Samstag, 21. März 2026

Passionssonntag 2026

Über Franz Xaver (1506 - 1552), Sohn einer baskischen Adelsfamilie, Mitgründer des Jesuitenordens, Chinamissionar und, aufgrund seines unermüdlichen  Missionseifers, Patron sämtlicher Missionare, schreibt der katholische Prälat Ludwig Gschwind (in: Das Kreuz. Zeichen Christi, Augsburg 2004, 134f):

 »Franz Xaver [zog weiter] nach Malakka und auf die Molukken. Bei der stürmischen Überfahrt verlor Franz Xaver sein Kreuz, das ihn seit seinem Aufbruch aus Rom begleitet hatte. Als er schließlich wohlbehalten gelandet war, machte er einen Spaziergang am Ufer. Er traute seinen Augen nicht, als er sah, daß eine Krabbe sein Missionkreuz auf dem Rücken herantrug. Er sah dies als einen weiteren Hinweis, daß auf seinem Wirken Gottes Segen ruhe.« 

Die hier berichtete Geschichte ist weitaus mehr als eine wohlgefällige Anekdote aus der Zeit der katholischen Gegenreformation. Sie zeichnet in wenigen präzisen Strichen das, was der Zeitgenosse 2026 selten bis nie bedenkt: Die Heilsnotwendigkeit des Kreuzes Christi. Dort, wo, wie in den ehemals katholischen Ländern des Westens, Kreuze zunehmend abgehängt werden – sei es in Schulzimmern, in Gerichtssälen oder Spitälern – zeigt der Himmel selbst in der Biographie des heiligen Franz Xaver (und im Grunde der Lebensgeschichte aller Heiligen), daß das Kreuz kein verlorenes Requisit ist, sondern das Wasserzeichen der Schöpfung, von dem Heil und Segen ausstrahlen.

Die Heiligen verehren das Kreuz. Sie umarmen es. Und indem sie sich vor dem Kreuz, und das heißt vor dem Gekreuzigten, beugen, erfahren sie, wie das Holz des Gekreuzigten sie trägt.

Das ist kein frommes Geplapper, sondern Erfahrung jeder Zeit. Ich muß an eine fromme Frau denken, die plötzlich eine schwere Krebsdiagnose bekommt. Ich besuche sie und bin erschrocken über das sichtbare Ausmaß der Erkrankung. Wird die Erkrankte das Jahr überleben? Es vergehen Wochen, bis wir uns wiedersehen. Ich frage sie, ob es in den vergangenen Monaten eine Erfahrung oder eine Erkenntnis oder eine geistliche Gewißheit gegeben habe, die sie mir mitteilen wolle. Sie überlegt nicht lange. Sie sagt: »Ja, trotz allen möglichen Krisen – ich habe mich getragen gefühlt.« 

Der moderne, sich auf seine sogenannte Autonomie berufende Mensch verschmäht und verleugnet das Kreuz und hält sich viel darauf zugute. Seine tools, so der Neusprech, sind andere. Das Kreuz hat ausgedient. Die Konsequenz der Verschmähung ist jedoch nicht die Gesundung des modernen Menschen, sondern seine wachsende Atomisierung und Orientierungslosigkeit. Und vielleicht muß der westliche Patient, was wir ihm nicht wünschen, noch tiefer fallen, bis er im Abgrund der Verkommenheit und selbstgewählten Ausweglosigkeit neu das weggeräumte Kreuz hervorholt und ineins damit des Verlangens nach dem einzig rettenden Siegeszeichen eingedenk ist, welches die Heiligen mit den Worten begrüßt haben: Ave crux, spes unica (Sei gegrüßt, o Kreuz, einzige Hoffnung).

Der fünfte Sonntag der Fastenzeit wird nach der Überlieferung der Passionssonntag genannt. In den Kirchen des katholischen Erdkreises werden die Kreuze verhüllt. Doch dieses liturgische Verhüllen ist kein Verbergen, sondern ein tieferes Enthüllen. Wie so oft im menschlichen  Leben, wo erst ein Entzug die unermeßliche Kostbarkeit des Entzogenen neu erhellt, so mag das unter der violetten Farbe des Fastentuches verhüllte Kreuz – so die liturgische Hoffnung – eine innere Wunde der Sehnsucht zu erwecken, welche in ihrer süßen Schmerzhaftigkeit uns nachdenken läßt über das, was in unserem Leben wirklich zählt und trägt. Oder vielmehr: Wer uns trägt.

