Samstag, 25. Juni 2022

Der Sieg



Congratulations!

Amerika hat es geschafft. Nach nahezu 50 Jahren eines infamen Abtreibungsgesetzes, das 1973 unter dem Namen Roe v. Wade die Abtreibung in den USA gesetzlich erlaubte und damit für die Tötung von geschätzten 63 Millionen Kindern im Mutterleib verantwortlich war, ist Roe v. Wade Geschichte. Am Hochfest des Heiligsten Herzens Jesu hat der Oberste Gerichtshof der Vereinigten Staaten das mörderische Gesetz aufgehoben.

Der Sieg ist historisch. Und er verdankt sich dem unermüdlichen, tapferen, entsagungsreichen Kampf der amerikanischen pro-life-Bewegung. 50 Jahre lang hat diese Bewegung standgehalten, hat gebetet, gekämpft, hat übelste Attacken über sich ergehen lassen, hat Unrecht, Diskriminierungen, Schläge, Verspottungen, Verfolgungen und unzählige mediale Ehrabschneidungen ertragen und dennoch weitergekämpft.

Hier seien stellvertretend für so viele Kämpfer drei grandiose Pro Lifer genannt, ohne deren mutige und beharrliche Standhaftigkeit dieser Sieg nicht gekommen wäre.

Monsignore Philip J. Reilly, der Gründer der weltweiten Lebensschutzbewegung Helpers for God’s Precious Infants, hat jahrezehntelang mit seinen Mitstreitern vor den berüchtigten Abtreibungsstätten gebetet und beraten. Seine maßgebliche Inspiration verbreitete sich weltweit: Die Abtreibungsstätten sind das Golgotha der Jetztzeit, Und wie damals, vor 2000 Jahren, Maria und Johannes unter dem Kreuz Christi standen, um dem Gekreuzigten ihre Liebe zu erweisen, so stehen die Gehsteigberater und Beter von Monsignores Bewegung seit Jahrzehnten vor den Abtreibungsstätten, um den gemarterten, getöteten Kindern ihre Liebe zu schenken und für all diejenigen zu beten, die an der Abtreibung beteiligt sind – denn sie wissen nicht, was sie tun (s. Lukasevangelium 23,34). Sie, die Prolifer, leben das Evangelium. Denn sie bringen – gemäß dem Wort aus dem Prolog des Evangelisten Johannes – das Licht in die Finsternis.

Lila Rose ist die Gründerin von Live Action. Mit 15 startete sie die Initiative. Mit 18 drehte sie ihr erstes Undercover-Video in einer Abtreibungsfiliale des US-Abtreibungsriesen Planned Parenthood (deutscher Ableger: pro familia). Seitdem folgte Video auf Video und Audiotape auf Audiotape. Und jede Aufzeichnung dokumentiert den alltäglichen Horror: Planned Parenthood lügt und betrügt. Zum Beispiel: Es deckt den Mißbrauch an 13jährigen Teenagern, es deckt die Vergewaltiger und Zuhälter von jungen Mädchen, es steht brutal auf der Seite der Täter, wenn nur weiterhin das blutige Geld fließt.

Da Planned Parenthood aufgrund der investigativen Dokumentationen von Live Action seine finanziellen Felle fortschwimmen sah, drohte der Abtreiberkonzern, gerichtlich gegen Lila vorzugehen. In den Abtreibungsfilialen von Planned Parenthood hing ihr Bild  - sie war Wanted, Angestellte wurden vor ihr gewarnt, die Panik vor dem nächsten Undercover-Bericht grassierte. Denn Lila Rose machte sichtbar und hörbar, was hinter verschlossenen Türen passiert: Wie mit kriminellen Machenschaften Mädchen und Frauen rücksichtslos von der Abtreibungsindustrie ausgebeutet werden. Und das Ganze läuft unter dem heuchlerischen Label: Gesundheitsfürsorge.  

Und schließlich David Daleiden.

Als junger Mann in den Zwanzigern beschließt er mit seinem Team, den Abtreibungsgiganten Planned Parenthood und dessen inhumane Praktiken aufzudecken. Zu diesem Zweck lassen sich die mutigen jungen Leute professionell ausbilden, gründen eine Biotech-Scheinfirma, lernen die Terminologie und das Gehabe, welches in der Abtreibungsgegenwelt Usus ist, um schließlich 30 Monate lang ihr Human-Capital-Project, welches im Enthüllungsjournalismus einzig dasteht, zielstrebig zu verfolgen. Das Ergebnis kann sich wortwörtlich sehen lassen: Videos, die einen den Atem anhalten lassen.

Alle bislang veröffentlichten Videos sind horrend. Spitzenleute des Abtreibungskonzerns geben den Undercover-Ermittlern, die sie für interessierte Käufer von fetalem Gewebe halten, bereitwilligst Auskunft über ihr mörderisches und finanziell lukratives Geschäft. Nicht nur, daß sie Kinder bis zur Geburt abtreiben, sondern auch, daß sie gezielt mit abgetriebenen Kindern und deren Organen illegalen Handel treiben.

Die Abtreibungsprozeduren richten sich nach Angebot und Nachfrage. Werden frische Lungen oder frische Leber benötigt? Kein Problem. Der Abtreiber wird dafür sorgen, daß der potentielle Käufer die Ware erhält. Originalton: »Wir haben's sehr gut hingekriegt, Herz, Leber und Lunge zu bekommen, denn wir wissen: Ich werde diesen Teil nicht kaputt machen, also werde ich hauptsächlich unten zudrücken und oberhalb zudrücken, und werd' schauen, daß ich alles intakt rausbekomme« (Zitat aus dem 1. veröffentlichten Video. S. dazu die Homepage des Center for Medical Progress: http://www.centerformedicalprogress.org/cmp/investigative-footage/).

Im siebten Video berichtet Holly O'Donnell, ehemalige Angestellte von StemExpress – einer Zulieferfirma, die Körperteile abgetriebener Planned-Parenthood-Babies an Universitäten und andere Stellen weiterverkauft – über die grauenvolle Gewinnung eines intakten Baby-Gehirns aufgrund der Spätabtreibung eines ungeborenen männlichen Kindes, dessen Herz nach der Abtreibung noch schlägt. Eine Supervisorin fragt O'Donnell: »Wollen Sie mal was Cooles sehen?« Darauf schlägt die Supervisorin auf das Herz des spätabgetriebenen Babies, welches zu schlagen beginnt.

»Noch ein Junge«, sagt plötzlich ein medizinischer Assistent im vierten Schockvideo der veröffentlichten Serie, in dem Mitarbeiter zu sehen sind, wie sie abgetriebene Baby-Körperteile in einer Schale sortieren: ein Herz, eine Niere, Füße. Und dann der Ausruf: »Noch ein Junge!«

Nach über einem Dutzend veröffentlichter Videos kommt der Abtreibungskoloß ans Zittern. Das öffentliche Image bekommt Risse. Daß die Abtreibung ein big business ist, liegt offen zutage. Aus dem Firmennamen Planned Parenthood hat das findige Internet den neuen Namen abgeleitet: Planned Profithood. Und seit die Lawine größer und größer wird, versucht die Abtreibungsindustrie, dem Hauptermittler, David Daleiden, das journalistische Handwerk zu legen, indem sie ihm multiple Strafanzeigen an den Hals hängt, die den couragierten Ermittler finanziell und existentiell ruinieren sowie mundtot machen sollen.

