Montag, 25. Oktober 2021

Denn es war klar

Für V. H.

»Ich schlug an einem Weihnachtsabend in Potsdam die Heilige Schrift auf und floh nach wenigen Kapiteln auf die kalte dunkle Straße. Denn es war klar: Unter diesem Anspruch der Wahrheit kehrt sich das Leben um. Dieses Buch ist kein Buch, sondern eine Lebensmacht. Und es ist unmöglich, auch nur eine Zeile zu begreifen, ohne den Entschluß, sie zu vollziehen. Darauf beruht ja die härteste Unmöglichkeit menschlicher Verständigung, daß den Glauben nur versteht, wer glaubt.«

Reinhold Schneider 

Grafik: wikicommons

Samstag, 16. Oktober 2021

Marsch für's Leben, Wien 2021. Karlskirche


Werte Mitbrüder im priesterlichen Dienst, liebe Gläubige, liebe Freunde des Lebens,

im Tagesgebet der heutigen heiligen Messe, die der heiligen Hedwig von Schlesien gedenkt, heißt es: »O Gott, Du hast die hl. Hedwig gelehrt, mit ganzem Herzen von weltlicher Prunkliebe zur demütigen Kreuzesliebe überzugehen«, und dann heißt es: »in der Umarmung Deines Kreuzes alles, was sich wider uns erhebt, zu überwinden.«

Ich will anhand dieses Tagesgebetes sechs kurze Hinweise geben, um aufzuzeigen, wie diese Worte für uns heute von Belang sind, für uns, die wir für das Leben kämpfen und heute durch die Straßen Wiens gehen, um Zeugnis abzulegen für die Heiligkeit jedes Lebens, auch des ungeborenen Kindes im Mutterleib.

1. Wenn wir den Sieg im Lebensschutz erringen wollen, dann wird dieser Sieg durch demütige Kreuzesliebe errungen. Was heißt das konkret?

Ich habe den Lebensschutz betreffend sehr viel, wenn nicht das Meiste, von Msgr. Reilly gelernt. Manche von Ihnen werden diesen Priester aus New York kennen. Er ist der Gründer der weltweiten Bewegung der Helfer für Gottes kostbare Kinder und damit der Initiator der Gebetsvigilien vor den Abtreibungsstätten. 

Monsignor, wie er von seinen Freunden genannt wird, schreibt in einem seiner Briefe: »Allzu oft wollen wir die Leute zum Glauben bringen, ohne daß zuallererst wir selbst mal Zeugen Christi sind, vor allem Zeugen, Märtyrer der Passion Christi. (…) Aber ohne Kreuz gibt es keine Bekehrung!«

Monsignor hat diese Gewißheit in den prägnanten Satz gefaßt: »There is no short cut.« - zu deutsch: »Es gibt keine Abkürzung!«

Die Kultur des Todes wird nicht triumphal überwunden, sondern im alltäglichen Auf- und Annehmen des Kreuzes, wobei das Kreuz das Siegeszeichen Christi ist.

Nochmals anders gesagt: Es geht darum, die hl. Messe – das, was wir jetzt feiern – die hl. Messe nicht nur zu besuchen, sondern die hl. Messe zu leben – im Alltag, - als Verwandelte nach draußen zu gehen, so daß die Menschen in der Welt an die Liebe glauben können, die der himmlische Vater und Sein Sohn Jesus Christus für diese verwundete Welt haben.

Und diese Liebe zeigt sich für alle überdeutlich – vorausgesetzt, man will sehen lernen – am Kreuz. Ein Erstkommunionkind hat mal gesagt, vor dem Kreuz stehend: Wie lieb uns Jesus hat. Dieses Kind hatte eigentlich alles verstanden.

2.
Wenn wir versuchen, die demütige Kreuzesliebe, von der das Tagesgebet spricht, zu leben, dann werden wir – Schritt für Schritt – von Jesus selbst in die Perspektive Gottes eingeführt werden! Auch dies hat Msgr. Reilly sehr klar gesehen.

Wenn wir dabei stehen bleiben würden, andauernd von den zwei Lagern zu sprechen: Hier die Lebensschützer, dort die Anhänger der Kultur des Todes, dann würden wir letztlich unsere Kräfte vergeuden. Denn Gott will, daß wir mit Seinen Augen schauen lernen.