Grafik: wiki commons. Autor: Bene16

Samstag, 14. März 2026

 Laetare 2026

Alles, was der Herr gesagt hat, hat Er uns gesagt, damit Seine Freude in uns sei und unsere Freude vollkommen sei. Nun ist aber unter den Dingen, die Er uns gesagt hat, eines, das nicht den anderen gleicht und das unsere ganze Aufmerksamkeit verdient. Während das vom Herrn in Seinen Ermahnungen zur Freude vorangestellte Motiv immer ein Vorteil ist, den der ausnutzt,  der Sein Wort annimmt und es ausführt (z.B.: Mt 5,12: »Freut euch und frohlocket, denn groß ist euer Lohn«), sehen wir, daß am Ende des letzten Ostermahles, da Er im Begriffe ist, sich von den Seinen zu trennen, um Sich auszuliefern, in einem Augenblick also, wo jene, die alles um Seinetwillen verlassen hatten, sich rettungslos fühlten und mehr als je Trost nötig hatten, da sehen wir, daß der Herr sie plötzlich auffordert, sich zu freuen, aber diesmal nicht mehr, indem sie an einen Lohn denken sollten, sondern an Seine Freude. Und Er betont, daß dieses ihrerseits ein Beweis der Liebe sei: »Wenn ihr mich liebtet, würdet ihr euch freuen, daß ich zum Vater gehe (Joh 14,28).«

Das ist also die besondere Freude des Christen, seine Freude als Jünger des Herrn! Mit absoluter Sicherheit zu wissen, daß der Herr heute und für immer in einem Zustand der Glorie ist, den das Evangelium mit diesen Worten schildert: »Er sitzet zur Rechten Gottes« (Mk 16,19).

aus: Pius-Aimone Reggio O.P., Vergiß die Freude nicht  

Grafik:  Foto von Carlos N. Cuatzo Meza auf Unsplash

Samstag, 7. März 2026

 Imago Dei 

Ignatius. Bernadette. Jerzy A. Popiełuszko.

Drei Heilige. Sehr unterschiedliche Heilige.

Der erste ein Ordensgründer (Gesellschaft Jesu, SJ, Jesuiten), der durch seine Gründung bis heute weltweit wirkt. Die zweite eine Analphabetin, die gewürdigt wird, achtzehnmal die Muttergottes zu sehen, und die nach den Erscheinungen hinter Klostermauern verschwindet. Der dritte ein Priester, der während des polnischen Widerstands gegen das kommunistische Regime sein Leben in der Solidarność Bewegung einsetzt und schließlich von Männern des kommunistischen Staatsicherheitsdienstes entführt, gefoltert und ermordet wird.

Drei Heilige, deren Ausstrahlungskraft ungebrochen ist. Doch was ist letztlich dasjenige, was die Menschen zu den Heiligen zieht und sie nicht der Vergessenheit anheimfallen läßt? Als mögliche Antwort darauf könnte man einmal das Wort des heiligen Ignatius bedenken: »Wenige Menschen ahnen, was Gott aus ihnen machen würde, wenn sie sich nur ganz seiner Führung anvertrauten.«

Die Heiligen haben exakt das getan: Sich bedingungslos der Führung Gottes anvertraut. Das nennt man Glauben. Denn echter Glaube besteht darin, keine Bedingungen zu stellen, sondern alle Bedingungen angesichts der Größe und Güte Gottes ad acta zu legen, im Vertrauen darauf, daß Seine Pläne in jedem Fall und stets die besten sind. Und diesen Glauben der Heiligen, ob wir es uns bewußt eingestehen oder nicht, bewundern wir, weil wir insgeheim wissen, daß er die einzig angemessene Antwort auf die vorrangige Liebesinitiative Gottes ist.

Doch dieses innere Wissen ist allzuoft nur die eine Hälfte unserer Reaktion auf das Leben der Heiligen. Denn wiewohl wir gewohnheitsmäßig deren Leben, Taten, Entschiedenheit und Entschlußkraft bewundern, lassen wir zugleich eine Art inneren Vorbehalt in uns zu, indem wir auf das Herrenwort Jesu hin: Ihr nun sollt vollkommen sein, wie euer himmlischer Vater vollkommen ist (Mt 5,48) welches Wort ja an uns alle ergeht, routinemäßig erwidern: Schon, ja, das stimmt, aber… und mit unserem aber meinen wir, daß es halt bestimmte Menschen gibt, die besonders von Gott ausgezeichnet wurden, die Heiligen halt, während wir, der Durchschnitt, mit weniger Gnade über die Runden kommen müssen und also vom steilen Weg der Heiligkeit dispensiert sind.

