Samstag, 25. Juli 2026

 Heiter


In welcher Stimmung feierte der HERR das Letzte Abendmahl?

Diese Frage wurde mir neulich vorgelegt.

Der Zusammenhang ist klar. Es ist Gründonnerstag. Der Herr versammelt seine zwölf Jünger um sich und feiert mit ihnen das letzte Fest vor Seinem Tod. ER weiß, daß wenige Zeit später der Aufbruch in den Ölgarten sein wird. ER weiß, daß einer der Zwölf Ihn verraten wird. ER weiß, daß die Schergen schon warten. ER weiß, daß Seine Passion die unausdenkbare Leidensgeschichte ist, die keines Menschen Ohr gehört hat, geschweige denn verstehen oder gar ermessen wird. ER weiß, daß man Ihn nicht einfach umbringen wird, sondern daß ER, aus freiem Willen, sich verhöhnen, verspotten, geißeln und kreuzigen lassen wird, daß Er wortwörtlich das Lamm sein wird, welches geschlachtet wird.

Wie nun feiert Er dieses letzte Fest vor Seiner Passion?

Die Antwort lautet: Heiter.

Wie bitte? Heiter?

Ja. Heiter.

Diese Antwort gibt kein Geringerer als der heilige Kirchenlehrer Albertus Magnus (1200 - 1280) in seinem Kommentar zu »De corpore Domini (Über den Leib des Herrn)«. Der große Gelehrte schreibt:
»Mit welcher Heiterkeit im Geben und wie heiter Er diese Gabe gab (de hilaritate autem in donando et quam hilariter donavit hoc donum), kann kein Mensch mit Worten würdig ausdrücken! Wäre nämlich beim Geben irgendeine Traurigkeit im Herzen zurückgeblieben, dann hätte Er sich nicht ganz gegeben. Nur das ist wirklich gegeben, was ganz gegeben ist. Nichts behielt Christus für sich zurück, alle Gaben, die Er als Mensch und als Gott zu geben hat, gab Er uns.
Sein Herz war froh und glücklich im Bewußtsein, daß Seine übergroße Liebe seinen Gliedern zuteil würde, und diese durch das Geschenk der Kommunion mit Ihm innigst vereint und Ihm eingegliedert würden.
Einer großzügigen Person ist es eigen, daß sie froh und glücklich ist, wenn sie Großes schenken kann, und umgekehrt traurig ist, wenn es ihr nicht möglich ist, etwas Großes zu schenken. Der Geber wie der Empfänger können also nicht anders als fröhlich sein, da sie aneinander Anteil haben. Obwohl es eine Traurigkeit gab wegen des bevorstehenden Leidens, so war doch die Heiterkeit sehr groß (maxima fuit hilaritas), das Geschenk der innigen Gemeinschaft geben zu können.
Wer wird bei solchen Zeichen göttlichen Erbarmens nicht auch froh werden?«
Denkt man unbefangen und mehr und mehr über Alberts Antwort nach, so wird einem klar, daß sowohl die Antwort wie die Begründung der Antwort die einzig angemessene ist. Und was bleibt, ist das Staunen. Das heilsame Staunen.

Grafik: Simon Uschakow, 1685. wikicommons.


Text: 

 Albertus Magnus, Über die Eucharistie, übersetzt von Marianne Schlosser (Christliche Meister 64), Johannes Verlag Einsiedeln 2017, 198f. 

(Mit leichten Änderungen.)

 


Samstag, 4. Juli 2026

 La grande illusion

oder:

Das Unauslöschliche 

Sie ist wohl unausrottbar: Die Illusion des homo sapiens, es gäbe weiterhin den natürlichen Urzustand des Menschen, gleichsam den paradiesischen locus admirabilis, irgendwo, und nichts wäre schöner, als wenn der Mensch in diesem herbeigesehnten Ort wieder ansässig würde – jetzt und hier.

Künstler hingen dieser fatalen Illusion ebenfalls an. Etwa Paul Gauguin. 