Aber das muß man gut verstehen.

Naturgemäß weiß jeder Christ um die Unterscheidung der Geister und folglich um die Tatsächlichkeit des Kampfes zwischen Gut und Böse, Leben und Tod, zwischen – wie der hl. Ignatius von Loyola es ausdrückte – zwischen Jerusalem und Babylon.

Doch der Herr will nicht, daß wir dabei stehenbleiben. Wir sind aufgerufen, weiter zu schauen, tiefer/höher zu schauen, nämlich uns einführen zu lassen in die Perspektive Gottes hinein.

Was erfahren wir dann?

Wir werden erfahren, daß es keine zwei Seiten gibt, denn Gott hat keine Feinde.

Msgr. Reilly stellt fest: »Wir, die Geschöpfe, mögen uns abwenden und Feinde Gottes werden. Gott jedoch wendet sich nie von dem ab, was Er erschaffen und durch Sein kostbares Blut erlöst hat. Wir sind heutzutage – (ich ergänze: heute, an diesem 16. Oktober 2021, dem Festtag der hl. Hedwig) - aufgerufen, den Menschen unserer Zeit diese immerwährende, bedingungslose Liebe Gottes präsent zu machen. Über das Retten ungeborener Babies hinaus meint pro-life zu sein daher den Wunsch, daß allen, die in der Dunkelheit von Sünde und Tod gefangen sind, ewiges Leben zuteil werden möge. Pro-life zu sein heißt, Christus gegenwärtig zu machen, Seinen Geist und Sein Leben zu bringen, Licht in die Dunkelheit zu bringen. Die Person Jesus Christus ist durch uns gegenwärtig zu setzen, durch Gottes heiliges Volk.«

Diese Perspektive Gottes zeigt sich für alle sichtbar und hörbar am Kreuz. Jesus hält am Kreuz Fürbitte noch für die Mörder, denn seine Liebe will alle umfassen: »Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.«

Dieses Kreuzeswort Jesu trägt der Lebensschützer mit sich und in sich.                                                                                                               

3. Die demütige Kreuzesliebe ist keine spekulative, keine Liebe, die sich in netten Gedanken erschöpft, sondern eine Liebe, die zur Tat führt. 

Das frühe Christentum wurde – das kann man in der Apostelgeschichte nachlesen – der (neue) Weg genannt. Die Christen blieben nicht im Sessel hocken, sondern brachen wortwörtlich auf. Sie brachen auf.

Darum auch gehen wir heute durch Wien. Weil wir aufbrechen. Oder wir beten vor der Abtreibungsstätte am Fleischmarkt und am Westbahnhof, weil wir aufbrechen.

Aufbrechen sollte man zweifach lesen.

Es ist einerseits der Bruch mit dem alten Leben der Bequemlichkeit.

Und es ist zum Zweiten die Bewegung des AUF. 

Wer aufbricht mit Christus, geht den ganzen Weg mit: Zum Kreuz und durch das Kreuz zur Auferstehung.

Das aber bedeutet nichts anderes, als heute die Feinde zu lieben. 

Einer Welt, die sich von Gott abkehrt – und wo ist diese Abkehr evidenter als dort, wo unschuldiges Leben getötet wird –, zeigt der Beter weiterhin das Gesicht der Zuwendung. Er geht durch Wien und er steht vor der Abtreibungsstätte, um für alle dazusein: Für das Kind, das erste Opfer, für die Mutter und den Kindsvater als die zweiten Opfer, aber auch für den Abtreiber und sein Personal und für alle die Mitläufer, die, in den Worten des Gekreuzigten, nicht wissen, was sie tun.

Der Beter steht nicht abseits. Er wartet nicht in seinem Sessel, bis das Opfer zu ihm kommt, sondern er bricht auf und bringt das Heil zum Opfer. Das ist die Logik der Erlösung. Die Logik des Kreuzes.
          
4. Das Tagesgebet spricht in seinem zweiten Teil nicht von der Betrachtung des Kreuzes, sondern von der Umarmung des Kreuzes.

Und hier, an dieser Stelle des Gebetes, wechselt die Sicht von der hl. Hedwig ausdrücklich hin zu uns allen. Hieß es zunächst: Du hast die heilige Hedwig gelehrt, so heißt es schließlich: laß uns lernen.

