Samstag, 7. November 2026

 Die drei Fragen der Muttergottes

Ruanda, der kleine Staat in Zentralafrika, hat in den neunziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts traurige internationale Berühmtheit erlangt.

Ein Völkermord grausamsten Ausmaßes erschüttert das Land. Angehörige des Stammes der Hutu, welche die ethnische Mehrheit in Ruanda stellen, massakrieren in einem Blutrausch sondergleichen Angehörige der ethnischen Minderheit der Tutsi. Dem drei Monate währenden Massaker (von April bis Juli 1994) fallen laut Schätzungen 800.000 – 1 Million Männer, Frauen, Kinder zum Opfer. Ströme von Blut fließen.

Jahre zuvor, von 1981 bis 1989, erscheint in demselben Ruanda, in der Stadt Kibeho im Süden des Landes, der Stadt, in der während des Genozids 200.000 Menschen bestialisch ums Leben kommen, die Muttergottes drei einheimischen jungen Schülerinnen. Maria stellt sich als Mutter des Wortes vor und übermittelt den Jugendlichen Botschaften der Buße, der Bekehrung, des Gebets. 

Die Botschaften gelten nicht nur Ruanda, sondern der ganzen Welt, denn nicht nur Ruanda steht am Rande des Abgrunds, was Jahre später in schrecklicher Weise sichtbar werden wird, sondern die ganze Welt ist auf dem Weg des Irrsinns.

Die Botschaften Unserer Lieben Frau von Kibeho sind keine afrikanischen Übertreibungen. Die Kirche hat, wie in vergleichbaren Fällen, das Geschehen sorgfältig geprüft und schließlich die Übernatürlichkeit der Erscheinungen konstatiert, so daß Kibeho der bislang einzige vom Vatikan anerkannte Marienerscheinungsort auf dem afrikanischen Kontinent ist.

»Wann werdet ihr begreifen«, so fragt Maria in einer ihrer Botschaften, »daß ich wegen der ganzen Welt gekommen bin?«

Wir alle sind also gemeint. Ein jeder von uns.

Täte es da nicht gut, wenn ein jeder von uns zum Beispiel die drei Fragen der Muttergottes an sich heranließe, die drei Fragen, die Maria öfters stellt:

»Wascht ihr euch? Ich frage euch, ob ihr zur Beichte geht?

Steht ihr auf? Ich frage euch, ob ihr euch von den Dingen der Welt lösen wollt, die euch daran hindern, uns so nachzufolgen, wie es sich gehört.

Haltet ihr die Augen offen? Ich frage euch, ob ihr aufmerksam seid, denn es geschehen viele Dinge und ihr seht sie nicht.« 

 

Samstag, 24. Oktober 2026

 Die Geduld

Im Lateinischen heißt Geduld patientia.

Es ist eine gewollte Fügung, daß in diesem Wort das zweite mitschwingt: pati – leiden.

Denn der Geduldige wird oft genug die Erfahrung machen, daß die Erprobung seiner Geduld in die Bereitschaft führt, Leiden auf sich zu nehmen.

Was erfahren zum Beispiel Eltern, die miterleben müssen, wie ihre Kinder zunehmend auf Abwege geraten und sich jeder Unterweisung, und sei sie noch so liebevoll vorgebracht, verweigern? Die geduldig immer wieder auf Fehlentwicklungen hinweisen, warnen, ermahnen, zu überzeugen versuchen, und dennoch abgewiesen werden? Geduld erweist in solchen Fällen ihre Strahlkraft im Leiden.

Die lateinische Fassung der Bibel hat diesbezüglich ein gewaltiges Wort formuliert: In patientia vestra possidebitis animas vestras – in  eurer Geduld werdet ihr eure Seelen besitzen (Lk 21,19 – die Einheitsübersetzung übersetzt: Wenn ihr standhaft bleibt, werdet ihr das Leben gewinnen).

Dies ist kein Spruch aus dem Poesiealbum, sondern in komprimiertester Form christliche Lebensweisheit. Wer geduldig ausharrt, wer - wie Paulus im Epheserbrief 4,3 mahnt: »Seid demütig, friedfertig und geduldig, ertragt einander in Liebe, und bemüht euch, die Einheit des Geistes zu wahren durch den Frieden, der euch zusammenhält« - wer diese paulinische Weisung zu beherzigen versucht, der tut mehr als ein wohlfeiles humanistisches Werk, der ist allen Ernstes einer, der seine Seele und die Seelen anderer ernst nimmt und also einer, der in ungeheuchelter Liebe aufs Ganze geht.

