Samstag, 25. April 2026

Prinzip und Fundament 
  

»(…) bin ich überzeugt, daß die Menschheit der Gegenwart diese grundlegende Botschaft braucht, die in Jesus Christus Mensch geworden ist: Gott ist die Liebe. Alles muß von hier ausgehen, und alles muß hierher führen: jede pastorale Tätigkeit, jede theologische Abhandlung.«

Benedikt XVI. 
aus seiner Predigt während der Vesper am 22. April 2007

 

 Grafik: Foto von THLT LCX auf unsplash  

Samstag, 18. April 2026

 Was ist das für so viele?  

Im Evangelium nach Johannes berichtet der Evangelist im 6. Kapitel vom berühmten Zeichen der Brotvermehrung. »Viele Menschen« (Vers 5) sind gekommen, um Jesu Worte zu hören. Und Jesus will die Hungrigen speisen. Doch wie eine solch große Menge speisen? 

»Hier ist ein kleiner Junge«, so der Apostel Andreas, einer der Begleiter Jesu, »der hat fünf Gerstenbrote und zwei Fische; doch was ist das für so viele?«

Was ist das für so viele?


Mir fällt dazu eine Geschichte ein, die Mutter Teresa erzählt hat:

»Vor einigen Jahren«, so Mutter Teresa, »gab es in Calcutta eine große Zuckerknappheit.
Eines Tages kam ein vierjähriges Kind mit seinen Eltern zu mir, um mich zu sehen. Sie brachten mir ein kleines Gefäß mit Zucker. Während sie es mir überreichten, sagte der Kleine zu mir: Ich habe drei Tage keinen Zucker genommen. Nimm es, es ist für Deine Kinder.
Dieser Junge liebte mit einer großen Liebe. Mit einem großen persönlichen Opfer hat er es bezeugt. Ich möchte deutlicher werden: Er war nicht älter als drei oder vier Jahre. Er konnte noch kaum seinen Namen sagen. Er war mir nicht bekannt. Ich konnte mich nicht erinnern, ihn jemals gesehen zu haben. Auch seine Eltern hatte ich nie getroffen.
Das Kind hatte Erwachsene von mir sprechen hören und danach jenen Entschluß gefaßt.«

»Ein kleines Gefäß mit Zucker.«

Was ist das für so viele?

Diese Frage, so zeigt das Evangelium und auch die Geschichte von Mutter Teresa, ist die falsche Frage. Warum? - Weil sie rechnet. Die Liebe aber rechnet nicht.

Die beiden kleinen Jungen geben einfach. Das nennt man Hingabe. Sie rechnen nicht, sondern schenken.

Und die schenkende Liebe ist immer fruchtbar. Das sehen wir im Evangelium überdeutlich: 5000 Männer werden satt, weil dieser kleine Junge sein ALLES gab.

Denn alles ist ein Liebesspiel. In den Worten Pater Pios: Tutto è scherzo d’amore. Alles ist ein Spiel der Liebe. 

Es ist bezeichnend, daß derjenige im heutigen Evangelium, der sein Alles gibt, ein Kind ist. Das erinnert uns an die Worte Jesu (Mt 18,3): Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, werdet ihr nicht in das Himmelreich hineinkommen.

Kinder – wenn sie nicht verzogen sind - fällt es offensichtlich leichter, in das Spiel der Liebe einzutreten. Wir Erwachsenen sind da gefährdeter. Die Weisung Jesu: Werdet wie die Kinder! ergeht nicht umsonst genau da, als die Jünger sich streiten darum, wer im Himmelreich der Größte ist. Vielleicht hätte ein Erwachsener, angesichts der Tausenden von Hungrigen, gesagt: Warum soll ich mein Alles hergeben? Da sind bestimmt andere, die mehr haben als ich, sollen die mal anfangen zu geben.

Doch unser Glück hängt nicht von einem Rangstreit ab, sondern davon, inwiefern wir bereit sind, in das göttliche Spiel der Liebe einzutreten.

Denn was ist das größte Spiel der Liebe?
Es ist das, was weltweit in jeder Stunde gefeiert wird: Die hl. Messe.

Was bringen wir in jede hl. Messe? Brot und Wein. Unser armseliges Leben.

Was ist das für so viele?

Doch Gott verwandelt unsere kleinen Gaben in Sein ALLES, in Seinen Leib und Sein Blut.

Machen wir uns nichts vor: Das, was wir herschenken, ist angesichts der Fülle Gottes, immer nahezu ein Nichts. Und doch – und das ist die unfaßbare gütige Herablassung Gottes uns gegenüber – will ER, daß wir teilhaben am göttlichen Austausch der Liebe. Darum lädt Er uns ein, unsere Gaben zu bringen.

Der kleine Junge des Evanegliums hat es verstanden. Der kleine Junge in der Geschichte Mutter Teresas hat es gleichfalls verstanden. Wenn wir mit ganzem Herzen geben, ohne Hintergedanken, dann gibt es keine zu geringen Gaben. Denn dann sind wir Mit-Arbeiter Gottes, und ER vollendet unsere Hingabe. Er beschenkt uns mit Sich Selbst. 

Grafik: Brotvermehrungskirche in Tabgha, Mosaik: vier Brote und zwei Fische. wiki commons. 

Samstag, 4. April 2026

Lamentationes 2026 

»Das ganze Leben des Christen ist heilige Sehnsucht. Wonach du dich aber sehnst, das siehst du noch nicht. Aber durch die Sehnsucht gewinnst du die Fähigkeit, dich beim Kommen dessen, was du sehen willst, erfüllen zu lassen (...). Wir haben es schon einmal gesagt: Leere aus, was angefüllt werden soll! Mit Gutem sollst du angefüllt werden, drum gieß das Böse aus! Mit Honig gleichsam will Gott dich anfüllen; wenn du voll Essig bist, wo wirst du den Honig unterbringen? Ausgeschüttet muß der Gefäßinhalt und gereinigt muß das Gefäß werden; gereinigt muß es werden, wenn’s auch Mühe schafft und Plag, damit es brauchbar werde. Strecken wir uns also nach Gott aus, damit er uns erfülle, wenn Er kommt!«    Hl. Augustinus

Grafik: wiki commons

Samstag, 28. März 2026

 Stabat mater

Gastbeitrag von Elpinike

 

O quam tristis et afflicta / fuit illa benedicta! 