Das ist natürlich verkorkste Theologie. Denn jeder von uns ist als imago Dei erschaffen, als Ebenbild Gottes. Das macht unsere unvergleichliche Stellung im Kosmos aus. Unsere Aufgabe ist es nicht, zu rechnen und zu schielen, wer wie viel Gnade abbekommen hat, sondern mit der Gnade, die uns zuteil wird, mitzuarbeiten, um so das Original zu werden, zu dem Gott uns berufen hat. Papst Leo der Große schärfte nicht umsonst den Gläubigen seiner Zeit die Weisung ein: »Mensch, erkenne Deine Würde!« 

Diese Würde ist keine billige Gnade, sondern verlangt als Antwort unsere Bereitschaft zum schmalen, engen Weg. Auch das steht im Evangelium: Geht durch das enge Tor! Denn weit ist das Tor und breit der Weg, der ins Verderben führt, und es sind viele, die auf ihm gehen. Wie eng ist das Tor und wie schmal der Weg, der zum Leben führt, und es sind wenige, die ihn finden (Mt 7,13f). 

Es bleibt, ohne wohlfeile Ausrede, folglich die Frage an uns: Wollen wir, wie die von uns bewunderten Heiligen, die Würde, den Weg, den Glauben? Wollen wir leben?

Grafiken: wiki commons

Samstag, 28. Februar 2026

 Ästhetik und Moral

Es ist Jahrzehnte her. Mit einem Freund sprach ich über Kunst und Architektur und über das, was Kunst aussagt. Es war uns klar, daß es die gleichsam nackte, neutrale Kunst nicht gibt. Eine gotische Kathedrale und ein Wolkenkratzer sind nicht nichtssagende architektonische Gebilde, sondern  Aussagen, die Weltanschauungen oder private Vorlieben oder Deutungshoheiten oder ideologische Konzepte spiegeln. Ich fragte den Freund irgendwann im Laufe dieses Gesprächs, was denn die Botschaft eines modernen Betonkomplexes sei. Darauf seine direkte Antwort: »Lärm.«

Die Antwort fand ich erstaunlich. Sie leuchtete mir auch ein. Und sie kommt mir wieder  in den Sinn, da ich über den englischen Architekten Augustus Welby Northmore Pugin (1812 – 1852) lese. 

Der Nachwelt ist Pugin, selbst wenn sein Name den Meisten unbekannt sein dürfte, gleichwohl ein Denkmal, weil er der Schöpfer des berühmten Glockenturms von Big Ben in London ist. Doch Pugins Einfluß reicht weiter als bis zu einer touristischen Sehenswürdigkeit. Der junge, hochtalentierte Architekt, der bereits fünfzehnjährig durch sein zeichnerisches Genie auffällt, macht seinen Zeitgenossen noch einmal klar, daß Ästhetik und Moral keine unverbundenen Glieder sind, sondern wesentlich einander bedingen, indem letztere die Grundlagen legt für die ästhetischen Wertvorstellungen, und also auch Architektur und Moral in einem Verwandschaftsverhältnis stehen.

Pugins Leitbild ist dabei die Gotik, zu deren Neubelebung er mit seinem Können eintritt. Was man, ihm folgend, schließlich Gothic Revival nennt, ist kein nostalgisches totes Erinnern, sondern die bewußte Aufnahme einer spirituellen Ordnung, da der gotische Stil in seiner unmißverständlichen vertikalen Ausrichtung das architektonische Zeichen setzt, welches dem Leben Orientierung, Sinn und Halt vermittelt. 

Doch wäre Pugins Vertiefung und Förderung der gotischen Gesinnung, die sich in etlichen von ihm gestalteten Kirchengebäuden ausdrückt, undenkbar ohne seine Konversion vom Anglikanismus zur katholischen Kirche im Alter von 22 Jahren. Ausschlaggebend für die Konversion ist unter anderem sein Kennenlernen der römisch-katholischen Liturgie. »Wer eine so erhabene Art zu beten und Gott zu verehren hat«, so er, »der muß in der Wahrheit sein, in der Wahrheit der göttlichsten Art.«

Das Kirchengebäude ist nicht Selbstzweck, sondern dient der Verherrlichung des göttlichen Meisters. Die Liturgie ist nicht Selbstzweck, sondern dient der Verherrlichung des göttlichen Meisters. Omnia ad maiorem Dei gloriam – Alles zur größeren Ehre Gottes. Der Zusammenklang von sinnstiftender Architektur, göttlicher Liturgie und katholischer Weisheit ist das ekstatische Aufstrahlen des splendor veritatis, des Glanzes der Wahrheit, welches Aufstrahlen, wenn es erfahren wird, das Leben ändert, nicht nur das Leben Pugins, sondern eines jeden Lebens.

