Posts mit dem Label Michelangelo werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Michelangelo werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Samstag, 27. August 2022

Die Anatomie und der Lobpreis

Daß Michelangelo ein genialer Anatomiker war, ist bekannt. Man braucht nur seine anatomischen Zeichnungen anzuschauen, um dies wahrzunehmen.

Doch wie exakt, ja akribisch Michelangelo seine Studien betrieb, das kann eine seiner großen Plastiken anschaulich machen. Wir meinen die Skulptur des Moses.

Am rechten Unterarm des Moses ist ein kleiner Muskel zu sehen. Dieser Muskel ist normalerweise unter der Oberfläche der Haut verborgen. Doch wenn man den kleinen Finger krümmt, tritt dieser Muskel an die Oberfläche. Dieses anatomische Faktum kann jeder selbst an seinem Körper nachvollziehen. Michelangelo bildet im Marmor des Moses genau diese Besonderheit ab (siehe Foto).

Doch dies ist zugleich mehr als ein lediglich reproduziertes anatomisches Detail. Es ist Lobpreis. Lobpreis des allmächtigen Schöpfers, dem Michelangelo in seiner Kunst die treue Reverenz erweist. Kunst wird zum Preisgesang. Sie macht sichtbar, wie grandios der menschliche Körper vom göttlichen Konstrukteur geschaffen wurde. Und der große Künstler deformiert nicht das Geschaute, sondern stellt es in das Licht der Wahrnehmung.

Die rechte Hand des Moses hält die beiden Gesetzestafeln, die Tafeln, auf die Gott seine Zehn Gebote geschrieben hat.

Michelangelo gibt auf seiner Tafel, dem gefügigen Marmor, wieder, was er in seinen anatomischen Studien von den Gesetzen Gottes erkennen durfte.

Und wer erkennt? Der Liebende erkennt. Noch das Verborgene.

Grafik: wikicommons

Samstag, 30. April 2022

Tristitia

Jeder Leser von großer Literatur wird sie kennen. Jeder Bewunderer großer Kunst wird sie kennen: Die Traurigkeit.

Damit ist nicht gemeint, daß große Kunst eventuell Vorgänge thematisiert, die mit Depression, Niedergeschlagenheit oder gar Verzweiflung zu tun haben. Das gibt es. Aber das meinen wir hier nicht.

Der Apostel Paulus kann einem weiterhelfen. Er schreibt im 2. Korintherbrief 7,10 von zweierlei Arten der Traurigkeit: Von der Traurigkeit gemäß Gottes (secundum Deum tristitia) und von der weltlichen Traurigkeit (saeculi autem tristitia).

Große Kunst nun erhellt eben diese Differenz. Sie zeigt, daß bei aller Größe der künstlerischen Bewältigung ein Rest oder auch ein Spalt bleibt, der sich nicht wohlgefällig schließen läßt. Woher der Verrat? Woher die menschlichen Gemeinheiten? Woher die Treuebrüche?

David Copperfield, zum Beispiel, ist ein Meisterwerk. Man muß nur die Geschichte Steerforths und dessen Ende lesen, um zu wissen, wovon wir hier schreiben. Dickens weiß um die hehren Güter der Freundschaft und Liebe und Treue. Und zugleich weiß er um den Menschen, der die Treue bricht.

Große Kunst erhellt damit die Kluft zwischen der eigentlichen Bestimmung des Menschen, die - trotz modischer Dekonstruktionsversuchen - nie aufgehoben werden kann, nämlich die Krone der Schöpfung zu sein, und der realen Anfälligkeit des Menschen, der seine Würde mißachtet. Aus diesem Wissen, welches die große Kunst nicht verschweigt oder verfälscht, resultiert das tiefe Leiden des Künstlers an der Welt, und das heißt zuallernächst: An sich selbst.

Léon Bloy hat es so formuliert: »Es gibt nur eine Traurigkeit im Leben: Kein Heiliger zu sein.« Das ist die gottgewollte Traurigkeit.