Unter dem Kreuz steht die Mutter. Sie darf nicht helfen, nicht einmal trösten; jede der kleinen Gesten, die Mütter für ihre Kinder haben, ist ihr verwehrt. Dem fremden Wachsoldaten bleibt vorbehalten, Jesus die letzte Labung zu reichen. Maria kann nur ausharren und zuschauen, wie ihr Sohn stirbt, Stunde um Stunde.

Denkt sie dabei an die Worte des Engels? Sie sei gesegnet, hat er gesagt, und ihr Kind werde Sohn Gottes genannt werden. Müßte der Sohn Gottes nicht eigentlich eine geachtete Persönlichkeit sein, ein wichtiger Mann im Lande? Nun wird er als Verbrecher hingerichtet.

Ist Maria unter dem Kreuz an Gott verzweifelt – oder hat sie sich die Hoffnung bewahrt? Antonín Dvořáks Stabat Mater gibt die Antwort auf diese Frage. Die Musik setzt ein wie das leise Schluchzen eines Menschen, den die Trauer innerlich leer zurückgelassen hat. Doch dabei bleibt es nicht. Gedanken und Gefühle kehren machtvoll zurück, der Schmerz bricht sich Bahn.

Dvořák schöpfte hier aus eigenem Erleben. Sein Stabat Mater, 1877 vollendet, entstand unter dem Eindruck des Todes seiner drei Kinder innerhalb von zwei Jahren. Kann man nach diesem Verlust weiterleben? Ja, sagt uns der Komponist: Durch das Leiden tönt die Hoffnung, zunächst zaghaft, dann immer stärker, bis sie zum Schluß alles überstrahlt.

Das ist nämlich die Antwort: Das Leben siegt, nicht der Tod, die Hoffnung siegt, nicht die Verzweiflung. Maria hat es gewußt. Antonín Dvořák hat es gewußt. Mit ihnen weiß es auch der Zuhörer.

Samstag, 21. März 2026

Passionssonntag 2026

Über Franz Xaver (1506 - 1552), Sohn einer baskischen Adelsfamilie, Mitgründer des Jesuitenordens, Chinamissionar und, aufgrund seines unermüdlichen  Missionseifers, Patron sämtlicher Missionare, schreibt der katholische Prälat Ludwig Gschwind (in: Das Kreuz. Zeichen Christi, Augsburg 2004, 134f):

 »Franz Xaver [zog weiter] nach Malakka und auf die Molukken. Bei der stürmischen Überfahrt verlor Franz Xaver sein Kreuz, das ihn seit seinem Aufbruch aus Rom begleitet hatte. Als er schließlich wohlbehalten gelandet war, machte er einen Spaziergang am Ufer. Er traute seinen Augen nicht, als er sah, daß eine Krabbe sein Missionkreuz auf dem Rücken herantrug. Er sah dies als einen weiteren Hinweis, daß auf seinem Wirken Gottes Segen ruhe.« 

Die hier berichtete Geschichte ist weitaus mehr als eine wohlgefällige Anekdote aus der Zeit der katholischen Gegenreformation. Sie zeichnet in wenigen präzisen Strichen das, was der Zeitgenosse 2026 selten bis nie bedenkt: Die Heilsnotwendigkeit des Kreuzes Christi. Dort, wo, wie in den ehemals katholischen Ländern des Westens, Kreuze zunehmend abgehängt werden – sei es in Schulzimmern, in Gerichtssälen oder Spitälern – zeigt der Himmel selbst in der Biographie des heiligen Franz Xaver (und im Grunde der Lebensgeschichte aller Heiligen), daß das Kreuz kein verlorenes Requisit ist, sondern das Wasserzeichen der Schöpfung, von dem Heil und Segen ausstrahlen.

Die Heiligen verehren das Kreuz. Sie umarmen es. Und indem sie sich vor dem Kreuz, und das heißt vor dem Gekreuzigten, beugen, erfahren sie, wie das Holz des Gekreuzigten sie trägt.

Das ist kein frommes Geplapper, sondern Erfahrung jeder Zeit. Ich muß an eine fromme Frau denken, die plötzlich eine schwere Krebsdiagnose bekommt. Ich besuche sie und bin erschrocken über das sichtbare Ausmaß der Erkrankung. Wird die Erkrankte das Jahr überleben? Es vergehen Wochen, bis wir uns wiedersehen. Ich frage sie, ob es in den vergangenen Monaten eine Erfahrung oder eine Erkenntnis oder eine geistliche Gewißheit gegeben habe, die sie mir mitteilen wolle. Sie überlegt nicht lange. Sie sagt: »Ja, trotz allen möglichen Krisen – ich habe mich getragen gefühlt.« 

Der moderne, sich auf seine sogenannte Autonomie berufende Mensch verschmäht und verleugnet das Kreuz und hält sich viel darauf zugute. Seine tools, so der Neusprech, sind andere. Das Kreuz hat ausgedient. Die Konsequenz der Verschmähung ist jedoch nicht die Gesundung des modernen Menschen, sondern seine wachsende Atomisierung und Orientierungslosigkeit. Und vielleicht muß der westliche Patient, was wir ihm nicht wünschen, noch tiefer fallen, bis er im Abgrund der Verkommenheit und selbstgewählten Ausweglosigkeit neu das weggeräumte Kreuz hervorholt und ineins damit des Verlangens nach dem einzig rettenden Siegeszeichen eingedenk ist, welches die Heiligen mit den Worten begrüßt haben: Ave crux, spes unica (Sei gegrüßt, o Kreuz, einzige Hoffnung).

