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Sonntag, 26. September 2021

»Gestalten wir sie!«

                                                                                                         
»Wollen wir uns über die Zeiten beklagen? Nicht die Zeiten sind gut oder schlecht. Wie wir sind, so sind auch die Zeiten. Jeder schafft sich selber seine Zeit! Lebt er gut, so ist auch die Zeit gut, die ihn umgibt! Ringen wir mit der Zeit, gestalten wir sie! Und aus allen Zeiten werden heilige Zeiten.«

Aurelius Augustinus


Grafik:
pixabay.com

Freitag, 28. August 2020

Die Traube

»(…) in der Kelter ist fruchtbare Bedrängnis. Am Rebstock spürt die Traube keine Bedrängnis, sie scheint unversehrt, doch strömt nichts von ihr aus; sie wird in die Kelter getan, getreten, gepreßt. Mißhandlung scheint man der Traube zuzufügen, aber diese Mißhandlung ist nicht unfruchtbar; vielmehr, wenn keine Mißhandlung hinzukäme, dann bliebe sie unfruchtbar (…) Wenn du also keine Verfolgung für Christus leidest, gib acht, ob du etwa noch nicht begonnen hast, in Christus fromm zu leben. Hast du aber begonnen, in Christus fromm zu leben, so hast du die Kelter betreten; bereite dich vor auf Bedrängnis, aber sei nicht verdorrt, daß etwa von der Bedrängnis nichts ausströmt.«

Hl. Augustinus, enarrationes in psalmos 55,3-4 (Übersetzung: Michael Fiedrowicz)


Grafik: Photo by Tetiana Shyshkina on Unsplash

Freitag, 23. Februar 2018

Nimm, lies

Hamlets Frage: Sein oder Nichtsein? heißt im modernen Film: Die rote Pille oder die blaue Pille?

Vor dieser Entscheidung steht der Held im Science-Fiction-Film Matrix, der nachgerade zum Klassiker des Genres mutierte.

Wer die blaue Pille schluckt, bleibt weiterhin der tumbe Sklave des Systems, wer die rote Pille nimmt – und natürlich nimmt der Held die rote Kapsel –, der wacht auf aus seinem Schlaf der Unwissenheit, ist nicht länger Sklave, sondern Freier, verläßt die Welt des Scheins und dringt vor ins Reich der Erkenntnis und des reinen Seins.

Kant läßt grüßen. Neo, so der Name des aufgeklärten Adepten, ist der postmoderne Kantianer, der es wagt, aus der Unmündigkeit den Schritt in die Taghelle des Bewußtseins zu setzen.

Es geht dabei um nicht mehr und nicht weniger als um die Wahrheit. »Bedenke, alles, was ich dir anbiete, ist die Wahrheit, nicht mehr«, so der schwarze Mentor, der Neo die beiden verführerischen Pillen hinhält.

Tatsächlich ist dies der springende Punkt: Die Wahrheit. Was ist Wahrheit? Und wie komme ich zur Wahrheit? Und wie weiß ich, daß das, was ich finde, die Wahrheit ist?

1600 Jahre vor dem modernen Science-Fiction-Helden gibt es einen anderen Neo, der es wissen will. Er gehört zu den gescheitesten Männern seiner Zeit. Im Grunde kann ihm niemand das Wasser reichen. Er ist nicht nur ein blendender Rethoriker, er ist auch ein intellektuelles Schwergewicht. Die Menschen sind beeindruckt von seiner Brillanz und Schlagfertigkeit. Er gilt als der zünftigste Aufgeklärte seiner Zeit.

Und doch ist da in ihm ein kontinuierliches Unbehagen und eine Unruhe, die ihn treibt und treibt. Eigentlich hat er doch alles erreicht: Stellung, Ansehen, Wissen, Bewunderung. Woher die dennoch nicht auslöschbare Unruhe? Woher der andauernde innere Kampf?

