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Samstag, 21. Februar 2026

 Wo läufst Du hin?

Das Thema der Fastenzeit ist die Bekehrung.

Das deutsche Wort drückt es sehr gut aus, denn es enthält das alte Wort kehr, welches die Wendung zum Ausdruck bringt, die Wende weg vom falschen Weg hin zum guten Weg. Das Grimmsche Wörterbuch notiert: »die kehre ist ursprünglich das wenden mit dem rosse, pfluge u. ä., besonders im turnier, im kampf zu ross, das wenden und rückgehn mit dem rosse zum neuen anlauf wider den gegner.«

Der Gegner im geistlichen Kampf der Fastenzeit ist oftmals kein Feind im Außen, sondern der Feind im Inneren. Meine Trägheit, meine falschen Gewohnheiten, mein Starrsinn, meine Lauheit, meine Ichsucht. Und die vierzig heiligen Tage wollen mein Bewußtsein schärfen für diesen inwendigen Menschen, damit dessen Weg nicht in die Irre geht.

Ein Bild von Max Hunziker, dem 1976 in Zürich verstorbenen Künstler, kann weiterhelfen.

Ein Mann im Sternengewand, sehr imposant die Mitte des Bildes ausfüllend, wird von einem Mann im blauen Gewand offensichtlich aufgehalten. Aber dieses Aufhalten ist kein brutales, sondern ein sehr menschliches. 

Drei Berührungen finden statt: Das Stirn an Stirn, die Hand auf der Schulter und die beiden sich berührenden Hände. Eine Brücke oberhalb der Hände deutet an, daß kein gewaltsames Trennen, sondern ein heilsames Verbinden stattfindet. 

Doch worum geht’s?

Hunziker hat in seine Grafik ein epigrammatisches Wort des schlesischen Barockdichters Angelus Silesius integriert, zu lesen am unteren Bildrand. Da heißt es:

Halt an, wo läufst du hin? Der Himmel ist in dir:
suchst du Gott anderswo, du fehlst ihn für und für.
Ist es das, was der Mann vergessen hat: Daß er ein Gezeichneter ist, nämlich ein von Gott Gezeichneter – Imago Dei, Ebenbild Gottes? Daß er, seitdem Gott ihn schuf, mit einem Sternengewand bekleidet ist?

Die Erfahrung des Davonlaufens vor der ureigenen Bestimmung ist eine Gefährdung, die in der Geschichte der Menschen immer wieder zur Sprache kommt. Um ein sehr prominentes Beispiel zu nennen: Augustinus. In seinen Bekenntnissen schildert er in schmerzlicher Retrospektive seitenlang seine Irrwege, die allesamt weg führten von seiner wesentlichen Berufung. Gerade weil er ein Hochbegabter war, waren seine Versuchungen, sein sittliches wie intellektuelles Vermögen zu verschleudern, markergreifend. 

Durch mehrere glückliche Fügungen in seinem tragischen Lauf schließlich aufgehalten und zur Besinnung gebracht, singt er, die Kehre vollziehend, dem Gott der Güte sein spätes ergreifendes Lied:
Spät habe ich Dich geliebt, Du Schönheit, ewig alt und ewig neu, spät habe ich Dich geliebt! Und sieh, bei mir drin warst Du, und ich lief hinaus und suchte draußen Dich, und häßlich ungestalt warf ich mich auf das Schöngestaltete, das Du geschaffen. Du warst bei mir, und ich war nicht bei Dir. Und was von Dir solang mich fernhielt, waren Dinge, die doch, wenn sie in Dir nicht wären, gar nicht wären. Du aber riefst und schriest und brachst mir meine Taubheit. Du blitztest, strahltest und verjagtest meine Blindheit. Du duftetest, und ich trank Deinen Duft und atme nun in Dir. Gekostet hab ich Dich, nun hungre ich nach Dir und dürste. Und Du berührtest mich, ich aber glühte in Sehnsucht auf, in Sehnsucht nach Deinem Frieden.
Und sieh, bei mir drin warst Du, und ich lief hinaus, Du warst bei mir, und ich war nicht bei Dir. Dies ist die kurze Zusammenfassung des falschen Weges. Doch der Schöpfer aller Dinge geht Seinem Geschöpf nach, weil Er nicht will, daß das kostbare Kind verlorengeht. 

