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Samstag, 20. Juni 2026

 »Nicht sagte es, Petrus habe schwimmend das Schiff erreicht...«

für K. + K.

»Der Glaube vermag soviel, daß er sogar Menschen befähigt, auf dem Meere zu wandeln. Petrus war Mensch wie wir, bestehend aus Fleisch und Blut und von gleichen Lebensmitteln sich ernährend. Als Jesus zu ihm sagte: Komm!, da glaubte er und wandelte auf den Wassern.

Der Glaube war ihm auf den Wassern ein festerer Halt als jeder Untergrund. Der schwere Körper wurde durch die Schwungkraft des Glaubens in die Höhe gehalten. Doch nur solange, als er glaubte, hatte er auf dem Wasser eine feste Basis. Als er zweifelte, da begann er unterzusinken. In dem Maße, als der Glaube nachließ, wurde auch der Körper mit abwärts gezogen. Jesus, der den leidenden Seelen aufhilft, sprach zu ihm, da er seine Not sah: Kleingläubiger, warum zweifelst du? 

Da ihn Jesus an der Hand nahm und ihm Kraft gab und er wieder glaubte, von da ab wandelte er - an der Hand des Herrn - in gleicher Weise wieder auf den Wogen. Dies deutete uns das Evangelium an, wenn es erklärte: Sie stiegen ins Schiff. 

Nicht sagte es, Petrus habe schwimmend das Schiff erreicht, sondern es gibt zu erkennen, er sei in das Schiff gestiegen, nachdem er den gleichen Weg, auf dem er zu Jesus gekommen, noch einmal gegangen war.«

Cyrill von Jerusalem (313-387)
V. KATECHESE AN DIE TÄUFLINGE, frei vorgetragen in Jerusalem. 
Über den Glauben 


Grafik: File:Bowyer Bible print 3715 Jesus walks on the sea Matthew 14 30-31 Schellenberg (46303).jpg

Samstag, 15. Mai 2021

»Und Petrus stieg aus dem Schiffe.«

Von Schiller stammt das bekannte Wort: »Es liebt die Welt, das Strahlende zu schwärzen und das Erhabene in den Staub zu ziehen.«

Ich kenne Kirchgänger, die ohne viel Federlesens den Herrn anschwärzen, wenn es darum geht, die eigenen kleinlichen Glaubenszweifel zu rechtfertigen. Dann heißt es, Jesus selbst habe schließlich am Kreuz ausgerufen: »Mein Gott mein Gott, warum hast Du mich verlassen?« Danach die banale Schlußfolgerung: Was der Herr kann, kann auch der Knecht, und schon ist der eigene faktische Unglauben absolviert.

Die Heiligen müssen gleichfalls herhalten.

Zum Beispiel der heilige Petrus.

Fragt man einen halbwegs Gebildeten nach dem Apostelfürsten, so kann man nahezu sicher sein, daß ein Kennzeichen (meist das einzige) des Profils des ersten Papstes todsicher hervorgekehrt wird: Petrus ist derjenige, der verleugnet hat. Und das gleich dreimal. Das war's.

Es ist nicht schwer, die Motive des Schillerschen Schwärzens zu ermitteln. Zumeist artikuliert sich darin die Absicht, das Große, das man sich selbst nicht zutraut, herunterzuziehen auf das Mittelmaß. Auf das Gewöhnliche. Da man, warum auch immer, in der Mühe des Alltags nach etlichen Niederlagen kapituliert hat (auch wenn man diese Kapitulation sich nicht eingesteht), versucht man nun, das wirklich Hohe und Unbesiegte zu diskreditieren, um ein für allemal den Uneinsichtigen zu übertölpeln: Siehst du, das Hohe ist eine Fiktion. Machen wir uns nichts vor, wir sitzen alle im selben Boot.

Um beim letzten Bild zu bleiben: Nein, wir sitzen nicht alle im selben Boot. Und um beim Boot und bei Petrus zu bleiben: Petrus ist derjenige, der aus dem Boot steigt. Darüber sollten wir Kleinmütigen mal nachdenken.

Reinhold Schneider hat dies getan. Er widmet ein paar Seiten diesem Petrus, dem Großherzigen. Schneider nennt seine kurzen Bemerkungen: Und Petrus stieg aus dem Schiffe.

