Samstag, 31. Januar 2026

 Mariä Lichtmeß II

»Exil – das ist das Erste, was wir uns bewußt machen müssen – ist nicht dasselbe wie Heimatlosigkeit. Wenn wir im Exil sind, haben wir durchaus eine Heimat; wir sind nur gerade nicht dort. Im Exil zu sein ist also etwas Hoffnungsvolles – so hoffnungsvoll, daß ein Mensch im Exil nicht bereit ist, an dem Ort, an dem er sich gerade befindet, seßhaft zu werden und ihn auf Dauer zu seiner Heimat zu machen. Das ist keine negative Ablehnung der Welt um uns herum, sondern erinnert uns daran, sie ins rechte Verhältnis zu setzen: Diese Welt ist nicht unser Zuhause und deshalb sollten wir es uns darin nicht allzu gemütlich machen« (Scott Hahn & Brandon McGinley, Katholiken im Exil, 10).
Das ist die exakte Beschreibung des katholischen Standpunkts in dieser Welt.

Weil der Katholik derart steht und schaut, kann er das Spiel Gottes mitspielen. Worin besteht dieses Spiel? – In den Worten Pater Pios: »Tutto è scherzo d’amore« – Alles ist ein Spiel der Liebe.

Und für die Liebe gilt, was der Völkerapostel Paulus in seinem großen, einfachen Hymnus auf die Liebe besingt (1 Kor 13,1ff): daß die Liebe nicht ihren Vorteil sucht. 

Der Katholik weiß, daß er tagein tagaus ein Beschenkter ist. Der erste Liebende, ja, der eigentliche einzig wahrhaft Liebende, ist Gott selbst, darum kann der Lieblingsjünger Jesu das christliche Prinzip und Fundament in die denkbar knappe Botschaft bringen: »Gott ist Liebe« (1 Joh 4,8.16). 

Der Katholik hat es tagein tagaus mit diesem Gott der Liebe zu tun. Er wird, wenn er sich bereithält und also öffnet für seinen Gott, dessen Geschenke der Liebe empfangen. Und je mehr er diese Geschenke beherzigt, desto weniger hält er an diesen Geschenken krampfhaft fest. Wozu auch? Er weiß ja aus Erfahrung, daß derjenige, der seinen Vorteil sucht, letztlich leer ausgeht. Denn der Vorteilsuchende ist der Verdächtigende. Er ist der Mißtrauende, der sich anklammert an das Geschenkte, weil er befürchtet, wenn er das Geschenkte weitergibt, als der Zukurzgekommene dazustehen. 

Doch es ist umgekehrt. Die offenen, leeren Hände – leer, weil sie das Geschenkte weiterreichen an den nächsten Bedürftigen – werden sogleich vom Lieben Gott mit neuen Gaben gefüllt. Das ist das Spiel der Liebe. Der besorgt Festhaltende verhärtet und verliert. Der unbekümmert Loslassende  wird erfüllt. Wer versucht, sich einzurichten in dieser Welt der Kontingenz, vergißt, daß wir im Exil sind und daß zu unserem status viatoris das stets neu einzuübende vertrauensvolle wie erwartungsvolle Loslassen gehört, ansonsten würde man dem Toren ähneln, der aus Wind eine Windmühle bauen will, während doch der Wind bekanntlich weht, wo er will. 

Simeon hält nicht fest. Das göttliche Kind liegt sacht auf seinen Unterarmen. Rembrandts letztes Bild fragt gleichsam: Bist du bereit für das scherzo d'amore

Wer wird das Kind als nächster empfangen? 

Du? 

Ich?

Grafik: Rembrandt, Simeon mit Jesus im Tempel. wiki.public domain. 
 

Samstag, 24. Januar 2026

 fasce benedette

Jeder trägt sie in sich: Urworte, die unauslöschlich sind. Vater ist ein solches Urwort, König (Kaiser) desgleichen.

Es sollte nicht verwundern, wenn, zumal in verwirrten Zeiten, »die das Böse gut und das Gute böse nennen« (Jes 5,20), diese Urworte als obsolet verhöhnt werden.  

Vielleicht kennt so mancher einen Geschichtslehrer aus dem Gymnasium, der, sobald die Rede auf das Gottesgnadentum kam, ironisch den Mund verzog und derart den objektiven Befund der Karikatur preisgab. Oder, wenn die Habsburger Thema waren, automatisch der antihabsburgerische Affekt, ein Zwilling des antirömischen Affekts, sich in die Brust warf.