Es muß ein Kind auftauchen, um den Knoten endgültig zu lösen:
»Auf einmal hörte ich aus einem Nachbarhaus die Stimme eines Knaben oder Mädchens wiederholt sagen: Nimm, lies, nimm, lies. Sogleich veränderte sich mein Gesicht, und ich begann, angestrengt darüber nachzudenken, ob Kinder bei irgendeinem Spiel etwas derartiges zu singen pflegen; doch ich entsann mich nicht, es je gehört zu haben. Ich dämmte die Tränenflut und stand auf, ich wußte keine andere Deutung, als daß Gott mir befehle, ein Buch zu öffnen und die Stelle zu lesen, auf die ich als erste stieße.«
Und der Zerrissene kehrt zu dem Platz zurück, wo er soeben noch in den Briefen des Apostels Paulus gelesen hatte. Und er schlägt aufs Geratewohl das heilige Buch auf. Und er liest den ersten Satz, der seine Augen trifft. Und es gehen ihm die Augen auf: »Weiter wollte ich nicht lesen, es war nicht nötig. Denn kaum hatte ich den Satz zu Ende gelesen, ergoß sich wie ein Licht die Gewißheit in mein Herz, und alle Schatten des Zweifels waren zerstoben.«

Es genügt nicht, die rote Pille zu schlucken, wenn man anschließend lediglich bei seinem Ich ankommt. Denn die Wahrheit ist mehr als dieses kleine Ich.

Die echten Neos verstehen irgendwann das Wesentliche: Daß sie von der Wahrheit gefunden werden. Und diese Wahrheit offenbart sich und zeigt in diesem Offenbarungsvorgang, daß sie von Ewigkeit her ist und daß sie Person ist und daß sie den Suchenden seit je umfängt.

Und derjenige, der gefunden ist, jubelt. Wie Augustinus. Und all die Anderen.

Freitag, 27. Oktober 2017

Das Kreuz II


»Warum fürchtest du dich vor dem Teufel? Biete ihm nur die Stirn. Fürchtest du für deine Stirne? Siehe – sie ist ja bezeichnet mit dem heiligen Kreuz.«


Grafik:    Photo by Nick Herasimenka on Unsplash

Donnerstag, 22. Juni 2017

»Schaffe Schweigen!«


Gott ist nicht »Jemand neben«.

So korrigiert Hans Urs von Balthasar in einem Interview aus den achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts seinen Gesprächspartner.

Heute scheint die Fehldeutung, welche der Interviewer unbedacht nahelegte, eine allseits gängige. Der Mensch hantiert mehr schlecht als recht in seinen Angelegenheiten, und der Liebe Gott, wenn Er überhaupt noch eine Rolle spielt, ist irgendwo nebenan, meist weit weg, ein unbedeutender Statist in der Gleichung des Alltags.

Darauf die Korrektur des Theologen von Balthasar: Gott ist kein Neben, sondern Gott ist Alles in allem.

Doch dies zu beherzigen, würde bedeuten, daß der Mensch in sein Inneres hinabsteigt, denn dort, in der innersten Herzmitte, würde der Suchende eben den Gott finden, den er im belanglosen Nebenan aussiedelt.

Nun ist es kein Geheimnis, daß der Mensch der Jetztzeit überall mehr anzutreffen ist als bei sich zuhause. Und das heißt einschlußweise, daß der Mensch heute die meiste Zeit fern von Gott ist.

Dieses Fernsein ist eine Erfahrung, die in der Geistesgeschichte der Menschheit oft zur Sprache gebracht wurde. Ein berühmtes Beispiel: Augustinus. Im zu Herzen gehenden zehnten Buch, XXVII, 38, seiner Confessiones bekennt er wehmütig:
»Spät hab ich Dich geliebt, Du Schönheit, ewig alt und ewig neu, spät hab ich Dich geliebt. Und sieh, Du warst innen, ich aber außen. Dort suchte ich nach Dir, auf die schönen Gestalten, die Du schufst, warf ich mich Mißgestalt. Du warst bei mir, ich war nicht bei Dir. Sie hielten mich fern von Dir, die Dinge, die gar nicht wären, wären sie nicht in Dir. Du hast gerufen, geschrien, meine Taubheit zerrissen, hast geleuchtet, geblitzt und meine Blindheit verscheucht, hast geduftet, und ich atmete ein und lechze jetzt nach Dir, ich habe gekostet, nun hungre und dürste ich, Du hast mich berührt, und ich bin nach Deinem Frieden entbrannt.« (Übersetzung von Balthasar)
Seit dem heiligen Kirchenvater sind 1600 Jahre vergangen, und jetzt, am Beginn des dritten Jahrtausends, schaut es so aus, als ob das Draußen, von dem Augustinus spricht, das Omnipräsente sei. Es drängt sich laut und gebieterisch in den Vordergrund. Es reklamiert jeden denkbaren Platz für sich. Online sollen wir sein, am besten permanent, von früh bis spät, denn nur wer online ist, so die Suggestion, ist up to date. Aber tatsächlich erkaufen wir das ständige äußerliche Vernetztsein mit dem Verlust der inneren Stille, in der das wahre Wort sich kundtut, welches niemals altert.

