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Samstag, 5. Dezember 2020

Die fehlenden Fenster


Vermutlich kennen Sie die Geschichte?

Eines Tages beschließen die Schildbürger ein Rathaus zu bauen. Der Schweinehirt überzeugt die Versammelten, daß es ein besonderes Rathaus werden muß, eine architektonische Besonderheit. Gesagt, getan.

Schon geht man ans Werk, man mißt, man plant, man baut, und Wochen später steht das neue Rathaus in seiner ganzen Pracht da. Und naturgemäß muß ein solches Rathaus gebührend eingeweiht werden. Mit den entsprechenden Honoratioren und mit allem, was Rang und Namen hat.

Gesagt, getan. Beim Einweihungsfest will verständlicherweise jeder in das neue Rathaus, um dessen Wunder zu bestaunen. Ein Gedränge herrscht, aber auch ein Gepolter. Gepolter? Ja, Gepolter. Denn die hineingehen, treten anderen, die bereits drinnen sind, auf die Füße, oder stolpern, oder fallen gar und stürzen, so daß sie froh sind, wenn sie wieder im Freien sind. Was aber die Draußenstehenden nicht davon abhält, selbst nach drinnen zu gehen. Bis auch sie mit Beulen, Schrammen und hinkend das neue Rathaus hinter sich lassen.

Der schlaue Schneider weiß endlich, was los ist. Woher all die Beulen und Blessuren und blauen Flecken? Woher das Kopfanstoßen und die zerschundenen Gesichter? Im neuen Rathaus… im neuen Rathaus… man sagt es ungern, aber es muß gesagt werden: Im neuen Rathaus ist es stockfinster.

Wie das?

Man kann es drehen und wenden, wie man will. Am Ende bleibt nur die bittere Wahrheit: Es fehlen die Fenster. Es fehlt das Licht!

Wie bitte?

Tja. Was soll man sagen? Man lernt nie aus. Und neulich sagte tatsächlich jemand, die Rathausgeschichte sei womöglich eine Adventsgeschichte. Kann das sein? Gibt es ein schlaues Schneiderlein, welches um die Antwort weiß?

Grafik: nomevisualizzato/pixabay.com


Freitag, 27. Dezember 2019

Das Licht III


      »Gott ist Licht und keine Finsternis ist in Ihm« 

(1 Joh 1,5)



 Grafik: El Greco, Geburt Christi. wikicommons

Mittwoch, 25. Dezember 2019

Das Licht II

Der englische Journalist Malcolm Muggeridge war einer der ersten, der mit Mutter Teresa längere Interviews führte, einen Film über sie drehte und eine Art Biographie über sie verfaßte. Eine Art Biographie - denn sie selbst lehnte es ab, in den Vordergrund gerückt zu werden. Das Werk der Missionarinnen der Nächstenliebe war schließlich Sein, Jesu, Werk. Sie, Mutter Teresa und ihre Mitschwestern, waren die Werkzeuge im Plan Gottes. Nicht die Hauptakteure.

Im Original lautet das kleine Büchlein aus der Feder Muggeridges: Something Beautiful for God  (Etwas Schönes für den Lieben Gott). Und tatsächlich ist das kleine Buch genau das geworden: Ein Zeugnis mit schönen, einfachen, herrlichen Gottesgeschichten.

So erzählt Muggeridge etwa diese wunderbare Begebenheit:

Sein Team dreht im sogenannten Sterbehaus der Schwestern. Das Gebäude, ein ehemaliger hinduistischer Tempel, ist nur schwach erleuchtet, winzige Fenster in der Höhe spenden ein spärliches Licht. Die Drehbedingungen sind also denkbar ungünstig, der Raum, wo die Sterbenden, welche von den Schwestern aus den Rinnsteinen Kalkuttas aufgelesen werden, eine letzte würdevolle Heimstatt finden, ist, so Ken, der professionelle Kameramann, fürs Filmen eigentlich unmöglich. Gleichwohl, man versucht‘s.

Um jedoch auf Nummer sicher zu gehen – falls die Aufnahmen nichts werden – dreht man auch noch im Außenhof, wo die Sonne scheint.

Die Überraschung geschieht, als der Film entwickelt wird. Muggeridge wörtlich: »Ich persönlich bin davon überzeugt, daß Ken das erste echte photographische Wunder aufgezeichnet hat.«

Was ist geschehen?

Der entwickelte Film zeigt das Sterbehaus, welches, entgegen allen Erwartungen, in einem wunderbaren milden Licht erstrahlt. »Ken«, so Muggeridge, »hat die ganze Zeit darauf bestanden, daß das Ergebnis, technisch gesehen, unmöglich sei. Als Beweis benutzte er bei einer nächsten Filmexpedition – in den Nahen Osten – das gleiche Material in ähnlich schwacher Beleuchtung, mit völlig negativem Ergebnis.«

Und der gestandene Journalist Muggeridge liefert die Erklärung des Unerklärlichen, die dem einleuchtet, der weiß, daß es mehr Dinge zwischen Himmel und Erde gibt, als es sich  Schulweisheit träumen läßt: »Mutter Teresas Heim für Sterbende fließt über von Liebe, wie man unmittelbar nach dem Betreten spürt. Diese Liebe leuchtet wie die Heiligenscheine, die Künstler rund um die Köpfe von Heiligen gesehen und sichtbar gemacht haben. Ich finde es gar nicht überraschend, daß dieses Leuchten auf einem photographischen Film erscheint.«   

Wie heißt es im Weihnachtsevangelium am Christtag: Und das Licht leuchtet in der Finsternis (Johannesprolog 1,5).

Freitag, 20. Dezember 2019

Das Licht I

Für A. de S.-M.

Eine aufgelassene Therme. Steine. Pfützen. Ausgestorbenes Gelände.