Ein Besuch in der Wiener Schatzkammer hätte da gut getan. Unter  den dort verwahrten Reichsinsignien befindet sich auch die Reichskrone. Um das Jahr 1000 herum geschaffen, zeigt sie auf einer ihrer prunkvollen Stirnplatten den alttestamentlichen, dem Buch der Weisheit 8,15 entnommenen Spruch: PER ME REGES REGNANT (Durch Mich regieren die Könige).

Gleich ob der Karolinger Kaiser Karl der Große oder Kaiser Karl I. von Österreich, die katholischen Herrscher wußten, daß sie dem einzigen und wahren König, nämlich Gott selbst, nicht nur ihre Herrschaft verdankten, sondern  Ihm gegenüber einmal Rechenschaft über die Ausübung ihrer Herrschervollmacht abzulegen hatten. Die Herrschaft war keine willkürlich angemaßte, sondern wortwörtlich eine von oben geschenkte – gratia Dei.

Ein bornierter Geschichtslehrer kann gegen diese Weisheit nicht an. Ebenso wenig eine Regenbogenpresse, die nicht müde wird, die Skandale und Skandälchen der modernen Jetset Royals genüßlich zu kolportieren. Die Urworte, weil sie Urworte sind, bleiben.

Und naturgemäß visualisieren und repräsentieren sich die Urworte in festlichen Gebräuchen, Riten und Symbolen. Ein kleiner Brauch, entstanden im Spätmittelater (begründet durch Papst Clemens VIII., 1592-1605), versinnbildet mehr als viele Worte die Schönheit und Ordnung des Gottesgnadentums.

Während der feierlichen Weihnachtsliturgie in der päpstlichen Basilika Santa Maria Maggiore - und also dort, wo die betlehemitische Krippe des Jesuskindes aufbewahrt wird - entnimmt der Stellvertreter Christi  mit eigener Hand winzige Holzsplitter aus der verehrten Krippen-Reliquie. Die Splitter werden sodann in die »fasce benedette« eingenäht. 

Fasce benedette – das sind die »geweihten Windeln«, die das Oberhaupt der katholischen Kirche bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts den Erstgeborenen katholischer Herrscherhäuser übersenden läßt, um derart den zukünftigen Herrscher dem besonderen Schutz Gottes anzuvertrauen und ineins damit den Thronfolger an seine Aufgabe zu gemahnen, daß er Sorge zu tragen hat für die Bewahrung und Ausbreitung des katholischen Glaubens.

Fasce benedette.
 

Der Brauch erlischt 1907. Österreich wurde dreimal das päpstliche Ehrengeschenk zuteil.

Grafik: Detail der Reichskrone. Wiener Schatzkammer. wiki commons.

Samstag, 17. Januar 2026

 Adieu

Vor drei Tagen, am 15. Jänner, war der Gedenktag der Jungfrau der Armen. 

Genauso, Jungfrau der Armen (la Vierge des Pauvres), nennt sich die Muttergottes in Banneux am Donnerstag, dem 19. Jänner 1933. Es ist während der dritten Erscheinung. Mariette, die elfjährige Seherin, fragt Maria: »Wer sind Sie, schöne Dame?«  Und die Muttergottes antwortet: »Ich bin die Jungfrau der Armen.«

Banneux, in den belgischen Ardennen gelegen, ist ein von der katholischen Kirche anerkannter Erscheinungsort, d.h. die acht Erscheinungen Mariens wurden offiziell als authentische Privatoffenbarungen anerkannt. 1985 besuchte Papst Johannes Paul II. den Wallfahrtsort.

Anders als etwa die großen marianischen Erscheinungsorte wie Lourdes, Fatima oder Guadalupe, ist Banneux ein sehr kleiner, bescheidener Wallfahrtsort geblieben. Wer dorthin pilgert, wird eine Atmosphäre der Sammlung antreffen, die – gerade weil der Ort arm, klein geblieben ist – einmalig ist. Die Armut des Ortes entspricht dem Titel der Muttergottes. Selbst die Kapelle, deren Bau die Muttergottes wünschte, ist kein Prunkbau, sondern sehr klein. Wer Kleinheit lernen will, ist in Banneux am rechten Ort.