Sei es ein Mann im blauen Gewand, sei es ein Engel, sei es ein biblisches Wort, das plötzlich in die Mitte der Existenz fällt und erhellt – der inwendige Mensch, wenn er bereit ist, sich aufhalten zu lassen, findet zu sich und seinen wahren Quellen. Und dann, und das will die Fastenzeit, erblühen neue Begegnungen, neue Wörter, neuer Atem, neues Gebet.

Grafik: Max Hunziker, Halt an, wo läufst du hin, 1955. © Verlag am Eschbach, Eschbach, Rechtsnachfolge: Ursula Kunz, Zürich. 

Samstag, 2. Oktober 2021

Zola oder: Je confesse

Für diejenigen, die sich in Literatur auskennen, gehört er zu den französischen Begründern der naturalistischen Schule. Man denke nur an sein Werk Der Bauch von Paris aus dem 20bändigen Rougon-Macquart Zyklus, in dem er seitenlang schwelgt in den genüßlich ausgebreiteten Käsegerüchen der Pariser Markthallen.

Die Rede ist von Émile Zola.

Für politisch Interessierte ist Zola zudem bekannt aufgrund seines Brandbriefs J’ accuse, mit dem er sich seinerzeit in die Dreyfus Affaire einschaltete und für gehörige Furore sorgte.

Weniger bekannt oder nahezu gänzlich unbekannt ist eine andere Seite von Zola – die spirituelle, genauer: Die Geschichte seiner Bekehrung. Das Erstaunliche daran: Bereits Jahre vor seiner Hinwendung zu Gott und der katholischen Kirche hatte er, der doch so detailversessen den naturalistischen Sensationen nachging, sehr wohl die Natur, nämlich die unwiderlegbare Wirkmacht des christlichen Gottes kennengelernt. Doch statt den frommen positiven Belegen, die sich vor seinen Augen ereigneten, ehrlich Rechnung zu tragen, machte Zola genau das Gegenteil.

Aber der Reihe nach.

1858 erscheint in dem kleinen Pyrenäendorf Lourdes achtzehnmal die Muttergottes dem vierzehjährigen Mädchen Bernadette. Das Ereignis spricht sich herum und ist schnell die Sensation, nicht nur in Farnkreich, sondern auch in den Nachbarländern. Lourdes wird von Jahr zu Jahr berühmter als Ort der Wunder und Gnaden. Tausende von Menschen pilgern in das kleine Dorf und suchen Trost bei der Trösterin der Betrübten, bei der Unbefleckten Empfängnis, wie sie sich die Erscheinung selbst nennt.

Dem laizistischen Frankreich ist Lourdes naturgemäß ein Greuel. Zola ist Lourdes gleichfalls ein Greuel. Überzeugter Gottesleugner und darüber hinaus Logenmeister der Freimaurer, ist es für den Schriftsteller eine Affaire der Selbstbehauptung, gegen den marianischen Wallfahrtsort anzuschreiben.

Als er daher 1892 nach Lourdes reist, kommt er nicht als frommer Pilger, sondern als fanatischer Positivist, der endlich dem klerikalen Betrug mit ätzenden schriftstellerischen Enthüllungen den Garaus machen will. An der Grotte erlebt Zola jedoch das Folgende: Zwei Frauen, sterbenskrank (Tuberkulose im Endstadium), werden vor seinen Augen wundersam geheilt.

