Wo läufst Du hin?
Das Thema der Fastenzeit ist die Bekehrung.
Das deutsche Wort drückt es sehr gut aus, denn es enthält das alte Wort kehr, welches die Wendung zum Ausdruck bringt, die Wende weg vom falschen Weg hin zum guten Weg. Das Grimmsche Wörterbuch notiert: »die kehre ist ursprünglich das wenden mit dem rosse, pfluge u. ä., besonders im turnier, im kampf zu ross, das wenden und rückgehn mit dem rosse zum neuen anlauf wider den gegner.«
Der Gegner im geistlichen Kampf der Fastenzeit ist oftmals kein Feind im Außen, sondern der Feind im Inneren. Meine Trägheit, meine falschen Gewohnheiten, mein Starrsinn, meine Lauheit, meine Ichsucht. Und die vierzig heiligen Tage wollen mein Bewußtsein schärfen für diesen inwendigen Menschen, damit dessen Weg nicht in die Irre geht.
Ein Mann im Sternengewand, sehr imposant die Mitte des Bildes ausfüllend, wird von einem Mann im blauen Gewand offensichtlich aufgehalten. Aber dieses Aufhalten ist kein brutales, sondern ein sehr menschliches.
Drei Berührungen finden statt: Das Stirn an Stirn, die Hand auf der Schulter und die beiden sich berührenden Hände. Eine Brücke oberhalb der Hände deutet an, daß kein gewaltsames Trennen, sondern ein heilsames Verbinden stattfindet.
Doch worum geht’s?
Hunziker hat in seine Grafik ein epigrammatisches Wort des schlesischen Barockdichters Angelus Silesius integriert, zu lesen am unteren Bildrand. Da heißt es:
Halt an, wo läufst du hin? Der Himmel ist in dir:Ist es das, was der Mann vergessen hat: Daß er ein Gezeichneter ist, nämlich ein von Gott Gezeichneter – Imago Dei, Ebenbild Gottes? Daß er, seitdem Gott ihn schuf, mit einem Sternengewand bekleidet ist?
suchst du Gott anderswo, du fehlst ihn für und für.
Die Erfahrung des Davonlaufens vor der ureigenen Bestimmung ist eine Gefährdung, die in der Geschichte der Menschen immer wieder zur Sprache kommt. Um ein sehr prominentes Beispiel zu nennen: Augustinus. In seinen Bekenntnissen schildert er in schmerzlicher Retrospektive seitenlang seine Irrwege, die allesamt weg führten von seiner wesentlichen Berufung. Gerade weil er ein Hochbegabter war, waren seine Versuchungen, sein sittliches wie intellektuelles Vermögen zu verschleudern, markergreifend.
Durch mehrere glückliche Fügungen in seinem tragischen Lauf schließlich aufgehalten und zur Besinnung gebracht, singt er, die Kehre vollziehend, dem Gott der Güte sein spätes ergreifendes Lied:
Spät habe ich Dich geliebt, Du Schönheit, ewig alt und ewig neu, spät habe ich Dich geliebt! Und sieh, bei mir drin warst Du, und ich lief hinaus und suchte draußen Dich, und häßlich ungestalt warf ich mich auf das Schöngestaltete, das Du geschaffen. Du warst bei mir, und ich war nicht bei Dir. Und was von Dir solang mich fernhielt, waren Dinge, die doch, wenn sie in Dir nicht wären, gar nicht wären. Du aber riefst und schriest und brachst mir meine Taubheit. Du blitztest, strahltest und verjagtest meine Blindheit. Du duftetest, und ich trank Deinen Duft und atme nun in Dir. Gekostet hab ich Dich, nun hungre ich nach Dir und dürste. Und Du berührtest mich, ich aber glühte in Sehnsucht auf, in Sehnsucht nach Deinem Frieden.Und sieh, bei mir drin warst Du, und ich lief hinaus, Du warst bei mir, und ich war nicht bei Dir. Dies ist die kurze Zusammenfassung des falschen Weges. Doch der Schöpfer aller Dinge geht Seinem Geschöpf nach, weil Er nicht will, daß das kostbare Kind verlorengeht.
Sei es ein Mann im blauen Gewand, sei es ein Engel, sei es ein biblisches Wort, das plötzlich in die Mitte der Existenz fällt und erhellt – der inwendige Mensch, wenn er bereit ist, sich aufhalten zu lassen, findet zu sich und seinen wahren Quellen. Und dann, und das will die Fastenzeit, erblühen neue Begegnungen, neue Wörter, neuer Atem, neues Gebet.
Grafik: Max Hunziker, Halt an, wo läufst du hin, 1955. © Verlag am Eschbach, Eschbach, Rechtsnachfolge: Ursula Kunz, Zürich.







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