»Ich lernte die Wahrheit der katholischen Kirche in den Krypten der alten europäischen Kirchen und Kathedralen kennen«, bekennt der britische Architekt. Seine Bauten und theoretischen Schriften fließen aus dem Ergriffenwerden von dieser lebensspendenden Wahrheit. Und diese Wahrheit, wen wundert’s, ist letztlich Lobpreis, darum besingt Pugin »die übermenschliche Schönheit der katholischen Kunst und Liturgie«.

Grafiken: Portrait Pugins von einem unbekannten Künstler. Entwurf für Altar- und Prozessionskreuze. Beide: wiki commons 
 

Samstag, 21. Februar 2026

 Wo läufst Du hin?

Das Thema der Fastenzeit ist die Bekehrung.

Das deutsche Wort drückt es sehr gut aus, denn es enthält das alte Wort kehr, welches die Wendung zum Ausdruck bringt, die Wende weg vom falschen Weg hin zum guten Weg. Das Grimmsche Wörterbuch notiert: »die kehre ist ursprünglich das wenden mit dem rosse, pfluge u. ä., besonders im turnier, im kampf zu ross, das wenden und rückgehn mit dem rosse zum neuen anlauf wider den gegner.«

Der Gegner im geistlichen Kampf der Fastenzeit ist oftmals kein Feind im Außen, sondern der Feind im Inneren. Meine Trägheit, meine falschen Gewohnheiten, mein Starrsinn, meine Lauheit, meine Ichsucht. Und die vierzig heiligen Tage wollen mein Bewußtsein schärfen für diesen inwendigen Menschen, damit dessen Weg nicht in die Irre geht.

Ein Bild von Max Hunziker, dem 1976 in Zürich verstorbenen Künstler, kann weiterhelfen.

Ein Mann im Sternengewand, sehr imposant die Mitte des Bildes ausfüllend, wird von einem Mann im blauen Gewand offensichtlich aufgehalten. Aber dieses Aufhalten ist kein brutales, sondern ein sehr menschliches. 

Drei Berührungen finden statt: Das Stirn an Stirn, die Hand auf der Schulter und die beiden sich berührenden Hände. Eine Brücke oberhalb der Hände deutet an, daß kein gewaltsames Trennen, sondern ein heilsames Verbinden stattfindet. 

Doch worum geht’s?

Hunziker hat in seine Grafik ein epigrammatisches Wort des schlesischen Barockdichters Angelus Silesius integriert, zu lesen am unteren Bildrand. Da heißt es:

Halt an, wo läufst du hin? Der Himmel ist in dir:
suchst du Gott anderswo, du fehlst ihn für und für.
Ist es das, was der Mann vergessen hat: Daß er ein Gezeichneter ist, nämlich ein von Gott Gezeichneter – Imago Dei, Ebenbild Gottes? Daß er, seitdem Gott ihn schuf, mit einem Sternengewand bekleidet ist?

Die Erfahrung des Davonlaufens vor der ureigenen Bestimmung ist eine Gefährdung, die in der Geschichte der Menschen immer wieder zur Sprache kommt. Um ein sehr prominentes Beispiel zu nennen: Augustinus. In seinen Bekenntnissen schildert er in schmerzlicher Retrospektive seitenlang seine Irrwege, die allesamt weg führten von seiner wesentlichen Berufung. Gerade weil er ein Hochbegabter war, waren seine Versuchungen, sein sittliches wie intellektuelles Vermögen zu verschleudern, markergreifend. 