Das Bibelgriechisch – und auch das ist weiterführend – hat das Wort hypomonē für Geduld. Wörtlich übersetzt bedeutet dies darunter bleiben. Man kann es sich derart vorstellen: Wenn ein Druck oder auch ein Hindernis, sei es von innen, sei es von außen, sehr groß ist, so daß die Seele unter dem überragenden Gewicht stöhnt und ächzt, macht der Geduldige sich so klein, daß das Gewicht gleichsam über ihn hinweggeht.

War es die heilige Thérèse vom Kinde Jesu, welche folgendes Bild benutzte? Ein kleines Kind steht vor einem großen Pferd. Es würde gerne an dem Pferd vorbeigehen, aber das Pferd ist zu riesig, zu unüberwindlich für das kleine Kind. Was also tun? Das Kind wählt schließlich den kleinen Weg: Es krabbelt zwischen den Beinen des Pferdes hindurch in das freie Offene. Es bleibt darunter, und genau so eröffnet sich der Ausweg.

Die Kleine Thérèse ist dabei durchaus Schülerin der anderen, sogenannten großen Teresa. Denn auch diese wußte um die unschätzbare Tugend der Geduld. Nach ihrem Tod fand man in ihrem Brevier diese Zeilen, vermutlich von ihrem Seelenfreund Johannes vom Kreuz verfaßt. Sie trug sie offensichtlich täglich mit sich, ein vademecum der besonderen Art. In der Mitte des kleinen Gebets, vor dem finalen Höhepunkt, steht der Preis der Geduld. Und dieser Preis ist, durch und durch christlich, zugleich ein Paradox. Denn die Geduld mag zwar zur Kleinheit des Darunterbleibens animieren, zum Nichts, dem nada des heiligen Johannes vom Kreuz, doch ebenso erlangt sie nicht nur etwas, sondern tatsächlich Alles – todo.

»Nichts soll dich ängstigen,
nichts dich erschrecken,
alles vergeht,

Gott bleibt derselbe.
Geduld
erreicht alles;

wer Gott hat,
dem fehlt nichts.
Gott nur genügt.«
Cave: Die Geduld erreicht alles.

 Grafik: aus Karmel Impulse, Heft 4/2007

Samstag, 10. Oktober 2026

Die Große

Von Kunst wird immer wieder behauptet, sie sei das Kind ihrer Zeit. Und als großer Künstler gilt dementsprechend vielen der, der seine Zeit adäquat zur Darstellung bringt.

Nun ist die Aussage, daß große Kunst die jeweilige Zeit der Entstehung spiegelt, eine banale Festellung. Schließlich bewegt sich der Künstler, noch wenn er im sprichwörtlichen Elfenbeinturm sich aufhielte, hier auf der Erde und nicht auf dem Saturn, und dementsprechend wird er, als aufmerksamer Zeitgenosse, mitbekommen, was in seiner Zeit passiert. Die Reduktion des Kunstwerks auf die jeweilige Zeit seiner Entstehung, wird dem Kunstwerk nicht gerecht.

Die großen Kunstwerke – wohlgemerkt die großen Kunstwerke - demonstrieren vielmehr geradezu alarmierend, daß das geschaffene Werk die jeweilige Zeit transzendiert und also Sachverhalte artikuliert, die über die jeweilige Zeit hinausgehen. Denn die jeweilige Zeit ist dürftig. Das Kunstwerk jedoch kündet von der Fülle.

Es hängt mit diesem über die dürftige Zeit hinausgehenden Charakter des großen Kunstwerks zusammen, daß es allzuoft in seiner Zeit nicht verstanden wird.

