Samstag, 24. September 2022

Der Edle

                                                                                              

»Der Edle verlangt alles von sich selbst, der Unedle erwartet alles von den anderen.«

Konfuzius

Grafik: Photo by unsplash.com/@anniespratt

Samstag, 17. September 2022

Der hl. Dominikus und der Rosenkranz II

Vor fünf Jahren, am 19. August 2017, haben wir auf diesem Blog über den heiligen Dominikus und den Rosenkranz geschrieben.

Dieser zweite Beitrag versteht sich als Ergänzung des ersten. Denn was womöglich die Wenigsten wissen, ist dies: Daß Maria, so die Legende, dem Gründer des Dominikanerordens fünfzehn Verheißungen mitgegeben hat, die allesamt das treue und andächtige Beten des Rosenkranzes betreffen.

Es gibt fromme Beter des Rosenkranzes, wie etwa der selige Bartolo Longo, welche die Wirkmacht dieser Verheißungen in ihrem Leben überdeutlich zu spüren bekamen. 

Aber selbst die Beter, die gleichsam im Verborgenen die versprochene marianische Hilfe und Nähe erfahren, reihen sich ein in die Schar der unzähligen Zeugen. Sie alle wissen, daß Maria, wie es in der Lauretanischen Litanei heißt, die Zuflucht der Sünder ist und der Trost der Betrübten und die Ursache unserer Freude. 

Oder, wie es ein altes österreichisches Lied, welches die Muttergottes preist ist, ausdrückt: Nein, o Mutter! Weit und breit schallt's aus deiner Kinder Mitte: daß Maria eine Bitte nicht gewährt, ist unerhört, unerhört in Ewigkeit!

Die 15 Verheißungen


1.
Wer meinen Rosenkranz beharrlich betet, erlangt eine besondere Gnade.

2. Ich verspreche allen, die andächtig den Psalter meines Rosenkranzes beten, meinen besonderen Schutz und große Hulderweise.

3. Der Rosenkranz ist ein mächtiger Schild gegen den bösen Feind; er vernichtet das Laster, verhindert die Sünde und rottet die Irrlehre aus.

4. Der Rosenkranz bewirkt das Wiederaufblühen der Tugend und der Werke der Gottseligkeit. Durch ihn wird den Seelen die Fülle der göttlichen Erbarmungen zuteil. Er wird die Herzen umkehren, und sie werden anfangen, das Irdische zu verachten, das Himmlische zu lieben und rasche Fortschritte zu machen. Viele Seelen werden durch den Rosenkranz gerettet.

5. Die Seele, die vertrauensvoll durch meinen Rosenkranz die Zuflucht zu mir nimmt, geht nicht verloren.

6. Alle, die andächtig den Rosenkranz beten und dabei die Geheimnisse betrachten, werden vom Unglück nicht niedergebeugt und vor einem unvorhergesehenen Tod bewahrt bleiben. Sind sie in Sünden, so werden sie die Gnade der Bekehrung erlangen, die Gnade der Beharrlichkeit aber, wenn sie gerecht sind, und sie werden des ewigen Lebens teilhaftig werden.

7. Die Gläubigen, die mein Rosenkranzgebet andächtig pflegen, werden nicht ohne Empfang der heiligen Sakramente sterben.

8. Ich will, daß alle, die meinen Rosenkranz mit Andacht beten, während ihres Lebens und im Augenblick ihres Todes der Fülle göttlicher Erleuchtungen und Gnaden teilhaftig werden sowie der Verdienste der Heiligen Gottes,

9. Sehr bald werde ich die Seelen aus dem Fegefeuer befreien, die in ihrem Leben meinen Rosenkranz geliebt haben.

10. Die treuen Kinder meines Rosenkranzes werden sich im Himmel großer Herrlichkeit erfreuen.

11. Alles, worum man mich durch den heiligen Rosenkranz bittet, wird man erhalten.

12. Wer meinen Rosenkranz verbreitet, wird in all seinen Nöten meine Hilfe erfahren.

13. Ich habe von meinem göttlichen Sohn die Gnade erlangt, daß alle, die in der Bruderschaft vom heiligen Rosenkranz sind, die glückseligen Bewohner des Himmels im Leben und im Tode zu ihren Brüdern und Schwestern und Fürbittern haben.

14. Alle, die meinen Rosenkranz beten, sind meine geliebten Kinder und Brüder Jesu Christi, meines eingeborenen Sohnes.

15. Die Andacht zu meinem heiligen Rosenkranz ist ein besonderes Merkmal der Auserwählten.

Samstag, 10. September 2022

Männer. Väter

Schön Wär’s.

Aber leider ist Hollywood Hollywood, und das heißt immer auch krankes Hollywood.

Top Gun Maverick wird, dazu braucht es keinerlei hellseherischer Fähigkeiten, Abermillionen einspielen. Das liegt nur bedingt an den spektakulären Action- und Flugszenen. Was den Film wirklich zusammenhält – und das wissen die Drehbuchautoren - , sind die ewigen Gesetze. Und das heißt in diesem Fall die Gesetze des Heroischen, der echten Kameradschaft, des Opfers.

Wie bitte? Opfer?

Selbst in der kirchlichen Verkündigung scheut man mittlerweile den Opferbegriff wie etwas Mittelalterliches, Knechtisches, Muffiges, jedenfalls als etwas, das dem modernen Zeitgenossen nicht zugemutet werden kann.

Doch Top Gun lebt zwei Stunden lang gerade von diesem Opferbegriff. Als die Handlung kulminiert, als der Held einem mitkämpfenden Kameraden selbstlos das Leben rettet und dabei abgeschossen wird, überlebt er das Fiasko, weil besagter Kamerad nun seinerseits sein Leben riskiert, um den Star zu retten. Die halsbrecherische Aktion glückt – nur, wenig später sind beide Geretteten in Lebensgefahr.

Und auch in dieser scheinbar ausweglosen Lage bewirkt der mutige, und das heißt hier der hingebungsvolle Akt eines weiteren Kampffliegers, daß erneut Rettung geschieht.

Das Wort Opfer braucht im ganzen Film nicht zu fallen. Der Zuschauer weiß dennoch, daß das, was die Handlung belebt und trägt, genau dieses Movens ist: Die Bereitschaft von Männern, ein Opfer zu bringen für Andere. Und Opfer ist tatsächlich Opfer, denn der zum Opfer Bereite ist einverstanden, sein Leben zu verlieren, wenn es gefordert ist.

Wo die Kirche versagt, indem sie die zentrale Lebenswirklichkeit des Opfers mehr und mehr feige verschweigt, kommt Hollywood daher und inszeniert das große Spektakel des Heroismus und der Hingabe. Derart bewährt sich das physikalische Faktum des horror vacui. Leerräume bleiben nicht leer. Leerräume werden gefüllt, notfalls von Hollwood.

Doch Hollywood ist, damit wir uns recht verstehen, keine neue Kanzel. Denn da Hollywood krank ist, bleibt es nicht bei der Geschichte männlichen Muts und männlichen Heldentums. Eine sogenannte Liebesgeschichte muß her. Und man ahnt es bereits: Die Liebesgeschichte ist eine Geschichte der Unzucht. Die Frau, alleinerziehend, der Ehemann in der Wüste, der Held der verflossene mehrmalige Liebhaber und flugs der neue lover. Nichts Neues unter der Sonne. Die kranke Agenda muß unters Volk.

Dazu gehört dann auch der ach so bedeutungsschwere Satz der alleinerziehenden Mutter (bezeichnenderweise beim halbnackten tête-à-tête geraunt), sie habe gelernt, daß ihre Tochter (die gerade die Nacht außer Haus verbringt) ihre eigenen Erfahrungen machen müsse. Dem Zuschauer wird freilich nicht gesagt, daß mit dieser Dämlichkeit und Unverantwortlichkeit die Tochter den bösen Erfahrungen schnurstracks in den Rachen geworfen wird.

So what?

Väter, die mit ihren Söhnen ins Kino gehen, sollten klar sehen. Sei es vorher, sei es nachher ist es notwendig, den Söhnen zu helfen, das Gesunde vom Kaputten zu unterscheiden, das Gerade vom Abwegigen. Diese Unterscheidung ist keine nebensächliche, sondern die wesentliche. Der in die Jahre gekommene Tom Cruise hilft da nicht weiter. Die Väter sind gefragt.  

Grafik: Image by drobotdean on Freepik

Samstag, 3. September 2022

KV 488


Es soll Musikliebhaber geben, welche das Adagio, von dem hier die Rede ist, für so erhaben halten, daß in ihren Augen weder ein vergangenes noch ein zukünftiges Adagio an dieses je heranreichen kann.

Die Rede ist von Mozart. Und das Adagio ist der Mittelsatz aus dem 23. Klavierkonzert, KV 488.

Wie simpel, mag ein unbedarfter Hörer denken. Tatsächlich ist der Klavierpart des langsamen Satzes von einem Schüler, der mal gerade drei Jahre Praxis hinter sich hat, zu bewältigen. Oder?

Ja. Vielleicht. Aber selbst noch die Technik will bei Mozart beherrscht sein. Denn was Mozart auszeichnet, ist, daß die Noten dem untergeordnet sind, was in den Gebeten der Totenliturgie früher noch zur Sprache kam, während man es heute vergeblich sucht: Die Seele.

Ja, die Seele. Und das heißt zugleich die Schmerzen, das Glück, die Lust, die Trauer, die Abschiede, das Vergängliche, die Sehnsucht. 

Nun ist Mozart nicht der einzige Komponist, der eben diesen Seelenzuständen Klang gibt. Doch was ihn unterscheidet von soundsovielen Anderen, scheint in der Tatsache begründet, daß hier ein Mensch diese Zustände kennt und zugleich es schafft, ihnen den Zauber der kindlichen Unschuld zu bewahren.

Der Hörer des Adagios, der vielleicht gerade den Schmerz eines Abschieds zu meistern hat, hört Mozart und ist besänftigt. Und dies nicht, weil Mozart verdrängt oder verschweigt oder verzärtelt, sondern weil er, der erwachsene Komponist, der die Schläge des Lebens zur Genüge kennt, es gleichwohl vermag, den Noten die ungeheuchelte Patina der Kindheit zu verleihen, so daß der Hörer weiß oder ahnt, daß die Welt, wenn sie musikalisch derart zu bewältigen ist, im Grunde nicht die arge ist, als die man sie tagaus tagein deklariert, sondern die trotz allem heile.