Dem entspricht die Einfachheit der Botschaften. Nur täusche man sich nicht. Einfachheit meint nicht Belanglosigkeit. Da die Wahrheit einfach ist, sind die einfachen Botschaften der Muttergottes einfache, wahre Botschaften.

Allein dreimal ergeht die Aufforderung der Muttergottes: »Betet viel.« Wie einfach. Genau so einfach wie die wiederholte biblische Weisung: »Betet ohne Unterlaß« (z.B. 1 Thess 5,17). Doch befolgen wir diese einfachen Weisungen?

Oder: Als Abbé Jamin, der Kaplan von Banneux, der kleinen  Seherin aufträgt, sie solle von Maria ein Beglaubigungszeichen erbitten, da antwortet die Muttergottes sehr schlicht: »Glaubt an mich, ich werde an euch glauben.« Der Himmel hat uns offensichtlich genug Zeichen gegeben. Jetzt ist es an uns, zu glauben und das Empfangene zu verwirklichen. Die scharfen Worte Jesu fallen einem ein: »Diese böse und treulose Generation fordert ein Zeichen, aber es wird ihr kein anderes gegeben werden als das Zeichen des Jona« (Mt 16,4).   

Dabei ist Maria, in ihrer Einfachheit, von einer wunderbaren zärtlichen Feinheit.

So sagt sie viermal zu Mariette, jeweils am Ende einer Erscheinung: »Au revoir (Auf Wiedersehen).«

Doch bei der letzten Erscheinung sagt Maria nicht Auf Wiedersehen. Stattdessen legt Maria Mariette die Hände auf und sagt: »Adieu.« Denn dieser Abschied ist der Abschied, der sämtliche acht Erscheinungen in einem Wort zusammenfaßt. Wir sind unterwegs. Wir sind Pilger, wir alle, Mariette ebenso wie jeder Christ. Und unsere Reise, wenn sie dem wahren Kompaß folgt, geht nicht in das Nirgendwo, sondern zu Gott hin: A Dieu. 

Grafik: Triptychon der Erscheinungskapelle. https://banneux-nd.be/fr/les-apparitions/

Samstag, 10. Januar 2026

Die 2 Fragen

Ist es nicht erstaunlich?

In den liturgischen Texten der Weihnachtszeit wird das Kind in der Krippe immer wieder als »starker Gott« tituliert. 

Wie bitte? Ein Kind ist qua natura das wehrlose Geschöpf überhaupt. Es ist zur Gänze abhängig, schwach, ohnmächtig, auf die Hilfe der Anderen angewiesen. Was soll da die Rede vom starken Gott?

Es leuchtet ein, daß unsere gängigen Kategorien, die Stärke mit Muskelkraft, Durchsetzungsvermögen oder gar Ellbogenmentalität assoziieren, beziehungsweise im Politischen mit Macht, Waffen und militärischer Überlegenheit, an dem göttlichen Kind scheitern.

Und doch ist die Rede vom starken Gott, auf dieses Kind angewandt, sehr wahr. Denn die Stärke und Vollmacht, die die Liturgie zur Sprache bringt, ist die Stärke und Vollmacht der Liebe. Das Kind in der Krippe ist stark, weil es die vollkommene Liebe ist. Es symbolisiert diese Liebe nicht; es ist sie.

Daher sollten wir, wenn wir Weihnachten nicht als ein nostalgisches Ereignis abhaken, sondern als das bleibende Heilsereignis für einen jeden von uns wahrnehmen, die zwei Fragen hören, die das Christkind in der Krippe uns stellt.

Die erste Frage lautet: Glaubst du an Meine Vollmacht und Stärke der Liebe?

Hier muß man, um jedem Mißverständnis a priori zu wehren, sogleich eine Einschaltung vornehmen. Wenn das Christkind von Liebe spricht, dann ist damit nicht die Hollywoodliebe gemeint, sondern die echte: Die Liebe, die sich verschenkt, die nicht an sich denkt, die sich nicht aufbläht, die sich freut an der Wahrheit, die sich opfert.

Doch das Christkind beläßt es nicht bei dieser einzelnen Frage. Es stellt eine zweite, zusätzliche Frage, die auf das innigste mit der ersten verknüpft ist. Und diese Frage lautet: Glaubst du, daß ich die Vollmacht habe, dich, wenn du es zuläßt, zu einem Liebenden zu machen?