Schuberts neunter Symphonie wurde, auch in Folge der Schumannschen Bewunderung, der Beinamen Die Große verliehen. Die Zeitgenossen freilich, von wenigen Ausnahmen abgesehen, haben Schuberts Große keineswegs stürmisch akklamiert. Die Violinisten spöttelten über Feinheiten der Schubertschen Behandlung der Geigen. Die Hornisten fühlten sich überfordert. Das großzügige Prädikat Die Große vergab man nicht. Im verwöhnten Wien, Schuberts Heimatstadt, wurde die Symphonie erst 1850 und also 22 Jahre nach dem Tode des Komponisten ungekürzt aufgeführt.

Alles in allem dauerte es Jahre, bis die Symphonie gültig als das erkannt wurde, was sie tatsächlich ist: groß.

Und dies ist kein musikalischer Einzelfall. Was war mit Bachs Matthäuspassion? Was mit Bruckners Symphonien?

Die Regel für die Meisterwerke der Kunst scheint zu sein, daß sie in ihrer jeweiligen Zeit zu wiederholten Malen mißverstanden oder verkannt oder ignoriert werden. Denn das Zeitübergreifende, welches sie repräsentieren, ja, das Ewige, von dem sie künden, ist immer ein Skandalon in einer Welt, die nicht aufgestört sein will, sondern sich bürgerlich einrichtet. Das Ewige jedoch ist stets Movens des Aufbruchs. Wie das deutsche Wort es wunderbar aussagt: Auf-bruch. Ein Zerbrechen geschieht, und das ist schmerzhaft. Aber der Bruch ist nicht das Intendierte, sondern der Bruch ist Übergang. Übergang in das AUF.

Man höre den zweiten Satz von Schuberts Großer Symphonie. In der zweiten Fortissimo-Aufgipfelung geschieht gleichsam der Zusammenbruch. Und dann die Stille. Und dann der Aufbruch in das stille Unauslöschliche: 

Grafik: Schuberts Brille. wikicommons 

Samstag, 3. Oktober 2026

 Die sogenannten Werte

Wer hat diesen modernen Galimathias nicht bereits ad nauseam vernommen?

Die Abtreibung zu unterstützen bedeutet, unsere Werte der sexuellen Befreiung und Gesundheit (sic! health service) zu unterstützen.

Den assistierten Suizid zu unterstützen, bedeutet unsere Werte von Selbstbestimmung und Autonomie zu verteidigen.

Die Ukraine zu unterstützen, bedeutet unsere demokratischen Werte zu fördern.

Usw. usw.

Zwei klammheimliche Vor-Urteile prägen diese Annahmen.

Zum einen wird das Proklamierte als Selbstverständlichkeit ausgegeben. Das Selbstverständliche ist bekanntlich dasjenige, worüber man nicht diskutieren muß, ganz einfach deswegen nicht, weil sich das Selbstverständliche von selbst versteht.

Und das Zweite: Das sogenannte Selbstverständliche ist keineswegs die gewonne Einsicht in einen wahren Zusammenhang beziehungsweise der Verweis auf ein unumstößliches, da gegebenes Faktum der menschlichen Verfassung, sondern ist lediglich ein beliebiger Wert und darum (was nicht ausdrücklich formuliert wird) bei Bedarf leichtfertig austauschbar.

In der »Diktatur des Relativismus«, wie der vormalige Papst Benedikt XVI. unsere Zeit qualifizierte, haben besagte Werte bezeichnenderweise Hochkonjunktur.  Wohlgemerkt: Es geht nicht um Werte als gültige Maßstäbe, so wie es manche Altvorderen sahen (etwa ein Dietrich von Hildebrand), sondern um sogenannte Werte, mit denen operiert wird in Art von Jetons aus Plastik. 

Das Verführerische an den Werten ist allemal, daß sie einerseits so hehr und menschenliebend daherkommen, während sie andererseits bequem zu entsorgen sind, wenn ihre Brauchbarkeit ausgedient hat. Da das Recyclen gang und gäbe ist, fallen auch die Werte unter das Recyclingdiktat. Gestern Papierblock, heute Toilettenpapier. Selbstverständlich reißfest und hygienisch einwandfrei.

Wir brauchen nicht länger eine Tyrannei. Wir haben die Tyrannei der westlichen Werte.