Bei einem kleineren Komponistenkopf wäre die Patina zum rosaroten Gefühl oder gleich zum Kitsch geraten. Bei Mozart beginnt die Patina zu leuchten. Dazu bedarf es freilich auch des Interpreten, womit wir wieder bei der Technik sind. Denn die ach so einfachen Noten brauchen, da sie Seelennoten sind, mehr als drei Jahre Fingerübungen. Falsche Anschläge machen die Patina zum Rost. Falsche Tempi degradieren die Kindheit zum abgelegten Durchgangsstadium. 

Um so schöner, wenn eine Aufnahme glückt.

Samstag, 27. August 2022

Die Anatomie und der Lobpreis

Daß Michelangelo ein genialer Anatomiker war, ist bekannt. Man braucht nur seine anatomischen Zeichnungen anzuschauen, um dies wahrzunehmen.

Doch wie exakt, ja akribisch Michelangelo seine Studien betrieb, das kann eine seiner großen Plastiken anschaulich machen. Wir meinen die Skulptur des Moses.

Am rechten Unterarm des Moses ist ein kleiner Muskel zu sehen. Dieser Muskel ist normalerweise unter der Oberfläche der Haut verborgen. Doch wenn man den kleinen Finger krümmt, tritt dieser Muskel an die Oberfläche. Dieses anatomische Faktum kann jeder selbst an seinem Körper nachvollziehen. Michelangelo bildet im Marmor des Moses genau diese Besonderheit ab (siehe Foto).

Doch dies ist zugleich mehr als ein lediglich reproduziertes anatomisches Detail. Es ist Lobpreis. Lobpreis des allmächtigen Schöpfers, dem Michelangelo in seiner Kunst die treue Reverenz erweist. Kunst wird zum Preisgesang. Sie macht sichtbar, wie grandios der menschliche Körper vom göttlichen Konstrukteur geschaffen wurde. Und der große Künstler deformiert nicht das Geschaute, sondern stellt es in das Licht der Wahrnehmung.

Die rechte Hand des Moses hält die beiden Gesetzestafeln, die Tafeln, auf die Gott seine Zehn Gebote geschrieben hat.

Michelangelo gibt auf seiner Tafel, dem gefügigen Marmor, wieder, was er in seinen anatomischen Studien von den Gesetzen Gottes erkennen durfte.

Und wer erkennt? Der Liebende erkennt. Noch das Verborgene.

Grafik: wikicommons

Samstag, 20. August 2022

Die Ordnung und die Schönheit

»Die Ordnung der Welt ist die Schönheit der Welt.«

Simone Weil


Grafik: Jonathan Francisca on unsplash.com
 

Samstag, 13. August 2022

Aktuell


»Man muß über ewige Dinge schreiben, um mit Sicherheit aktuell zu sein.«
  

Simone Weil


  Grafik:
Samantha Sophia on unsplash.com

Samstag, 6. August 2022

Der Schrei des Paulus

Bibelfilme sind so eine Sache. Es läßt sich trefflich streiten über die Darsteller, die Kostüme, die Ausstattung, die Dialoge und insgesamt die Bibeltreue.

Paulus ist ein solcher Bibelfilm. Er versucht, dem Menschen Paulus näherzukommen. Wer war der große Apostel? Wie wurde er zu Paulus? Wie war sein Umfeld?

Hier soll nur eine Szene des Films zur Sprache kommen, denn diese Szene ist genial.

Gemeint ist die alles entscheidende Episode im Leben des Apostels. Er ist unterwegs nach Damaskus, um in seinem pharisäischen Furor die dortigen Katholiken zu verhaften und einkerkern zu lassen. Die Geschichte ist bekannt. Der Sturz des Wütenden. Die Lichterscheinung. Die Stimme Jesu, die den Verfolger beim Namen nennt: »Saul, Saul, warum verfolgst du Mich?«

Was macht nun der Film aus dieser Szene?

Auch hier der gewaltsame Sturz zu Boden. Die Frage Jesu. Die Gegenfrage des Saulus. Und die Antwort Jesu.

Doch dann das Erschütternde: Saulus schreit. Es ist mehr als ein Schrei. Er wälzt sich am Boden, dann steht er auf und schlägt mit seinem Schwert um sich und schreit: »Er hat mich geblendet.« Und er schreit und schreit und schreit aus der Tiefe seines Herzens.

Es ist nicht nur das schreckliche Eingeständnis seines Lebensirrtums, der sich in diesem gequälten Schrei äußert, auch nicht nur das bis ins Mark Getroffensein über die geschehene Blendung. Ein Drittes kommt hinzu.

Hier schreit ein Neugeborener. Denn wenn ein Kind zur Welt kommt, beginnt es seine Lungen durch einen Schrei mit lebensspendender Luft zu füllen. Paulus ist der Neugeborene. Und wie bei Neugeborenen üblich, sieht er noch nicht. Er hat alles neu zu lernen. Das Sehen. Das Gehen. Das Denken.

Man mag vieles an dem Film vergessen. Doch diesen Schrei des Neugeborenen vergißt man so schnell nicht. Denn dieser Schrei des Paulus ist wahr.

Samstag, 30. Juli 2022

Michael

für M. T.

 Jedes Kind ist ein Wunschkind. Sollte man meinen.

Doch wir wissen, daß die Rede vom Wunschkind heute eine ganz neue Bedeutung angenommen hat. Spätestens seit der sogenannten Legalisierung der Abtreibung wird unterteilt in Wunschkinder und keine Wunschkinder.

Ungeborene Kinder, mit anderen Worten, müssen heute bestimmte Kriterien erfüllen und nur dann sind sie Wunschkinder. Passen die Kinder nicht in das selektive Raster der Erwachsenen, so werden sie abgetrieben. Und das Raster kann unterschiedlichster Art sein: Falscher Zeitpunkt, falscher Partner, falsches Geschlecht, falsche Planung.

Und doch ist ewig gültig: Jedes Kind ist ein Wunschkind. Denn Kinder werden nicht gemacht, sondern geschenkt. Und der Geber des Geschenks ist Gott, und Gott schafft ausschließlich Wunschkinder.

Die Geschichte von Michael spricht für sich. Welch’ ein hell strahlendes Zeugnis. Welch' ein Wunder! Die Worte von Michaels Vater lassen all das moderne böse Gerede von Wunschkindern zu Staub zerfallen. 

O-Ton:

»Vor sieben Jahren hatte meine Frau einen Notfall-Kaiserschnitt bei unserem Sohn Michael, der sieben Wochen zu früh zur Welt kam. Die Reise von dieser Nacht bis heute war unglaublich. Viele Höhen und Tiefen, viel Herzschmerz und Freude, und viel Wachstum für jedes Mitglied unserer Familie.

Schon kurz nach seiner Geburt wurde uns klar, daß Michaels Anwesenheit in unserem Leben unsere ganze Welt auf den Kopf stellen würde.

Bei ihm wurde eine Krankheit diagnostiziert, die so selten ist, daß sie nicht einmal einen Namen hat, sondern lediglich eine Reihe von Buchstaben und Ziffern.

Trotz alldem würde ich kein Iota ändern wollen. Die Liebe und Freude, die dieses erstaunliche Kind unserer Familie und unseren Freunden gebracht hat, ist unermeßlich. Am beeindruckendsten ist die Tatsache, daß er noch nie ein Wort gesprochen hat.

Die Leute haben mich gefragt, ob ich mir wünschte, es gäbe eine Heilung für das, was Michael hat, und ich kann ehrlich sagen, nein. Gott hat einen Plan für jeden, und dieser Plan verläuft nicht immer in geraden Linien.

Ohne den Einfluß, die Kämpfe, die Freude und die bedingungslose Liebe, die Michael unsere Familie gelehrt hat, wüßte ich nicht, wo wir jetzt wären. Es gibt keine Zufälle in dieser Welt, und Gott liebt all seine Kinder - geborene wie ungeborene - unabhängig davon, welchen "Wert" sie nach Ansicht der modernen Gesellschaft haben.

Michael hat weit mehr bewirkt als jeder andere, den ich kenne, und er hat nie ein Wort darüber verloren.

Er hat unsere Familie näher zusammengebracht, er hat meinen Kindern erstaunliche Lektionen in Sachen Liebe und Mitgefühl erteilt. Und in der Tat, er lacht sehr viel.

Obwohl Michael noch nie ein Wort gesagt hat, hat er buchstäblich Tausenden von Menschen und Kindern geholfen und deren Leben beeindruckt.

Er ist das fröhlichste Kind, das mir je begegnet ist; sein Lachen ist ansteckend. Niemand verläßt Michael ohne ein Lächeln und ein neuerliches Gefühl der Dankbarkeit.«

Quelle: liveaction

Freitag, 22. Juli 2022

Maria Magdalena

Warum erkennt sie Ihn nicht?

Warum hält Maria Magdalena den Auferstandenen für den Gärtner?
Als sie das gesagt hatte, wandte sie sich um und sah Jesus dastehen, wußte aber nicht, daß es Jesus war. Jesus sagte zu ihr: Frau, warum weinst du? Wen suchst du? Sie meinte, es sei der Gärtner, und sagte zu ihm: Herr, wenn du ihn weggebracht hast, sag mir, wohin du ihn gelegt hast! Dann will ich ihn holen. (Joh 20,14ff)

Maria Magdalena ist die Büßerin mit dem großen Herzen. Jesus hat sie geheilt, und zwar nicht von einem Schnupfen, sondern von einer lebensbedrohlichen dämonischen Erkrankung. Sie war wortwörtlich eine Tote. Zwar noch nicht beerdigt, aber geistlich bereits tot. Und Jesus rettet sie aus dem Tod und führt sie zurück ins Leben. Ihre Dankbarkeit danach ist glühend.

Und eben sie, die Glühende, die Gerettete mit dem brennenden Herzen, erkennt den Auferstandenen nicht.

Naturgemäß haben sich geistliche Kommentatoren gefragt, warum dies so ist, und man gab mehrere Antworten. Zum Beispiel, daß Maria Magdalena nach dem Tod ihres geliebten Lebensretters geweint und geweint habe, so daß ihre Augen schließlich von all den Tränen verschleiert gewesen seien.

Oder: Maria Magdalena sei in ihrer Trauer so gefangen gewesen, daß sie gleichsam blind geworden sei.

Die Erklärungsversuche sollen hier nicht geschmäht werden, denn sie haben eine begrenzte Berechtigung. Die Betonung liegt auf begrenzt. Denn letztlich befriedigen diese Versuche nicht.