D.h. wir alle sollen diese Umarmung des Kreuzes, welche die Heilige vorbildlich gelebt hat, gleichfalls beherzigen und genau so alles, was sich wider uns erhebt, überwinden.

Wohlgemerkt: Alles überwinden, also noch das, was uns vielleicht als unüberwindlich vorkommen mag. Und in dunklen Stunden mag es bisweilen vorkommen, daß wir uns angesichts der geballten finanziellen, medialen und politischen Macht der Kultur des Todes als ohnmächtige Däumlinge vis-à-vis einer gigantischen Unüberwindlichkeit sehen.

Aber das ist Täuschung. Die Umarmung des Kreuzes - wir haben es gehört, und das sagt nicht irgendjemand, sondern die heilige Liturgie – die Umarmung des Kreuzes versetzt uns in die Lage, alles zu überwinden.

Für den Lebensschützer könnte dies heißen: Er bringt seine Schmerzen, seine Leiden, Krankheiten, Mühsale, Widerstände, Anfeindungen, Müdigkeiten und noch die eigenen Sünden zum Kreuz Christi, verbindet sie mit dem Kreuz Christi und bittet den Herrn, das Dargebrachte fruchtbar zu machen für das Reich Gottes. Konkret z.B. für die Bekehrung eines Abtreibungsarztes.

Ganz im Sinne der hl. Theresia vom Kinde Jesu und vom Heiligsten Antlitz, die aus Erfahrung sagen konnte: »Leiden, die gerne für andere getragen werden, belehren mehr Menschen als Predigten.«

5. Maria
Der Teufel, das gehört zu seinen perfiden Strategien, versucht zu spalten und dem Lebensschützer einzureden, er sei allein.

Wie alles Teuflische ist auch das eine Lüge.

Die Lebensschützer – und also wir – stehen, wenn wir das Kreuz umarmen, gerade nicht allein, sondern wir sind am Kreuz immer mit Maria.

Wir sind wie der Lieblingsjünger Jesu, der mit Maria beim Kreuz gestanden ist, der nicht davongelaufen ist und der hört, wie Jesus zu ihm sagt: »Siehe, deine Mutter!«, und der daraufhin Maria in sein Eigenes aufnimmt (wie es wörtlich im griechischen Text heißt).

Und mit diesem Eigenen ist nicht nur gemeint, daß Johannes die Muttergottes in sein eigenes Zuhause aufgenommen hat. Es ist tiefer gemeint, daß er – im Gehorsam gegenüber dem testamentarischen Wort Jesu – Maria als geistliche Mutter in seine Herzkammer aufgenommen hat.

Denn wo der Sohn ist, da ist auch die Mutter. Und diese Mutter, Maria, wird uns am Kreuz geschenkt.                                                                

6. Ein Letztes.
Die heutige Tagesheilige, die Herzogin von Schlesien (sie starb im Oktober 1243) hat in ihrem Leben schwere und schwerste Rückschläge erlebt. Sie hat zum Beispiel den Tod ihres Gatten und den Tod ihrer sieben Kinder ertragen müssen. Beim Tod ihres letzten Sohnes, Heinrich II., der bei der Schlacht von Liegnitz fiel, sprach sie an dessen Bahre die Worte: »Gottes Wirken um uns und mit uns muß vorzüglich unser Trost sein, weil wir Seine Geschöpfe sind.«  

Sie drückte damit die Gewißheit aus, die ihr Leben prägte: Gott ist der Herr der Geschichte. Jeder Geschichte. Und also auch der unseren.

Einer ihrer Biographen, Otto von Habsburg, schreibt im Blick auf diese große Frau und ihr Verständnis von Frömmigkeit, christlichem Lebenswandel und tatkräftigem Einsatz: »Unsere Aufgabe ist es nicht, die Geschichte zu erdulden, sondern sie mit Gott zu formen. Für uns gläubige Menschen darf es keine Resignation geben. Wer resigniert, ist pflichtvergessen (…) Die heilige Hedwig sagt uns, wozu wir berufen sind. Was gibt es Schöneres, als Mitarbeiter Gottes zu sein! Und wer mit Gott die Geschichte baut, der kann und wird nicht umsonst bauen.«

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen
 

Grafik: wikicommons
       

Samstag, 9. Oktober 2021

Fides et ratio

Gewiß gehört zu jeder großen wissenschaftlichen Leistung ein Geist, der demütig ist. 

