Freitag, 27. Dezember 2019

Das Licht III


      »Gott ist Licht und keine Finsternis ist in Ihm« 

(1 Joh 1,5)



 Grafik: El Greco, Geburt Christi. wikicommons

Mittwoch, 25. Dezember 2019

Das Licht II

Der englische Journalist Malcolm Muggeridge war einer der ersten, der mit Mutter Teresa längere Interviews führte, einen Film über sie drehte und eine Art Biographie über sie verfaßte. Eine Art Biographie - denn sie selbst lehnte es ab, in den Vordergrund gerückt zu werden. Das Werk der Missionarinnen der Nächstenliebe war schließlich Sein, Jesu, Werk. Sie, Mutter Teresa und ihre Mitschwestern, waren die Werkzeuge im Plan Gottes. Nicht die Hauptakteure.

Im Original lautet das kleine Büchlein aus der Feder Muggeridges: Something Beautiful for God  (Etwas Schönes für den Lieben Gott). Und tatsächlich ist das kleine Buch genau das geworden: Ein Zeugnis mit schönen, einfachen, herrlichen Gottesgeschichten.

So erzählt Muggeridge etwa diese wunderbare Begebenheit:

Sein Team dreht im sogenannten Sterbehaus der Schwestern. Das Gebäude, ein ehemaliger hinduistischer Tempel, ist nur schwach erleuchtet, winzige Fenster in der Höhe spenden ein spärliches Licht. Die Drehbedingungen sind also denkbar ungünstig, der Raum, wo die Sterbenden, welche von den Schwestern aus den Rinnsteinen Kalkuttas aufgelesen werden, eine letzte würdevolle Heimstatt finden, ist, so Ken, der professionelle Kameramann, fürs Filmen eigentlich unmöglich. Gleichwohl, man versucht‘s.

Um jedoch auf Nummer sicher zu gehen – falls die Aufnahmen nichts werden – dreht man auch noch im Außenhof, wo die Sonne scheint.

Die Überraschung geschieht, als der Film entwickelt wird. Muggeridge wörtlich: »Ich persönlich bin davon überzeugt, daß Ken das erste echte photographische Wunder aufgezeichnet hat.«

Was ist geschehen?

Der entwickelte Film zeigt das Sterbehaus, welches, entgegen allen Erwartungen, in einem wunderbaren milden Licht erstrahlt. »Ken«, so Muggeridge, »hat die ganze Zeit darauf bestanden, daß das Ergebnis, technisch gesehen, unmöglich sei. Als Beweis benutzte er bei einer nächsten Filmexpedition – in den Nahen Osten – das gleiche Material in ähnlich schwacher Beleuchtung, mit völlig negativem Ergebnis.«

Und der gestandene Journalist Muggeridge liefert die Erklärung des Unerklärlichen, die dem einleuchtet, der weiß, daß es mehr Dinge zwischen Himmel und Erde gibt, als es sich  Schulweisheit träumen läßt: »Mutter Teresas Heim für Sterbende fließt über von Liebe, wie man unmittelbar nach dem Betreten spürt. Diese Liebe leuchtet wie die Heiligenscheine, die Künstler rund um die Köpfe von Heiligen gesehen und sichtbar gemacht haben. Ich finde es gar nicht überraschend, daß dieses Leuchten auf einem photographischen Film erscheint.«   

Wie heißt es im Weihnachtsevangelium am Christtag: Und das Licht leuchtet in der Finsternis (Johannesprolog 1,5).

Freitag, 20. Dezember 2019

Das Licht I

Für A. de S.-M.

Eine aufgelassene Therme. Steine. Pfützen. Ausgestorbenes Gelände.

Es ist die letzte, lange Szene in Tarkowskis Film Nostalghia.

Andrei, der Schriftsteller auf der Suche nach der wahren Heimat, ist auf seinem letzten Gang. Er hat das rauhe, mit Pfützen durchsetzte Becken des Bagno Vignoni, welches der heiligen Katharina von Siena geweiht ist, zu durchqueren. Und er hat dies zu tun mit einer brennenden Kerze in der Hand.

Andrei entzündet die Kerze  und beginnt den Gang. Es ist kein leichter Gang, kein müheloses Gehen. Jeder Schritt ist eine Anstrengung, denn es gilt, den Weg zu finden und zugleich das verwundbare Licht zu schützen.

Der erste Gang scheitert. Denn das Licht in Andreis Händen erlischt.

Er geht zurück zum Beckenrand, an den Anfang, und beginnt ein zweites Mal. Diesmal kommt er weiter. Doch auch diesmal, obgleich er mit seinem Mantel das Licht zu schützen sucht, verlischt der Schein im Wind.

Wieder zurück. Wieder gehen. Ein drittes Mal. Es ist die letzte Anstrengung. Es geht um tatsächlich Alles. Es ist die Frage der Fragen: Wird es gelingen, dieses kleine Licht durch die Wüste der aufgelassenen Therme zu tragen, durch die Steine, durch die Wasserpfützen, in den rettenden Aufgang?

Mit letzter Kraft geht Andrei vorwärts. Es ist das dritte Mal. Und Andrei kommt an im Hafen der Unendlichkeit. Das Licht brennt. Andrei schafft es, die kleine Kerze mit dem kleinen Licht in Sicherheit zu bringen. Seine Hände haben nicht versagt. Seine Hände… Und eine Musik ertönt, sehr leise: Requiem...  et lux... Es sind die verhauchenden Töne des Verdischen Requiems, unter denen Andrei zusammenbricht.

Et lux perpetua.

Freitag, 6. Dezember 2019

Heilung nach Abtreibung

Heilung nach Abtreibung. Gibt es das?

Die Antwort ist: Ja.

In dem vorliegenden Buch berichten Frauen und Männer, die ein Rachels Weinberg® Seminar besucht haben, über ihre Erfahrungen.

Rachels Weinberg®, ein spirituelles Einkehrwochenende, welches mittlerweile (Stand 2019) in über 80 Ländern und 33 Sprachen professionelle Hilfe anbietet, ist ein Einkehrwochenende (von Freitagnachmittag bis Sonntagnachmittag), welches speziell für Menschen entwickelt wurde, die nach einer (oder mehreren) Abtreibung(en) an den Abtreibungsfolgen schwer leiden.

Folgen können etwa sein: Depressionen, Panikattacken, quälende Flashbacks, Migräneanfälle, Robotergefühl, Selbstwertverlust, Substanzenabusus (Medikamenten-, Drogen-, Alkoholabusus), suizidale Gedanken, Kommunikations- und Beziehungsstörungen, Schlafstörungen, Eßstörungen, Libidoverlust usw.

Rachels Weinberg® nimmt den Schmerz der Frauen und Männer ernst und hilft. Ein professionelles Team (Therapeut, ausgebildete Beraterinnen, Priester) begleitet durch die Einkehr. Durch Gespräche, geistliche Übungen, das Sakrament der Versöhnung, eine Gedenkfeier und eine Abschlußmesse werden die Teilnehmer von der Todeserfahrung der Abtreibung hin zur neuen Bejahung des Lebens geführt.

