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Samstag, 27. Juni 2026

 Die Nachfolger 

Über Heilige kursieren vorrangig zwei Vorurteile.

Das eine ist eines mit abwehrenden Händen. Da heißt es: Schön und gut, die Heiligen sind super, ab das ist nichts für mich. Es kann nicht jeder den Mount Everest besteigen. Ich kraxle im Tiefland herum, und das ist schon mühsam genug. Ich bewundere zwar die Extremsportler, doch meine Kräfte reichen nicht für solche Höchstleistungen.

Das zweite Vorurteil ist die Kehrseite des ersten. Da redet man davon, daß die Heiligen auch nur Menschen sind wie du und ich. Man soll mal nicht übertreiben. 

Naturgemäß sind beide Urteile falsch.

Wenn es im Evangelium (Mt 5,48) heißt - und dies aus dem Munde Jesu selbst - : Seid also vollkommen, wie euer himmlischer Vater vollkommen ist!, dann hat sich das erste Vorurteil erledigt. Der Ruf zur Heiligkeit ist nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Daß wir den Ruf ignorieren, mag leider die Regel sein, aber das ändert nichts am ursprünglichen Ruf. Der Unterschied zwischen einem Ignatius oder einer Bernadette und uns liegt nicht darin, daß die Beiden Extremsportler waren, sondern darin, daß sie gehorchten und nachfolgten. Ohne Ausreden.

Kommen wir zum zweiten Vorurteil. Vielleicht ist es das gefährlichere, denn es gibt sich den Anstrich des Jovialen, während es tatsächlich von Dummheit zeugt. Die Biographie auch nur eines Heiligen kann einen des Besseren belehren.

Nehmen wir zur Probe aufs Exempel den wenig bekannten Vorarlberger Priester Pater Franz Reinisch, dessen Seligsprechungsprozeß mittlerweile abgeschlossen ist. War Pater Reinisch so gewöhnlich und mittelmäßig wie du und ich?

Bereits 1937 wird er von der Gestapo ins Visier genommen. Denn P. Reinisch ist kein Duckmäuser, kein Feigling, erst recht kein Mitläufer. Aus seiner Ablehnung der nationalsozialistischen  Ideologie macht er keinen Hehl. In seinen Predigten redet er unumwunden die Wahrheit. Kein Wunder, daß die Gestapo schließlich ein Redeverbot und also auch ein Predigtverbot über ihn verhängt.

Und weiter: Für Pater Franz ist es nach langer Gewissensprüfung klar, daß, sollte er zur Wehrmacht einberufen werden, er den Fahneneid nicht leisten wird, da der sogenannte Führer ein Verbrecher ist. Die Konsequenzen seiner Weigerung treten unverzüglich ein, nachdem er 1942 einberufen wird: Verhaftung, Verhöre, Einlieferung in das Berliner Wehrmachtsgefängnis.

Und weiter: Die Prüfungen für den aufrechten Pallotinerpater erschöpfen sich nicht in einem System des Unrechts. Er stößt selbst bei Mitbrüdern auf Unverständnis. Darüber hinaus: Die österreichischen Bischöfe haben Angst und reden von Soldatenpflicht. Und um das Maß vollzumachen, verweigert ein Gefängnispfarrer dem Inhaftierten die heilige Kommunion, weil ihn dessen Insubordination in Rage bringt.

Pater Reinisch: Ein harmloser Typ wie du und ich? Ein Katholik unter ferner liefen? 

Am 21. August 1942, in der Frühe um 5:03 Uhr, wird der Zeuge Hw. Franz Reinisch enthauptet. Er ist 39 Jahre alt.

Grafik:
wikicommons

Donnerstag, 21. Mai 2026

 Pfingsten 2026

»Die Sünde wider den Hl. Geist: der erkannten Wahrheit widerstreben.«

sel. Franz Jägerstätter († 1943)

 

Samstag, 2. Mai 2026

 Der Unterschied II

»Bonum ex integra causa, malum ex quocumque defectu.«

Der lateinische Satz bringt einen mittelalterlichen Grundsatz zum Ausdruck. Gemeint ist: Wahrhaft gut ist, was in allen seinen Teilen gut ist; das Schlechte dagegen ergibt sich bereits aus einem beliebigen Defekt.

Entsprechend müssen gute Handlungen alle drei moralischen Bestimmungen erfüllen: Gegenstand, Umstände und Absicht der Handlung müssen gut sein, das heißt, sie müssen sittlich angemessen sein und mit der Ordnung der Vernunft im Einklang stehen, damit die betreffende Handlung als gut angesehen werden kann.

