Samstag, 16. Mai 2026

Die 2. Szene  

Sic transit gloria mundi.

 Der Satz ist spätestens seit dem 17. Jahrhundert als Memento während der feierlichen Krönungszeremonie des Papstes bekannt.

Der Papst wird auf der Sedia gestatoria, dem päpstlichen Tragsessel, in feierlicher Prozession in die Petersbasilika getragen; dabei nähert sich ihm dreimal der Zeremonienmeister und verbrennt vor den Augen des neu gewählten Pontifex mit einer brennenden Fackel ein Büschel Werg, wobei er die Worte spricht: Pater Sancte, sic transit gloria mundi (Heiliger Vater, so vergeht der Ruhm der Welt).

Überdeutlich wird auf diese Weise dem Stellvertreter Christi vor Augen geführt, daß sein Amt keines der weltlichen Macht und Dominanz ist, sondern eines geistlicher Vollmacht, welche Vollmacht unbeirrt die Augen dorthin zu richten hat, wo die ewigen Güter sind, die kein Rost und keine Motte und kein Feuer zerstören kann.

Daß diese Wahrheit weniger esoterisch ist, als ein antichristlicher Affekt wähnt, macht bisweilen selbst ein Spielfilm kund. 

Der Adler der Neunten Legion ist ein Römerepos. Erzählt wird die Geschichte des römischen Tribuns Marcus Flavius Aquila, der in Britannien für Rom kämpft, und dies um so leidenschaftlicher, als seine Familienehre in Mitleidenschaft gezogen ist; hat doch sein Vater, ebenfalls Offizier des römischen Heeres, in einer Schlacht in Nordbritannien 5.000 Mann verloren und weiters den Adler der Neunten Legion, die berühmte Standarte, eingebüßt, was bereits an sich als Schande gilt. Und darüber hinaus steht der perfide Verdacht im Raum, daß besagter Vater vielleicht aus feigem Entschluß das Statussymbol preisgegeben hat.

Der Sohn bricht schließlich - zusammen mit dem britischen Sklaven Esca, dem er aus Mitgefühl das Leben gerettet hat -, in das feindliche Gebiet auf, da die Sage geht, der Adler sei im Norden Britanniens wieder aufgetaucht. Die Reise in das Territorium des Feindes ist, wie man denken kann, eine gefährliche und letztlich mörderische. Denn tatsächlich finden Meister und Sklave den goldenen Adler, rauben ihn nächtlicherweise aus dem Lager des Feindes und fliehen anschließend in halsbrecherischer Weise Richtung Süden.

Es kommt, wie es kommen muß. In einem finalen Gefecht zwischen dem barbarischen Feind und den beiden Flüchtigen, die überraschenderweise von einem versprengten Trupp der übriggebliebenen Neunten Legion Hilfe erfahren, siegen die Römer, doch der Preis ist hoch: Die Schlacht ist überaus grausam und blutig, viele der Männer auf beiden Seiten sind tot. 

Marcus Flavius errichtet nach dem Gemetzel einen Holzstoß, darauf legt er den getöteten römischen Anführer der Hilfseskorte und hält eine Abschiedsrede, bevor er den Holzstoß in Flammen aufgehen läßt.

Diese Szene hat es in den endgültigen Schnitt gebracht. Doch man sollte sich unbedingt auch die 2. Szene anschauen, nämlich den alternativen Schluß, der es nicht in die Letztfassung des Films brachte, sondern lediglich im Bonusmaterial der DVD angeschaut werden kann. Doch eben dieser Alternativsschluß übersetzt in famoser bildkräftiger Art das christliche Memento des vergänglichen Ruhms in den Raum eines heidnischen Rituals.

Der berühmte, dekorierte Tribun Marcus Flavius Aquila nimmt nämlich schließlich den goldenen Adler und legt ihn auf den Feuerstoß. Die Flammen züngeln. Das Gold beginnt zu schmelzen und zu tropfen. Das Feuer verzehrt - sic transit gloria mundi.

Doch der Film beläßt es nicht bei diesem potentiell deprimierenden Ende. Denn der Tribun hat zwar die vergängliche heidnische Trophäe dahingegeben, dafür aber während seiner Queste Herz und Verstand geöffnet für die goldenen Werte: Freiheit, Freundschaft, Familie, ein einfaches Leben. Nicht der Tod steht damit am Ende des Films, sondern das schlichte Bekenntnis zum Leben. 

