Die Nachfolger
Über Heilige kursieren vorrangig zwei Vorurteile.
Das eine ist eines mit abwehrenden Händen. Da heißt es: Schön und gut, die Heiligen sind super, ab das ist nichts für mich. Es kann nicht jeder den Mount Everest besteigen. Ich kraxle im Tiefland herum, und das ist schon mühsam genug. Ich bewundere zwar die Extremsportler, doch meine Kräfte reichen nicht für solche Höchstleistungen.
Das zweite Vorurteil ist die Kehrseite des ersten. Da redet man davon, daß die Heiligen auch nur Menschen sind wie du und ich. Man soll mal nicht übertreiben.
Naturgemäß sind beide Urteile falsch.
Wenn es im Evangelium (Mt 5,48) heißt - und dies aus dem Munde Jesu selbst - : Seid also vollkommen, wie euer himmlischer Vater vollkommen ist!, dann hat sich das erste Vorurteil erledigt. Der Ruf zur Heiligkeit ist nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Daß wir den Ruf ignorieren, mag leider die Regel sein, aber das ändert nichts am ursprünglichen Ruf. Der Unterschied zwischen einem Ignatius oder einer Bernadette und uns liegt nicht darin, daß die Beiden Extremsportler waren, sondern darin, daß sie gehorchten und nachfolgten. Ohne Ausreden.
Kommen wir zum zweiten Vorurteil. Vielleicht ist es das gefährlichere, denn es gibt sich den Anstrich des Jovialen, während es tatsächlich von Dummheit zeugt. Die Biographie auch nur eines Heiligen kann einen des Besseren belehren.
Nehmen wir zur Probe aufs Exempel den wenig bekannten Vorarlberger Priester Pater Franz Reinisch, dessen Seligsprechungsprozeß mittlerweile abgeschlossen ist. War Pater Reinisch so gewöhnlich und mittelmäßig wie du und ich?
Bereits 1937 wird er von der Gestapo ins Visier genommen. Denn P. Reinisch ist kein Duckmäuser, kein Feigling, erst recht kein Mitläufer. Aus seiner Ablehnung der nationalsozialistischen Ideologie macht er keinen Hehl. In seinen Predigten redet er unumwunden die Wahrheit. Kein Wunder, daß die Gestapo schließlich ein Redeverbot und also auch ein Predigtverbot über ihn verhängt.
Und weiter: Für Pater Franz ist es nach langer Gewissensprüfung klar, daß, sollte er zur Wehrmacht einberufen werden, er den Fahneneid nicht leisten wird, da der sogenannte Führer ein Verbrecher ist. Die Konsequenzen seiner Weigerung treten unverzüglich ein, nachdem er 1942 einberufen wird: Verhaftung, Verhöre, Einlieferung in das Berliner Wehrmachtsgefängnis.
Und weiter: Die Prüfungen für den aufrechten Pallotinerpater erschöpfen sich nicht in einem System des Unrechts. Er stößt selbst bei Mitbrüdern auf Unverständnis. Darüber hinaus: Die österreichischen Bischöfe haben Angst und reden von Soldatenpflicht. Und um das Maß vollzumachen, verweigert ein Gefängnispfarrer dem Inhaftierten die heilige Kommunion, weil ihn dessen Insubordination in Rage bringt.
Pater Reinisch: Ein harmloser Typ wie du und ich? Ein Katholik unter ferner liefen?
Am 21. August 1942, in der Frühe um 5:03 Uhr, wird der Zeuge Hw. Franz Reinisch enthauptet. Er ist 39 Jahre alt.
Grafik: wikicommons

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