Die Deutung, die schlüssig erscheint, ist diejenige, die Ratzinger gibt, und es ist, da die Wahrheit einfach ist, die einfache Deutung: »Er (Jesus) gehört nicht mehr der sinnlich wahrnehmbaren Welt zu, sondern der Welt Gottes. So kann ihn nur sehen, wem er selbst sich zu sehen gibt."
    
Wem Er selbst sich zu sehen gibt... Mit diesen einfachen, präzisen Worten ist jeder esoterischen Vereinnahmung die klare Absage erteilt. Der Auferstandene bleibt unverfügbar. Kein noch so ausgetüfteltes esoterisches Rezept, kein Ritual, keine Beschwörungsformel und auch keine Abtötungsübung vermag den Lebendigen Gott herbeizuzwingen. Gott ist frei. Und Er schenkt Seine Offenbarung wem Er will, wie Er will und wann Er will.

Das Griechische verwendet dafür die Vokabel ophthä, »das wir im Deutschen gewöhnlich übersetzen: Er erschien; richtiger müßten wir vielleicht sagen: Er gab sich zu sehen« (Ratzinger).

Das heißt nicht, daß der Mensch gar nichts beizutragen hat zum Geschenk der Offenbarung. Sein Beitrag ist seine Sehnsucht, in den Worten des heiligen Augustinus‘: »Deine Sehnsucht ist dein Gebet.« In den Worten Ratzingers: »Und bei solchem Sehen sind auch das Herz, der Geist, die innere Offenheit des Menschen beansprucht.«

Diese innere Offenheit und Sehnsucht sollten Tag um Tag wachsen, bis der Grund der Seele dermaßen ausgehöhlt oder auch ausgebrannt ist, daß der eigene Abgrund – gemäß dem Psalmwort 42,8 (Vulgata): abyssus abyssum invocat, der Abgrund ruft nach dem Abgrund - ein einziger Schrei ist. Doch dieser Schrei zwingt nicht, ganz einfach deswegen nicht, weil er nicht zwingen kann.

Der Auferstandene sieht den Abgrund und Er sieht das Feuer im Herzen des Sehnsüchtigen. Wann Er jedoch mit Seinem unermeßlichen abgründigen Feuer den Abgrund des vor Liebe Kranken erleuchtet – das ist Sein unergründlicher Ratschluß, weswegen Paulus ekstatisch ausruft: »O Tiefe des Reichtums, der Weisheit und der Erkenntnis Gottes! Wie unergründlich sind Seine Entscheidungen, wie unerforschlich Seine Wege! (Röm 11,33)

Der Mensch freilich sollte nie daran zweifeln, daß der Lebendige Gott sein Gebet hört und erhört. Das heißt, der Mensch sollte nie daran zweifeln, daß noch die angebliche Abwesenheit des Ersehnten Abwesenheit der Liebe ist und also eine andere, reinigende, überaus helle Form der Nähe.

Und der sich ausstreckende Mensch, der Gläubige mit seiner verzehrenden Sehnsucht, sollte das Wort des Hebräerbriefs 12,29 bedenken: (…) denn unser Gott ist verzehrendes Feuer.

Grafik: Correggio, Noli me tangere. wikicommons

Samstag, 16. Juli 2022

Das Auge


Die Leuchte des Leibes ist das Auge. Wenn dein Auge gesund ist, dann wird dein ganzer Leib hell sein. Wenn aber dein Auge krank ist, dann wird dein ganzer Leib finster sein. Wenn nun das Licht in dir Finsternis ist, wie groß muß dann die Finsternis sein!  (Mt 6,22f)
Manche werden diese Bibelstelle kennen. Sie findet sich in einer der großen Predigten Jesu, in der Bergpredigt.
                  
Zweierlei soll anhand dieser Feststellungen Jesu hier erwähnt werden.

Erstens.
Das Auge ist kein Organ unter ferner liefen, sondern ein zentrales. »Was wir im Auge haben, das prägt uns«, so ein zeitgenössischer geistlicher Autor, »da hinein werden wir verwandelt. Wir kommen, wohin wir schauen« (Heinrich Spaemann).

Das ist die heutige Formulierung dessen, was 700 Jahre zuvor ein Albert der Große folgendermaßen ausdrückte: »Wer sich mit göttlichen Dingen beschäftigt, wird nach ihrem Bild umgestaltet.«
    
Daraus leitet sich wie selbstverständlich die Frage an jeden Einzelnen ab: Was schaue ich? Was betrachte ich? Wem setze ich meine Augen aus? Welche Bilder lasse ich in mein Auge hinein? Welche Photographien, welche Videos, welche Filme, welche Computerspiele? Welche Umgestaltung will ich? Welche Verwandlung?

Zweitens.
Zur biblischen Anthropologie gehört, daß sie mit dem Heilen beginnt. Mit dem Gesunden.

Anders gesagt: Am Beginn steht die Affirmation, die Bejahung, das Einverständnis. Die Leuchte des Leibes ist das Auge. Das ist ein Indikativ. Und erst, wenn dies als das ursprüngliche Faktum geklärt ist, folgt das Zweite: Die Negation, das Kranksein: Wenn aber dein Auge krank ist, dann wird dein ganzer Leib finster sein.

Diese unumstößliche Bejahung des Anfangs ist freilich das, was der Moderne am meisten zu schaffen macht. Denn tagein tagaus wird uns eingehämmert, daß es im Grunde nur die Negation gibt, und wenn Bejahung, dann ist diese abgeleitet, das Zweite, jedenfalls nicht das Ursprüngliche. Das Dunkel gilt als das Erste. Der Schatten wird verherrlicht. Das Licht ist nur mehr, wenn überhaupt, das verkümmerte, nachgerückte Zweite.

Damit steht die Welt Kopf. Dementsprechend lautet das Schlagwort, unter welches die Postmoderne sich rubrizieren ließe, nicht länger: Alles fließt, sondern: Alles dunkelt.

Denn das kranke Auge, welches mit seiner kranken Linse die Welt betrachtet, sieht das, was es in sich selbst trägt: Die Finsternis. Und nicht nur das: Es hält diese Finsternis für die reale Welt, bis dahin, daß schließlich derjenige, dessen gerades Auge unverblendet ist, in der neuen Doktrin der Dunkelheit als der Verkehrte gebrandmarkt wird, als der Widerständige, welcher umerzogen werden muß.

Was tun?

Unbeirrt auf Den schauen, Den sie durchbohrt haben.


Grafik: Genealogie Jesu und Christus Pantokrator, Mosaik in der Südkuppel der Chora Kirche. Wikicommons.

Samstag, 2. Juli 2022

DU

Arsenij, der berühmte Wüstenvater, kommt zur Himmelstür. Er klopft an. Er wartet. Dann hört er von innen die Stimme: »Wer begehrt Einlaß?«

»Ich«, entgegnet Arsenij, »ich, der berühmte Arsenij aus der Wüste.«

»Den kennen wir nicht«, hört Arsenij die Stimme von innen. Und dann hört er: »Geh zurück in die Wüste für 5 Jahre.«

Arsenij ist verstört. Er geht zurück, oder vielmehr er wankt zurück. Er, der berühmte Arsenij.

Nach fünf Jahren steht er erneut an der Himmelspforte und klopft.

»Wer begehrt Einlaß?«

»Arsenij aus der Wüste«, antwortet Arsenij. »Der Asket.«

»Den kennen wir nicht«, tönt es von innen. »Geh zurück in die Wüste. Fünf Jahre lang.«

Was mache ich falsch? fragt sich Arsenij. Ich bete, ich faste, ich kasteie mich. Ich schlafe auf dem Boden, mein Kopfkissen ist ein Stein. Und doch muß ich wieder zurück in die Wüste.

Fünf Jahre vergehen. Es sind strenge Jahre, aber auch beglückende Jahre. Die Sonne brennt, aber sie brennt nun anders. Sie schmilzt und verzehrt und strahlt. Arsenij ist oft glücklich und wundert sich. Gestern lag vor seinem Zelteingang ein totes kleines gelbes Vögelchen,  da weinte Arsenij sehr lange. Er ist jetzt 105 Jahre alt. Er hat in den letzten Jahren so viel Sonne getrunken, daß sein Gesicht selbst zur Sonne geworden ist. An einem Freitagnachmittag, um die dritte Stunde, ist es soweit. Er steht wieder vor der berühmten Pforte und klopft und wartet. Er hat keine Angst. Warum sollte er Angst haben? Er weiß ja die Frage. Darum ist er nicht überrascht, als ihn die Stimme fragt:

»Wer begehrt Einlaß?«

O herrliche Stimme! O herrliche Frage! Arsenij muß fast weinen. Vor Glück. Er antwortet:

»DU.«

»Komm«, hört Arsenij. Nur dieses Wort: »Komm«.

Und Arsenij geht durch das geöffnete Tor.

Samstag, 25. Juni 2022

Der Sieg



Congratulations!

Amerika hat es geschafft. Nach nahezu 50 Jahren eines infamen Abtreibungsgesetzes, das 1973 unter dem Namen Roe v. Wade die Abtreibung in den USA gesetzlich erlaubte und damit für die Tötung von geschätzten 63 Millionen Kindern im Mutterleib verantwortlich war, ist Roe v. Wade Geschichte. Am Hochfest des Heiligsten Herzens Jesu hat der Oberste Gerichtshof der Vereinigten Staaten das mörderische Gesetz aufgehoben.

Der Sieg ist historisch. Und er verdankt sich dem unermüdlichen, tapferen, entsagungsreichen Kampf der amerikanischen pro-life-Bewegung. 50 Jahre lang hat diese Bewegung standgehalten, hat gebetet, gekämpft, hat übelste Attacken über sich ergehen lassen, hat Unrecht, Diskriminierungen, Schläge, Verspottungen, Verfolgungen und unzählige mediale Ehrabschneidungen ertragen und dennoch weitergekämpft.

Hier seien stellvertretend für so viele Kämpfer drei grandiose Pro Lifer genannt, ohne deren mutige und beharrliche Standhaftigkeit dieser Sieg nicht gekommen wäre.