Es mag sein, daß es welche gibt, die auf beide Fragen sogleich mit ja antworten. Andere freilich gibt es auch, und vielleicht sind es viele, die mit ihrer Antwort warten; denn sie kommen ins Überlegen. Sie denken nach. 

Samstag, 3. Januar 2026

Vanitatum vanitas

Ihr Leben:

Mit achtzehn Jahren heiratet sie ihren ersten Mann, mit dem sie bereits als Vierzehnjährige Sex  hat. Die Ehe wird wenige Jahre später geschieden. Andere Ehemänner folgen. Ebenso Trennungen, Ehebrüche, Scheidungen, neue Affairen. 

Abtreibungen gehören wie selbstverständlich dazu. Mit siebzehn hat sie in der Schweiz ihre erste Abtreibung. Bei der zweiten Abtreibung, wenige Jahre später, kommt es zu einem Herzstillstand, so daß sie beinahe auf dem Operationstisch verstorben wäre. Danach riskiert kein Arzt mehr, eine Abtreibung  bei ihr vorzunehmen. In Fernsehinterviews vertritt sie ungeniert das Recht der Frau, ihr Kind abzutreiben, sprich zu töten, wenn die Frau die Schwangerschaft nicht will.

Als sie von ihrem zweiten Mann schwanger wird, trägt sie das Kind aus, gibt den kleinen Nicolas-Jacques aber sogleich in Betreuung, da sie mit dem Kind nichts anzufangen weiß. Als sie 1995 – Nicolas ist mittlerweile ein junger Mann, 35 Jahre alt – ihre Autobiographie veröffentlicht, schreibt sie über die damalige Schwangerschaft, sie sei wie ein »Alptraum« gewesen. Und ihr Sohn liest auch diese Sätze seiner Mutter: »Es war wie ein Tumor, der sich von mir ernährt hatte, den ich in meinem geschwollenen Fleisch getragen hatte und der nur auf den gesegneten Moment wartete, in dem er mich endlich loswerden würde.« Geht es noch grausamer? Ja. Sie hätte, so sie, es vorgezogen, »einen kleinen Hund zur Welt (zu bringen).« 

Tätsächlich sind die Hunde und die Robben und die Katzen und welche Tiere immer ihre Lieblinge, nachdem sie sich aus dem Filmgeschäft zurückgezogen hat. Robbenbabies streichelt sie, liebkost sie und umarmt sie fotowirksam; auch das wird ihrem Sohn nicht entgehen.

Depressionen gehören gleichfalls zu ihrem Leben. Viermal versucht sie, durch Selbstmord aus dem Leben zu scheiden. In einem späten Interview resümiert sie: »Ich bereue nichts.«

Jetzt ist B. B. (denn um sie geht’s) verstorben. Und die Nachrufe explodieren. Ein ungetrübter Blick hätte davon geschrieben, wie bodenlos zerrüttet, um das Mindeste zu sagen, das Leben des ehemaligen Filmstars war. Doch weit gefehlt. In den Nekrologen wird die Verstorbene als Inbild selbstbestimmter Weiblichkeit, als unabhängiger Geist, als Frau mit dem unwiderstehlichen  sogenannten sex appeal gerühmt, während ihre unübersehbare Verzweiflung gerade mal zwei Halbsätze wert sind. Unter diesen Voraussetzungen werden Kritiker, die sich den eitlen Nachrufen und Sirenengesängen entziehen, vermutlich als prüde abgestempelt. 

Der Kunstwissenschaftler Sedlmayr schrieb einst: »Der Verfall des Grabmals (…) gehört zu den furchtbarsten Zügen des 19. und 20. Jahrhunderts (…) denn alle Kultur beruht – neben dem Kult der Erde – im buchstäblichen Sinn auf dem Kult der Toten.«

Diese Aussage ließe sich in der Jetztzeit paraphrasieren derart, daß der Verfall der Nekrologe den Geisteszustand der Moderne beunruhigend offenbart. Ein kaputtes Leben wird schöngeredet zum femininen role model, die Reuelosigkeit gilt als Gütesiegel der Freiheit, denn was zählt, ist der egoistische plaisir, welcher sich nimmt, was er sich nehmen will. Wenn dabei andere und eventuell auch man selbst unter die Räder gerät, dann ist es halt so. C’est la vie. Doch kein geschminkter Schmollmund und keine Verführungstricks und erst recht nicht blinde Nekrologe können das zu Tage Liegende retuschieren: C’est la mort. 