Eine Teilnehmerin schreibt:
»Am Ende dieser Einkehr fühlte ich Befreiung und Hoffnung! Befreiung von dem Gefühl, schrecklich wertlos und hoffnungslos zu sein. Es war unglaublich zu erleben, daß so viele andere genauso fühlten und ihren ganzen Mut zusammengenommen hatten, um zu diesem Einkehrwochenende zu kommen.«

Nähere Infos zu Rachels Weinberg® unter:
Österreich: www.rachelsweinberg.at
Deutschland: www.rachelsweinberg.de
International: www.rachelsvineyard.org

Das Buch:
    • Paperback, 120 Seiten. 9€ (A/D). 14 CHF.
    • ISBN: 978-3-9503846-4-2
    • Zu bestellen über den Buchhandel oder beim Immaculata-Verlag:    office@immaculata.at


Samstag, 30. November 2019

Advent II

Was hat Daniel in der Löwengrube mit dem Advent zu tun?

Daniel, der Prophet, der ins babylonische Exil verschleppt ist, weigert sich dort, zu einem anderen Gott als dem einzig rechtmäßigen zu beten. Daraufhin klagen ihn die eifersüchtigen Hofschranzen beim König Darius an und fordern seine Hinrichtung - er soll in die Löwengrube geworfen werden.

Der König, der Daniel zugetan ist, will ihn retten, doch er vermag sich den mörderischen Einflüsterungen seiner Entourage nicht zu widersetzen und willigt schließlich in das Todesurteil ein.

Der britische Maler Briton Rivière (1840 – 1920) stellt die biblische Szene, die im Buch Daniel 6,17ff berichtet wird, in dramatischen Gegensätzen dar. Dort die fletschenden, zum Sprung bereiten ausgehungerten Löwen, hier der aufrechtstehende, gefesselte Gefangene. Während die Raubtiere in hellgelben Farben das Bild dominieren, steht die Hauptperson Daniel, schwarz gewandet, am rechten Rand des Tableaus.

In Anlehnung an das Diktum des weisen Laotse: Wahre Worte sind nicht schön, schöne Worte sind nicht wahr, ließe sich angesichts der obigen Darstellung die Behauptung wagen: Augenscheinliches ist nicht wahr, Wahres ist nicht augenscheinlich.

Das Laute, Reißerische, Blutrünstige und brutal ins Auge Springende, die scheinbare Löwenübermacht, das, was die Szene grell beherrscht, ist in Wahrheit das Gefesselte. Der geknebelte Mann dagegen, im priesterlichen Gewand der Asche und Noblesse und Zurückgenommenheit, ist der Stille, der Freie, der tatsächliche Sieger.

Was das mit dem Advent zu tun hat?

Sagen wir es so: Der Advent will uns einüben in das andere Sehen, das tiefe Sehen, das neue Sehen, damit dann, wenn in der Verborgenheit der tiefsten Nacht – der Mitternacht – das ewige Wort vom Thron steigt, unsere Sinne derart geschult sind, daß wir den Augenschein hinter uns lassen und wahrzunehmen vermögen, wer in der Krippe liegt.

Nochmals anders gesagt: Wenn wir derart in der Nacht zu schauen lernen, dann sind wir auf dem besten Weg, Glaubende zu werden.


Freitag, 22. November 2019

Omnia ad maiorem Dei gloriam


Illusionen und Vorurteile haben es an sich, zäh zu sein.

Große Werke, so meinen wohl etliche, bedürfen zu ihrer Entstehung optimaler Bedingungen. Und dann imaginiert die Phantasie die idyllischen, angeblich notwendigen Bedingungen. Vielleicht ein netter abgelegener Ort – am besten ein Kurort, warum nicht Aflenz - , ein schmuckes Häuschen inklusive, ein schattiger Apfelbaum zum Luftholen, eine Studierstube mit den angemessenen Annehmlichkeiten und die güldene Feder zum Notieren der Inspirationen.

Die Wirklichkeit ist freilich eine andere. Eine ganz andere. (Es sei denn, man ist Thomas Mann mit seinen obligaten Villen).

Anton Bruckner zum Beispiel.

Sein Leben ist gut dokumentiert. Würde die bourgeoise Illusion recht behalten, dann dürfte dem österreichischen Komponisten nichts gelungen sein, da seine Biographie der bürgerlichen Idylle gänzlich zuwiderläuft.

Gehässigkeiten, Scheitern, Unbilden, Überlastung, Kabalen, Neid, Intrigen reihen sich in seiner Vita. Für die snobistische Wiener Schickeria, die sich notorisch für etwas Besseres hält, war der tumbe Tor aus Oberösterreich das gefundene Fressen. Anekdoten zirkulierten, die dessen ungeschlachtes Naturell karikierten. Seine Devotheit und sein bäurisches Äußeres wurden landauf landab ins Lächerliche gezogen, seine katholische Frömmigkeit mitleidig belächelt.

Der damalige tonangebende Wiener Musikkritiker ließ in der reifen Schaffensphase des Komponisten keine Gelegenheit vorübergehen, um den überragenden Tonsetzer niederzumachen. Musikkollegen, die es hätten besser wissen müssen, etwa Brahms, mokierten sich gleichfalls über das Genie, welches ein Trottel war. Die dritte Symphonie wurde ein kompletter Reinfall. Die Wiener Philharmoniker streikten. Das Publikum lief davon. Die siebte Symphonie, die Bruckner schließlich die Anerkennung verschaffte, die ihm, hätte man die Ohren aufgetan und die Häme ad acta gelegt, längst gebührte, wurde – was mehr sagt als tausend Worte - nicht in seinem Wohnort Wien uraufgeführt, sondern in Leipzig.

Selbst die nahestehenden Freunde verstanden oft genug nicht die Größe dessen, der neben ihnen im Wirtshaus saß. Darum erdreisteten sich wohlmeinende Musikanten, in die Werke des Genies hineinzupfuschen. Instrumentationen wurden willkürlich geändert, Retuschen und Streichungen vorgenommen und dem Komponisten Änderungen dringendst nahegelegt.

Wen wundert‘s, daß bei all den unverschämten Widrigkeiten, mit denen man dem Komponisten zusetzte, der Komponist selbst an Nervenkrisen, Grübeleien und der Zählkrankheit litt.

Und doch. Und doch.

Eben dieser Anton Bruckner, der Zermürbte und Gequälte und Geprügelte, schreibt die herrliche dritte Symphonie und die herrliche vierte Symphonie und die unfaßbare fünfte Symphonie und die strahlende Sechste und die himmlisch fließende Siebente und die monumentale Achte und die einsam aufragende neunte Symphonie.

Wer Bruckner entdeckt, hat einen Schatz für‘s Leben entdeckt. Eine Insel ist zum Aushalten, wenn im Koffer die Werke Bruckners dabei sind. Celibidache, einer der großen Brucknerdirigenten, meinte: »Daß es Bruckner gegeben hat, ist für mich das größte Geschenk Gottes.« Das ist naturgemäß eine Übertreibung, aber Liebhaber dürfen das.