Samstag, 9. Mai 2026

 Ben Hur 2016

Oh je, dachte vielleicht so mancher. Ein Remake eines Klassikers. Und das 2016. Kann das gut gehen?

Ja, es kann.

Das liegt nicht zuletzt darin, daß, entgegen üblicher Hollywoodstrategien, die, in gleich welchem Filmgenre, stets Sex und Perversion obsessiv an den Mann zu bringen versuchen, der kasachische Regisseur Timur Bekmambetov und seine evangelikalen Produzenten eben dies unterlassen.

Das Erstaunliche: Ben Hur 2016 geniert sich nicht, den historischen Jesus von Nazareth auftreten zu lassen, und mehr noch, dessen Botschaft ist das eigentliche Movens der Neuauflage. Denn das Thema, welches den ganzen Film grundiert, ist das der Vergebung. Erübrigt sich anzumerken, daß dieses Sujet naturgemäß ein spirituelles ist.

Und was ist mit dem Wagenrennen? Denn Ben Hur ist nun einmal auch dies: Ein Actionstreifen, in dem die finale Auseinandersetzung der zwei Brüder das grandiose Spektakel ist, welches den Adrenalinschub anheizen soll. 

Keine Sorge. Auch da braucht das Remake keine Vergleiche zu scheuen. Das Wagenrennen ist ein Wagenrennen, und die Spannung ist explosiv. Körperkameras bringen das atemberaubende Geschehen an die Nerven, und die Frage der mörderischen Rache und Vergeltung ist das furiose Dynamit, welches den Sand der Arena aufsprühen und die knallenden Peitschenhiebe fetzen läßt.

Burt Lancaster, der seinerzeit, in den 50er Jahren, ursprünglich für die Darstellung des Judah Ben- Hur vorgesehen war, lehnte, so vermerken die Trivia zu der damaligen Produktion, die Rolle ab, da ihm, dem selbsternanntern Atheisten, »die gewalttätige Moral in der Geschichte nicht gefiel« und weil er das Christentum nicht fördern wollte. 

Ben Hur 2016
läßt solche Selbstverblödungen souverän hinter sich. Am Ende umarmen sich zwei wiedergefundene, verwundete Brüder. Und dann das wunderbare Wort des Judah Ben-Hur an den niedergestreckten Gefährten seiner Jugend: »Das, was ich kann, ist dich tragen.« Und auch dieses herrliche Wort, zuletzt: »Bist du bereit, Bruder?«

Samstag, 2. Mai 2026

 Der Unterschied II

»Bonum ex integra causa, malum ex quocumque defectu.«

Der lateinische Satz bringt einen mittelalterlichen Grundsatz zum Ausdruck. Gemeint ist: Wahrhaft gut ist, was in allen seinen Teilen gut ist; das Schlechte dagegen ergibt sich bereits aus einem beliebigen Defekt.

Entsprechend müssen gute Handlungen alle drei moralischen Bestimmungen erfüllen: Gegenstand, Umstände und Absicht der Handlung müssen gut sein, das heißt, sie müssen sittlich angemessen sein und mit der Ordnung der Vernunft im Einklang stehen, damit die betreffende Handlung als gut angesehen werden kann.

Das mag sich für manchen komplizierter anhören als es tatsächlich ist. 

Nehmen wir ein Sitzpolster.

Der Stoff (Seide) ist kostbar. Die Farben sind wunderschön. Die Maße ideal.

Alles bestens, so könnte man denken. Doch leider ragt aus der Mitte des Polsters eine spitze Nadel heraus, die es unmöglich macht, das Sitzpolster zu benutzen. Zur Integrität eines Sitzpolsters – was jedem einleuchtet – gehört aber nun einmal, daß man sich draufsetzen kann. In diesem besonderen Fall wäre also durch die spitze Nadel, dieses ungehörige Detail, das Polster seiner echten Wesenheit, nämlich Sitzgegenstand zu sein, beraubt und zu einem schlechten Polster mutiert.

Vermutlich hat niemand Schwierigkeiten, dieses Exempel nachzuvollziehen und zu bejahen. 

Doch wie steht es mit folgendem:
Jemand schaut einen Film. Irgendwann präsentiert der Film anzügliche, unsittliche Aufnahmen. Stimmt der Betrachter zu, wenn ihm mitgeteilt wird, daß die unsittlichen Sequenzen den gesamten Film korrumpieren, da die anstößigen Bilder der Moral und der Ordnung der Vernunft widersprechen und also die Integrität des Films grobschlächtig zerrütten und derart den Film zu einem schlechten machen?