Da der wahre Künstler diese Traurigkeit (die laut Paulus »Sinnesänderung zum Heil bewirkt«) als Riß im eigenen Fleisch und im Fleisch der gefallenen Welt insgesamt wahrnimmt und ineins damit die Sehnsucht nach dem ewigen Verheilen des Risses nicht auslöscht, sondern von eben dieser brennenden Sehnsucht sich verbrennen läßt, indem er das Leiden am Unheiligen nicht als unwiderruflich hinnimmt, sondern als Stachel, der ihn, den armen Künstler, in die sich ausstreckende, schmerzliche wie beglückende heilsame Unruhe versetzt, wird die Grundbedingung des schöpferischen Prozesses überhaupt erst gelegt und kann, gratia Dei, das Meisterwerk entstehen.
                                                                                                                                             
Dieses ist oftmals ein Spätwerk.

Der große Künstler hat sein ganzes Leben gerungen, um die angedeutete Kluft zu schließen. Und dann, nach mühseliger Wanderung und Pilgerschaft, in der alles Überflüssige und allzu Glänzende abfällt, während nur mehr das azurne Blau des Himmels bleibt und also die makellose Luft der Höhe, die bekanntlich sehr dünn ist, entsteht die Pietà Rondanini. 

Sie ist unvollendet, und auch das gehört zum späten, demütigen Meisterwerk, denn es soll offenbar werden, daß die endgültige Heilung des Risses dem ewigen Künstler vorbehalten ist.

Grafik: Michelangelo, Pietà Rondanini.
Von G.dallorto - Eigenes Werk, Attribution, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=1543131

Samstag, 22. August 2020

Blau

                                   

 »Blau ist überhaupt Freude. Blau erquickt.«

  Romano Guardini  

 

Grafik: Michelangelo, Jüngstes Gericht. wikicommons

Samstag, 14. September 2019

Jetzt mußt du dich vorbereiten


»Ich habe einmal in der Sowjetunion mit einem Mönch gesprochen und ihn gefragt, wie man sich als Komponist bessern könne. Er antwortete mir, er wisse dafür keine Lösung. Ich erzählte ihm, daß ich auch Gebete schriebe, Musik zu Gebeten oder Psalmtexten, und daß dies mir als Komponist vielleicht helfen könne. Darauf sagte er: Nein, du irrst dich. Alle Gebete sind schon geschrieben. Du brauchst keine mehr zu schreiben. Das ist alles vorbereitet. Jetzt mußt du dich vorbereiten. - Ich glaube, darin steckt eine Wahrheit. Wir müssen damit rechnen, daß unsere Lieder eines Tages ein Ende nehmen. Vielleicht kommt auch für den größten Künstler der Moment, in dem er nicht mehr Kunst machen will oder muß. Und vielleicht schätzen wir gerade dann sein Schaffen noch höher ein; weil es diesen Augenblick gegeben hat, in dem er über sein Werk hinausgelangt ist.« Arvo Pärt, estnischer Komponist

 

Grafik:  
Michelangelos letztes Werk, Rondanini Pietà, Ausschnitt. wikicommons

Freitag, 2. August 2019

Die beiden Bücher


Ein jeder, der einmal in der Sixtinischen Kapelle gewesen ist, wird den bleibenden Eindruck des Jüngsten Gerichts mitnehmen. Michelangelo hat das monumentale Fresko an die Stirnseite der Kapelle plaziert, hinter den Altar.

Christus, in der Glorie, erscheint zum Letzten Gericht. Mit Ihm die Muttergottes und die Heiligen. Es ist die Zeit der letzten Enthüllung, die Zeit der unwiderruflichen Offenbarung. Zur Rechten Christi (von Ihm aus gesehen) sind die Seligen, die gen Himmel auferstehen. Zur Linken Christi stürzen die Verdammten in die Hölle.

Unterhalb des Weltenrichters ist eine Gruppe von Engeln zu sehen, die mit Posaunenstößen zu diesem Letzten Gericht blasen.
Michelangelo inszeniert hier nicht seine privaten Vorlieben, sondern er hält sich an das letzte Buch der Heiligen Schrift, die Apokalypse, wo eben dies geschrieben steht, daß nämlich »die sieben Engel, die vor Gott standen (…) sich bereit machten, die sieben Posaunen zu blasen (8,2.6)«.

