Freitag, 21. Juni 2019

Die Welt von heute


Wenn eine Nation zerbricht, dann geschieht dies nicht von ungefähr. Das Zerbrechen hat seine Ursachen. Und die ersten Ursachen sind nicht die politischen oder ökonomischen, sondern die moralischen. Wenn eine Nation sittlich verlottert und also den Blick für das Wesentliche verliert, dann ist ihr Untergang nur mehr eine Frage der Zeit.

In seinem posthum erschienenen autobiographischen Werk Die Welt von gestern notiert Stefan Zweig (1881-1942):

»Suche ich mich redlich zu erinnern, so weiß ich kaum einen Kameraden meiner Jugendjahre, der nicht einmal blaß und verstörten Blicks gekommen wäre, der eine, weil er erkrankt war oder eine Erkrankung befürchtete (gemeint ist eine Geschlechtserkrankung, vor allem Syphilis), der zweite, weil er unter einer Erpressung wegen einer Abtreibung stand, der dritte, weil ihm das Geld fehlte, ohne Wissen seiner Familie eine Kur durchzumachen (auch hier ist auf die Geschlechtskrankheit angespielt), der vierte, weil er nicht wußte, wie die Alimente für ein von einer Kellnerin ihm zugeschobenes Kind zu bezahlen, der fünfte, weil ihm in einem Bordell die Brieftasche gestohlen worden war und er nicht wagte, die Anzeige zu machen.«

Zweigs Erinnerungsbuch widmet sich zumal Wien und der k. u. k. Zeit. Die Pseudomoral sieht er partout, zieht freilich aus dem Befund das fatale Fazit, als sei es im Grunde damit getan, das Pseudo zu streichen, um solcherart zur Genesung fortzuschreiten, so als wäre die Urgewalt des Eros mühelos zu bewältigen, wenn man ihn nur frei und ungezwungen, mit einem Wort humanistisch walten läßt.

Joseph Roth, Zeitgenosse Zweigs, kann einen eines Besseren belehren, gleich, ob man sich den Radetzkymarsch oder Die Kapuzinergruft zu Gemüte führt. Roths Helden sind allesamt humanistisch Gebildete. Aber was sagt das schon, wenn ihr Humanismus gleichsam leere Staffage ist, die – so am Ende des Radetzkymarsches – den jungen Trotta dahin bringt, daß er am Grab eines Gefallenen nicht einmal mehr das Vaterunser als letzte Zuwendung zuwege bringt?

Eine Zeit, die sich ihrer humanistischen Attitüde rühmt, ist kein Bollwerk gegen gleich welche Verführung, geschweige denn vermag sie der sittlichen Verwahrlosung zu wehren. Die Tage einer solchen Zeit sind gezählt und zu leicht befunden. Wenn Zweig, erwachsen geworden, im selben Erinnerungsbuch die jungen Menschen, die er nun erlebt, als »antikisch frei« verklärt, fern jeder Verklemmung, so als hätten diese jungen Menschen endlich die Bürde der Pseudomoral abgeschüttelt, dann ist dies bestenfalls eine Sottise.

Er hätte dazu nur die Geschichte einer österreichischen berühmten Familie studieren brauchen, um zu sehen, wie brüchig der hochgerühmte Humanismus und die ebenso hochgerühmte Kultur sind, wenn Allzumenschliches als Herausforderung auf einen zukommt.

In der Familie Wittgenstein, einer der reichen und angesehensten Familien der k. u. k. Zeit wie der darauffolgenden Jahrzehnte, geschieht 1931 und also bereits nach dem Zusammenbruch der Monarchie und ihrer von Zweig konstatierten Pseudomoral folgendes Hausdrama:

Der berühmte Pianist Paul Wittgenstein hat eine seiner Schülerinnen, die einundzwanzigjährige Bassia, geschwängert. Was tun? Das Normalste wäre, dazu zu stehen, zumal die finanziellen Mittel der überaus vermögenden Familie mehr als ausreichend sind, um die junge Frau zu unterstützen.

Aber es kommt anders. Die Schwester Pauls, Gretl, die berühmte Margaret Wittgenstein-Stonborough (von Klimt porträtiert), organisiert, gegen den Willen der jungen Mutter, die eigentlich das Kind behalten will, eine Abtreibung. Das Problem wird damit, wie man so sagt, aus der Welt geschafft. Später wird die junge Frau Gretl beschuldigen, sie zur Abtreibung gezwungen zu haben, und etwa ein Jahr nach der Abtreibung ist die junge Frau tot, gestorben an einem nach der verpfuschten Abtreibung aufgetretenen Krebs.

1931. Man weiß, wie es historisch weiterging. Ist es so erstaunlich, daß eine Nation, in der diejenigen, die kultiviert und bestens sozialisiert sind, die in der Gesellschaft Einfluß haben und als Leitbilder angesehen werden, gleichwohl rücksichtslos ein alltägliches Verbrechen begehen – denn das ist die Abtreibung – , daß eine solche Nation nicht bestehen kann, es sei denn, sie bekehrt sich?

Wir leben Jahrzehnte später, nicht mehr 1931. Doch wie steht es um das Heute?

Der Biograph der Familie Wittgenstein, Alexander Waugh, ebenfalls bestens ausgebildet, zudem Enkel des weltberühmten Schriftstellers Evelyn Waugh, schreibt ausführlich über dieses Abtreibungsgeschehen und die Folgen. Gretl, die Hauptakteurin der Tragödie, nennt er: »Gretl, mit ihrem großen Herzen (…).« Dazu erübrigt sich jedes weitere Wort.

Doch damit sind wir exakt im Heute, in unserer verwahrlosten Zeit, die sich nicht schämt, über besagte Gretl, eine Frau, die 1931 Horror in das Leben Etlicher gebracht hat, diesbezüglich zu notieren (so der Biograph): »Obwohl sie so viel getan hatte, um zu helfen (…).« Helfen? Ist das der Tiefpunkt der humanistischen Mimikry?