Die letzte Ruhe fand Anton Bruckner nicht in Wien, sondern im Linzer Stift St. Florian. Dort, unterhalb der Orgel, steht sein Sarkophag. Und eingraviert in den Sockel des Sarkophags findet sich die Schlußzeile des Te Deum als Inschrift: Non confundar in aeternum (In Ewigkeit werde ich nicht zuschanden).

Da Bruckner seine letzte Symphonie nicht beenden konnte, verfügte er, daß das Te Deum gleichsam als vierter Satz im Anschluß an die Neunte, die bezeichnenderweise Dem Lieben Gott gewidmet ist, zur Aufführung zu bringen sei.

Die letzte Symphonie und das Te Deum: Während jene im pianissimo verhauchend ausklingt, jubelt dieses fortissimo in finaler Gewißheit. Beides ist Bruckner: Die grenzenlose Kleinheit und der majestätische Gipfel. Denn Bruckners Musik der Sehnsucht schafft das Unmögliche, das, was den Großen gegeben ist, und was etwa die Grabinschrift des heiligen Ignatius von Loyola zum Ausdruck bringt: Non coerceri maximo, contineri tamen a minimo divinum est (in der Übersetzung Hugo Rahners: Nicht begrenzt werden vom Größten und dennoch einbeschlossen sein vom Geringsten, das ist göttlich).


Freitag, 15. November 2019

Verbergt nicht


»Verbergt nicht Eure Feigheit unter dem Mantel der Klugheit.«

Aus dem III. Flugblatt der Weißen Rose



Grafik: Mahnmal Weiße Rose, München, wikicommons, by Adam Jones, Ph.D.

Freitag, 8. November 2019

Die konkrete Verantwortung

»Konkrete Verantwortung kann es nur geben, wenn sie zugleich von anderen Verantwortlichkeiten dispensiert (…) Wenn wir alle unsere Handlungen messen müßten an dem, was universell für alle das Beste ist, dann könnten wir überhaupt nicht handeln.«

Robert Spaemann, von dem dieses Diktum stammt, liefert in dem späten Interviewband Über Gott und die Welt zugleich ein konkretes Beispiel, um das Gemeinte zu verdeutlichen:

»Die Nationalsozialisten stellten einen Polizisten vor die sadistische Alternative, eigenhändig ein zwölfjähriges jüdisches Mädchen zu erschießen oder in Kauf zu nehmen, daß zehn andere Juden erschossen würden. Der Polizist schoß. Er glaubte, die Verantwortung zu haben für den Tod der anderen, wenn er nicht geschossen hätte. Anschließend landete er in der Psychiatrie. Nein, er hätte diese Verantwortung nicht gehabt. Er hatte in diesem Augenblick nur die Verantwortung für das Kind.«

In Shusako Endos berühmtem Roman Schweigen, 2016 von Martin Scorsese verfilmt, kommt es am Ende zu folgender Zuspitzung: Der Priester Sebastiao Rodrigues, Jesuit, ist zur Zeit der Christenverfolgung im Japan des 17. Jahrhunderts in Gefangenschaft. Mitgefangene von ihm werden grausamst gefoltert. Das Angebot, welches ihm schließlich von den Exekutoren wie von einem seiner Mitbrüder, der seit Jahren abgefallen ist, gemacht wird: Wenn er, Sebastiao, gleichfalls dem christlichen Glauben abschwört und dies derart bezeugt, daß er gotteslästerlich mit seinen Füßen auf ein Jesusbild tritt, werden seine Mitgefangenen begnadigt.

Sebastiao willigt am Ende ein und tritt auf das Jesusbild.

Mal abgesehen von den verqueren theologischen Deutungen Endos (die im übrigen von vielen seiner christlichen Landsleute vehement kritisiert wurden): Hatte Rodrigues die Verantwortung für die gefolterten Christen? - Ja. Hatte er damit die Verpflichtung, das perverse Angebot der Peiniger anzunehmen? - Nein.

Denn die konkrete erste Verpflichtung des Paters ist, der widerlichen Erpressung zu widerstehen und sich nicht umzubringen. Denn das sadistische Angebot der Folterer läuft genau darauf hinaus: Rodrigues tötet sich, um auf diese Weise das Leben der Anderen zu retten.

Dies ist keine Metapher. Im Abspann des Romans wird in knappen Sätzen der faktische Selbstmord des jungen Jesuiten registriert: Er ist nicht länger Priester, die Frau eines Verstorbenen wird ihm zugeführt, an seinem Lebensende wird er buddhistisch eingeäschert. Mit anderen Worten: Der Priester Sebastiao Rodrigues hat sich durch die Übernahme einer falschen Verantwortung und dem damit einhergehenden Verrat an seiner gottgegebenen Berufung tatsächlich ausgelöscht. Aber geistiger Selbstmord ist keine Hingabe.

Hingabe ist: Sebastiao macht den Häschern freiwillig das Angebot, stellvertretend für die Mitgefangenen in den Tod zu gehen. Sie sollen ihn in die Foltergrube hängen und die Anderen frei lassen.

Wenn die Folterer auf diese Hingabe nicht eingehen und die Mitgefangenen dennoch töten, dann ist dies ihre Entscheidung. Der Pater hat sein Äußerstes getan. Nicht er tötet, die Anderen töten. Für die perverse Logik der Folterer ist er nicht verantwortlich.

Samstag, 2. November 2019

Allerseelen 2019



Recordare Iesu pie,
Quod sum causa tuae viae:
Ne me perdas illa die.
Quaerens me, sedisti lassus:
Redemisti crucem passus:
Tantus labor non sit cassus.
Iuste iudex ultionis,
Donum fac remissionis,
Ante diem rationis.
Ingemisco, tamquam reus:
Culpa rubet vultus meus:
Supplicanti parce Deus.
Qui Mariam absolvisti,
Et latronem exaudisti,
Mihi quoque spem dedisti.
Preces meae non sunt dignae:
Sed tu bonus fac benigne,
Ne perenni cremer igne.
Inter oves locum praesta,
Et ab haedis me sequestra,
Statuens in parte dextra.

Übersetzung

Milder Jesus, wollst erwägen,
Dass Du kamest meinetwegen,
Schleudre mir nicht Fluch entgegen.
Bist mich suchend müd gegangen,
Mir zum Heil am Kreuz gehangen,
Mög dies Mühn zum Ziel gelangen.
Richter Du gerechter Rache,
Nachsicht üb in meiner Sache
Eh ich zum Gericht erwache.
Seufzend steh ich schuldbefangen,
Schamrot glühen meine Wangen,
Lass mein Bitten Gnad erlangen.
Hast vergeben einst Marien,
Hast dem Schächer dann verziehen,
Hast auch Hoffnung mir verliehen.
Wenig gilt vor Dir mein Flehen;
Doch aus Gnade lass geschehen,
Dass ich mög der Höll entgehen.
Bei den Schafen gib mir Weide,
Von der Böcke Schar mich scheide,
Stell mich auf die rechte Seite.

