Samstag, 14. September 2019

Jetzt mußt du dich vorbereiten


»Ich habe einmal in der Sowjetunion mit einem Mönch gesprochen und ihn gefragt, wie man sich als Komponist bessern könne. Er antwortete mir, er wisse dafür keine Lösung. Ich erzählte ihm, daß ich auch Gebete schriebe, Musik zu Gebeten oder Psalmtexten, und daß dies mir als Komponist vielleicht helfen könne. Darauf sagte er: Nein, du irrst dich. Alle Gebete sind schon geschrieben. Du brauchst keine mehr zu schreiben. Das ist alles vorbereitet. Jetzt mußt du dich vorbereiten. - Ich glaube, darin steckt eine Wahrheit. Wir müssen damit rechnen, daß unsere Lieder eines Tages ein Ende nehmen. Vielleicht kommt auch für den größten Künstler der Moment, in dem er nicht mehr Kunst machen will oder muß. Und vielleicht schätzen wir gerade dann sein Schaffen noch höher ein; weil es diesen Augenblick gegeben hat, in dem er über sein Werk hinausgelangt ist.« Arvo Pärt, estnischer Komponist
Grafik:  
Michelangelos letztes Werk, Rondanini Pietà, Ausschnitt. wikicommons

Freitag, 6. September 2019

P. Pio III

Seelen zu retten, ist kein geschmackvoller Zeitvertreib.

Aus etlichen Augenzeugenberichten weiß man, daß der Heilige von San Giovanni Rotondo mit einer verzärtelten Seelsorge nichts anzufangen wußte. Pönitenten - was durchaus keine Seltenheit war – wurde von Pater Pio die Absolution verweigert, weil sie mangelhaft disponiert waren, fehlende Reue an den Tag legten oder aus Neugierde zum heiligen Pater gekommen waren. Schroffheit in der Wortwahl war an der Tagesordnung.

Selbst Mitbrüdern und Nahestehenden des Heiligen waren die harschen Ermahnungen, Schelten und Hinausschmisse des Padre bisweilen zu deftig oder zu wenig zartfühlend.

Ein Biograph schreibt diesbezüglich: »Oft waren P. Pios Stellungnahmen gegen die Überschreitung der göttlichen Gesetze so hart, daß seine Begleiter sich eine sanftere, verständnisvollere Linie gewünscht hätten.«

Aber was verstehen wir schon von der Leidenschaft des Heiligen, Seelen zu retten? Während wir von Achtsamkeit und attraktiver Kirche und Nettsein als den pastoralen Shibboleths plaudern, vergießt der Heilige sein Blut.

Als ein Mitbruder des Stigmatisierten sich einmal wundert »über die Strenge des Paters, anläßlich einer kompromißlosen Stellungnahme gegen die Sünde der Abtreibung«, entgegnet der Heilige im Blick auf das Volk Gottes, welches allzu oft von seinen Hirten im Stich gelassen wird:

»Weißt du, wo das Problem liegt? Unsere Kirchgänger, die keine Strafpredigt brauchen, verwöhnen wir mit guten Worten und überflüssigen Ratschlägen, und die, die etwas Licht bräuchten, lassen wir im Stich, ohne das Allernötigste für ihre Rettung. Die brüderliche Strenge ist mehr wert als alle Nettigkeit der Welt.«

Grafik: Pater Pio in jungen Jahren. wikicommons.
Lit.: Der Padre. Der hl. Pio von Pietrelcina. Die Mission, Seelen zu retten. Augenzeugenberichte I. San Giovanni Rotondo 2010.

Freitag, 30. August 2019

Zum Beispiel: Die Hochzeit des Figaro


Vielleicht ist die berührendste Szene im Film Die Verurteilten diejenige, als der unschuldig verurteilte Andy Dufresne eines Tages im Gefängnis von einem der Gefängniswärter damit überrascht wird, daß die von Dufresnes in den letzten sechs Jahren erfolgten Bittgesuche an Wohltätigkeitsvereine beantwortet worden wird – im Büro des Wärters stehen plötzlich Kisten mit Geschenken an die Gefangenen. Und Andy wird beauftragt, schnellstmöglich das Gelieferte wegzuschaffen.

Und jetzt kommt‘s.

Andy, allein im Büro, schaut sich die geschickten Schätze an und entdeckt unter anderem eine Schallplatte von Mozarts Hochzeit des Figaro. Er nimmt die Platte aus der Hülle und legt sie zum Abspielen auf den Plattenspieler, der sich im Büro befindet

Aber nicht nur das.

