Samstag, 28. Februar 2026

 Ästhetik und Moral

Es ist Jahrzehnte her. Mit einem Freund sprach ich über Kunst und Architektur und über das, was Kunst aussagt. Es war uns klar, daß es die gleichsam nackte, neutrale Kunst nicht gibt. Eine gotische Kathedrale und ein Wolkenkratzer sind nicht nichtssagende architektonische Gebilde, sondern  Aussagen, die Weltanschauungen oder private Vorlieben oder Deutungshoheiten oder ideologische Konzepte spiegeln. Ich fragte den Freund irgendwann im Laufe dieses Gesprächs, was denn die Botschaft eines modernen Betonkomplexes sei. Darauf seine direkte Antwort: »Lärm.«

Die Antwort fand ich erstaunlich. Sie leuchtete mir auch ein. Und sie kommt mir wieder  in den Sinn, da ich über den englischen Architekten Augustus Welby Northmore Pugin (1812 – 1852) lese. 

Der Nachwelt ist Pugin, selbst wenn sein Name den Meisten unbekannt sein dürfte, gleichwohl ein Denkmal, weil er der Schöpfer des berühmten Glockenturms von Big Ben in London ist. Doch Pugins Einfluß reicht weiter als bis zu einer touristischen Sehenswürdigkeit. Der junge, hochtalentierte Architekt, der bereits fünfzehnjährig durch sein zeichnerisches Genie auffällt, macht seinen Zeitgenossen noch einmal klar, daß Ästhetik und Moral keine unverbundenen Glieder sind, sondern wesentlich einander bedingen, indem letztere die Grundlagen legt für die ästhetischen Wertvorstellungen, und also auch Architektur und Moral in einem Verwandschaftsverhältnis stehen.

Pugins Leitbild ist dabei die Gotik, zu deren Neubelebung er mit seinem Können eintritt. Was man, ihm folgend, schließlich Gothic Revival nennt, ist kein nostalgisches totes Erinnern, sondern die bewußte Aufnahme einer spirituellen Ordnung, da der gotische Stil in seiner unmißverständlichen vertikalen Ausrichtung das architektonische Zeichen setzt, welches dem Leben Orientierung, Sinn und Halt vermittelt. 

Doch wäre Pugins Vertiefung und Förderung der gotischen Gesinnung, die sich in etlichen von ihm gestalteten Kirchengebäuden ausdrückt, undenkbar ohne seine Konversion vom Anglikanismus zur katholischen Kirche im Alter von 22 Jahren. Ausschlaggebend für die Konversion ist unter anderem sein Kennenlernen der römisch-katholischen Liturgie. »Wer eine so erhabene Art zu beten und Gott zu verehren hat«, so er, »der muß in der Wahrheit sein, in der Wahrheit der göttlichsten Art.«

Das Kirchengebäude ist nicht Selbstzweck, sondern dient der Verherrlichung des göttlichen Meisters. Die Liturgie ist nicht Selbstzweck, sondern dient der Verherrlichung des göttlichen Meisters. Omnia ad maiorem Dei gloriam – Alles zur größeren Ehre Gottes. Der Zusammenklang von sinnstiftender Architektur, göttlicher Liturgie und katholischer Weisheit ist das ekstatische Aufstrahlen des splendor veritatis, des Glanzes der Wahrheit, welches Aufstrahlen, wenn es erfahren wird, das Leben ändert, nicht nur das Leben Pugins, sondern eines jeden Lebens.

»Ich lernte die Wahrheit der katholischen Kirche in den Krypten der alten europäischen Kirchen und Kathedralen kennen«, bekennt der britische Architekt. Seine Bauten und theoretischen Schriften fließen aus dem Ergriffenwerden von dieser lebensspendenden Wahrheit. Und diese Wahrheit, wen wundert’s, ist letztlich Lobpreis, darum besingt Pugin »die übermenschliche Schönheit der katholischen Kunst und Liturgie«.

Grafiken: Portrait Pugins von einem unbekannten Künstler. Entwurf für Altar- und Prozessionskreuze. Beide: wiki commons 
 

Samstag, 21. Februar 2026

 Wo läufst Du hin?

Das Thema der Fastenzeit ist die Bekehrung.