Grafik: Rainer Sturm / pixelio.de


Samstag, 15. Juni 2019

Helden



Daß die großen Tech-Firmen mehr und mehr zu Tech-Tyrannen werden, wird mehr und mehr offenbar. Gleich ob Google, youtube,Twitter oder Facebook – wer nicht in die Agenda der Globalisten paßt, wird gnadenlos zensiert und ausrangiert. Das ist keine Verschwörungstheorie, sondern nackte Wahrheit.

Jetzt das neueste Beispiel.

Ein junger Software-Ingenieur bei Pinterest, dem Social-Media-Giganten, der 300 Millionen Nutzer für sich verbucht, wurde Knall auf Fall die Kündigung unter die Nase gehalten. Denn Eric Cochran, so der Name des Helden in the brave new world, hatte Project Veritas, einem Privatunternehmen in den Staaten, welches die Machenschaften von Firmen aufdeckt, Unterlagen zugespielt, aus denen klar hervorgeht, wie Pinterest mißliebige Personen klammheimlich ausschaltet.

Getroffen hatte es Lila Rose und ihre Plattform Live Action. Rose ist seit Jahren eine der profilierten Lebensschützerinnen in den USA. Ihre Internetpräsenz gehört zu den meist frequentierten in der pro-life-Bewegung. Rose ist immer wieder Gast in Talkshows und versteht ihre Positionen bestens argumentativ zu vertreten.

Was machten nun die Macher von Pinterest?

Sie rubrizierten Live Action bewußt unter dem Label Pornographie, um es derart zu blockieren und für Nutzer unauffindbar zu machen. Cochran, der Whistleblower, belegt an den nun veröffentlichten Dokumenten, wie Pinterest, welches sich als tolerant und weltoffen präsentiert, tyrannisch diejenigen verbannt, die Inhalte vertreten, die christliche Prinzipien vertreten, etwa die unhintergehbaren Fundamente des Lebensschutzes. Und die anderen Tech-Tyrannen sekundieren: Youtube etwa sperrt das enthüllende Video von seiner Plattform, um Pinterest derart reinzuwaschen.

Cochran wörtlich in einem ersten Interview nach seiner Entlassung:

»Es geht um Abtreibung. (…) Sie (die Tech-Giganten) verteidigen zu 100% die Abtreibungslobby. Und die Lebensschützer, die es in den großen Tech-Firmen gibt – und es gibt sehr viele – sie müssen zu Project Veritas kommen und offenlegen, was passiert. Es ist notwendig, daß sie, so wie ich es gemacht habe, diese Tech-Konzerne dahin bringen, daß sie explizit öffentlich zugeben, daß sie auf Seiten der Abtreibungslobby stehen.«

Eric Cochran, Lila Rose: Mutig. Intelligent. Pro-life. Helden für heute.

Freitag, 7. Juni 2019

Die Wahl


»Man kann aus dreierlei Beweggründen handeln – als Affe, als heidnischer Philosoph oder als Christ. Wer sich mit den rein sinnlichen Dingen begnügt, ahmt das Wissen und Wirken des Affen nach, der allerdings neugieriger als jedes andere Tier ist und nachäfft, was er andere tun sieht.«

Sel. Niels Stensen
(Arzt, Wissenschaftler, Bischof, 1638 - 1686)


Grafik: Photo by Audronė Locaitytė on Unsplash

Freitag, 31. Mai 2019

Benedicere


Dann führte er sie hinaus in die Nähe von Betanien. Dort erhob er seine Hände und segnete sie.
Und während er sie segnete, verließ er sie und wurde zum Himmel emporgehoben; sie aber fielen vor ihm nieder. Dann kehrten sie in großer Freude nach Jerusalem zurück.
Und sie waren immer im Tempel und priesen Gott.
So beschließt der Evangelist Lukas seinen Bericht über die Himmelfahrt Jesu. Der Abschied Jesu von seinen Jüngern vollzieht sich segnend. Dieser Segen ist kein ephemeres Ereignis, sondern eines der Ewigkeit. In diesem Segen sind die Jünger des Herrn fortan geborgen. Er ist ihre Rüstung, ihre glorreiche Imprägnierung.

Und wie ist die Reaktion der Jünger?

Die Prostratio (als niederfallendes Anbeten des Herrschers des Weltalls), die Freude (als überragendes Erfülltwerden mit der göttlichen Verheißung) und der Lobpreis.

Das Lateinische, ebenso wie das Griechische, verwendet für die beiden Handlungen des Segnens und des Lobpreisens das identische Wort: benedicere beziehungsweise eulogein.

Das ist mehr als eine semantische Zufälligkeit. Hier kommt Wesentliches zur Sprache. Derjenige, der von Gott gesegnet wird, lobpreist. Es ist die naturgemäße Reaktion dessen, der den göttlichen Beistand empfängt und in diesem schützenden Mantel geborgen ist.

Anders gesagt: Derjenige, der sich ganz öffnet für die Gabe des himmlischen Segens, der wird in diesem Segen eingetaucht in das Licht des Schöpfungsmorgens. In diesem Licht leuchten die Verhältnisse und Dinge und Beziehungen in ihrem reinen, ursprünglich gemeinten Dasein. In diesem Licht gibt es nicht den Widerstand gegen die Allmacht des Schöpfers, sondern einfach die nicht zu fassende, dankbare Anerkennung der Tatsache, Kind eben dieses Schöpfers zu sein.

Und da jeder Dank sich ausdrücken will, weil nämlich der Mund davon sprechen will, wovon das Herz voll ist, beginnt der Jubel der Lippen – der Preisgesang auf den gütigen Gott. Und da der Leib mitfeiern will, stimmt er ein in das Benedicere und verneigt sich – tief, und tiefer, da er auch dies anerkennt: Daß er Staub ist, der begnadet ist vom Licht aus der Höhe.