Nun sollte man meinen, dieses erschütternde Erlebnis habe Zolas antiklerikales Weltbild zum Einsturz gebracht. Doch weit gefehlt. Er kehrt nach Paris zurück und veröffentlicht zwei Jahre später den Roman Lourdes, in dem der Protagonist Pierre, seines Zeichens katholischer Priester, nicht die Wunder der Gnadenstätte besingt, sondern die korrupten Machenschaften der Kleriker und Geschäftsleute, denen die armen Pilger machtlos ausgeliefert sind.

Und es kommt noch krasser. Zola lügt. Er gibt vor, eine der Geheilten sei gestorben, wiewohl er genau weiß, daß diese Geheilte in Paris lebt. Und noch perfider: Zola bietet dieser Frau eine beträchtliche Geldsumme an, damit sie Paris verläßt, um solcherart die potentielle Zeugin gegen ihn, Zola, außer Landes zu schaffen und also in die ungefährliche Ferne.

Wieder vergehen zwei Jahre. Es ist 1896. Zola leidet an einem offenen Beinbruch. Die Wunde verschlimmert sich von Tag zu Tag, derart, daß, wenn keine Besserung eintritt, die Amputation des Beines unumgänglich ist.

In dieser kritischen Situation träumt Émile Zola am Heiligabend, er sei in einer Kirche, wo er vor dem Bild der Madonna mit dem Kind ein Weihnachtslied singe. Als er aus seinem Traum erwacht, hört er seine Frau, die eben dieses Lied singt. Er bittet daraufhin seine Frau, in die Kirche zu gehen, dort eine Kerze anzuzünden und vor dem Bild der Madonna für ihn zu beten.

Und das Wunder geschieht. Zolas Bein wird geheilt. Und mehr noch: Der kranke Geist Zolas wird geheilt. Er bereut, er beichtet, er beginnt zu beten, er geht zur heiligen Messe, er versöhnt sich mit der Kirche. Und mehr: In einer Erklärung gesteht er seine langjährigen Irrtümer ein, er bricht mit der Freimaurerei, demaskiert deren Destruktivität und Termitenarbeit gegen die katholische Kirche. Und noch mehr: Émile Zola schreibt an Papst Leo XIII. und erbittet vom Pontifex die Vergebung für seine antikirchlichen Schriften und Aktivitäten.

Die Geschichte Zolas ist beglückend und erschreckend zugleich. Wie zementiert, so fragt man sich bestürzt, kann die Verblendung eines sogenannten Intellektuellen sein, daß er selbst Tatsachen leugnet, ja verfälscht, aus dem einzigen Grund, das eigene marode Kartenhaus nicht preiszugeben? Und die zweite, unfaßbare Frage: Wie groß ist die Geduld Gottes, der nicht müde wird, noch dem verstocktesten Verleumder, Verfälscher und Verführer nachzugehen, um ihn zu retten, tatsächlich zu retten?

Montag, 31. Mai 2021

Neue Schöpfung

Gibt es das? Neue Schöpfung? Genauer: Neue Schöpfung nach einem ruinierten Leben?

Für den Apostel Paulus ist das keine Frage, sondern eine Gewißheit, wenn er schreibt: »Wenn also jemand in Christus ist, dann ist er eine neue Schöpfung: Das Alte ist vergangen, Neues ist geworden.«

Paulus benennt hier, was die Taufe tatsächlich ist: Hineingeboren werden in Christus und damit der Beginn des neuen Lebens, des christlichen Lebens.

Ist diese paulinische Theologie nicht zu schön, um wahr zu sein?

Reden wir mal über Torsten Hartung.

Hartung ist ein verurteilter Mörder. Sein Leben: Von früh auf eine Katastrophe. Ein kalter, gewalttätiger Vater. Eine kalte, lieblose Mutter. Der geprügelte, getretene, verstoßene Junge – das ist die tägliche Erfahrung. Auch in der Schule.

Doch das geschlagene Kind schlägt irgendwann zurück. Um zu überleben in einer Welt des Brutalen, trainiert sich Hartung die Härte an. Und das funktioniert. Als Jugendlicher und junger Mann ist er bald der Schläger und der Unbesiegte.