Der fünfte Sonntag der Fastenzeit wird nach der Überlieferung der Passionssonntag genannt. In den Kirchen des katholischen Erdkreises werden die Kreuze verhüllt. Doch dieses liturgische Verhüllen ist kein Verbergen, sondern ein tieferes Enthüllen. Wie so oft im menschlichen  Leben, wo erst ein Entzug die unermeßliche Kostbarkeit des Entzogenen neu erhellt, so mag das unter der violetten Farbe des Fastentuches verhüllte Kreuz – so die liturgische Hoffnung – eine innere Wunde der Sehnsucht zu erwecken, welche in ihrer süßen Schmerzhaftigkeit uns nachdenken läßt über das, was in unserem Leben wirklich zählt und trägt. Oder vielmehr: Wer uns trägt.

Grafik: wiki commons. Autor: Bene16

Samstag, 14. März 2026

 Laetare 2026

Alles, was der Herr gesagt hat, hat Er uns gesagt, damit Seine Freude in uns sei und unsere Freude vollkommen sei. Nun ist aber unter den Dingen, die Er uns gesagt hat, eines, das nicht den anderen gleicht und das unsere ganze Aufmerksamkeit verdient. Während das vom Herrn in Seinen Ermahnungen zur Freude vorangestellte Motiv immer ein Vorteil ist, den der ausnutzt,  der Sein Wort annimmt und es ausführt (z.B.: Mt 5,12: »Freut euch und frohlocket, denn groß ist euer Lohn«), sehen wir, daß am Ende des letzten Ostermahles, da Er im Begriffe ist, sich von den Seinen zu trennen, um Sich auszuliefern, in einem Augenblick also, wo jene, die alles um Seinetwillen verlassen hatten, sich rettungslos fühlten und mehr als je Trost nötig hatten, da sehen wir, daß der Herr sie plötzlich auffordert, sich zu freuen, aber diesmal nicht mehr, indem sie an einen Lohn denken sollten, sondern an Seine Freude. Und Er betont, daß dieses ihrerseits ein Beweis der Liebe sei: »Wenn ihr mich liebtet, würdet ihr euch freuen, daß ich zum Vater gehe (Joh 14,28).«

Das ist also die besondere Freude des Christen, seine Freude als Jünger des Herrn! Mit absoluter Sicherheit zu wissen, daß der Herr heute und für immer in einem Zustand der Glorie ist, den das Evangelium mit diesen Worten schildert: »Er sitzet zur Rechten Gottes« (Mk 16,19).

aus: Pius-Aimone Reggio O.P., Vergiß die Freude nicht  

Grafik:  Foto von Carlos N. Cuatzo Meza auf Unsplash

Samstag, 7. März 2026

 Imago Dei 

Ignatius. Bernadette. Jerzy A. Popiełuszko.

Drei Heilige. Sehr unterschiedliche Heilige.

Der erste ein Ordensgründer (Gesellschaft Jesu, SJ, Jesuiten), der durch seine Gründung bis heute weltweit wirkt. Die zweite eine Analphabetin, die gewürdigt wird, achtzehnmal die Muttergottes zu sehen, und die nach den Erscheinungen hinter Klostermauern verschwindet. Der dritte ein Priester, der während des polnischen Widerstands gegen das kommunistische Regime sein Leben in der Solidarność Bewegung einsetzt und schließlich von Männern des kommunistischen Staatsicherheitsdienstes entführt, gefoltert und ermordet wird.

Drei Heilige, deren Ausstrahlungskraft ungebrochen ist. Doch was ist letztlich dasjenige, was die Menschen zu den Heiligen zieht und sie nicht der Vergessenheit anheimfallen läßt? Als mögliche Antwort darauf könnte man einmal das Wort des heiligen Ignatius bedenken: »Wenige Menschen ahnen, was Gott aus ihnen machen würde, wenn sie sich nur ganz seiner Führung anvertrauten.«

Die Heiligen haben exakt das getan: Sich bedingungslos der Führung Gottes anvertraut. Das nennt man Glauben. Denn echter Glaube besteht darin, keine Bedingungen zu stellen, sondern alle Bedingungen angesichts der Größe und Güte Gottes ad acta zu legen, im Vertrauen darauf, daß Seine Pläne in jedem Fall und stets die besten sind. Und diesen Glauben der Heiligen, ob wir es uns bewußt eingestehen oder nicht, bewundern wir, weil wir insgeheim wissen, daß er die einzig angemessene Antwort auf die vorrangige Liebesinitiative Gottes ist.

Doch dieses innere Wissen ist allzuoft nur die eine Hälfte unserer Reaktion auf das Leben der Heiligen. Denn wiewohl wir gewohnheitsmäßig deren Leben, Taten, Entschiedenheit und Entschlußkraft bewundern, lassen wir zugleich eine Art inneren Vorbehalt in uns zu, indem wir auf das Herrenwort Jesu hin: Ihr nun sollt vollkommen sein, wie euer himmlischer Vater vollkommen ist (Mt 5,48) welches Wort ja an uns alle ergeht, routinemäßig erwidern: Schon, ja, das stimmt, aber… und mit unserem aber meinen wir, daß es halt bestimmte Menschen gibt, die besonders von Gott ausgezeichnet wurden, die Heiligen halt, während wir, der Durchschnitt, mit weniger Gnade über die Runden kommen müssen und also vom steilen Weg der Heiligkeit dispensiert sind.

Das ist natürlich verkorkste Theologie. Denn jeder von uns ist als imago Dei erschaffen, als Ebenbild Gottes. Das macht unsere unvergleichliche Stellung im Kosmos aus. Unsere Aufgabe ist es nicht, zu rechnen und zu schielen, wer wie viel Gnade abbekommen hat, sondern mit der Gnade, die uns zuteil wird, mitzuarbeiten, um so das Original zu werden, zu dem Gott uns berufen hat. Papst Leo der Große schärfte nicht umsonst den Gläubigen seiner Zeit die Weisung ein: »Mensch, erkenne Deine Würde!« 

Diese Würde ist keine billige Gnade, sondern verlangt als Antwort unsere Bereitschaft zum schmalen, engen Weg. Auch das steht im Evangelium: Geht durch das enge Tor! Denn weit ist das Tor und breit der Weg, der ins Verderben führt, und es sind viele, die auf ihm gehen. Wie eng ist das Tor und wie schmal der Weg, der zum Leben führt, und es sind wenige, die ihn finden (Mt 7,13f). 