Sonntag, 27. Oktober 2019

Der Kopf

 
»Das gefährlichste Organ am Menschen ist der Kopf.«

Alfred Döblin
Arzt. Schriftsteller
1878 – 1957



Grafik: Photo by Good Free Photos on Unsplash

Samstag, 19. Oktober 2019

Die Tatoos

Sie sind nicht zu übersehen, die Tätowierungen. Unter den Vierzigjährigen sind mittlerweile etliche, vielleicht sogar die Mehrzahl, tätowiert. Und wenn es so viele tun, hört man auf zu fragen, warum es so viele sind. Es ist halt eine Mode, oder ein Trend, oder eine Laune. Wozu groß weiter fragen?

In einem früheren Beitrag (hier) haben wir davon geschrieben, daß ein hoher Prozentsatz der heutigen jungen Generation zu den sogenannten Abtreibungsüberlebenden gehört. D.h.: Sie leben und haben zugleich Geschwister, die nicht leben.

Wie das? Die Antwort: Weil ihre Geschwister durch Abtreibung oder Verhütung (Stichwort: Frühabtreibung) das Licht der Welt nicht erblickt haben.

Das ist freilich kein harmloser statistischer Befund, sondern für die betroffenen Überlebenden ein zutiefst verstörender. Denn was ist mehr aus der Lebensbahn werfend, als zu ahnen oder zu wissen, daß man in einer Familie aufwächst oder aufgewachsen ist, in der ein Familienmitglied getötet wurde, während man selbst zum Wunschkind stilisiert wurde und also überleben durfte?

Diese Zusammenhänge berücksichtigend, versteht man besser, warum diese Generation mehr und mehr in die virtuellen Räume flieht. Wer die Wirklichkeit, und das meint hier an allererster Stelle die Familie, als einen Ort der unberechenbaren, lebensgefährlichen Bedrohung erfährt, der wird aus diesem Schrecken verständlicherweise hinaus wollen – er flieht. Und was ist naheliegender, als in das omnipräsente Online-Angebot zu fliehen. Im Internet ist man selbst der Herr. Wenn es zu bedrohlich wird, dann kann man über den Bildschirm wischen oder einen neuen Klick setzen, und schon ist man raus aus der Gefahrenzone und mitten in einer neuen, sterilen virtuellen Welt.

Mit der Wirklichkeit geht dies allerdings nicht. Diese bleibt. Man kann sich nicht herauskatapultieren aus der eigenen Familie in eine Familie, in der alles klinisch keimfrei ist. Die Wirklichkeit ist da und bleibt da. Ein durchbohrtes Herz ist ein durchbohrtes Herz.

Was hat das mit den Tatoos zu tun? - Wir meinen sehr viel.

Was ist die nackte Wirklichkeit schlechthin? Unser Leib. Die Redensart sagt nicht umsonst: Niemand kann aus seiner eigenen Haut. Der Körper ist widerständig. Er zeigt sich uns jeden Tag. Er ist da, wie halt die Wirklichkeit da ist.

Der schwer Verletzte – und Abtreibungsüberlebende sind schwer Verletzte – wagt nun ein Äußerstes. Bereits gewohnt daran, die Wirklichkeit, die er als traumatisierend erfährt, zu manipulieren, beginnt er der gleichsam nackten Wirklichkeit wortwörtlich zu Leibe zu rücken: Seinem Körper.

Wenn es ihm gelingt, den Leib, dieses stets sichtbare Faktum, zu transformieren, dann beweist er sich damit, daß er stärker ist als die Wirklichkeit, die ihn seelisch tagein tagaus bedrängt. Ich erfinde mich neu, also bin ich. Die Haut wird neu geboren, unter Tätowierungsschmerzen, aber oft genug zeigt die neue Formung – verräterisch genug - das zugrundeliegende Movens, welches diese Häutung bestimmt, und welches nicht das Leben ist, sondern der Tod, derart, daß Totenschädel, in allen unmöglichen Variationen, zu den bevorzugten Tätowierungsmotiven avancieren.

Wer wissen will, wie die Welt ist, in der wir leben, sollte die Augen aufmachen. Die Wahrheit zeigt sich. Auch in Tätowierungen. Bei ästhetischen Kriterien sollten wir jedoch nicht stehenbleiben. Es geht um weitaus mehr. Wir sollten lernen, tiefer zu schauen. Besser zu schauen. Denn die wahren Zusammenhänge warten darauf, wahrgenommen zu werden.

Grafik: Photo by Allef Vinicius on Unsplash


Samstag, 12. Oktober 2019

Ich kenne im Leben


»Ich kenne im Leben nur eine einzige Schwierigkeit:
Den Vollzug der Wahrheit, Wahrhaftigkeit.«

Reinhold Schneider
(1903 - 1958)


Grafik: www.baden-baden.de

Samstag, 5. Oktober 2019

JA

Der Titel der Erzählung lautet Ja.

Erstveröffentlichung 1978. Eine der späteren Auflagen kommt in schwarzer Buchhülle daher, und in weiß steht der nackte Titel: Ja.

Man muß kein Germanist sein, um zu wissen, daß die Vokabel ja eine der Affirmation ist. Die kürzeste Art der Bejahung überhaupt. Wer ja sagt, bejaht.

Das Heimtückische an Thomas Bernhards Erzählung besteht aber nun gerade darin, daß er seine Obsession der Auslöschung naturgemäß bis zur Übertreibung treibt. Selbst das Ja muß zunichte gemacht werden. Denn die Vokabel der Bejahung verkehrt Bernhard ins genaue Gegenteil, zum Kürzel der Annihilation. Die Erzählung endet mit den Worten: »(…) «daß ich sie, die Perserin, ganz unvermittelt und tatsächlich in meiner rücksichtslosen Weise gefragt hatte, ob sie selbst sich eines Tages umbringen werde. Darauf hatte sie nur gelacht und Ja gesagt.»

Manche mögen diese semantische Verdrehung eine Pointe nennen, manche einen genialen literarischen Coup. Tatsächlich ist sie – ante diem - die Abbreviatur der modernen Wirrnis. In einer Welt, die zunehmend das Oben nach Unten kehrt und das Unten nach Oben, in der das Gute böse genannt wird und das Böse sich als glitzerndes Gutes präsentiert, in einer Welt, die der Propaganda eher folgt als dem nüchternen, sachlichen Wort, in einer solchen kopfstehenden Welt wird systematisch das exerziert, was bereits Bernhards Titel vorgibt: Daß man den nackten Herzwörtern und ihren Inhalten zu Leibe rückt, bis von den lebensstiftenden Bejahungen nichts mehr übrigbleibt als die tödliche Verneinung. 

Wäre es nach Thomas Bernhard gegangen, hätte die optische Aufmachung des Buches seinerzeit wie folgt ausschauen sollen: Weißer Umschlag, schwarze Schrift, mit schwarzem Streifen unter dem Titel. Es wäre wie eine Trauer- Und Todesanzeige gewesen, so daß von Beginn an bis zum bitteren Ende der Leser gleichsam eingetaucht gewesen wäre in die suizidale Verdrehung.

Seit der Erstausgabe der Erzählung Ja sind über vierzig Jahre vergangen. Der Schock des ersten Lesens, damals, ist vermutlich heute keiner mehr. Denn der Anschlag auf das Ja, in welcher Ausprägung immer, zumal der Anschlag auf das Ja zum Leben, ist seitdem Standard und Mode. Und Bernhard wurde der verhätschelte Feuilletonliebling etlicher Anschläge. 

