

So das oft zitierte Finale von Blochs Werk »Das Prinzip Hoffnung«. Dieses Ende mag sich rhetorisch geschmeidig anhören; aber es ist dennoch ein Mißklang. Denn in den Ohren des Marxisten Bloch mag das Diktum zwar stimmen, für einen Christen ist es schlicht und ergreifend falsch.

Denn der Mensch, so die christliche Anthropologie, kommt aus der Heimat und geht, wenn er sein Leben recht anschaut, auf die endgültige Heimat hin. Der Mensch ist kein Streuner im Universum, seine Aufgabe ist nicht die prometheische Selbstkonstruktion, auch nicht das Erschaffen von Heimat.

Der Mensch ist vielmehr aufgerufen, seiner in ihn eingeschriebenen Sehnsucht zuzuhören und in der Erinnerung des Zuhörens sich bewußt zu werden, daß er sich dem Größeren verdankt, dem Schöpfer, Demjenigen, bei Dem jede Heimat gegründet ist. Der Apostel Paulus kann daher von der Zuversicht schreiben, daheim beim Herrn zu sein (2 Kor 5,8), weil er weiß, wo die wahre Heimat zu finden ist, und das Ziel jeder Heimatsuche kennt: Unsere wahre Heimat ist im Himmel (Phil 3,20).

Wie sehr die Sehnsucht nach Heimat und das intuitive Wissen um die verborgene Präsenz der Urerinnerung im Menschen lebt und letztlich unauslöschlich ist, wird bisweilen selbst in Filmen akut, deren Inhalt auf den ersten Blick wenig bis nichts mit Heimat zu tun hat. So etwa in dem Science-Fiction-Film Der Hüter der Erinnerung (Originaltitel: The Giver) aus dem Jahre 2014.

Geschildert wird die dystopische neue Welt der Zukunft. Menschen werden in dieser Welt normiert zu Drohnen im Einheitsstaat. Die Fiktion lautet, daß erst die Ausschaltung jeder Individualität die negativen menschlichen Reaktionen wie Neid, Eifersucht, Aggression etc. liquidiert. Der Preis der Gleichmacherei ist der Verlust der Erinnerungen und der Emotionen, der durch eine entsprechende morgendliche Injektion besorgt wird. Der Mensch, ab sofort perfekt demokratisiert, ist auswechselbar. Bezeichnenderweise werden die Familienstrukturen aufgelöst, Kinder werden per Leihmütter ausgetragen, Babies, die dem normierten Maß nicht entsprechen, werden ohne jede emotionale Beteiligung getötet.

Die prekäre Stelle im System bildet der sogenannte Hüter der Erinnerung. Ihm, der am Rande der Gesellschaft in Isolation lebt, ist vorbehalten, die menschlichen Erinnerungen zu speichern, um in Notfällen der brave new world aufgrund seiner Erinnerungskapazitäten beizustehen und Ratschläge zu erteilen.

Besagter Hüter bildet im Film einen jungen Adepten aus, der die Nachfolge des altgewordenen Hüters antreten soll.

Prekär wird diese Konstruktion dann, wenn der Hüter und sein Schüler ihre Kompetenz nutzen – nicht, um das System zu stabilisieren, sondern um den diktatorischen Gesellschaftsapparat zu stürzen. Eben diese humane Revolte schildert der Film.

Daß es im Grunde um die Suche und die Sehnsucht nach echter, gültiger Heimat geht, zeigen die letzten Sequenzen.

Der Neophyt hat eines der Babies, die getötet werden sollen, aus der staatlichen Klinik gekidnappt und befindet sich auf der Flucht in die rettende Zone jenseits der Staatsgrenzen. Dort, so die Verheißung, liegt das unterdrückte Land der Erinnerung. Und gelingt es jemandem, dorthin aufzubrechen, gegen alle Verfolgungen und Widerstände hindurch, ist das Reich der Erinnerung wieder etabliert.

Jonas, so der Name des jungen Protagonisten, schafft die Flucht und schafft die Überquerung der Grenze. Und dann kommt das letzte Bild und die letzte Einstellung.

Im Schnee, das gerettete Kind im Arm, nähert sich Jonas in der neuentdeckten Wildnis einem alleinstehenden, erleuchteten Haus. Sehr von ferne, wie Klänge aus nahezu verschollener Zeit und gleichwohl sehr real, ist ein Gesang zu vernehmen. Es ist der Gesang, der sehr still ist und in seiner Stille offenbarend, der Gesang, der seit je zum Herzen spricht, das heimatliche Lied des cor ad cor: Stille Nacht, heilige Nacht...