Und Michelangelo bringt ebenso ins Bild, was in seiner Detailgetreue schockierend ist und vielleicht vielen entgeht. Denn zu den Engeln mit ihren erschütternden Instrumenten gesellen sich zwei weitere, die jeweils ein Buch in den Händen halten.

Bücher? Ja, Bücher.

Auch hier ist Michelangelo durch und durch bibelfest. Denn in der Offenbarung des Johannes heißt es: »(…) und Bücher wurden aufgeschlagen; auch das Buch des Lebens wurde aufgeschlagen. Die Toten wurden nach ihren Werken gerichtet, nach dem, was in den Büchern aufgeschrieben war« (20,12).

Michelangelo faßt nun diese Bücher in zwei Exemplare: In das Buch des Lebens, welches den Seligen zur Rechten Christi, und in das Buch des Todes, welches den Verdammten zur Linken Christi hingehalten wird.

Dies ist bereits in seiner nackten Unwiderlegbarkeit schockierend genug. Doch weitaus schockierender ist ein Weiteres.


Michelangelo nimmt die Worte Christi vollkommen ernst, er schwächt die Verkündigung des Weltenrichters, der in seinem Erdenleben davon sprach, daß der Weg ins Verderben breit ist und viele auf ihm gehen, während der Weg ins Leben eng ist und nur von wenigen gefunden wird (s. Matthäus-Evangelium 7,13f), nicht ab, sondern er zeigt die Härte der christlichen Verkündigung in aller Härte seiner Kunst. Das Buch des Lebens, so Michelangelo, ist ein kleines Buch, das Buch des Todes, in dem die Vielen verzeichnet sind, die den breiten Weg des Verderbens wählten, ist dagegen ein deutlich größeres Buch.

Wer Augen hat zu sehen, der sehe. Michelangelo malt nicht ein Buch, er malt auch keine zwei gleich großen Bücher oder ein winziges Buch des Todes. Nein, Michelangelo malt das Unausweichliche, er malt die Proportionen der Wahrheit: Das Buch des Lebens ist kostbar und weitaus kleiner als das entsetzliche Buch des Todes.

Von der modernen Verkündigung oder vielmehr Verniedlichung einer billigen Gnade, die unterschiedslos alle Erdenbürger in den Himmel expediert, ist Michelangelo meilenweit entfernt. Wer um den Ernst des Lebens wissen will, der ist gut beraten, sich der heilsamen Schonungslosigkeit dieses Großen, den seine Zeitgenossen nicht umsonst als den göttlichen Michelangelo rühmten, auszusetzen.

Grafiken: Michelangelo, Jüngstes Gericht. Gesamtansicht und Ausschnitt. wiki.commons


Freitag, 25. Januar 2019

Paulus oder die junge Gnade


Als Saulus vor Damaskus, getroffen vom göttlichen Licht, zu Boden stürzt, dürfte er um die dreißig Jahre alt gewesen sein.

In Michelangelos berühmtem Bild dieses Ereignisses (zu sehen in der Cappella Paolina in Rom), ist der zukünftige Völkerapostel jedoch nicht in der Blüte seiner Mannesjahre dargestellt, sondern als alter Mann. Warum?

Saulus, der Eiferer für das Gesetz, ist der verhärtete, unerleuchtete Eiferer. Er verfolgt die Christen, läßt sie in den Kerker werfen, ist blind vor Haß.

Verhärtung ist für die Heilige Schrift freilich kein Phänomen, welches in biologisch abgegrenzten Bezirken Halt macht. Die sklerokardia, die Herzensverhärtung, transformiert den ganzen Menschen. Da an ihrer Wurzel die Abschottung vor der Liebe ist, läßt sie den Betroffenen frühzeitig altern. Denn Jungsein und Wachstum verbinden sich nicht mit Härte und Abschottung, sondern mit Geschmeidgkeit, mit Gelassenheit, mit Liebe.

Saulus ist der Verhärtete, der Enge, bereits mit dreißig Jahren. Um tatsächlich ins Leben zu finden, d.h. um wahrhaftig ein Dreißigjähriger zu werden, der, wie man so sagt, das Leben vor sich hat, bedarf er in eminenter Weise der Gnade, die stärker ist als die Verhärtung.