Es ist die letzte, lange Szene in Tarkowskis Film Nostalghia.

Andrei, der Schriftsteller auf der Suche nach der wahren Heimat, ist auf seinem letzten Gang. Er hat das rauhe, mit Pfützen durchsetzte Becken des Bagno Vignoni, welches der heiligen Katharina von Siena geweiht ist, zu durchqueren. Und er hat dies zu tun mit einer brennenden Kerze in der Hand.

Andrei entzündet die Kerze  und beginnt den Gang. Es ist kein leichter Gang, kein müheloses Gehen. Jeder Schritt ist eine Anstrengung, denn es gilt, den Weg zu finden und zugleich das verwundbare Licht zu schützen.

Der erste Gang scheitert. Denn das Licht in Andreis Händen erlischt.

Er geht zurück zum Beckenrand, an den Anfang, und beginnt ein zweites Mal. Diesmal kommt er weiter. Doch auch diesmal, obgleich er mit seinem Mantel das Licht zu schützen sucht, verlischt der Schein im Wind.

Wieder zurück. Wieder gehen. Ein drittes Mal. Es ist die letzte Anstrengung. Es geht um tatsächlich Alles. Es ist die Frage der Fragen: Wird es gelingen, dieses kleine Licht durch die Wüste der aufgelassenen Therme zu tragen, durch die Steine, durch die Wasserpfützen, in den rettenden Aufgang?

Mit letzter Kraft geht Andrei vorwärts. Es ist das dritte Mal. Und Andrei kommt an im Hafen der Unendlichkeit. Das Licht brennt. Andrei schafft es, die kleine Kerze mit dem kleinen Licht in Sicherheit zu bringen. Seine Hände haben nicht versagt. Seine Hände… Und eine Musik ertönt, sehr leise: Requiem...  et lux... Es sind die verhauchenden Töne des Verdischen Requiems, unter denen Andrei zusammenbricht.

Et lux perpetua.

Samstag, 15. September 2018

Es gibt


»Es gibt Licht genug für die, welche nichts anderes wollen als sehen,
und Dunkelheit genug für die, welche eine entgegengesetzte Veranlagung haben.«

Blaise Pascal


Grafik: Photo by Janus Y on Unsplash

Freitag, 7. September 2018

Der Nachbar III


Mein Nachbar schwieg. Auf seinem Gesicht war keine Verbitterung, ich glaubte ein grenzenloses Erbarmen zu erkennen, das sich in einem angedeuteten Lächeln ausdrückte, welches mehr sagte als Kommentare und Zurechtweisungen. »Ich kürze ab«, nahm er die Rede wieder auf, »wozu Ihnen Wiederholungen des Immergleichen zumuten. Vielleicht ein Letztes. Der Magistratsbehörde hatte ich meine neue Sicht der Dinge mitgeteilt und gleichfalls um eine Arbeitsbewilligungsmaßnahme angesucht. Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten. Ich könnte Sie Ihnen heraussuchen und zeigen, irgendwo habe ich sie in einer Schublade aufbewahrt. Mir wurde mitgeteilt, daß ich mich entscheiden müsse. Entweder ich sei blind geboren, dann hieße das, ich sei blind geboren, oder aber ich sei ein mit Sehkraft Ausgestatteter wie die überwiegende Mehrzahl der Staatsbürger und Staatsbürgerinnen auch, dann hieße das, daß ich seit Jahrzehnten die Magistratsbehörde betrogen und hinters Licht geführt hätte, was zu meinen Gunsten niemand annehmen wolle, zumal ja in meinem Aktenmaterial Gutachten von staatlich anerkannten Ärzten die Tatsächlichkeit meiner fehlenden Sehkraft schwarz auf weiß attestieren würden. Ich könnte, wie gesagt, die Geschichte meiner Ausstoßung weiter ausführen, aber lassen wir es genug sein. Die Blindenpension, die mir seit Jahren gewährt wurde, wurde mir weiterhin gewährt. Meine Arbeit in der Blindenwerkstatt beendete ich. Durch eine Erbschaft meiner Tante mütterlicherseits, zusätzlich zu der bescheidenen Rente, war ich in der Lage, meinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Ich wäre in der ersten Zeit meiner Konversion vielleicht gescheitert, wäre mir nicht die Begegnung zuteil geworden, die meine Sehkraft für immer besiegelte. Das geschah folgendermaßen. Noch während de Winters, Ende Fever, und zwar am Rosenmontag, als in der Stadt der Karnevalsumzug durch die Hauptstraßen zog, war ich, der ich ignoriert hatte, daß es Rosenmontag war, vor den maskierten Gestalten und schreienden Auswüchsen in den auf meinem Weg liegenden Dom geflüchtet und dort, aus welchen Gründen immer, vielleicht um gänzlich abgeschnitten zu sein von dem Lärm, der bis in die hohe Halle des Domes drang, weitergegangen in die tiefer gelegene Krypta, wo ich zur Anbetungskapelle fand. Hier blieb ich, denn das Antlitz, das ich traf, hatte seit je auf mich gewartet, so als hätte ich immer schon gebetet: Verbirg dein Antlitz nicht vor mir, so daß ich blieb, bis der Kustos bei einfallender Dämmerung die Türen verschloß. Und seit jenem Tage gehörte der Gang zur Krypta zu meinen täglichen geliebten Gängen.«