Grafik: Schnorr von Carolsfeld, Himmelfahrt Christi. commons.wikimedia

Freitag, 24. Mai 2019

Matt. Teil IV


Der Sklave
 
Niemand kennt den Toten. Ein herbeigerufener Dominikanerpriester kniet bei dem Toten nieder und betet. Die Ambulanz, die endlich eintrifft, bringt den Toten ins Spital Mater Misericordiae (Mutter der Barmherzigkeit). Die diensthabende Schwester Ignatius bereitet den Verstorbenen für das Begräbnis vor. Wer ist er? Ein armer Bettler? Einer, der herumzieht? Ein unbekannter armer Schlucker?

Als sie den Toten entkleidet, wird sie der Ketten an Matts Leib gewahr, die er offensichtlich bei früheren Aufenthalten, um im Verborgenen zu bleiben, abgelegt hatte.

In den Akten zum Seligsprechungsprozeß steht als Zeugenaussage:

„Mitten um seinen Bauch herum gab es zwei Ketten und einen verknoteten Strick. Die ein Kette hielten wir für eine Kette, wie man sie gewöhnlich als Pferdestrang benutzt, die andere war etwas dünner. Beide waren durch einen verknoteten Strick miteinander verflochten, und mittels Schnüren waren Medaillen an der Kette befestigt. Beide waren verrostet und tief in das Fleisch eingegraben. Am linken Arm wurde gleichfalls eine dünne Kette gefunden, die straff oberhalb des Ellbogens gewunden war, und am rechten Arm war oberhalb des Ellbogens eine verknotete Schnur. An seinem linken Bein war unterhalb des Knies rundherum eine Kette mit einer Schnur gewickelt, und am rechten Bein gab es, in der gleichen Position, einen schwer verknoteten Strick. Um seinen Hals gab es einen sehr schweren Rosenkranz; daran waren große und viele religiöse Medaillen angebracht. Einige der Medaillen hatten die Größe einer halben Crown-Münze, andere waren gewöhnliche Medaillen der Sodalitäten.“

Torheit? Ja, Torheit. Die Torheit des Kreuzes. Die Torheit dessen, der sich gebunden und ausgeliefert weiß an die Unbegreiflichkeit Gottes und dies durch die Hände der Muttergottes. Die Torheit dessen, der Sklave der Liebe sein will.

Denn was heißt Sklave? Es heißt, daß das eigene Leben nicht mehr einem selbst gehört, sondern einem anderen. Man selbst ist enteignet, der Andere hat das Verfügungsrecht auf all das Meine. Doch anders als bei dem traditionellen Begriff von Sklave, der etwa an gewalttätige Verschleppungen von Sklaven des afrikanischen Kontinents denken läßt, ist der geistliche Sklave ein freiwilliger Sklave. Und das ist entscheidend. Man nimmt ihm nicht das Leben, sondern er gibt es freiwillig hin, aus Liebe, und darin seinen göttlichen Meister nachahmend.

Der heilige Ludwig Maria Grignion de Montfort (gestorben 1716) hat die Bedeutung der spirituellen Sklavenschaft neu zum Leben erweckt, dabei den Schwerpunkt darauf legend, daß die Sklavenschaft mit Maria gelebt wird.

Grignions Intuition ist kein Spleen, keine spirituelle Überzogenheit, sondern fußt geradewegs in der Heiligen Schrift. Im berühmten Christushymnus des Philipperbriefes, einem der frühesten christlichen Bekenntnistexte zum Erlösungsgeschehen, in dem die Gesinnung Jesu Christi in knappen Schlüsselsätzen zusammengefaßt wird, schreibt der Apostel Paulus: Seid untereinander so gesinnt, wie es dem Leben in Christus Jesus entspricht: Er war Gott gleich, hielt aber nicht daran fest, wie Gott zu sein, sondern er entäußerte sich und wurde wie ein Sklave und den Menschen gleich (Phil 2,5f)

Hier fällt das Wort: doulos, Sklave. Unabgeschwächt, in aller Nacktheit und Deutlichkeit. Und der heilige Grignion de Montfort nimmt dieses Wort und seinen Inhalt in eben solchem Ernst an und macht es neu fruchtbar. In einem seiner Gebete an Christus, die Ewige Weisheit, schreibt er:

»Ewige Weisheit... ich bete dich an... in der Ewigkeit im Schoße deines Vaters und zur Zeit deiner Menschwerdung im Schoß deiner lobwürdigen Mutter Maria... Ich danke dir dafür, daß du dich selbst verleugnet und die Gestalt eines Sklaven angenommen hast, um mich aus der Sklaverei des Teufels zu befreien. Ich lobe und preise dich, daß du deiner heiligen Mutter Maria in allem untertan sein wolltest, um mich durch sie zu deinem treuen Sklaven zu machen. Aber ich habe das Gelübde und die Versprechen meiner Taufe nicht gehalten...«

Die von Grignion gewünschte Weihe an die Heiligste Dreifaltigkeit durch die Hände der Muttergottes – kurz Marienweihe genannt – ist die Umsetzung dieses Gebetes: Der sich Maria Weihende will endlich sein Taufversprechen leben und durch diesen Akt der Hingabe auf sanfte, kurze, vollkommene und sichere Weise der Gesinnung Christi gleichförmig werden, denn wer könnte ihn besser zur Christusförmigkeit erziehen als Maria, die Mutter Jesu, die vom Erlöser selbst gewürdigt worden ist, Gefäß seiner Menschwerdung zu sein?

Die Spiritualitätsgeschichte nach Montfort ist ohne Montfort nicht zu denken. Etliche religiöse Gemeinschaften – von unzähligen Privatgelübden und Privatinitiativen zu schweigen – verdanken ihren mächtigen Entstehungsimpuls der geistgewirkten Eingebung des Heiligen aus Rennes. Die Weihe an die Heiligste Dreifaltigkeit durch die Hände der Muttergottes wird ein Markstein in der Geschichte des geistlichen Lebens zumal im zwanzigsten Jahrhundert. Um nur einige Bewegungen zu nennen, deren Entstehung wie Spiritualität ohne die Marienweihe nicht denkbar wäre: Legio Mariae, Madonna House, Foyer de Charité.