Und es sind nicht deine oder meine Werte, sondern – Seid umschlungen, Millionen – unsere Werte. Das liberale Pathos der Verbrüderung gehört unabdingbar zur medialen Darbietung der Werte. Derjenige, der sich der Tyrannei widersetzt, ist folgerichtig derjenige, der sich aus der Wertegemeinschaft absetzt. Er darf geschmäht werden, an den Pranger gestellt werden, medial zur Strecke gebracht werden, da er der beschworenen Solidarität, die notfalls mit christlichen Requisiten bebildert wird, nicht genügt. Schließlich kämpfen wir für den guten Wertezweck, noch dann, wenn der Wert ein hohler Popanz ist oder ein heidnischer Moloch.

Robert Spaemann hat es auf den Punkt gebracht: »Der Liberalismus ist indifferent gegenüber Inhalten. Fragen nach dem guten Leben schiebt er in den sogenannten Wertebereich ab. Werte aber hält er für relativ, um dann jedoch um so vehementer zu verteidigen, was er unsere Werte nennt« (Über Gott und die Welt. Eine Autobiographie in Gesprächen, Stuttgart 2012, 271).

Und weiter Spaemann, pointiert: »Man redet ja auch oft von den christlichen Werten. Die Kirche solle christliche Werte verkünden. Aber es gibt keine christlichen Werte. Jesus hat den Menschen die Augen geöffnet für Werte, die es schon gab, bevor er erschien. Auch die Wahrheit des Satzes des Pythagoras gab es schon, ehe es Pythagoras gab.« (Ebd., 245)

Würde man die Rede von den Werten ernst nehmen, so käme man à la longue bei der Gretchenfrage an: Wie hältst du es mit dem Verbindlichen? Das Verbindliche freilich, und das versteht sich mal von selbst, ist das dem Beliebigen Entzogene, es bindet, während der liberale Wertekonsument gerade Bindungen gleich welcher Art perhorresziert.


Grafik:
Lupo / pixelio.de


Samstag, 26. September 2026

 Fatima: Wenn… wenn nicht...

Am 13. Juli 1917, während ihrer dritten Erscheinung in Fatima, sagt die Muttergottes – nach der Vision der Hölle – unter anderem das Folgende zu den drei Hirtenkindern:

»Wenn man auf meine Wünsche hört (d.h. die Weihe Rußlands an Marias Unbeflecktes Herz sowie die Sühnekommunion an den ersten Samstagen), wird Rußland sich bekehren und es wird Friede sein. Wenn nicht, wird es seine Irrlehren über die Welt verbreiten, wird Kriege und Kirchenverfolgungen heraufbeschwören. Die Guten werden gemartert werden, der Heilige Vater wird viel zu leiden haben, verschiedene Nationen werden vernichtet werden, am Ende aber wird mein Unbeflecktes Herz triumphieren. Der Heilige Vater wird mir Rußland weihen, das sich bekehren wird, und der Welt wird eine Zeit des Friedens geschenkt werden.«

Etliche haben sich gefragt, wie man sich die Vernichtung verschiedener Nationen vorzustellen habe? Würde es einen neuen Weltkrieg geben? Eine planetarische Katastrophe? Oder ein Unglück gewaltigen Ausmaßes?

Mittlerweile sind über 100 Jahre seit dem eindringlichen Weckruf der Muttergottes vergangen. Ihrer Forderung, 1917 ausgesprochen, wurde nicht nachgekommen. Und damit sind wir bei den Konsequenzen angekommen.

Rußland hat seine Irrtümer weltweit verbreitet. Es war das erste Land, welches staatlicherseits die Abtreibung legalisierte. Es war das Jahr 1920, die Zeit der bolschewistischen Revolution. 100 Jahre später ist die Abtreibung, zumal in den Ländern der sogenannten Ersten Welt, das vergötzte Goldene Kalb, der Moloch, welcher von der EU frenetisch als Recht gefeiert wird.

Und nicht nur die Abtreibung. In ihrem Schlepptau schleicht die Kontrazeption, die gleichfalls hymnisch gepriesen wird – als Befreiung der Frau, als Ende der sexuellen Zwangsjacke.

Und die Konsequenzen?

Ganze Nationen sterben aus. Europa vergreist.