Durch mehrere glückliche Fügungen in seinem tragischen Lauf schließlich aufgehalten und zur Besinnung gebracht, singt er, die Kehre vollziehend, dem Gott der Güte sein spätes ergreifendes Lied:
Spät habe ich Dich geliebt, Du Schönheit, ewig alt und ewig neu, spät habe ich Dich geliebt! Und sieh, bei mir drin warst Du, und ich lief hinaus und suchte draußen Dich, und häßlich ungestalt warf ich mich auf das Schöngestaltete, das Du geschaffen. Du warst bei mir, und ich war nicht bei Dir. Und was von Dir solang mich fernhielt, waren Dinge, die doch, wenn sie in Dir nicht wären, gar nicht wären. Du aber riefst und schriest und brachst mir meine Taubheit. Du blitztest, strahltest und verjagtest meine Blindheit. Du duftetest, und ich trank Deinen Duft und atme nun in Dir. Gekostet hab ich Dich, nun hungre ich nach Dir und dürste. Und Du berührtest mich, ich aber glühte in Sehnsucht auf, in Sehnsucht nach Deinem Frieden.
Und sieh, bei mir drin warst Du, und ich lief hinaus, Du warst bei mir, und ich war nicht bei Dir. Dies ist die kurze Zusammenfassung des falschen Weges. Doch der Schöpfer aller Dinge geht Seinem Geschöpf nach, weil Er nicht will, daß das kostbare Kind verlorengeht. 

Sei es ein Mann im blauen Gewand, sei es ein Engel, sei es ein biblisches Wort, das plötzlich in die Mitte der Existenz fällt und erhellt – der inwendige Mensch, wenn er bereit ist, sich aufhalten zu lassen, findet zu sich und seinen wahren Quellen. Und dann, und das will die Fastenzeit, erblühen neue Begegnungen, neue Wörter, neuer Atem, neues Gebet.

Grafik: Max Hunziker, Halt an, wo läufst du hin, 1955. © Verlag am Eschbach, Eschbach, Rechtsnachfolge: Ursula Kunz, Zürich. 

Samstag, 14. Februar 2026

 Quadragesima 2026

»In jedem Widerstand gegen die Arbeit erkennen wir den Widerstand des Menschen gegen Gott. Die Anstrengung, die der Mensch zur Verarbeitung und Veredlung der Materie aufwendet, ähnelt der Anstrengung Gottes, der sich bemüht, den Menschen zu veredlen. Gott verbessert unaufhörlich in uns Sein Werk, weil Er uns den göttlichen Stempel und das Licht Seines Antlitzes aufdrücken will.« 

Stefan Wyszyński, Der Christ und die Arbeit

Grafik: Christ and Adam at Chartres, by Jim Forest

Samstag, 7. Februar 2026

Endlich: Die Kurzfassungen (Version Mann / Version Frau) des Klassikers Abtreibungsüberlebende sind da.

Warum Kurzfassungen?
 
Wir leben bekanntlich in schnellen Zeiten: Schnelles Internet, schnelle Kommunikation, fast food … Umfangreiche Bücher haben da bisweilen einen schweren Stand. Darum der Entschluß, das so wichtige Buch Abtreibungsüberlebende (150 Seiten) in einer komprimierten Fassung (40 Seiten) herauszubringen, welche das Lesen erleichtert, ohne jedoch die maßgeblichen Inhalte zu unterschlagen.  
Zudem wurden zwei Versionen gedruckt – eine Version für Männer und eine für Frauen. 
 
Der Text bei beiden Versionen ist ident; doch die grafische Gestaltung ist unterschiedlich. Warum? Weil Frauen und Männer unterschiedlich wahrnehmen und darum bei diesem heiklen Thema auch unterschiedlich angesprochen werden sollen. Es ist ein Novum. Wir hoffen freilich, daß diese Neuigkeit Frucht bringt.
 
Der Gang der Lektüre ist ein therapeutischer. Wie das Cover bereits zeigt, ist die Ausgangssituation des Abtreibungsüberlebenden zunächst eine im wahren Wortsinn niederschmetternde. Gemeint ist ja mit dem Begriff eine Person, die irgendwann  in ihrem Leben weiß oder ahnt, daß sie eigentlich noch ein oder mehrere Geschwister hätte; doch diese Geschwister sind nicht unter uns - sie wurden abgetrieben. Was machen mit dieser vernichtenden Erkenntnis?
 
Oder mit dieser Einsicht: Irgendwann festzustellen, daß die eigenen Eltern damals in Erwägung gezogen hatten, abzutreiben (mich abzutreiben), doch wegen glücklicher Umstände scheiterte das Vorhaben, so daß ich, dessen Leben damals wortwörtlich an einem seidenen Faden hing, heute am Leben bin, tatsächlich überlebt habe?
 