Michelangelo zeigt die Faktizität dieser Gnade. Das Licht, welches majestäisch souverän den alten Verbohrten trifft, ist im Gemälde gleichsam der Riß, der die sklerokardia des Saulus aufsprengt. Dieses Licht, so zeigt Michelangelo, ist kein harmloses Fünkchen, sondern niederstürzender Blitz, in dessen Feuer der Getroffene für immer versehrt wird. Es ist das Feuer, welches aus dem alten Saulus den jungen Paulus macht.

Denn das Christentum ist immer jung. Die Gnade ist immer jung. Die Heiligen sind die stets Jungen. Oder können wir uns den Himmel vorstellen mit Rollator und zahnlosen Greisen?

Es überrascht nicht, daß dieser Paulus, der aus eigener, bitterer Erfahrung weiß, wie verhärtet jemand sein kann, der angeblich alles im Griff hat und voll im Leben steht, daß exakt dieser Paulus, nach seiner Herzerweichung, das Hohelied der Liebe schreibt: Und wenn ich die Prophetengabe hätte und alle Geheimnisse wüßte und alle Erkenntnisse und wenn ich allen Glauben hätte, so daß ich Berge versetzen könnte, hätte aber die Liebe nicht, wäre ich nichts (1 Kor 13, 2).

Aus dem verbissen Verknöcherten ist der Sänger der Liebe geworden, der in seinem zweiten Brief an die Gemeindemitglieder von Korinth (2 Kor 6,11ff) die wunderbaren Worte mitteilt: (…) unser Herz ist weit geworden. In uns ist es nicht zu eng für euch. Laßt doch als Antwort darauf auch euer Herz weit aufgehen!

Und es gehört zur genialen Intuition Michelangelos, daß er die unerhörte Wandlung des Saulus zum Paulus offenbar macht. Denn der dort am Boden Liegende ist, wie in einer Art Schwebezustand, nicht mehr der rundum Starre, Verschlossene, sondern in seinen alternden Zügen bereits der sich Verjüngende, dessen kommende jugendliche, helle, unverblühte Frische wahrnehmbar wird. Sein Antlitz ist schon im Licht, wenn auch noch die Hand dem Blitzeinschlag zu wehren sucht.

Aufstehen, so viel ist sicher, wird ein Anderer, einer, dem jetzt geholfen werden muß. Und der Mitmensch, sich bückend, ist bereits da und will dem Gestürzten beim Aufstehen helfen. Und eben so kann nun das Neue beginnen, das Herz, welches weiter wird.

Grafik: Michelangelo, Die Bekehrung des Paulus (1542–1545). wiki commons

Freitag, 7. April 2017

Der fünfte Zahn


Mors et vita duello, so heißt es in der dritten Strophe der ehrwürdigen, über 1000 Jahre alten Ostersequenz Victimæ paschalis laudæ: Tod und Leben lagen im Streit.

Damit ist nicht gemeint, wie ein gängiges Cliché meint, daß hier zwei gleichberechtigte Gegner sich duellierend gegenüberstanden: hier Christus, dort der Widersacher. Es gehört vielmehr zur Hybris des Widersachers, überhaupt auch nur zu wähnen, er könne Christus, das Leben, auslöschen.

Ostern zeigt, daß der Widersacher der Besiegte ist, auf immer, und daß seine Zeit, wie es die Apokalypse des heiligen Johannes nennt, nur mehr eine kurze ist: »Weh aber euch, Land und Meer! Denn der Teufel ist zu euch hinabgekommen, seine Wut ist groß, weil er weiß, daß ihm nur noch eine kurze Frist bleibt« (Offb 12,12).

Man kann das Ostergeschehen vielfach zu verstehen suchen, auch in einer gleichsam medizinischen Weise. Etwa so: Christus, der wahrnimmt, wie tödlich erkrankt die Menschheit in toto ist, stellt sich zur Verfügung, um dieser Menschheit das Antidot für deren tödliche Erkrankung zu erwirken. Er läßt sich den tödlichen Biß der Schlange verabreichen, um daraufhin in Seinem Leib das Heilmittel, die göttlichen Antikörper, zu schaffen.