Der Stolze vermag zwar auch zu erkennen, aber nur bis zu einem gewissen Grad, denn aufgrund seines Hochmuts, der laut der bekannten Redensart vor dem Fall kommt, wird er über kurz oder lang fehlgeleitet werden, sei es in seinen Axiomen, sei es in seinen Hypothesen, sei es in seinen Schlußfolgerungen. Diese Dynamik der Abwegigkeit ist dem Stolz inhärent, noch dann, wenn der Keim des Stolzes zu Beginn nur dem geschulten Auge sichtbar sein mag.

Der Vater der modernen Zytogenetik, Jérôme Lejeune, Entdecker des überzähligen 47. Chromosoms bei der Trisomie 21 Erkrankung, war sich zeit seines Lebens dieser Zusammenhänge bewußt, nicht zuletzt deswegen, weil er in die Schule des Evangeliums ging, welches den Hörer und Täter des Wortes auf Schritt und Tritt in die Wahrheit und in die Demut einführt.

Stellvertretend für etliche andere, vergleichbare Texte Lejeunes mag der folgende stehen: Eine kurze Meditation zum Evangelium der Heimsuchung (siehe Lukasevangelium 1, 39-56). Derjenige, der hier meditiert, ist beides: Christ und Forscher, ohne eine Seite seiner Existenz gegen die andere auszuspielen. Vielmehr befruchten sich beide, denn beide – die Wissenschaft und der Glaube – sind zwei Lichtquellen, derart, daß das Licht der Offenbarung das natürliche Licht der Vernunft ordnet, klärt und hinführt zu den Tiefen/Höhen der Schöpfung, die dem bloß menschlichen Blick im Trüben bleiben.

Lejeune schreibt:

»Lesen Sie erneut die Heimsuchungsszene. Welches Alter hatte der kleine Prophet, der im Schoß Elisabeths hüpfte, als Maria kam, die ihrerseits Unseren Herrn in sich trug? Sechs Monate in utero (…) Und wie alt war die menschliche Gestalt Jesu damals? Der heilige Lukas sagt es nicht, sondern stellt lediglich fest, daß die Jungfrau auf die Ankündigung des Engels hin sich eilends zu ihrer Cousine auf den Weg macht: Maria festinavit (…)
Zur Zeit der Heimsuchung war die menschliche Gestalt Jesu also unglaublich jung, nur ein paar Tage alt, vielleicht eine Woche... und doch jubelte Johannes, der kleine Prophet, der erst sechs Monate Ältere, bei seiner Ankunft! Wenn die Ärzte unserer Tage dieses Evangelium lesen würden, würden sie von Herzen verstehen, daß die Wissenschaft sie nicht täuscht, wenn diese sie, aufgrund der Vernunft, nötigt, die Tatsache anzuerkennen, daß das Sein bei der Empfängnis beginnt. Ebenso wie die Weisen und wie jeder Mensch, so haben auch die Ärzte alles in der Schule Jesu zu lernen.«

 

Grafik: wikicommons     

Samstag, 2. Oktober 2021

Zola oder: Je confesse

Für diejenigen, die sich in Literatur auskennen, gehört er zu den französischen Begründern der naturalistischen Schule. Man denke nur an sein Werk Der Bauch von Paris aus dem 20bändigen Rougon-Macquart Zyklus, in dem er seitenlang schwelgt in den genüßlich ausgebreiteten Käsegerüchen der Pariser Markthallen.

Die Rede ist von Émile Zola.

Für politisch Interessierte ist Zola zudem bekannt aufgrund seines Brandbriefs J’ accuse, mit dem er sich seinerzeit in die Dreyfus Affaire einschaltete und für gehörige Furore sorgte.

Weniger bekannt oder nahezu gänzlich unbekannt ist eine andere Seite von Zola – die spirituelle, genauer: Die Geschichte seiner Bekehrung. Das Erstaunliche daran: Bereits Jahre vor seiner Hinwendung zu Gott und der katholischen Kirche hatte er, der doch so detailversessen den naturalistischen Sensationen nachging, sehr wohl die Natur, nämlich die unwiderlegbare Wirkmacht des christlichen Gottes kennengelernt. Doch statt den frommen positiven Belegen, die sich vor seinen Augen ereigneten, ehrlich Rechnung zu tragen, machte Zola genau das Gegenteil.