Von diesem Wort schreibt Paulus:
»Das Wort ist dir nahe, es ist in deinem Mund und in deinem Herzen. Gemeint ist das Wort des Glaubens, das wir verkündigen; denn wenn du mit deinem Mund bekennst: Jesus ist der Herr und in deinem Herzen glaubst: Gott hat ihn von den Toten auferweckt, so wirst du gerettet werden. Wer mit dem Herzen glaubt und mit dem Mund bekennt, wird Gerechtigkeit und Heil erlangen«.
(Römerbrief 10,8 ff)
Das Wort ist dir nahe.

Und wie gelangt man zu diesem verschütteten Wort?

Kierkegaard hat die Medizin, die der Patient, wenn er gesunden will, zuallererst zu schlucken hat, ohne jede Umschweife formuliert: »O, schaffe Schweigen!«

Grafik:    https://unsplash.com/photos/oLdm7mnhDic

Samstag, 18. Juni 2016

Die Sehnsucht nach Leben oder das Herz, das brennt

Daß der Gedanke an die Ewigkeit wahrhaft wesentlich ist, ja mehr noch, daß das Leben auf das ewige Leben hin gelebt werden will – diese Ausrichtung findet heutzutage wenig Beachtung. Und doch ist diese Orientierung die grundlegende. Unser Leben, losgelöst von seiner ewigen Bestimmung, verliert seine Dignität. Die Tatsache, daß in unseren Tagen das Leben mehr und mehr degradiert zur Ware, zum Konsumartikel, den man mittlerweile in Internetkatalogen wunschgemäß bestellen kann, ist nicht zuletzt Konsequenz des Vergessens – des Vergessens unserer wahren Heimat. In den Worten des heiligen Paulus: Unsere Heimat aber ist im Himmel (Phil 3,20).

Der Heimatlose irrt umher. Er ist der Vagabund ohne Ursprung und ohne Ziel. Schlimmer noch: Er ist derjenige, dem die Sehnsucht abhanden gekommen ist. Denn die tiefgründigste Sehnsucht eines jeden Menschen ist die nach der Erfüllung, und das heißt die Sehnsucht nach der Heimat des ewigen Lebens, wo alle Tränen versiegen, wo der Tod nicht mehr sein wird, und keine Trauer, und keine Klage, und kein Schmerz (vgl. Offb 21,4).

Wer sich nicht länger sehnt, dessen Leben vertrocknet bereits auf Erden. Dies kann glamourös verdeckt sein. Manchmal zeigt erst das Alter, wenn die Schminke fällt, wie karg das gelebte Leben, welches ohne die Ewigkeit gelebt wird, ist.

Die Schlußfolgerung daraus ist: Wer dem Menschen von heute den echten Geschmack am Leben vermitteln will, sollte ihn der Ewigkeit aussetzen. Im Bild gesprochen: Der Mensch sollte wieder eine Ahnung davon bekommen, daß der Zug, dessen Passagier er ist, nicht im Nirgendwo endet, sondern in der Fülle. Und der Mitreisende, der um das Ziel gnadenhalber weiß, sollte versuchen, stets neu die Sehnsucht des besagten Passagiers zu wecken. Denn die Sehnsucht ist kein Sedativum, sondern, wie Augustinus es nennt, dein Gebet. Sie ist der Zunder, der das Herz brennen läßt. Nicht umsonst ist das lodernde Herz zum ikonographischen Zeichen des heiligen Augustinus geworden. Aus dieser brennenden Mitte stammt auch dieses andere, wunderbare Wort des heiligen Kirchenvaters:
»Die Heiligen besitzen schon die Krone, wir vereinen uns in Liebe und hoffen auf ihre Krone. Gemeinsam ersehnen wir das Leben, das wir hier unten nicht haben können und das wir nie haben können, wenn wir es nicht zuvor ersehnen.«