Der Tod kommt damit an sein Ende. Und mehr noch: Auch der tödlich verwundete Mensch wird nun der Zugang zum Leben neu eröffnet, da er in Christus teilhaben kann am göttlichen Serum.

Michelangelo hat diesen göttlichen Tausch – Christus übernimmt den Tod, damit der Mensch das Leben gewinnt – auf seine Weise dargestellt. Die Pietà (siehe letzten Beitrag) ist ineins Darstellung des toten Christus im Schoß seiner Mutter wie auch Darstellung des Mysteriums der Todesüberwindung.

Ein winziges, jahrhundertelang übersehenes Detail offenbart den unendlichen Sieg Christi. Michelangelo verleiht dem toten Christus einen fünften Schneidezahn. In der christlichen Ikonographie ist diese anatomische Anomalie Zeichen der Sünde. Die Bedeutung entschlüsselt sich danach nahezu von selbst: Sterbend bringt Christus dem Tod den Tod. Der göttliche Sohn nimmt den Tod, den überschüssigen Zahn der Sünde, in sich auf, ER verschlingt wortwörtlich die Sünde und gibt so dem Tod den endgültigen Todesstoß.
Mors et Vita duello
Conflixere mirando;
Dux vitæ mortuus
Regnat vivus.

Tod und Leben rangen
in wundersamem Zweikampf.
Der Fürst des Lebens, gestorben,
herrscht lebend.

Literatur:    Marco Bussagli, I denti di Michelangelo, 2014.

Freitag, 31. März 2017

Der Marmorstaub

Wer kennt sie nicht?

In Stein gemeißelt in neunmonatiger Arbeit von einem gerade mal Mittzwanziger: Michelangelos erste Pietà, die ihren Platz im Petersdom zu Rom gefunden hat.

Die Legende berichtet Folgendes: Eines Tages habe Michelangelo mitbekommen, wie Betrachter der Pietà dieses überragende Werk einem anderen Künstler zuschrieben. Daraufhin sei Michelangelo des Nachts in den Petersdom und habe, ausgestattet mit Laterne und Meißel, nachträglich das berühmte Schriftband gemeißelt, welches schärpengleich die Brust der Madonna ziert und mit einer Signatur den wahren Urheber des Werks angibt.

Doch die Legende berichtet noch etwas. Eine Nonne habe den nächtlich arbeitenden Michelangelo bei eben dieser Arbeit entdeckt. Die Ordensschwester sei zunächst erschrocken gewesen. Wer ist dieser Fremde in der Kapelle? Aber bald erkennt die Schwester, daß es der Künstler selbst ist, der dort, am Altar der Seitenkapelle, letzte Hand an sein Werk legt.

Die Nonne drückt dem Künstler ihre Bewunderung aus und bittet schließlich Michelangelo, etwas von dem Marmorstaub mitnehmen zu dürfen, der beim Meißeln auf den Leib des Herrn niedergerieselt ist. Michelangelo ist einverstanden. Und mehr als das. Er ist getroffen. Er gibt der Nonne von dem Staub …

Vielleicht sagen solche kleinen Geschichten mehr als riesige Abhandlungen darüber aus, was Kunst tatsächlich ist, wenn sie ihrer Aufgabe gerecht wird. Sie ist splendor veritatis, Glanz der Wahrheit. Und da die Wahrheit ineins geht mit dem Guten und dem Schönen, ist große Kunst zugleich Glanz der Schönheit und Güte. Dieser Glanz zeigt sich, noch bei nächtlichem Licht.

Die Bewunderung der Ordensschwester für die Pietà berührt. Ihr genügen letztlich ein paar Partikel Staubs. Gleichsam die künstlerischen Reliquien, in denen mikroskopisch winzig ein symbolischer Abglanz des großen Glanzes sich spiegelt.

Die sogenannten aufgeklärten Zeitgenossen mögen diese rührende Devotion belächeln. Aber da ist nichts Ridiküles. Wohl aber kommt in der Sehnsucht der Nonne die tiefe Sehnsucht des Menschen nach dem Schönen zum Ausdruck, selbst wenn diese Sehnsucht sich mit Winzigkeiten begnügen muß, diese Sehnsucht, die Jahrhunderte später Dostojewski sagen läßt, daß die Schönheit die Welt retten wird.