Aber der Reihe nach.

1858 erscheint in dem kleinen Pyrenäendorf Lourdes achtzehnmal die Muttergottes dem vierzehjährigen Mädchen Bernadette. Das Ereignis spricht sich herum und ist schnell die Sensation, nicht nur in Farnkreich, sondern auch in den Nachbarländern. Lourdes wird von Jahr zu Jahr berühmter als Ort der Wunder und Gnaden. Tausende von Menschen pilgern in das kleine Dorf und suchen Trost bei der Trösterin der Betrübten, bei der Unbefleckten Empfängnis, wie sie sich die Erscheinung selbst nennt.

Dem laizistischen Frankreich ist Lourdes naturgemäß ein Greuel. Zola ist Lourdes gleichfalls ein Greuel. Überzeugter Gottesleugner und darüber hinaus Logenmeister der Freimaurer, ist es für den Schriftsteller eine Affaire der Selbstbehauptung, gegen den marianischen Wallfahrtsort anzuschreiben.

Als er daher 1892 nach Lourdes reist, kommt er nicht als frommer Pilger, sondern als fanatischer Positivist, der endlich dem klerikalen Betrug mit ätzenden schriftstellerischen Enthüllungen den Garaus machen will. An der Grotte erlebt Zola jedoch das Folgende: Zwei Frauen, sterbenskrank (Tuberkulose im Endstadium), werden vor seinen Augen wundersam geheilt.

Nun sollte man meinen, dieses erschütternde Erlebnis habe Zolas antiklerikales Weltbild zum Einsturz gebracht. Doch weit gefehlt. Er kehrt nach Paris zurück und veröffentlicht zwei Jahre später den Roman Lourdes, in dem der Protagonist Pierre, seines Zeichens katholischer Priester, nicht die Wunder der Gnadenstätte besingt, sondern die korrupten Machenschaften der Kleriker und Geschäftsleute, denen die armen Pilger machtlos ausgeliefert sind.

Und es kommt noch krasser. Zola lügt. Er gibt vor, eine der Geheilten sei gestorben, wiewohl er genau weiß, daß diese Geheilte in Paris lebt. Und noch perfider: Zola bietet dieser Frau eine beträchtliche Geldsumme an, damit sie Paris verläßt, um solcherart die potentielle Zeugin gegen ihn, Zola, außer Landes zu schaffen und also in die ungefährliche Ferne.

Wieder vergehen zwei Jahre. Es ist 1896. Zola leidet an einem offenen Beinbruch. Die Wunde verschlimmert sich von Tag zu Tag, derart, daß, wenn keine Besserung eintritt, die Amputation des Beines unumgänglich ist.

In dieser kritischen Situation träumt Émile Zola am Heiligabend, er sei in einer Kirche, wo er vor dem Bild der Madonna mit dem Kind ein Weihnachtslied singe. Als er aus seinem Traum erwacht, hört er seine Frau, die eben dieses Lied singt. Er bittet daraufhin seine Frau, in die Kirche zu gehen, dort eine Kerze anzuzünden und vor dem Bild der Madonna für ihn zu beten.

Und das Wunder geschieht. Zolas Bein wird geheilt. Und mehr noch: Der kranke Geist Zolas wird geheilt. Er bereut, er beichtet, er beginnt zu beten, er geht zur heiligen Messe, er versöhnt sich mit der Kirche. Und mehr: In einer Erklärung gesteht er seine langjährigen Irrtümer ein, er bricht mit der Freimaurerei, demaskiert deren Destruktivität und Termitenarbeit gegen die katholische Kirche. Und noch mehr: Émile Zola schreibt an Papst Leo XIII. und erbittet vom Pontifex die Vergebung für seine antikirchlichen Schriften und Aktivitäten.

