Samstag, 30. Mai 2020

The Chosen II

Was geschieht, wenn eine kaputte Frau Jesus begegnet?

Dazu sollte man nachlesen, was im 4. Kapitel des Johannesevangeliums steht.

Aber vielleicht geht es uns mit dem Evangelium wie mit anderen Texten auch, die man öfters gehört hat. Man kennt das. Etwas Neues erwartet man erst gar nicht. Für eine Vertiefung ist man zu träge. Und dann noch das Reden vom Geist und von der Wahrheit, da schaltet man gleich ab und beschäftigt sich lieber mit Bequemerem.

In solch‘ einem Fall habitueller Somnolenz kann einen die wunderbare Szene aus The Chosen aufwecken, die eben die Begegnung Jesu mit der verletzten Samariterin, Johannes Kap. 4, in die Sprache des Films übersetzt.

Kintopp? Ja. Und zwar atemberaubend gut.

Samstag, 23. Mai 2020

The Chosen



Hat Jesus gelächelt? Gar gelacht? Hat er bisweilen verschmitzt dreingeschaut?

Für die neue Spielfilmserie The Chosen (Die Erwählten), die in etlichen Episoden aus dem Leben Jesu und Seiner Jünger erzählt und die weltweit unter Christen zum Hit geworden ist, ist diese Frage keine. Sie zeigt nämlich wie selbstverständlich den Jesus, der auch gelacht hat. Damit aber bringt The Chosen die Gestalt des Jesus von Nazareth auf neue, erfrischende und unverschämte Art den Zuschauern nahe - Jesus, der wahre Mensch. Und dies ohne in das Cliché des billigen Abziehbildes zu driften, nach dem Motto: Jesus, ein Mensch wie Du und Ich.

Man schaue etwa die Szene der Berufung der ersten Jünger, die der Film kombiniert mit der berühmten Petrusszene des wunderbaren Fischfangs.

Petrus, sein Bruder Andreas, die Donnersöhne Jakobus und Johannes und deren Vater haben eine frustrierende Nacht auf dem See hinter sich. Leere Netze, vergebliches Mühen.

Dann steht dieser jüdische Rabbi am Ufer und sagt tatsächlich zu Petrus, dem Meisterfischer: Wirf das Netz noch einmal aus!

Wie bitte? Soll das ein Witz sein? Die Nacht ist zum Fischen da, nicht der Morgen. Doch dieser Rabbi, den Andreas, wie er seinem Bruder mitteilt, für den Messias hält, ändert seinen Befehl nicht. Er schaut unverwandt den Petrus an. Und dieser gibt schließlich nach: Alright. Er will keinen Streit vom Zaun brechen mit diesem rabbinischen Gelehrten. Tun wir ihm den Gefallen.

Und er und sein Bruder werfen das Netz noch einmal ins Wasser. Und danach macht Petrus die besserwisserische Geste zu dem Mann am Ufer hin, die ohne Worte besagt: Zufrieden? Es ist eh umsonst.

Und im Gegenschnitt sieht man Jesu Gesicht. Und auch er bleibt jetzt ohne Worte. Aber in seinem Gesicht steht, mit leichter Kopfbewegung, das gleichsam humoristische, augenzwinkernde: Schau‘n wir mal.

Und drei Sekunden später gibt es was zum Schauen. Das Boot des Petrus‘ wird mit einem Ruck angezogen. Die Fischer kommen aus dem Staunen nicht mehr heraus. Die Netze sind zum Bersten gefüllt. Es ist alles wahr, was der Mann gesagt hat.

Und dieser Mann freut sich mit seinen zukünftigen Menschenfischern Er steht am Ufer und lächelt. Er lächelt über die himmlischen Wunder und die Menschen, die ihr Glück nicht fassen können. Er lächelt, weil er sich freut für diesen Petrus, dem sich gerade die Fülle des Lebens offenbart.

Und dann – denn dieser lächelnde, durch und durch menschliche Freund am Ufer ist zugleich der wahre Gott – zeigt der Film diese göttliche Seite des am Ufer Stehenden, dabei auch jetzt die Balance der beiden Naturen Jesu wahrend.

Während nämlich Petrus aus dem Schiff steigt und vor Jesus niederfällt und in Tränen ausbricht und sein Schuldbekenntnis stammelt und den über ihm Stehenden schon wissend fragt, ob Er das Lamm Gottes sei, worauf Jesus nur sagt: I am - , beugt sich schließlich Jesus, in wunderbarer göttlicher und menschlicher Souveränität, zu seinem ersten Jünger nieder und sagt ihm das herrliche Wort: Follow me.

Samstag, 16. Mai 2020

Virgo potens


Der Mai ist der Monat der Muttergottes. Das ist bekannt.

Weniger bekannt ist die Stellung, die Maria im geistlichen Kampf einnimmt.