Denn eben das fürchten die Abtreiber am meisten: Daß man sieht, klipp und klar sieht, was die Geschäftemacher der Abtreibungsindustrie tatsächlich tun und was Abtreibung tatsächlich ist. Wenn die Masken fallen und das Mimikry entlarvt ist.

Monsignore (wie ihn seine Freunde liebevoll nennen), Lila, David und so vielen bekannten und unbekannten pro life Helden von Heute gilt unser Dank – congratulations!

Grafik: Photo by Henley Design Studio. Unsplash.com

Samstag, 18. Juni 2022

Das Kreuz III

Ein berühmter, bereits verstorbener polnischer Filmregisseur sagte anläßlich seiner akklamierten Filmtrilogie in einem Interview, er habe keine Antworten.

Das ist dürftig. Und es ist unwahr. Denn die sogenannte Antwortlosigkeit ist auch eine Antwort, halt eine dürftige.

Doch im modernen Feuilleton ist diese Antwort gern gesehen. Man attestiert ihr bereitwillig die Aura des Aufklärerischen, des Abgeklärten, des Existentialistischen, während sie tatsächlich bodenlos relativistisch ist.
 
Und der Relativismus zeigt sich. Im ersten Film der Trilogie sieht dies derart aus: Die Hauptdarstellerin – soeben durch einen Autounfall, bei dem ihr Mann und ihre Tochter ums Leben gekommen sind, Witwe geworden – streift durchs Leben. Mit einem der Mitarbeiter ihres verstorbenen Mannes verbringt sie eine Nacht, um ihn anschließend vor die Tür zu setzen.

Mit einer jungen Frau, die in ihrem Miethaus unter ihr wohnt, kommt sie in näheren Kontakt, es entwickelt sich eine Art Freundschaft. Besagte junge Frau ist Nutte und findet das gut so.

Der verstorbene Komponist, so entdeckt seine Witwe post mortem, hat seine Frau seit Jahren mit einer Juristin betrogen. Die Witwe will die fremde Frau, die ein Kind von dem Komponisten erwartet, kennenlernen. Am Ende des Kontaktes vermacht die Witwe ihr großbürgerliches Domizil der Juristin und dem noch ungeborenen Kind. Warum? Ihr Mann habe schließlich diese Frau geliebt.

Tja, Liebe ist offensichtlich alles. Der Slogan kommt einem bekannt vor. Dazu paßt dann auch noch, daß der Komponist vor seinem Tod an einem großen Werk mit Chor arbeitete, dessen Textgrundlage… na was wohl? … das Hohelied der Liebe des Apostels Paulus ist. In Griechisch!

Doch auch dieses bombastische musikalische Zitat ändert nichts an der relativistischen Struktur des Films. Die Frage ist, woher dieser Relativismus des polnischen Regisseurs, der die religiösen Quellen seiner Heimat durchaus kennt.

Und da sind wir bei der echten Antwort angekommen. Auch sie zeigt sich, denn die Wahrheit zeigt sich.

Etwa in der Mitte des Films kommt es zu einer weiteren Begegnung der Hauptdarstellerin, diesmal mit einem jungen Burschen. Man trifft sich in einem Café. Antoine, so der Name des Burschen, hat diese Begegnung gesucht, denn er war damals Zeuge des Unfalls. Und an der Unfallstätte fand er eine Halskette samt Kreuz. Diese Halskette will er der Witwe zurückgeben, denn schließlich gehört sie ihr.

Und was passiert? Die Witwe nimmt Kette und Kreuz nicht an, sie läßt sie Antoine und verläßt das Lokal.

Klarer könnte die Antwort nicht sein. Wer das Kreuz, welches absolut ist, zurückweist, der endet im Relativismus. Darüber täuschen weder träumerische Großaufnahmen noch betörende Filmmusiken noch cineastische Preise hinweg. Die Leere breitet sich aus. Die emphatisch beschworene Liebe ist letztlich eine schale, nichtssagende Vokabel unter anderen.

Zu den letzten Bildern des Films gehört in einem Reigen verstörender Momentaufnahmen auch der Blick auf den jungen Burschen, der weiterhin das Kreuz in Händen hält. Man kann nur hoffen, daß Antoine, als Zeuge im wahren Wortsinn, die Zukunft lebt, die der Regisseur ein und eine halbe Stunde lang verbarrikadiert.

Grafik: Photo by Sophia Sideri, unsplash.com

Samstag, 11. Juni 2022

Die Wahrnehmung

                »Nur wer ein Auge dafür hat, sieht etwas Schönes und Gutes, in jedem Wetter, er findet Schnee, brennende Sonne, Sturm und ruhiges Wetter schön,
hat alle Jahreszeiten gern und ist im Grunde damit zufrieden,
daß die Dinge so sind, wie sie sind.«
         

Vincent van Gogh


Grafik: Van Gogh, Sternennacht. wikicommons

Samstag, 4. Juni 2022

Die sogenannten Experten und der gesunde Menschenverstand

Nennen wir ihn Heinz.

Es war Sommer. Wir saßen im Innenhof des Miethauses, neben einem kleinen Garten. Vier Freunde. Heinz war zu Besuch gekommen. Heinz, der als Cellist in einem Orchester und in einem Quartett spielte, und dies seit Jahren.

Und wie selbstverständlich war das Gespräch auf Musik gekommen. Auf Mozart und Schumann und Messiaen. Und wir vier waren der gleichen Ansicht: Die postmoderne Musik konnte mit diesen Komponisten nicht mithalten. Wir sagten ohne Umschweife, daß diese neue Musik, die sich als Nachfolgerin der klassischen verstand, seit Jahrzehnten in eine Sackgasse geraten sei, zumal durch ihre elektronischen Experimente und Verstümmelungen.

Heinz verteidigte die modernen Versuche, und man merkte, daß er zunehmend die Fassung verlor.

Irgendwann stand er erbost auf. Er rannte aus dem Innenhof und hinein in das ebenerdige Zimmer, wo er seine Siebensachen abgestellt hatte. Dieses Zimmer ging hinaus zum Garten, sein Fenster stand offen. Es dauerte nicht lange, bis wir verstanden.

Heinz, der imstande gewesen wäre, aus dem Stegreif die Solopartie eines berühmten Cellokonzertes zu spielen, wollte uns eine Kostprobe dessen geben, was er leidenschaftlich verteidigte. Er hatte offensichtlich wutentbrannt sein Cello aus dem Kasten genommen und gab uns jetzt die Probe aufs Exempel. 

Aus dem geöffneten Fenster klangen die neuen Töne. Aber das Erschreckende war, daß nicht eigentlich Töne erklangen, sondern gequältes, qietschendes, die Ohren verletzendes Gekratze. Keine Harmonien. Keine Melodie. Stattdessen Zerstörung jedes musikalischen Gefüges.

Wir verstummten. Was wir vernahmen, bestätigte in einer Weise, die uns zuinnerst traf, das, was wir zuvor gesagt hatten. Wir verstanden, daß wir die Diskussion beenden sollten, denn was hätten wir, die wir die späten Beethovenquartette liebten, diesem Gekrächze gegenüber sagen sollen?