Ich erinnerte mich plötzlich. Einmal (wann war es gewesen?) hatte ich ihn im Hohen Dom gesehen. Ich war in den Dom gegangen, weil mich (ähnlich ihm) das Treiben in der Stadt, wo ich zur Buchhandlung war, ermüdet hatte, und der Dom war mir, wie ihm, die Zufluchtsstätte gewesen vor dem Lärm und der Zerstreuung. Ich war hinuntergestiegen in die Krypta des Domes, denn ich wußte, daß dort das Allerheiligste ausgesetzt war. Ich stieg die Stufen hinab, durchquerte einen Raum mit uralten Sarkophagen und betrat schließlich die Anbetungskapelle. Ein zweiter Beter war in der Kapelle, Ich hatte ihn nicht weiter beachtet. Ich kam mit meinen Gedanken und meinen Sorgen und brachte mein Leben dem Herrn. Aber irgendwann wendete ich meinen Blick zur Linken. Vielleicht war es deswegen, weil ich, der ich unruhig war und unfähig, still in meiner Bank zu knien, womöglich davon betroffen war, daß der zweite Beter in der Kapelle in äußerster Bewegungslosigkeit und Stille verharrte. Ich schaute zu ihm hinüber. Erst jetzt erkannte ich, daß der zweite Beter mein Nachbar war. Er bemerkte mich nicht, denn offensichtlich, was auch ein weniger Geschulter leichthin hätte feststellen können, war er versunken in die heilige Anwesenheit, die sich ihm darbot. Es ist nichts Mystisches, dachte ich mir, so erinnere ich mich. Es war, und dies war das Bestürzende für mich, die äußerste Selbstverständlichkeit, die ich erlebte. Die Versenkung des Nachbarn war nicht das Außergewöhnliche, sondern das Gewöhnliche. Er lebte den Alltag, nur das, aber dieser Alltag, hier unten im Steingemäuer der Krypta, verlangte seine ganze Zeugenschaft. Er war nicht abwesend, wie man vielleicht denken könnte, wenn man von Versenkung reden hört, er war vielmehr der wirklich Anwesende in der Kapelle, weil er sich von dem Ersten Anwesenden, dem ausgesetzten Herrn, mit hineinnehmen ließ in die nackte Gegenwart.

»Die Anbetung vollendete mein Sehen«, so er. »Hier erhielt ich meine Sendung. Denn nachdem ich bereits monatelang auf meinem Platz in der Kapelle niedergekniet war, hörte ich eines Tages die Worte: Geh in die Lokale. Ich verstand erst nach und nach. Und ich gehorchte. Hatte ich nicht selbst immer wieder nach Möglichkeiten gesucht, meine Erfahrung zu bezeugen? Aber hatte ich nicht immer wieder auch die Erfahrung gemacht, daß meine Geschichte verworfen wurde? Einem Verlag, dem ich meine Geschichte unter dem Titel Das Antlitz in einem Manuskript mitgeteilt hatte, schrieb zurück, es sei als Roman zu schlecht erfunden und als Tatsachenbericht zu erfinderisch. Und doch hatte ich zeugen wollen. Aber wie? Die Antwort war einfach, wie letztlich alles sehr einfach ist. Die Sterneckstraße liegt in der Nähe des Bahnhofsgeländes. Dort reiht sich Amüsierlokal an Amüsierlokal, Bierlokal an Bierlokal. Wenn es sehr später Abend wurde, machte ich mich auf den Weg. Ich suchte die Lokale auf, nahm am Tresen oder an einem der Tische Platz und wartete auf das Weitere. Hier, in Räumen, wo der Lärm oft unerträglich war, wo die Luft zum Ersticken war, wo die Räume selbst im Grunde Gefängnisse waren, gab ich Zeugnis. Fremde setzten sich an meinen Tisch und wir kamen ins Gespräch. Andere Fremde luden mich auf ein Bier ein, und wir sprachen miteinander. Es konnte auch sein, daß ich einen ganzen Abend und eine ganze Nacht lang nichts sprach und somit der stille, sehende, unwiderrufliche Zeuge war. Es sind jetzt drei Jahre her, daß ich meine nächtlichen Gänge aufnahm, es begann am 14. September. Der Rhythmus ist unverändert geblieben seitdem. Aus der Anbetung gehe ich in die Dunkelheit. Ich gehe in der Dunkelheit los, ich gehe in die Dunkelheit hinein, und wenn der Morgen anbricht kehre ich in meine Wohnung zurück. Gestern sagte ich einem Dreiundzwanzigjährigen, der sich in dem Tanzlokal, dessen Wände allesamt mit schwarzer Lackfolie ausgekleidet sind, an meinen Tisch setzte: Unsere Heimat ist im Himmel, und der Dreiundzwanzigjährige begann zu weinen.«