Der Unterschied zwischen dem Heiligen und dem Konsumenten liegt vermutlich genau hier: Der Heilige drückt, wenn er die anstößigen Bilder wahrnimmt, den Ausknopf, da er das ihm eingeschriebene Gesetz der Integrität kennt und liebt und lebt. Der Konsument dagegen schaut weiter, da er an das Anstößige schon gewohnt ist und darüber hinaus eventuelle Einwände mit routinierten fadenscheinigen Argumenten narkotisiert.

Wie sagt der Völkerapostel Paulus? - »Ihr habt im Kampf gegen die Sünde noch nicht bis aufs Blut Widerstand geleistet« (Eph 12,4).

Grafik: Kingrise auf Pixabay

Samstag, 25. April 2026

Prinzip und Fundament 
  

»(…) bin ich überzeugt, daß die Menschheit der Gegenwart diese grundlegende Botschaft braucht, die in Jesus Christus Mensch geworden ist: Gott ist die Liebe. Alles muß von hier ausgehen, und alles muß hierher führen: jede pastorale Tätigkeit, jede theologische Abhandlung.«

Benedikt XVI. 
aus seiner Predigt während der Vesper am 22. April 2007

 

 Grafik: Foto von THLT LCX auf unsplash  

Samstag, 18. April 2026

 Was ist das für so viele?  

Im Evangelium nach Johannes berichtet der Evangelist im 6. Kapitel vom berühmten Zeichen der Brotvermehrung. »Viele Menschen« (Vers 5) sind gekommen, um Jesu Worte zu hören. Und Jesus will die Hungrigen speisen. Doch wie eine solch große Menge speisen? 

»Hier ist ein kleiner Junge«, so der Apostel Andreas, einer der Begleiter Jesu, »der hat fünf Gerstenbrote und zwei Fische; doch was ist das für so viele?«

Was ist das für so viele?


Mir fällt dazu eine Geschichte ein, die Mutter Teresa erzählt hat:

»Vor einigen Jahren«, so Mutter Teresa, »gab es in Calcutta eine große Zuckerknappheit.
Eines Tages kam ein vierjähriges Kind mit seinen Eltern zu mir, um mich zu sehen. Sie brachten mir ein kleines Gefäß mit Zucker. Während sie es mir überreichten, sagte der Kleine zu mir: Ich habe drei Tage keinen Zucker genommen. Nimm es, es ist für Deine Kinder.
Dieser Junge liebte mit einer großen Liebe. Mit einem großen persönlichen Opfer hat er es bezeugt. Ich möchte deutlicher werden: Er war nicht älter als drei oder vier Jahre. Er konnte noch kaum seinen Namen sagen. Er war mir nicht bekannt. Ich konnte mich nicht erinnern, ihn jemals gesehen zu haben. Auch seine Eltern hatte ich nie getroffen.
Das Kind hatte Erwachsene von mir sprechen hören und danach jenen Entschluß gefaßt.«

»Ein kleines Gefäß mit Zucker.«

Was ist das für so viele?

Diese Frage, so zeigt das Evangelium und auch die Geschichte von Mutter Teresa, ist die falsche Frage. Warum? - Weil sie rechnet. Die Liebe aber rechnet nicht.

Die beiden kleinen Jungen geben einfach. Das nennt man Hingabe. Sie rechnen nicht, sondern schenken.

Und die schenkende Liebe ist immer fruchtbar. Das sehen wir im Evangelium überdeutlich: 5000 Männer werden satt, weil dieser kleine Junge sein ALLES gab.

Denn alles ist ein Liebesspiel. In den Worten Pater Pios: Tutto è scherzo d’amore. Alles ist ein Spiel der Liebe. 

Es ist bezeichnend, daß derjenige im heutigen Evangelium, der sein Alles gibt, ein Kind ist. Das erinnert uns an die Worte Jesu (Mt 18,3): Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, werdet ihr nicht in das Himmelreich hineinkommen.

Kinder – wenn sie nicht verzogen sind - fällt es offensichtlich leichter, in das Spiel der Liebe einzutreten. Wir Erwachsenen sind da gefährdeter. Die Weisung Jesu: Werdet wie die Kinder! ergeht nicht umsonst genau da, als die Jünger sich streiten darum, wer im Himmelreich der Größte ist. Vielleicht hätte ein Erwachsener, angesichts der Tausenden von Hungrigen, gesagt: Warum soll ich mein Alles hergeben? Da sind bestimmt andere, die mehr haben als ich, sollen die mal anfangen zu geben.