Das deutsche Wort drückt es sehr gut aus, denn es enthält das alte Wort kehr, welches die Wendung zum Ausdruck bringt, die Wende weg vom falschen Weg hin zum guten Weg. Das Grimmsche Wörterbuch notiert: »die kehre ist ursprünglich das wenden mit dem rosse, pfluge u. ä., besonders im turnier, im kampf zu ross, das wenden und rückgehn mit dem rosse zum neuen anlauf wider den gegner.«

Der Gegner im geistlichen Kampf der Fastenzeit ist oftmals kein Feind im Außen, sondern der Feind im Inneren. Meine Trägheit, meine falschen Gewohnheiten, mein Starrsinn, meine Lauheit, meine Ichsucht. Und die vierzig heiligen Tage wollen mein Bewußtsein schärfen für diesen inwendigen Menschen, damit dessen Weg nicht in die Irre geht.

Ein Bild von Max Hunziker, dem 1976 in Zürich verstorbenen Künstler, kann weiterhelfen.

Ein Mann im Sternengewand, sehr imposant die Mitte des Bildes ausfüllend, wird von einem Mann im blauen Gewand offensichtlich aufgehalten. Aber dieses Aufhalten ist kein brutales, sondern ein sehr menschliches. 

Drei Berührungen finden statt: Das Stirn an Stirn, die Hand auf der Schulter und die beiden sich berührenden Hände. Eine Brücke oberhalb der Hände deutet an, daß kein gewaltsames Trennen, sondern ein heilsames Verbinden stattfindet. 

Doch worum geht’s?

Hunziker hat in seine Grafik ein epigrammatisches Wort des schlesischen Barockdichters Angelus Silesius integriert, zu lesen am unteren Bildrand. Da heißt es:

Halt an, wo läufst du hin? Der Himmel ist in dir:
suchst du Gott anderswo, du fehlst ihn für und für.
Ist es das, was der Mann vergessen hat: Daß er ein Gezeichneter ist, nämlich ein von Gott Gezeichneter – Imago Dei, Ebenbild Gottes? Daß er, seitdem Gott ihn schuf, mit einem Sternengewand bekleidet ist?

Die Erfahrung des Davonlaufens vor der ureigenen Bestimmung ist eine Gefährdung, die in der Geschichte der Menschen immer wieder zur Sprache kommt. Um ein sehr prominentes Beispiel zu nennen: Augustinus. In seinen Bekenntnissen schildert er in schmerzlicher Retrospektive seitenlang seine Irrwege, die allesamt weg führten von seiner wesentlichen Berufung. Gerade weil er ein Hochbegabter war, waren seine Versuchungen, sein sittliches wie intellektuelles Vermögen zu verschleudern, markergreifend. 

Durch mehrere glückliche Fügungen in seinem tragischen Lauf schließlich aufgehalten und zur Besinnung gebracht, singt er, die Kehre vollziehend, dem Gott der Güte sein spätes ergreifendes Lied:
Spät habe ich Dich geliebt, Du Schönheit, ewig alt und ewig neu, spät habe ich Dich geliebt! Und sieh, bei mir drin warst Du, und ich lief hinaus und suchte draußen Dich, und häßlich ungestalt warf ich mich auf das Schöngestaltete, das Du geschaffen. Du warst bei mir, und ich war nicht bei Dir. Und was von Dir solang mich fernhielt, waren Dinge, die doch, wenn sie in Dir nicht wären, gar nicht wären. Du aber riefst und schriest und brachst mir meine Taubheit. Du blitztest, strahltest und verjagtest meine Blindheit. Du duftetest, und ich trank Deinen Duft und atme nun in Dir. Gekostet hab ich Dich, nun hungre ich nach Dir und dürste. Und Du berührtest mich, ich aber glühte in Sehnsucht auf, in Sehnsucht nach Deinem Frieden.
Und sieh, bei mir drin warst Du, und ich lief hinaus, Du warst bei mir, und ich war nicht bei Dir. Dies ist die kurze Zusammenfassung des falschen Weges. Doch der Schöpfer aller Dinge geht Seinem Geschöpf nach, weil Er nicht will, daß das kostbare Kind verlorengeht. 