Ich habe meinen Nachbarn die folgenden Monate nur selten gesehen, mal bei einer zufälligen Begegnung in der Stadt, mal im Haus. Wir wechselten jedes Mal ein paar Worte, aber es kam nie zu einem ausführlichen Gespräch. Ich hatte den Eindruck, er versteht mich und ich verstehe ihn. Es war im April des darauffolgenden Jahres (April the cruellest month), einem Karsamstag, als es an meiner Wohnungstüre klingelte und ein mir Unbekannter mir ein Paket überreichte mit den Worten, dies sei von meinem Nachbarn, an mich adressiert, und hiermit würde es mir übergeben. Auf mein Unverständnis und Nachfragen hin erfuhr ich folgendes: Mein Nachbar war in der Frühe des Dienstags gestorben. In der Nacht zuvor war er auf dem Nachhauseweg in der Nähe des Bahnhofs von einem betrunkenen Wagenlenker angefahren worden und Stunden später im Spital an seinen inneren Blutungen verstorben. Das Paket, das an mich adressiert war, aber nicht aufgegeben worden war, hatte mich dennoch erreicht, denn, wenn ich mich recht erinnere, war es der Cousin des Verstorbenen, der die Wohnung meines Nachbarn auflöste, der das Paket bei den Aufräumarbeiten gefunden und zu mir gebracht hatte. Ich bedankte mich, stammelte ein paar Worte und zog mich in mein Zimmer zurück. Es war furchtbar still. Ich tat nichts, ich saß einfach in meinem Sessel. Als ich die Kordel, die das Paket einschnürte, löste, schien es mir, als würde ich Schnüre lösen, die zu einer Unendlichkeit gehörten und die in der Unendlichkeit geknüpft worden waren. Das Paket enthielt drei Dinge. Obenauf lag eine Photographie. Sie zeigte meinen Nachbarn, an einem Sommertag. Er schaute mich, den Betrachter an. Ich habe nie geradere Augen gesehen. Unter der Photographie befanden sich vier CD’s. Auf jeder einzelnen stand geschrieben: Das Johannesevangelium, dann folgten unterschiedliche Kapitel- und Verszählungen. Ich nahm die CD’s in meine Hände. Die Tränen liefen mir die Wangen hinab. Bei unserer Begegnung in seinem Zimmer, damals, im September, hatte mein Nachbar, als er mich ins Vorhaus brachte, wo wir uns verabschiedeten, zum Schluß, bevor er die Türe hinter mir schloß, noch gesagt: »Das Licht leuchtet in der Finsternis, nicht wahr.« Ich hatte ja gesagt, dann war ich weiter, die Stiegen hoch, in mein Zimmer. Und ich nahm den dritten Gegenstand aus dem Paket. Er war in Zeitungspapier eingewickelt. Es war sein Mauskript, sein abgelehntes Manuskript. Es ging auf Mittag zu. Von ferne hörte man die hölzernen Klappern. Ich begann zu lesen. »Mein Nachbar. Wir waren uns auf der Treppe begegnet, wie schon viele Male in den letzten Jahren, aber nie war es zu einem näheren Kontakt gekommen… «

Samstag, 1. September 2018

Der Nachbar II

»Es war an Weihnachten«, so mein Nachbar, »vor drei Jahren. Eine meiner Bekannten hatte mir vier CD’s geschenkt, aber nicht gesagt, worum es sich bei den Aufnahmen handelte. Sie hatte nur gesagt, ich solle sie mir anhören, es sei eine Überraschung. Ich hatte das Geschenk angenommen und dann zur Seite gelegt, ich hätte es mehr oder weniger vergessen, wenn nicht acht Tage später, es war am Neujahrstag, eine große Langeweile mich überfallen hätte. Alles ödete mich an. Mein Zimmer, die Stadt, die Leute, die Welt. Alles war schrecklich bekannt, nichts Neues weit und breit, immer derselbe Prozeß, der sich zwar neue Namen gab, aber unter jedem Namen kam, wenn der Lack abblätterte, die altbekannte nichtssagende Monotonie zum Vorschein, die ihrerseits, wenn ich ehrlich war,  die verlogene Vokabel war für einen Befund, der als korrekte Diagnose den Begriff der Verzweiflung verdient gehabt hätte. In diesem Stadium fiel mir ein, daß ich irgendwo etwas hingelegt hatte, das ich an Weihnachten bekommen und nicht ausgepackt hatte. Ich suchte nach den CD’s und legte die erste in das Abspielgerät. Ich weiß die Stunde, da es war, es war früher Nachmittag, am ersten Jänner, um fünfzehn Uhr. Ich erwartete Musik, irgend etwas, ich rechnete nicht mit dem, was folgte. Nach einer längeren Stille begann eine Stimme. Sie setzte unmittelbar ein, ohne Erklärung, ohne Einleitung, ohne jedwede Vorbemerkung, da sie offensichtlich überzeugt war, daß das, was sie vortrug, genügte. Ich hätte das Gerät ausschalten können, ich hätte mich hinlegen und den ganzen Nachmittag schlafen können, auf der Liege oder in meinem Bett. Ich hätte irgend jemanden anrufen können. Ich hätte irgend etwas anderes machen können. Aber ich blieb und hörte zu. Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott. Im Anfang war es bei Gott. Alles ist durch das Wort geworden, und ohne das Wort wurde nichts, was geworden ist. In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen. Und das Licht leuchtet in der Finsternis, und die Finsternis hat es nicht erfaßt. Es gab nichts zu erwidern. Alles, was ich hörte, war wahr. Ich hörte und hörte. Die Worte waren Wasser. Ich trank und trank. Ich hatte wenige Minuten vorher nicht gewußt, welchen Durst ich hatte. Jetzt trank ich, die Worte drangen in mich ein, ich spürte sie in meinem Mund, in meiner Kehle, in meiner Speiseröhre. Ich roch ihren Duft, sie dufteten wie frisch gemähtes Heu und mein Durst entzündete gleichsam das Heu und es loderte in mir. Das Wort war unaufhaltsam. Es fiel auf trockenen Boden, auf rissige Erde, und es schaffte die Erde neu. Es war mein Zimmer, hier, in der Sterneckstraße, es war der erste Jänner, es war das Geschenk der Bekannten, das ich hörte, und meine Erde wurde neu geschaffen. Hatte ich mit geschlossenen Augen zugehört? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur dies: Ich hörte die Stimme und die Stimme sagte: Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt, und wir haben seine Herrlichkeit gesehen, und ich sah. Ich sah die Herrlichkeit dieses Nachmittags. Ich sah mein Fenster, das auf die gegenüberliegende Hauswand blickt, ich sah diesen Sessel und meine Hände und das Abspielgerät und das Licht dieses Nachmittags, das den Schnee auf den Fenstersimsen der gegenüberliegenden Häuserwand funkeln ließ. Kein Zweifel war möglich. Das Wort, das ich gehört hatte, hatte meine Augen geöffnet. Ich blieb still. Ich hörte staunend dem Wort weiter zu. Seht das Lamm Gottes, hörte ich. Ich hörte: Am dritten Tag fand in Kana in Galiläa eine Hochzeit statt, und die Mutter Jesu war dabei. Ich hörte: Er, der von oben kommt, steht über allen. Er, der aus dem Himmel kommt, steht über allen. Was er gesehen und gehört hat, bezeugt er, doch niemand nimmt sein Zeugnis an. Und ich rief: Ich nehme dein Zeugnis an, ich nehme dein Zeugnis an. Und ich hörte immer zu: Da fragten sie ihn: Wie sind deine Augen geöffnet worden?, und die Tränen liefen mir die Wangen hinab.«