Doch unser Glück hängt nicht von einem Rangstreit ab, sondern davon, inwiefern wir bereit sind, in das göttliche Spiel der Liebe einzutreten.

Denn was ist das größte Spiel der Liebe?
Es ist das, was weltweit in jeder Stunde gefeiert wird: Die hl. Messe.

Was bringen wir in jede hl. Messe? Brot und Wein. Unser armseliges Leben.

Was ist das für so viele?

Doch Gott verwandelt unsere kleinen Gaben in Sein ALLES, in Seinen Leib und Sein Blut.

Machen wir uns nichts vor: Das, was wir herschenken, ist angesichts der Fülle Gottes, immer nahezu ein Nichts. Und doch – und das ist die unfaßbare gütige Herablassung Gottes uns gegenüber – will ER, daß wir teilhaben am göttlichen Austausch der Liebe. Darum lädt Er uns ein, unsere Gaben zu bringen.

Der kleine Junge des Evanegliums hat es verstanden. Der kleine Junge in der Geschichte Mutter Teresas hat es gleichfalls verstanden. Wenn wir mit ganzem Herzen geben, ohne Hintergedanken, dann gibt es keine zu geringen Gaben. Denn dann sind wir Mit-Arbeiter Gottes, und ER vollendet unsere Hingabe. Er beschenkt uns mit Sich Selbst. 

Grafik: Brotvermehrungskirche in Tabgha, Mosaik: vier Brote und zwei Fische. wiki commons. 

Samstag, 4. April 2026

Lamentationes 2026 

»Das ganze Leben des Christen ist heilige Sehnsucht. Wonach du dich aber sehnst, das siehst du noch nicht. Aber durch die Sehnsucht gewinnst du die Fähigkeit, dich beim Kommen dessen, was du sehen willst, erfüllen zu lassen (...). Wir haben es schon einmal gesagt: Leere aus, was angefüllt werden soll! Mit Gutem sollst du angefüllt werden, drum gieß das Böse aus! Mit Honig gleichsam will Gott dich anfüllen; wenn du voll Essig bist, wo wirst du den Honig unterbringen? Ausgeschüttet muß der Gefäßinhalt und gereinigt muß das Gefäß werden; gereinigt muß es werden, wenn’s auch Mühe schafft und Plag, damit es brauchbar werde. Strecken wir uns also nach Gott aus, damit er uns erfülle, wenn Er kommt!«    Hl. Augustinus

Grafik: wiki commons

Samstag, 28. März 2026

 Stabat mater

Gastbeitrag von Elpinike

 

O quam tristis et afflicta / fuit illa benedicta! 

Unter dem Kreuz steht die Mutter. Sie darf nicht helfen, nicht einmal trösten; jede der kleinen Gesten, die Mütter für ihre Kinder haben, ist ihr verwehrt. Dem fremden Wachsoldaten bleibt vorbehalten, Jesus die letzte Labung zu reichen. Maria kann nur ausharren und zuschauen, wie ihr Sohn stirbt, Stunde um Stunde.

Denkt sie dabei an die Worte des Engels? Sie sei gesegnet, hat er gesagt, und ihr Kind werde Sohn Gottes genannt werden. Müßte der Sohn Gottes nicht eigentlich eine geachtete Persönlichkeit sein, ein wichtiger Mann im Lande? Nun wird er als Verbrecher hingerichtet.

Ist Maria unter dem Kreuz an Gott verzweifelt – oder hat sie sich die Hoffnung bewahrt? Antonín Dvořáks Stabat Mater gibt die Antwort auf diese Frage. Die Musik setzt ein wie das leise Schluchzen eines Menschen, den die Trauer innerlich leer zurückgelassen hat. Doch dabei bleibt es nicht. Gedanken und Gefühle kehren machtvoll zurück, der Schmerz bricht sich Bahn.

Dvořák schöpfte hier aus eigenem Erleben. Sein Stabat Mater, 1877 vollendet, entstand unter dem Eindruck des Todes seiner drei Kinder innerhalb von zwei Jahren. Kann man nach diesem Verlust weiterleben? Ja, sagt uns der Komponist: Durch das Leiden tönt die Hoffnung, zunächst zaghaft, dann immer stärker, bis sie zum Schluß alles überstrahlt.

Das ist nämlich die Antwort: Das Leben siegt, nicht der Tod, die Hoffnung siegt, nicht die Verzweiflung. Maria hat es gewußt. Antonín Dvořák hat es gewußt. Mit ihnen weiß es auch der Zuhörer.

