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Samstag, 25. April 2026

Prinzip und Fundament 
  

»(…) bin ich überzeugt, daß die Menschheit der Gegenwart diese grundlegende Botschaft braucht, die in Jesus Christus Mensch geworden ist: Gott ist die Liebe. Alles muß von hier ausgehen, und alles muß hierher führen: jede pastorale Tätigkeit, jede theologische Abhandlung.«

Benedikt XVI. 
aus seiner Predigt während der Vesper am 22. April 2007

 

 Grafik: Foto von THLT LCX auf unsplash  

Samstag, 18. April 2026

 Was ist das für so viele?  

Im Evangelium nach Johannes berichtet der Evangelist im 6. Kapitel vom berühmten Zeichen der Brotvermehrung. »Viele Menschen« (Vers 5) sind gekommen, um Jesu Worte zu hören. Und Jesus will die Hungrigen speisen. Doch wie eine solch große Menge speisen? 

»Hier ist ein kleiner Junge«, so der Apostel Andreas, einer der Begleiter Jesu, »der hat fünf Gerstenbrote und zwei Fische; doch was ist das für so viele?«

Was ist das für so viele?


Mir fällt dazu eine Geschichte ein, die Mutter Teresa erzählt hat:

»Vor einigen Jahren«, so Mutter Teresa, »gab es in Calcutta eine große Zuckerknappheit.
Eines Tages kam ein vierjähriges Kind mit seinen Eltern zu mir, um mich zu sehen. Sie brachten mir ein kleines Gefäß mit Zucker. Während sie es mir überreichten, sagte der Kleine zu mir: Ich habe drei Tage keinen Zucker genommen. Nimm es, es ist für Deine Kinder.
Dieser Junge liebte mit einer großen Liebe. Mit einem großen persönlichen Opfer hat er es bezeugt. Ich möchte deutlicher werden: Er war nicht älter als drei oder vier Jahre. Er konnte noch kaum seinen Namen sagen. Er war mir nicht bekannt. Ich konnte mich nicht erinnern, ihn jemals gesehen zu haben. Auch seine Eltern hatte ich nie getroffen.
Das Kind hatte Erwachsene von mir sprechen hören und danach jenen Entschluß gefaßt.«

»Ein kleines Gefäß mit Zucker.«

Was ist das für so viele?

Diese Frage, so zeigt das Evangelium und auch die Geschichte von Mutter Teresa, ist die falsche Frage. Warum? - Weil sie rechnet. Die Liebe aber rechnet nicht.

Die beiden kleinen Jungen geben einfach. Das nennt man Hingabe. Sie rechnen nicht, sondern schenken.

Und die schenkende Liebe ist immer fruchtbar. Das sehen wir im Evangelium überdeutlich: 5000 Männer werden satt, weil dieser kleine Junge sein ALLES gab.

Denn alles ist ein Liebesspiel. In den Worten Pater Pios: Tutto è scherzo d’amore. Alles ist ein Spiel der Liebe. 

Es ist bezeichnend, daß derjenige im heutigen Evangelium, der sein Alles gibt, ein Kind ist. Das erinnert uns an die Worte Jesu (Mt 18,3): Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, werdet ihr nicht in das Himmelreich hineinkommen.

Kinder – wenn sie nicht verzogen sind - fällt es offensichtlich leichter, in das Spiel der Liebe einzutreten. Wir Erwachsenen sind da gefährdeter. Die Weisung Jesu: Werdet wie die Kinder! ergeht nicht umsonst genau da, als die Jünger sich streiten darum, wer im Himmelreich der Größte ist. Vielleicht hätte ein Erwachsener, angesichts der Tausenden von Hungrigen, gesagt: Warum soll ich mein Alles hergeben? Da sind bestimmt andere, die mehr haben als ich, sollen die mal anfangen zu geben.

Doch unser Glück hängt nicht von einem Rangstreit ab, sondern davon, inwiefern wir bereit sind, in das göttliche Spiel der Liebe einzutreten.

Denn was ist das größte Spiel der Liebe?
Es ist das, was weltweit in jeder Stunde gefeiert wird: Die hl. Messe.

Was bringen wir in jede hl. Messe? Brot und Wein. Unser armseliges Leben.

Was ist das für so viele?

Doch Gott verwandelt unsere kleinen Gaben in Sein ALLES, in Seinen Leib und Sein Blut.