Das ist keine Verschwörungstheorie, auch keine Unglücksprophetie, sondern Mathematik. Denn dort, wo Kinder verhütet beziehungsweise abgetrieben werden, und dies seit Jahrzehnten, sterben die Nationen. Maßgebliche Demographen - womit wir Demographen meinen, die keine ideologische Agenda vertreten - haben das demographische Abwärts früh aufgezeigt anhand der desaströsen Geburtenziffern, die jeder stabilen Bevölkerungspolitik Hohn sprechen. Doch die demographischen Daten interessieren nicht, sie stören den Tanz auf dem Vulkan. Und also geht der Krieg gegen die Kinder schamlos weiter.

Maria hatte, bei Befolgung ihrer Bitte, eine »Zeit des Friedens« verheißen. Maria hatte gewarnt. Maria hatte das Mittel der Heilung genannt. Und wir? Und die Kirche?

Von der »Zeit des Friedens« kann 2026 keine Rede sein.

Grafik: Von Bingar1234 - Eigenes Werk, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=95089700

Samstag, 8. August 2026

Sub specie aeternitatis

»Dies ist aller Gastfreundschaft tiefster Sinn, daß ein Mensch dem andern Rast gibt auf der großen Wanderschaft zum ewigen Zuhause.«

Romano Guardini

 

Grafik:  Foto von Vimar Martinez auf unsplash

Samstag, 1. August 2026

 Der Blender

Wer kennt das nicht? Menschen, die Blender sind. Das können nächste Bekannte sein, das können Politiker, VIP’s, Künstler, Kleriker sein.

Und es ist immer wieder verblüffend festzustellen, wie hörig Menschen, zumal die saturierten Bürger, den Blendern auf den Leim gehen. Vielleicht deswegen, weil sich der Verführte aus Eitelkeit gerne verführen läßt, indem er wähnt, er habe so, als Verführter, Anteil am falschen Glanz des Blenders. Denn, notabene, der Blender versteht zu beeindrucken. Oft mit geschmackvollen petits fours, oft mit eleganten Schlagworten, immer wieder mit circensischer Akrobatik.

Man nehme Thomas Mann. Seit Jahrzehnten ist der Lübecker Senatorensohn das verhätschelte Objekt der Neueren Deutschen Literaturwissenschaft und des Feuilletons. Gleich ob Zauberberg oder Lotte in Weimar, man läßt sich hymnisch über die Sprachakrobatik des Literaten aus. Und da paßt es, daß seine Ehefrau den in der Familie gängigen Namen des Verwöhnten offenbart: Der Zauberer.

Ja, Thomas Mann, der Zauberer. Ein rhetorisches Kaninchen nach dem anderen wird aus dem Zylinder hervorgezaubert. Nur: Was ist eigentlich in dem famosen Zylinder?

Wer hinschaut, tatsächlich hinschaut (J. H. Newman: »Jeder kann denken, nur disziplinierte, erzogene, geformte Geister können wahrnehmen.«), entdeckt: Nichts. Leere parodistische Worthülsen. Eitle ironische Verrenkungen. Ziselierte Petitessen. Im Grunde bourgeoiser, geschwätziger Nippes.

Da tut es gut, bisweilen auf couragierte Denker zu stoßen, die auf das Flötenspiel der Blender nicht hereinfallen. Theodor Haecker hat Thomas Mann schneidend entlarvt. Der Literaturwissenschaftler Walter Muschg desgleichen. Ein paar Sätze aus dessen Tragische Literaturgeschichte rücken die Maßstäbe zurecht. Darum seien sie hier zitiert:

»In der deutschen Literatur verkörpert Thomas Mann diesen geistigen Bankrott des Bürgertums unübertrefflich. (…) Er wollte von Anfang an als ein Meister des lächelnden Nichternstnehmens, der Ironie, genommen sein und sprach bezaubernd intelligent über alles, was die Lesermassen der letzten bürgerlichen Generation in Deutschland am liebsten hörten (…).
Seit dem Wegzug nach Übersee will dieser letzte Repäsentant des bürgerlichen Zeitalters nicht mehr als Deutscher, sondern als Amerikaner gelten. Die Entwurzelung befreite ihn von den Bedenken, die seinen Hang zur Anarchie noch eingeengt hatten, und er fand seinen wahren Stil: die Parodie. Er parodiert alles, was dem Bürger heilig ist: zuerst die Bibel, dann Goethe, dann die deutsche Musik, dann die mittelalterliche Legende. Die Parodie ist die List, mit der er sein Unvermögen verdeckt, die Sprache des Dichters zu reden. Er glaubt mit seiner Doppelzüngigkeit alle bisherigen Begriffe der Dichtung hinter sich zu lassen und ergötzt eine verlorene Welt, die seinen Glauben teilt, ohne ihr die Spur eines rettenden Gedankens zu geben (…).
Ein großer Erzähler ist ein Lebensstrom für sein Volk. Die Bücher Thomas Manns sind das letzte große Versäumnis der bürgerlichen deutschen Literatur. Künftige Leser werden an ihnen vor allem verstehen lernen, warum  das Deutschland, das er repräsentierte, vom Teufel geholt wurde.«
Grafik: Joseph Sharp auf unsplash.com