Samstag, 21. März 2026

Passionssonntag 2026

Über Franz Xaver (1506 - 1552), Sohn einer baskischen Adelsfamilie, Mitgründer des Jesuitenordens, Chinamissionar und, aufgrund seines unermüdlichen  Missionseifers, Patron sämtlicher Missionare, schreibt der katholische Prälat Ludwig Gschwind (in: Das Kreuz. Zeichen Christi, Augsburg 2004, 134f):

 »Franz Xaver [zog weiter] nach Malakka und auf die Molukken. Bei der stürmischen Überfahrt verlor Franz Xaver sein Kreuz, das ihn seit seinem Aufbruch aus Rom begleitet hatte. Als er schließlich wohlbehalten gelandet war, machte er einen Spaziergang am Ufer. Er traute seinen Augen nicht, als er sah, daß eine Krabbe sein Missionkreuz auf dem Rücken herantrug. Er sah dies als einen weiteren Hinweis, daß auf seinem Wirken Gottes Segen ruhe.« 

Die hier berichtete Geschichte ist weitaus mehr als eine wohlgefällige Anekdote aus der Zeit der katholischen Gegenreformation. Sie zeichnet in wenigen präzisen Strichen das, was der Zeitgenosse 2026 selten bis nie bedenkt: Die Heilsnotwendigkeit des Kreuzes Christi. Dort, wo, wie in den ehemals katholischen Ländern des Westens, Kreuze zunehmend abgehängt werden – sei es in Schulzimmern, in Gerichtssälen oder Spitälern – zeigt der Himmel selbst in der Biographie des heiligen Franz Xaver (und im Grunde der Lebensgeschichte aller Heiligen), daß das Kreuz kein verlorenes Requisit ist, sondern das Wasserzeichen der Schöpfung, von dem Heil und Segen ausstrahlen.

Die Heiligen verehren das Kreuz. Sie umarmen es. Und indem sie sich vor dem Kreuz, und das heißt vor dem Gekreuzigten, beugen, erfahren sie, wie das Holz des Gekreuzigten sie trägt.

Das ist kein frommes Geplapper, sondern Erfahrung jeder Zeit. Ich muß an eine fromme Frau denken, die plötzlich eine schwere Krebsdiagnose bekommt. Ich besuche sie und bin erschrocken über das sichtbare Ausmaß der Erkrankung. Wird die Erkrankte das Jahr überleben? Es vergehen Wochen, bis wir uns wiedersehen. Ich frage sie, ob es in den vergangenen Monaten eine Erfahrung oder eine Erkenntnis oder eine geistliche Gewißheit gegeben habe, die sie mir mitteilen wolle. Sie überlegt nicht lange. Sie sagt: »Ja, trotz allen möglichen Krisen – ich habe mich getragen gefühlt.« 

Der moderne, sich auf seine sogenannte Autonomie berufende Mensch verschmäht und verleugnet das Kreuz und hält sich viel darauf zugute. Seine tools, so der Neusprech, sind andere. Das Kreuz hat ausgedient. Die Konsequenz der Verschmähung ist jedoch nicht die Gesundung des modernen Menschen, sondern seine wachsende Atomisierung und Orientierungslosigkeit. Und vielleicht muß der westliche Patient, was wir ihm nicht wünschen, noch tiefer fallen, bis er im Abgrund der Verkommenheit und selbstgewählten Ausweglosigkeit neu das weggeräumte Kreuz hervorholt und ineins damit des Verlangens nach dem einzig rettenden Siegeszeichen eingedenk ist, welches die Heiligen mit den Worten begrüßt haben: Ave crux, spes unica (Sei gegrüßt, o Kreuz, einzige Hoffnung).

Der fünfte Sonntag der Fastenzeit wird nach der Überlieferung der Passionssonntag genannt. In den Kirchen des katholischen Erdkreises werden die Kreuze verhüllt. Doch dieses liturgische Verhüllen ist kein Verbergen, sondern ein tieferes Enthüllen. Wie so oft im menschlichen  Leben, wo erst ein Entzug die unermeßliche Kostbarkeit des Entzogenen neu erhellt, so mag das unter der violetten Farbe des Fastentuches verhüllte Kreuz – so die liturgische Hoffnung – eine innere Wunde der Sehnsucht zu erwecken, welche in ihrer süßen Schmerzhaftigkeit uns nachdenken läßt über das, was in unserem Leben wirklich zählt und trägt. Oder vielmehr: Wer uns trägt.

Grafik: wiki commons. Autor: Bene16