Sei es ein Mann im blauen Gewand, sei es ein Engel, sei es ein biblisches Wort, das plötzlich in die Mitte der Existenz fällt und erhellt – der inwendige Mensch, wenn er bereit ist, sich aufhalten zu lassen, findet zu sich und seinen wahren Quellen. Und dann, und das will die Fastenzeit, erblühen neue Begegnungen, neue Wörter, neuer Atem, neues Gebet.

Grafik: Max Hunziker, Halt an, wo läufst du hin, 1955. © Verlag am Eschbach, Eschbach, Rechtsnachfolge: Ursula Kunz, Zürich. 

Samstag, 14. Februar 2026

 Quadragesima 2026

»In jedem Widerstand gegen die Arbeit erkennen wir den Widerstand des Menschen gegen Gott. Die Anstrengung, die der Mensch zur Verarbeitung und Veredlung der Materie aufwendet, ähnelt der Anstrengung Gottes, der sich bemüht, den Menschen zu veredlen. Gott verbessert unaufhörlich in uns Sein Werk, weil Er uns den göttlichen Stempel und das Licht Seines Antlitzes aufdrücken will.« 

Stefan Wyszyński, Der Christ und die Arbeit

Grafik: Christ and Adam at Chartres, by Jim Forest

Samstag, 7. Februar 2026

Endlich: Die Kurzfassungen (Version Mann / Version Frau) des Klassikers Abtreibungsüberlebende sind da.

Warum Kurzfassungen?
 
Wir leben bekanntlich in schnellen Zeiten: Schnelles Internet, schnelle Kommunikation, fast food … Umfangreiche Bücher haben da bisweilen einen schweren Stand. Darum der Entschluß, das so wichtige Buch Abtreibungsüberlebende (150 Seiten) in einer komprimierten Fassung (40 Seiten) herauszubringen, welche das Lesen erleichtert, ohne jedoch die maßgeblichen Inhalte zu unterschlagen.  
Zudem wurden zwei Versionen gedruckt – eine Version für Männer und eine für Frauen. 
 
Der Text bei beiden Versionen ist ident; doch die grafische Gestaltung ist unterschiedlich. Warum? Weil Frauen und Männer unterschiedlich wahrnehmen und darum bei diesem heiklen Thema auch unterschiedlich angesprochen werden sollen. Es ist ein Novum. Wir hoffen freilich, daß diese Neuigkeit Frucht bringt.
 
Der Gang der Lektüre ist ein therapeutischer. Wie das Cover bereits zeigt, ist die Ausgangssituation des Abtreibungsüberlebenden zunächst eine im wahren Wortsinn niederschmetternde. Gemeint ist ja mit dem Begriff eine Person, die irgendwann  in ihrem Leben weiß oder ahnt, daß sie eigentlich noch ein oder mehrere Geschwister hätte; doch diese Geschwister sind nicht unter uns - sie wurden abgetrieben. Was machen mit dieser vernichtenden Erkenntnis?
 
Oder mit dieser Einsicht: Irgendwann festzustellen, daß die eigenen Eltern damals in Erwägung gezogen hatten, abzutreiben (mich abzutreiben), doch wegen glücklicher Umstände scheiterte das Vorhaben, so daß ich, dessen Leben damals wortwörtlich an einem seidenen Faden hing, heute am Leben bin, tatsächlich überlebt habe?
 
Wer das kleine Büchlein liest, bleibt nicht bei der anfänglichen deprimierenden Diagnose stehen. Die Lektüre zeigt auch das Rettende auf: Den Weg aus der Niedergeschlagenheit in das Freie. In den Worten Hölderlins: Wo aber Gefahr ist, wächst / Das Rettende auch.   
 
Die rückseitigen Covers wollen eben diesen rettenden Impuls im Grafischen vergegenwärtigen: Ich will leben!
 
 
 
 
 
 
 
 
  
 
Ich will leben!
 
 
Zu bestellen sind die beiden Büchlein beim Immaculata Verlag: 
 
Der Preis pro Exemplar beträgt lediglich 3 Euros. 