Machen wir uns nichts vor: Das, was wir herschenken, ist angesichts der Fülle Gottes, immer nahezu ein Nichts. Und doch – und das ist die unfaßbare gütige Herablassung Gottes uns gegenüber – will ER, daß wir teilhaben am göttlichen Austausch der Liebe. Darum lädt Er uns ein, unsere Gaben zu bringen.

Der kleine Junge des Evanegliums hat es verstanden. Der kleine Junge in der Geschichte Mutter Teresas hat es gleichfalls verstanden. Wenn wir mit ganzem Herzen geben, ohne Hintergedanken, dann gibt es keine zu geringen Gaben. Denn dann sind wir Mit-Arbeiter Gottes, und ER vollendet unsere Hingabe. Er beschenkt uns mit Sich Selbst. 

Grafik: Brotvermehrungskirche in Tabgha, Mosaik: vier Brote und zwei Fische. wiki commons. 

Freitag, 26. Juni 2020

Otello oder das Unbesiegbare



Niemand kommt an der Auseinandersetzung mit dem Bösen vorbei. Und also kann auch der Künstler dieser Auseinandersetzung nicht aus dem Weg gehen.

Bleiben wir bei Verdi.

Verdis radikalste Auseinandersetzung mit dem Bösen erfolgt in einem seiner Spätwerke, Otello.

Nach Shakespeares Vorlage entsteht unter der Hand des Librettisten Boito die präzise Zuspitzung des tödlichen Dramas. Die Gestalt Jagos, des infamen Drahtziehers der Tragödie, wird verschärft dadurch, daß der Librettist die Vorlage Shakespeares strafft und die Gestalt Jagos zusätzlich profiliert, etwa durch die Hinzufügung des berüchtigten gotteslästerlichen Credo des Bösewichts.

Die Perfidie des Bösen findet darüber hinaus eine Steigerung derart, daß Jago zwar die tödlichen Schlingen legt und genüßlich zynisch zuzieht, selbst jedoch dabei im Finstern bleibt, unentdeckt, um desto schurkiger seine Machenschaften voranzutreiben und vor Otello geradezu in der Maske des Redlichen aufzuscheinen.

Eine der gängigen Ausflüchte, wenn es um die tatsächliche Konfrontation mit dem Bösen geht, ist die der Verharmlosung. Gerade weil das Böse, wenn es einem in seiner unverstellten Gewalt entgegentritt, fassungslos macht, neigt man zu dessen Verdrängung, gleichsam um so dem abscheulichen Schock zu entfliehen. Darin kommt zugleich zum Ausdruck, daß das Böse im Grunde genommen nicht zu fassen ist, dementsprechend die Theologie seit je vom mysterium iniquitatis spricht, dem bei aller rationalen Durchdringung  unergründlichen Geheimnis der Bosheit.

Verdi verharmlost nichts. Jagos Dämonie wird schonungslos dargestellt. Und wer dieser Dämonie zuhört, statt sich rigoros von ihr abzuwenden, unterliegt, denn der Raffinesse und Tücke des Bösen ist der harmlose Mensch nicht gewachsen. Otello und Jago ist ein ungleicher Kampf. Der Mohr in seiner Einfalt hat keine Chance gegen den heimtückischen Intriganten. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis Otello, und nicht nur er, am Boden liegt.

So weit, so schlecht.

Aber Verdi läßt es nicht dabei bewenden. Zur Größe Verdis gehört, daß er dem Bösen, trotz all seiner schändlichen Durchsetzungskraft und trotz der Tatsache, daß Jago zuletzt entflieht und also seiner Verurteilung entgeht, nicht dem Bösen das letzte Wort läßt, sondern der Liebe und also dem unbesiegbaren Guten.

Desdemona, Otellos Frau, stirbt durch die Hände ihres hinters Licht geführten eifersüchtigen Gatten. Aber Desdemona bleibt bis zuletzt die treue Gattin - die Gattin, die, bereits sterbend, weiterhin die Liebe lebt, indem sie ihrem Mann, die Schuld auf sich nehmend, verzeiht.