Es bleibt, ohne wohlfeile Ausrede, folglich die Frage an uns: Wollen wir, wie die von uns bewunderten Heiligen, die Würde, den Weg, den Glauben? Wollen wir leben?

Grafiken: wiki commons

Samstag, 28. Februar 2026

 Ästhetik und Moral

Es ist Jahrzehnte her. Mit einem Freund sprach ich über Kunst und Architektur und über das, was Kunst aussagt. Es war uns klar, daß es die gleichsam nackte, neutrale Kunst nicht gibt. Eine gotische Kathedrale und ein Wolkenkratzer sind nicht nichtssagende architektonische Gebilde, sondern  Aussagen, die Weltanschauungen oder private Vorlieben oder Deutungshoheiten oder ideologische Konzepte spiegeln. Ich fragte den Freund irgendwann im Laufe dieses Gesprächs, was denn die Botschaft eines modernen Betonkomplexes sei. Darauf seine direkte Antwort: »Lärm.«

Die Antwort fand ich erstaunlich. Sie leuchtete mir auch ein. Und sie kommt mir wieder  in den Sinn, da ich über den englischen Architekten Augustus Welby Northmore Pugin (1812 – 1852) lese. 

Der Nachwelt ist Pugin, selbst wenn sein Name den Meisten unbekannt sein dürfte, gleichwohl ein Denkmal, weil er der Schöpfer des berühmten Glockenturms von Big Ben in London ist. Doch Pugins Einfluß reicht weiter als bis zu einer touristischen Sehenswürdigkeit. Der junge, hochtalentierte Architekt, der bereits fünfzehnjährig durch sein zeichnerisches Genie auffällt, macht seinen Zeitgenossen noch einmal klar, daß Ästhetik und Moral keine unverbundenen Glieder sind, sondern wesentlich einander bedingen, indem letztere die Grundlagen legt für die ästhetischen Wertvorstellungen, und also auch Architektur und Moral in einem Verwandschaftsverhältnis stehen.

Pugins Leitbild ist dabei die Gotik, zu deren Neubelebung er mit seinem Können eintritt. Was man, ihm folgend, schließlich Gothic Revival nennt, ist kein nostalgisches totes Erinnern, sondern die bewußte Aufnahme einer spirituellen Ordnung, da der gotische Stil in seiner unmißverständlichen vertikalen Ausrichtung das architektonische Zeichen setzt, welches dem Leben Orientierung, Sinn und Halt vermittelt. 

Doch wäre Pugins Vertiefung und Förderung der gotischen Gesinnung, die sich in etlichen von ihm gestalteten Kirchengebäuden ausdrückt, undenkbar ohne seine Konversion vom Anglikanismus zur katholischen Kirche im Alter von 22 Jahren. Ausschlaggebend für die Konversion ist unter anderem sein Kennenlernen der römisch-katholischen Liturgie. »Wer eine so erhabene Art zu beten und Gott zu verehren hat«, so er, »der muß in der Wahrheit sein, in der Wahrheit der göttlichsten Art.«

Das Kirchengebäude ist nicht Selbstzweck, sondern dient der Verherrlichung des göttlichen Meisters. Die Liturgie ist nicht Selbstzweck, sondern dient der Verherrlichung des göttlichen Meisters. Omnia ad maiorem Dei gloriam – Alles zur größeren Ehre Gottes. Der Zusammenklang von sinnstiftender Architektur, göttlicher Liturgie und katholischer Weisheit ist das ekstatische Aufstrahlen des splendor veritatis, des Glanzes der Wahrheit, welches Aufstrahlen, wenn es erfahren wird, das Leben ändert, nicht nur das Leben Pugins, sondern eines jeden Lebens.

»Ich lernte die Wahrheit der katholischen Kirche in den Krypten der alten europäischen Kirchen und Kathedralen kennen«, bekennt der britische Architekt. Seine Bauten und theoretischen Schriften fließen aus dem Ergriffenwerden von dieser lebensspendenden Wahrheit. Und diese Wahrheit, wen wundert’s, ist letztlich Lobpreis, darum besingt Pugin »die übermenschliche Schönheit der katholischen Kunst und Liturgie«.

Grafiken: Portrait Pugins von einem unbekannten Künstler. Entwurf für Altar- und Prozessionskreuze. Beide: wiki commons 
 

Samstag, 21. Februar 2026

 Wo läufst Du hin?

Das Thema der Fastenzeit ist die Bekehrung.

Das deutsche Wort drückt es sehr gut aus, denn es enthält das alte Wort kehr, welches die Wendung zum Ausdruck bringt, die Wende weg vom falschen Weg hin zum guten Weg. Das Grimmsche Wörterbuch notiert: »die kehre ist ursprünglich das wenden mit dem rosse, pfluge u. ä., besonders im turnier, im kampf zu ross, das wenden und rückgehn mit dem rosse zum neuen anlauf wider den gegner.«

Der Gegner im geistlichen Kampf der Fastenzeit ist oftmals kein Feind im Außen, sondern der Feind im Inneren. Meine Trägheit, meine falschen Gewohnheiten, mein Starrsinn, meine Lauheit, meine Ichsucht. Und die vierzig heiligen Tage wollen mein Bewußtsein schärfen für diesen inwendigen Menschen, damit dessen Weg nicht in die Irre geht.

Ein Bild von Max Hunziker, dem 1976 in Zürich verstorbenen Künstler, kann weiterhelfen.

Ein Mann im Sternengewand, sehr imposant die Mitte des Bildes ausfüllend, wird von einem Mann im blauen Gewand offensichtlich aufgehalten. Aber dieses Aufhalten ist kein brutales, sondern ein sehr menschliches. 

Drei Berührungen finden statt: Das Stirn an Stirn, die Hand auf der Schulter und die beiden sich berührenden Hände. Eine Brücke oberhalb der Hände deutet an, daß kein gewaltsames Trennen, sondern ein heilsames Verbinden stattfindet. 