Samstag, 31. Januar 2026

 Mariä Lichtmeß II

»Exil – das ist das Erste, was wir uns bewußt machen müssen – ist nicht dasselbe wie Heimatlosigkeit. Wenn wir im Exil sind, haben wir durchaus eine Heimat; wir sind nur gerade nicht dort. Im Exil zu sein ist also etwas Hoffnungsvolles – so hoffnungsvoll, daß ein Mensch im Exil nicht bereit ist, an dem Ort, an dem er sich gerade befindet, seßhaft zu werden und ihn auf Dauer zu seiner Heimat zu machen. Das ist keine negative Ablehnung der Welt um uns herum, sondern erinnert uns daran, sie ins rechte Verhältnis zu setzen: Diese Welt ist nicht unser Zuhause und deshalb sollten wir es uns darin nicht allzu gemütlich machen« (Scott Hahn & Brandon McGinley, Katholiken im Exil, 10).
Das ist die exakte Beschreibung des katholischen Standpunkts in dieser Welt.

Weil der Katholik derart steht und schaut, kann er das Spiel Gottes mitspielen. Worin besteht dieses Spiel? – In den Worten Pater Pios: »Tutto è scherzo d’amore« – Alles ist ein Spiel der Liebe.

Und für die Liebe gilt, was der Völkerapostel Paulus in seinem großen, einfachen Hymnus auf die Liebe besingt (1 Kor 13,1ff): daß die Liebe nicht ihren Vorteil sucht. 

Der Katholik weiß, daß er tagein tagaus ein Beschenkter ist. Der erste Liebende, ja, der eigentliche einzig wahrhaft Liebende, ist Gott selbst, darum kann der Lieblingsjünger Jesu das christliche Prinzip und Fundament in die denkbar knappe Botschaft bringen: »Gott ist Liebe« (1 Joh 4,8.16). 

Der Katholik hat es tagein tagaus mit diesem Gott der Liebe zu tun. Er wird, wenn er sich bereithält und also öffnet für seinen Gott, dessen Geschenke der Liebe empfangen. Und je mehr er diese Geschenke beherzigt, desto weniger hält er an diesen Geschenken krampfhaft fest. Wozu auch? Er weiß ja aus Erfahrung, daß derjenige, der seinen Vorteil sucht, letztlich leer ausgeht. Denn der Vorteilsuchende ist der Verdächtigende. Er ist der Mißtrauende, der sich anklammert an das Geschenkte, weil er befürchtet, wenn er das Geschenkte weitergibt, als der Zukurzgekommene dazustehen. 

Doch es ist umgekehrt. Die offenen, leeren Hände – leer, weil sie das Geschenkte weiterreichen an den nächsten Bedürftigen – werden sogleich vom Lieben Gott mit neuen Gaben gefüllt. Das ist das Spiel der Liebe. Der besorgt Festhaltende verhärtet und verliert. Der unbekümmert Loslassende  wird erfüllt. Wer versucht, sich einzurichten in dieser Welt der Kontingenz, vergißt, daß wir im Exil sind und daß zu unserem status viatoris das stets neu einzuübende vertrauensvolle wie erwartungsvolle Loslassen gehört, ansonsten würde man dem Toren ähneln, der aus Wind eine Windmühle bauen will, während doch der Wind bekanntlich weht, wo er will. 

Simeon hält nicht fest. Das göttliche Kind liegt sacht auf seinen Unterarmen. Rembrandts letztes Bild fragt gleichsam: Bist du bereit für das scherzo d'amore

Wer wird das Kind als nächster empfangen? 

Du? 

Ich?

Grafik: Rembrandt, Simeon mit Jesus im Tempel. wiki.public domain. 
 

Samstag, 24. Januar 2026

 fasce benedette

Jeder trägt sie in sich: Urworte, die unauslöschlich sind. Vater ist ein solches Urwort, König (Kaiser) desgleichen.

Es sollte nicht verwundern, wenn, zumal in verwirrten Zeiten, »die das Böse gut und das Gute böse nennen« (Jes 5,20), diese Urworte als obsolet verhöhnt werden.  

Vielleicht kennt so mancher einen Geschichtslehrer aus dem Gymnasium, der, sobald die Rede auf das Gottesgnadentum kam, ironisch den Mund verzog und derart den objektiven Befund der Karikatur preisgab. Oder, wenn die Habsburger Thema waren, automatisch der antihabsburgerische Affekt, ein Zwilling des antirömischen Affekts, sich in die Brust warf.

Ein Besuch in der Wiener Schatzkammer hätte da gut getan. Unter  den dort verwahrten Reichsinsignien befindet sich auch die Reichskrone. Um das Jahr 1000 herum geschaffen, zeigt sie auf einer ihrer prunkvollen Stirnplatten den alttestamentlichen, dem Buch der Weisheit 8,15 entnommenen Spruch: PER ME REGES REGNANT (Durch Mich regieren die Könige).