Er verschließt schließlich die Bürotüre und stellt die Lautsprecheranlage derart um, daß alle im Gefängnistrakt – vergleichbar einer offiziellen Verlautbarung – mithören können, was da abgespielt wird: Mozarts herrlicher Gesang.

Es dauert nicht lange, bis der wütende Gefängnisdirektor samt Personal an die verschlossene Bürotüre hämmert und Andy anbrüllt, er solle die Türe öffnen und das Gerät abstellen. Aber Andy macht genau das Gegenteil, er dreht die Lautstärkeregler noch einmal höher, damit auch wirklich jeder der Gefangenen die wunderbaren Töne zu hören vermag und in der grausamen Tristesse des Gefängnisalltags den geöffneten Himmel zu genießen vermag.

Exakt dies ist die Wahrheit der Kunst. Denn jede große Kunst sprengt die Gefängnisse, seien es die äußeren, seien es die inneren. Große Kunst führt in die Freiheit. Mozart führt in die Freiheit. Denn große Kunst ist Liebe.

Im Film kommentiert es der Erzähler folgendermaßen:

»Bis zum heutigen Tage weiß ich nicht, wovon die beiden italienischen Damen gesungen haben. Um die Wahrheit zu sagen, ich will‘s auch gar nicht wissen. Es gibt Dinge, die müssen nicht gesagt werden. Ich will annehmen, daß sie von etwas so Schönem gesungen haben, daß man es nicht in Worte fassen kann. Und daß es direkt ins Herz geht. Ich sage Ihnen, diese Stimmen sind höher gestiegen, als man je an so einem trostlosen Ort zu träumen gewagt hätte. Man hatte den Eindruck., als wäre ein wunderschöner Vogel in unseren freudlosen Käfig gefallen und hätte die Mauern zum Einsturz gebracht. Und für den Bruchteil einer Sekunde hatte jeder hier in Shawshank das Gefühl, frei zu sein.«

So ist es. Dem muß nichts hinzugefügt werden.

Samstag, 24. August 2019

Vango

Es ist eine mathematische Gleichung: Ein Buch für Kinder und Jugendliche ist dann und nur dann wirklich gut ist, wenn es auch ein Erwachsener mit großem Gewinn zu lesen vermag. Man mache die Probe mit Alice oder mit Emil oder mit dem Kleinen Hobbit oder mit Tom und Huck.

Oder mit Vango.

Timothée de Fombelle, der Verfasser des zweiteiligen Meisterwerks Vango (Teil I: Zwischen Himmel und Erde. Teil II: Prinz ohne Königreich) beherrscht die alte, schöne Kunst des Erzählens. Und die hat spannend zu sein, derart, daß der Leser mit Fieber und auch Bangen  wissen will, wie die Geschichte, die sich vor seinen Augen entrollt, enden wird.

Aber das ist nicht alles. Es genügt nicht, eine Fabel spannend und rhetorisch geschickt zu erzählen. Der gute Erzähler muß auch die guten Themen haben, die Themen, die jedes menschliche Leben angehen, die der gute Erzähler freilich so zu präsentieren weiß, daß sie das trockene, allzu menschlich-allgemeine Gewand ablegen und sich im Licht zeigen, im Licht der Kunst, die den dramatis personae gerecht werden und also wahr sein will.

Zum Beispiel: Wer bin ich?

Mithin die Frage nach der Identität des Einzelnen. Daß diese Frage keine nebensächliche ist, versteht sich von selbst. De Fombelles Buch ist befeuert von dieser Frage. Es ist die verzehrende Frage Vangos, damit zugleich die Frage nach dem geheimnisvollen Ursprung. Doch ist nicht jeder Ursprung geheimnisvoll?

Sodann die Frage nach dem Guten und dem Bösen. Dieser Frage kann kein Autor ausweichen. Eine der Hauptgestalten des Romans, der Mönch Zefiro, erlebt an einem Wendepunkt der Geschichte, »als er das Böse triumphieren sah«, die Versuchung, an der Macht des Bösen zu verzweifeln. Doch de Fombelle zeigt gleichfalls den Sieg über das Böse. Und es zeichnet ihn aus, daß er diesen Sieg noch im Untergang zeigt.


Und schließlich das Thema der Themen: Die Liebe. Gibt es die Liebe in einer Welt, in der getötet wird, in der die korrupte Macht regiert, in der ein Menschenleben wenig gilt? Gibt es, angesichts von Verwüstung und Verrat, die Liebe und die Treue und die Wahrheit und die Schönheit der erfüllenden Begegnung?