Doch worum geht’s?

Hunziker hat in seine Grafik ein epigrammatisches Wort des schlesischen Barockdichters Angelus Silesius integriert, zu lesen am unteren Bildrand. Da heißt es:

Halt an, wo läufst du hin? Der Himmel ist in dir:
suchst du Gott anderswo, du fehlst ihn für und für.
Ist es das, was der Mann vergessen hat: Daß er ein Gezeichneter ist, nämlich ein von Gott Gezeichneter – Imago Dei, Ebenbild Gottes? Daß er, seitdem Gott ihn schuf, mit einem Sternengewand bekleidet ist?

Die Erfahrung des Davonlaufens vor der ureigenen Bestimmung ist eine Gefährdung, die in der Geschichte der Menschen immer wieder zur Sprache kommt. Um ein sehr prominentes Beispiel zu nennen: Augustinus. In seinen Bekenntnissen schildert er in schmerzlicher Retrospektive seitenlang seine Irrwege, die allesamt weg führten von seiner wesentlichen Berufung. Gerade weil er ein Hochbegabter war, waren seine Versuchungen, sein sittliches wie intellektuelles Vermögen zu verschleudern, markergreifend. 

Durch mehrere glückliche Fügungen in seinem tragischen Lauf schließlich aufgehalten und zur Besinnung gebracht, singt er, die Kehre vollziehend, dem Gott der Güte sein spätes ergreifendes Lied:
Spät habe ich Dich geliebt, Du Schönheit, ewig alt und ewig neu, spät habe ich Dich geliebt! Und sieh, bei mir drin warst Du, und ich lief hinaus und suchte draußen Dich, und häßlich ungestalt warf ich mich auf das Schöngestaltete, das Du geschaffen. Du warst bei mir, und ich war nicht bei Dir. Und was von Dir solang mich fernhielt, waren Dinge, die doch, wenn sie in Dir nicht wären, gar nicht wären. Du aber riefst und schriest und brachst mir meine Taubheit. Du blitztest, strahltest und verjagtest meine Blindheit. Du duftetest, und ich trank Deinen Duft und atme nun in Dir. Gekostet hab ich Dich, nun hungre ich nach Dir und dürste. Und Du berührtest mich, ich aber glühte in Sehnsucht auf, in Sehnsucht nach Deinem Frieden.
Und sieh, bei mir drin warst Du, und ich lief hinaus, Du warst bei mir, und ich war nicht bei Dir. Dies ist die kurze Zusammenfassung des falschen Weges. Doch der Schöpfer aller Dinge geht Seinem Geschöpf nach, weil Er nicht will, daß das kostbare Kind verlorengeht. 

Sei es ein Mann im blauen Gewand, sei es ein Engel, sei es ein biblisches Wort, das plötzlich in die Mitte der Existenz fällt und erhellt – der inwendige Mensch, wenn er bereit ist, sich aufhalten zu lassen, findet zu sich und seinen wahren Quellen. Und dann, und das will die Fastenzeit, erblühen neue Begegnungen, neue Wörter, neuer Atem, neues Gebet.

Grafik: Max Hunziker, Halt an, wo läufst du hin, 1955. © Verlag am Eschbach, Eschbach, Rechtsnachfolge: Ursula Kunz, Zürich. 

Samstag, 14. Februar 2026

 Quadragesima 2026

»In jedem Widerstand gegen die Arbeit erkennen wir den Widerstand des Menschen gegen Gott. Die Anstrengung, die der Mensch zur Verarbeitung und Veredlung der Materie aufwendet, ähnelt der Anstrengung Gottes, der sich bemüht, den Menschen zu veredlen. Gott verbessert unaufhörlich in uns Sein Werk, weil Er uns den göttlichen Stempel und das Licht Seines Antlitzes aufdrücken will.« 

Stefan Wyszyński, Der Christ und die Arbeit

Grafik: Christ and Adam at Chartres, by Jim Forest

Samstag, 7. Februar 2026

Endlich: Die Kurzfassungen (Version Mann / Version Frau) des Klassikers Abtreibungsüberlebende sind da.

Warum Kurzfassungen?
 
Wir leben bekanntlich in schnellen Zeiten: Schnelles Internet, schnelle Kommunikation, fast food … Umfangreiche Bücher haben da bisweilen einen schweren Stand. Darum der Entschluß, das so wichtige Buch Abtreibungsüberlebende (150 Seiten) in einer komprimierten Fassung (40 Seiten) herauszubringen, welche das Lesen erleichtert, ohne jedoch die maßgeblichen Inhalte zu unterschlagen.  
Zudem wurden zwei Versionen gedruckt – eine Version für Männer und eine für Frauen. 
 
Der Text bei beiden Versionen ist ident; doch die grafische Gestaltung ist unterschiedlich. Warum? Weil Frauen und Männer unterschiedlich wahrnehmen und darum bei diesem heiklen Thema auch unterschiedlich angesprochen werden sollen. Es ist ein Novum. Wir hoffen freilich, daß diese Neuigkeit Frucht bringt.
 
Der Gang der Lektüre ist ein therapeutischer. Wie das Cover bereits zeigt, ist die Ausgangssituation des Abtreibungsüberlebenden zunächst eine im wahren Wortsinn niederschmetternde. Gemeint ist ja mit dem Begriff eine Person, die irgendwann  in ihrem Leben weiß oder ahnt, daß sie eigentlich noch ein oder mehrere Geschwister hätte; doch diese Geschwister sind nicht unter uns - sie wurden abgetrieben. Was machen mit dieser vernichtenden Erkenntnis?
 
Oder mit dieser Einsicht: Irgendwann festzustellen, daß die eigenen Eltern damals in Erwägung gezogen hatten, abzutreiben (mich abzutreiben), doch wegen glücklicher Umstände scheiterte das Vorhaben, so daß ich, dessen Leben damals wortwörtlich an einem seidenen Faden hing, heute am Leben bin, tatsächlich überlebt habe?
 