Und es ist aus den Erinnerungen des heiligen Papstes Johannes Pauls II. bekannt, wie sehr Grignion die Frömmigkeit und den Lebensweg des Papstes prägte, bis dahin, daß sein päpstliches Wappen mit dem Leitspruch Totus tuus  (Ganz der Deine) direktes Kürzel der Marienweihe ist.

Matt seinerseits ist ein leuchtender Zeuge in dieser Überlieferungskette. Vermutlich  um das Jahr 1913 liest er Grignions Werk der Vollkommenen  Hingabe an Maria. Darin empfiehlt der Heilige im Kapitel Die besonderen Übungen der Ganzhingabe als ein geistliches Exerzitium unter anderen, welches die Abhängigkeit von der Muttergottes sowie die Nachfolge des Gekreuzigten sichtbar machen soll, das Tragen eiserner Kettchen. Matt, der nicht für halbe Sachen zu haben ist, setzt, mit Zustimmung seines geistlichen Begleiters, diese Praxis in die Tat um, und dies in direkter, leidenschaftlicher Weise, indem er die ursprüngliche Intuition des heiligen Grignion de Montfort ungeschmälert, unmittelbar, ohne jede geschmäcklerische Interpretation oder Verkürzung lebt.

»Warum zögern wir, das Wort Sklave zu benutzen? Wir haben nicht gezögert, Sklaven der Sünde zu werden«, gibt Catherine de Hueck-Doherty, die Gründerin der geistlichen Gemeinschaft Madonna House einmal zu bedenken.

Matt gibt dem Wort seine Dignität zurück, indem er mit den Augen der Immaculata den Sklaven Jesus Christus betrachtet. Und diesem Sklaven, der arm wird unsretwegen, der Seine Herrlichkeit verläßt um unseres Heiles willen, ja dessen ganzes Leben Sklavendienst ist pro nobis – diesem Sklaven will Matt ähnlich werden. Und die Ketten um Matts Leib sind sichtbarer Ausdruck seines Lehnsverhältnisses, die ihn täglich gemahnen an das Wesentliche: Daß sein Leben nicht ihm gehört, sondern seinem Herrn, und daß er folglich sein Leben für seinen Herrn hingeben will und für die Mitmenschen, die ihm der Herr anvertraut.

Und damit drücken die Ketten Matts wie selbstverständlich auch dies aus: Matt geht den Weg nicht allein, sondern strikt mit Maria, denn auch der Herr hat den Weg über seine Magd Maria genommen (für welchen Titel – Magd – im übrigen der griechische Text des Neuen Testaments gleichfalls das Nomen doule wählt).

Die moderne Ikone, die das Geheimnis Matts widerzuspiegeln versucht, drückt dieses Wesen der vollkommenen Dienerschaft oder – um mit Grignion zu sprechen – der esclavage d'amour et de volonté (Sklavenschaft der Liebe und des Willens) – sehr gut aus.

Man sieht den ehrwürdigen Diener Gottes Matt kniend, rosenkranzbetend, vor einem Bild der Muttergottes mit Kind. Um den Leib Matts windet sich eine Kette, die ihren Ausgang nimmt am Muttergottesbild. Matt hat sich freiwillig  wortwörtlich an Maria und ihren Sohn gebunden. Die Rosenkranzkette in seinen Händen ist die geistliche Schnur, welche die vollkommene Hingabe Matts noch einmal im Zeichen des Gebets versinnbildet. Und genau so, als Angeketteter, der sich ohne jeglichen Vorbehalt restlos in den Dienst der Muttergottes und Jesu Christi stellt, wird Matt der wahrhaft Freie. Denn die zerstörerische Kette, die ihn jahrelang fesselte und niederdrückte, die Kette der Sucht, liegt zerbrochen vor Matts Füßen. Die Alkoholflasche hat keine Gewalt mehr über Matt, dessen Leben nun seinem Meister Jesus gehört.

Und es mag ein Hinweis darauf sein, daß die  Haltung der Ganzhingabe, der freiwilligen Abhängigkeit von Maria und ihrem Sohn, durchaus schriftgemäß ist, wenn auf der Ikone neben dem knienden Matt die Heilige Schrift zu sehen ist, quasi als verbriefte autoritative Besiegelung seines geistlichen Weges.

Wie oft und in wie vielen heiligen Messen hat der Katholik das Herrenwort gehört: Getrennt von Mir könnt ihr nichts tun (Joh 15,5), oder jenes des heiligen Paulus: Obgleich ich frei von allen bin, habe ich mich für alle zum Sklaven gemacht, um möglichst viele zu gewinnen (1 Kor 9,19).  Hier ist einer, der diese Worte hört und nie mehr vergißt. Der sein Leben jeden Tag mehr umgestalten läßt in das heilige Wort hinein, bis schließlich am Ende seines Lebens die Ketten, die er trägt, mit seinem Fleisch verwachsen sind.

Für Grignion war es selbstverständlich, daß die Marienweihe ein Akt ist, der eine Seele voraussetzt, welcher Gott in besonderer Weise dieses Geheimnis der Weihe anvertrauen will. Darum spricht Grignion diese Seele bevorzugt mit den Worten an: Ame prédestinée – Du auserwählte Seele. Es ist die Seele mit dem einfachen, reinen Blick, die bescheidene, demütige Seele. Denn das Wunder der Umgestaltung in Christus, auch dies läßt sich an Matts Leben ablesen,  geschieht in gänzlicher Bescheidenheit.

Als Matt auf der Straße zusammenbricht, weiß niemand der Herbeieilenden, wer da auf dem Erdboden liegt. Es sagt mehr als tausend Worte, daß erst die Entkleidung, nach Matts Tod, Matts Geheimnis aufstrahlen läßt.

Und noch einmal mehr als viele Worte sagt die Tatsache, daß nur ein Foto von Matt auf die Nachwelt gekommen ist, ein Foto zudem, welches zugleich enthüllt und verbirgt. Denn Matt scheut das Spektakuläre. Auch darum ist er der Heilige für uns, die wir heute in der Flut der Sensationen und Spektakel und Nichtigkeiten unterzugehen drohen. Da ist es gut, Matt in seine stille Kammer zu folgen, ihn niederknien zu sehen und gemeinsam mit ihm ein Armer zu werden.