Er sprach nicht von Vergangenem. Ich sah mein Gegenüber und sah die Tränen in seinen Augen schimmern. Ich sah seine ganze Freude und seine ganze Wehmut. Er sagte: »Ich bin ein Sünder. Schau«, und er schwieg. Dann sagte er:

»Am nächsten Tag ging ich zu meinem Augenarzt. Er machte auf mein Drängen hin einen Sehtest mit mir. Ich erkannte die Buchstaben und die Zahlen. Der Sehtest bestätigte, was ich bereits wußte. Der Jubel in mir war unbeschreiblich. Der Arzt sagte wenig. ‚Sie sehen’, sagte er. Dann sagte er, bezugnehmend auf meine Erfahrung vom Vortrag, die ich ihm in kurzen Worten während des Sehtests erzählt hatte: ‚Aber man wird Ihnen nicht glauben. Wir Menschen sind halt so, Sie dürfen uns keine Vorwürfe machen. Nicht jeder ist ein Mediziner und hat Geräte zur Verfügung, um mit Ihnen einen Sehtest zu veranstalten. Ich rate Ihnen, unauffällig weiter durch das Leben zu gehen. Freuen Sie sich über Ihre Besserung, aber behalten Sie sie für sich.’ ‚Ich kann sie nicht für mich behalten’, erwiderte ich. Aber er streckte bereits seine Hand zu mir hin, denn der nächste Patient im zweiten Ordinationszimmer wartete. Ich verließ die Arztpraxis und stand draußen, wo ab und an Schneeflocken aus der Höhe fielen. Zugleich mit dem Geschenk des Augenlichts hatte ich das Geschenk der Einsicht erhalten. Obwohl ich bislang nie Schnee gesehen hatte, wußte ich, dies ist Schnee. Und ich wußte auch alles andere: Daß dies eine Straßenbahn ist, und dies die Farbe rot, und dies der Himmel. Ich ging zu meinem Vater. Meine Mutter war vor vier Jahren gestorben, mein Vater lebte allein in seinem weiten Haus. Die Einsamkeit erdrückte ihn täglich, seine Gedanken kreisten um das immer selbe: Warum war er zurückgeblieben, während seine Gattin davongegangen war? Wir saßen im Wohnzimmer. Er erzählte Nebensächlichkeiten, die sein Leben waren. Ich versuchte, ihm zu erzählen, was mir passiert war. Es bedurfte mehrerer Anläufe. Er hörte zu, aber es kam mir vor, als hörte er einer fremden Geschichte zu, nicht der Geschichte seines Sohnes. Ich hätte einen Ausbruch der Freude erwartet, einen Umschwung, ein Ich-weiß-nicht-was, aber es blieb alles beim Alten. Als ich zu Ende erzählt hatte, war eine Pause, dann stand er auf und sagte, er müsse noch zum Friedhof. Er ging in das Vorhaus, wo sein Gewand hing. Ich begleitete ihn auf die Straße und die wenigen Schritte bis zur Kreuzung. Dann trennten wir uns.« (Fortsetzung folgt)

Samstag, 25. August 2018

Der Nachbar I

Photographie, griech. Lichtbild. (Duden)


»Ich bin«, so mein Nachbar, »von Geburt an blind gewesen.«

Wir waren uns auf der Treppe begegnet, wie schon viele Male in den letzten Jahren, aber nie war es zu einem näheren Kontakt gekommen. Wir hatten einander gegrüßt, vielleicht zwei, drei Sätze gewechselt, das Übliche, aber dann war jeder seiner Wege gegangen. Ich weiß nicht, was es gewesen ist, daß uns diesmal zusammengeführt hat, anders als die anderen Male.

Wir standen eine Weile auf dem Stiegenabsatz. Ich hätte das nächste Stockwerk höher gehen können, um sogleich in meiner Wohnung zu verschwinden, aber ich blieb stehen. Er sagte: »Warum gehen wir nicht auf einen Kaffee?« Ich war einverstanden. Ich folgte ihm in seine bescheidene Wohnung. Er wies mir einen Platz in einem kleinen Zimmer, dann machte er sich in der Küche zu schaffen, um nach wenigen Minuten zurückzukehren und den Kaffee zu servieren. Alles war sehr einfach, schlicht, die Einfachheit an einem einfachen Septembernachmittag. Auch unser Gespräch war einfach. Er erzählte, aber es war nicht die Neugier, die er befriedigte. Er erzählte vielmehr so, wie einer, der ein notwendiges Wissen, das ihm geschenkt worden ist, weitergibt an einen anderen, nicht deswegen, weil er mit seinem Wissen glänzen will, sondern weil jetzt die Zeit zur Weitergabe ist und diese Zeit zu nutzen ist. Ein anderer hätte Scham gehabt oder Hemmung, aber an diesem einfachen Nachmittag lagen alle Dinge im klaren Licht des Nachsommers, nichts war belastend, nichts traurig machend. Ich hörte zu, ich war der Beschenkte.