Die Moderne oder auch Postmoderne oder auch Postpostmoderne trumpft auf mit dem Häßlichen, das sich unverstellt als das Dominierende aufbläht, dabei meist liiert mit den Epiphänomenen des Lauten, des Obszönen und des Schrillen.

Das Schöne ist anders. Es bedarf nicht der Sensation, auch nicht der Publicity oder der lauten Marketingstrategien. Es ist diskret. Es ist im Marmorstaub, der über sich hinausweist. Es ist im Werk, das über sich hinausweist. Wer es fassen kann, wird es fassen. Und jeder, der diesem Schönen begegnet, geht als ein Verwandelter weiter.

Aber zur Wahrnehmung dieses Schönen gehört, daß wir unsere Augen reinigen lassen.

Die Madonna der römischen Pietà kann uns dabei helfen. Denn die beste Schule der Reinheit ist die marianische. Diese Reinheit ist ewig jung. Darum auch ist Marias Antlitz in Michelangelos Pietà das ewig junge der Immaculata.

Freitag, 10. März 2017

David oder das beschädigte Leben

1504, September. Nach zwei Jahren hartnäckiger, leidenschaftlicher Arbeit ist es soweit. Vor den Augen der staunenden Menge erstrahlt das Kunstwerk, welches, laut einem Zeitgenossen, selbst alle antiken Meisterwerke übertrumpft: Der David des Michelangelo Buonarroti.

Der Künstler ist gerade mal 29 Jahre alt. In Florenz, seiner Heimatstadt, ist er spätestens seit diesem Zeitpunkt eine Berühmtheit. Die über fünf Meter große Statue trägt maßgeblich dazu bei, daß der Name Michelangelo fortan in der Welt der Renaissance einen mächtigen, prachtvollen Klang hat.

Dabei ist das Geschick des David, der in makelloser Schönheit seine souveräne fortezza offenbart, keinesfalls so geradlinig verlaufen, wie man vermuten könnte.

Als Michelangelo den mehrere Tonnen schweren Marmorblock zu bearbeiten beginnt, erhebt sich vor ihm ein beschädigter Stein, an dem bereits zwei Künstler gescheitert sind. Wer will sich an diesem ramponierten Marmor abmühen? Der Stein gilt seit langen Jahren als unbrauchbar, ruiniert, verhauen.

Doch Michelangelo, dem man später den Beinamen der Göttliche geben wird, läßt sich nicht beirren. Er sieht im Stein das zukünftige Meisterwerk. Ja, im Stein verborgen ruht bereits das makellose Bild, welches der Künstler unter seinen Meißelschlägen zum Vorschein bringt. Durch die Wegnahme geschieht die Vollkommenheit, denn der Wegnahme, wie ein Theologe es ausdrückte, folgt die Liebe immer.

Und ist nicht dies ein tiefes Gleichnis für unser aller Leben? Nicht die Tatsache, daß ein Leben beschädigt ist, ist ausschlaggebend. Wesentlich vielmehr ist die Geduld und Beharrlichkeit und Zuversicht des je Einzelnen, den Meißelschlägen des großen göttlichen Bildhauers nicht auszuweichen. Denn in den Augen Gottes zählt das concetto, welches unter noch so vielen entstellenden Schichten tief innen in unserer vita ruht, selbst dann, wenn dieses verborgene Bild nur mehr als verglimmender Docht scheint.

Die Wegnahme schmerzt oft genug, vielleicht heute mehr denn je, da uns doch unablässig eingeredet wird, daß das Zunehmen, in welcher Art auch immer, das Entscheidende sei. Während doch weiterhin das zitternde Ich im Inneren darauf wartet, das Licht der Welt zu erblicken, denn für dieses offenbarende Licht ist es erschaffen.

Wie sagte es ein Künstler unserer Zeit, der mit seinem Flugzeug irgendwann in das Unbekannte aufbrach:
»Vollkommenheit entsteht offensichtlich nicht dann, wenn man nichts mehr hinzuzufügen hat, sondern wenn man nichts mehr wegnehmen kann.«   (Antoine de Saint-Exupéry)

Grafik:   Von Jörg Bittner Unna – Eigenes Werk, CC BY 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=56633987