Das mag sich für manchen komplizierter anhören als es tatsächlich ist. 

Nehmen wir ein Sitzpolster.

Der Stoff (Seide) ist kostbar. Die Farben sind wunderschön. Die Maße ideal.

Alles bestens, so könnte man denken. Doch leider ragt aus der Mitte des Polsters eine spitze Nadel heraus, die es unmöglich macht, das Sitzpolster zu benutzen. Zur Integrität eines Sitzpolsters – was jedem einleuchtet – gehört aber nun einmal, daß man sich draufsetzen kann. In diesem besonderen Fall wäre also durch die spitze Nadel, dieses ungehörige Detail, das Polster seiner echten Wesenheit, nämlich Sitzgegenstand zu sein, beraubt und zu einem schlechten Polster mutiert.

Vermutlich hat niemand Schwierigkeiten, dieses Exempel nachzuvollziehen und zu bejahen. 

Doch wie steht es mit folgendem:
Jemand schaut einen Film. Irgendwann präsentiert der Film anzügliche, unsittliche Aufnahmen. Stimmt der Betrachter zu, wenn ihm mitgeteilt wird, daß die unsittlichen Sequenzen den gesamten Film korrumpieren, da die anstößigen Bilder der Moral und der Ordnung der Vernunft widersprechen und also die Integrität des Films grobschlächtig zerrütten und derart den Film zu einem schlechten machen?

Der Unterschied zwischen dem Heiligen und dem Konsumenten liegt vermutlich genau hier: Der Heilige drückt, wenn er die anstößigen Bilder wahrnimmt, den Ausknopf, da er das ihm eingeschriebene Gesetz der Integrität kennt und liebt und lebt. Der Konsument dagegen schaut weiter, da er an das Anstößige schon gewohnt ist und darüber hinaus eventuelle Einwände mit routinierten fadenscheinigen Argumenten narkotisiert.

Wie sagt der Völkerapostel Paulus? - »Ihr habt im Kampf gegen die Sünde noch nicht bis aufs Blut Widerstand geleistet« (Eph 12,4).

Grafik: Kingrise auf Pixabay

Samstag, 21. März 2026

Passionssonntag 2026

Über Franz Xaver (1506 - 1552), Sohn einer baskischen Adelsfamilie, Mitgründer des Jesuitenordens, Chinamissionar und, aufgrund seines unermüdlichen  Missionseifers, Patron sämtlicher Missionare, schreibt der katholische Prälat Ludwig Gschwind (in: Das Kreuz. Zeichen Christi, Augsburg 2004, 134f):

 »Franz Xaver [zog weiter] nach Malakka und auf die Molukken. Bei der stürmischen Überfahrt verlor Franz Xaver sein Kreuz, das ihn seit seinem Aufbruch aus Rom begleitet hatte. Als er schließlich wohlbehalten gelandet war, machte er einen Spaziergang am Ufer. Er traute seinen Augen nicht, als er sah, daß eine Krabbe sein Missionkreuz auf dem Rücken herantrug. Er sah dies als einen weiteren Hinweis, daß auf seinem Wirken Gottes Segen ruhe.« 

Die hier berichtete Geschichte ist weitaus mehr als eine wohlgefällige Anekdote aus der Zeit der katholischen Gegenreformation. Sie zeichnet in wenigen präzisen Strichen das, was der Zeitgenosse 2026 selten bis nie bedenkt: Die Heilsnotwendigkeit des Kreuzes Christi. Dort, wo, wie in den ehemals katholischen Ländern des Westens, Kreuze zunehmend abgehängt werden – sei es in Schulzimmern, in Gerichtssälen oder Spitälern – zeigt der Himmel selbst in der Biographie des heiligen Franz Xaver (und im Grunde der Lebensgeschichte aller Heiligen), daß das Kreuz kein verlorenes Requisit ist, sondern das Wasserzeichen der Schöpfung, von dem Heil und Segen ausstrahlen.

Die Heiligen verehren das Kreuz. Sie umarmen es. Und indem sie sich vor dem Kreuz, und das heißt vor dem Gekreuzigten, beugen, erfahren sie, wie das Holz des Gekreuzigten sie trägt.