Und selbst Otello, nach dem Verhängnis über seinen tödlichen Betrug aufgeklärt, verharrt nicht im Abgrund des Bösen. Sein letztes Wort ist nicht der Schatten, in dem er liegt (nell’ombra in cui mi giacio...), sondern das bewahrte Wort der Liebe. Und das macht Verdi in einer zärtlichen Eindringlichkeit, die die Unfaßbarkeit des Bösen hinter sich läßt und überwindet, hörbar. Im Leitmotiv der Liebe, dem dreimaligen Kuß – und die Dreimaligkeit unterstreicht die feierliche Endgültigkeit – offenbart Otello sterbend sein Credo. Es ist das dreimalige Alles in Allem: Bitte, Geschenk, Dank, Reue sowie letzte Gabe der Liebe.

Samstag, 14. März 2020

Die Liebe in Zeiten der Epidemie


»Schon mehrmals habe ich Ihnen gegenüber den Gedanken geäußert, daß der zuverlässigste Weg zum Glück nicht der Wunsch ist, glücklich zu sein, als vielmehr das Streben, andere glücklich zu machen. Dazu aber muß man für die Nöte der Menschen ein offenes Ohr haben, sich ihrer annehmen, keine Mühen scheuen, ihnen mit Rat und Tat zur Seite stehen, die Menschen einfach liebhaben. Diese Liebe wird immer stärker, je öfter sie bekundet wird. Sie wirkt wie die Kraft eines Magneten, die nur erhalten bleibt oder noch zunimmt, wenn der Magnet ständig in Gebrauch ist.«

Dr. Friedrich Joseph Haass
(10.08.1780 – 16.08.1853),
der heilige Doktor von Moskau,
in einem Brief an seinen Schützling Nikolaj. 
 
 
 
Grafik: wikicommons

Freitag, 4. Januar 2019

Little Boy

für V. H.
 
Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und eure Wege sind nicht Meine Wege.

Diese berühmte Stelle aus dem Propheten Jesaja (55,8) kommt einem in den Sinn, wenn man über den Film Little boy nachdenkt.

Ein kleiner Junge, der seinen Daddy über alles liebt, kann es nicht fassen, daß dieser geliebte Mensch abberufen wird, weg von der Familie, in den Krieg. Und um diesem schrecklichen Schicksalsschlag zu wehren und seinen Daddy schnellstmöglich wieder zuhause zu haben, beginnt der kleine Pepper zu beten, und dies leidenschaftlich, stürmisch, denn der Kleine nimmt sich die Weisung Jesu zu Herzen: Wenn euer Glaube auch nur so groß ist wie ein Senfkorn, dann werdet ihr zu diesem Berge sagen: Rück von hier nach dort!, und er wird wegrücken. Nichts wird euch unmöglich sein (Mt 17,20).

Wird Little boy erfolgreich sein? Wird sein Gebet die erwarteten Früchte bringen?

Der Inhalt des Films soll hier nicht weiter verraten werden. Nur soviel: Irgendwann versteht man den doppelten Boden des Films. Denn es gibt die Gedanken der Menschen, und es gibt die Gedanken Gottes. Und wie es halt so ist, wenn Menschen denken, dann denken sie zumeist sehr menschlich, und das heißt kleinlich, bisweilen furchtbar kleinlich. Eine Atombombe auf Hiroshima beendet den Krieg im Pazifik. Das legen die Menschen, wenig erleuchtet, als eine Gebetserhörung aus.

Wie anders dagegen die Logik Gottes. Eine Atombombe, dies grauenhafte Werkzeug der Zerstörung, ist nicht im Liebesplan Gottes, wohl aber Auswuchs eines depravierten menschlichen Kalküls. Der Gott der Liebe ist, weil Er der Gott der Liebe ist, der Gott der Zuwendung, der Güte, der Auferbauung. In den Worten Simone Weils (erinnern Sie sich?): «Alle Vorkommnisse unseres Lebens, was immer es sei, ohne Ausnahme, sind Liebeszeichen Gottes. Die Anfänger im Erlernen dieser Sprache glauben, nur einige Worte sagten: Ich liebe dich. Die diese Sprache kennen, wissen, daß alles nur eine einzige Bedeutung hat. Gott hat kein Wort, um Seinen Geschöpfen zu sagen: Ich hasse dich.»

Und es bedarf der wahrhaften Umkehr des Herzens, der biblischen metanoia, was ja wörtlich die Umkehrung der Gesinnung meint, um sich der Logik der Liebe zu nähern und einverstanden zu sein, in die Schule dieser Liebe zu gehen. Dann, erst dann, tritt man ein in die Welt des Gebets und dessen Erhörung. Doch davor liegen zumeist etliche Ent-Täuschungen. Die heilige Kleine Thérèse, die sich selbst den Namen Kleine Thérèse gab, sah diesbezüglich klar. Sie betete: «Mein Gott, mach, daß ich die Dinge sehe, wie sie sind, und daß nichts mir Sand in die Augen streut.»