Und ich habe seitdem auch dies verstanden: Es gibt den gesunden Menschenverstand, der sich vor den Meinungen der sogenannten Experten nicht zu fürchten und nicht einzuschüchtern lassen braucht. Wer sich eingeübt hat in die Maßstäbe großer Kunst, bildet irgendwann den inneren Kompaß aus. Denn Mozart ist ein Kompaß. Beethoven ist ein Kompaß. Sie zerstören nicht, sondern bauen auf. Sie bergen und bringen den schönen Glanz der Wahrheit. Sie sind wahrhaft tröstlich. 

In den Worten eines großen Malers: »Kunst ist es, diejenigen zu trösten, die vom Leben gebrochen werden« (van Gogh).

Samstag, 28. Mai 2022

Der Marienmonat und der Missionar und Molokai

Molokai wurde bekannt durch den heiligen Damien de Veuster. Es ist die Insel der Leprakranken. Dorthin ließ sich der belgische Missionar 1873 senden, um sein Leben für die Leprakranken hinzugeben.

Ein anderer Missionar, ebenfalls nach Molokai aufgebrochen, berichtet Jahrzehnte später von seinem Aufenthalt auf der Leprainsel.

Es ist der Marienmonat Mai. Der Missionar kommt auf die Insel, um dort den Marienmonat zu eröffnen und zugleich die Statue Unserer Lieben Frau von Fatima zu segnen und aufzustellen.

Auf der Insel angekommen, erfaßt den Missionar das Erschrecken angesichts der entstellten Kranken. Mutlosigkeit will sich breit machen. Wie soll das gehen? Die wunderschöne Statue der Madonna aufstellen und dabei in die ungestalten, zerstörten Gesichter der Leprosen schauen?

Während er noch seinen bedrückenden Gedanken nachhängt, kommt eine Schwester und bittet ihn, sofort zu einem Sterbenden zu kommen. Die Marienstatue solle er mitnehmen, denn der Sterbende wünsche sich, bevor er sterbe, die Madonna zu sehen.

Der Missionar, die Madonna in den Armen, folgt der Schwester mit beklommenem Herzen. Sie erreichen das Lager des Sterbenden. Dieser stammelt bewegt: »Die Madonna.« 

Ist es nun die Beklemmung des Missionars, seine Angst zu versagen oder ganz einfach seine Hilflosigkeit? Als er sich dem Bett des Kranken nähert, stolpert er und fällt. Bevor er zu Boden geht, ruft er, um die Statue zu retten, aus: »Maria, hilf.«

Als er sich erhebt, gilt sein erster Blick der Madonna. Die Muttergottes ist an vielen Stellen verletzt. Die Hände halten zwar weiterhin den Rosenkranz, sind aber beschädigt. Der Lack im Gesicht ist an etlichen Stellen abgesplittert, auf den Wangen sind nun dunkle Flecken zu sehen, das Lächeln der Muttergottes weist einen schmerzlichen Zug auf. Nur die Augen sind unversehrt und schauen mit derselben Güte und Zärtlichkeit den Betrachter an.

Der Missionar zögert. Was soll er tun? Die Schwester ruft ihn ans Lager des Sterbenden. Dieser, als er die Madonna wahrnimmt, wird von einer Welle der Liebe und Sehnsucht und Glaubenserschütterung erfaßt. Er versteht, ohne viele Worte: Die himmlische Mutter kommt zu ihrem sterbenden Kind.

Denn so ist Maria. Sie steigt herab. Aus Liebe zu ihrem kranken, entstellten Kind verzichtet sie auf ihre makellose Schönheit.

Samstag, 21. Mai 2022

Die Freude

In der Freude will jeder sein. Depression ist keine Wunschvorstellung. Nur: Wie kommt man zur Freude?

Im Johannesevangelium spricht Jesus nicht nur von der Freude, sondern von der vollkommenen Freude. Und diese vollkommene Freude – man höre und staune - ist dem Menschen zugedacht. Es heißt in Joh 15, 9-11:

»In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Jüngern: Wie mich der Vater geliebt hat, so habe auch ich euch geliebt. Bleibt in meiner Liebe! Wenn ihr meine Gebote haltet, werdet ihr in meiner Liebe bleiben, so wie ich die Gebote meines Vaters gehalten habe und in seiner Liebe bleibe. Dies habe ich euch gesagt, damit meine Freude in euch sei und damit eure Freude vollkommen werde.«

Vollkommene Freude – das will man. Aber vielleicht haben wir das Wesentliche überhört. Denn bevor Jesus von der vollkommenen Freude für uns spricht, erwähnt er ausdrücklich Seine Freude: Seine Freude soll in uns sein.

Die Abfolge ist klar. Derjenige, der Jesus nachfolgen will, muß in Jesu Liebe bleiben. Das ist grundlegend. Der Prüfstein, ob dieses Bleiben tatsächlich verwirklicht wird, ist das Einhalten der Gebote. Das Befolgen der Gebote zeigt nämlich, daß man nicht nur schöne Worte im Mund führt, sondern sich wirklich um ein christliches, gottwohlgefälliges Leben bemüht. Der Kompaß der Überprüfung ist dabei stets derselbe: Jesus. An Ihm ist ablesbar, was zu lieben heißt und was zu gehorchen heißt.

Was aber meint Jesus genau, wenn Er von Seiner Freude spricht? Worin besteht Jesu Freude?

Das ganze Johannesevangelium (wie im übrigen auch die anderen Evangelien) geben darauf eine unmißverständliche Antwort. Die Freude Jesu ist die, ganz im Willen des Vaters geborgen zu sein. Ganz Sohn zu sein. In den Worten von Joh 4,34: »Meine Speise ist es, den Willen dessen zu tun, der mich gesandt hat.«. Mit anderen Worten: Die Freude Jesu besteht in der unverbrüchlichen Liebesgemeinschaft mit dem Vater. Diese Gemeinschaft der Liebe ist Alles: Ursprung, Leben, Licht, Fülle, Rast, Labsal, seliges Glück, unendlicher Austausch.

In diesen strömenden Austausch der Liebe lädt uns Jesus ein. Denn die Liebe will mitteilen und schenken. Wenn wir bereit sind, uns hineinnehmen zu lassen in die Teilnahme, dann wachsen wir hinein in das Versprochene: In die vollkommene Freude.

Die Freude ist folglich das Zweite.

Wir neigen wohl alle zu dem Fehler, krampfhaft die Freude zu suchen. Aber die Freude findet man so nicht. Denn der erste, entscheidende Schritt ist nicht zu überspringen: Unser Ja dazu, Jesu Freude aufzunehmen. Nicht unsere Vorstellungen von Freude durchzusetzen, sondern einverstanden zu sein, Seine Freude zu bejahen.

Dann, erst dann, werden wir wahrhaft Frohe. Dann, erst dann, verstehen wir nämlich, daß, wie Paulus es nennt, »denjenigen, die Gott lieben, alles zum Guten gereicht« (Röm 8,28).