Das ist kein frommes Geplapper, sondern Erfahrung jeder Zeit. Ich muß an eine fromme Frau denken, die plötzlich eine schwere Krebsdiagnose bekommt. Ich besuche sie und bin erschrocken über das sichtbare Ausmaß der Erkrankung. Wird die Erkrankte das Jahr überleben? Es vergehen Wochen, bis wir uns wiedersehen. Ich frage sie, ob es in den vergangenen Monaten eine Erfahrung oder eine Erkenntnis oder eine geistliche Gewißheit gegeben habe, die sie mir mitteilen wolle. Sie überlegt nicht lange. Sie sagt: »Ja, trotz allen möglichen Krisen – ich habe mich getragen gefühlt.« 

Der moderne, sich auf seine sogenannte Autonomie berufende Mensch verschmäht und verleugnet das Kreuz und hält sich viel darauf zugute. Seine tools, so der Neusprech, sind andere. Das Kreuz hat ausgedient. Die Konsequenz der Verschmähung ist jedoch nicht die Gesundung des modernen Menschen, sondern seine wachsende Atomisierung und Orientierungslosigkeit. Und vielleicht muß der westliche Patient, was wir ihm nicht wünschen, noch tiefer fallen, bis er im Abgrund der Verkommenheit und selbstgewählten Ausweglosigkeit neu das weggeräumte Kreuz hervorholt und ineins damit des Verlangens nach dem einzig rettenden Siegeszeichen eingedenk ist, welches die Heiligen mit den Worten begrüßt haben: Ave crux, spes unica (Sei gegrüßt, o Kreuz, einzige Hoffnung).

Der fünfte Sonntag der Fastenzeit wird nach der Überlieferung der Passionssonntag genannt. In den Kirchen des katholischen Erdkreises werden die Kreuze verhüllt. Doch dieses liturgische Verhüllen ist kein Verbergen, sondern ein tieferes Enthüllen. Wie so oft im menschlichen  Leben, wo erst ein Entzug die unermeßliche Kostbarkeit des Entzogenen neu erhellt, so mag das unter der violetten Farbe des Fastentuches verhüllte Kreuz – so die liturgische Hoffnung – eine innere Wunde der Sehnsucht zu erwecken, welche in ihrer süßen Schmerzhaftigkeit uns nachdenken läßt über das, was in unserem Leben wirklich zählt und trägt. Oder vielmehr: Wer uns trägt.

Grafik: wiki commons. Autor: Bene16

Samstag, 7. März 2026

 Imago Dei 

Ignatius. Bernadette. Jerzy A. Popiełuszko.

Drei Heilige. Sehr unterschiedliche Heilige.

Der erste ein Ordensgründer (Gesellschaft Jesu, SJ, Jesuiten), der durch seine Gründung bis heute weltweit wirkt. Die zweite eine Analphabetin, die gewürdigt wird, achtzehnmal die Muttergottes zu sehen, und die nach den Erscheinungen hinter Klostermauern verschwindet. Der dritte ein Priester, der während des polnischen Widerstands gegen das kommunistische Regime sein Leben in der Solidarność Bewegung einsetzt und schließlich von Männern des kommunistischen Staatsicherheitsdienstes entführt, gefoltert und ermordet wird.

Drei Heilige, deren Ausstrahlungskraft ungebrochen ist. Doch was ist letztlich dasjenige, was die Menschen zu den Heiligen zieht und sie nicht der Vergessenheit anheimfallen läßt? Als mögliche Antwort darauf könnte man einmal das Wort des heiligen Ignatius bedenken: »Wenige Menschen ahnen, was Gott aus ihnen machen würde, wenn sie sich nur ganz seiner Führung anvertrauten.«

Die Heiligen haben exakt das getan: Sich bedingungslos der Führung Gottes anvertraut. Das nennt man Glauben. Denn echter Glaube besteht darin, keine Bedingungen zu stellen, sondern alle Bedingungen angesichts der Größe und Güte Gottes ad acta zu legen, im Vertrauen darauf, daß Seine Pläne in jedem Fall und stets die besten sind. Und diesen Glauben der Heiligen, ob wir es uns bewußt eingestehen oder nicht, bewundern wir, weil wir insgeheim wissen, daß er die einzig angemessene Antwort auf die vorrangige Liebesinitiative Gottes ist.

Doch dieses innere Wissen ist allzuoft nur die eine Hälfte unserer Reaktion auf das Leben der Heiligen. Denn wiewohl wir gewohnheitsmäßig deren Leben, Taten, Entschiedenheit und Entschlußkraft bewundern, lassen wir zugleich eine Art inneren Vorbehalt in uns zu, indem wir auf das Herrenwort Jesu hin: Ihr nun sollt vollkommen sein, wie euer himmlischer Vater vollkommen ist (Mt 5,48) welches Wort ja an uns alle ergeht, routinemäßig erwidern: Schon, ja, das stimmt, aber… und mit unserem aber meinen wir, daß es halt bestimmte Menschen gibt, die besonders von Gott ausgezeichnet wurden, die Heiligen halt, während wir, der Durchschnitt, mit weniger Gnade über die Runden kommen müssen und also vom steilen Weg der Heiligkeit dispensiert sind.