Papst Paul VI. hat Matt am 3. Oktober 1975 zum Ehrwürdigen Diener Gottes ernannt.


Wer mehr wissen will
Morgan Costelloe, Matt Talbot. Hope for Addicts, Dublin 2005.
Eddie Doherty, Matt Talbot, Combermere, Canada 2011 (Madonna House Publications).
Maria-Viola Wildenhain, Ein Mann aus Dublin, Leipzig 1980.
Homepage der Diözese Dublin zu Matt Talbot: http://www.matttalbot.ie/

Donnerstag, 16. Mai 2019

Matt. Teil III


Der Beter

Nach unzähligen durchzechten Sonnabenden ist es ein Sonnabend – der Tag, der im liturgischen Leben der katholischen Kirche seit je als Tag der Muttergottes begangen wird - , an dem die Wende in Matts Leben eintritt. Die voraufgegangene Woche ist er, wiewohl er ansonsten ein zuverlässiger Arbeiter ist, bei seiner Arbeitsstelle nicht angetreten. Er trinkt und trinkt. Der Tiefpunkt ist erreicht. Am Sonnabend stellt er sich, zusammen mit seinem Bruder Philipp, an einer Straßenecke auf, wo auf jeden Fall seine Arbeitskollegen mit dem soeben ausgezahlten Lohn vorbeikommen müssen. Matt, der kein Knauser ist und dessen Großzügigkeit man kennt, hofft, daß die Kollegen heute ihn und den Bruder zum Stammtisch einladen werden, da sie beide zurzeit mittellos sind. Aber es kommt anders. Ganz anders.

Die Kollegen grüßen zwar kurz, gehen aber dann an Matt und seinem Bruder vorbei, ohne ein Wort der Einladung auszusprechen. Das trifft. Als er sich schließlich abwendet und nach Haue geht, ist er nicht mehr derselbe. Am selben Sonnabend, wenige Stunden später, sagt er seiner Mutter, die sich wundert, daß ihr Sohn heute früher als sonst nachhause gekommen und zudem nüchtern ist: „Ich mache das Versprechen.“

Elizabeth weiß sogleich, was damit gemeint ist. Denn das Versprechen ist ein Begriff, den man in Dublin kennt. Begründet durch den Kapuzinerpater Father Matthew, ist das Versprechen ein Nüchternheitsgelübde und meint die Tatsache, daß ein Alkoholkranker vor Gott verspricht, zukünftig sich des Alkohols zu enthalten. Eben dazu ist Matt nun bereit. Er macht sich auf den Weg zum Erzbischöflichen Priesterseminar, legt dort bei einem Priester die Beichte ab und gibt das Versprechen der Enthaltsamkeit für zunächst drei Monate. Am nächsten Tag, dem Sonntag, empfängt er nach einer furchtbaren Nacht zum erstenmal wieder nach langer Zeit den Leib des Herrn.

Die nächsten Wochen, Monate und wahrscheinlich auch Jahre sind Zeiten des Kampfes, der Versuchungen, der Entzugserscheinungen. Wenn die Versuchung ihn zu überwältigen droht, sagt er sich, daß er ja nach drei Monaten wieder zu trinken beginnen könne. Tatsächlich aber legt er nach Ablauf der drei Monate neuerlich das Versprechen ab und zwar wiederum für drei Monate; nach dieser Frist erneuert er das Versprechen bis zum Ende des Jahres und schließlich auf immer.

Einmal hält er es nicht mehr aus und geht in ein Gasthaus. Er will wieder trinken. Aber merkwürdigerweise kommt in dem geschäftigen Betrieb niemand zu ihm, um seine Bestellung aufzunehmen, so daß er schließlich aufsteht und das Lokal verläßt. Aufgrund der überwundenen Versuchung faßt er den Entschluß, fortan kein Geld mehr in der Tasche mitzunehmen.

Ungezählte andere Male hält er sich bis spätnachts in den Kirchen Dublins auf, um dort, im schützenden Raum des Heiligen, vor jeder Anfechtung beschützt zu sein. Und Gott kämpft für Matt.

So an dem Tag, als der Dämon ihn schrecklich quält. Er will zur heiligen Kommunion gehen, aber eine unbezwingbare Macht hält ihn an den Boden gefesselt, so daß er wie gelähmt ist, während ihm die verführerische Stimme einflüstert, er werde mit dem Trinken nie aufhören, es sei umsonst. In der zweiten Kirche, die er aufsucht, wiederholt sich diese schreckliche Trostlosigkeit. Und ebenso in der dritten Kirche. Auf den Stufen der Dubliner Pro-Kathedrale fällt er schließlich auf die Knie und betet mit ausgebreiteten Armen: Jesus, hab' Erbarmen, Maria, hilf, Jesus, hab' Erbarmen, Maria, hilf. Und es wird ihm geholfen.

Denn Matt hört nicht auf zu beten. Er weiß aus Erfahrung, daß er die Kraft zum Durchhalten nur im Gebet findet. Aus Matt wird in den nächsten Jahren und Jahrzehnten der große, sehr große Beter und Büßer. Der Bußpsalm Misere gehört zu seinen bevorzugten Gebeten. Täglich betet er den Rosenkranz, seine Liebe zur Muttergottes ist kindlich-überschwänglich. Die verlorenen Jahre der Sucht und des Eigennutzes bereut er und wandelt sie gleichsam zu Gold in dem neuen Leben asketischer Einfachheit und Strenge.

Die Mutter, die er nach dem Tode des Vaters zu sich in sein bescheidenes Zimmer nimmt, sieht, in der Nacht aufwachend, wie ihr Sohn aufrecht kniend im Gebet versunken ist. Matt selbst ist alles Zurschaustellen zuwider. Er ist der Arbeiter, der seiner Arbeit nachgeht und im Stillen unauffällig weiterbetet, auch, wenn möglich, in den Pausen während der Arbeit, wo er sich bescheiden in einem unbemerkten Winkel zurückzieht.