Unser Irrtum ist, daß wir, da wir unsere weltlichen Konzepte von Freude für die gültigen halten, die Freude ausschließlich an wohlige Ereignisse binden. Wenn wir von Heiligen lesen, die in Schmerz oder Krankheit nicht verzweifelten, sondern eine tiefe Freude erfuhren, kommt uns dies, gelinde gesagt, verwegen vor. Wir lesen es und wehren das Gelesene zugleich ab, indem wir entgegnen: Das sind halt Heilige. Damit halten wir uns die Heiligen vom Leib, obgleich wir wissen, daß Jesus uns selbst zu dieser Heiligkeit beruft (»Seid also vollkommen, wie auch euer Vater im Himmel vollkommen ist.« Mt 5,48).

Was machen die Heiligen anders als wir?

Sie haben sich, ohne jeden Vorbehalt, die Freude Jesu schenken lassen. Damit sind sie Mitbürger des Himmels geworden. Sohn im Sohn. Der Vater, den wir im Vater Unser bekennen, ist tatsächlich ihr Vater geworden. Sie wissen, daß dieser Vater allmächtige, unwandelbare, unfaßbare Liebe ist. Und da dem so ist, zweifeln sie nicht länger. Die Liebe des Vaters ist Liebe. Immer. Daher die reine Dankbarkeit des Heiligen: »Die Liebe zu Gott ist rein, wenn Freude und Leid die gleiche Dankbarkeit einflößen« (Simone Weil).

Gleich was geschieht, der Heilige weiß, daß Alles aus der liebenden Hand des Vaters zu ihm kommt. Er ist gelassen. Wie es im Prinzip und Fundament der Exerzitien des heiligen Ignatius von Loyola heißt: »Auf diese Weise sollen wir von unserer Seite Gesundheit nicht mehr verlangen als Krankheit, Reichtum nicht mehr als Armut, Ehre nicht mehr als Schmach, langes Leben nicht mehr als kurzes, und folgerichtig so in allen übrigen Dingen.« 

Der Heilige bleibt in der befreienden Indifferenz. Er murrt nicht, wenn er krank ist. Wozu auch? Noch die Krankheit ist ein Liebesbeweis Gottes. Das mag sich verrückt anhören. Und es ist auch verrückt. Denn die Liebe, von der wir hier sprechen, ist verrückt, was so viel meint wie, daß sie nicht mit menschlichen, kleinlichen Maßstäben zu messen ist.

Irgendwann werden es auch die Anderen wahrnehmen. Wieso gibt es da jemanden, der sich freut? Nicht nur an Sonnentagen, sondern auch, wenn die Wolken die Sonne verdecken? Manche werden über diese Freude, die, da sie eine geistliche Freude ist und also Geschenk des Heiligen Geistes und also nicht von dieser Welt, staunen. Andere werden, aus Neid und der dämmernden bitteren Erkenntnis, daß ihr Leben ein verfehltes ist, diese selbstverständliche Freude des Heiligen zu schmähen suchen.

Der Heilige selbst kann Stunden erleben, da er in der Versuchung ist, die Quelle der Freude sich trüben zu lassen. Celano, der frühe Biograph des heiligen Franziskus, bemerkt:

»Daher trachtete der Heilige danach, stets im Jubel des Herzens zu verharren, die Salbung des Geistes und das Öl der Freude zu bewahren (vgl. Ps 45,8). Die Krankheit des Überdrusses suchte er als die schlimmste mit der größten Sorgfalt zu vermeiden. Sobald er merkte, daß sie auch nur ein wenig in seinem Geist Eingang gefunden hat, eilte er schnell zum Gebet. Er pflegte nämlich zu sagen: Der Knecht Gottes, der, wie es vorkommen kann, aus irgendeinem Grund verwirrt ist, muß sich sofort zum Gebet erheben und so lange vor dem höchsten Vater verharren, bis er ihm die Freude seines Heiles wiedergibt (vgl. Ps 51,14).«

Vor dem höchsten Vater: Denn eben dort empfängt der Heilige stets neu seine Sicherheit des herrlichen Geliebtseins.

Ein Letztes. Wer wirklich in der geistlichen Freude ist, ist unbesiegbar. Nicht, weil er aus Eigenem so stark und mächtig wäre, sondern weil er, um die eigene katastrophale Schwäche wissend, sich in den Schutzschild des Vaters flüchtet, um dort, in dessen unbesiegbarer Liebe, geborgen zu sein. Der Teufel, der kommt um zu stehlen und zu morden und zu verderben (s. Joh 10,10), beißt sich an dem wahren Frohen die Zähne aus.

Grafik: praedica.de

Samstag, 14. Mai 2022

Vincent

Manche Lebensläufe sind derart erschütternd, daß man Mühe hat weiterzulesen. Dabei ist man lediglch der Leser, und man wird weiterlesend gewahr, daß das eigentlich Erschütternde die Tatsache ist, daß ein konkreter Mensch dieses Leben gelebt hat - nicht in Buchstaben, sondern im Fleisch und im Blut.

Eine Geschichte des Scheiterns. Kunsthändler, Verkäufer, Lehrer, Missionar – allesamt Stationen auf einem Weg der Niederlagen. Ein Beispiel unter anderen: Das Elend der Grubenarbeiter und Weber läßt ihn, als einen vom Evangelium Entzündeten, nicht kalt. Er predigt mit glühendem und gepeinigtem Herzen. Dem protestantischen Konsistorium ist dieser Eifer zu viel des Guten. Dem Prediger mit dem großen Herzen wird gekündigt.

Seine Versuche, eine Künstlerkolonie zu gründen, gehen in die Brüche oder kommen über Gedankenentwürfe nicht hinaus. Die Freundschaft mit Gauguin endet nahezu tödlich.

Die hunderte von Zeichnungen und Bilder und Skizzen, die er anfertigt, werden, bis auf wenige, durchwegs mißverstanden, abgelehnt, belächelt oder gleich als wertlos abgetan. Ein einziges Werk von ihm findet zu seinen Lebzeiten einen Käufer.

Abgrundtiefe Einsamkeit, Melancholie, Traurigkeit, seelische Finsternisse, Hunger, Not, Armut, Elend, Unverständnis… die Liste der Trübsale ist lang.  »Hätte man mich nur nicht durch den Dreck geschleift«, stöhnt er einmal.

Und doch entstehen in diesem gequälten Leben die Meisterwerke. Das ist das Wunder. Statt sich zu verlieren im Meer der Schmerzen, hißt er die Segel, selbst wenn es zerfetzte Tücher sind, um Bilder zu schaffen, die das Unendliche widerspiegeln. Oder den Adel des Schmerzes. Oder das Brennen des südlichen Himmels. Oder die gelben Kornfelder und die zerbrechliche Gestalt eines Antlitzes.

Damit wir, die Nachgeborenen, im Staunen bleiben, verzehrt sich sein Leben in den Staub. Gab es Liebe? Ja. Die unverbrüchliche Liebe des Bruders, der zu ihm hält, wenn andere ihn fallen lassen. Dieser große Bruder, der sich zu verstehen bemüht und der die Hand ausstreckt und hilft und finanziert. Und der, noch nicht einmal ein halbes Jahr nach dem Tod des Verkannten, im Alter von nur 33 Jahren in einer Nervenheilanstalt stirbt und schließlich an der Seite seines geliebten Bruders begraben wird.