Um mal zwei Päpste der jüngeren Zeit zu zitieren. Papst Pius XII. bezeichnete die Gottesmutter im Weihegebet an das Unbefleckte Herz Mariens, 1942, als die »Siegerin in allen Schlachten Gottes«.

Papst Johannes Paul II. stellte bei einer seiner Frankreichreisen fest: »Wenn der Sieg kommt, wird er durch Maria kommen. Mehr denn je ruft die Jungfrau Maria heute ihre älteste Tochter (sc. Frankreich), aber auch alle ihre Töchter, die Nationen, auf, zu erwachen und sich zu bekehren, um ihren Sieg zu ermöglichen.«

Daß diese kämpferische Stellung Mariens so wenig bekannt ist, mag einerseits damit zusammenhängen, daß in Abbildungen der Gottesmutter vorzüglich ihre Sanftheit und Lieblichkeit dargestellt wird, andererseits damit, daß der Mensch die Wahrheit des geistlichen Kampfes ungern vernimmt. Man will in Ruhe gelassen werden, wie die Allerweltsfloskel lautet, schließlich sei das Leben schon anstrengend genug.

Ja, anstrengend ist das Leben. Aber ohne Maria, die in der Lauretanischen Litanei unter anderem als die virgo potens, die mächtige Jungfrau, angerufen wird, ist das Leben dermaßen anstrengend, daß es den Einzelnen erdrückt. Denn Maria, gerade in ihrer vollkommenen militärischen Reinheit, ist, wenn wir uns unter ihren Mantel stellen, der Schild, der uns vor den Angriffen des Bösen beschützt. Das aber heißt, mit ihr wird unser Leben ein befreites, wenn auch kein bequemes. Denn sie wird uns nicht zum Quietismus erziehen, sondern zum Mitkampf. In diesem Kampf freilich ist sie a priori die Siegerin, und folglich wir, wenn wir ihre Pädagogik annehmen, die Mitsieger.

Die Zeugnisse dieser Mitsiegerschaft sind zahllos. Hier eines:

»In Italien erzählte mir ein Exorzist, daß eines Tages ein junger Mann in großer Not zu ihm kam, weil er verzweifelt war; er konnte es nicht mehr ertragen. Er war nicht nur körperlich krank, sondern auch sein Geist wurde ständig gequält. Er hatte sich mit okkulten Praktiken beschäftigt, ganz zu schweigen von Drogen, Alkohol und anderen schädlichen Dingen!
Der Priester, in Beschlag genommen von einem anderen schwierigen Fall, kann seine Arbeit jedoch nicht unterbrechen. Da er aber das Leiden des jungen Mannes sieht, will er ihn nicht enttäuscht gehen lassen. Er erinnert sich an die Muttergottesstatue in seiner Kirche. Es ist die Muttergottes der Rue du Bac in Paris, die Jungfrau der Wundertätigen Medaille. Sie streckt ihre Hände aus und den Ringen, die sie an ihren Fingern trägt, entspringen Strahlen, welche die Gnaden symbolisieren, die Maria allen gewährt, die sie darum bitten. Der Priester sagt zu dem jungen Mann: Geh und bete vor der Statue und schau ihr in die Augen! Sie ist deine Mutter, sie wird dir helfen!
Der junge Mann kniet vor der Jungfrau Maria nieder, schreit ihr sein Elend entgegen und richtet seinen Blick auf ihre Augen. Plötzlich spürt er eine große Erleichterung, die ihm aus dem Blick der Gottesmutter zukommt. Noch nie in seinem Leben hat er eine solche mütterliche Zärtlichkeit verspürt. Voller Freude verweilt er lange vor der Statue. Es ist wie ein Balsam, der seinen Körper, sein Herz und seine Seele durchdringt! Als er weggeht, ist er geheilt und befreit!«

Die Muttergottesstatue in der Rue du Bac, einem der berühmten marianischen Wallfahrtsorte, zeigt Maria in beiden Eigenschaften: Als die liebliche Mutter und als die Siegerin in der Schlacht - unter ihren Füßen windet sich die besiegte Schlange.

                                                                    

Samstag, 9. Mai 2020

Gute Bücher

                                                         
»Gute Bücher zu lesen ist recht.
Aber besser ist es, zu beten.«

Starez Siluan

                                                                                                                                                 

Grafik: photo by Jack Sharp on Unsplash

Freitag, 1. Mai 2020

Die Nashörner

                   
Man sollte mal wieder Ionesco lesen. Zum Beispiel Die Nashörner. 

Die Fabel des Stücks ist so einfach wie vielschichtig. Ionesco stellt in drei Akten dar, wie sich Menschen wandeln. Die Transformation schreitet mit jedem Akt mehr voran. Das Bizarre wird das Normale. Das Unvorstellbare wird das vor der Haustür Liegende, ja das, was in die Köpfe und Wohnzimmer der Menschen eindringt.
      