Monsignore Philip J. Reilly, der Gründer der weltweiten Lebensschutzbewegung Helpers for God’s Precious Infants, hat jahrezehntelang mit seinen Mitstreitern vor den berüchtigten Abtreibungsstätten gebetet und beraten. Seine maßgebliche Inspiration verbreitete sich weltweit: Die Abtreibungsstätten sind das Golgotha der Jetztzeit, Und wie damals, vor 2000 Jahren, Maria und Johannes unter dem Kreuz Christi standen, um dem Gekreuzigten ihre Liebe zu erweisen, so stehen die Gehsteigberater und Beter von Monsignores Bewegung seit Jahrzehnten vor den Abtreibungsstätten, um den gemarterten, getöteten Kindern ihre Liebe zu schenken und für all diejenigen zu beten, die an der Abtreibung beteiligt sind – denn sie wissen nicht, was sie tun (s. Lukasevangelium 23,34). Sie, die Prolifer, leben das Evangelium. Denn sie bringen – gemäß dem Wort aus dem Prolog des Evangelisten Johannes – das Licht in die Finsternis.

Lila Rose ist die Gründerin von Live Action. Mit 15 startete sie die Initiative. Mit 18 drehte sie ihr erstes Undercover-Video in einer Abtreibungsfiliale des US-Abtreibungsriesen Planned Parenthood (deutscher Ableger: pro familia). Seitdem folgte Video auf Video und Audiotape auf Audiotape. Und jede Aufzeichnung dokumentiert den alltäglichen Horror: Planned Parenthood lügt und betrügt. Zum Beispiel: Es deckt den Mißbrauch an 13jährigen Teenagern, es deckt die Vergewaltiger und Zuhälter von jungen Mädchen, es steht brutal auf der Seite der Täter, wenn nur weiterhin das blutige Geld fließt.

Da Planned Parenthood aufgrund der investigativen Dokumentationen von Live Action seine finanziellen Felle fortschwimmen sah, drohte der Abtreiberkonzern, gerichtlich gegen Lila vorzugehen. In den Abtreibungsfilialen von Planned Parenthood hing ihr Bild  - sie war Wanted, Angestellte wurden vor ihr gewarnt, die Panik vor dem nächsten Undercover-Bericht grassierte. Denn Lila Rose machte sichtbar und hörbar, was hinter verschlossenen Türen passiert: Wie mit kriminellen Machenschaften Mädchen und Frauen rücksichtslos von der Abtreibungsindustrie ausgebeutet werden. Und das Ganze läuft unter dem heuchlerischen Label: Gesundheitsfürsorge.  

Und schließlich David Daleiden.

Als junger Mann in den Zwanzigern beschließt er mit seinem Team, den Abtreibungsgiganten Planned Parenthood und dessen inhumane Praktiken aufzudecken. Zu diesem Zweck lassen sich die mutigen jungen Leute professionell ausbilden, gründen eine Biotech-Scheinfirma, lernen die Terminologie und das Gehabe, welches in der Abtreibungsgegenwelt Usus ist, um schließlich 30 Monate lang ihr Human-Capital-Project, welches im Enthüllungsjournalismus einzig dasteht, zielstrebig zu verfolgen. Das Ergebnis kann sich wortwörtlich sehen lassen: Videos, die einen den Atem anhalten lassen.

Alle bislang veröffentlichten Videos sind horrend. Spitzenleute des Abtreibungskonzerns geben den Undercover-Ermittlern, die sie für interessierte Käufer von fetalem Gewebe halten, bereitwilligst Auskunft über ihr mörderisches und finanziell lukratives Geschäft. Nicht nur, daß sie Kinder bis zur Geburt abtreiben, sondern auch, daß sie gezielt mit abgetriebenen Kindern und deren Organen illegalen Handel treiben.

Die Abtreibungsprozeduren richten sich nach Angebot und Nachfrage. Werden frische Lungen oder frische Leber benötigt? Kein Problem. Der Abtreiber wird dafür sorgen, daß der potentielle Käufer die Ware erhält. Originalton: »Wir haben's sehr gut hingekriegt, Herz, Leber und Lunge zu bekommen, denn wir wissen: Ich werde diesen Teil nicht kaputt machen, also werde ich hauptsächlich unten zudrücken und oberhalb zudrücken, und werd' schauen, daß ich alles intakt rausbekomme« (Zitat aus dem 1. veröffentlichten Video. S. dazu die Homepage des Center for Medical Progress: http://www.centerformedicalprogress.org/cmp/investigative-footage/).

Im siebten Video berichtet Holly O'Donnell, ehemalige Angestellte von StemExpress – einer Zulieferfirma, die Körperteile abgetriebener Planned-Parenthood-Babies an Universitäten und andere Stellen weiterverkauft – über die grauenvolle Gewinnung eines intakten Baby-Gehirns aufgrund der Spätabtreibung eines ungeborenen männlichen Kindes, dessen Herz nach der Abtreibung noch schlägt. Eine Supervisorin fragt O'Donnell: »Wollen Sie mal was Cooles sehen?« Darauf schlägt die Supervisorin auf das Herz des spätabgetriebenen Babies, welches zu schlagen beginnt.

»Noch ein Junge«, sagt plötzlich ein medizinischer Assistent im vierten Schockvideo der veröffentlichten Serie, in dem Mitarbeiter zu sehen sind, wie sie abgetriebene Baby-Körperteile in einer Schale sortieren: ein Herz, eine Niere, Füße. Und dann der Ausruf: »Noch ein Junge!«

Nach über einem Dutzend veröffentlichter Videos kommt der Abtreibungskoloß ans Zittern. Das öffentliche Image bekommt Risse. Daß die Abtreibung ein big business ist, liegt offen zutage. Aus dem Firmennamen Planned Parenthood hat das findige Internet den neuen Namen abgeleitet: Planned Profithood. Und seit die Lawine größer und größer wird, versucht die Abtreibungsindustrie, dem Hauptermittler, David Daleiden, das journalistische Handwerk zu legen, indem sie ihm multiple Strafanzeigen an den Hals hängt, die den couragierten Ermittler finanziell und existentiell ruinieren sowie mundtot machen sollen.

Denn eben das fürchten die Abtreiber am meisten: Daß man sieht, klipp und klar sieht, was die Geschäftemacher der Abtreibungsindustrie tatsächlich tun und was Abtreibung tatsächlich ist. Wenn die Masken fallen und das Mimikry entlarvt ist.

Monsignore (wie ihn seine Freunde liebevoll nennen), Lila, David und so vielen bekannten und unbekannten pro life Helden von Heute gilt unser Dank – congratulations!

Grafik: Photo by Henley Design Studio. Unsplash.com

Samstag, 18. Juni 2022

Das Kreuz III

Ein berühmter, bereits verstorbener polnischer Filmregisseur sagte anläßlich seiner akklamierten Filmtrilogie in einem Interview, er habe keine Antworten.

Das ist dürftig. Und es ist unwahr. Denn die sogenannte Antwortlosigkeit ist auch eine Antwort, halt eine dürftige.

Doch im modernen Feuilleton ist diese Antwort gern gesehen. Man attestiert ihr bereitwillig die Aura des Aufklärerischen, des Abgeklärten, des Existentialistischen, während sie tatsächlich bodenlos relativistisch ist.
 
Und der Relativismus zeigt sich. Im ersten Film der Trilogie sieht dies derart aus: Die Hauptdarstellerin – soeben durch einen Autounfall, bei dem ihr Mann und ihre Tochter ums Leben gekommen sind, Witwe geworden – streift durchs Leben. Mit einem der Mitarbeiter ihres verstorbenen Mannes verbringt sie eine Nacht, um ihn anschließend vor die Tür zu setzen.

Mit einer jungen Frau, die in ihrem Miethaus unter ihr wohnt, kommt sie in näheren Kontakt, es entwickelt sich eine Art Freundschaft. Besagte junge Frau ist Nutte und findet das gut so.

Der verstorbene Komponist, so entdeckt seine Witwe post mortem, hat seine Frau seit Jahren mit einer Juristin betrogen. Die Witwe will die fremde Frau, die ein Kind von dem Komponisten erwartet, kennenlernen. Am Ende des Kontaktes vermacht die Witwe ihr großbürgerliches Domizil der Juristin und dem noch ungeborenen Kind. Warum? Ihr Mann habe schließlich diese Frau geliebt.

Tja, Liebe ist offensichtlich alles. Der Slogan kommt einem bekannt vor. Dazu paßt dann auch noch, daß der Komponist vor seinem Tod an einem großen Werk mit Chor arbeitete, dessen Textgrundlage… na was wohl? … das Hohelied der Liebe des Apostels Paulus ist. In Griechisch!

Doch auch dieses bombastische musikalische Zitat ändert nichts an der relativistischen Struktur des Films. Die Frage ist, woher dieser Relativismus des polnischen Regisseurs, der die religiösen Quellen seiner Heimat durchaus kennt.

Und da sind wir bei der echten Antwort angekommen. Auch sie zeigt sich, denn die Wahrheit zeigt sich.

Etwa in der Mitte des Films kommt es zu einer weiteren Begegnung der Hauptdarstellerin, diesmal mit einem jungen Burschen. Man trifft sich in einem Café. Antoine, so der Name des Burschen, hat diese Begegnung gesucht, denn er war damals Zeuge des Unfalls. Und an der Unfallstätte fand er eine Halskette samt Kreuz. Diese Halskette will er der Witwe zurückgeben, denn schließlich gehört sie ihr.

Und was passiert? Die Witwe nimmt Kette und Kreuz nicht an, sie läßt sie Antoine und verläßt das Lokal.

Klarer könnte die Antwort nicht sein. Wer das Kreuz, welches absolut ist, zurückweist, der endet im Relativismus. Darüber täuschen weder träumerische Großaufnahmen noch betörende Filmmusiken noch cineastische Preise hinweg. Die Leere breitet sich aus. Die emphatisch beschworene Liebe ist letztlich eine schale, nichtssagende Vokabel unter anderen.

Zu den letzten Bildern des Films gehört in einem Reigen verstörender Momentaufnahmen auch der Blick auf den jungen Burschen, der weiterhin das Kreuz in Händen hält. Man kann nur hoffen, daß Antoine, als Zeuge im wahren Wortsinn, die Zukunft lebt, die der Regisseur ein und eine halbe Stunde lang verbarrikadiert.

Grafik: Photo by Sophia Sideri, unsplash.com

Samstag, 11. Juni 2022

Die Wahrnehmung

                »Nur wer ein Auge dafür hat, sieht etwas Schönes und Gutes, in jedem Wetter, er findet Schnee, brennende Sonne, Sturm und ruhiges Wetter schön,
hat alle Jahreszeiten gern und ist im Grunde damit zufrieden,
daß die Dinge so sind, wie sie sind.«
         

Vincent van Gogh


Grafik: Van Gogh, Sternennacht. wikicommons

Samstag, 4. Juni 2022

Die sogenannten Experten und der gesunde Menschenverstand

Nennen wir ihn Heinz.