Und so geht es weiter. Erste Gefängnisaufenthalte folgen. Die Spirale von Gewalt, Kriminalität, Haß und Mißbrauch nimmt ihren Lauf. Menschen sind dazu da, gebraucht und ausgenutzt zu werden. Liebe? Ein Fremdwort. Hartung beweist, »wie böse ich bin«.

Und dann eines Tages der Mord. Ein Komplize der Autoschieberbande, deren Boß Hartung ist, hintergeht ihn. Hartung macht, als er es erfährt, kurzen Prozeß mit Dieter. Er bringt den Anderen um. Kaltblütig.

Wenig später fliegt die Verbrecherbande auf. Hartung wird, ebenso wie seine Komplizen, verhaftet und verurteilt. Hartung bekommt fürs erste fünf Jahre Einzelhaft.

Und jetzt, in der Einsamkeit und Ausgesetztheit der Zelle, allein mit dem Tagebuch, in welches er seine verzweifelten, auf ihn einstürzenden Gedanken aufzuschreiben beginnt, fängt ein anderer Prozeß an: Die Frage Hartungs nach seiner Schuld. Und die Frage, wie mit dieser Schuld umzugehen ist? Es ist ein Prozeß, in dem der Täter mehr und mehr erkennt, wer er wirklich ist und wie er zu dem geworden ist, der er ist.

Und: Hartung findet in der Ehrlichkeit der Selbstentblößung zum Glauben. Wer will, kann das nachlesen in seinem ergreifenden Rechenschaftsbericht, den er nach Abbüßung seiner fünfzehnjährigen Haftstrafe schließlich veröffentlicht.

Was hier interessiert, ist dies: Hartungs Bekehrungsweg führt ihn schließlich in die katholische Kirche. Am 20. Juni 2000 läßt er sich, nach einer intensiven Zeit der betenden und fastenden Vorbereitung, in der Kapelle der Justizvollzugsanstalt Berlin-Tegel vom Gefängnispfarrer taufen.

Neue Schöpfung? 

»Erst später«, so der kurze Satz in Hartungs Rechenschaftsbericht Du mußt dran glauben, »wird ihm bewußt, daß die Taufe auf den Tag genau acht Jahre nach dem Mord an Dieter stattfindet.«

 

Freitag, 25. Januar 2019

Paulus oder die junge Gnade


Als Saulus vor Damaskus, getroffen vom göttlichen Licht, zu Boden stürzt, dürfte er um die dreißig Jahre alt gewesen sein.

In Michelangelos berühmtem Bild dieses Ereignisses (zu sehen in der Cappella Paolina in Rom), ist der zukünftige Völkerapostel jedoch nicht in der Blüte seiner Mannesjahre dargestellt, sondern als alter Mann. Warum?

Saulus, der Eiferer für das Gesetz, ist der verhärtete, unerleuchtete Eiferer. Er verfolgt die Christen, läßt sie in den Kerker werfen, ist blind vor Haß.

Verhärtung ist für die Heilige Schrift freilich kein Phänomen, welches in biologisch abgegrenzten Bezirken Halt macht. Die sklerokardia, die Herzensverhärtung, transformiert den ganzen Menschen. Da an ihrer Wurzel die Abschottung vor der Liebe ist, läßt sie den Betroffenen frühzeitig altern. Denn Jungsein und Wachstum verbinden sich nicht mit Härte und Abschottung, sondern mit Geschmeidgkeit, mit Gelassenheit, mit Liebe.

Saulus ist der Verhärtete, der Enge, bereits mit dreißig Jahren. Um tatsächlich ins Leben zu finden, d.h. um wahrhaftig ein Dreißigjähriger zu werden, der, wie man so sagt, das Leben vor sich hat, bedarf er in eminenter Weise der Gnade, die stärker ist als die Verhärtung.