Und doch hat derselbe Bernhard, der in seiner Erzählung der Bejahung den Boden unter den Füßen wegzieht, am Beginn seines Ruhms (datiert 12. XI. 62), einen Text mit dem Titel Zwei Freunde geschrieben, der, erst posthum veröffentlicht, einen der beiden Protagonisten fragen läßt:  »(...)kann ein Mensch sein in jeder Beziehung? Und er bejate. Und er bejate das immer wieder damals (...)«.

Und er bejate.

Das ist der Bernhard, der es besser wußte. Damals. In der Freundschaft. 1962.

Freitag, 27. September 2019

Der endgültige Kampf


»Wir stehen heute vor der größten Schlacht, die die Menschheit je gesehen hat. Ich denke nicht, daß die christliche Gemeinschaft das schon ganz begriffen hat. Wir befinden uns heute im endgültigen Kampf zwischen der Kirche und der Anti-Kirche, zwischen dem Evangelium und dem Anti-Evangelium.«

So Kardinal Karol Wojtyła, der spätere Papst Johannes Paul II., am 9. November 1976.

Seinerzeit mögen etliche diese Aussage des Kardinals für überzogen gehalten haben. Was meinte er nur? Schließlich war Europa ein prosperierender Kontinent, die Weltwirtschaft florierte, der Zweite Weltkrieg lag Dezennien zurück.

Aber der Kardinal ließ sich nicht beirren.

Während seines Pontifikats faßte Johannes Paul II. die Schlacht, von der er sprach, in die Begriffe, die seitdem zu den präzisen Kennmarken der beiden sich bekämpfenden Lager geworden sind: Hier die Kultur des Lebens, dort die Kultur des Todes.

Und auch da protestierten die notorischen Protestler. Dies sei die obsolete Rhetorik der katholischen Kirche. Die Moderne wisse es besser, schließlich sei die Moderne der Hort und die Garantie von Toleranz und Liberalität.

Johannes Paul II. starb 2005. Seine Diagnose bleibt, unangefochten. Wer eines Beweises bedarf, sollte – unter anderen multiplen Beweisen – mal über diese rezente Begebenheit nachdenken:

Soeben hat New South Wales, ein Bundesstaat im Südosten Australiens (mit Sydney als Hauptstadt), ein Abtreibungsgesetz verabschiedet, das im Grunde die Abtreibung des ungeborenen Kindes bis zur Geburt gestattet.

Und was geschieht im Parlament, wo dieses mörderische Gesetz beschlossen wird?

Pro-Abtreibungspolitiker fallen sich um den Hals, umarmen einander, beglückwünschen sich und jubeln.

Haben wir wirklich verstanden, was uns die Nachrichten da präsentieren? Die Tatsache, daß nun Kinder bis zur Geburt getötet werden können, ist für gewählte Volksvertreter Grund zu Jubel und Applaus und Glückwünschen. Eine Umarmung – Gebärde der Zuneigung und Nähe – wird pervertiert zu einer Geste des Grauens.

»Wir stehen heute vor der größten Schlacht, die die Menschheit je gesehen hat. Ich denke nicht, daß die christliche Gemeinschaft das schon ganz begriffen hat. Wir befinden uns heute im endgültigen Kampf zwischen der Kirche und der Anti-Kirche, zwischen dem Evangelium und dem Anti-Evangelium.«
Der Sieger in diesem Kampf - lassen wir uns nicht beirren - ist Derjenige, der derselbe ist, gestern, heute und in Ewigkeit: Christus. Er hält die Arme offen für die wahre Umarmung.

Grafik: Photo by Robert Nyman on Unsplash

Samstag, 21. September 2019

Die grünen Auen, die Todesschatten und das Haus des Herrn


Eine Umfrage würde wahrscheinlich ergeben, daß der Psalm 23 (Vulgata 22) zu den beliebtesten Gebeten der Kirchgänger zählt.

Der Herr ist mein Hirte. Und nicht nur das. Er führt mich zu den grünen, saftigen Wiesen, Er schenkt mir Ruhe, Er erquickt mich, Er deckt mir den Tisch.

Wunderbar. Was will man mehr.

Aber vielleicht ergeht es uns so, wie es einstens Card. Newman (der heuer am 13. Oktober heiliggesprochen wird) seinen Zeitgenossen diagnostizierte, mehr als einhundert Jahre vor unserer Zeit:

»Was ist jetzt die Religion der Welt? Sie hat die lichtere Seite des Evangeliums aufgegriffen, seine Botschaft des Trostes, seine Gebote der Liebe; alle dunkleren, tieferen Ansichten von der Lage des Menschen und seinen Aussichten sind vergleichsweise vergessen. Das ist die einem zivilisierten Zeitalter natürliche Religion, und geschickt hat Satan sie aufgezogen und vollendet zu einem Trugbild der Wahrheit.«

Wir wollen das Sanfte, das Liebliche, das durch und durch Konfliktfreie. Und weil wir so erpicht sind auf die grünen Augen, die kein Wässerchen trüben darf, radieren wir aus, was dem Lieblichen in die Quere kommt.

Da macht uns nun gerade der idyllische Psalm 23 einen Strich durch die Rechnung. Denn in ihm plätschern nicht nur die Wasser der Erquickung, in ihm werden auch die dunkleren, tieferen Ansichten der Lage des Menschen zur Sprache gebracht.

Denn in der Mitte dieses großen Gebetes drohen schlagartig die Schatten des Todes (so die kräftigere Fassung der Vulgata: in medio umbrae mortis). Und die friedliche Atmosphäre ist eine offensichtlich bedrohte, denn sie ist den Feinden abgerungen, denen, die den Beter bedrängen.

Fatal wäre es, wenn diese dunklen Seiten des Psalms unterschlagen oder routinemäßig überlesen und vergessen würden. Das hieße aus dem Gebet eine billige Vertröstung machen. Die Heilige Schrift jedoch – wie könnte es auch anders sein – entzieht sich jedem Trugbild der Wahrheit.

Es stimmt schon: Der Herr ist mein Hirte. Und es gibt die grünen Auen. Und der Herr will uns in die Ewigkeit führen, in das Haus des Herrn. Doch der Gang in dieses Haus ist ein mit Mühen und Kämpfen beladener. Auch die Züchtigung, die uns überhaupt nicht schmeckt, wird es auf diesem Gang geben, denn der Stab des Hirten ist nicht nur der wegweisende Halt, auch nicht nur die Waffe gegen die Wölfe, sondern bei Bedarf das Mittel, um uns, die Irregehenden, zu züchtigen und auf den rechten Weg zurückzubringen.

Wer dies bejaht, der hat es gut. Der ist umgeben von der Süße der Verheißung.

Denn auch dies gehört zur Größe dieses Gebetes: Die Todesschatten dräuen nicht zu Beginn, sondern sind eingebettet in den strahlenden Anfang und das aufatmende Ende. Der Beter, der bejaht, braucht keine Angst zu haben. Er ist tatsächlich geborgen. Der Sieger ist der Hirte. Dem Schaf obliegt es, die Bedingungen dieses Hirten, der bekanntlich nicht auf einer Wiese, sondern am Kreuz gesiegt hat, anzunehmen.