Es war Sommer. Wir saßen im Innenhof des Miethauses, neben einem kleinen Garten. Vier Freunde. Heinz war zu Besuch gekommen. Heinz, der als Cellist in einem Orchester und in einem Quartett spielte, und dies seit Jahren.

Und wie selbstverständlich war das Gespräch auf Musik gekommen. Auf Mozart und Schumann und Messiaen. Und wir vier waren der gleichen Ansicht: Die postmoderne Musik konnte mit diesen Komponisten nicht mithalten. Wir sagten ohne Umschweife, daß diese neue Musik, die sich als Nachfolgerin der klassischen verstand, seit Jahrzehnten in eine Sackgasse geraten sei, zumal durch ihre elektronischen Experimente und Verstümmelungen.

Heinz verteidigte die modernen Versuche, und man merkte, daß er zunehmend die Fassung verlor.

Irgendwann stand er erbost auf. Er rannte aus dem Innenhof und hinein in das ebenerdige Zimmer, wo er seine Siebensachen abgestellt hatte. Dieses Zimmer ging hinaus zum Garten, sein Fenster stand offen. Es dauerte nicht lange, bis wir verstanden.

Heinz, der imstande gewesen wäre, aus dem Stegreif die Solopartie eines berühmten Cellokonzertes zu spielen, wollte uns eine Kostprobe dessen geben, was er leidenschaftlich verteidigte. Er hatte offensichtlich wutentbrannt sein Cello aus dem Kasten genommen und gab uns jetzt die Probe aufs Exempel. 

Aus dem geöffneten Fenster klangen die neuen Töne. Aber das Erschreckende war, daß nicht eigentlich Töne erklangen, sondern gequältes, qietschendes, die Ohren verletzendes Gekratze. Keine Harmonien. Keine Melodie. Stattdessen Zerstörung jedes musikalischen Gefüges.

Wir verstummten. Was wir vernahmen, bestätigte in einer Weise, die uns zuinnerst traf, das, was wir zuvor gesagt hatten. Wir verstanden, daß wir die Diskussion beenden sollten, denn was hätten wir, die wir die späten Beethovenquartette liebten, diesem Gekrächze gegenüber sagen sollen?

Und ich habe seitdem auch dies verstanden: Es gibt den gesunden Menschenverstand, der sich vor den Meinungen der sogenannten Experten nicht zu fürchten und nicht einzuschüchtern lassen braucht. Wer sich eingeübt hat in die Maßstäbe großer Kunst, bildet irgendwann den inneren Kompaß aus. Denn Mozart ist ein Kompaß. Beethoven ist ein Kompaß. Sie zerstören nicht, sondern bauen auf. Sie bergen und bringen den schönen Glanz der Wahrheit. Sie sind wahrhaft tröstlich. 

In den Worten eines großen Malers: »Kunst ist es, diejenigen zu trösten, die vom Leben gebrochen werden« (van Gogh).

Samstag, 28. Mai 2022

Der Marienmonat und der Missionar und Molokai

Molokai wurde bekannt durch den heiligen Damien de Veuster. Es ist die Insel der Leprakranken. Dorthin ließ sich der belgische Missionar 1873 senden, um sein Leben für die Leprakranken hinzugeben.

Ein anderer Missionar, ebenfalls nach Molokai aufgebrochen, berichtet Jahrzehnte später von seinem Aufenthalt auf der Leprainsel.

Es ist der Marienmonat Mai. Der Missionar kommt auf die Insel, um dort den Marienmonat zu eröffnen und zugleich die Statue Unserer Lieben Frau von Fatima zu segnen und aufzustellen.

Auf der Insel angekommen, erfaßt den Missionar das Erschrecken angesichts der entstellten Kranken. Mutlosigkeit will sich breit machen. Wie soll das gehen? Die wunderschöne Statue der Madonna aufstellen und dabei in die ungestalten, zerstörten Gesichter der Leprosen schauen?

Während er noch seinen bedrückenden Gedanken nachhängt, kommt eine Schwester und bittet ihn, sofort zu einem Sterbenden zu kommen. Die Marienstatue solle er mitnehmen, denn der Sterbende wünsche sich, bevor er sterbe, die Madonna zu sehen.

Der Missionar, die Madonna in den Armen, folgt der Schwester mit beklommenem Herzen. Sie erreichen das Lager des Sterbenden. Dieser stammelt bewegt: »Die Madonna.« 

Ist es nun die Beklemmung des Missionars, seine Angst zu versagen oder ganz einfach seine Hilflosigkeit? Als er sich dem Bett des Kranken nähert, stolpert er und fällt. Bevor er zu Boden geht, ruft er, um die Statue zu retten, aus: »Maria, hilf.«

Als er sich erhebt, gilt sein erster Blick der Madonna. Die Muttergottes ist an vielen Stellen verletzt. Die Hände halten zwar weiterhin den Rosenkranz, sind aber beschädigt. Der Lack im Gesicht ist an etlichen Stellen abgesplittert, auf den Wangen sind nun dunkle Flecken zu sehen, das Lächeln der Muttergottes weist einen schmerzlichen Zug auf. Nur die Augen sind unversehrt und schauen mit derselben Güte und Zärtlichkeit den Betrachter an.

Der Missionar zögert. Was soll er tun? Die Schwester ruft ihn ans Lager des Sterbenden. Dieser, als er die Madonna wahrnimmt, wird von einer Welle der Liebe und Sehnsucht und Glaubenserschütterung erfaßt. Er versteht, ohne viele Worte: Die himmlische Mutter kommt zu ihrem sterbenden Kind.

Denn so ist Maria. Sie steigt herab. Aus Liebe zu ihrem kranken, entstellten Kind verzichtet sie auf ihre makellose Schönheit.

Samstag, 21. Mai 2022

Die Freude

In der Freude will jeder sein. Depression ist keine Wunschvorstellung. Nur: Wie kommt man zur Freude?

Im Johannesevangelium spricht Jesus nicht nur von der Freude, sondern von der vollkommenen Freude. Und diese vollkommene Freude – man höre und staune - ist dem Menschen zugedacht. Es heißt in Joh 15, 9-11:

»In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Jüngern: Wie mich der Vater geliebt hat, so habe auch ich euch geliebt. Bleibt in meiner Liebe! Wenn ihr meine Gebote haltet, werdet ihr in meiner Liebe bleiben, so wie ich die Gebote meines Vaters gehalten habe und in seiner Liebe bleibe. Dies habe ich euch gesagt, damit meine Freude in euch sei und damit eure Freude vollkommen werde.«

Vollkommene Freude – das will man. Aber vielleicht haben wir das Wesentliche überhört. Denn bevor Jesus von der vollkommenen Freude für uns spricht, erwähnt er ausdrücklich Seine Freude: Seine Freude soll in uns sein.

Die Abfolge ist klar. Derjenige, der Jesus nachfolgen will, muß in Jesu Liebe bleiben. Das ist grundlegend. Der Prüfstein, ob dieses Bleiben tatsächlich verwirklicht wird, ist das Einhalten der Gebote. Das Befolgen der Gebote zeigt nämlich, daß man nicht nur schöne Worte im Mund führt, sondern sich wirklich um ein christliches, gottwohlgefälliges Leben bemüht. Der Kompaß der Überprüfung ist dabei stets derselbe: Jesus. An Ihm ist ablesbar, was zu lieben heißt und was zu gehorchen heißt.

Was aber meint Jesus genau, wenn Er von Seiner Freude spricht? Worin besteht Jesu Freude?

Das ganze Johannesevangelium (wie im übrigen auch die anderen Evangelien) geben darauf eine unmißverständliche Antwort. Die Freude Jesu ist die, ganz im Willen des Vaters geborgen zu sein. Ganz Sohn zu sein. In den Worten von Joh 4,34: »Meine Speise ist es, den Willen dessen zu tun, der mich gesandt hat.«. Mit anderen Worten: Die Freude Jesu besteht in der unverbrüchlichen Liebesgemeinschaft mit dem Vater. Diese Gemeinschaft der Liebe ist Alles: Ursprung, Leben, Licht, Fülle, Rast, Labsal, seliges Glück, unendlicher Austausch.

In diesen strömenden Austausch der Liebe lädt uns Jesus ein. Denn die Liebe will mitteilen und schenken. Wenn wir bereit sind, uns hineinnehmen zu lassen in die Teilnahme, dann wachsen wir hinein in das Versprochene: In die vollkommene Freude.

Die Freude ist folglich das Zweite.

Wir neigen wohl alle zu dem Fehler, krampfhaft die Freude zu suchen. Aber die Freude findet man so nicht. Denn der erste, entscheidende Schritt ist nicht zu überspringen: Unser Ja dazu, Jesu Freude aufzunehmen. Nicht unsere Vorstellungen von Freude durchzusetzen, sondern einverstanden zu sein, Seine Freude zu bejahen.

Dann, erst dann, werden wir wahrhaft Frohe. Dann, erst dann, verstehen wir nämlich, daß, wie Paulus es nennt, »denjenigen, die Gott lieben, alles zum Guten gereicht« (Röm 8,28).

Unser Irrtum ist, daß wir, da wir unsere weltlichen Konzepte von Freude für die gültigen halten, die Freude ausschließlich an wohlige Ereignisse binden. Wenn wir von Heiligen lesen, die in Schmerz oder Krankheit nicht verzweifelten, sondern eine tiefe Freude erfuhren, kommt uns dies, gelinde gesagt, verwegen vor. Wir lesen es und wehren das Gelesene zugleich ab, indem wir entgegnen: Das sind halt Heilige. Damit halten wir uns die Heiligen vom Leib, obgleich wir wissen, daß Jesus uns selbst zu dieser Heiligkeit beruft (»Seid also vollkommen, wie auch euer Vater im Himmel vollkommen ist.« Mt 5,48).

Was machen die Heiligen anders als wir?

Sie haben sich, ohne jeden Vorbehalt, die Freude Jesu schenken lassen. Damit sind sie Mitbürger des Himmels geworden. Sohn im Sohn. Der Vater, den wir im Vater Unser bekennen, ist tatsächlich ihr Vater geworden. Sie wissen, daß dieser Vater allmächtige, unwandelbare, unfaßbare Liebe ist. Und da dem so ist, zweifeln sie nicht länger. Die Liebe des Vaters ist Liebe. Immer. Daher die reine Dankbarkeit des Heiligen: »Die Liebe zu Gott ist rein, wenn Freude und Leid die gleiche Dankbarkeit einflößen« (Simone Weil).