Michelangelo zeigt die Faktizität dieser Gnade. Das Licht, welches majestäisch souverän den alten Verbohrten trifft, ist im Gemälde gleichsam der Riß, der die sklerokardia des Saulus aufsprengt. Dieses Licht, so zeigt Michelangelo, ist kein harmloses Fünkchen, sondern niederstürzender Blitz, in dessen Feuer der Getroffene für immer versehrt wird. Es ist das Feuer, welches aus dem alten Saulus den jungen Paulus macht.

Denn das Christentum ist immer jung. Die Gnade ist immer jung. Die Heiligen sind die stets Jungen. Oder können wir uns den Himmel vorstellen mit Rollator und zahnlosen Greisen?

Es überrascht nicht, daß dieser Paulus, der aus eigener, bitterer Erfahrung weiß, wie verhärtet jemand sein kann, der angeblich alles im Griff hat und voll im Leben steht, daß exakt dieser Paulus, nach seiner Herzerweichung, das Hohelied der Liebe schreibt: Und wenn ich die Prophetengabe hätte und alle Geheimnisse wüßte und alle Erkenntnisse und wenn ich allen Glauben hätte, so daß ich Berge versetzen könnte, hätte aber die Liebe nicht, wäre ich nichts (1 Kor 13, 2).

Aus dem verbissen Verknöcherten ist der Sänger der Liebe geworden, der in seinem zweiten Brief an die Gemeindemitglieder von Korinth (2 Kor 6,11ff) die wunderbaren Worte mitteilt: (…) unser Herz ist weit geworden. In uns ist es nicht zu eng für euch. Laßt doch als Antwort darauf auch euer Herz weit aufgehen!

Und es gehört zur genialen Intuition Michelangelos, daß er die unerhörte Wandlung des Saulus zum Paulus offenbar macht. Denn der dort am Boden Liegende ist, wie in einer Art Schwebezustand, nicht mehr der rundum Starre, Verschlossene, sondern in seinen alternden Zügen bereits der sich Verjüngende, dessen kommende jugendliche, helle, unverblühte Frische wahrnehmbar wird. Sein Antlitz ist schon im Licht, wenn auch noch die Hand dem Blitzeinschlag zu wehren sucht.

Aufstehen, so viel ist sicher, wird ein Anderer, einer, dem jetzt geholfen werden muß. Und der Mitmensch, sich bückend, ist bereits da und will dem Gestürzten beim Aufstehen helfen. Und eben so kann nun das Neue beginnen, das Herz, welches weiter wird.

Grafik: Michelangelo, Die Bekehrung des Paulus (1542–1545). wiki commons

Freitag, 9. Juni 2017

Der Broadway und der schmale Weg


2008: Die Olympischen Spiele in Peking.

Im 400 Meterlauf der Damen erwartet man, daß die Athletin Sanya Richards die Goldmedaille gewinnen wird. Aber sie wird überraschenderweise nur Dritte. Allerdings gewinnt sie mit der Mannschaft die Goldmedaille in der 4 x 100 Meter Staffel. Sie steht also doch noch auf dem Siegertreppchen. Die Goldmedaille blitzt. Und vier Jahre später wird sie noch einmal Gold gewinnen, diesmal in London.

Doch da ist etwas anderes, kein Gold, kein Glamour, kein Glitzern. Etwas, das die Gewinnerin von einst erst jetzt der Öffentlichkeit mitteilte.

Einen Tag vor ihrem Abflug zu den Olympischen Spielen in Peking hat die Athletin eine Abtreibung. Das, wofür sie jahrelang gschuftet hat, scheint plötzlich in weite Ferne gerückt. Schwanger sein, ein Kind austragen, gerade jetzt, paßt nicht in ihre Karriere. Was werden ihre Sponsoren sagen, was ihre Familie, was ihre Fans?