Wird Pepper erhört?

Ja. Aber anders, als es sich menschliches Rechnen ausrechnet. «Die Liebe», so weiterhin die heilige Kirchenlehrerin Thérèse vom Kinde Jesu, «rechnet nicht.» Wie schwer fällt es freilich dem Erwachsenen, nicht nur dem Neunmalklugen, diese fehlenden Rechnungen gutzuheißen. Nicht zu zählen, sondern zu lieben. Kinder, manchmal auch erwachsene Kinder, können es.

Montag, 24. Dezember 2018

Hodie. Heute


«Alle Vorkommnisse unseres Lebens, was immer es sei, ohne Ausnahme, sind Liebeszeichen Gottes. Die Anfänger im Erlernen dieser Sprache glauben, nur einige Worte sagten: Ich liebe dich. Die diese Sprache kennen, wissen, daß alles nur eine einzige Bedeutung hat. Gott hat kein Wort, um Seinen Geschöpfen zu sagen: Ich hasse dich.»

Simone Weil
(1909 - 1943)

Grafik: Georges de La Tour, Das Neugeborene, wiki commons

Freitag, 26. Oktober 2018

Cis Moll

Faust, in Goethes gleichnamigem Werk, quält sich ab mit der Frage, was denn die Welt im Innersten zusammenhält. Und er scheitert an dieser Frage.

Nach zahllosen Irrungen und Verhängnissen, nach Teufelspakt und bitterem Erwachen findet Faust am Ende des zweiten Teils die erlösende Antwort: Es ist die Liebe, die – was der tragische Held schon im Hohelied des Apostels Paulus hätte nachlesen können – alles trägt und niemals aufhört: Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis; das Unzulängliche, hier wird's Ereignis; das Unbeschreibliche, hier ist's getan; das Ewig-Weibliche zieht uns hinan.

Das Schöne an diesem geheimnisvollen Fazit ist, daß diese Liebe, wenn man nur aufmerksam genug ist, sich wahrnehmen läßt in unendlichen Variationen, Melodien, Verästelungen, Tröstungen und Heiterkeiten.

Ein Beispiel.

Am Ende seines Lebens, gerade mal einunddreißigjährig, kommen Musikanten bei Schubert zusammen und spielen ihm das cis-Moll Quartett, op 131, von Beethoven vor. Es ist Schuberts eigener Wunsch, dieses späte Streichquartett Beethovens zu hören, welches Beethoven selbst ein Jahr vor seinem Tod komponierte.

Daß dieses Werk, wie die späten Streichquartette insgesamt, zu den einsam dastehenden Meisterwerken musikalischer Kunst gehört, wurde oft genug, gerade auch von Musikern, betont. Strawinsky etwa schrieb hinsichtlich dieses Quartetts: »Die am meisten zu Herzen gehende Musik ist für mich der Beginn der Andante moderato – Variation. Seine Stimmung ist mit nichts vergleichbar (…) und seine Intensität wäre, wenn sie auch nur einen Takt länger anhielte, nicht auszuhalten.«

Schubert, der zeit seines Lebens Beethoven liebevoll verehrt, der oft genug sich überkritisch zermürbt im Gedanken, ob überhaupt jemand nach Beethoven noch etwas zuwege zu bringen vermag, hört das Quartett und ist begeistert, entzückt, ergriffen.

Fünf Tage später ist Schubert tot.

Der Musikwissenschaftler Ludwig Nohl notiert: »Das cis-Moll-Quartett war die letzte Musik, die er gehört!« Und weiter: »Dem Liederkönig hatte der König der Harmonie die Hand freundlich zur Überfahrt geboten.«

Denn die Liebe hört niemals auf, und auch der Tod setzt der Liebe keine Schranken.

Donnerstag, 15. Februar 2018

Der Schlüssel


»Einem anderen Menschen behilflich sein, daß er Gott liebe, heißt ihn lieben. Von einem anderen Menschen darin unterstützt werden, daß man Gott liebe, heißt geliebt werden.«

Sören Kierkegaard


Grafik:    Photo by Matt Artz on Unsplash

Freitag, 9. Februar 2018

Die Liebe, die wartet


Nehmen wir drei Meisterwerke.