Dieser ist 38 Jahre alt geworden. »Arbeiter in Christo« hatte er sich in einem Brief an den Bruder genannt. Er hatte sich dazu entschieden, »besser ein Schaf zu sein als ein Wolf«. Sein Name wurde immer wieder falsch geschrieben. Darum beschloß er, die Bilder, die er für vollendet hielt, mit seinem Vornamen zu signieren: Vincent.

Grafik: Van Gogh, Vase mit 12 Sonnenblumen. wikicommons

Samstag, 7. Mai 2022

Nach oben

»Die Schwerkraft des Geistes läßt uns nach oben fallen.«

Simone Weil

Grafik: Photo by Karl Fredrickson on Unsplash
   
 

Samstag, 30. April 2022

Tristitia

Jeder Leser von großer Literatur wird sie kennen. Jeder Bewunderer großer Kunst wird sie kennen: Die Traurigkeit.

Damit ist nicht gemeint, daß große Kunst eventuell Vorgänge thematisiert, die mit Depression, Niedergeschlagenheit oder gar Verzweiflung zu tun haben. Das gibt es. Aber das meinen wir hier nicht.

Der Apostel Paulus kann einem weiterhelfen. Er schreibt im 2. Korintherbrief 7,10 von zweierlei Arten der Traurigkeit: Von der Traurigkeit gemäß Gottes (secundum Deum tristitia) und von der weltlichen Traurigkeit (saeculi autem tristitia).

Große Kunst nun erhellt eben diese Differenz. Sie zeigt, daß bei aller Größe der künstlerischen Bewältigung ein Rest oder auch ein Spalt bleibt, der sich nicht wohlgefällig schließen läßt. Woher der Verrat? Woher die menschlichen Gemeinheiten? Woher die Treuebrüche?

David Copperfield, zum Beispiel, ist ein Meisterwerk. Man muß nur die Geschichte Steerforths und dessen Ende lesen, um zu wissen, wovon wir hier schreiben. Dickens weiß um die hehren Güter der Freundschaft und Liebe und Treue. Und zugleich weiß er um den Menschen, der die Treue bricht.

Große Kunst erhellt damit die Kluft zwischen der eigentlichen Bestimmung des Menschen, die - trotz modischer Dekonstruktionsversuchen - nie aufgehoben werden kann, nämlich die Krone der Schöpfung zu sein, und der realen Anfälligkeit des Menschen, der seine Würde mißachtet. Aus diesem Wissen, welches die große Kunst nicht verschweigt oder verfälscht, resultiert das tiefe Leiden des Künstlers an der Welt, und das heißt zuallernächst: An sich selbst.

Léon Bloy hat es so formuliert: »Es gibt nur eine Traurigkeit im Leben: Kein Heiliger zu sein.« Das ist die gottgewollte Traurigkeit.

Da der wahre Künstler diese Traurigkeit (die laut Paulus »Sinnesänderung zum Heil bewirkt«) als Riß im eigenen Fleisch und im Fleisch der gefallenen Welt insgesamt wahrnimmt und ineins damit die Sehnsucht nach dem ewigen Verheilen des Risses nicht auslöscht, sondern von eben dieser brennenden Sehnsucht sich verbrennen läßt, indem er das Leiden am Unheiligen nicht als unwiderruflich hinnimmt, sondern als Stachel, der ihn, den armen Künstler, in die sich ausstreckende, schmerzliche wie beglückende heilsame Unruhe versetzt, wird die Grundbedingung des schöpferischen Prozesses überhaupt erst gelegt und kann, gratia Dei, das Meisterwerk entstehen.
                                                                                                                                             
Dieses ist oftmals ein Spätwerk.

Der große Künstler hat sein ganzes Leben gerungen, um die angedeutete Kluft zu schließen. Und dann, nach mühseliger Wanderung und Pilgerschaft, in der alles Überflüssige und allzu Glänzende abfällt, während nur mehr das azurne Blau des Himmels bleibt und also die makellose Luft der Höhe, die bekanntlich sehr dünn ist, entsteht die Pietà Rondanini. 

Sie ist unvollendet, und auch das gehört zum späten, demütigen Meisterwerk, denn es soll offenbar werden, daß die endgültige Heilung des Risses dem ewigen Künstler vorbehalten ist.

Grafik: Michelangelo, Pietà Rondanini.
Von G.dallorto - Eigenes Werk, Attribution, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=1543131

Samstag, 23. April 2022

Si consurrexistis

Die biologische Tatsache, daß der Mensch zwei Lungenflügel hat, wendete Papst Johannes Paul II. 1980, anläßlich der Ernennung der Slawenapostel Cyrill und Methodius zu Europaheiligen, ins Geistliche, indem er davon sprach, daß das christliche Europa »auf beiden Lungenflügeln atmen« müsse, nämlich dem römisch-lateinischen wie auch dem slawisch-byzantinischen.

Wir wollen diese Anregung aufnehmen und zwar anhand zweier Auferstehungsbilder, die gut zu zeigen vermögen, wie die wechselseitige Befruchtung und Bereicherung des beidseitigen Atmens ausschauen kann.

Die klassische Auferstehungikone der Westkirche -  repräsentativ sei hier auf Grünewalds Christus verwiesen – stellt den auferstandenen Herrn als den glorreichen Sieger dar. Das gleichsam explodierende Licht des Ostermorgens umstrahlt ihn. Die Wunden, dem Betrachter hingehalten, sind die verklärten Zeichen des Sieges. Der Weltherrscher lebt in unangefochtener Majestät. Die in den Darstellungen oftmals am Boden niedergestreckten ohnmächtigen römischen Soldaten vervollständigen das Bild des Triumphators. Die einzig logische Reaktion auf diesen herrlichen Überwinder des Todes ist die Anbetung beziehungsweise die lobpreisende Prostratio, das Niederfallen vor dem König des Alls.

Die Ostkirche hat einen anderen Typos ausgebildet.

Die berühmte orthodoxe Anastasis-Ikone stellt naturgemäß auch den österlichen Sieger dar, dessen Gewand im unvergänglichen Taborlicht leuchtet, doch zugleich mit dem siegreichen Bezwinger des Hades’ und des Todes zeigt die Ostkirche den Menschen, der dem Tod verfallen war und der nun von eben dem herrlichen Sieger gerettet wird.

Adam, der Prototyp des gefallenen Menschen, wird von der Hand des Auferstandenen aus seinem tödlichen Elend herausgezogen und emporgehoben in den Ostermorgen hinein.

Das aber heißt, daß die Ikonenkunst des Ostens zur Darstellung bringt, was der Völkerapostel Paulus im Kolosserbrief 3,1f in die Worte faßt: 

»Wenn ihr nun mit Christus auferweckt worden seid, so strebt nach dem, was oben ist, wo Christus zur Rechten Gottes sitzt! Richtet euren Sinn auf das, was oben ist, nicht auf das Irdische! Denn ihr seid gestorben und euer Leben ist mit Christus verborgen in Gott.«
Die Sprengkraft dieser Worte muß man an sich heranlassen. Daß Christus zu unserem Heil seinen Himmel verlassen hat, bekennen wir im Credo. Daß er für uns Blut geschwitzt hat und gegeißelt und gekreuzigt wurde, beten wir in jedem schmerzhaften Rosenkranz. Für uns und also auch für mich ist Christus gekommen und hat den Tod erlitten.