Zudem: Sie kennt etliche andere weibliche Spitzensportlerinnen, die gleichfalls Abtreibungen hinter sich haben, denn die sportlichen Ziele dem Geschenk des Lebens überzuordnen, so Richards-Ross, ist quasi die Norm im Sportbusiness.

Per Telefon trifft sie schließlich mit ihrem damaligen Verlobten (ihrem jetzigen Ehemann), der gleichfalls Spitzensportler ist und gerade in einem Trainingslager weilt, die Entscheidung, das Kind abzutreiben. In die Abtreibungsklinik geht sie allein.

Danach, nach der Abtreibung, erkennt sie den Horror. Wörtlich: »Ich hatte eine Entscheidung getroffen, die mich zerbrach; zudem eine, von der ich nicht sogleich heilen würde. Die Abtreibung würde nun für immer ein Teil meines Lebens sein. Ein scharlachroter Buchstabe, von dem ich nie gedacht hatte, ihn einmal zu tragen. Ich war ein Champion – kein gewöhnlicher, sondern ein Weltklassechampion, ein Champion, der Rekorde brach. Von den Höhen dieser Realität stürzte ich in die Tiefe der Verzweiflung.«

Emotional wie spirituell gerät ihr Leben ins Wanken. Bereits während sie im Stadion die 400 Meter läuft, kreisen ihre Gedanken um die Abtreibung. In den Straßen Pekings, so sie, habe sie die härteste Zeit ihres Lebens erfahren. Und sie wäre daran kaputt gegangen, wenn Gott nicht dagewesen und ihr geholfen hätte.

Ihr Mann und sie sprechen jahrelang nicht über die Abtreibung. Als sie endlich das Vergangene anschauen, kommen ihre wahren Gefühle hoch. Er gesteht, ihr gemeinsames Kind sei ein Segen gewesen, den sie zurückwiesen, weil sie alles unter Kontrolle hatten haben wollen.

Und nun öffnen sich beide der Gnade, der Bekehrung, der Heilung, der Vergebung. Heute, so die Athletin, geht sie an die Öffentlichkeit, um anderen postabortiven Frauen zu helfen. Sie sei noch nicht ganz geheilt, noch immer breche sie bisweilen in Tränen aus, wenn sie an das Geschehene zurückdenke. Gleichwohl wisse sie, daß Gott ihr vergeben habe; jetzt müsse sie sich auch selbst vergeben.

Wie heißt es im Matthäusevangelium? Da spricht Jesus von den zwei Wegen: Geht durch das enge Tor! Denn das Tor ist weit, das ins Verderben führt, und der Weg dahin ist breit und viele gehen auf ihm. Aber das Tor, das zum Leben führt, ist eng und der Weg dahin ist schmal und nur wenige finden ihn.


Es ist die immerselbe Story. Der Broadway glitzert. Phantome glitzern. Gold lockt. Der enge Weg ist einfach und unaufdringlich, wie das Leben. Denn das Leben spricht für sich.

Zurzeit erwarten Sanya und ihr Ehemann Aaron ihr zweites Kind.

Grafiken:    Erik van Leeuwen, http://www.erki.nl/, GFDL, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=8679087 und UpstateNYer, eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=8138348.

Freitag, 3. März 2017

»Vor Gott war ich nicht Jane Roe.«

Sie ist ein veritables Zeichen der Zeit. An ihrem Leben wird sichtbar, was Abtreibung und was die Abtreibungsgegenwelt ist. Aber an ihr wird auch sichtbar, daß die Abtreibung, ohne jeden Zweifel, einmal ein Ende hat.

Unter dem Decknamen Jane Roe wird Norma McCorvey eine traurige Berühmtheit. Denn das infame Urteil Roe versus Wade, das 1973 in die Annalen der amerikanischen Gesetzgebung eingeht, da dieses Urteil die sogenannte Legalisierung der Abtreibung in den USA begründet und im weiteren den Startschuß abgibt für die sukzessiven Abtreibungsgesetze in den europäischen Ländern, dieses infame Urteil hängt wie eine Klette an Norma McCorvey. Sie ist die Klägerin im Abtreibungsprozeß, sie ist der Präzedenzfall, der Abtreibung schließlich juristisch festschreibt.