Das ist natürlich verkorkste Theologie. Denn jeder von uns ist als imago Dei erschaffen, als Ebenbild Gottes. Das macht unsere unvergleichliche Stellung im Kosmos aus. Unsere Aufgabe ist es nicht, zu rechnen und zu schielen, wer wie viel Gnade abbekommen hat, sondern mit der Gnade, die uns zuteil wird, mitzuarbeiten, um so das Original zu werden, zu dem Gott uns berufen hat. Papst Leo der Große schärfte nicht umsonst den Gläubigen seiner Zeit die Weisung ein: »Mensch, erkenne Deine Würde!« 

Diese Würde ist keine billige Gnade, sondern verlangt als Antwort unsere Bereitschaft zum schmalen, engen Weg. Auch das steht im Evangelium: Geht durch das enge Tor! Denn weit ist das Tor und breit der Weg, der ins Verderben führt, und es sind viele, die auf ihm gehen. Wie eng ist das Tor und wie schmal der Weg, der zum Leben führt, und es sind wenige, die ihn finden (Mt 7,13f). 

Es bleibt, ohne wohlfeile Ausrede, folglich die Frage an uns: Wollen wir, wie die von uns bewunderten Heiligen, die Würde, den Weg, den Glauben? Wollen wir leben?

Grafiken: wiki commons

Samstag, 15. Februar 2025

Heute

Gemäß dem heiligen Wüstenvater Antonius gibt es drei Fallstricke, durch die Satan uns die Freude und den Frieden rauben will:

1. Das Bedauern über die Vergangenheit.

2. Die Furcht vor der Zukunft.

3. Die Undankbarkeit für die Gegenwart. 

Wie sagte die heilige Theresia vom Kinde Jesu und vom Heiligen Antlitz? - »Ich habe nur das Heute.« 

Und: »Das, was die meisten Gnaden von Gott anzieht, ist die Dankbarkeit. Wenn wir Ihm für eine Wohltat danken, ist Er gerührt und beeilt sich, uns zehn weitere zu erweisen. Wenn wir Ihm dann wieder mit derselben Aufrichtigkeit danken, welche unberechenbare Vermehrung der Gnaden! Ich selbst habe diese Erfahrung gemacht; versuche es, und du wirst sehen! Meine Dankbarkeit ist grenzenlos für alles, was Er mir gibt, und ich beweise sie Ihm auf tausend Arten.«

Grafik: Tim Graf auf Unsplash  

Samstag, 11. Juli 2020

Der Unterschied

                                             
»Der Held trägt eine Rüstung, der Heilige ist nackt.«

Simone Weil

                  
Grafik: Hl. Sebastian, Kathedrale Palma de Mallorca. Foto: Peter Adelskamp

Samstag, 18. Januar 2020

Der Einzelne


   Arles, Südfrankreich, 353
In der vom damaligen Kaiser Konstantius einberufenen Synode in Arles wird den versammelten Bischöfen – unter ihnen Bischof Paulinus von Trier – ein Entwurf vorgelegt, der die Verurteilung des Bischofs Athanasius verlangt. Athanasius von Alexandria ist es maßgeblich zu verdanken, daß auf dem ersten Ökumenischen Konzil zu Nicäa (325) die Irrlehre des Arius, der die Geschöpflichkeit Jesu Christi behauptet, als häretisch verurteilt wird. In der Folgezeit wird Athanasius für diese seine Rechtgläubigkeit verfolgt, verbannt, ostraziert.

Als es auf der Synode zu Arles zur finalen Abstimmung kommt – wobei der Kaiser jedem der anwesenden Bischöfe die Verbannung androht für den Fall, daß er die Position des Athanasius einnimmt – stimmen sämtliche Bischöfe für die Verurteilung des Athanasius und also gegen die Rechtgläubigkeit – bis auf einen Einzelnen: Bischof Paulinus von Trier, der sich auf die Seite des Athanasius stellt. Sein Zeugnis hat Konsequenzen: Paulinus wird nach Phrygien verbannt (heutige Türkei). Fünf Jahre später stirbt er dort, in der Verbannung. Der Gedenktag des heiligen Bischofs und Märtyrers ist der 31. August.