Wir neigen jedoch zu vergessen, daß auch die Auferstehung für uns ist: Si consurrexistis… Wenn ihr mit Christus auferstanden seid. Denn wenn wir, wie der gefallene Adam, uns von der Hand des Auferstandenen ergreifen lassen, sind wir wortwörtlich Mit-Auferstehende.

Es ist wie immer. Da der Mensch ein Gebilde aus Staub ist, muß er nicht viel tun. Von ihm wird, seinem kränklichen Status entsprechend, wenig verlangt, doch dieses Wenige sollte er tun. Er sollte, wie die Emmausjünger, zum Auferstandenen sagen: Bleibe bei uns, Herr. Und er sollte, seine Hand ausstreckend nach dem einzigen Retter, sich von seinem Heiland ergreifen lassen. Und er sollte seinen Retter liebend anbeten und er sollte vor dem ewig Unbegreiflichen, der aus unergründlicher Barmherzigkeit Seine Hand dir zum Begreifen hinhält, lobpreisend niederfallen.

Er sollte… Aber wenn der Mensch endlich zu begreifen beginnt, dann ist das Sollen längst zu einem Dürfen geworden. Aus der Pflicht ist der grenzenlose Dank geworden, aus dem Muß das verstehende Verehren.

Und dann, ja dann, atmet der Mensch auf.

Grafiken: wikicommons                                                                          

Freitag, 15. April 2022

Karfreitag 2022

    »Laßt uns also voll Zuversicht hingehen zum Thron der Gnade, damit wir Erbarmen und Gnade finden und so Hilfe erlangen zur rechten Zeit.«

Hebräerbrief 4, 16


 Grafik: Photo by Grant Whitty on Unsplash

Samstag, 9. April 2022

Und die Wahrheit blieb da

1947 veröffentlichte der englische Lyriker W. H. Auden sein Werk The Age of Anxiety (Das Zeitalter der Angst), welches Berühmtheit erlangte.

Mittlerweile sind über siebzig Jahre vergangen, und, wie es scheint, könnte heute ein neues Zeitalter in Versen besungen werden, das Zeitalter der Fälschungen.

Ein gebürtiger Russe, der - polyglott - sich bestens auskennt sowohl im Osten wie im Westen, sagte in einem privaten Kreis dieser Tage, daß selbst er, als Russe, Mühe habe, eindeutig zu erkennen, was an russischen Verlautbarungen der Wahrheit entspreche.

Kein Wunder, denn wir sind in das Zeitalter der Fälschungen eingetreten. Dem vorausgegangen ist die Abschaffung der Wahrheit.

Dostojewskis bekanntes Diktum fällt einem ein: »Wenn es keinen Gott gibt, ist alles erlaubt.« Man müßte ergänzen: Wenn es keinen Gott und also keine absolute Wahrheit gibt, dann herrscht die Fälschung und also das Zwielicht.

Es wäre allerdings verkürzt zu meinen, es ginge nur um Kriegspropaganda in einem aktuellen Konflikt. Der Krieg ist ubiquitär, und dies seit langem. Nur: Es gehört zu den forcierten Fälschungen, daß das ideologische Kriegsgeschehen, welches uns permanent überrollt, nicht als solches bezeichnet, sondern als Akt der Humanität verkauft wird. Was ist es zum Beispiel anderes als eine Kriegserklärung, wenn seit Jahren die Wahrheit schlechthin, die sprichwörtlich nackte Wahrheit, nämlich die unverrückbare Wahrheit des biologischen Geschlechts, als beliebig klassifiziert wird? Oder wenn jährlich ungeborene Kinder, deren wahres Antlitz im bildgebenden Verfahren des Ultraschalls sichtbar ist, millionenfach durch Abtreibungen getötet werden?

Alles fließt, so die neue Devise. Die Wahrheit ist nicht länger Fundament, sondern Treibsand. Die Konsequenz dieser Wüste ist, daß die conditio humana in die Fänge der Fälscher gerät. Einer der Propagandisten der perfekten Fälschungen fabuliert vom Menschen der Zukunft, die jetzt angebrochen sei. Der homo sapiens sei ad acta gelegt. Der Mensch sei nichts weiter als eine Maschine, die hackbar ist. Der zukünftige Homunculus als Cyborg.

Man wird an Nietzsche erinnert. »Ich erkenne dich wohl«, heißt es im Zarathustra, »du bist der Mörder Gottes! Laß mich gehn. Du ertrugst den nicht, der dich sah - der dich immer und durch und durch sah, du häßlichster Mensch! Du nahmst Rache an diesem Zeugen!«

Die Rache der Konstrukteure des neuen babylonischen Turms ist deutlich spürbar in der aggressiven Verbissenheit, mit der sie den christlichen Schöpfergott und jedes noch so entfernte Konzept von Wahrheit attackieren. Tabula rasa, so das Programm der Technokraten. Versprochen wird dafür das künstliche Paradies. Doch was wir tagein tagaus erleben, sind nicht die paradiesischen Beglückungen, sondern die faulen Früchte der Fälschungen.

»Die Wüste wächst: weh dem, der Wüsten birgt!«, so noch einmal Nietzsche.

Ist damit alles aussichtslos? keineswegs. Es bedeutet vielmehr, daß der Kampf um die Wahrheit im Zeitalter der Fälschungen härter und reiner wird. 

Es tut gut, in diesem Zusammenhang die Vision des heiligen Nikolaus von Flüe zu bedenken, die Vision, die unter dem Namen Pilgervision bekannt wurde und die in souveräner Sicht die Wahrheit, der keine Fälschungen und kein Fliehen und keine Gebreste was anhaben können, aufstrahlen läßt. Darin heißt es:

»Ihm deucht im Geiste, daß ein Mann in Pilgers Gestalt zu ihm kam: Einen Stab in der Hand, den Hut hinten abwärts gekrempelt und im Mantel. Er kam von Sonnenaufgang, stand vor ihn hin und sang: Alleluia. Und als er sang, trug die Gegend seine Stimme; das Erdreich und alles, was zwischen Himmel und Erde war, unterstützten seine Stimme wie die kleinen Orgeln die Große. Drei vollkommene Worte kamen aus seinem Munde und endeten so genau mitsammen, wie die stark vorschnellende Feder in das Schloß schießt. Drei vollkommene Worte waren es; keines fiel mit den anderen zusammen und doch redete er nur ein Wort.
Als der Pilger diesen Gesang vollendet, bat er den Menschen um eine Gabe. Und plötzlich hatte dieser - weiß nicht woher - einen Pfennig in der Hand. Der Pilger zog den Hut und empfing den Pfennig darein. Und der Mensch hatte nie gewußt, daß es eine so große Ehrwürdigkeit sei, eine Gabe in den Hut zu empfangen. Der Mensch wunderte übel, wer der sei und von wo er käme. Und er stand vor ihn und sah ihn an.
Da hatte er sich verwandelt: Barhaupt war er jetzt, in blauem oder grauem Rock und ohne Mantel, ein so adeliger wohl geschaffener Mann, daß er ihn nur mit merklicher Lust und Begehr anschauen konnte. Sein Antlitz war gebräunt, so daß es ihm adelige Zier gab. Seine Augen schwarz wie der Magnet, seine Glieder so wohlgestaltet, daß es eine besondere Herrlichkeit an ihm war. Und obwohl er in den Kleidern steckte, hinderten diese nicht, seine Glieder zu sehen.
Und wie er ihn so unverdrossen ansah, heftete der Pilger seine Augen auf ihn. Da erschienen viele, große Wunder; der Pilatusberg versank in den Erdboden, und offen lag die ganze Welt, so daß alle Sünden in der Welt sichtbar wurden. Und es erschien eine große Menge Menschen und hinter den Menschen stand die Wahrheit, denn alle hatten ihr Angesicht von der Wahrheit abgewandt. Und es trat an allen ein großes Gebrest am Herzen zutage, so groß wie zwei Fäuste zusammen. Der Eigennutz war dieses Gebrest, der irrte die Leute so stark, daß sie des Mannes Angesicht nicht zu ertragen vermochten, so wenig ein Mensch die Feuerflammen erleiden kann. Und in grimmiger Angst fuhren sie umher und zurück mit großem Schimpf und Schand; er sah sie fern hinfahren. Und die Wahrheit - der Mann - blieb da.«