Aber was die wenigsten wissen: Norma ist von Anfang an die instrumentalisierte, mißbrauchte Person zweier Abtreibungsanwältinnen. Um das strikte Abtreibungsgesetz in den Vereinigten Staaten zu kippen, braucht es ein tumbes, willfähriges Opfer – Norma. Sie wird systematisch für ihre Jane-Roe-Rolle präpariert. Die tatsächliche Norma ist nie von Belang. Kein Wunder, daß McCorvey Jahre später in ihrer Autobiographie unverhüllt davon spricht, lediglich benutzt worden zu sein.

In dieser Autobiographie, Won by Love, kommt alles ans Licht: Die Lügen der Abtreibungsindustrie, das desaströse Leben Normas, ihre abusiven Beziehungen, das permanente Mißbrauchtwerden.

Nach Roe vs. Wade arbeitet sie, gleichsam das Poster-Girl der Abtreibungsszene, in einer Abtreibungsklinik. Nur: Die Realität ist weit davon entfernt, glamourös zu sein. Mehr und mehr versinkt Norma in Drogen und Alkohol, denn das Geschäft mit dem Tod ist anders nicht zu ertragen.

Ihre wortwörtliche Konversion – weg vom Tod hin zum Leben – verdankt sie Lebenschützern, die vor der Abtreibungsstätte, in der sie arbeitet, ihren Dienst tun. Emily, die kleine Tochter eines der Lebenschützer, bringt Normas Herz zum Schmelzen. Im Antlitz des Kindes, in dessen liebevoller unverdienter Zuwendung, scheint das Wunder der menschlichen Person auf. Und eines Tages, in einer überwältigenden blitzhaften Erleuchtung, sieht sie Emily schrecklich entstellt: »Ich sah Emily nicht als das kleine Kind, sondern als winziges, abgetriebenes Baby (…).« Sich Rechenschaft gebend über den außergewöhnlichen Vorgang, kommt sie zu dem Schluß: »Es war das erste Mal, daß die Abtreibung für mich ein Gesicht bekam.«

Von da ist es nur mehr ein kurzer Übergang zu der augenöffnenden Wahrheit, die ihr das verschafft, was sie »meine vollständige pro-life-Bekehrung« nennt, indem sie unretuschiert das reale Gepräge der Abtreibungsgegenwelt, »die schreckliche Realität« wahrnimmt:
»Es war so, als ob Binden von meinen Augen abfallen würden, und plötzlich erkannte ich die Wahrheit. Es ist ein Baby! Ich war niedergeschmettert. Es ging mir so schlecht, daß ich am liebsten davongerannt wäre (…) Ich hatte der schrecklichen Realität ins Auge zu schauen. Abtreibung hatte nichts mit ›Gewebeklumpen‹ zu tun, nichts mit ›ausgebliebenen Blutungen‹. Es ging um Kinder, die im Schoß ihrer Mütter getötet wurden.«
Won by love. Die Liebe der kleinen Emily siegt.

Norma wird schließlich Christin und läßt sich taufen. Wenige Jahre später will sie in die katholische Kirche aufgenommen werden. Father Pavone, der Direktor von Priests for Life, nimmt sie auf. Sie ist angekommen. Sie weiß, daß sie zuhause ist. Sie weiß, daß sie vor Gott nie Jane Roe war.

Und aus Norma wird die Lebenschützerin, welche die ganzen letzten Jahre ihres Lebens – betend vor Abtreibungskliniken, als Rednerin auf Kongressen, als Buchautorin und unermüdliche Verbreiterin der Botschaft des Lebens – einer einzigen Aufgabe widmet: dem Kampf, daß das furchtbare Unrecht, welches den Namen Roe v. Wade trägt, aus der Welt geschafft wird.