Samstag, 25. Juli 2026

 Heiter


In welcher Stimmung feierte der HERR das Letzte Abendmahl?

Diese Frage wurde mir neulich vorgelegt.

Der Zusammenhang ist klar. Es ist Gründonnerstag. Der Herr versammelt seine zwölf Jünger um sich und feiert mit ihnen das letzte Fest vor Seinem Tod. ER weiß, daß wenige Zeit später der Aufbruch in den Ölgarten sein wird. ER weiß, daß einer der Zwölf Ihn verraten wird. ER weiß, daß die Schergen schon warten. ER weiß, daß Seine Passion die unausdenkbare Leidensgeschichte ist, die keines Menschen Ohr gehört hat, geschweige denn verstehen oder gar ermessen wird. ER weiß, daß man Ihn nicht einfach umbringen wird, sondern daß ER, aus freiem Willen, sich verhöhnen, verspotten, geißeln und kreuzigen lassen wird, daß Er wortwörtlich das Lamm sein wird, welches geschlachtet wird.

Wie nun feiert Er dieses letzte Fest vor Seiner Passion?

Die Antwort lautet: Heiter.

Wie bitte? Heiter?

Ja. Heiter.

Diese Antwort gibt kein Geringerer als der heilige Kirchenlehrer Albertus Magnus (1200 - 1280) in seinem Kommentar zu »De corpore Domini (Über den Leib des Herrn)«. Der große Gelehrte schreibt:
»Mit welcher Heiterkeit im Geben und wie heiter Er diese Gabe gab (de hilaritate autem in donando et quam hilariter donavit hoc donum), kann kein Mensch mit Worten würdig ausdrücken! Wäre nämlich beim Geben irgendeine Traurigkeit im Herzen zurückgeblieben, dann hätte Er sich nicht ganz gegeben. Nur das ist wirklich gegeben, was ganz gegeben ist. Nichts behielt Christus für sich zurück, alle Gaben, die Er als Mensch und als Gott zu geben hat, gab Er uns.
Sein Herz war froh und glücklich im Bewußtsein, daß Seine übergroße Liebe seinen Gliedern zuteil würde, und diese durch das Geschenk der Kommunion mit Ihm innigst vereint und Ihm eingegliedert würden.
Einer großzügigen Person ist es eigen, daß sie froh und glücklich ist, wenn sie Großes schenken kann, und umgekehrt traurig ist, wenn es ihr nicht möglich ist, etwas Großes zu schenken. Der Geber wie der Empfänger können also nicht anders als fröhlich sein, da sie aneinander Anteil haben. Obwohl es eine Traurigkeit gab wegen des bevorstehenden Leidens, so war doch die Heiterkeit sehr groß (maxima fuit hilaritas), das Geschenk der innigen Gemeinschaft geben zu können.
Wer wird bei solchen Zeichen göttlichen Erbarmens nicht auch froh werden?«
Denkt man unbefangen und mehr und mehr über Alberts Antwort nach, so wird einem klar, daß sowohl die Antwort wie die Begründung der Antwort die einzig angemessene ist. Und was bleibt, ist das Staunen. Das heilsame Staunen.

Grafik: Simon Uschakow, 1685. wikicommons.


Text: 

 Albertus Magnus, Über die Eucharistie, übersetzt von Marianne Schlosser (Christliche Meister 64), Johannes Verlag Einsiedeln 2017, 198f. 

(Mit leichten Änderungen.)