Jane Austen: Stolz und Vorurteil. Adalbert Stifter: Der Nachsommer. Lew Tolstoi: Krieg und Frieden.

Was verbindet diese drei Meisterwerke?

Da es Meisterwerke sind, handeln sie, wie könnte es anders sein, von der Liebe. Denn die Liebe ist immer wieder und stets aufs Neue das herausragende Thema in den großen Werken der Weltliteratur. Und da stellt man nun fest, daß die Werke, die das Prädikat groß verdienen, die Liebe einmütig unter ein sehr konkretes Vorzeichen stellen, und das lautet: Die Liebe wartet.

Wie bitte? Warten?

Der moderne Zeitgenosse traut seinen Ohren nicht. Schließlich wird ihm genau das Gegenteil eingeredet. Alles muß schnell gehen. Nach dem ersten flüchtigen Kennenlernen kommt es sogleich zum Akt. Von Warten keine Spur. Der Wartende wird vielmehr als der Dumme dargestellt.

Wie meilenweit entfernt von dieser zerstörerischen Kurzsichtigkeit ist die große Kunst. Naturgemäß weiß auch sie um die Verführung zum schnellen Genuß. Sie weiß, daß zumal der junge Mensch sich schwer tut mit dem Warten und der Geduld. Daß die Verlockung der raschen Eroberung fortwährend lauert. Daß das Ungestüme den jungen Aufgewühlten hin und her reißt.

Aber die großen Meisterwerke sind ehrlich. Sie zeigen den rechten Weg. Gleich ob Austen, Stifter oder Tolstoi: Gezeigt wird, daß die Liebe deswegen zu warten hat, weil die Liebe reinigungsbedürftig ist. Die Liebe am Anfang ist bestenfalls Verliebtheit, jedenfalls nicht die Liebe, der es einzig zusteht, den hohen Namen der Liebe für sich beanspruchen zu dürfen. Vorurteile, falsche Sichtweisen, Irrtümer, Verblendungen, Stolz, Ungestümtheit und etliche andere Tücken umlagern denjenigen und diejenige, die sich auf den Weg der Liebe begeben.

Und nur der, der bereit ist, in einem schmerzlichen Prozeß der Reinigung und Reifung sich wandeln zu lassen von seinen selbstsüchtigen Verblendungen, wird schließlich gewürdigt, bei der tatsächlichen Liebe anzukommen.

Elisabeth Bennet, die Lieblingsheldin Austens, hat viel zu lernen. Und ihr zukünftiger Gemahl desgleichen. Ihre zunehmende Annäherung geht Hand in Hand mit einer Selbsterkenntnis, die mehr ist als ein nettes Geplänkel, die vielmehr echtes Hineinführen in die Wahrheit ist, und das heißt oft genug in die bittere Wahrheit, die das Verkehrte und Egoistische im eigenen Verhalten bloßlegt.

Paare, welche das Glück an sich reißen im schnellen, voreiligen Zugriff oder aus verletzter Eigenliebe das Gegebene falsch bewerten, sind nicht zu bewundern, sondern werden als das bezeichnet, was sie in Wirklichkeit sind: töricht. Sie verstehen nicht die Kunst des Lebens und der Liebe.

Der Preis, der für das schnelle, gierige Ansichreißen oder für ein allzu stürmisches Zerschlagen eines liebenden Beginns zu bezahlen ist, ist oft genug schneidend bis ins Mark. Der Nachsommer spricht darüber in verhaltener, stets präsenter Entsagung.

Auch die leidenschaftliche, blutjunge Natascha in Tolstois Werk, ebenso wie ihr Freund Pierre, muß bittere Lektionen lernen, bis sie versteht, daß die Liebe ein Werk ist, ein Kunstwerk, und zu einem Kunstwerk gehört die unsägliche Geduld des Bauens, des Reifens und des rechten Maßes.

Und auch dies verbindet die Meisterwerke: Die wahren Liebenden, dessen sind sich die großen Dichter einig, werden einander finden. Sie erkennen sich untrüglich. Es mag viele Widerstände geben, die zu überwinden sind, viele Mißverständnisse, die den gemeinsamen Weg blockieren, viele Schmerzen, die in die eigene Haut schneiden. Und dennoch. Entscheidend bleibt der Wille der Beginnenden zur Wahrheit. Wo dieser Wille wirkt, werden die Liebenden sich finden, und sei es selbst nach Verlust und langem Abstand.