Heuer, am 18. Februar 2017, ist Norma McCorvey endgültig heimgegangen. Requiescat in pace!



Mittwoch, 14. September 2016

Ruanda und wir

Lourdes und Fatima sind bekannt. Kibeho gleichfalls?

In den Jahren 1981 bis 1989 erscheint die Gottesmutter Maria Schülerinnen aus dem ruandesischen Dorf Kibeho. Die Botschaften der Muttergottes, die sich als Mutter des Wortes vorstellt, sind denkbar einfach und einprägsam: Umkehr, Buße, Gebet und die sühnende, rettende Kraft des Leidens sind die wesentlichen Inhalte. Kehrt um, solange es noch Zeit ist, heißt es in einer Botschaft. Ein andermal: Die Welt rennt ins Verderben, sie droht in den Abgrund zu fallen.

Einmal sehen die Mädchen Ströme von Blut, Menschen, die einander umbringen, Bäume in Flammen. Die Seherinnen weinen und sind bis ins Mark getroffen.

Jahre später, 1994, werden die blutigen Flüsse Wirklichkeit. Innerhalb dreier Monate, von April 1994 bis Juli 1994, kommt es zum schrecklichen Völkermord in Ruanda. Angehörige des Stammes der Hutu, welche die ethnische Mehrheit in Ruanda bilden, töten in einer Art Blutrausch Stammesangehörige der Tutsi-Minderheit. Die Zahl der Ermordeten beläuft sich nach Schätzungen auf 800.000 Opfer. Marie-Claire, eine der Seherinnen, ist unter den Ermordeten.

Erschreckend auch dies: Der reiche Westen sieht dem Genozid im Grunde tatenlos zu. Die Friedenstruppen der UNO versagen, wirksame humanitäre Interventionen der sogenannten Ersten Welt bleiben aus. Das Blutbad nimmt derart ungehindert seinen Lauf. Filme, die auf wahren Begebenheiten beruhen – wie etwa Hotel Ruanda oder Shooting Dogs –, geben eine Ahnung vom erschütternden Ausmaß der Katastrophe und zeigen zugleich den heldenhaften Einsatz Einzelner – bis zur Hingabe ihres Lebens.

Ruanda. Kibeho. Fernes Afrika. Und wir?

2001 wurden die Erscheinungen der Muttergottes in Kibeho von der katholischen Kirche offiziell anerkannt. Kibeho ist heute Wallfahrtsort, eine große Kirche wurde gebaut. Der Ort selbst, an dem mehr als 200.000 Menschen während des Massakers ums Leben kamen, ist zu einer Stätte der Versöhnung geworden. Nathalie, eine der überlebenden Seherinnen, hat es sich zur Aufgabe gemacht, hier zu leben und zu beten und zur Vergebung beizutragen. In einem Interview der österreichischen Missionzeitschrift missio sagt sie: »Maria gab uns eine Botschaft für die gesamte Menschheit: Die Welt hat den Weg eingeschlagen, der zum Tod führt. Sie wollte aber, daß wir Menschen den Weg des Heiles wählen. Und das ist Jesus Christus.«

Ein anderer, der in Kibeho lebt und wirkt, ist der Pallotinerpater Zbigniew Pawłowski. Er betreut als Priester die zahlreichen Pilger des Heiligtums. Er gibt in dem nämlichen Interview zu bedenken: »Grundsätzlich lag den Botschaften derselbe Inhalt zugrunde: Kehrt um, sonst gefährdet ihr euch selbst. Und ich finde, daß diese Botschaft ihre Aktualität nicht mit den traurigen Ereignissen des Jahres 1994 verloren hat. Wenn ich an Europa denke und wie dort mit dem Leben umgegangen wird – Abtreibungen, Euthanasie und dergleichen –, oder wie man Witze über die Kirche und den Glauben macht, dann mache ich mir ebenfalls Sorgen.«

Ja, wenn ich an Europa denke …