Es zeichnet Schneider, der selbst zu den Großherzigen gehört, aus, daß er in seiner Meditation die Macht und die Herrlichkeit und die Schwäche des Petrus ineins aufstrahlen läßt. Er vermag die einfachen, herrlichen Sätze zu schreiben: »Und da nun Jesus das einfache Wort spricht: Komm!, so geschieht das Größte: Und Petrus stieg aus dem Schiffe...« 

Und Schneider - anders als die modernen Vorwitzigen - wahrt die ehrfürchtige Distanz zu dem großen Mann auf den Wellen:

»Aber wir können uns nicht denken, daß Petrus gezögert hat: Er ist augenblicklich auf die hochgeschwellten Wogen getreten und auf Christus zugeschritten. Dies muß mit völliger Sicherheit geschehen sein, nicht in einer Art magischer, traumwandlerischer Sicherheit, sondern in einer über das Irdische erhobenen Wirk­lichkeit: In der Gegenwart Christi. Wie lange diese Sicherheit währte, wie viele Schritte Petrus getan, wissen wir nicht; es ist einer der wunderbaren, in der Vorstellung kaum mehr vollziehbaren Au­genblicke, die sich so oft zwischen den Worten der Heiligen Schrift öffnen. Wir wagen kaum die Augen zu erheben, wir wagen es nicht, uns ein Bild zu machen; wir fühlen nur, im Sturm und Wogenschlag geschieht etwas Stilles, Ungeheures: Petrus schreitet über die Wellen.«
Und endlich: Schneider beläßt es nicht bei der Meditation des Vergangenen. Denn der Herr und die Tat des Petrus gehören nicht dem Vergangenen an, sondern sind Anspruch an das Heute und folglich an jeden von uns, der zu glauben bereit ist. Und daher sollten die weiteren Sätze Reinhold Schneiders unsere Herzen erreichen und erschüttern:

»Und wenn wir nun selbst im Schiffe wären im Sturm und zum anderen Ufer strebten, ohne es zu erreichen, und der Herr erschiene auf den Wellen, würden wir dann aus dem Schiffe steigen wie Petrus? Es müßte ja leichter für uns sein als für ihn, weil wir seine Geschichte kennen und wir besser wissen, als er damals wissen konnte, was der Herr erwartet und wie Er uns beistehen wird. Und vielleicht würden diejenigen, die mit uns im Schiffe sind, die Erscheinung wieder für einen Geist halten wie die Jünger, und von uns würde eine Tat verlangt, die unseren Glauben an die Macht des Herrn bezeugt. Unser Leben strebt vom Ufer unseres Ausgangs zum Ufer des Todes über die Geschichte hinweg, die aufgewühlt wird vom Sturm. Sind wir bereit, auf die Wellen zu treten, wenn die heilige Gestalt über ihnen erscheint? Wenn wir uns nur ein wenig besinnen, so wissen wir: Darum ward dem Sturme die Macht gegeben, damit wir ein Zeugnis ablegen. Alles ist in des Herrn Hand, Sturm und Wellen, das Schiff und die Gefährten und wir. Nicht darum geht es, daß das Schiff gerettet wird; – wir können es dem Herrn anvertrauen, Er kann es retten zu einer jeden Stunde, und es wäre doch eine törichte Antwort am Tage des Gerichtes, daß wir für das Schiff hätten sorgen müssen und daß wir es nicht verlassen konnten. Es geht vielmehr um das Zwiegespräch, das einst Petrus mit Christus geführt hat, um des Apostels gläubige Frage und um das einfache, mächtige Wort Komm!«

Samstag, 23. Mai 2020

The Chosen



Hat Jesus gelächelt? Gar gelacht? Hat er bisweilen verschmitzt dreingeschaut?

Für die neue Spielfilmserie The Chosen (Die Erwählten), die in etlichen Episoden aus dem Leben Jesu und Seiner Jünger erzählt und die weltweit unter Christen zum Hit geworden ist, ist diese Frage keine. Sie zeigt nämlich wie selbstverständlich den Jesus, der auch gelacht hat. Damit aber bringt The Chosen die Gestalt des Jesus von Nazareth auf neue, erfrischende und unverschämte Art den Zuschauern nahe - Jesus, der wahre Mensch. Und dies ohne in das Cliché des billigen Abziehbildes zu driften, nach dem Motto: Jesus, ein Mensch wie Du und Ich.