Grafik:
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Samstag, 2. April 2022

Schaffe Schweigen!

Es gehört dies zu den härtesten Worten Jesu: »Ich sage euch: Über jedes unnütze Wort, das die Menschen reden, werden sie am Tage des Gerichts Rechenschaft ablegen müssen, denn aufgrund deiner Worte wirst du freigesprochen, und aufgrund deiner Worte wirst du verurteilt werden« (Matthäus-Evangelium 12,36f).

Die Warnung Jesu trifft um so härter, da wir in einer Zeit leben, die tagein tagaus geschwätzig ist. Bezeichnenderweise ist das Format, welches auf sämtlichen Fernsehkanälen gustiert wird, die Talkshow, mit anderen Worten das institutionalisierte Geschwätz.

Daß der Mensch mit dem Wort behutsam umzugehen hat, sollte jeder ernstzunehmende Christ wissen. Die Kirche in ihrer Liturgie erinnert gleich zu Beginn der heiligen Messe die Gläubigen daran, daß es auch die Sünden des Wortes gibt: Ich habe gesündigt in Gedanken, Worten und Werken, heißt es im Schuldbekenntnis. Denn das Wort hat seine ureigene Dignität, und der Mensch als Träger und Hörer des Wortes ist dem Geist des Wortes verpflichtet. Das aber heißt, er ist Christus verpflichtet, dem fleischgewordenen WORT.

An den Christen der frühmonastischen Zeit kann man diesbezüglich neu lernen, wie groß und ehrfurchtgebietend der rechte Umgang mit dem Wort ist.

Zu den Wüstenvätern kamen die damaligen Ratsuchenden mit einer Bitte, die sehr schlicht lautete: Vater, gib mir ein Wort.

Der in die Wüste Aufgebrochene, der, oft in einer Lebenskrise, den Mönch aufsuchte, um Weisung und Orientierung für sein versehrtes Leben zu empfangen, traf nicht auf einen geistlichen Vater, der schwätzte. Der Wüstenvater war vielmehr derjenige, der in der Stille gelernt hatte, sich vorzubereiten, um das WORT zu empfangen, das Wort Gottes.

Der Wüstenvater nahm sich zu Herzen, was der Herr beim Propheten Jesaia sagt: »So ist es auch mit dem Wort, das Meinen Mund verläßt: Es kehrt nicht leer zu Mir zurück, sondern bewirkt, was Ich will, und erreicht all das, wozu Ich es ausgesandt habe« (55,11). Gott braucht keine langen Traktate und Abhandlungen. Wenn Er komm sagt, dann genügt das, und wenn Er Folge Mir nach sagt, dann genügt auch das.

Darum machte der Wüstenvater, der in die Schule Gottes ging, nicht viele Worte, wenn er dem in die Wüste Gekommenen ein erbetetes, göttliches Wort mit auf den Heimweg gab, wohl wissend, daß dieses Wort den Schüler, wenn es liebevoll gekaut und wiedergekaut wurde, reinigen, läutern und erleuchten würde. Denn das geistliche Wort war und ist das Lebensmittel, welches nährt und in der liebevollen Besinnung Frucht bringt.

Die drei grundlegenden Voraussetzungen für die Fruchtbarkeit des Wortes sind damit aufgezeigt: Ich muß aufbrechen, ich muß still werden und ich muß empfangsbereit sein. Das aber heißt: Ich muß viel loslassen: Die Gewohnheit, das Geschwätz und das Geschäftemachen.

Das Stillwerden zählt unter den wesentlichen Bedingungen der Wandlung heutzutage zum Schwierigsten. Kierkegaard hat dies bereits sehr hellsichtig zu seiner Zeit erkannt. Er gibt zur Selbstprüfung zu bedenken:

»Betrachtet man - wozu man vom christlichen Standpunkt aus gewiß berechtigt ist - den jetzigen Zustand der Welt und das ganze Leben, so müßte man sagen. Es ist eine Krankheit. Wenn ich ein Arzt wäre und mich einer fragte: Was meinst du, muß getan werden?, so würde ich antworten: Das Erste, was getan werden muß, und die unbedingte Voraussetzung dazu, daß überhaupt etwas getan werden kann, ist: Schaffe Schweigen! Gebiete Schweigen!
Gottes Wort kann ja nicht gehört werden, und wenn es mit Hilfe lärmender Mittel geräuschvoll hinausgerufen wird, damit man es auch im Getöse hören kann, so bleibt es nicht Gottes Wort. Schaffe Schweigen!!
Ach, alles lärmt (…) Der Mensch, dieser gewitzigte Kopf, sinnt fast Tag und Nacht darüber nach, wie er zur Verstärkung des Lärms immer neue Mittel erfinden und mit größtmöglicher Hast das Geräusch und das leere Gerede möglichst überallhin verbreiten kann. Ja, was man auf solche Weise erreicht, ist wohl bald das Umgekehrte: die Mitteilung ist an Bedeutungsfülle wohl bald auf den niedrigsten Stand gebracht, und gleichzeitig haben umgekehrt die Mittel der Mitteilung in Richtung auf eilige und alles überflutende Ausbreitung wohl das Höchstmaß erreicht, denn was wird wohl hastiger in Umlauf gebracht als das Geschwätz?! Und anderseits: Was findet willigere Aufnahme als das Geschwätz?! - O, schaffe Schweigen!!«

Grafik: Photo by Scott Umstattd on Unsplash

Samstag, 26. März 2022

Und bin herabgestiegen

Wer kennt sie nicht, die biblische Geschichte des Verlorenen Sohnes (Lukas-Evangelium 15,11ff).

Rembrandt hat die Rückkehr des Sohnes in einem berühmten Bild dargestellt.

Der Sohn in seinen zerrissenen, zerlumpten Kleidern. Der Vater, der sich zum Sohn, der vor ihm kniet, sanft herabbeugt und gleichsam segnend beide Hände auf die Schultern des Sohnes legt.

Der Maler hat, wie man wohl sehen kann, zwei unterschiedliche Hände gemalt: Eine männliche und eine weibliche. Offensichtlich will er zum Ausdruck bringen, daß dieser Vater, der im Gleichnis für Gott selbst steht, sowohl die väterliche Autorität wie die mütterliche Zärtlichkeit in sich vereint. Und der Sohn hat eben dies dringend nötig zur Heilung: Die Autorität und die Zärtlichkeit.