Die Geschichte Zolas ist beglückend und erschreckend zugleich. Wie zementiert, so fragt man sich bestürzt, kann die Verblendung eines sogenannten Intellektuellen sein, daß er selbst Tatsachen leugnet, ja verfälscht, aus dem einzigen Grund, das eigene marode Kartenhaus nicht preiszugeben? Und die zweite, unfaßbare Frage: Wie groß ist die Geduld Gottes, der nicht müde wird, noch dem verstocktesten Verleumder, Verfälscher und Verführer nachzugehen, um ihn zu retten, tatsächlich zu retten?

Sonntag, 26. September 2021

»Gestalten wir sie!«

                                                                                                         
»Wollen wir uns über die Zeiten beklagen? Nicht die Zeiten sind gut oder schlecht. Wie wir sind, so sind auch die Zeiten. Jeder schafft sich selber seine Zeit! Lebt er gut, so ist auch die Zeit gut, die ihn umgibt! Ringen wir mit der Zeit, gestalten wir sie! Und aus allen Zeiten werden heilige Zeiten.«

Aurelius Augustinus


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Samstag, 18. September 2021

»Wer Talent in sich birgt...«

Was darf Kunst?

Alles, so der moderne Zeitgenosse.

Dementsprechend fallen etliche der sogenannten Kunstprodukte aus. Blasphemien allenthalben. Obszönitäten als neue Regel. Scharlatanerie.

Wer wirklich wissen will, welche Verantwortung der Künstler hat, der sollte Gogol lesen. Zum Beispiel die längere Erzählung Das Bildnis (auch übersetzt als Das Portrait) aus den Petersburger Geschichten.

Gogol erzählt von einem Maler, der eines Tages, als er in einem Auftragswerk den Teufel, den »Geist der Finsternis«, porträtieren soll, das Bildnis eines Wucherers anfertigt, in dessen zwielichtiger Gestalt offensichtlich das Dämonische sein Unwesen treibt.

Zum Ernst des russischen Schriftstellers gehört, daß er im Laufe seiner Erzählung die Konsequenzen aufzeigt, die das dargestellte Dämonische in den Personen auslöst, die mit ihm in Kontakt kommen. Zunächst der Maler selbst: Sein Charakter wird durch die  Herstellung des Bildnisses affiziert derart, daß er, der bislang ehrlich und geradlinig lebte, von der Destruktionskraft des Dämonischen befallen wird.

Aber auch die wechselnden Käufer des Portraits kommen nicht ungeschoren davon. Gogol zeigt ohne jede melodramatische Überhöhung die Spur des Bösen im Leben derjenigen, die sich dem Bösen goutierend aussetzen.

Was den Maler selbst betrifft: Er versteht schließlich den Greuel seiner Tat, daß nämlich »sein Pinsel dem Teufel als Werkzeug gedient« hat, und geht in die radikale Bekehrung. Er zieht sich büßend in ein Kloster und endlich in eine Eremitage zurück und versucht auf diese Weise gutzumachen, was sein entweihter Pinsel an Unheil angerichtet hat.

Nach Jahren der Askese, des Verzichts, des Verstummens und der Reinigung ist er, auf Wunsch des Klostervorstehers, bereit, erneut den Pinsel zu ergreifen: »Jetzt bin ich bereit. So Gott will, werde ich mein Werk vollbringen.« Und das Werk, welches er wählt, ist die Geburt Christi.

Damit ist Gogols Geschichte noch nicht zu Ende.

Der Sohn des Malers, der gleichfalls Maler ist und also in die Fußstapfen seines Vaters tritt, besucht als Zwanzigjähriger seinen Vater in dessen klösterlicher Einsamkeit, um von ihm Abschied zu nehmen, bevor er auf eine Kunstreise nach Italien aufbricht. Er erwartet, einen ausgezehrten, vertrockneten Greis anzutreffen. Um so überraschter ist er, »als ich einen schönen, fast göttlichen alten Mann vor mir sah.«

Die Begegnung ist ergreifend in ihrer Schlichtheit und Größe. Der Vater spricht zu seinem Sohn über die Verantwortung des Künstlers: »Wer Talent in sich birgt«, so heißt es gleichsam testamentarisch, »dessen Seele muß reiner als alle anderen sein. Anderen wird vieles vergeben werden, ihm nicht.«

Es dürfte klar sein: Hier spricht jemand, der über die gefälligen Worte längst hinaus ist. Das Gesicht des Vaters, sein Leib, seine Augen, sein ganzes Wesen strahlen die herrliche Verantwortung aus, von der er in einfacher Festigkeit Zeugnis gibt. Leben und Kunst vereinen sich zur wunderbaren Einheit, ja, das Leben, das schöne, makellose Leben des Heiligen ist das Kunstwerk in seiner überzeugendsten Ausprägung.