»Die Schwangerschaft meiner Mutter war regulär verlaufen, es hatte keine Komplikationen gegeben, auch nicht bei der Entbindung. Zwar war die damalige Technik bei weitem nicht so fortgeschritten wie heutzutage, es gab zum Beispiel noch keine Ultraschallgeräte, aber selbst wenn es diese gegeben hätte, ich bin gewiß, man hätte keine Irregularitäten festgestellt. Meine Mutter freute sich auf mich. Meine Eltern hatten lange auf ein Kind gewartet, aber es hatte vier Jahre gedauert, bis ihr Kinderwunsch Erfüllung fand. Und ich blieb das einzige Kind meiner Eltern. Man war davon ausgegangen, daß ich, wenn auch ein spätes Kind, so doch ein Kind wie tausend andere sein würde. Es dauerte eine Weile, bis man bemerkte, daß ich blind zur Welt gekommen war. War es nicht grausam? Ich hatte, wie man gemeinhin sagt, das Licht der Welt erblickt, aber tatsächlich hatte ich am 25. September jenes Jahres nicht das Licht der Welt erblickt, denn ich war blind. Meine Mutter überlegte, was sie falsch gemacht haben könnte, sie suchte nach einer Schuld in ihrem Leben oder ihrem Verhalten, die meine Blindheit ursächlich bedingt haben könnte. Desgleichen mein Vater, der, wie mir meine Mutter einmal mitteilte, lange Zeit sich in Grübeleien verlor, weil er meine Erblindung für eine Strafe hielt, die statt ihn mich getroffen hatte. Aber da war keine Strafe und kein Vergehen. Keiner konnte den Grund meiner Erblindung nennen, auch die Ärzte nicht. Ich war blind, das war alles. Und da ich nichts anderes kannte als meine Blindheit, richtete ich mich in meiner Blindheit ein. Ich lebte wie fast alle, nur daß ich ohne Augenlicht war. Ich ging zur Schule, ich machte Prüfungen, ich arbeitete halbtags, ich verliebte mich. Wenn ich gefragt wurde, wann ich selbst zum erstenmal um meine Blindheit gewußt hatte, dann erzählte ich die folgende Geschichte: Es war im Alter von vier oder auch fünf Jahren gewesen. Ein Spielkamerad, mit dem ich draußen spielte, sagte zu mir: Schau, wie schwarz der Himmel ist, bald gibt es ein Gewitter. Es war die unbedachte Äußerung eines Fünfjährigen. Aber von diesem Augenblick an wußte ich. Es hatte sicherlich bereits andere Gelegenheiten gegeben, die mich ebenso mit meiner Blindheit konfrontierten, aber diese Gelegenheiten waren spurlos an mir vorübergegangen, sie hatten mich nicht geändert. Nach dem Ausruf meines Spielkameraden jedoch begann eine Verwandlung. Es war ein Zwiespalt, der begann. Ich wußte, ich bin anders. Die anderen sahen den Himmel und die Farben und die Menschen und die Dinge. Ich aber war blind. Doch ich wollte kein Außenseiter sein. War ich nicht ein Mensch wie jeder andere auch? Was verschlug es, blind geboren zu sein? Lag es nicht an mir, aus der Blindheit etwas zu machen? Ich wollte dazugehören, auf jeden Fall, darum begannen ab nun meine Anstrengungen, wie alle zu sein, während gleichzeitig tief innen eine überaus sanfte, unauslöschliche Stimme mich anlächelte und mich anschaute, und ich vermochte, obgleich ich blind war, diese Stimme oder auch diesen Mund  zu sehen, und ich hörte, wie sie zu mir von meiner Blindheit sprach und von meinem Leben und meinen Wünschen und meinem Verlangen, und jedesmal, wenn diese Stimme in gleichsam schmerzender, unendlicher Güte du zu mir sagte oder von meiner Blindheit sprach, so nicht, um mich in der Dunkelheit einzuschließen, sondern im Gegenteil, um meine Wahrheit zu wollen. Und ich? Ich verstand nicht. Nicht, als ob ich diese Stimme nicht gewollt hätte. Es war nicht so, als ob ich einen aktiven Widerstand gegen diese Stimme geleistet hätte. Es war anders. Indem ich das Andere wollte, die Anerkennung, die Zugehörigkeit, das Dazugehören um jeden Preis, bezahlte ich, nicht-wissend wissend, den Preis, daß die Stimme zunehmend leiser wurde, glimmend, beinahe unhörbar. Es war ein Prozeß wie so viele andere, ein Prozeß, von dem man einst sagen würde, daß das Leben halt so ist, daß es Zwänge gibt und Konstellationen, die einem keine Wahl lassen, daß man gebunden ist, daß das Leben im letzten Last ist, die es zu tragen gilt, auch wenn die Last einem den Schweiß in die Augen treibt und der Schweiß den Blick trübt. Das ist das Leben, sagten meine Bekannten. Das ist das Leben, sagte ich und versuchte, mein Leben zu meistern. Ich bekam Auszeichnungen von der Handelskammer, in der Zeitung stand ein entsprechender Bericht, ich ging aus, sonntags ging ich zur Kirche, werktags machte ich Späße, ich bettelte um Zuneigung, ich hatte es geschafft. Ich war wie alle. Verstehen Sie?«

Während seiner Rede hatte ich ihn angeschaut. Er redete sachlich, seine Sätze waren wie Wasser, sehr durchsichtig und klar. Bei der letzten Frage machte er eine kleine Pause und ein Lächeln, kaum merklich, war um seine Lippen. Ich schaute in seine Augen. Die Farbe war braun, ein dunkles Braun, mich erinnerte sie an das dunkle, glänzende Fell eines edlen Tieres. Er schenkte mir nach: »Darf ich?« Ich hielt ihm meine Tasse hin. An der Haustür klingelte es. Er ging eine Weile nach draußen, ich hörte seine Stimme im Vorhaus, einzelne deutliche Worte, dann wieder undeutliche Wortstücke. Als er in das Zimmer zurückkam, setzte er seine Rede, so als sei sie nie unterbrochen worden, fort, in einer Haltung, die ich nicht anders denn als Treue bezeichnen könnte, als eine Art sachlicher Treue, und dieser Gedanke löste gleichsam als Kettenreaktion das Wort Treuhänder in mir aus, und dieser Name schien mir der geeignete für mein Gegenüber: Er war ein Treuhänder, der mir jetzt, in dieser Stunde, etwas, wie es heißt, zu treuen Händen übermittelte, und meine Aufgabe bestand lediglich darin, zuzuhören, dazusein, in Empfang zu nehmen, denn der Treuhänder war mein Nachbar.