Drei Stunden Schlaf genügen ihm. Um fünf Uhr früh geht er zur heiligen Messe. Danach nimmt er ein karges Frühstück zu sich und geht zur Baustelle, wo er um sechs Uhr mit der Arbeit beginnt. Als die Frühmesse eines Tages auf ein Viertel nach sechs Uhr verlegt wird, kündigt Matt seine Stelle und tritt in einen Holzhandel ein, da ihm nur durch diesen Arbeitswechsel gewährleistet ist, weiterhin vor Arbeitsbeginn am heiligen Meßopfer teilzunehmen. Denn das Zentrum seines Lebens ist die Heilige Messe und der Empfang der heiligen Kommunion.

An Sonntagen besucht er gleich mehrere heilige Messen. Zeugen, die ihn bei der heiligen Feier wahrgenommen haben, sprechen von seiner wunderbaren Andacht und dem ehrfürchtigen Hingerissensein in das Geheimnis. Man sieht ihn stets kniend, aufrecht, ohne sich abzustützen. Er setzt sich nie in der heiligen Messe. Wenn das Kirchentor noch geschlossen ist, kann es sein, daß der Mesner, wenn er das Tor aufsperrt, Matt bereits betend auf den Kirchenstufen antrifft. Andere sehen ihn vor dem Beginn der heiligen  Messe immer wieder betend vor der Statue Unserer Lieben Frau am Marienaltar oder sie sehen ihn versunken vor dem Kreuz.

Zum Gebet kommt das Fasten und kommt das Almosengeben. Er ißt wenig. Seine Bedürfnisse schränkt er auf das Lebensnotwendige ein. Zwei Anzüge genügen ihm, einer zum Arbeiten und der andere zum Gang in die Kirche, denn wenn man den Herrn besucht, zieht man sich festlich an. Sein Bettpolster ist ein Holzbrett. Von dem schwer verdienten Lohn gibt er das, was ihm übrigbleibt, weg – für arme Familien, für die Priesterausbildung, für die Mission. In dem einzig erhaltenen Brief von seiner Hand, beigelegt einer Spende und verfaßt am 31. Dezember 1924, einem halben Jahr vor seinem Tod, stehen die rührenden Zeilen: „Matt Talbot hat die letzten 18 Monate nicht gearbeitet. Ich war krank, und der Priester und der Arzt hatten mich schon aufgegeben. Ich denke, ich kann nie wieder arbeiten. Hier haben Sie ein Pfund von mir und zehn Schillinge von meiner Schwester.“

Das ist Matt. Der auferstandene Matt. Zwei Stecknadeln, angebracht in Kreuzesform am Ärmelaufschlag erinnern ihn unauffällig an die Botschaft der Liebe, die ihn trägt und verwandelt und antreibt. Die Kollegen erleben ihn stets freundlich und geradlinig. Sie merken, daß Barney, wie sie ihn nennen, ein anderer geworden ist, auch wenn ihnen entgeht, wie tief die Wandlung ist, die Matt ergriffen hat. Matt ist nicht länger der Mann, der seine Abende in Wirtshäusern vergeudet, aber das heißt nicht, daß er auf seine Kollegen herabschaut. Er betet auch für sie und hilft, wo er zu helfen vermag. Und er ist Mitglied der Gewerkschaft, weil ihm das bedrückende Los der Arbeiter zu Herzen geht.

Dublin verläßt Matt nie. Seine Welt ist hier, sein Wirkungskreis ist hier: verborgen, unaufdringlich, in treuer, alltäglicher Beharrlichkeit. Er bleibt unverheiratet, wiewohl es die Aussicht auf eine Heirat gibt. Doch nachdem er eine Novene gebetet hat, weiß er, daß der Herr von ihm will, unverheiratet zu bleiben. Stattdessen ist er Mitglied frommer Gemeinschaften und Mitglied des Dritten Ordens der Franziskaner. Am 4. Mai 1890 unterschreibt er seine Mitgliedschaft im Herz-Jesu-Bund, wo er die lebenslange Abstinenz verspricht sowie die Sühne für die Sünden der vergangenen Sucht.

Und die Heiligen werden seine Freunde. Die frühen irischen Mönche in ihrer Entschiedenheit, ihrer Unbedingtheit und ihrem Feuer haben es ihm angetan. Matts Bußpraxis gemahnt an deren Eifer. Aber auch die Heiligen, die in ihrer Jugend gesündigt haben, ziehen ihn an. Er liest die Bekenntnisse des heiligen Augustinus und er liest über Margarete von Cortona. Und dann all die anderen heiligen Freunde, die ihm Vertraute werden: Der heilige Ignatius von Loyola, die große und die kleine Theresia, die heilige Caterina von Siena, der heilige Franz von Sales, Kardinal Newman und naturgemäß Franziskus, dessen Braut Armut in Matts Herz das offene, willfährige Echo findet.

Denn Matt bleibt der arme Matt, er gehört den Kleinen an, die der Herr im Evangelium seligpreist. Doch dieser Kleine, der gerade mal zwei Jahre Schulbildung absolviert hat, ist kein tumber Tor, sondern ein eifriger Leser, der Nahrung findet im geliebten göttlichen Wort der Bibel, welches er tagein tagaus aufnimmt, in den Heiligenviten, in den Schriften der geistlichen Lehrmeister und in den Lehren der Kirche. Und wenn Matt auf Stellen trifft, die er nicht auf Anhieb versteht, dann bittet er seine Priesterfreunde, die ihm bereitwillig weiterhelfen auf seinem Weg der Heiligkeit, um Aufklärung.