 Grafik: pixabay by That-MamaRama-Life

Samstag, 27. Dezember 2025

Schneeweißchen, Rosenrot, Eisenhans und Co.

Wer kennt sie nicht? Die Märchen der Gebrüder Grimm?

Was macht letztlich die Anziehungskraft dieser Märchen aus? Warum sind die Grimmschen Märchen auch Erwachsenen ans Herz zu legen?

Die Antwort ist einfacher als man denkt. Die Märchen sind wahr. Das ist des Rätsels Lösung.

Geht man davon aus, daß in der Sammlung der Gebrüder Grimm nicht lediglich ein einzelner Autor sich ausspricht, sondern daß in diesen kunstvollen Gebilden die Stimme eines ganzen Volkes sich artikuliert, dann darf man weiter annnehmen, daß sich hier ein Konzentrat an volkstümlicher Weisheit zu Wort meldet.

Verschwiegen wird nichts. Es geht um die uralten und immer neu zu lebenden Geschichten des Lebens, und diese Geschichten drehen sich um das, was das Leben ausmacht: Liebe, Verrat, Kämpfe, Bosheit, gute Menschen, schlechte Menschen, Treue, Ausdauer, Verwicklungen, glückliche Fügungen und Lösungen. Da sind die Hexen und bösen Zauberer, die Prinzen und Prinzessinnen gewalttätig in Objekte bannen oder gleich in die Unterwelt einschließen. Da sind einfache Liebende, deren Herz einfach gut ist und die es vermögen, den Bann des Bösen zu brechen. Da sind immer wieder die tapferen Helden, die trotz verhängter bösartiger Machenschaften und Fallstricken nicht aufgeben auf ihrer Suche nach dem wahren Glück und der wahren Geliebten.

Die Botschaft des Märchens ist dabei unaufdringlich, schlicht, poetisch, ergreifend: Das Gute siegt. Immer. 

Damit aber ist das Märchen eine Art Exerzitium, welches in tiefer, spielerischer Weise die Schwere der Verstrickungen des Lebens auflöst in die trostvolle Botschaft, die den Kern des Märchens ausmacht, daß nämlich die Geschichten deswegen gut enden, weil die Schöpfung, in der die Märchen spielen, grundlegend gut ist.

Um diese selbstverständliche Botschaft, die letztlich eine zutiefst fromme ist, zu vermitteln, braucht das Märchen keinen Katechismus zu zitieren. Es läßt einfach die angemaßte Macht der Hexe null und nichtig werden und den Verwunschenen zum Leben auferstehen. Der »gottlose Zwerg« erhält seine »wohlverdiente Strafe«, und der Königssohn steht in goldenem Gewand da. Eine fromme Magd genügt, oder ein frommer Müller, oder  ein tüchtiger Handwerksbursche, oder »zwei Kinder ... fromm und gut«, um das Lot der Welt wieder in Ordnung zu bringen. 

Denn die Aussage am Schöpfungsmorgen ist dem guten Märchen unverlierbare Gewißheit: Gott sah alles an, was Er gemacht hatte: es war sehr gut (Gen 1,31).


Grafik: Abb. aus dem schönen Band: Brüder Grimm. Kinder- und Hausmärchen. Kleine Ausgabe 1825, hg. v. Axel Winzer, Berlin 2025 (Vlg. Frölich & Kaufmann).

Samstag, 20. Dezember 2025

 Die Tage der Erwartung 

 

Was bedeutet das: »Der Herr ist nahe«? 

In welchem Sinn sollen wir diese Nähe Gottes verstehen? 

Als der Apostel Paulus an die Philipper schreibt, denkt er offensichtlich an die Wiederkunft Christi und lädt sie ein, sich zu freuen, da diese Wiederkunft eine Gewißheit ist. Dennoch weist der hl. Paulus in seinem Brief an die Thessalonicher darauf hin, daß niemand die Zeit und Stunde des Kommens des Herrn kennen kann (vgl. 1 Thess 5,1–2) und warnt vor jeder Panikstimmung, so als stünde die Ankunft Christi gewissermaßen unmittelbar bevor (2 Thess 2,1–2). 