(Fortsetzung folgt)

Samstag, 7. April 2018

Das Licht in Emmaus


Gibt es das: Emmausbilder, die zeigen, wie Jesus das Brot bricht und wie Seine Wunden leuchten?

Ist es nicht so: Kleopas und der zweite Jünger sehen beim Brotbrechen Jesu strahlende Wunden? Ja, sie sehen, weil die Wunden sie sehend machen.

Wenn der Evangelist Lukas schreibt: Es gingen ihnen die Augen auf, dann dürfen wir fragen: Woher kommt denn das Licht, welches den beiden Jüngern die Augen öffnet.

Natürlich: Das Licht kommt von Jesus. Immer. Schließlich sagt Er von sich selbst: ICH bin das Licht der Welt (Joh 8,12). Aber mir scheint, das ist nicht konkret genug in diesem konkreten Fall. Die konkrete Antwort lautet: Das Licht ist Licht der strahlenden Wunden Jesu.

In Psalm 36, 10 heißt es: In Deinem Licht schauen wir das Licht. Gemeint ist damit: Erst im Licht Gottes vermögen wir wahrzunehmen. Wir sind Blinde, allesamt, und nur dann, wenn wir Sein Licht aufnehmen, werden wir Sehende, wie die Emmausjünger, die auf einem Wandteppich der Vatikanischen Museen auf die erhobene, segnende Hand des Meisters schauen, dorthin, wo die Wunde leuchtet.

Denn die verklärten Wunden Jesu sind gleichsam konzentrierte Ausstrahlungen des göttlichen Lichts. Und in diesem Licht erkennen die beiden Gefährten Jesu schließlich ineins das größte Geschenk des Lichts, die Eucharistie, die Johannes Paul II. bezeichnenderweise als »Geheimnis des Lichts« bezeichnete (s. Mane nobiscum Domine!, II.).

In der Osternacht, wenn der Priester an der Osterkerze, diesem Zeichen des Triumphes Christi über den Tod, die symbolischen fünf Wundmale Christi anbringt, dann spricht er dabei das begleitende Gebet: »Durch Seine heiligen Wunden, die leuchten in Herrlichkeit, behüte und bewahre uns Christus, der Herr. Amen.«

Ja, die Wunden leuchten in Herrlichkeit. In Emmaus. In Wien. Die Wunden wollen sehend machen, überall dort, wo Menschen bereit sind, brennende Herzen zu bekommen.

Grafik: sacerdos viennensis, Wandteppich, Vatikanische Museen

Freitag, 28. April 2017

Das Urlicht

Ostern ist das Fest des Lebens. Darum ist es auch das Fest des Lichts. Sei es in den biblischen Berichten, sei es in der Liturgie der katholischen Kirche: Das Osterlicht als Fanal des Lebens ist prägend.

In der Osternacht wird das siegreiche Licht der Osterkerze mit dem dreimaligen Ruf Lumen Christi in den dunklen Kirchenraum getragen. Johannes, der Apostel und Evangelist, schreibt von der dritten Erscheinung des Auferstandenen am See von Tiberias, und sie ereignet sich bezeichnenderweise im anbrechenden Morgenlicht des neuen Tages.

Leben und Licht. Licht und Leben.

Es ist nur folgerichtig, daß die Kunst diesen Einklang aufspürt und weiterreicht, so etwa Mahlers zweite Symphonie, die sogenannte Auferstehungssymphonie. Im ekstatischen letzten Satz des fünfsätzigen Werks heißt es: Sterben werd’ ich, um zu leben! Auferstehen, ja auferstehen wirst du, mein Herz, in einem Nu!

Vorausgegangen ist im vierten Satz die berühmte Vertonung aus Des Knaben Wunderhorn mit dem Titel Das Urlicht. Der Text des Volksliedes ist rührend und einfach zugleich:
O Röschen roth!
Der Mensch liegt in größter Noth,
Der Mensch liegt in größter Pein,
Je lieber möcht ich im Himmel seyn.
Da kam ich auf einen breiten Weg,
Da kam ein Engellein und wollt mich abweisen,
Ach nein, ich ließ mich nicht abweisen.
Ich bin von Gott, ich will wieder zu Gott,
Der liebe Gott wird mir ein Lichtchen geben,
Wird leuchten mir bis in das ewig selig Leben.
Das unauslöschliche Licht weist den Weg. Der Weg führt zum Ursprung des Lebens, zu Gott selbst. Und genauso geschieht die Heilung der kranken Endlichkeit.

Daß diese heilsamen Zusammenhänge keine theoretischen sind, sondern sehr praktisch wirksame, kann man an folgender wahren Begebenheit ersehen, die Johannes Bours erzählt:

Ein Mann liegt krank im Spital. Sein Zustand verschlechtert sich von Tag zu Tag, ohne daß die Ärzte ein Vademecum wüßten, welches aus der Krise, die allmählich lebensbedrohlich wird, hinausführte. In dieser Situation des Siechen geschieht unverhofft die Wende. Jemand schenkt dem Kranken eine Schallplatte mit Vertonungen aus Des Knaben Wunderhorn. Der Sieche, zu schwach, um sich viele Gesänge anzuhören, konzentriert sich letztlich auf ein Lied, Das Urlicht, in Mahlers Vertonung. Und jetzt, jetzt, lösen sich die Tränen. Jetzt, jetzt, beginnt das Aufwärts, die schrittweise Genesung, die tatsächliche Auferstehung.