Gleich was geschieht, der Heilige weiß, daß Alles aus der liebenden Hand des Vaters zu ihm kommt. Er ist gelassen. Wie es im Prinzip und Fundament der Exerzitien des heiligen Ignatius von Loyola heißt: »Auf diese Weise sollen wir von unserer Seite Gesundheit nicht mehr verlangen als Krankheit, Reichtum nicht mehr als Armut, Ehre nicht mehr als Schmach, langes Leben nicht mehr als kurzes, und folgerichtig so in allen übrigen Dingen.« 

Der Heilige bleibt in der befreienden Indifferenz. Er murrt nicht, wenn er krank ist. Wozu auch? Noch die Krankheit ist ein Liebesbeweis Gottes. Das mag sich verrückt anhören. Und es ist auch verrückt. Denn die Liebe, von der wir hier sprechen, ist verrückt, was so viel meint wie, daß sie nicht mit menschlichen, kleinlichen Maßstäben zu messen ist.

Irgendwann werden es auch die Anderen wahrnehmen. Wieso gibt es da jemanden, der sich freut? Nicht nur an Sonnentagen, sondern auch, wenn die Wolken die Sonne verdecken? Manche werden über diese Freude, die, da sie eine geistliche Freude ist und also Geschenk des Heiligen Geistes und also nicht von dieser Welt, staunen. Andere werden, aus Neid und der dämmernden bitteren Erkenntnis, daß ihr Leben ein verfehltes ist, diese selbstverständliche Freude des Heiligen zu schmähen suchen.

Der Heilige selbst kann Stunden erleben, da er in der Versuchung ist, die Quelle der Freude sich trüben zu lassen. Celano, der frühe Biograph des heiligen Franziskus, bemerkt:

»Daher trachtete der Heilige danach, stets im Jubel des Herzens zu verharren, die Salbung des Geistes und das Öl der Freude zu bewahren (vgl. Ps 45,8). Die Krankheit des Überdrusses suchte er als die schlimmste mit der größten Sorgfalt zu vermeiden. Sobald er merkte, daß sie auch nur ein wenig in seinem Geist Eingang gefunden hat, eilte er schnell zum Gebet. Er pflegte nämlich zu sagen: Der Knecht Gottes, der, wie es vorkommen kann, aus irgendeinem Grund verwirrt ist, muß sich sofort zum Gebet erheben und so lange vor dem höchsten Vater verharren, bis er ihm die Freude seines Heiles wiedergibt (vgl. Ps 51,14).«

Vor dem höchsten Vater: Denn eben dort empfängt der Heilige stets neu seine Sicherheit des herrlichen Geliebtseins.

Ein Letztes. Wer wirklich in der geistlichen Freude ist, ist unbesiegbar. Nicht, weil er aus Eigenem so stark und mächtig wäre, sondern weil er, um die eigene katastrophale Schwäche wissend, sich in den Schutzschild des Vaters flüchtet, um dort, in dessen unbesiegbarer Liebe, geborgen zu sein. Der Teufel, der kommt um zu stehlen und zu morden und zu verderben (s. Joh 10,10), beißt sich an dem wahren Frohen die Zähne aus.

Grafik: praedica.de

Samstag, 14. Mai 2022

Vincent

Manche Lebensläufe sind derart erschütternd, daß man Mühe hat weiterzulesen. Dabei ist man lediglch der Leser, und man wird weiterlesend gewahr, daß das eigentlich Erschütternde die Tatsache ist, daß ein konkreter Mensch dieses Leben gelebt hat - nicht in Buchstaben, sondern im Fleisch und im Blut.

Eine Geschichte des Scheiterns. Kunsthändler, Verkäufer, Lehrer, Missionar – allesamt Stationen auf einem Weg der Niederlagen. Ein Beispiel unter anderen: Das Elend der Grubenarbeiter und Weber läßt ihn, als einen vom Evangelium Entzündeten, nicht kalt. Er predigt mit glühendem und gepeinigtem Herzen. Dem protestantischen Konsistorium ist dieser Eifer zu viel des Guten. Dem Prediger mit dem großen Herzen wird gekündigt.

Seine Versuche, eine Künstlerkolonie zu gründen, gehen in die Brüche oder kommen über Gedankenentwürfe nicht hinaus. Die Freundschaft mit Gauguin endet nahezu tödlich.

Die hunderte von Zeichnungen und Bilder und Skizzen, die er anfertigt, werden, bis auf wenige, durchwegs mißverstanden, abgelehnt, belächelt oder gleich als wertlos abgetan. Ein einziges Werk von ihm findet zu seinen Lebzeiten einen Käufer.

Abgrundtiefe Einsamkeit, Melancholie, Traurigkeit, seelische Finsternisse, Hunger, Not, Armut, Elend, Unverständnis… die Liste der Trübsale ist lang.  »Hätte man mich nur nicht durch den Dreck geschleift«, stöhnt er einmal.

Und doch entstehen in diesem gequälten Leben die Meisterwerke. Das ist das Wunder. Statt sich zu verlieren im Meer der Schmerzen, hißt er die Segel, selbst wenn es zerfetzte Tücher sind, um Bilder zu schaffen, die das Unendliche widerspiegeln. Oder den Adel des Schmerzes. Oder das Brennen des südlichen Himmels. Oder die gelben Kornfelder und die zerbrechliche Gestalt eines Antlitzes.

Damit wir, die Nachgeborenen, im Staunen bleiben, verzehrt sich sein Leben in den Staub. Gab es Liebe? Ja. Die unverbrüchliche Liebe des Bruders, der zu ihm hält, wenn andere ihn fallen lassen. Dieser große Bruder, der sich zu verstehen bemüht und der die Hand ausstreckt und hilft und finanziert. Und der, noch nicht einmal ein halbes Jahr nach dem Tod des Verkannten, im Alter von nur 33 Jahren in einer Nervenheilanstalt stirbt und schließlich an der Seite seines geliebten Bruders begraben wird.

Dieser ist 38 Jahre alt geworden. »Arbeiter in Christo« hatte er sich in einem Brief an den Bruder genannt. Er hatte sich dazu entschieden, »besser ein Schaf zu sein als ein Wolf«. Sein Name wurde immer wieder falsch geschrieben. Darum beschloß er, die Bilder, die er für vollendet hielt, mit seinem Vornamen zu signieren: Vincent.

Grafik: Van Gogh, Vase mit 12 Sonnenblumen. wikicommons

Samstag, 7. Mai 2022

Nach oben

»Die Schwerkraft des Geistes läßt uns nach oben fallen.«

Simone Weil

Grafik: Photo by Karl Fredrickson on Unsplash
   
 

Samstag, 30. April 2022

Tristitia

Jeder Leser von großer Literatur wird sie kennen. Jeder Bewunderer großer Kunst wird sie kennen: Die Traurigkeit.

Damit ist nicht gemeint, daß große Kunst eventuell Vorgänge thematisiert, die mit Depression, Niedergeschlagenheit oder gar Verzweiflung zu tun haben. Das gibt es. Aber das meinen wir hier nicht.

Der Apostel Paulus kann einem weiterhelfen. Er schreibt im 2. Korintherbrief 7,10 von zweierlei Arten der Traurigkeit: Von der Traurigkeit gemäß Gottes (secundum Deum tristitia) und von der weltlichen Traurigkeit (saeculi autem tristitia).

Große Kunst nun erhellt eben diese Differenz. Sie zeigt, daß bei aller Größe der künstlerischen Bewältigung ein Rest oder auch ein Spalt bleibt, der sich nicht wohlgefällig schließen läßt. Woher der Verrat? Woher die menschlichen Gemeinheiten? Woher die Treuebrüche?

David Copperfield, zum Beispiel, ist ein Meisterwerk. Man muß nur die Geschichte Steerforths und dessen Ende lesen, um zu wissen, wovon wir hier schreiben. Dickens weiß um die hehren Güter der Freundschaft und Liebe und Treue. Und zugleich weiß er um den Menschen, der die Treue bricht.

Große Kunst erhellt damit die Kluft zwischen der eigentlichen Bestimmung des Menschen, die - trotz modischer Dekonstruktionsversuchen - nie aufgehoben werden kann, nämlich die Krone der Schöpfung zu sein, und der realen Anfälligkeit des Menschen, der seine Würde mißachtet. Aus diesem Wissen, welches die große Kunst nicht verschweigt oder verfälscht, resultiert das tiefe Leiden des Künstlers an der Welt, und das heißt zuallernächst: An sich selbst.

Léon Bloy hat es so formuliert: »Es gibt nur eine Traurigkeit im Leben: Kein Heiliger zu sein.« Das ist die gottgewollte Traurigkeit.

Da der wahre Künstler diese Traurigkeit (die laut Paulus »Sinnesänderung zum Heil bewirkt«) als Riß im eigenen Fleisch und im Fleisch der gefallenen Welt insgesamt wahrnimmt und ineins damit die Sehnsucht nach dem ewigen Verheilen des Risses nicht auslöscht, sondern von eben dieser brennenden Sehnsucht sich verbrennen läßt, indem er das Leiden am Unheiligen nicht als unwiderruflich hinnimmt, sondern als Stachel, der ihn, den armen Künstler, in die sich ausstreckende, schmerzliche wie beglückende heilsame Unruhe versetzt, wird die Grundbedingung des schöpferischen Prozesses überhaupt erst gelegt und kann, gratia Dei, das Meisterwerk entstehen.
                                                                                                                                             
Dieses ist oftmals ein Spätwerk.

Der große Künstler hat sein ganzes Leben gerungen, um die angedeutete Kluft zu schließen. Und dann, nach mühseliger Wanderung und Pilgerschaft, in der alles Überflüssige und allzu Glänzende abfällt, während nur mehr das azurne Blau des Himmels bleibt und also die makellose Luft der Höhe, die bekanntlich sehr dünn ist, entsteht die Pietà Rondanini. 

Sie ist unvollendet, und auch das gehört zum späten, demütigen Meisterwerk, denn es soll offenbar werden, daß die endgültige Heilung des Risses dem ewigen Künstler vorbehalten ist.