Er sucht das paradiesische Idyll in Panama, Martinique, und schließlich in der Südsee. Die Imagination gaukelt den ewigen sonnigen Tag vor. Mit wunderbaren Strandkulissen, kühlen Drinks, unbeschwertem Leben, reizenden Gespielinnen, geldlosem Tageintagaus. Unschuld über Unschuld. Das gute Leben. Die »glücklichen Bewohner«, so Gauguin über das vermeinliche ozeanische Paradies, »(...) kennen vom Leben nichts anderes als seine Süße. Für sie heißt Leben Singen und Lieben.«

Gauguins Desillusionierung kommt auf dem Fuße. Bereits in Martinique wird er von Malaria und Ruhr schwer in Mitleidenschaft gezogen. Die sonnige Südsee entpuppt sich schnell als salzige Bitternis. Die edlen Wilden sind Menschen aus Fleisch und Blut und also auch mit Krankheiten geschlagen. Das zurecht gezimmerte Bild des Künstlers hält der Prüfung durch die Realität nicht Stand. Der Tod ist auch in Tahiti anzutreffen. Eine junge Einheimische, mit der er zusammenlebt, bringt eine Tochter zur Welt, die bald darauf verstirbt. Geldsorgen, Verzweiflung, Syphilis, ein Suizidversuch – diese wenig malerischen Requisiten gehören zu Gaugins ozeanischem Alltag.

Seine Kunstagenten sind derweil sehr pragmatisch und zementieren zugleich auf ihre Art das polynesische Südseeidyll: Sie legen dem Künstler nahe, nicht in sein Heimatland zurückzukehren, ansonsten könnte es geschehen, daß sein wohlfeiles Porträt des ach so unschuldigen und freizügigen Malerlebens in die Brüche ginge, was selbstverständlich dem Verkauf seiner lauschigen Gemälde nicht gerade förderlich wäre. Die Utopie muß weitergehen, auch wenn sie wortwörtlich ein Ort ohne Ort ist.

Das Leben Paul Gauguins vergeht derweil  im Ausweglosen, und es ist zu zerrissen, um daraus eine ironische Glosse zu machen. Hier lebt und stirbt ein fortwährend Gehetzter. Die Schuldigen sind die Anderen. Die weißen Europäer, die marode zivilisierte Welt, die Missionare, die bornierten Kunsthändler, die katholische Kirche.

Daß er zeitlebens einer Chimäre nachjagt, ist als Haltung so alt wie die Menschheit. Es ist der Starrsinn, der Münchhausen gleich sich selbst die Regeln des Lebens konstruiert. Das kommt einem heuzutage sehr bekannt vor. Denn konstruiert wird seit Jahren permanent. Gegen alle Vernunft und gegen jede bessere Einsicht. Der Zeitgenosse will die Tatsache sich nicht eingestehen, daß auch er, ob er will oder nicht, sich in einer Welt bewegt (und, notabene, es gibt keine andere Welt), die, wie die Theologie es ausdrückt, durch die Erbsünde infiziert ist.

Bei dem Wort Erbsünde freilich gehen die intellektuellen Bobos gleich an die Decke. Sünde generell ist abgeschafft. Maximal gibt es noch Diätsünden oder Verstöße gegen das Klima. Das war’s dann. Die nüchterne, wirklichkeitsgemäße Bestandsaufnahme des gebildeten katholischen Gewissens bleibt gleichwohl da, weil die Wahrheit da bleibt. 

Der Mensch ist zwar gut geschaffen, aber seit dem verhängnisvollen Sündenfall der Stammeltern des Menschengeschlechts ist die Natur des Menschen angekränkelt. Von seinem Schöpfer eigentlich zu der wunderbaren Freiheit geschaffen, stets und überall das Gute zu wählen, was tatsächlich gleichbedeutend damit ist, der wahre Freie zu sein, zieht es der Mensch vor, immer wieder der Schwerkraft des Bösen nachzugeben. Und blind ist nicht der, der diese Tatsache sachlich feststellt, sondern der, der diese Tatsache leugnet. 

Und da diese wahre Tatsache nicht auslöschbar ist, auch nicht auf Tahiti, scheint es uns ein Reflex des Unauslöschbaren, daß der Künstler Paul Gauguin in einem seiner späten Werke in das großformatige Tableau, in gelb leuchtender Farbe, die zentralen Fragen des Lebens hineinschreibt und dem Betrachter zumutet: D’où Venons Nous. Que Sommes Nous. Où Allons Nous (Woher kommen wir? Wer sind wir? Wohin gehen wir?).

Nach der Fertigstellung des Bildes versucht Gauguin, seinem Leben durch Arsen ein Ende zu setzen.

Dadurch werden die drei Fragen, einem Fanal gleich, nur um so brennender. 

Grafik: wikicommons