Gleich ob der Karolinger Kaiser Karl der Große oder Kaiser Karl I. von Österreich, die katholischen Herrscher wußten, daß sie dem einzigen und wahren König, nämlich Gott selbst, nicht nur ihre Herrschaft verdankten, sondern  Ihm gegenüber einmal Rechenschaft über die Ausübung ihrer Herrschervollmacht abzulegen hatten. Die Herrschaft war keine willkürlich angemaßte, sondern wortwörtlich eine von oben geschenkte – gratia Dei.

Ein bornierter Geschichtslehrer kann gegen diese Weisheit nicht an. Ebenso wenig eine Regenbogenpresse, die nicht müde wird, die Skandale und Skandälchen der modernen Jetset Royals genüßlich zu kolportieren. Die Urworte, weil sie Urworte sind, bleiben.

Und naturgemäß visualisieren und repräsentieren sich die Urworte in festlichen Gebräuchen, Riten und Symbolen. Ein kleiner Brauch, entstanden im Spätmittelater (begründet durch Papst Clemens VIII., 1592-1605), versinnbildet mehr als viele Worte die Schönheit und Ordnung des Gottesgnadentums.

Während der feierlichen Weihnachtsliturgie in der päpstlichen Basilika Santa Maria Maggiore - und also dort, wo die betlehemitische Krippe des Jesuskindes aufbewahrt wird - entnimmt der Stellvertreter Christi  mit eigener Hand winzige Holzsplitter aus der verehrten Krippen-Reliquie. Die Splitter werden sodann in die »fasce benedette« eingenäht. 

Fasce benedette – das sind die »geweihten Windeln«, die das Oberhaupt der katholischen Kirche bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts den Erstgeborenen katholischer Herrscherhäuser übersenden läßt, um derart den zukünftigen Herrscher dem besonderen Schutz Gottes anzuvertrauen und ineins damit den Thronfolger an seine Aufgabe zu gemahnen, daß er Sorge zu tragen hat für die Bewahrung und Ausbreitung des katholischen Glaubens.

Fasce benedette.
 

Der Brauch erlischt 1907. Österreich wurde dreimal das päpstliche Ehrengeschenk zuteil.

Grafik: Detail der Reichskrone. Wiener Schatzkammer. wiki commons.

Samstag, 17. Januar 2026

 Adieu

Vor drei Tagen, am 15. Jänner, war der Gedenktag der Jungfrau der Armen. 

Genauso, Jungfrau der Armen (la Vierge des Pauvres), nennt sich die Muttergottes in Banneux am Donnerstag, dem 19. Jänner 1933. Es ist während der dritten Erscheinung. Mariette, die elfjährige Seherin, fragt Maria: »Wer sind Sie, schöne Dame?«  Und die Muttergottes antwortet: »Ich bin die Jungfrau der Armen.«

Banneux, in den belgischen Ardennen gelegen, ist ein von der katholischen Kirche anerkannter Erscheinungsort, d.h. die acht Erscheinungen Mariens wurden offiziell als authentische Privatoffenbarungen anerkannt. 1985 besuchte Papst Johannes Paul II. den Wallfahrtsort.

Anders als etwa die großen marianischen Erscheinungsorte wie Lourdes, Fatima oder Guadalupe, ist Banneux ein sehr kleiner, bescheidener Wallfahrtsort geblieben. Wer dorthin pilgert, wird eine Atmosphäre der Sammlung antreffen, die – gerade weil der Ort arm, klein geblieben ist – einmalig ist. Die Armut des Ortes entspricht dem Titel der Muttergottes. Selbst die Kapelle, deren Bau die Muttergottes wünschte, ist kein Prunkbau, sondern sehr klein. Wer Kleinheit lernen will, ist in Banneux am rechten Ort.

Dem entspricht die Einfachheit der Botschaften. Nur täusche man sich nicht. Einfachheit meint nicht Belanglosigkeit. Da die Wahrheit einfach ist, sind die einfachen Botschaften der Muttergottes einfache, wahre Botschaften.