Am Ende von Vango ist der Leser beglückt. Wunderbar, wie die Fäden zusammenlaufen und der Gobelin sich enthüllt. Wunderbar, wie eine äußerst fruchtbare, frohe Fantasie - welche im übrigen die Tatsache widerspiegelt, daß, in den Worten Nietzsches, im echten Manne ein Kind versteckt ist, das spielen will - nicht dammbrechend über die Ufer tritt, sondern sich diszipliniert und zügelt, damit in dem opulenten Gemälde jedes Detail schließlich den ihm gebührenden Platz erhält. Und dies alles ohne krampfhafte Verbiegung, sondern in der spielerischen Kunst des Selbstverständlichen.

In einem Interview wiederholt de Fombelle mit insistierender Emphase, daß er versucht, nicht zu lügen. J'essaie de pas mentir.

Chapeau, Monsieur de Fombelle!

Samstag, 17. August 2019

Es genügt


»Es genügt, daß die Schönheit unseren Überdruß streift, damit unser Herz wie Seide zwischen den Händen des Lebens zerreißt.«

Nicolás Gómez Dávila


Grafik: Photo by Galen Crout on Unsplash

Freitag, 9. August 2019

Die Wahrnehmung


Wie geistreich und also im wahren Wortsinn aufschlußreich ist doch die Sprache.

Nehmen wir das Wort Wahrnehmung.

Das Wort drückt mehr aus als den bloßen physiologischen Sehvorgang. Das Wort will ins Bewußtsein heben, daß wir dann, wenn wir recht schauen, Wahres aufnehmen.

Damit wird zugleich ein dreifach Wesentliches einschlußweise zur Sprache gebracht. Erstens, daß die Wirklichkeit, die sich uns darbietet, erkennbar ist. Zweitens, daß diese Erkennbarkeit deswegen gilt, weil der absolute Logos keine sinnlose, a-logische Welt geschaffen hat, sondern eine, die, eben diesem Logos gemäß, den Gesetzmäßigkeiten des wahren Sinns folgt. Und schließlich drittens, daß wir, wenn wir uns diesem Erkenntnisvorgang stellen, zuallererst Aufnehmende sind.

Alle drei impliziten Feststelllungen sind, wenn wir es genau nehmen, heute Sprengstoff. Denn zum einen wird gerade dies – die Erkennbarkeit der Welt, ihr Erfülltsein von Wahrheit – permanent in Frage gestellt, geleugnet, aggressiv demontiert. Die Welt in toto gilt als Tummelplatz für menschliche Experimente, nicht als Vorgegebenes, welches darauf wartet, daß der Mensch es in demütiger Bereitschaft und Freude erkennt.

Das Naturrecht: Eine fade Illusion. Die Biologie des Menschen: Ein Konstrukt. Die Wahrheit: Eine Floskel beziehungsweise eine Mär für Hinterwäldler.

Und was soll endlich die Rede vom Empfangen und Aufnehmen? Der Mensch unserer Tage, der tagein tagaus die Errungenschaften einer omnipräsenten Technik vor Augen geführt bekommt, die ihm zumal als zugreifende, anpackende und dominierende Handhabe präsentiert wird, will im Reigen der technisch Überlegenen nicht als der Dumme dastehen, sondern gleichfalls ein Sieger sein, was in diesem Zusammenhang heißt: Ein Macher.

All diesen babylonischen Überstiegenheiten widerspricht die schlichte Schönheit des Wortes Wahrnehmung. Mensch, so sagt die Unaufdringlichkeit der Vokabel, leg‘ ab Deinen Übermut und wähle die Demut. Empfange zuerst, bevor Du zu bauen beginnst. Höre den Klang des Universums. Erkenne die wahre Schrift in den Dingen. Und preise den Creator der offenbaren und verborgenen Schriftzeichen. Werde weise!

Vielleicht kann der Scharfsinn eines Sherlock Holmes ein wenig weiterhelfen?

Am Beginn der Abenteuer des berühmten Meisterdetektivs gibt Holmes seinem Adlatus Dr. Watson die grundlegende Lektion.

Watson ist soeben die Treppe zur Wohnung seines Freundes hochgestiegen und sitzt ihm nun gegenüber. Aus dem zwanglosen Gespräch entwickelt sich schließlich der folgende Dialog:

»Sie sehen zwar«, so Holmes, »aber Sie nehmen nicht wahr. Der Unterschied liegt auf der Hand. Sie haben zum Beispiel regelmäßig die Stufen gesehen, die von der Eingangshalle zu diesem Zimmer heraufführen.«

»Regelmäßig.«

»Wie oft?«

»Nun, einige hundert Male.«

»Wie viele Stufen sind es also?«

»Wie viele? Das weiß ich nicht.«

»Allerdings nicht! Sie haben sie eben nicht wahrgenommen. Und gleichwohl haben Sie sie gesehen. Genau das ist der springende Punkt. Nun denn, ich weiß, daß es siebzehn Stufen sind, weil ich sie nicht nur gesehen, sondern auch wahrgenommen habe.«

Zu Beginn dieses bezeichnenden Dialogs sagt Dr. Watson zu Holmes, er sei überzeugt, daß seine, Watsons, Augen genau so gut seien wie die des Detektivs. Dem wird wohl so sein.