So erkannte die Kirche, vom Heiligen Geist erleuchtet, bereits damals immer besser, daß die »Nähe« Gottes keine Frage von Raum und Zeit ist, sondern eine Frage der Liebe: die Liebe schafft Nähe!

 Benedikt XVI.  

Grafik:  Foto von Victor Lu auf unsplash

Samstag, 13. Dezember 2025

 Das letzte Opfer

»Denn keiner von uns lebt sich selbst und keiner stirbt sich selber« (Röm 14,7)      

1556

Rom. Es ist der 30. Juli 1556. Der General des Jesuitenordens, Ignatius von Loyola, liegt im Sterben. Er bittet seinen Sekretär Polanco zum Papst zu gehen und um den päpstlichen Segen für den Sterbenden anzusuchen. Polanco ist ob dieser Bitte überrascht, »so krank sei er doch nicht; die Ärzte hätten von seiner baldigen Genesung gesprochen; ob er nicht den Auftrag bis zum andern Morgen verschieben dürfe, da er in dieser Nacht noch die überseeische Post zu erledigen habe.« In der Indifferenz des Jesuiten entgegnet der Ordensgründer: »Schön, wie Sie wollen. Ich überlasse mich ganz Ihnen.« Und Polanco eilt nicht zum Papst. Tatsächlich aber kommt der Tod, wie von Ignatius angedeutet, in der Frühe des 31. Juli. Er stirbt allein, ohne priesterlichen Beistand, ohne Viaticum. Der Sekretär eilt zwar, seinen Irrtum erkennend, in der Frühe zum Papst, doch es ist zu spät.

1981 

Châteauneuf-de-Galaure. Ein kleines Dorf im Süden Frankreichs, 45 km westlich von Grenoble. In einem Bauernhof, in der Höhe,  auf dem Hügel des Dorfes, liegt Marthe Robin seit fünf Jahrzehnten in ihrem Kinderbett: verkrümmt, unbeweglich, sich einzig von der heiligen Eucharistie ernährend. Den Ärzten ein Mirakel. Augenzeugen, unter anderem ihr geistlicher Begleiter, bezeugen die Vorkommnisse und die Tatsache, daß die Bettlägerige jede Woche die Passion Christi erlebt. Am Tag des Todes der Mystikerin, am 6. Februar 1981, findet man die Tote auf dem Boden der Kammer, offensichtlich gewaltsam aus dem Bett geworfen, derart bis zuletzt den geistlichen Kampf lebend. 

2025

Ich muß an eine Ordensschwester denken, die ich sehr schätzte. Ihr Leben: Ein Leben für andere. Und jeder, der sie kannte, wußte um ihr Lachen, ihre ausstrahlende Freude, noch dann, als sie, altersbedingt, zurückgezogen in einem Kloster für alte Schwestern lebte. 

Sie war die Verliebte. Ich, und so viele andere, hatten sie stets als die Verliebte wahrgenommen. Die Verliebte in ihren himmlischen Bräutigam.

Wenn ich sie in ihrem Kloster besuchte, hatte sie mir des öfteren mitgeteilt, daß sie, wenn es so weit wäre,  genau so bestatten sein wolle, wie es sich gehöre. Wie hätte es auch anders sein können? Ihr Bräutigam war in die nackte Erde gelegt worden. Also war es für sie eine unumstößliche Notwendigkeit, auch im Tod ihrem Bräutigam nachzufolgen. Eingeäschert zu werden, davor graute ihr, es war eine Abscheulichkeit für sie. 

Sie starb. Ich fuhr zu ihrem Begräbnis. In der Klosterkirche war vor dem Altar eine Art Katafalk errichtet. Ich verstand zunächst nicht. Ich wollte nicht verstehen. Erst nach Minuten drängte sich mir das Unausweichliche auf. Vorne, vor dem Altar, stand kein Sarg. Auf dem geschmückten Gerüst stand eine Urne. Ich wollte es nicht fassen. Und doch war es wahr. Schwester M., meine Schwester M., die ich fünf Wochen vor ihrem Tod zum letzten Mal gesehen hatte, war eingeäschert worden.

Ich habe erst später, nachdem ich stundenlang versucht hatte, meines Zorns Herr zu werden, verstanden, daß der Bräutigam von Sr. M. von ihr das letzte Opfer verlangt hatte. 

Grafik: https://sacerdos-viennensis.blogspot.com. Am Grab des hl. Ignatius in Rom.