Grafik: Photo by Adrian Dascal on Unsplash

Samstag, 14. September 2019

Jetzt mußt du dich vorbereiten


»Ich habe einmal in der Sowjetunion mit einem Mönch gesprochen und ihn gefragt, wie man sich als Komponist bessern könne. Er antwortete mir, er wisse dafür keine Lösung. Ich erzählte ihm, daß ich auch Gebete schriebe, Musik zu Gebeten oder Psalmtexten, und daß dies mir als Komponist vielleicht helfen könne. Darauf sagte er: Nein, du irrst dich. Alle Gebete sind schon geschrieben. Du brauchst keine mehr zu schreiben. Das ist alles vorbereitet. Jetzt mußt du dich vorbereiten. - Ich glaube, darin steckt eine Wahrheit. Wir müssen damit rechnen, daß unsere Lieder eines Tages ein Ende nehmen. Vielleicht kommt auch für den größten Künstler der Moment, in dem er nicht mehr Kunst machen will oder muß. Und vielleicht schätzen wir gerade dann sein Schaffen noch höher ein; weil es diesen Augenblick gegeben hat, in dem er über sein Werk hinausgelangt ist.« Arvo Pärt, estnischer Komponist
Grafik:  
Michelangelos letztes Werk, Rondanini Pietà, Ausschnitt. wikicommons

Freitag, 6. September 2019

P. Pio III

Seelen zu retten, ist kein geschmackvoller Zeitvertreib.

Aus etlichen Augenzeugenberichten weiß man, daß der Heilige von San Giovanni Rotondo mit einer verzärtelten Seelsorge nichts anzufangen wußte. Pönitenten - was durchaus keine Seltenheit war – wurde von Pater Pio die Absolution verweigert, weil sie mangelhaft disponiert waren, fehlende Reue an den Tag legten oder aus Neugierde zum heiligen Pater gekommen waren. Schroffheit in der Wortwahl war an der Tagesordnung.

Selbst Mitbrüdern und Nahestehenden des Heiligen waren die harschen Ermahnungen, Schelten und Hinausschmisse des Padre bisweilen zu deftig oder zu wenig zartfühlend.

Ein Biograph schreibt diesbezüglich: »Oft waren P. Pios Stellungnahmen gegen die Überschreitung der göttlichen Gesetze so hart, daß seine Begleiter sich eine sanftere, verständnisvollere Linie gewünscht hätten.«

Aber was verstehen wir schon von der Leidenschaft des Heiligen, Seelen zu retten? Während wir von Achtsamkeit und attraktiver Kirche und Nettsein als den pastoralen Shibboleths plaudern, vergießt der Heilige sein Blut.

Als ein Mitbruder des Stigmatisierten sich einmal wundert »über die Strenge des Paters, anläßlich einer kompromißlosen Stellungnahme gegen die Sünde der Abtreibung«, entgegnet der Heilige im Blick auf das Volk Gottes, welches allzu oft von seinen Hirten im Stich gelassen wird:

»Weißt du, wo das Problem liegt? Unsere Kirchgänger, die keine Strafpredigt brauchen, verwöhnen wir mit guten Worten und überflüssigen Ratschlägen, und die, die etwas Licht bräuchten, lassen wir im Stich, ohne das Allernötigste für ihre Rettung. Die brüderliche Strenge ist mehr wert als alle Nettigkeit der Welt.«

Grafik: Pater Pio in jungen Jahren. wikicommons.
Lit.: Der Padre. Der hl. Pio von Pietrelcina. Die Mission, Seelen zu retten. Augenzeugenberichte I. San Giovanni Rotondo 2010.

Freitag, 30. August 2019

Zum Beispiel: Die Hochzeit des Figaro


Vielleicht ist die berührendste Szene im Film Die Verurteilten diejenige, als der unschuldig verurteilte Andy Dufresne eines Tages im Gefängnis von einem der Gefängniswärter damit überrascht wird, daß die von Dufresnes in den letzten sechs Jahren erfolgten Bittgesuche an Wohltätigkeitsvereine beantwortet worden wird – im Büro des Wärters stehen plötzlich Kisten mit Geschenken an die Gefangenen. Und Andy wird beauftragt, schnellstmöglich das Gelieferte wegzuschaffen.

Und jetzt kommt‘s.

Andy, allein im Büro, schaut sich die geschickten Schätze an und entdeckt unter anderem eine Schallplatte von Mozarts Hochzeit des Figaro. Er nimmt die Platte aus der Hülle und legt sie zum Abspielen auf den Plattenspieler, der sich im Büro befindet

Aber nicht nur das.

Er verschließt schließlich die Bürotüre und stellt die Lautsprecheranlage derart um, daß alle im Gefängnistrakt – vergleichbar einer offiziellen Verlautbarung – mithören können, was da abgespielt wird: Mozarts herrlicher Gesang.

Es dauert nicht lange, bis der wütende Gefängnisdirektor samt Personal an die verschlossene Bürotüre hämmert und Andy anbrüllt, er solle die Türe öffnen und das Gerät abstellen. Aber Andy macht genau das Gegenteil, er dreht die Lautstärkeregler noch einmal höher, damit auch wirklich jeder der Gefangenen die wunderbaren Töne zu hören vermag und in der grausamen Tristesse des Gefängnisalltags den geöffneten Himmel zu genießen vermag.

Exakt dies ist die Wahrheit der Kunst. Denn jede große Kunst sprengt die Gefängnisse, seien es die äußeren, seien es die inneren. Große Kunst führt in die Freiheit. Mozart führt in die Freiheit. Denn große Kunst ist Liebe.

Im Film kommentiert es der Erzähler folgendermaßen:

»Bis zum heutigen Tage weiß ich nicht, wovon die beiden italienischen Damen gesungen haben. Um die Wahrheit zu sagen, ich will‘s auch gar nicht wissen. Es gibt Dinge, die müssen nicht gesagt werden. Ich will annehmen, daß sie von etwas so Schönem gesungen haben, daß man es nicht in Worte fassen kann. Und daß es direkt ins Herz geht. Ich sage Ihnen, diese Stimmen sind höher gestiegen, als man je an so einem trostlosen Ort zu träumen gewagt hätte. Man hatte den Eindruck., als wäre ein wunderschöner Vogel in unseren freudlosen Käfig gefallen und hätte die Mauern zum Einsturz gebracht. Und für den Bruchteil einer Sekunde hatte jeder hier in Shawshank das Gefühl, frei zu sein.«

So ist es. Dem muß nichts hinzugefügt werden.

Samstag, 24. August 2019

Vango

Es ist eine mathematische Gleichung: Ein Buch für Kinder und Jugendliche ist dann und nur dann wirklich gut ist, wenn es auch ein Erwachsener mit großem Gewinn zu lesen vermag. Man mache die Probe mit Alice oder mit Emil oder mit dem Kleinen Hobbit oder mit Tom und Huck.

Oder mit Vango.