   London, England, 1534
Er ist geachtet, begabt, berühmt. Studium in Cambridge. Priesterweihe. Promotion. Vizekanzler, schließlich Kanzler der Universität. Professor. Glänzender Kirchenschriftsteller. Humanist. Bischof. Beichtvater der Königinmutter und der Gattin Heinrichs VIII.

Dann – er geht auf die Sechzig zu – der Abstieg. 1527 bezieht er unmißverständlich Stellung gegen die Scheidungsabsichten des Herrschers Heinrich. Jahre später weigert er sich, die katholische, gültig geschlossene Ehe des Potentaten als ungültig zu attestieren. Einen entsprechenden Eid leistet er nicht. Im selben Jahr verweigert er die Ablegung eines weiteren, vom Parlament beschlossenen Eides, nämlich des sogenannten Suprematseides, mit dem Heinrich VIII. sich von der römisch-katholischen Kirche lossagt und usurpatorisch zum Oberhaupt der neuen Kirche Englands deklariert.

Darauf folgt die Rache Heinrichs, der den standhaften Bischof einkerkern läßt. Wo sind in dieser Zeit die bischöflichen Mitbrüder?

Während seiner Haft wird Bischof Fisher von Papst Paul III. zum Kardinal ernannt. Bald nach der Ernennung stirbt er – als Hochverräter enthauptet. 1886 wird er selig-, 1935 heiliggesprochen.

   St. Radegund, Oberösterreich, 1943
Als Österreich im April 1938 darüber abstimmt, ob es dem nationalsozialistischen Reich angeschlossen sein will oder nicht, stimmen in dem kleinen oberösterreichischen Dorf St. Radegund alle mit ja – bis auf einen einzigen: Franz Jägerstätter, der mit nein abstimmt. Er ist ein einfacher Bauer, der seinen Glauben mehr und mehr ernstnimmt. Als er Jahre später, 1943, sich endgültig weigert, den Dienst an der Waffe für das kriminelle Naziregime anzutreten - eine Entscheidung, die er sich betend und in inneren Kämpfen abringt, dabei (wie R. Rohr notiert) nicht einmal von seiner Frau unterstützt, die ihm, Rohr, dies persönlich mit Tränen in den Augen erzählt habe – , da bezahlt Jägerstätter diese einsame Entscheidung mit seinem Leben.

In seinen Aufzeichnungen heißt es: »Die Nachfolge Christi fordert Heldensinn. Weichliche und unentschlossene Charaktere taugen nicht dazu.«

Und weiter: »Zwischen Christentum und Weltgeist besteht allzeit ein unversöhnlicher Gegensatz. Wer es mit der Welt nicht verderben will, wird sicher Christus untreu werden.«

Er wurde Christus nicht untreu. Er war kein weichlicher Charakter. Am 9. August wird er von den Nazis mit dem Fallbeil hingerichtet. 2007 wird Franz Jägerstätter seliggesprochen.

Drei Einzelne.

Und doch: Vereint in der Gemeinschaft der Heiligen.

Grafik: Jan und Hubert van Eyck, Anbetung des Lammes. wikicommons

Freitag, 12. Juli 2019

Die discretio


Der heilige Papst Gregor der Große, der Benediktinerpapst auf dem Stuhl Petri, berichtet in seinem berühmt gewordenen zweiten Buch der Dialoge über das Leben des Mönchsvaters Benedikt. Aus den Anfängen der Vita des späteren Abtes wird folgende Begebenheit berichtet:

Benedikt hat - betend, bescheiden - sein erstes Wunder gewirkt.. Und wie es so zu gehen  pflegt: Das Wunder wird bekannt, und die Leute beginnen den Wundertäter zu bewundern. Um jeglicher Ehr- und Ruhmsucht den Boden zu entziehen, flieht Benedikt seine vertraute Umgebung.

Auf seiner Flucht begegnet er einem Mönch namens Romanus. Es ergibt sich ein Zwiegespräch. Romanus erfährt von den Plänen Benedikts, sich in die Einsamkeit zurückzuziehen, weg von den Fallstricken der Welt. Und Romanus hilft dem Fliehenden. Er gibt ihm ein Mönchsgewand und, nachdem Benedikt sich in eine Höhle zurückgezogen hat, hilft Romanus in den nächsten drei Jahren dem abgeschiedenen Einsiedler, indem er diesen mit notwendiger Nahrung versorgt. Dies geschieht, in den Worten des Biographen Gregor, wie folgt:

»Vom Kloster des Romanus führte aber kein Weg zur Höhle Benedikts, weil der Fels oberhalb der Höhle steil aufragte. Romanus ließ daher das Brot immer von diesem Felsen an einem langen Seil hinab; an dem Strick befestigte er auch eine kleine Glocke, damit der Mann Gottes an ihrem Klang erkennen konnte, daß ihm Romanus das Brot brachte. Dann kam er heraus, um es anzunehmen.«

Nach drei Jahren endet gemäß dem göttlichen Plan der Vorsehung das Einsiedlerleben Benedikts. Er wird gerufen in das Hinaus. Die Zeit der Begegnungen beginnt.