Man schaue etwa die Szene der Berufung der ersten Jünger, die der Film kombiniert mit der berühmten Petrusszene des wunderbaren Fischfangs.

Petrus, sein Bruder Andreas, die Donnersöhne Jakobus und Johannes und deren Vater haben eine frustrierende Nacht auf dem See hinter sich. Leere Netze, vergebliches Mühen.

Dann steht dieser jüdische Rabbi am Ufer und sagt tatsächlich zu Petrus, dem Meisterfischer: Wirf das Netz noch einmal aus!

Wie bitte? Soll das ein Witz sein? Die Nacht ist zum Fischen da, nicht der Morgen. Doch dieser Rabbi, den Andreas, wie er seinem Bruder mitteilt, für den Messias hält, ändert seinen Befehl nicht. Er schaut unverwandt den Petrus an. Und dieser gibt schließlich nach: Alright. Er will keinen Streit vom Zaun brechen mit diesem rabbinischen Gelehrten. Tun wir ihm den Gefallen.

Und er und sein Bruder werfen das Netz noch einmal ins Wasser. Und danach macht Petrus die besserwisserische Geste zu dem Mann am Ufer hin, die ohne Worte besagt: Zufrieden? Es ist eh umsonst.

Und im Gegenschnitt sieht man Jesu Gesicht. Und auch er bleibt jetzt ohne Worte. Aber in seinem Gesicht steht, mit leichter Kopfbewegung, das gleichsam humoristische, augenzwinkernde: Schau‘n wir mal.

Und drei Sekunden später gibt es was zum Schauen. Das Boot des Petrus‘ wird mit einem Ruck angezogen. Die Fischer kommen aus dem Staunen nicht mehr heraus. Die Netze sind zum Bersten gefüllt. Es ist alles wahr, was der Mann gesagt hat.

Und dieser Mann freut sich mit seinen zukünftigen Menschenfischern Er steht am Ufer und lächelt. Er lächelt über die himmlischen Wunder und die Menschen, die ihr Glück nicht fassen können. Er lächelt, weil er sich freut für diesen Petrus, dem sich gerade die Fülle des Lebens offenbart.

Und dann – denn dieser lächelnde, durch und durch menschliche Freund am Ufer ist zugleich der wahre Gott – zeigt der Film diese göttliche Seite des am Ufer Stehenden, dabei auch jetzt die Balance der beiden Naturen Jesu wahrend.

Während nämlich Petrus aus dem Schiff steigt und vor Jesus niederfällt und in Tränen ausbricht und sein Schuldbekenntnis stammelt und den über ihm Stehenden schon wissend fragt, ob Er das Lamm Gottes sei, worauf Jesus nur sagt: I am - , beugt sich schließlich Jesus, in wunderbarer göttlicher und menschlicher Souveränität, zu seinem ersten Jünger nieder und sagt ihm das herrliche Wort: Follow me.

Freitag, 29. Juni 2018

Die Schlüssel. Zum Leben


Auf die berühmte Frage Jesu an Seine Jünger: Ihr aber, für wen haltet ihr mich?, antwortet Simon Petrus: Du bist der Messias, der Sohn des lebendigen Gottes! (Mt 16, 15f)

Was hätten wir geantwortet? Was antworten wir? Heute?

Vermutlich hat man dieses Evangelium schon oft gehört. Und vermutlich hat man oft das wesentliche Adjektiv in der Antwort des Simon Petrus überhört: lebendig.

Hätte Simon Petrus geantwortet: Du bist der Messias, der Sohn Gottes, hätte diese Antwort auch gestimmt. Aber der erste Apostel bekennt mehr, er lobpreist: Du bist der Messias, der Sohn des lebendigen Gottes!

Der Gott, den Petrus bekennt, ist der lebendige Gott. Er ist nicht der Gott der Toten, nicht der museale Gott und auch nicht der kulturell gezähmte Gott, sondern der durch und durch lebendige Gott.

Guardini hat diesem Gott ein schlichtes Buch gewidmet, dem er den Titel gab: Vom lebendigen Gott. Guardini wußte, daß diese Kennzeichnung ins Herz der Dinge führt. Denn letztlich münden alle unsere theologischen Überlegungen in dieses Prädikat: Daß unser Gott lebendig ist.

