Die Große
Von Kunst wird immer wieder behauptet, sie sei das Kind ihrer Zeit. Und als großer Künstler gilt dementsprechend vielen der, der seine Zeit adäquat zur Darstellung bringt.
Nun ist die Aussage, daß große Kunst die jeweilige Zeit der Entstehung spiegelt, eine banale Festellung. Schließlich bewegt sich der Künstler, noch wenn er im sprichwörtlichen Elfenbeinturm sich aufhielte, hier auf der Erde und nicht auf dem Saturn, und dementsprechend wird er, als aufmerksamer Zeitgenosse, mitbekommen, was in seiner Zeit passiert. Die Reduktion des Kunstwerks auf die jeweilige Zeit seiner Entstehung, wird dem Kunstwerk nicht gerecht.
Die großen Kunstwerke – wohlgemerkt die großen Kunstwerke - demonstrieren vielmehr geradezu alarmierend, daß das geschaffene Werk die jeweilige Zeit transzendiert und also Sachverhalte artikuliert, die über die jeweilige Zeit hinausgehen. Denn die jeweilige Zeit ist dürftig. Das Kunstwerk jedoch kündet von der Fülle.
Es hängt mit diesem über die dürftige Zeit hinausgehenden Charakter des großen Kunstwerks zusammen, daß es allzuoft in seiner Zeit nicht verstanden wird.
Schuberts neunter Symphonie wurde, auch in Folge der Schumannschen Bewunderung, der Beinamen Die Große verliehen. Die Zeitgenossen freilich, von wenigen Ausnahmen abgesehen, haben Schuberts Große keineswegs stürmisch akklamiert. Die Violinisten spöttelten über Feinheiten der Schubertschen Behandlung der Geigen. Die Hornisten fühlten sich überfordert. Das großzügige Prädikat Die Große vergab man nicht. Im verwöhnten Wien, Schuberts Heimatstadt, wurde die Symphonie erst 1850 und also 22 Jahre nach dem Tode des Komponisten ungekürzt aufgeführt.
Alles in allem dauerte es Jahre, bis die Symphonie gültig als das erkannt wurde, was sie tatsächlich ist: groß.
Und dies ist kein musikalischer Einzelfall. Was war mit Bachs Matthäuspassion? Was mit Bruckners Symphonien?
Die Regel für die Meisterwerke der Kunst scheint zu sein, daß sie in ihrer jeweiligen Zeit zu wiederholten Malen mißverstanden oder verkannt oder ignoriert werden. Denn das Zeitübergreifende, welches sie repräsentieren, ja, das Ewige, von dem sie künden, ist immer ein Skandalon in einer Welt, die nicht aufgestört sein will, sondern sich bürgerlich einrichtet. Das Ewige jedoch ist stets Movens des Aufbruchs. Wie das deutsche Wort es wunderbar aussagt: Auf-bruch. Ein Zerbrechen geschieht, und das ist schmerzhaft. Aber der Bruch ist nicht das Intendierte, sondern der Bruch ist Übergang. Übergang in das AUF.
Man höre den zweiten Satz von Schuberts Großer Symphonie. In der zweiten Fortissimo-Aufgipfelung geschieht gleichsam der Zusammenbruch. Und dann die Stille. Und dann der Aufbruch in das stille Unauslöschliche:
Grafik: Schuberts Brille. wikicommons

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