Wer das kleine Büchlein liest, bleibt nicht bei der anfänglichen deprimierenden Diagnose stehen. Die Lektüre zeigt auch das Rettende auf: Den Weg aus der Niedergeschlagenheit in das Freie. In den Worten Hölderlins: Wo aber Gefahr ist, wächst / Das Rettende auch.   
 
Die rückseitigen Covers wollen eben diesen rettenden Impuls im Grafischen vergegenwärtigen: Ich will leben!
 
 
 
 
 
 
 
 
  
 
Ich will leben!
 
 
Zu bestellen sind die beiden Büchlein beim Immaculata Verlag: 
 
Der Preis pro Exemplar beträgt lediglich 3 Euros. 

Samstag, 31. Januar 2026

 Mariä Lichtmeß II

»Exil – das ist das Erste, was wir uns bewußt machen müssen – ist nicht dasselbe wie Heimatlosigkeit. Wenn wir im Exil sind, haben wir durchaus eine Heimat; wir sind nur gerade nicht dort. Im Exil zu sein ist also etwas Hoffnungsvolles – so hoffnungsvoll, daß ein Mensch im Exil nicht bereit ist, an dem Ort, an dem er sich gerade befindet, seßhaft zu werden und ihn auf Dauer zu seiner Heimat zu machen. Das ist keine negative Ablehnung der Welt um uns herum, sondern erinnert uns daran, sie ins rechte Verhältnis zu setzen: Diese Welt ist nicht unser Zuhause und deshalb sollten wir es uns darin nicht allzu gemütlich machen« (Scott Hahn & Brandon McGinley, Katholiken im Exil, 10).
Das ist die exakte Beschreibung des katholischen Standpunkts in dieser Welt.

Weil der Katholik derart steht und schaut, kann er das Spiel Gottes mitspielen. Worin besteht dieses Spiel? – In den Worten Pater Pios: »Tutto è scherzo d’amore« – Alles ist ein Spiel der Liebe.

Und für die Liebe gilt, was der Völkerapostel Paulus in seinem großen, einfachen Hymnus auf die Liebe besingt (1 Kor 13,1ff): daß die Liebe nicht ihren Vorteil sucht. 

Der Katholik weiß, daß er tagein tagaus ein Beschenkter ist. Der erste Liebende, ja, der eigentliche einzig wahrhaft Liebende, ist Gott selbst, darum kann der Lieblingsjünger Jesu das christliche Prinzip und Fundament in die denkbar knappe Botschaft bringen: »Gott ist Liebe« (1 Joh 4,8.16). 

Der Katholik hat es tagein tagaus mit diesem Gott der Liebe zu tun. Er wird, wenn er sich bereithält und also öffnet für seinen Gott, dessen Geschenke der Liebe empfangen. Und je mehr er diese Geschenke beherzigt, desto weniger hält er an diesen Geschenken krampfhaft fest. Wozu auch? Er weiß ja aus Erfahrung, daß derjenige, der seinen Vorteil sucht, letztlich leer ausgeht. Denn der Vorteilsuchende ist der Verdächtigende. Er ist der Mißtrauende, der sich anklammert an das Geschenkte, weil er befürchtet, wenn er das Geschenkte weitergibt, als der Zukurzgekommene dazustehen. 

Doch es ist umgekehrt. Die offenen, leeren Hände – leer, weil sie das Geschenkte weiterreichen an den nächsten Bedürftigen – werden sogleich vom Lieben Gott mit neuen Gaben gefüllt. Das ist das Spiel der Liebe. Der besorgt Festhaltende verhärtet und verliert. Der unbekümmert Loslassende  wird erfüllt. Wer versucht, sich einzurichten in dieser Welt der Kontingenz, vergißt, daß wir im Exil sind und daß zu unserem status viatoris das stets neu einzuübende vertrauensvolle wie erwartungsvolle Loslassen gehört, ansonsten würde man dem Toren ähneln, der aus Wind eine Windmühle bauen will, während doch der Wind bekanntlich weht, wo er will. 

Simeon hält nicht fest. Das göttliche Kind liegt sacht auf seinen Unterarmen. Rembrandts letztes Bild fragt gleichsam: Bist du bereit für das scherzo d'amore

Wer wird das Kind als nächster empfangen? 

Du? 

Ich?

Grafik: Rembrandt, Simeon mit Jesus im Tempel. wiki.public domain. 
 

Samstag, 24. Januar 2026

 fasce benedette

Jeder trägt sie in sich: Urworte, die unauslöschlich sind. Vater ist ein solches Urwort, König (Kaiser) desgleichen.

Es sollte nicht verwundern, wenn, zumal in verwirrten Zeiten, »die das Böse gut und das Gute böse nennen« (Jes 5,20), diese Urworte als obsolet verhöhnt werden.  

Vielleicht kennt so mancher einen Geschichtslehrer aus dem Gymnasium, der, sobald die Rede auf das Gottesgnadentum kam, ironisch den Mund verzog und derart den objektiven Befund der Karikatur preisgab. Oder, wenn die Habsburger Thema waren, automatisch der antihabsburgerische Affekt, ein Zwilling des antirömischen Affekts, sich in die Brust warf.

Ein Besuch in der Wiener Schatzkammer hätte da gut getan. Unter  den dort verwahrten Reichsinsignien befindet sich auch die Reichskrone. Um das Jahr 1000 herum geschaffen, zeigt sie auf einer ihrer prunkvollen Stirnplatten den alttestamentlichen, dem Buch der Weisheit 8,15 entnommenen Spruch: PER ME REGES REGNANT (Durch Mich regieren die Könige).

Gleich ob der Karolinger Kaiser Karl der Große oder Kaiser Karl I. von Österreich, die katholischen Herrscher wußten, daß sie dem einzigen und wahren König, nämlich Gott selbst, nicht nur ihre Herrschaft verdankten, sondern  Ihm gegenüber einmal Rechenschaft über die Ausübung ihrer Herrschervollmacht abzulegen hatten. Die Herrschaft war keine willkürlich angemaßte, sondern wortwörtlich eine von oben geschenkte – gratia Dei.