Und wenn der Mensch sein Leben ernsthaft betrachtet, wird er feststellen, daß die fundamentale Frage, die seinem Leben eingeschrieben ist, genau diejenige ist, nämlich ob er sein Leben lebt oder nicht lebt. Die Frage nach Leben und Tod ist keine dramatisch ferne, sondern die eigentliche, die alltägliche. Manchmal kann man sie als Graffiti gesprüht an einer Häuserwand finden: Heute schon gelebt? Was sich witzig anhören mag, ist tatsächlich die Frage der Fragen.

Wie aber recht leben?

Die Bibel und mit ihr die katholische Kirche gibt die Antwort: Wer leben will, wahrhaft leben, muß sich an den halten, der DAS LEBEN ist, an Jesus Christus. Nur Ihm, der von sich selbst sagt: Ich bin das Leben (Joh 14,6), ist die Vollmacht eigen, uns zum Leben zu bringen und uns den Weg zum erfüllten Leben zu öffnen. Das heißt zugleich, daß jeder, der sich Christus anheimgibt, von Ihm über kurz oder lang in die schärfste Konfrontation gestellt wird, die da lautet: Mensch, wie hältst du es mit dem Leben?

Das ist zuvörderst keine allgemein unverbindliche Frage, sondern die existentielle: Mensch, wie hältst du es mit deinem Leben? Lebst du oder stirbst du?

Die Möglichkeiten zu sterben, sind heute raffinierter denn je, denn die Götzen sind raffinierter denn je. Wer weiß etwa nicht, daß man heutzutage locker drei Stunden im Internet verbringen kann, dabei einen interessanten Artikel nach dem anderen konsumierend, während man in Wahrheit drei virtuelle Stunden damit verbracht hat, um vor dem Leben zu fliehen?

Vielleicht war die Versuchung des Menschen, den Tod zu wählen, und das heißt den Tod in den unzähligen modernen Masken des Todes zu wählen, nie so massiv und verführerisch wie heute. In dieser kollektiven Anhänglichkeit an die Kultur des Todes (so nannte es Papst Johannes Paul II.) wundert es nicht, daß die nekrophile Sucht bisweilen monströs sichtbar wird.

So wurde etwa im vergangenen Mai bei einer Auktion im New Yorker Sotheby‘s ein neuer Rekordpreis für ein modernes Gemälde erzielt. Der Käufer, ein japanischer Geschäftsmann, legte 110,5 Millionen Dollar hin für das begehrte Objekt. Und was ist auf dem Gemälde zu sehen? - Ein Totenkopf. Der Maler des Gemäldes ist mit 27 Jahren durch eine Drogenüberdosis ums Leben gekommen.

Halten wir nach einem Bild der Kultur des Lebens Ausschau, so könnten wir uns an die Schüssel des heiligen Petrus halten.

Du bist der Messias, der Sohn des lebendigen Gottes! So die Antwort des Simon Petrus. Und aus dem Munde Jesu vernimmt der erste Apostel die Worte:

Ich werde dir die Schlüssel des Himmelreichs geben; was du auf Erden binden wirst, das wird auch im Himmel gebunden sein, und was du auf Erden lösen wirst, das wird auch im Himmel gelöst sein (Mt 16,19).

Die Schlüssel sind zum ikonographischen Symbol des Petrus‘ geworden. Schlüssel schließen, Schlüssel öffnen. Die Schlüssel des Petrus, des Stellvertreters Christi, sind Lebensschlüssel. Das läßt sich am Sakrament der Beichte, dort, wo gebunden beziehungsweise gelöst wird, bestens aufzeigen.

Sünden führen zum Tod, denn sie entfernen vom lebendigen Gott. In der Beichte werden die Sündenverstrickungen gelöst, das Tor zum Leben wird neuerlich geöffnet. Wer dagegen an seinen Sünden eigenwillig festhält, der bleibt gebunden, er verzichtet auf das lösende Wort der Absolution, er wählt die verschlossene Kultur des Todes.

Die Schlüssel des Petrus sind Schlüssel zum Leben. Wie könnte es auch anders sein, schließlich ist er der erste der Apostel, der das Geheimnis des lebendigen Gottes öffentlich bekannt hat.


Grafik: Münster, Überwasserkirche / cathédrale Notre-Dame de Paris / wikicommons