Grafik: Michelangelo, Pietà Rondanini.
Von G.dallorto - Eigenes Werk, Attribution, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=1543131

Samstag, 23. April 2022

Si consurrexistis

Die biologische Tatsache, daß der Mensch zwei Lungenflügel hat, wendete Papst Johannes Paul II. 1980, anläßlich der Ernennung der Slawenapostel Cyrill und Methodius zu Europaheiligen, ins Geistliche, indem er davon sprach, daß das christliche Europa »auf beiden Lungenflügeln atmen« müsse, nämlich dem römisch-lateinischen wie auch dem slawisch-byzantinischen.

Wir wollen diese Anregung aufnehmen und zwar anhand zweier Auferstehungsbilder, die gut zu zeigen vermögen, wie die wechselseitige Befruchtung und Bereicherung des beidseitigen Atmens ausschauen kann.

Die klassische Auferstehungikone der Westkirche -  repräsentativ sei hier auf Grünewalds Christus verwiesen – stellt den auferstandenen Herrn als den glorreichen Sieger dar. Das gleichsam explodierende Licht des Ostermorgens umstrahlt ihn. Die Wunden, dem Betrachter hingehalten, sind die verklärten Zeichen des Sieges. Der Weltherrscher lebt in unangefochtener Majestät. Die in den Darstellungen oftmals am Boden niedergestreckten ohnmächtigen römischen Soldaten vervollständigen das Bild des Triumphators. Die einzig logische Reaktion auf diesen herrlichen Überwinder des Todes ist die Anbetung beziehungsweise die lobpreisende Prostratio, das Niederfallen vor dem König des Alls.

Die Ostkirche hat einen anderen Typos ausgebildet.

Die berühmte orthodoxe Anastasis-Ikone stellt naturgemäß auch den österlichen Sieger dar, dessen Gewand im unvergänglichen Taborlicht leuchtet, doch zugleich mit dem siegreichen Bezwinger des Hades’ und des Todes zeigt die Ostkirche den Menschen, der dem Tod verfallen war und der nun von eben dem herrlichen Sieger gerettet wird.

Adam, der Prototyp des gefallenen Menschen, wird von der Hand des Auferstandenen aus seinem tödlichen Elend herausgezogen und emporgehoben in den Ostermorgen hinein.

Das aber heißt, daß die Ikonenkunst des Ostens zur Darstellung bringt, was der Völkerapostel Paulus im Kolosserbrief 3,1f in die Worte faßt: 

»Wenn ihr nun mit Christus auferweckt worden seid, so strebt nach dem, was oben ist, wo Christus zur Rechten Gottes sitzt! Richtet euren Sinn auf das, was oben ist, nicht auf das Irdische! Denn ihr seid gestorben und euer Leben ist mit Christus verborgen in Gott.«
Die Sprengkraft dieser Worte muß man an sich heranlassen. Daß Christus zu unserem Heil seinen Himmel verlassen hat, bekennen wir im Credo. Daß er für uns Blut geschwitzt hat und gegeißelt und gekreuzigt wurde, beten wir in jedem schmerzhaften Rosenkranz. Für uns und also auch für mich ist Christus gekommen und hat den Tod erlitten.

Wir neigen jedoch zu vergessen, daß auch die Auferstehung für uns ist: Si consurrexistis… Wenn ihr mit Christus auferstanden seid. Denn wenn wir, wie der gefallene Adam, uns von der Hand des Auferstandenen ergreifen lassen, sind wir wortwörtlich Mit-Auferstehende.

Es ist wie immer. Da der Mensch ein Gebilde aus Staub ist, muß er nicht viel tun. Von ihm wird, seinem kränklichen Status entsprechend, wenig verlangt, doch dieses Wenige sollte er tun. Er sollte, wie die Emmausjünger, zum Auferstandenen sagen: Bleibe bei uns, Herr. Und er sollte, seine Hand ausstreckend nach dem einzigen Retter, sich von seinem Heiland ergreifen lassen. Und er sollte seinen Retter liebend anbeten und er sollte vor dem ewig Unbegreiflichen, der aus unergründlicher Barmherzigkeit Seine Hand dir zum Begreifen hinhält, lobpreisend niederfallen.

Er sollte… Aber wenn der Mensch endlich zu begreifen beginnt, dann ist das Sollen längst zu einem Dürfen geworden. Aus der Pflicht ist der grenzenlose Dank geworden, aus dem Muß das verstehende Verehren.

Und dann, ja dann, atmet der Mensch auf.

Grafiken: wikicommons                                                                          

Freitag, 15. April 2022

Karfreitag 2022

    »Laßt uns also voll Zuversicht hingehen zum Thron der Gnade, damit wir Erbarmen und Gnade finden und so Hilfe erlangen zur rechten Zeit.«

Hebräerbrief 4, 16


 Grafik: Photo by Grant Whitty on Unsplash

Samstag, 9. April 2022

Und die Wahrheit blieb da

1947 veröffentlichte der englische Lyriker W. H. Auden sein Werk The Age of Anxiety (Das Zeitalter der Angst), welches Berühmtheit erlangte.

Mittlerweile sind über siebzig Jahre vergangen, und, wie es scheint, könnte heute ein neues Zeitalter in Versen besungen werden, das Zeitalter der Fälschungen.

Ein gebürtiger Russe, der - polyglott - sich bestens auskennt sowohl im Osten wie im Westen, sagte in einem privaten Kreis dieser Tage, daß selbst er, als Russe, Mühe habe, eindeutig zu erkennen, was an russischen Verlautbarungen der Wahrheit entspreche.

Kein Wunder, denn wir sind in das Zeitalter der Fälschungen eingetreten. Dem vorausgegangen ist die Abschaffung der Wahrheit.

Dostojewskis bekanntes Diktum fällt einem ein: »Wenn es keinen Gott gibt, ist alles erlaubt.« Man müßte ergänzen: Wenn es keinen Gott und also keine absolute Wahrheit gibt, dann herrscht die Fälschung und also das Zwielicht.

Es wäre allerdings verkürzt zu meinen, es ginge nur um Kriegspropaganda in einem aktuellen Konflikt. Der Krieg ist ubiquitär, und dies seit langem. Nur: Es gehört zu den forcierten Fälschungen, daß das ideologische Kriegsgeschehen, welches uns permanent überrollt, nicht als solches bezeichnet, sondern als Akt der Humanität verkauft wird. Was ist es zum Beispiel anderes als eine Kriegserklärung, wenn seit Jahren die Wahrheit schlechthin, die sprichwörtlich nackte Wahrheit, nämlich die unverrückbare Wahrheit des biologischen Geschlechts, als beliebig klassifiziert wird? Oder wenn jährlich ungeborene Kinder, deren wahres Antlitz im bildgebenden Verfahren des Ultraschalls sichtbar ist, millionenfach durch Abtreibungen getötet werden?

Alles fließt, so die neue Devise. Die Wahrheit ist nicht länger Fundament, sondern Treibsand. Die Konsequenz dieser Wüste ist, daß die conditio humana in die Fänge der Fälscher gerät. Einer der Propagandisten der perfekten Fälschungen fabuliert vom Menschen der Zukunft, die jetzt angebrochen sei. Der homo sapiens sei ad acta gelegt. Der Mensch sei nichts weiter als eine Maschine, die hackbar ist. Der zukünftige Homunculus als Cyborg.

Man wird an Nietzsche erinnert. »Ich erkenne dich wohl«, heißt es im Zarathustra, »du bist der Mörder Gottes! Laß mich gehn. Du ertrugst den nicht, der dich sah - der dich immer und durch und durch sah, du häßlichster Mensch! Du nahmst Rache an diesem Zeugen!«

Die Rache der Konstrukteure des neuen babylonischen Turms ist deutlich spürbar in der aggressiven Verbissenheit, mit der sie den christlichen Schöpfergott und jedes noch so entfernte Konzept von Wahrheit attackieren. Tabula rasa, so das Programm der Technokraten. Versprochen wird dafür das künstliche Paradies. Doch was wir tagein tagaus erleben, sind nicht die paradiesischen Beglückungen, sondern die faulen Früchte der Fälschungen.

»Die Wüste wächst: weh dem, der Wüsten birgt!«, so noch einmal Nietzsche.

Ist damit alles aussichtslos? keineswegs. Es bedeutet vielmehr, daß der Kampf um die Wahrheit im Zeitalter der Fälschungen härter und reiner wird. 

Es tut gut, in diesem Zusammenhang die Vision des heiligen Nikolaus von Flüe zu bedenken, die Vision, die unter dem Namen Pilgervision bekannt wurde und die in souveräner Sicht die Wahrheit, der keine Fälschungen und kein Fliehen und keine Gebreste was anhaben können, aufstrahlen läßt. Darin heißt es:

»Ihm deucht im Geiste, daß ein Mann in Pilgers Gestalt zu ihm kam: Einen Stab in der Hand, den Hut hinten abwärts gekrempelt und im Mantel. Er kam von Sonnenaufgang, stand vor ihn hin und sang: Alleluia. Und als er sang, trug die Gegend seine Stimme; das Erdreich und alles, was zwischen Himmel und Erde war, unterstützten seine Stimme wie die kleinen Orgeln die Große. Drei vollkommene Worte kamen aus seinem Munde und endeten so genau mitsammen, wie die stark vorschnellende Feder in das Schloß schießt. Drei vollkommene Worte waren es; keines fiel mit den anderen zusammen und doch redete er nur ein Wort.
Als der Pilger diesen Gesang vollendet, bat er den Menschen um eine Gabe. Und plötzlich hatte dieser - weiß nicht woher - einen Pfennig in der Hand. Der Pilger zog den Hut und empfing den Pfennig darein. Und der Mensch hatte nie gewußt, daß es eine so große Ehrwürdigkeit sei, eine Gabe in den Hut zu empfangen. Der Mensch wunderte übel, wer der sei und von wo er käme. Und er stand vor ihn und sah ihn an.
Da hatte er sich verwandelt: Barhaupt war er jetzt, in blauem oder grauem Rock und ohne Mantel, ein so adeliger wohl geschaffener Mann, daß er ihn nur mit merklicher Lust und Begehr anschauen konnte. Sein Antlitz war gebräunt, so daß es ihm adelige Zier gab. Seine Augen schwarz wie der Magnet, seine Glieder so wohlgestaltet, daß es eine besondere Herrlichkeit an ihm war. Und obwohl er in den Kleidern steckte, hinderten diese nicht, seine Glieder zu sehen.
Und wie er ihn so unverdrossen ansah, heftete der Pilger seine Augen auf ihn. Da erschienen viele, große Wunder; der Pilatusberg versank in den Erdboden, und offen lag die ganze Welt, so daß alle Sünden in der Welt sichtbar wurden. Und es erschien eine große Menge Menschen und hinter den Menschen stand die Wahrheit, denn alle hatten ihr Angesicht von der Wahrheit abgewandt. Und es trat an allen ein großes Gebrest am Herzen zutage, so groß wie zwei Fäuste zusammen. Der Eigennutz war dieses Gebrest, der irrte die Leute so stark, daß sie des Mannes Angesicht nicht zu ertragen vermochten, so wenig ein Mensch die Feuerflammen erleiden kann. Und in grimmiger Angst fuhren sie umher und zurück mit großem Schimpf und Schand; er sah sie fern hinfahren. Und die Wahrheit - der Mann - blieb da.«

Grafik:
Photo by Ben Allan on Unsplash

Samstag, 2. April 2022

Schaffe Schweigen!