Und der Vater segnet seinen Sohn und bittet diesen, das besagte Bildnis, sollte er es finden, um jeden Preis zu vernichten. Daß dies (ohne Schuld des Sohnes) vereitelt wird, spricht für die Unbestechlichkeit des gogolschen Realismus. Der Leser der Erzählung jedenfalls weiß genug. Er weiß, was Kunst darf. Und er weiß, was Kunst nicht darf.

Mittwoch, 8. September 2021

Der Tod

Wahrscheinlich würden die Meisten, wenn nicht sogar Alle, vorausgesetzt, man gibt ihnen die nötige Zeit zum Nachdenken, darin übereinstimmen, daß es nur eine brennende Frage im Leben gibt, nämlich diejenige, wie es sich mit dem Tod verhält.
                                                            
Der Tod macht uns alle gleich. Oder, in den pessimistischen Worten Schopenhauers: »Zuletzt muß er siegen: denn ihm sind wir schon durch die Geburt anheimgefallen, und er spielt nur eine Weile mit seiner Beute, bevor er sie verschlingt.«

Selbst derjenige, der dem Tod davonzulaufen versucht, entgeht ihm nicht. Der Tod wird eines Tages schneller sein und den Davonlaufenden einholen. Bekannte Erzählungen belieben dieses Motiv zu variieren, etwa indem sie von einem Geängsteten zu berichten wissen, dessen bevorstehender Tod an dem und dem Ort zu der und der Zeit angekündigt wird, und der daraufhin wähnt, dem Tod ein Schnippchen schlagen zu können, indem er sich zur angesagten Zeit an einen gänzlich anderen Ort begibt. Doch was geschieht? - Eben an diesem neuen, angeblich so sicheren Ort, erwartet ihn der Sensenmann mit der Selbstverständlichkeit dessen, der seit eh und je genau an diesem Ort auf den Todgeweihten gewartet hat.

Der Philosoph Paul Ludwig Landsberg (1901 – 1944) hat sich immer wieder mit der Todesfrage auseinandergesetzt.

Aus einer jüdischen Familie stammend, später jedoch zum katholischen Glauben konvertierend, hört er bereits in jungen Jahren solch berühmte Geistesgrößen wie Husserl und Scheler. Freiburg, Berlin und Bonn sind die Stätten seiner akademischen Laufbahn. Die Habilitationsschrift widmet er Augustinus.

Die philosophische Auseinandersetzung mit der Tatsache des Todes geht dem parallel. Seine Einführung in die philosophische Anthropologie stellt sich bereits der Grundfrage des menschlichen Daseins. Oder: Landsberg publiziert einen großen Essay unter dem Titel Die Erfahrung des Todes  (»Was bedeutet der Tod für uns Menschen? Die Frage ist unerschöpflich; es geht um das Mysterium des Menschen selbst, dem man sich mit dieser Frage von einer bestimmten Seite nähert. Jedes wahre philosophische Grundproblem enthält alle anderen in der Einheit des Geheimnisses.«) und veröffentlicht einen Aufsatz zur Thematik Das moralische Problem des Selbstmordes (seine Mutter scheidet 1938 durch Selbstmord aus dem Leben)..

Hinzukommt, daß seine Herkunft als gebürtiger Jude in der Nazidiktatur für Landsberg eine permanente existentielle Bedrohung darstellt. Er geht ins Exil, die Lehrbefugnis wird ihm entzogen, in Frankreich schließt er sich der Résistance an. 1943 fällt er aufgrund von Verrat in die Hände der Gestapo und wird in das KZ Sachsenhausen abtransportiert, wo er entkräftet vom unmenschlichen Lageralltag am 2. April 1944 stirbt.

Der Gefahr der nazistischen Verfolgung durchaus bewußt, trägt Landsberg stets eine Ampulle mit sich, die ein tödliches Gift enthält, welches er bei Bedarf sich verabreichen will, um der tödlichen nazistischen Unterdrückung zuvorzukommen.