Elisabeth Bennet und Sir Darcy werden ein glückliches Paar. Freiherr von Risach und Mathilde erleben, wenn auch keine Ehe, so doch die neue Nähe und den rosengeschwängerten, reifen Nachsommer. Und da sie im Leiden wahrhaft gereift sind, vermögen sie die liebevollen Begleiter des jungen Paares Heinrich und Natalie zu sein. Natascha und Pierre schließlich sagen, nach etlichen Abschieden und Bekehrungen, ja.

Warten. Reifen. Lieben. In der Wahrheit. »Denn nur die Wahrheit, die erbaut, ist Wahrheit für dich« (Kierkegaard).

Grafik:    Von Foto H.-P.Haack, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=11628626

Freitag, 12. Januar 2018

Freitags


R., ein Freund seit Kindertagen, erzählte mir folgendes:

»Es ist bereits Jahre her, als ich einen älteren Priester in ein Kloster in Bayern brachte, wo besagter Priester eine Woche lang sich ausruhen wollte. Ich war lediglich der Chauffeur, kam allerdings durch diese Tätigkeit in den Vorzug, selbst in dem berühmten Kloster eine Woche lang wohnen zu dürfen.

Jeden Tag dieser Woche nahm ich in der Frühe an der heiligen Messe in der kleinen Kapelle des Klosters teil. Wir waren nur wenige Gläubige in der Frühmesse. Jeden Tag war eine alte Frau unter den Meßbesuchern, die von Anfang an meine Aufmerksamkeit auf sich zog. Nicht, als sei sie sehr auffällig gewesen oder hätte sich durch irgendein besonderes Gehabe hervorgetan. Eher das Gegenteil war der Fall. Die Unscheinbarkeit dieser alten Frau war das Beeindruckende. Ihre Kleinheit. Ihr nahezu Verschwinden.

Am Freitag (am nächsten Tag würden wir abreisen), als ich die Kapelle verließ und beim Hinausgehen mit der alten Frau zusammenkam, sagte diese zu mir, ob ich sie nach Hause begleiten wolle. Ich sagte ja.

Sie wohnte in der unmittelbaren Nähe des Klosters, gleichsam an der äußeren Klostermauer. Die Wohnung war, wie ich mir Wohnungen von alten russischen Mütterchen vorgestellt hätte. Tatsächlich war die alte Frau eine vertriebene Wolgadeutsche, die seit Jahrzehnten ihre Bleibe in der bescheidenen Wohnung in Klosternähe gefunden hatte.

Der kleine Raum, in dem sie sich aufhielt und offensichtlich auch schlief, war mit wenigen Möbeln ausgestattet. In der Mitte des Zimmers war, mit einem teppichartigen Überwurf versehen, eine Art Sofa, welches zugleich als Bettstatt diente. Und überall, auf einem kleinen Tischchen oder auf einer Ablage oder an den Wänden oder auf einem Stuhl, waren Heiligenbilder und Ikonen und fromme Andachtsgegenstände.

Dies war ihr Reich. Ich stellte mir vor, wie sie hier betete, Tag und Nacht. Ich glaube nicht, daß sie viele Besucher empfing. Wie anspruchslos sie war, ging mir durch den Kopf. Wie armselig. Sie war umgeben von ihren Freunden, den Heiligen. Sie kannte sie alle, davon war ich überzeugt. Sie umgaben sie, liebevoll, schützend, schweigend, sprechend. Und nachts lag sie gewiß stundenlang wach und betete in ihrem Gebetbuch und ihren vielen Gebetszetteln.

Als ich ging, reichte sie mir einen Geldschein. Ich wollte ablehnen, aber sie wollte es so.

Vielleicht, so dachte ich, als ich den Weg ins Kloster zurückging, gehört sie zu den Gerechten, welche die Welt zusammenhalten. Sie war eine Matrjona, wie die Matrjona, von der Solschenizyn in seiner wunderbaren Erzählung geschrieben hatte …

Ich habe die alte Frau nie mehr wiedergesehen. Aber ich weiß, wir werden uns wiedersehen,« so R., der Freund, »natürlich.«

Grafik:    Photo by IV Horton on Unsplash