Es gehört dies zu den härtesten Worten Jesu: »Ich sage euch: Über jedes unnütze Wort, das die Menschen reden, werden sie am Tage des Gerichts Rechenschaft ablegen müssen, denn aufgrund deiner Worte wirst du freigesprochen, und aufgrund deiner Worte wirst du verurteilt werden« (Matthäus-Evangelium 12,36f).

Die Warnung Jesu trifft um so härter, da wir in einer Zeit leben, die tagein tagaus geschwätzig ist. Bezeichnenderweise ist das Format, welches auf sämtlichen Fernsehkanälen gustiert wird, die Talkshow, mit anderen Worten das institutionalisierte Geschwätz.

Daß der Mensch mit dem Wort behutsam umzugehen hat, sollte jeder ernstzunehmende Christ wissen. Die Kirche in ihrer Liturgie erinnert gleich zu Beginn der heiligen Messe die Gläubigen daran, daß es auch die Sünden des Wortes gibt: Ich habe gesündigt in Gedanken, Worten und Werken, heißt es im Schuldbekenntnis. Denn das Wort hat seine ureigene Dignität, und der Mensch als Träger und Hörer des Wortes ist dem Geist des Wortes verpflichtet. Das aber heißt, er ist Christus verpflichtet, dem fleischgewordenen WORT.

An den Christen der frühmonastischen Zeit kann man diesbezüglich neu lernen, wie groß und ehrfurchtgebietend der rechte Umgang mit dem Wort ist.

Zu den Wüstenvätern kamen die damaligen Ratsuchenden mit einer Bitte, die sehr schlicht lautete: Vater, gib mir ein Wort.

Der in die Wüste Aufgebrochene, der, oft in einer Lebenskrise, den Mönch aufsuchte, um Weisung und Orientierung für sein versehrtes Leben zu empfangen, traf nicht auf einen geistlichen Vater, der schwätzte. Der Wüstenvater war vielmehr derjenige, der in der Stille gelernt hatte, sich vorzubereiten, um das WORT zu empfangen, das Wort Gottes.

Der Wüstenvater nahm sich zu Herzen, was der Herr beim Propheten Jesaia sagt: »So ist es auch mit dem Wort, das Meinen Mund verläßt: Es kehrt nicht leer zu Mir zurück, sondern bewirkt, was Ich will, und erreicht all das, wozu Ich es ausgesandt habe« (55,11). Gott braucht keine langen Traktate und Abhandlungen. Wenn Er komm sagt, dann genügt das, und wenn Er Folge Mir nach sagt, dann genügt auch das.

Darum machte der Wüstenvater, der in die Schule Gottes ging, nicht viele Worte, wenn er dem in die Wüste Gekommenen ein erbetetes, göttliches Wort mit auf den Heimweg gab, wohl wissend, daß dieses Wort den Schüler, wenn es liebevoll gekaut und wiedergekaut wurde, reinigen, läutern und erleuchten würde. Denn das geistliche Wort war und ist das Lebensmittel, welches nährt und in der liebevollen Besinnung Frucht bringt.

Die drei grundlegenden Voraussetzungen für die Fruchtbarkeit des Wortes sind damit aufgezeigt: Ich muß aufbrechen, ich muß still werden und ich muß empfangsbereit sein. Das aber heißt: Ich muß viel loslassen: Die Gewohnheit, das Geschwätz und das Geschäftemachen.

Das Stillwerden zählt unter den wesentlichen Bedingungen der Wandlung heutzutage zum Schwierigsten. Kierkegaard hat dies bereits sehr hellsichtig zu seiner Zeit erkannt. Er gibt zur Selbstprüfung zu bedenken:

»Betrachtet man - wozu man vom christlichen Standpunkt aus gewiß berechtigt ist - den jetzigen Zustand der Welt und das ganze Leben, so müßte man sagen. Es ist eine Krankheit. Wenn ich ein Arzt wäre und mich einer fragte: Was meinst du, muß getan werden?, so würde ich antworten: Das Erste, was getan werden muß, und die unbedingte Voraussetzung dazu, daß überhaupt etwas getan werden kann, ist: Schaffe Schweigen! Gebiete Schweigen!
Gottes Wort kann ja nicht gehört werden, und wenn es mit Hilfe lärmender Mittel geräuschvoll hinausgerufen wird, damit man es auch im Getöse hören kann, so bleibt es nicht Gottes Wort. Schaffe Schweigen!!
Ach, alles lärmt (…) Der Mensch, dieser gewitzigte Kopf, sinnt fast Tag und Nacht darüber nach, wie er zur Verstärkung des Lärms immer neue Mittel erfinden und mit größtmöglicher Hast das Geräusch und das leere Gerede möglichst überallhin verbreiten kann. Ja, was man auf solche Weise erreicht, ist wohl bald das Umgekehrte: die Mitteilung ist an Bedeutungsfülle wohl bald auf den niedrigsten Stand gebracht, und gleichzeitig haben umgekehrt die Mittel der Mitteilung in Richtung auf eilige und alles überflutende Ausbreitung wohl das Höchstmaß erreicht, denn was wird wohl hastiger in Umlauf gebracht als das Geschwätz?! Und anderseits: Was findet willigere Aufnahme als das Geschwätz?! - O, schaffe Schweigen!!«

Grafik: Photo by Scott Umstattd on Unsplash

Samstag, 26. März 2022

Und bin herabgestiegen

Wer kennt sie nicht, die biblische Geschichte des Verlorenen Sohnes (Lukas-Evangelium 15,11ff).

Rembrandt hat die Rückkehr des Sohnes in einem berühmten Bild dargestellt.

Der Sohn in seinen zerrissenen, zerlumpten Kleidern. Der Vater, der sich zum Sohn, der vor ihm kniet, sanft herabbeugt und gleichsam segnend beide Hände auf die Schultern des Sohnes legt.

Der Maler hat, wie man wohl sehen kann, zwei unterschiedliche Hände gemalt: Eine männliche und eine weibliche. Offensichtlich will er zum Ausdruck bringen, daß dieser Vater, der im Gleichnis für Gott selbst steht, sowohl die väterliche Autorität wie die mütterliche Zärtlichkeit in sich vereint. Und der Sohn hat eben dies dringend nötig zur Heilung: Die Autorität und die Zärtlichkeit.

Doch muß man zugleich ergänzen, daß diese beiden grundlegenden Haltungen biblisch betrachtet sein wollen und damit im Licht von oben.

Im Gleichnis, welches Jesus erzählt, geht der Vater dem verlorenen Sohn entgegen, ja mehr noch: Er lief dem Sohn entgegen (20). Für den Juden ein Unding. Denn derjenige, der die väterliche Vollmacht repräsentiert, bleibt sitzen. Erst recht nicht rennt er dem Verlorenen entgegen, das wäre Schwächung und Verdunkelung der väterlichen Autorität. 

Doch der Vater des Gleichnisses läuft. Tatsächlich. Das aber heißt, es geht nicht um den Buchstaben des Gesetzes, sondern um den Geist des Gleichnisses, und dieser Geist ist Licht und Leben, weswegen beide, Vater und Sohn, im Licht portraitiert sind.

Und was die mütterliche  Zärtlichkeit betrifft, so ist sie kein sentimentales Verzärteln, sondern reiner Ausfluß der Liebe, die, wie es im Johannesevangelium über Jesus heißt, weiß, was im Menschen ist (s. Joh 2,25).  

Anders gesagt, die beiden Hände drücken das Geheimnis des göttlichen Herzens aus. Bezeichnenderweise ruht der Sohn am Herzen des Vaters. Von dort strömt ihm die Gnade zu, die sich im segnenden Gestus der Hände offenbart. An der Brust des Vaters ruhend hört der Sohn den Herzschlag der Versöhnung und der Auferstehung. Er hört die pulsierende Liebe.

Noch einmal anders gesagt: Rembrandt zeigt ohne Worte, worin die Liebe Gottes besteht. Gott steigt herab. Gott beugt sich nieder. Gott erniedrigt sich. Damit der zerrissene Sohn die bedingungslose Liebe seines Vaters spüren kann, neigt sich der Vater ihm zu. Denn die Bewegung des Neigens und Herabsteigens ist die fortwährende Bewegung Gottes uns gegenüber.

Als die Israeliten von den Zwingherren Ägyptens geknechtet werden und als Gott sich dem Moses im brennenden Dornbusch offenbart, sagt Gott zu seinem Knecht: Ich kenne ihr Leid. Ich bin herabgestiegen… (Exodus 3,7.8). Gleichwohl bleibt das Volk störrisch, trotzig, im Aufbegehren. Und dieser dumme Eigensinn wiederholt sich durch die Geschichte hindurch. Wir sind die Stolzen, wir sind die, die trotzig das Erbe ausgezahlt haben wollen, die mit lächerlich erhobenem Kopf davonlaufen, die es vorziehen, bei den Schweinen zu hausen, während der allmächtige, vollkommene Vater uns entgegenläuft, uns, den Dummen, weil er niemanden verloren sehen will. Denn, wie es in der Mitte des Evangeliums heißt: Er hatte Mitleid mit ihm (20).

Der Vater, den wir im zentralen Gebet der Christenheit als Vater unser anrufen, ist kein kalter Herrscher, sondern der unendlich Geduldige, der unendlich Barmherzige und der unendlich Mitleidende. Der Sohn hat es endlich verstanden. Er steht nicht vor dem Vater, sondern er kniet. Freiwillig. Denn seine Freiheit beginnt erst jetzt.

Grafik: Rembrandt, Die Rückkehr des Verlorenen Sohnes. wikicommons.