Ein bornierter Geschichtslehrer kann gegen diese Weisheit nicht an. Ebenso wenig eine Regenbogenpresse, die nicht müde wird, die Skandale und Skandälchen der modernen Jetset Royals genüßlich zu kolportieren. Die Urworte, weil sie Urworte sind, bleiben.

Und naturgemäß visualisieren und repräsentieren sich die Urworte in festlichen Gebräuchen, Riten und Symbolen. Ein kleiner Brauch, entstanden im Spätmittelater (begründet durch Papst Clemens VIII., 1592-1605), versinnbildet mehr als viele Worte die Schönheit und Ordnung des Gottesgnadentums.

Während der feierlichen Weihnachtsliturgie in der päpstlichen Basilika Santa Maria Maggiore - und also dort, wo die betlehemitische Krippe des Jesuskindes aufbewahrt wird - entnimmt der Stellvertreter Christi  mit eigener Hand winzige Holzsplitter aus der verehrten Krippen-Reliquie. Die Splitter werden sodann in die »fasce benedette« eingenäht. 

Fasce benedette – das sind die »geweihten Windeln«, die das Oberhaupt der katholischen Kirche bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts den Erstgeborenen katholischer Herrscherhäuser übersenden läßt, um derart den zukünftigen Herrscher dem besonderen Schutz Gottes anzuvertrauen und ineins damit den Thronfolger an seine Aufgabe zu gemahnen, daß er Sorge zu tragen hat für die Bewahrung und Ausbreitung des katholischen Glaubens.

Fasce benedette.
 

Der Brauch erlischt 1907. Österreich wurde dreimal das päpstliche Ehrengeschenk zuteil.

Grafik: Detail der Reichskrone. Wiener Schatzkammer. wiki commons.

Samstag, 17. Januar 2026

 Adieu

Vor drei Tagen, am 15. Jänner, war der Gedenktag der Jungfrau der Armen. 

Genauso, Jungfrau der Armen (la Vierge des Pauvres), nennt sich die Muttergottes in Banneux am Donnerstag, dem 19. Jänner 1933. Es ist während der dritten Erscheinung. Mariette, die elfjährige Seherin, fragt Maria: »Wer sind Sie, schöne Dame?«  Und die Muttergottes antwortet: »Ich bin die Jungfrau der Armen.«

Banneux, in den belgischen Ardennen gelegen, ist ein von der katholischen Kirche anerkannter Erscheinungsort, d.h. die acht Erscheinungen Mariens wurden offiziell als authentische Privatoffenbarungen anerkannt. 1985 besuchte Papst Johannes Paul II. den Wallfahrtsort.

Anders als etwa die großen marianischen Erscheinungsorte wie Lourdes, Fatima oder Guadalupe, ist Banneux ein sehr kleiner, bescheidener Wallfahrtsort geblieben. Wer dorthin pilgert, wird eine Atmosphäre der Sammlung antreffen, die – gerade weil der Ort arm, klein geblieben ist – einmalig ist. Die Armut des Ortes entspricht dem Titel der Muttergottes. Selbst die Kapelle, deren Bau die Muttergottes wünschte, ist kein Prunkbau, sondern sehr klein. Wer Kleinheit lernen will, ist in Banneux am rechten Ort.

Dem entspricht die Einfachheit der Botschaften. Nur täusche man sich nicht. Einfachheit meint nicht Belanglosigkeit. Da die Wahrheit einfach ist, sind die einfachen Botschaften der Muttergottes einfache, wahre Botschaften.

Allein dreimal ergeht die Aufforderung der Muttergottes: »Betet viel.« Wie einfach. Genau so einfach wie die wiederholte biblische Weisung: »Betet ohne Unterlaß« (z.B. 1 Thess 5,17). Doch befolgen wir diese einfachen Weisungen?

Oder: Als Abbé Jamin, der Kaplan von Banneux, der kleinen  Seherin aufträgt, sie solle von Maria ein Beglaubigungszeichen erbitten, da antwortet die Muttergottes sehr schlicht: »Glaubt an mich, ich werde an euch glauben.« Der Himmel hat uns offensichtlich genug Zeichen gegeben. Jetzt ist es an uns, zu glauben und das Empfangene zu verwirklichen. Die scharfen Worte Jesu fallen einem ein: »Diese böse und treulose Generation fordert ein Zeichen, aber es wird ihr kein anderes gegeben werden als das Zeichen des Jona« (Mt 16,4).   

Dabei ist Maria, in ihrer Einfachheit, von einer wunderbaren zärtlichen Feinheit.

So sagt sie viermal zu Mariette, jeweils am Ende einer Erscheinung: »Au revoir (Auf Wiedersehen).«

Doch bei der letzten Erscheinung sagt Maria nicht Auf Wiedersehen. Stattdessen legt Maria Mariette die Hände auf und sagt: »Adieu.« Denn dieser Abschied ist der Abschied, der sämtliche acht Erscheinungen in einem Wort zusammenfaßt. Wir sind unterwegs. Wir sind Pilger, wir alle, Mariette ebenso wie jeder Christ. Und unsere Reise, wenn sie dem wahren Kompaß folgt, geht nicht in das Nirgendwo, sondern zu Gott hin: A Dieu. 

Grafik: Triptychon der Erscheinungskapelle. https://banneux-nd.be/fr/les-apparitions/

Samstag, 10. Januar 2026

Die 2 Fragen

Ist es nicht erstaunlich?

In den liturgischen Texten der Weihnachtszeit wird das Kind in der Krippe immer wieder als »starker Gott« tituliert. 

Wie bitte? Ein Kind ist qua natura das wehrlose Geschöpf überhaupt. Es ist zur Gänze abhängig, schwach, ohnmächtig, auf die Hilfe der Anderen angewiesen. Was soll da die Rede vom starken Gott?

Es leuchtet ein, daß unsere gängigen Kategorien, die Stärke mit Muskelkraft, Durchsetzungsvermögen oder gar Ellbogenmentalität assoziieren, beziehungsweise im Politischen mit Macht, Waffen und militärischer Überlegenheit, an dem göttlichen Kind scheitern.