Ionescos Dramaturgie hat man frühzeitig das Label Absurdes Theater verpaßt. Das war eine Art der Unschädlichmachung. Denn tatsächlich erzählt Ionesco keine abstrusen Begebenheiten, sondern menschlich-allzumenschliche Geschichten, Geschichten der conditio humana. Wie manipulierbar ist der Mensch? Wie widerstandsfähig ist er gegenüber Viren aller Art? Wann ist der Mensch ein Mensch?

Die Nashörnerei befällt nach und nach – bis auf den letzten Menschen Behringer – sämtliche Personen des Stückes. Eine maßgebliche Rolle bei der Verwandlung der Menschen in Rhinocéros (so der Originaltitel des Stücks) spielt die Sprache. Sprache, dies ist ihr tiefer Sinn, vermittelt Wahrheit. Sie gibt Auskunft darüber, wie es sich mit den Sachen in Wirklichkeit verhält.

Nicht so in Ionescos Stück. Die Protagonisten, gleich welcher Couleur oder akademischen Bildung, ergehen sich über kurz oder lang in Sprachmüllorgien. Der Logiker, eine Figur des Stücks, müßte eigentlich in seinen Syllogismen die präzise Wahrheitskraft der Sprache aufweisen. Aber weit gefehlt. Er ist derjenige, der in seinen sophistischen Winkelzügen dem letzten Sinn der Sprache den Garaus macht. Ein Hund könne auch eine Katze sein, wie auch umgekehrt, so die neue logische Losung.

Wisser steht dem nicht nach. Er steht jenseits aller Obskurantismen und durchschaut folglich die Ränke, die da abgehen. Nashörner? Galoppierende Dickhäuter? Von wegen. Alles pure Propaganda. Nichts dahinter und davor. Man muß halt nur superrational sein, vernünftig eben, dann ist man gefeit gegen jegliche abergläubische Augenwischerei.

Ein Freund von Behringer, Hans, weiß es gleichfalls ganz genau. Eine andere Moral müsse her, die Moral der Natur. Und während er glühend diese neue Moral herbeifantasiert, wandelt sich seine Haut, unter den Blicken Behringers, in Panzerhaut, nämlich in die grünlich-schuppige Natur eines Nashorns. Und auf der Stirn von Hans wächst die Beule, die, man ahnt es bereits, naturgemäß ein Nashorn ist.

Aber Gott sei Dank gibt es da noch Daisy, die Blondine, der Behringer verliebte Augen macht. Während viele Geschäfte mittlerweile »wegen Verwandlung« geschlossen sind und die Nashörner galoppieren und galoppieren und auch die Feuerwehrleute zu Nashörnern mutieren, bringt die liebliche Daisy Behringer einen Essenskorb in dessen Wohnung. Es könnte ein wunderbares trautes Picknick werden. Aber leider, leider hat es auch Daisy erwischt. Eigentlich seien die Untiere doch gar nicht so schlimm. Ihr tue es weh, wenn man lieblos von den Dickhäutern spreche. »Sieh doch nur, sie spielen, sie tanzen!« Und es kommt, wie es kommt. Die blonde Daisy gesellt sich, nachdem sie Behringer die ultimative Parole mitgeteilt hat: »Götter sind’s«, gleichfalls zu den Nashörnern.

Dabei hatte alles mit einer Katze angefangen. Eine arme Hausfrau, deren arme Katze von einem Nashorn (ist es ein afrikanisches oder ein asiatisches Nashorn?) zertrampelt wurde.

Absurdes Theater?                                                  

In späten Aufzeichnungen Ionescos, acht Jahre vor seinem Tod unter dem Titel Souvenirs et derniers rencontres herausgegeben (in deutsch unter: Erinnerungen. Letzte Begegnungen. Zeichnungen), kreist Ionesco fortwährend um das Thema des Todes. Tod von Freunden, Tod von Weggefährten, Tod der Mutter. Und da heißt es:

»Wir sind geboren, ich bin geboren, nicht nur um zu sterben, sondern auch, davon bin ich überzeugt, um Dinge zu verwirklichen, um Werke zu schaffen nach dem Vorbild Gottes. Das Leben ist gemacht, daß man es lebt, daß man es durchsteht, aber an allen Stellen des Kosmos, wo wir waren,wo wir sind, wo wir sein werden, müssen wir uns verwirklichen.«

Und wie sieht Behringers Verwirklichung aus?

Umzingelt von den brutalen Ungeheuern ergreift er schließlich sein Gewehr und ruft: »Ich bin der letzte Mensch. Ich werde es bleiben bis zum Ende. Ich kapituliere nicht.«


Grafik: Photo by jean wimmerlin on Unsplash