Doch die drei verborgenen Jahre in der Höhle von Subiaco sind prägende Jahre, und zu ihnen gehört – wie es ein großer Benediktiner des 20. Jahrhunderts ausgedrückt hat - »die Treue eines unsichtbaren Freundes«.

In der Regel des heiligen Benedikt, die späterhin zum Fundament des entstehenden Ordens wird, nimmt die Tugend der discretio eine zentrale Stellung ein. Damit ist mehr gemeint, als was heute gemeinhin unter Diskretion verstanden wird, als sei diese nicht mehr als eine Art banaler Verschwiegenheit oder Zurückhaltung oder Unauffälligkeit.

Das lateinische Grundwort, von dem das Nomen sich ableitet, lautet, discernere und meint unterscheiden. Die discretio ist damit die Tugend, die in allen Lebensbereichen die Gabe der Unterscheidung pflegt, beherzigt, ausübt. Sie ist die Tugend der Mitte, die die zerstörerischen Extreme befriedet und den Ausgleich zu schaffen weiß zwischen Spannung und Entspannung. Sie vermeidet alles Laute und Vordergründige, sie kommt und ist beheimatet in der Stille und Verborgenheit, weil sie aus Erfahrung weiß, daß Gott selbst, der am Anfang das Wort der Unterscheidung sprach: bara, es werde, der verborgene Gott ist, der sich schließlich in der Menschwerdung des Sohnes diskret verbirgt und offenbart.

Eine Ahnung oder auch ein Gespür für diese grundlegende Tugend zu empfangen, ist in Zeiten, wo es schrill und entblößt zugeht und in denen nicht das Stille gepriesen wird, sondern das Marktschreierische, schwer. Ein Romanus würde heute ins Rampenlicht gezerrt und interviewt und zu Tode photographiert. Für unsichtbare Freunde ist wenig bis kein Platz, wo die In-Diskretion an der Tagesordnung ist.

Und doch bleiben diese unscheinbaren Dinge: Ein Seil und eine Glocke. Wie wenig. Wie viel.

Grafik: Benedikt und Romanus. Illustration from Vita et miracvla Sanctiss.mi Patris Benedicti, 1579, by Bernardino Passeri. Plate 5. Typ 525.79.674, Houghton Library, Harvard University. Wiki.commons

Freitag, 20. Juli 2018

Das Notwendige



»Man muß nach dem inneren Leben trachten. Wenn man dies nicht ganz macht, macht man nichts ganz.«

Hl. Vinzenz von Paul

Grafik:    Andrea Mantegna, Madonna mit Kind. Wikicommons

Freitag, 4. Mai 2018

Loslassen II


Eines seiner letzten Worte an seine Gemahlin ist: »Ich liebe dich unendlich.«

Am Tag vor der kirchlichen Trauung sagt der zukünftige Kaiser zu seiner Verlobten Zita: »Jetzt müssen wir uns gegenseitig in den Himmel helfen.«

In ihre Eheringe lassen sich Karl und Zita die lateinischen Anfangsworte des ältesten Mariengebetes der Christenheit eingravieren: Sub tuum praesidium confugimus, sancta Dei Genitrix  (Unter deinen Schutz und Schirm…).

Die Geschichte von Kaiser Karl und Kaiserin Zita ist – ineins mit der Geschichte der Politik und des Hauses Habsburg – auch die Geschichte einer großen Liebe. Liest man über das Paar, so ist man versetzt in eine andere Welt. Nicht in eine fremde Welt oder gar in eine illusorische, sondern vielmehr in die echte Welt, in die reale.

Am Traualtar versprechen die Brautleute einander die Treue, in guten wie in bösen Tagen, bis der Tod sie scheidet. Das Herrscherpaar Karl und Zita lebt diese Liebe. Der Thronfolger und der spätere Monarch ist ein liebevoller Familienvater, auch wenn ihm die politischen Geschäfte wenig Zeit für die Familie lassen. Die Kaiserin ist in allem die wahre Gefährtin ihres Mannes, diskret, unverbrüchlich, in grandioser Treue. Eine starke Frau, wer findet sie?, fragt das biblische Buch der Sprichwörter 31,10. In Zita findet Karl diese starke Frau.