Doch muß man zugleich ergänzen, daß diese beiden grundlegenden Haltungen biblisch betrachtet sein wollen und damit im Licht von oben.

Im Gleichnis, welches Jesus erzählt, geht der Vater dem verlorenen Sohn entgegen, ja mehr noch: Er lief dem Sohn entgegen (20). Für den Juden ein Unding. Denn derjenige, der die väterliche Vollmacht repräsentiert, bleibt sitzen. Erst recht nicht rennt er dem Verlorenen entgegen, das wäre Schwächung und Verdunkelung der väterlichen Autorität. 

Doch der Vater des Gleichnisses läuft. Tatsächlich. Das aber heißt, es geht nicht um den Buchstaben des Gesetzes, sondern um den Geist des Gleichnisses, und dieser Geist ist Licht und Leben, weswegen beide, Vater und Sohn, im Licht portraitiert sind.

Und was die mütterliche  Zärtlichkeit betrifft, so ist sie kein sentimentales Verzärteln, sondern reiner Ausfluß der Liebe, die, wie es im Johannesevangelium über Jesus heißt, weiß, was im Menschen ist (s. Joh 2,25).  

Anders gesagt, die beiden Hände drücken das Geheimnis des göttlichen Herzens aus. Bezeichnenderweise ruht der Sohn am Herzen des Vaters. Von dort strömt ihm die Gnade zu, die sich im segnenden Gestus der Hände offenbart. An der Brust des Vaters ruhend hört der Sohn den Herzschlag der Versöhnung und der Auferstehung. Er hört die pulsierende Liebe.

Noch einmal anders gesagt: Rembrandt zeigt ohne Worte, worin die Liebe Gottes besteht. Gott steigt herab. Gott beugt sich nieder. Gott erniedrigt sich. Damit der zerrissene Sohn die bedingungslose Liebe seines Vaters spüren kann, neigt sich der Vater ihm zu. Denn die Bewegung des Neigens und Herabsteigens ist die fortwährende Bewegung Gottes uns gegenüber.

Als die Israeliten von den Zwingherren Ägyptens geknechtet werden und als Gott sich dem Moses im brennenden Dornbusch offenbart, sagt Gott zu seinem Knecht: Ich kenne ihr Leid. Ich bin herabgestiegen… (Exodus 3,7.8). Gleichwohl bleibt das Volk störrisch, trotzig, im Aufbegehren. Und dieser dumme Eigensinn wiederholt sich durch die Geschichte hindurch. Wir sind die Stolzen, wir sind die, die trotzig das Erbe ausgezahlt haben wollen, die mit lächerlich erhobenem Kopf davonlaufen, die es vorziehen, bei den Schweinen zu hausen, während der allmächtige, vollkommene Vater uns entgegenläuft, uns, den Dummen, weil er niemanden verloren sehen will. Denn, wie es in der Mitte des Evangeliums heißt: Er hatte Mitleid mit ihm (20).

Der Vater, den wir im zentralen Gebet der Christenheit als Vater unser anrufen, ist kein kalter Herrscher, sondern der unendlich Geduldige, der unendlich Barmherzige und der unendlich Mitleidende. Der Sohn hat es endlich verstanden. Er steht nicht vor dem Vater, sondern er kniet. Freiwillig. Denn seine Freiheit beginnt erst jetzt.

Grafik: Rembrandt, Die Rückkehr des Verlorenen Sohnes. wikicommons.
                                                               

Samstag, 19. März 2022

Josef

Laut biblischem Bericht war Josef, der Nährvater Jesu, Zimmermann.

Tekton, so das griechische Wort für Zimmermann, legt nahe, daß Josef nicht nur in der Lage war, ein Stück Holz zu bearbeiten, sondern ebenso fähig, ein Haus zu bauen und instandzuhalten.

Der Beruf des Nährvaters spricht Bände. Denn der Sohn, der ihm anvertraut ist, hat von seinem Ziehvater beruflich zu lernen, was Söhne als Männer zu tun haben: Sie sollen gestalten lernen. Sie sollen, wie die geistvolle deutsche Sprache es ausdrückt, das Bewerkstelligen lernen. Sie sollen arbeitend die Welt recht formen und so im Werk die Welt aufbauen.

Holz ist ein klassisches Material, an dem sich die Kunst des Bewerkstelligens erproben kann. Martin Schleske, einer der großen Geigenbauer der Gegenwart, hat in seinem Buch Der Klang. Vom unerhörten Sinn des Lebens anhand des Geigenbaus aufgezeigt, wie lebendig Holz ist und wie sorgfältig derjenige, der das Holz zu einem wunderbaren Klangkörper gestalten will, sein Material behandeln muß. Mit anderen Worten: Die gute Geige, glänzend in ihrem hölzernen Leib und herrliche Töne von sich gebend, ist ein Werk der Liebe, denn die Liebe baut und schafft und richtet auf.

Damit ist der heilige Josef geradezu der Lehrmeister für Männer, zumal heute, wo Männer nahezu permanent in die Versuchung geführt werden, nicht schöpferisch zu bauen, sondern unschöpferisch sich zu vergnügen. An die Stelle des handgreiflichen Werkzeugs des Zimmermanns tritt in der Moderne das Spielzeug des Handys. Tasten werden gedrückt, und die passive Berieselung beginnt. Der Personal Computer erledigt schließlich den Rest. Der Mann als Tastendrücker, als Konsument, als derjenige, der sich unterhalten läßt, statt derjenige zu sein, der den Auftrag der Weltgestaltung schöpferisch ergreift.

Der heilige Josef wird in der ihm gewidmeten Litanei als Vorbild der Arbeiter angerufen. Lateinisch exemplar opificum, Beispiel der Werkmeister, der Handwerker. Das deutsche Wort arbeiten führt sich etymologisch auf das germanische Nomen arbejidiz zurück, welches so viel meint wie Mühsal, Not.

Das ist wesentlich, wenn wir über die Stellung und das Wesen des Handwerkers nachdenken. Denn anders als es uns die moderne Handyindustrie nahelegt, gehört zur Arbeit der Schweiß, die Anstrengung. Häuser werden nicht am Handy gebaut, sondern auf der Baustelle, und dort geht es sehr oft mühsam zu. Das Vergnügen kommt danach. Oder, wie der Volksmund es ausdrückt: Ohne Fleiß kein Preis.

Der Mann, der sich der Mühsal entzieht, degeneriert. Eine Moderne, die Männer mehr und mehr in die Technik des Passiven abdrängt, indem sie den warmen, widerständigen Weltstoff durch die kalten, sogenannten elektronischen tools ersetzt, wird mitschuldig, daß die Rolle der Väter, der Söhne, des Mannes schlechthin verdunkelt wird. Der liebende Handwerker dagegen, wie es Georges de la Tours Bild unaufdringlich zeigt, trägt als Werkmeister dazu bei, die Welt zu erhellen.

Wahrscheinlich war die Bitte der Josefslitanei nie gebotener als heute: 

Du Vorbild der Arbeiter – bitte für uns!

Grafik: Georges de la Tour, Josef, der Zimmermann. wikicommons