Die sogenannten Werte
Wer hat diesen modernen Galimathias nicht bereits ad nauseam vernommen?
Die Abtreibung zu unterstützen bedeutet, unsere Werte der sexuellen Befreiung und Gesundheit (sic! health service) zu unterstützen.
Den assistierten Suizid zu unterstützen, bedeutet unsere Werte von Selbstbestimmung und Autonomie zu verteidigen.
Die Ukraine zu unterstützen, bedeutet unsere demokratischen Werte zu fördern.
Usw. usw.
Zwei klammheimliche Vor-Urteile prägen diese Annahmen.
Zum einen wird das Proklamierte als Selbstverständlichkeit ausgegeben. Das Selbstverständliche ist bekanntlich dasjenige, worüber man nicht diskutieren muß, ganz einfach deswegen nicht, weil sich das Selbstverständliche von selbst versteht.
Und das Zweite: Das sogenannte Selbstverständliche ist keineswegs die gewonne Einsicht in einen wahren Zusammenhang beziehungsweise der Verweis auf ein unumstößliches, da gegebenes Faktum der menschlichen Verfassung, sondern ist lediglich ein beliebiger Wert und darum (was nicht ausdrücklich formuliert wird) bei Bedarf leichtfertig austauschbar.
In der »Diktatur des Relativismus«, wie der vormalige Papst Benedikt XVI. unsere Zeit qualifizierte, haben besagte Werte bezeichnenderweise Hochkonjunktur. Wohlgemerkt: Es geht nicht um Werte als gültige Maßstäbe, so wie es manche Altvorderen sahen (etwa ein Dietrich von Hildebrand), sondern um sogenannte Werte, mit denen operiert wird in Art von Jetons aus Plastik.
Das Verführerische an den Werten ist allemal, daß sie einerseits so hehr und menschenliebend daherkommen, während sie andererseits bequem zu entsorgen sind, wenn ihre Brauchbarkeit ausgedient hat. Da das Recyclen gang und gäbe ist, fallen auch die Werte unter das Recyclingdiktat. Gestern Papierblock, heute Toilettenpapier. Selbstverständlich reißfest und hygienisch einwandfrei.
Wir brauchen nicht länger eine Tyrannei. Wir haben die Tyrannei der westlichen Werte.
Und es sind nicht deine oder meine Werte, sondern – Seid umschlungen, Millionen – unsere Werte. Das liberale Pathos der Verbrüderung gehört unabdingbar zur medialen Darbietung der Werte. Derjenige, der sich der Tyrannei widersetzt, ist folgerichtig derjenige, der sich aus der Wertegemeinschaft absetzt. Er darf geschmäht werden, an den Pranger gestellt werden, medial zur Strecke gebracht werden, da er der beschworenen Solidarität, die notfalls mit christlichen Requisiten bebildert wird, nicht genügt. Schließlich kämpfen wir für den guten Wertezweck, noch dann, wenn der Wert ein hohler Popanz ist oder ein heidnischer Moloch.
Robert Spaemann hat es auf den Punkt gebracht: »Der Liberalismus ist indifferent gegenüber Inhalten. Fragen nach dem guten Leben schiebt er in den sogenannten Wertebereich ab. Werte aber hält er für relativ, um dann jedoch um so vehementer zu verteidigen, was er unsere Werte nennt« (Über Gott und die Welt. Eine Autobiographie in Gesprächen, Stuttgart 2012, 271).
Und weiter Spaemann, pointiert: »Man redet ja auch oft von den christlichen Werten. Die Kirche solle christliche Werte verkünden. Aber es gibt keine christlichen Werte. Jesus hat den Menschen die Augen geöffnet für Werte, die es schon gab, bevor er erschien. Auch die Wahrheit des Satzes des Pythagoras gab es schon, ehe es Pythagoras gab.« (Ebd., 245)
Würde man die Rede von den Werten ernst nehmen, so käme man à la longue bei der Gretchenfrage an: Wie hältst du es mit dem Verbindlichen? Das Verbindliche freilich, und das versteht sich mal von selbst, ist das dem Beliebigen Entzogene, es bindet, während der liberale Wertekonsument gerade Bindungen gleich welcher Art perhorresziert.
Grafik: Lupo / pixelio.de
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