Wer das kleine Büchlein liest, bleibt nicht bei der anfänglichen deprimierenden Diagnose stehen. Die Lektüre zeigt auch das Rettende auf: Den Weg aus der Niedergeschlagenheit in das Freie. In den Worten Hölderlins: Wo aber Gefahr ist, wächst / Das Rettende auch.   
 
Die rückseitigen Covers wollen eben diesen rettenden Impuls im Grafischen vergegenwärtigen: Ich will leben!
 
 
 
 
 
 
 
 
  
 
Ich will leben!
 
 
Zu bestellen sind die beiden Büchlein beim Immaculata Verlag: 
 
Der Preis pro Exemplar beträgt lediglich 3 Euros. 

Samstag, 31. Januar 2026

 Mariä Lichtmeß II

»Exil – das ist das Erste, was wir uns bewußt machen müssen – ist nicht dasselbe wie Heimatlosigkeit. Wenn wir im Exil sind, haben wir durchaus eine Heimat; wir sind nur gerade nicht dort. Im Exil zu sein ist also etwas Hoffnungsvolles – so hoffnungsvoll, daß ein Mensch im Exil nicht bereit ist, an dem Ort, an dem er sich gerade befindet, seßhaft zu werden und ihn auf Dauer zu seiner Heimat zu machen. Das ist keine negative Ablehnung der Welt um uns herum, sondern erinnert uns daran, sie ins rechte Verhältnis zu setzen: Diese Welt ist nicht unser Zuhause und deshalb sollten wir es uns darin nicht allzu gemütlich machen« (Scott Hahn & Brandon McGinley, Katholiken im Exil, 10).
Das ist die exakte Beschreibung des katholischen Standpunkts in dieser Welt.

Weil der Katholik derart steht und schaut, kann er das Spiel Gottes mitspielen. Worin besteht dieses Spiel? – In den Worten Pater Pios: »Tutto è scherzo d’amore« – Alles ist ein Spiel der Liebe.

Und für die Liebe gilt, was der Völkerapostel Paulus in seinem großen, einfachen Hymnus auf die Liebe besingt (1 Kor 13,1ff): daß die Liebe nicht ihren Vorteil sucht. 

Der Katholik weiß, daß er tagein tagaus ein Beschenkter ist. Der erste Liebende, ja, der eigentliche einzig wahrhaft Liebende, ist Gott selbst, darum kann der Lieblingsjünger Jesu das christliche Prinzip und Fundament in die denkbar knappe Botschaft bringen: »Gott ist Liebe« (1 Joh 4,8.16). 

Der Katholik hat es tagein tagaus mit diesem Gott der Liebe zu tun. Er wird, wenn er sich bereithält und also öffnet für seinen Gott, dessen Geschenke der Liebe empfangen. Und je mehr er diese Geschenke beherzigt, desto weniger hält er an diesen Geschenken krampfhaft fest. Wozu auch? Er weiß ja aus Erfahrung, daß derjenige, der seinen Vorteil sucht, letztlich leer ausgeht. Denn der Vorteilsuchende ist der Verdächtigende. Er ist der Mißtrauende, der sich anklammert an das Geschenkte, weil er befürchtet, wenn er das Geschenkte weitergibt, als der Zukurzgekommene dazustehen. 

Doch es ist umgekehrt. Die offenen, leeren Hände – leer, weil sie das Geschenkte weiterreichen an den nächsten Bedürftigen – werden sogleich vom Lieben Gott mit neuen Gaben gefüllt. Das ist das Spiel der Liebe. Der besorgt Festhaltende verhärtet und verliert. Der unbekümmert Loslassende  wird erfüllt. Wer versucht, sich einzurichten in dieser Welt der Kontingenz, vergißt, daß wir im Exil sind und daß zu unserem status viatoris das stets neu einzuübende vertrauensvolle wie erwartungsvolle Loslassen gehört, ansonsten würde man dem Toren ähneln, der aus Wind eine Windmühle bauen will, während doch der Wind bekanntlich weht, wo er will. 

Simeon hält nicht fest. Das göttliche Kind liegt sacht auf seinen Unterarmen. Rembrandts letztes Bild fragt gleichsam: Bist du bereit für das scherzo d'amore

Wer wird das Kind als nächster empfangen? 

Du? 

Ich?

Grafik: Rembrandt, Simeon mit Jesus im Tempel. wiki.public domain.