Zessner-Spitzenberg berichtet in seinem Charakterbild des Herrschers, Kaiser Karl, ausführlich über die letzten Tage des Verbannten. Die Siegermächte fällen ein Schandurteil: Der Kaiser wird in erniedrigender Weise der Heimat verwiesen und zusammen mit seiner Gemahlin ins Exil, ins abgelegene Madeira, verfrachtet. Es sagt mehr als etliche Kommentare, wenn man liest, daß den Verbannten, auf ihrem Transport in das Exil, die heilige Messe als Beistand der katholischen Kirche verweigert wird, obgleich der Kaiser mehrmals um diese Gunst bittet.

In den Tagen des Exils reifen die letzten, unabänderlichen, ewigen Entschlüsse des Herrschers.
»In all diesen Tagen«, so Zessner-Spitzenberg, »schien der Kaiser innerlich nach Klarheit in einer wichtigen Frage und um einen entscheidenden Entschluß zu ringen. Er habe schon längere Zeit das Gefühl, sagte er, Gott wünsche von ihm das Opfer seines Lebens zur Rettung seiner Völker. Fassungslos vermochte Kaiserin Zita kein Wort zu erwidern. Der Kaiser schwieg und schien zu warten. Dann, während seine Augen erneut die Marienkirche am Berge suchten, schloß er mit großer Festigkeit: Und ich werde es tun!
Kaiserin Zita flehte in ihrem Innern, Gott möge es bei diesem Gedanken bewenden lassen. Der Kaiser jedoch begann von jenem Tage an, ihr Ratschläge zu geben, was sie tun müsse, wenn er – vielleicht in kurzer Zeit – nicht mehr bei ihr wäre.«

Hier vollendet sich das Versprechen, welches das Paar sich vor der Trauung gab. Indem Karl, wie es der Kolosserbrief 3,2 vorgibt, konsequent das im Blick hat, was oben ist (Richtet euren Sinn auf das Himmlische und nicht auf das Irdische), geht er voraus und ebnet den Weg für seine Gemahlin. Aber die Treue kostet. Sie verlangt noch die Hingabe des Kostbaren, der irdischen Gemeinschaft mit der Gefährtin und den geliebten Kindern. Doch genau so wird die Treue in der Ewigkeit besiegelt.

Am  3. Oktober 2004 wird Kaiser Karl seliggesprochen. Der Gedenktag des Seligen ist der 21. Oktober. Es ist der Hochzeitstag von Karl und Zita.

Grafiken: S. Kaiser-Karl-Gebetsliga.

Literaturempfehlung: Hans Karl Zessner-Spitzenberg, Kaiser Karl. Aus dem Nachlaß hrsg. v. Erich Thanner, Salzburg 1953.

Freitag, 16. März 2018

Ecclesia militans III

»Und die Martyrer waren selbstverständlich alle tätowiert.«

Einfacher, präziser und einleuchtender läßt sich nicht zusammenfassen, worüber Martin Mosebach in seinem neuen Buch schreibt.

Es handelt von den 21 jungen Männern, die am 15. Februar 2015 an einem libyschen Strand von IS-Henkern bestialisch enthauptet wurden. Ein Video, von den Henkern gefilmt und als Kriegserklärung an die Nation des Kreuzes ins Netz gestellt, zeigt die Exekution.

Die koptische Kirche hat die 21 als Martyrer heiliggesprochen, denn wie dem Video zu entnehmen ist, haben die 21 bis zuletzt ihren Glauben bekannt: »Herr Jesus«, so die letzten Worte.

»Und die Märtyrer waren selbstverständlich alle tätowiert.«

Das Zeichen, welches die Märtyrer (einfache Kleinbauern und Wanderarbeiter) siegessicher auf ihren Händen oder an der Daumenwurzel hatten anbringen lassen, war das Zeichen des Kreuzes. Obgleich sie wußten, daß es in moslemischer Umgebung gefährlich ist, sich als Christ zu bekennen, hielt sie dies nicht ab, unbeirrt für den König Christus Zeugnis zu geben: Sichtbar, unerschrocken, freudig.

Denn es gehört zur streitenden Kirche, Zeugnis zu geben. Wieviel gäbe es für den müden, erschlafften Westen zu lernen von diesen 21 Kämpfern. Zum Beispiel, daß Christsein eine Auszeichnung ist, daß Zeugnis zu geben eine grandiose Gnade ist, daß der Christ sich des Evangeliums nicht schämt, sondern als Herold eben dieses Evangelium, die unfaßbare Frohe Botschaft, mit seinem Leben tagein tagaus verlebendigt.