Denn auch dies zeigt Matts Leben: Wer die Kirche liebt, der wird von der Kirche herrlich geführt. Wunderbare Priester stellt die Vorsehung an Matts Seite. Nachdem ihn jahrelang der Dominikanerpriester Father James Walsh geistlich begleitet und in die Reichtümer der spirituellen Überlieferung eingeführt hat, findet er nach dessen Tod 1915 in dem fünfzehn Jahre jüngeren Monsignore Michael Hickey, einem heiligmäßigen Priester und Beichtvater, den neuen geistlichen Seelenfreund, der ihn unterstützt, führt und oftmals in seinem bescheidenen Zimmer besucht, wenn nötig auch, um seinen Schützling um dessen fürsprechendes Gebet zu bitten.

Matt, der robuste, zuverlässige Arbeiter, der die letzten Jahrzehnte eigentlich nie ernsthaft krank gewesen ist, ist bereits in seinen Sechzigern, als er in einem Dubliner Spital stationär aufgenommen werden muß. Er ist herzleidend. Die Arbeit am Holzplatz fällt ihm zusehends schwerer. Aber er liebt seine Arbeit, und die vier Wochen im Spital, fern von seiner geliebten Beschäftigung, müssen ihm wie eine Art Zeitverschwendung vorgekommen sein. Wenn es irgend geht, ist er in der Kapelle des Spitals und kniet vor dem Tabernakel. Als er schließlich entlassen wird, freut er sich darauf, bald wieder arbeiten gehen zu können. Tatsächlich aber ist die Zeit, die ihm noch verbleibt, eine Frist, die gekennzeichnet ist durch Abbau der Kräfte, Krankheit, Spitalsaufenthalte und Vorbereitung auf den Tod.

Dabei bleibt Matt der anspruchslose Patient, der nichts begehrt, nichts fordert. Als man ihn eines Tages auf seinem Zimmer vermißt und überall nach ihm sucht, findet ihn die zuständige Schwester schließlich dort, wo Matts Zuhause ist: In der Kapelle, beim Herrn. Und als sie ihm leise Vorhaltungen macht, entgegnet Matt mit seinem üblichen ruhigen Lächeln: „Ich habe den Schwestern und den Doktoren gedankt, und ich dachte, es ist nur richtig, dem Großen Heiler Dank zu sagen.“

Der Große Heiler kommt zu Matt am 7. Juni 1925. Es ist der Dreifaltigkeitssonntag. In der Frühe hat Matt die heilige Messe in der St. Franz Xaver Kirche besucht. Danach geht er wie gewohnt nach Hause zu seinem spärlichen Frühstück. Da er sich schwach fühlt, ruht er ein wenig aus, um sodann aufzubrechen und – wie an so vielen Sonntagen in den letzten Jahren und Jahrzehnten – eine zweite Sonntagsmesse zu besuchen. Er macht sich auf den Weg zur Zehnuhrmesse in der Erlöserkirche. Es ist ein sommerlicher Tag. Als er auf der Straße zusammenbricht, kommt eine Frau, die den Sturz gesehen hat, mit ihrem Sohn hinüber zu dem auf den Boden Liegenden. Sie tragen ihn über die Straße, wollen ihn ins Haus bringen, legen ihn aber zu guter Letzt nieder. Es ist gegen neun Uhr vierzig. Und vielleicht hört Matt, als er hier, am Boden liegend, schließlich seine Seele dem Schöpfer zurückgibt, noch einmal die Glocken der Erlöserkirche, die sonntäglich zum Heiligen Meßopfer läuten. 

Freitag, 10. Mai 2019

Matt. Teil II

 
 
Das Dublin, in dem Mathew Talbot am 2. Mai 1856 geboren wird, ist nicht die glitzernde Weltstadt des 3. Jahrtausends. Nicht einmal zehn Jahre vor Matts Geburt wird Irland von einer schrecklichen Hungersnot heimgesucht, der etwa eine Million Menschen zum Opfer fallen. Dublin, die spätere Hauptstadt der grünen Insel, beherbergt in seinen Fabriken und in seinen Docks am Hafen eine Vielzahl von Arbeitern, die mühsam ihr Leben fristen. In großen, eintönigen Mietskasernen in den Vorstädten leben oft vielköpfige Arbeiterfamilien auf engstem Raum beisammen; so auch die Familie Talbot.

Zwölf Kinder sind sie, neun Söhne und drei Töchter. Matt ist der Zweitälteste. Zwei Brüder sterben noch im Kindesalter. Vier weitere Brüder sterben als junge Männer, offensichtlich vom Alkohol verbraucht. Charles, der Vater, ist gleichfalls Trinker, wie überhaupt die Trinksucht unter den Arbeitern das grassierende Übel ist.

Elizabeth Talbot, Charles Frau, versucht ihr Bestes, um den alltäglichen Belastungen und dem drohenden Ruin gegenzusteuern. Elfmal muß die Familie übersiedeln. Die Trunksucht droht die Familie zu zerstören. Doch Elizabeth bleibt der stille Halt in der Familie, die unermüdlich Betende, die sich am Rosenkranz festhält und die Hoffnung nicht aufgibt. Ihrem Gebet und ihren Bitten ist es zu verdanken, daß schließlich der Vater mit der Wirtshausgeherei aufhört und seinen Lohn nicht länger vertrinkt.

Der Trinker

Mathew, kurz Matt genannt, absolviert, für arme Arbeitersöhne durchaus nicht unüblich, nur zwei Jahre Schule und tritt sodann mit erst zwölf Jahren ins Arbeitsleben ein - er wird Laufbursche in einer Weinhandlung. Das Arbeitsleben sagt ihm zu, zumal er kein Freund von langem Schulbanksitzen ist. Aber in der neuen Umgebung lernt er bald das, was ihn die nächsten Jahre verheerend niederdrückt. Ebenso wie eine Vielzahl seiner Arbeitskollegen nimmt er seinen an den Wochenenden ausgezahlten kärglichen Lohn, um ihn abends mit anderen Zechkumpanen in einer Kneipe zu vertrinken. Man kann ihm nicht nachsagen, er sei das Muttersöhnchen oder gar der Grünschnabel, der noch der Milch bedarf. Matt, obgleich erst zwölf, dreizehn, vierzehn Jahre alt, hält mit den Großen mit, und wenn er abends nach Hause kommt, legt er sich nieder, um seinen Rausch auszuschlafen.