Timothée de Fombelle, der Verfasser des zweiteiligen Meisterwerks Vango (Teil I: Zwischen Himmel und Erde. Teil II: Prinz ohne Königreich) beherrscht die alte, schöne Kunst des Erzählens. Und die hat spannend zu sein, derart, daß der Leser mit Fieber und auch Bangen  wissen will, wie die Geschichte, die sich vor seinen Augen entrollt, enden wird.

Aber das ist nicht alles. Es genügt nicht, eine Fabel spannend und rhetorisch geschickt zu erzählen. Der gute Erzähler muß auch die guten Themen haben, die Themen, die jedes menschliche Leben angehen, die der gute Erzähler freilich so zu präsentieren weiß, daß sie das trockene, allzu menschlich-allgemeine Gewand ablegen und sich im Licht zeigen, im Licht der Kunst, die den dramatis personae gerecht werden und also wahr sein will.

Zum Beispiel: Wer bin ich?

Mithin die Frage nach der Identität des Einzelnen. Daß diese Frage keine nebensächliche ist, versteht sich von selbst. De Fombelles Buch ist befeuert von dieser Frage. Es ist die verzehrende Frage Vangos, damit zugleich die Frage nach dem geheimnisvollen Ursprung. Doch ist nicht jeder Ursprung geheimnisvoll?

Sodann die Frage nach dem Guten und dem Bösen. Dieser Frage kann kein Autor ausweichen. Eine der Hauptgestalten des Romans, der Mönch Zefiro, erlebt an einem Wendepunkt der Geschichte, »als er das Böse triumphieren sah«, die Versuchung, an der Macht des Bösen zu verzweifeln. Doch de Fombelle zeigt gleichfalls den Sieg über das Böse. Und es zeichnet ihn aus, daß er diesen Sieg noch im Untergang zeigt.


Und schließlich das Thema der Themen: Die Liebe. Gibt es die Liebe in einer Welt, in der getötet wird, in der die korrupte Macht regiert, in der ein Menschenleben wenig gilt? Gibt es, angesichts von Verwüstung und Verrat, die Liebe und die Treue und die Wahrheit und die Schönheit der erfüllenden Begegnung?

Am Ende von Vango ist der Leser beglückt. Wunderbar, wie die Fäden zusammenlaufen und der Gobelin sich enthüllt. Wunderbar, wie eine äußerst fruchtbare, frohe Fantasie - welche im übrigen die Tatsache widerspiegelt, daß, in den Worten Nietzsches, im echten Manne ein Kind versteckt ist, das spielen will - nicht dammbrechend über die Ufer tritt, sondern sich diszipliniert und zügelt, damit in dem opulenten Gemälde jedes Detail schließlich den ihm gebührenden Platz erhält. Und dies alles ohne krampfhafte Verbiegung, sondern in der spielerischen Kunst des Selbstverständlichen.

In einem Interview wiederholt de Fombelle mit insistierender Emphase, daß er versucht, nicht zu lügen. J'essaie de pas mentir.

Chapeau, Monsieur de Fombelle!

Samstag, 17. August 2019

Es genügt


»Es genügt, daß die Schönheit unseren Überdruß streift, damit unser Herz wie Seide zwischen den Händen des Lebens zerreißt.«

Nicolás Gómez Dávila


Grafik: Photo by Galen Crout on Unsplash

Freitag, 9. August 2019

Die Wahrnehmung


Wie geistreich und also im wahren Wortsinn aufschlußreich ist doch die Sprache.

Nehmen wir das Wort Wahrnehmung.

Das Wort drückt mehr aus als den bloßen physiologischen Sehvorgang. Das Wort will ins Bewußtsein heben, daß wir dann, wenn wir recht schauen, Wahres aufnehmen.

Damit wird zugleich ein dreifach Wesentliches einschlußweise zur Sprache gebracht. Erstens, daß die Wirklichkeit, die sich uns darbietet, erkennbar ist. Zweitens, daß diese Erkennbarkeit deswegen gilt, weil der absolute Logos keine sinnlose, a-logische Welt geschaffen hat, sondern eine, die, eben diesem Logos gemäß, den Gesetzmäßigkeiten des wahren Sinns folgt. Und schließlich drittens, daß wir, wenn wir uns diesem Erkenntnisvorgang stellen, zuallererst Aufnehmende sind.

Alle drei impliziten Feststelllungen sind, wenn wir es genau nehmen, heute Sprengstoff. Denn zum einen wird gerade dies – die Erkennbarkeit der Welt, ihr Erfülltsein von Wahrheit – permanent in Frage gestellt, geleugnet, aggressiv demontiert. Die Welt in toto gilt als Tummelplatz für menschliche Experimente, nicht als Vorgegebenes, welches darauf wartet, daß der Mensch es in demütiger Bereitschaft und Freude erkennt.

Das Naturrecht: Eine fade Illusion. Die Biologie des Menschen: Ein Konstrukt. Die Wahrheit: Eine Floskel beziehungsweise eine Mär für Hinterwäldler.

Und was soll endlich die Rede vom Empfangen und Aufnehmen? Der Mensch unserer Tage, der tagein tagaus die Errungenschaften einer omnipräsenten Technik vor Augen geführt bekommt, die ihm zumal als zugreifende, anpackende und dominierende Handhabe präsentiert wird, will im Reigen der technisch Überlegenen nicht als der Dumme dastehen, sondern gleichfalls ein Sieger sein, was in diesem Zusammenhang heißt: Ein Macher.

All diesen babylonischen Überstiegenheiten widerspricht die schlichte Schönheit des Wortes Wahrnehmung. Mensch, so sagt die Unaufdringlichkeit der Vokabel, leg‘ ab Deinen Übermut und wähle die Demut. Empfange zuerst, bevor Du zu bauen beginnst. Höre den Klang des Universums. Erkenne die wahre Schrift in den Dingen. Und preise den Creator der offenbaren und verborgenen Schriftzeichen. Werde weise!

Vielleicht kann der Scharfsinn eines Sherlock Holmes ein wenig weiterhelfen?

Am Beginn der Abenteuer des berühmten Meisterdetektivs gibt Holmes seinem Adlatus Dr. Watson die grundlegende Lektion.

Watson ist soeben die Treppe zur Wohnung seines Freundes hochgestiegen und sitzt ihm nun gegenüber. Aus dem zwanglosen Gespräch entwickelt sich schließlich der folgende Dialog:

»Sie sehen zwar«, so Holmes, »aber Sie nehmen nicht wahr. Der Unterschied liegt auf der Hand. Sie haben zum Beispiel regelmäßig die Stufen gesehen, die von der Eingangshalle zu diesem Zimmer heraufführen.«

»Regelmäßig.«

»Wie oft?«

»Nun, einige hundert Male.«

»Wie viele Stufen sind es also?«

»Wie viele? Das weiß ich nicht.«

»Allerdings nicht! Sie haben sie eben nicht wahrgenommen. Und gleichwohl haben Sie sie gesehen. Genau das ist der springende Punkt. Nun denn, ich weiß, daß es siebzehn Stufen sind, weil ich sie nicht nur gesehen, sondern auch wahrgenommen habe.«

Zu Beginn dieses bezeichnenden Dialogs sagt Dr. Watson zu Holmes, er sei überzeugt, daß seine, Watsons, Augen genau so gut seien wie die des Detektivs. Dem wird wohl so sein.