Leben und Licht. Licht und Leben. Geheimnis und Geschenk der Auferstehung.



Freitag, 21. April 2017

Lumen Christi

Er ist der Sänger der Herrlichkeit.

Nach seinen eigenen Worten schöpfte er »aus den nie versiegenden Quellen der Bibel, des Meßbuchs, der Kirchenväter, der Imitatio Christi (Nachfolge Christi)«.

Und da das Licht des Schöpfungsmorgens für den, der geöffnete Sinne hat, weiterhin leuchtet, findet er die Herrlichkeit des Kosmos überall: In den Steinen, den Bergen, den Sternen, den Regenbögen und auch den Vogelstimmen, die er, als ausgewiesener Ornithologe, in seinem Werk immer wieder zu Wort kommen läßt: etwa die Rotkehlchen oder die Seidensänger oder die Mönchsgrasmücke.

Er ist noch ein Kind, als ihn seine Eltern eines Tages in die Sainte Chapelle in Paris mitnehmen, die wegen ihrer herrlichen Glasfenster weltberühmt ist. Der kleine Olivier ist überwältigt, ergriffen von den Lichtspielen in den Fensterscheiben. Diese Ergriffenheit verläßt Messiaen nie mehr. Und seine Töne sind seine bescheidenen Mittel, die Farben der himmlischen Stadt zu besingen.
»All dies Geblendetsein«, so er, »ist eine große Lektion. Es zeigt uns, daß Gott jenseits von Worten, Gedanken und Konzepten ist (…) Und wenn die musikalische Malerei und die farbige Musik, die Klangfarbe Ihn preisen, überwältigt durch das Licht, stimmen sie in den herrlichen Lobpreis des Gloria ein, der zu Gott und Christus sagt: Du allein bist heilig. Du allein der Höchste.«
Wen könnte es bei soviel Hingerissensein in das unaustrinkbare Licht der göttlichen Geheimnisse noch wundern, daß Olivier Messiaen trunken ist vom Licht des Ostermorgens und also auch von Grünewalds Darstellung des triumphierenden Auferstandenen?
»Was hat Matthias Grünewald gemacht, als er auf seinem Isenheimer Altar die Auferstehung Christi malen wollte? Mein Vater, ich bin auferstanden, ich bin wieder bei Dir! Dieser Triumph- und Freudenschrei ist in dem majestätisch erleuchteten Antlitz, in der dem Flug der Arme und Beine entgegengesetzten Statik der Arme, in den außergewöhnlichen Falten des Leintuchs, im stürmischen Wind und in der Sternennacht, aber er ist vor allem im Regenbogen, im blaugrünen, roten und goldenen Kreis, der von der Gestalt Christi her zu entstehen und dessen Widerschein das ganze Gewand zu durchleuchten scheint. Dieses Licht ist es, von dem Johannes spricht: Das Licht leuchtet in der Finsternis, und die Finsternis hat es nicht begriffen.«

Messiaens kontemplative Auferstehungsbegeisterung kann man hören. Zum Beispiel hier: Et expecto resurrectionem mortuorum (1964):

Grafik: wikicommons

Samstag, 24. Dezember 2016

Und das Licht leuchtet in der Finsternis

Große Kunst hat es immer verstanden.

Gerard David, ein altniederländischer Maler, stellt um 1495 auf einem seiner Gemälde, welches im Kunsthistorischen Museum zu Wien zu betrachten ist, eben das dar, was wir in diesen Tagen feiern: Weihnachten.

Alle Personen sind versammelt: Das neugeborene Jesuskind, die Muttergottes, der heilige Josef, die Engelschöre und auch die Hirten.

Aber der Künstler hat mehr dargestellt als eine geschickt in Szene gesetzte Ansammlung von Personen. Denn David wollte die eigentliche, tiefe Botschaft von Weihnachten ins Bild bringen.

Und diese Botschaft lautet: Das Licht leuchtet in der Finsternis!

Gott wird Mensch in tiefster Nacht. Das Tableau ist dementsprechend sehr in Dunkelheit getaucht. Aber wer dieses Bild genauer anschaut, wird sich irgendwann fragen: Woher kommt denn in dieser Dunkelheit das Licht?

Wer ist die Lichtquelle?

Und da gibt dieser wunderbare Künstler die einfache, biblische Antwort: Das Neugeborene ist die Quelle des Lichts. Das Licht geht vom Christkind aus! Ja mehr noch: Er, Jesus, ist das Licht.

Und alle, die sich IHM nähern, die kommen, um Ihn anzubeten, diese alle werden wortwörtlich erleuchtet. Darum liegt der Glanz des Lichtes auf dem Antlitz der Muttergottes, aber auch auf den Personen, die nahe an der Krippe knien. Denn das göttliche Kind will Sein Licht nicht für sich behalten, sondern es weiterschenken – an uns, an die Liebhaber dieses Kindes.

Und noch etwas sollte man betrachten.

Das Licht, welches derjenige, der zur Krippe geht, empfängt, ist ein kostbares Geschenk. Und was macht man mit einem kostbaren Geschenk? – Man behütet es.

Genau das macht der hl. Josef, der am Bildrand steht. Er beschützt mit seiner schirmenden rechten Hand das Licht, welches er soeben von der Krippe in Bethlehem empfangen hat.

Die Wahrheit ist immer eine. Man kann sie von den Dächern verkünden oder man kann sie besingen. Gerard David malt sie. Dieses Neugeborene wird dreißig Jahre später von sich sagen: ICH bin das Licht der Welt. Und: ICH bin das Leben. Dieses Licht und dieses Leben sind unbesiegbar. Keine Finsternis kommt dagegen an. Denn Christus ist der Sieger.

Frohe Weihnachten!