Matts Vater, inzwischen trocken, sieht das Verhängnis und versucht, sei es durch Worte, sei es durch gelegentliche Prügel, den Sohn zu ändern. Aber keine Maßnahme fruchtet. Matt spürt zwar bisweilen die Scham des Säufers angesichts des Elends, welches er anrichtet, aber dies ändert nicht sein Verhalten. Die Sucht ist bereits dermaßen stark, daß Matt zum Gewohnheitstrinker geworden ist, der vom Trinken, trotz mancher gutgemeinter Vorsätze, nicht mehr lassen kann.

Der Vater, der im Hafen arbeitet, beschafft seinem Sohn dort eine neue Stelle, in der Hoffnung, daß dieser Arbeitswechsel und die Nähe des Vaters Matt zur Raison bringen. Aber auch diese Maßnahme erweist sich als vergeblich. Der Whisky ist fortan Matts bevorzugtes Getränk. Das Groteske dabei: Etliches, was an Whiskyflaschen durch die Hände der Zechbrüder geht, stammt aus den Lagerräumen, über die Matts Vater die Aufsicht führt. Diese empörende Entdeckung geht an Matt nicht spurlos vorüber. Zwar ist er bereits zu sehr dem Alkohol verfallen, um mit dem Trinken zu brechen, gleichwohl nagen die bedrückenden Zustände derart an ihm, daß er schließlich nach zwei Jahren die Arbeit kündigt. Bevor er eine neue Stelle ausfindig gemacht hat, vermittelt ihn sein Vater als Hilfsmaurer in eine neue Firma.

Matt ist jetzt achtzehn Jahre alt. Das Elend seiner Trinksucht wird noch weitere zehn Jahre andauern. Jahre, in denen er zugleich erlebt, wie, bis auf den ältesten Bruder John, alle anderen seiner Brüder unter dem Einfluß des Alkohols zusehends verfallen.

Die Wochentagslöhne verschwinden in den Kneipen. Zuhause gibt Matt seiner Mutter bisweilen einen minimalen Beitrag als Kostgeld, während Elizabeth weiterhin betet, verzeiht, ermahnt, hofft. Und ist die Scham, die trotz aller Verdunkelung in Matts Leben schwach glimmt, nicht auch Frucht der mütterlichen Tränen und Gebete? 

Eines Sonnabends, an dem Matt wie gewohnt in der Stammkneipe sitzt und mit den Zechkumpanen eine Sauftour abhält, kommt ein Fremder ins Gasthaus, der eine Geige unter dem Arm trägt. Der Unbekannte wird zum Mittrinken eingeladen. Der Whisky fließt reichlich. Als man merkt, daß die Rechnung heute höher ausfallen wird, entwendet Matt zusammen mit einem Kumpel klammheimlich das Instrument des Fremden und versetzt es gegen Bares in einem benachbarten Lokal. Darauf geht es zurück in die Stammkneipe. Als man spätnachts aufbricht, bemerkt der Fremde, daß seine Geige verschwunden ist. Er versteht die Welt nicht mehr, er versteht nicht, was man ihm angetan hat. Seine Klage, die unbeantwortet bleibt, wird Matt in seinem späteren Leben als peinigenden Stachel der Erinnerung immer wieder spüren. Und er wird in Wirtshäusern und Armenunterkünften nach diesem Fremden suchen, um wiedergutzumachen, was er dem Geigenspieler angetan hat. Und da er ihn nicht findet, wird er das Geld, das er damals für die versetzte Geige einstrich, in den Opferstock einer Kirche einzahlen, um heilige Messen für den Fremden lesen zu lassen und so seine Schuld zu begleichen.


Grafik: Statue von Matt in Dublin. wiki commons by Keresaspa - Own work, CC BY 3.0.

Freitag, 3. Mai 2019

Matt. Teil I


Sofort. So lautet das Schlagwort heute. Die Geduld gehört nicht zu den Tugenden des modernen Menschen, denn die Geduld gilt ihm als Methode der Vertröstung, des Aufschubs und also als Widerpart zur Mentalität des Sofort.

Wo allerdings das Sofort regiert, da ist die Sucht auf dem Sprung. Denn die Sucht verspricht den sofortigen Eintritt in die verlockenden virtuellen Paradiese. Dementsprechend breiten sich die Süchte heute epidemisch aus. Internetsucht, Alkoholsucht, Drogensucht, Pornographiesucht, Spielsucht... Hauptsache die schnelle Flucht aus der Realität findet statt.

Ein im deutschsprachigen Raum nahezu unbekannter Ire hat hundertfünfzig Jahre vor dem Flächenbrand der süchtigen Moderne die Sucht am eigenen Leib erfahren, und dies in sehr jungen Jahren. Man hätte ihn für verloren halten können. Ein Trinker, der noch ein Teenager ist, täglich dem Suff verfallen – wer würde für einen solchen ausweglosen Fall auch nur einen Deut geben?

Und doch, Matt Talbot, so der Name des scheinbar Verlorenen, geht nicht unter. Kraft der Gnade findet er zum wahren Leben.

Exakt darum ist Matt der passende Patron für unsere Zeit. Ihn sollten die Süchtigen anrufen. Denn Matt weiß, wie Befreiung geschieht, und er, Matt, wird den Verzweifelten beistehen, damit sie aus dem Gefängnis der Sucht herauskommen.

»Sei nie zu hart einem Mann gegenüber, der das Trinken nicht aufgeben kann«, so Matt. »Das Trinken aufzugeben (und man könnte ebenso gut sagen: Die Pornographie aufzugeben oder die Drogen oder eine andere Sucht) ist ebenso hart, wie den Toten wieder zum Leben zu erwecken. Aber beides ist möglich und sogar leicht für unseren Herrn. Wir brauchen nur abhängig zu sein von Ihm.«

Matts Geschichte: Die Geschichte einer Auferstehung.