Dazu bedarf es keiner hochtrabenden intellektuellen Finessen. Mehrere der 21 Märtyrer waren das, was wir doch letztlich alle angesichts der Überfülle Gottes sind: Analphabeten. Teresa von Avila hat es in ihrem Buch der Gründungen so ausgedrückt: »Für die Seele besteht der Fortschritt nicht darin, viel zu denken, sondern viel zu lieben. Wie wird man sich nun diese Liebe aneignen? Indem man sich dazu entschließt, für Gott zu handeln und zu leiden und zwar bei jeder Gelegenheit, die sich uns bietet.«

Und auch dies wäre zu erlernen: Der Christ der Ecclesia militans wird geformt in der Liturgie. Es wundert nicht, daß die 21 begeisterte Anhänger der Liturgie waren, ja, daß im eigentlichen Wortsinn dort ihre Heimat war, sei es daß sie als Kantoren, Chormitglieder, Hymnensänger oder einfache, brennende Gläubige am Gottesdienst teilnahmen. »Der Ritus«, so Mosebach, »war die Luft, die sie atmeten.«

Die Namen der 21 sind auf immer im Buch des Lebens eingeschrieben. Das ist der Lohn derjenigen, die für die Kirche kämpfen:

Tawadros. Magued. Hany. Ezzat. Malak (der Ältere). Samuel (der Ältere). Malak (der Jüngere). Luka. Sameh. Milad. Issam. Youssef. Bishoy. Samuel (der Jüngere). Abanub. Girgis (der Ältere). Mina. Kiryollos. Gaber. Girgis (der Jüngere). Matthew.

Freitag, 4. August 2017

Ars

Manchmal (sehr selten) ist man an einem Ort und kann erleben, daß selbst die Luft anders ist.

Ich erinnere mich sehr genau, als ich zum ersten Mal in Ars war.

Alles war anders. Die Luft, der Himmel, der Weizen. Und ich mußte nicht lange überlegen, wem diese Transformation zu verdanken war. Offensichtlich war das Gebet des armen Pfarrers, wie der heilige Pfarrer von Ars sich zu nennen pflegte, weiterhin wirkmächtig genug, um selbst metereologische Änderungen als das Allerselbstverständlichste möglich zu machen.

Das ist die Macht der Heiligen. Wo ein Heiliger lebt und schafft, dort wird die gefallene Erde zurückgewonnen. Dort ersteht das Leben neu. Tatsächlich neu.

Voltaires Diktum, daß es darauf ankomme, seinen Garten zu bebauen – ein Ausspruch, der als satirische Demaskierung aller geistlichen hohen Ansprüche gedacht war – findet ausgerechnet bei den Heiligen, den Paradebeispielen hoher Tugend, seine Einlösung. Denn sie, diese mutigen, furchtlosen, unberechenbaren heiligen Männer und Frauen, haben, aus der Hingabe an die Quelle allen Lebens – Christus –, den Garten in der Tat bebaut, die Erde erneuert, und dies ohne großen Pomp und prätentiöses Gerede, stattdessen in aller Einfachheit, Stille, Beharrlichkeit und Demut.

Und das Schöne: Die Menschen, die um den Heiligen sind und die ihr Land und ihre Scholle durchaus kennen, nehmen wahr, wie das altbekannte Land sich wandelt – zum Guten hin. Gleich, ob der Heilige Pater Pio heißt oder Franziskus oder Hildegard oder halt Jean-Baptiste Marie Vianney.

Und nicht nur das. Selbst die Tiere merken auf. Auch sie, eingefügt in die in Unordnung geratene Schöpfung, nehmen instinktiv wahr, wenn die Gegenwart des heiligen Menschen da ist, der ohne Wenn und Aber allen Ernstes Tag und Nacht vom Heiligen lebt und dadurch die verlorene kosmische Ordnung wieder herstellt.

Ich muß diesbezüglich an ein sehr gut dokumentiertes Ereignis aus dem Leben des Curé d’Ars denken.
»Im Jahre 1856«, so einer der Biographen des heiligen Priesters, »war am Sonntag in der Fronleichnamsoktav eine Kutsche bis vor die Kirche vorgefahren, aus deren weitgeöffneten Türen das ausgesetzte Allerheiligste leuchtete. Die Pferde hielten plötzlich in vollem Galopp und ließen sich nicht mehr von der Stelle weitertreiben, mochte der Postillion noch so erbost auf sie einschlagen, sie blieben stehen wie die Eselin unter dem Stock des Propheten Bileam …«
Das ist Ars.