Doch es kommt anders. Landsberg endet nicht im Selbstmord.

Mitten im Zweiten Weltkrieg, im Sommer 1942, zerstört Landsberg die tödliche Ampulle. In seinem Tagebuch schreibt er, er habe Christus gefunden, der sich ihm geoffenbart habe.

Dieses Finden ändert alles. Die Todesfrage ist endgültig beantwortet.

Samstag, 7. August 2021

Hl. Giuseppe Moscati V

Die Eucharistie

Als Giuseppe Moscati am 12. April 1927 in Neapel stirbt, stirbt er als Armer. Sehr still, unbemerkt, zuhause in seinem Sessel. Am Morgen hat er die heilige Messe besucht. Danach geht er wie gewohnt auf Visite ins Spital. Das Mittagsmahl nimmt er zuhause ein. Da er sich erschöpft fühlt, will er etwas ausrasten. Es ist seine letzte irdische Rast. Ein Schlaganfall, wie die Diagnose lautet. Es ist der Dienstag der Karwoche, gegen fünfzehn Uhr am Nachmittag.

Oft hatte er gesagt: »Hört doch auf mit dem Geld! Das Wichtigste ist doch, daß ich den Kranken besuche.« Diese Losung hatte er sein ganzes Leben lang wahrgemacht. Die Liebe zu den Armen war tatsächlich Liebe gewesen, so sehr, daß er der Arme unter den Armen wurde.

Und diese Armen kommen allesamt herbei, als sie von seinem Tod erfahren. Die Nachricht verbreitet sich wie ein Lauffeuer: È morto il medico santo. Das Begräbnis für den »heiligen Arzt«, wie er schon zu Lebzeiten immer wieder genannt worden war, gestaltet sich zu einem herrlichen Triumph.
 
1880 geboren als Giuseppe Mario Carolo Alphonse Moscati, als Sohn des hochangesehenen Gerichtsbeamten Francesco Moscati und dessen Gattin, der Gräfin Rosa de Lucca, vollendet sich 47 Jahre später dieses Leben der Hingabe im sinnfälligen Zeichen. Denn es ist der hohe Donnerstag, der Gründonnerstag, der Tag der Einsetzung der heiligsten Eucharistie, an dem Moscati zu Grabe getragen wird. Hatte er nicht aus dem bleibenden Sakrament der Liebe gelebt? Hatte er nicht in den ihm anvertrauten Armen das Antlitz des Herrn geschaut? War er nicht, in seinem Leben wie in seiner Arbeit, stets von einem Tabernakel zu dem anderen Tabernakel gegangen?

60 Jahre nach seinem Tod, am 25. Oktober 1987, wird Giuseppe Moscati heiliggesprochen. Das zur Kanonisation erforderliche Wunder ereignet sich an einem jungen Mann namens Giuseppe Fusco, der an Leukämie erkrankt ist. Dessen Mutter schaut in einem Traum einen Arzt im weißen Kittel, den sie später, als ihr Pfarrer ihr ein Foto des seligen Moscati zeigt, als eben den Mann erkennt, der ihr im Traum erschienen ist. Daraufhin wird Moscati um Fürsprache angerufen. Und der lebensgefährlich Erkrankte wird auf unerklärliche Weise wieder gesund und kann seine Arbeit wieder aufnehmen.

Der Gedenktag des Heiligen, welcher der erste heiliggesprochene Arzt der Moderne und Patron der Ärzte ist, ist der 12. April. Dargestellt wird er vorzugsweise im weißen Arztkittel. 

In der Kirche Gesu Nuovo, wo er seine letzte Ruhestätte fand, schmückt ein großformatiges Relief seine Grablege. Das Relief ist als Triptychon angelegt. Zur Linken ist Moscati als Professor am Katheter vor seinen Studenten abgebildet. Zur Rechten schaut der Betrachter den heiligen Arzt am Bett seiner Patienten. Der Mittelteil des Triptychons zeigt die Lebensmitte Moscatis. Der Arzt neigt sich zu einer Mutter, die ihm ihr Kind entgegenhält. Am Firmament leuchtet dabei die Sonne, die Arzt, Mutter und Kind bescheint – die Eucharistie.  

Grafik: Kapelle zur Ehre des Heiligen. Mit Dank an: sacerdos-viennensis.blogspot.com