Ästhetik und Moral
Es ist Jahrzehnte her. Mit einem Freund sprach ich über Kunst und Architektur und über das, was Kunst aussagt. Es war uns klar, daß es die gleichsam nackte, neutrale Kunst nicht gibt. Eine gotische Kathedrale und ein Wolkenkratzer sind nicht nichtssagende architektonische Gebilde, sondern Aussagen, die Weltanschauungen oder private Vorlieben oder Deutungshoheiten oder ideologische Konzepte spiegeln. Ich fragte den Freund irgendwann im Laufe dieses Gesprächs, was denn die Botschaft eines modernen Betonkomplexes sei. Darauf seine direkte Antwort: »Lärm.«
Die Antwort fand ich erstaunlich. Sie leuchtete mir auch ein. Und sie kommt mir wieder in den Sinn, da ich über den englischen Architekten Augustus Welby Northmore Pugin (1812 – 1852) lese.
Der Nachwelt ist Pugin, selbst wenn sein Name den Meisten unbekannt sein dürfte, gleichwohl ein Denkmal, weil er der Schöpfer des berühmten Glockenturms von Big Ben in London ist. Doch Pugins Einfluß reicht weiter als bis zu einer touristischen Sehenswürdigkeit. Der junge, hochtalentierte Architekt, der bereits fünfzehnjährig durch sein zeichnerisches Genie auffällt, macht seinen Zeitgenossen noch einmal klar, daß Ästhetik und Moral keine unverbundenen Glieder sind, sondern wesentlich einander bedingen, indem letztere die Grundlagen legt für die ästhetischen Wertvorstellungen, und also auch Architektur und Moral in einem Verwandschaftsverhältnis stehen.
Pugins Leitbild ist dabei die Gotik, zu deren Neubelebung er mit seinem Können eintritt. Was man, ihm folgend, schließlich Gothic Revival nennt, ist kein nostalgisches totes Erinnern, sondern die bewußte Aufnahme einer spirituellen Ordnung, da der gotische Stil in seiner unmißverständlichen vertikalen Ausrichtung das architektonische Zeichen setzt, welches dem Leben Orientierung, Sinn und Halt vermittelt.
Das Kirchengebäude ist nicht Selbstzweck, sondern dient der Verherrlichung des göttlichen Meisters. Die Liturgie ist nicht Selbstzweck, sondern dient der Verherrlichung des göttlichen Meisters. Omnia ad maiorem Dei gloriam – Alles zur größeren Ehre Gottes. Der Zusammenklang von sinnstiftender Architektur, göttlicher Liturgie und katholischer Weisheit ist das ekstatische Aufstrahlen des splendor veritatis, des Glanzes der Wahrheit, welches Aufstrahlen, wenn es erfahren wird, das Leben ändert, nicht nur das Leben Pugins, sondern eines jeden Lebens.
»Ich lernte die Wahrheit der katholischen Kirche in den Krypten der alten europäischen Kirchen und Kathedralen kennen«, bekennt der britische Architekt. Seine Bauten und theoretischen Schriften fließen aus dem Ergriffenwerden von dieser lebensspendenden Wahrheit. Und diese Wahrheit, wen wundert’s, ist letztlich Lobpreis, darum besingt Pugin »die übermenschliche Schönheit der katholischen Kunst und Liturgie«.
Grafiken: Portrait Pugins von einem unbekannten Künstler. Entwurf für Altar- und Prozessionskreuze. Beide: wiki commons