Und doch ist die Rede vom starken Gott, auf dieses Kind angewandt, sehr wahr. Denn die Stärke und Vollmacht, die die Liturgie zur Sprache bringt, ist die Stärke und Vollmacht der Liebe. Das Kind in der Krippe ist stark, weil es die vollkommene Liebe ist. Es symbolisiert diese Liebe nicht; es ist sie.

Daher sollten wir, wenn wir Weihnachten nicht als ein nostalgisches Ereignis abhaken, sondern als das bleibende Heilsereignis für einen jeden von uns wahrnehmen, die zwei Fragen hören, die das Christkind in der Krippe uns stellt.

Die erste Frage lautet: Glaubst du an Meine Vollmacht und Stärke der Liebe?

Hier muß man, um jedem Mißverständnis a priori zu wehren, sogleich eine Einschaltung vornehmen. Wenn das Christkind von Liebe spricht, dann ist damit nicht die Hollywoodliebe gemeint, sondern die echte: Die Liebe, die sich verschenkt, die nicht an sich denkt, die sich nicht aufbläht, die sich freut an der Wahrheit, die sich opfert.

Doch das Christkind beläßt es nicht bei dieser einzelnen Frage. Es stellt eine zweite, zusätzliche Frage, die auf das innigste mit der ersten verknüpft ist. Und diese Frage lautet: Glaubst du, daß ich die Vollmacht habe, dich, wenn du es zuläßt, zu einem Liebenden zu machen?

Es mag sein, daß es welche gibt, die auf beide Fragen sogleich mit ja antworten. Andere freilich gibt es auch, und vielleicht sind es viele, die mit ihrer Antwort warten; denn sie kommen ins Überlegen. Sie denken nach. 

Samstag, 3. Januar 2026

Vanitatum vanitas

Ihr Leben:

Mit achtzehn Jahren heiratet sie ihren ersten Mann, mit dem sie bereits als Vierzehnjährige Sex  hat. Die Ehe wird wenige Jahre später geschieden. Andere Ehemänner folgen. Ebenso Trennungen, Ehebrüche, Scheidungen, neue Affairen. 

Abtreibungen gehören wie selbstverständlich dazu. Mit siebzehn hat sie in der Schweiz ihre erste Abtreibung. Bei der zweiten Abtreibung, wenige Jahre später, kommt es zu einem Herzstillstand, so daß sie beinahe auf dem Operationstisch verstorben wäre. Danach riskiert kein Arzt mehr, eine Abtreibung  bei ihr vorzunehmen. In Fernsehinterviews vertritt sie ungeniert das Recht der Frau, ihr Kind abzutreiben, sprich zu töten, wenn die Frau die Schwangerschaft nicht will.

Als sie von ihrem zweiten Mann schwanger wird, trägt sie das Kind aus, gibt den kleinen Nicolas-Jacques aber sogleich in Betreuung, da sie mit dem Kind nichts anzufangen weiß. Als sie 1995 – Nicolas ist mittlerweile ein junger Mann, 35 Jahre alt – ihre Autobiographie veröffentlicht, schreibt sie über die damalige Schwangerschaft, sie sei wie ein »Alptraum« gewesen. Und ihr Sohn liest auch diese Sätze seiner Mutter: »Es war wie ein Tumor, der sich von mir ernährt hatte, den ich in meinem geschwollenen Fleisch getragen hatte und der nur auf den gesegneten Moment wartete, in dem er mich endlich loswerden würde.« Geht es noch grausamer? Ja. Sie hätte, so sie, es vorgezogen, »einen kleinen Hund zur Welt (zu bringen).« 

Tätsächlich sind die Hunde und die Robben und die Katzen und welche Tiere immer ihre Lieblinge, nachdem sie sich aus dem Filmgeschäft zurückgezogen hat. Robbenbabies streichelt sie, liebkost sie und umarmt sie fotowirksam; auch das wird ihrem Sohn nicht entgehen.

Depressionen gehören gleichfalls zu ihrem Leben. Viermal versucht sie, durch Selbstmord aus dem Leben zu scheiden. In einem späten Interview resümiert sie: »Ich bereue nichts.«

Jetzt ist B. B. (denn um sie geht’s) verstorben. Und die Nachrufe explodieren. Ein ungetrübter Blick hätte davon geschrieben, wie bodenlos zerrüttet, um das Mindeste zu sagen, das Leben des ehemaligen Filmstars war. Doch weit gefehlt. In den Nekrologen wird die Verstorbene als Inbild selbstbestimmter Weiblichkeit, als unabhängiger Geist, als Frau mit dem unwiderstehlichen  sogenannten sex appeal gerühmt, während ihre unübersehbare Verzweiflung gerade mal zwei Halbsätze wert sind. Unter diesen Voraussetzungen werden Kritiker, die sich den eitlen Nachrufen und Sirenengesängen entziehen, vermutlich als prüde abgestempelt. 

Der Kunstwissenschaftler Sedlmayr schrieb einst: »Der Verfall des Grabmals (…) gehört zu den furchtbarsten Zügen des 19. und 20. Jahrhunderts (…) denn alle Kultur beruht – neben dem Kult der Erde – im buchstäblichen Sinn auf dem Kult der Toten.«

Diese Aussage ließe sich in der Jetztzeit paraphrasieren derart, daß der Verfall der Nekrologe den Geisteszustand der Moderne beunruhigend offenbart. Ein kaputtes Leben wird schöngeredet zum femininen role model, die Reuelosigkeit gilt als Gütesiegel der Freiheit, denn was zählt, ist der egoistische plaisir, welcher sich nimmt, was er sich nehmen will. Wenn dabei andere und eventuell auch man selbst unter die Räder gerät, dann ist es halt so. C’est la vie. Doch kein geschminkter Schmollmund und keine Verführungstricks und erst recht nicht blinde Nekrologe können das zu Tage Liegende retuschieren: C’est la mort. 

 Grafik: pixabay by That-MamaRama-Life