Nur, lieber Dr. Watson, um Fragen der Ophthalmologie scheint es hier nicht zu gehen.


Grafik: Sherlock Holmes und Dr. Watson. wikicommons

Freitag, 2. August 2019

Die beiden Bücher


Ein jeder, der einmal in der Sixtinischen Kapelle gewesen ist, wird den bleibenden Eindruck des Jüngsten Gerichts mitnehmen. Michelangelo hat das monumentale Fresko an die Stirnseite der Kapelle plaziert, hinter den Altar.

Christus, in der Glorie, erscheint zum Letzten Gericht. Mit Ihm die Muttergottes und die Heiligen. Es ist die Zeit der letzten Enthüllung, die Zeit der unwiderruflichen Offenbarung. Zur Rechten Christi (von Ihm aus gesehen) sind die Seligen, die gen Himmel auferstehen. Zur Linken Christi stürzen die Verdammten in die Hölle.

Unterhalb des Weltenrichters ist eine Gruppe von Engeln zu sehen, die mit Posaunenstößen zu diesem Letzten Gericht blasen.
Michelangelo inszeniert hier nicht seine privaten Vorlieben, sondern er hält sich an das letzte Buch der Heiligen Schrift, die Apokalypse, wo eben dies geschrieben steht, daß nämlich »die sieben Engel, die vor Gott standen (…) sich bereit machten, die sieben Posaunen zu blasen (8,2.6)«.

Und Michelangelo bringt ebenso ins Bild, was in seiner Detailgetreue schockierend ist und vielleicht vielen entgeht. Denn zu den Engeln mit ihren erschütternden Instrumenten gesellen sich zwei weitere, die jeweils ein Buch in den Händen halten.

Bücher? Ja, Bücher.

Auch hier ist Michelangelo durch und durch bibelfest. Denn in der Offenbarung des Johannes heißt es: »(…) und Bücher wurden aufgeschlagen; auch das Buch des Lebens wurde aufgeschlagen. Die Toten wurden nach ihren Werken gerichtet, nach dem, was in den Büchern aufgeschrieben war« (20,12).

Michelangelo faßt nun diese Bücher in zwei Exemplare: In das Buch des Lebens, welches den Seligen zur Rechten Christi, und in das Buch des Todes, welches den Verdammten zur Linken Christi hingehalten wird.

Dies ist bereits in seiner nackten Unwiderlegbarkeit schockierend genug. Doch weitaus schockierender ist ein Weiteres.


Michelangelo nimmt die Worte Christi vollkommen ernst, er schwächt die Verkündigung des Weltenrichters, der in seinem Erdenleben davon sprach, daß der Weg ins Verderben breit ist und viele auf ihm gehen, während der Weg ins Leben eng ist und nur von wenigen gefunden wird (s. Matthäus-Evangelium 7,13f), nicht ab, sondern er zeigt die Härte der christlichen Verkündigung in aller Härte seiner Kunst. Das Buch des Lebens, so Michelangelo, ist ein kleines Buch, das Buch des Todes, in dem die Vielen verzeichnet sind, die den breiten Weg des Verderbens wählten, ist dagegen ein deutlich größeres Buch.

Wer Augen hat zu sehen, der sehe. Michelangelo malt nicht ein Buch, er malt auch keine zwei gleich großen Bücher oder ein winziges Buch des Todes. Nein, Michelangelo malt das Unausweichliche, er malt die Proportionen der Wahrheit: Das Buch des Lebens ist kostbar und weitaus kleiner als das entsetzliche Buch des Todes.

Von der modernen Verkündigung oder vielmehr Verniedlichung einer billigen Gnade, die unterschiedslos alle Erdenbürger in den Himmel expediert, ist Michelangelo meilenweit entfernt. Wer um den Ernst des Lebens wissen will, der ist gut beraten, sich der heilsamen Schonungslosigkeit dieses Großen, den seine Zeitgenossen nicht umsonst als den göttlichen Michelangelo rühmten, auszusetzen.

Grafiken: Michelangelo, Jüngstes Gericht. Gesamtansicht und Ausschnitt. wiki.commons


Samstag, 27. Juli 2019

Auch Genies…


... brauchen bisweilen Zeiten der Entspannung.

Wir wünschen allen Lesern und Genies erholsame Sommertage!