Allein dreimal ergeht die Aufforderung der Muttergottes: »Betet viel.« Wie einfach. Genau so einfach wie die wiederholte biblische Weisung: »Betet ohne Unterlaß« (z.B. 1 Thess 5,17). Doch befolgen wir diese einfachen Weisungen?

Oder: Als Abbé Jamin, der Kaplan von Banneux, der kleinen  Seherin aufträgt, sie solle von Maria ein Beglaubigungszeichen erbitten, da antwortet die Muttergottes sehr schlicht: »Glaubt an mich, ich werde an euch glauben.« Der Himmel hat uns offensichtlich genug Zeichen gegeben. Jetzt ist es an uns, zu glauben und das Empfangene zu verwirklichen. Die scharfen Worte Jesu fallen einem ein: »Diese böse und treulose Generation fordert ein Zeichen, aber es wird ihr kein anderes gegeben werden als das Zeichen des Jona« (Mt 16,4).   

Dabei ist Maria, in ihrer Einfachheit, von einer wunderbaren zärtlichen Feinheit.

So sagt sie viermal zu Mariette, jeweils am Ende einer Erscheinung: »Au revoir (Auf Wiedersehen).«

Doch bei der letzten Erscheinung sagt Maria nicht Auf Wiedersehen. Stattdessen legt Maria Mariette die Hände auf und sagt: »Adieu.« Denn dieser Abschied ist der Abschied, der sämtliche acht Erscheinungen in einem Wort zusammenfaßt. Wir sind unterwegs. Wir sind Pilger, wir alle, Mariette ebenso wie jeder Christ. Und unsere Reise, wenn sie dem wahren Kompaß folgt, geht nicht in das Nirgendwo, sondern zu Gott hin: A Dieu. 

Grafik: Triptychon der Erscheinungskapelle. https://banneux-nd.be/fr/les-apparitions/

Samstag, 10. Januar 2026

Die 2 Fragen

Ist es nicht erstaunlich?

In den liturgischen Texten der Weihnachtszeit wird das Kind in der Krippe immer wieder als »starker Gott« tituliert. 

Wie bitte? Ein Kind ist qua natura das wehrlose Geschöpf überhaupt. Es ist zur Gänze abhängig, schwach, ohnmächtig, auf die Hilfe der Anderen angewiesen. Was soll da die Rede vom starken Gott?

Es leuchtet ein, daß unsere gängigen Kategorien, die Stärke mit Muskelkraft, Durchsetzungsvermögen oder gar Ellbogenmentalität assoziieren, beziehungsweise im Politischen mit Macht, Waffen und militärischer Überlegenheit, an dem göttlichen Kind scheitern.

Und doch ist die Rede vom starken Gott, auf dieses Kind angewandt, sehr wahr. Denn die Stärke und Vollmacht, die die Liturgie zur Sprache bringt, ist die Stärke und Vollmacht der Liebe. Das Kind in der Krippe ist stark, weil es die vollkommene Liebe ist. Es symbolisiert diese Liebe nicht; es ist sie.

Daher sollten wir, wenn wir Weihnachten nicht als ein nostalgisches Ereignis abhaken, sondern als das bleibende Heilsereignis für einen jeden von uns wahrnehmen, die zwei Fragen hören, die das Christkind in der Krippe uns stellt.

Die erste Frage lautet: Glaubst du an Meine Vollmacht und Stärke der Liebe?

Hier muß man, um jedem Mißverständnis a priori zu wehren, sogleich eine Einschaltung vornehmen. Wenn das Christkind von Liebe spricht, dann ist damit nicht die Hollywoodliebe gemeint, sondern die echte: Die Liebe, die sich verschenkt, die nicht an sich denkt, die sich nicht aufbläht, die sich freut an der Wahrheit, die sich opfert.

Doch das Christkind beläßt es nicht bei dieser einzelnen Frage. Es stellt eine zweite, zusätzliche Frage, die auf das innigste mit der ersten verknüpft ist. Und diese Frage lautet: Glaubst du, daß ich die Vollmacht habe, dich, wenn du es zuläßt, zu einem Liebenden zu machen?

Es mag sein, daß es welche gibt, die auf beide Fragen sogleich mit ja antworten. Andere freilich gibt es auch, und vielleicht sind es viele, die mit ihrer Antwort warten; denn sie kommen ins Überlegen. Sie denken nach.