Nur, lieber Dr. Watson, um Fragen der Ophthalmologie scheint es hier nicht zu gehen.


Grafik: Sherlock Holmes und Dr. Watson. wikicommons

Freitag, 2. August 2019

Die beiden Bücher


Ein jeder, der einmal in der Sixtinischen Kapelle gewesen ist, wird den bleibenden Eindruck des Jüngsten Gerichts mitnehmen. Michelangelo hat das monumentale Fresko an die Stirnseite der Kapelle plaziert, hinter den Altar.

Christus, in der Glorie, erscheint zum Letzten Gericht. Mit Ihm die Muttergottes und die Heiligen. Es ist die Zeit der letzten Enthüllung, die Zeit der unwiderruflichen Offenbarung. Zur Rechten Christi (von Ihm aus gesehen) sind die Seligen, die gen Himmel auferstehen. Zur Linken Christi stürzen die Verdammten in die Hölle.

Unterhalb des Weltenrichters ist eine Gruppe von Engeln zu sehen, die mit Posaunenstößen zu diesem Letzten Gericht blasen.
Michelangelo inszeniert hier nicht seine privaten Vorlieben, sondern er hält sich an das letzte Buch der Heiligen Schrift, die Apokalypse, wo eben dies geschrieben steht, daß nämlich »die sieben Engel, die vor Gott standen (…) sich bereit machten, die sieben Posaunen zu blasen (8,2.6)«.

Und Michelangelo bringt ebenso ins Bild, was in seiner Detailgetreue schockierend ist und vielleicht vielen entgeht. Denn zu den Engeln mit ihren erschütternden Instrumenten gesellen sich zwei weitere, die jeweils ein Buch in den Händen halten.

Bücher? Ja, Bücher.

Auch hier ist Michelangelo durch und durch bibelfest. Denn in der Offenbarung des Johannes heißt es: »(…) und Bücher wurden aufgeschlagen; auch das Buch des Lebens wurde aufgeschlagen. Die Toten wurden nach ihren Werken gerichtet, nach dem, was in den Büchern aufgeschrieben war« (20,12).

Michelangelo faßt nun diese Bücher in zwei Exemplare: In das Buch des Lebens, welches den Seligen zur Rechten Christi, und in das Buch des Todes, welches den Verdammten zur Linken Christi hingehalten wird.

Dies ist bereits in seiner nackten Unwiderlegbarkeit schockierend genug. Doch weitaus schockierender ist ein Weiteres.


Michelangelo nimmt die Worte Christi vollkommen ernst, er schwächt die Verkündigung des Weltenrichters, der in seinem Erdenleben davon sprach, daß der Weg ins Verderben breit ist und viele auf ihm gehen, während der Weg ins Leben eng ist und nur von wenigen gefunden wird (s. Matthäus-Evangelium 7,13f), nicht ab, sondern er zeigt die Härte der christlichen Verkündigung in aller Härte seiner Kunst. Das Buch des Lebens, so Michelangelo, ist ein kleines Buch, das Buch des Todes, in dem die Vielen verzeichnet sind, die den breiten Weg des Verderbens wählten, ist dagegen ein deutlich größeres Buch.

Wer Augen hat zu sehen, der sehe. Michelangelo malt nicht ein Buch, er malt auch keine zwei gleich großen Bücher oder ein winziges Buch des Todes. Nein, Michelangelo malt das Unausweichliche, er malt die Proportionen der Wahrheit: Das Buch des Lebens ist kostbar und weitaus kleiner als das entsetzliche Buch des Todes.

Von der modernen Verkündigung oder vielmehr Verniedlichung einer billigen Gnade, die unterschiedslos alle Erdenbürger in den Himmel expediert, ist Michelangelo meilenweit entfernt. Wer um den Ernst des Lebens wissen will, der ist gut beraten, sich der heilsamen Schonungslosigkeit dieses Großen, den seine Zeitgenossen nicht umsonst als den göttlichen Michelangelo rühmten, auszusetzen.

Grafiken: Michelangelo, Jüngstes Gericht. Gesamtansicht und Ausschnitt. wiki.commons


Samstag, 27. Juli 2019

Auch Genies…


... brauchen bisweilen Zeiten der Entspannung.

Wir wünschen allen Lesern und Genies erholsame Sommertage!

Freitag, 19. Juli 2019

Amen


Für Ch. D. H. 

»Es ist nicht verständlich, eine unbezweifelbare Wahrheit erst noch erproben zu wollen.«

Miguel de Cervantes Saavedra


Grafik: Photo by Daoudi Aissa on Unsplash

Freitag, 12. Juli 2019

Die discretio


Der heilige Papst Gregor der Große, der Benediktinerpapst auf dem Stuhl Petri, berichtet in seinem berühmt gewordenen zweiten Buch der Dialoge über das Leben des Mönchsvaters Benedikt. Aus den Anfängen der Vita des späteren Abtes wird folgende Begebenheit berichtet:

Benedikt hat - betend, bescheiden - sein erstes Wunder gewirkt.. Und wie es so zu gehen  pflegt: Das Wunder wird bekannt, und die Leute beginnen den Wundertäter zu bewundern. Um jeglicher Ehr- und Ruhmsucht den Boden zu entziehen, flieht Benedikt seine vertraute Umgebung.

Auf seiner Flucht begegnet er einem Mönch namens Romanus. Es ergibt sich ein Zwiegespräch. Romanus erfährt von den Plänen Benedikts, sich in die Einsamkeit zurückzuziehen, weg von den Fallstricken der Welt. Und Romanus hilft dem Fliehenden. Er gibt ihm ein Mönchsgewand und, nachdem Benedikt sich in eine Höhle zurückgezogen hat, hilft Romanus in den nächsten drei Jahren dem abgeschiedenen Einsiedler, indem er diesen mit notwendiger Nahrung versorgt. Dies geschieht, in den Worten des Biographen Gregor, wie folgt:

»Vom Kloster des Romanus führte aber kein Weg zur Höhle Benedikts, weil der Fels oberhalb der Höhle steil aufragte. Romanus ließ daher das Brot immer von diesem Felsen an einem langen Seil hinab; an dem Strick befestigte er auch eine kleine Glocke, damit der Mann Gottes an ihrem Klang erkennen konnte, daß ihm Romanus das Brot brachte. Dann kam er heraus, um es anzunehmen.«

Nach drei Jahren endet gemäß dem göttlichen Plan der Vorsehung das Einsiedlerleben Benedikts. Er wird gerufen in das Hinaus. Die Zeit der Begegnungen beginnt.

Doch die drei verborgenen Jahre in der Höhle von Subiaco sind prägende Jahre, und zu ihnen gehört – wie es ein großer Benediktiner des 20. Jahrhunderts ausgedrückt hat - »die Treue eines unsichtbaren Freundes«.

In der Regel des heiligen Benedikt, die späterhin zum Fundament des entstehenden Ordens wird, nimmt die Tugend der discretio eine zentrale Stellung ein. Damit ist mehr gemeint, als was heute gemeinhin unter Diskretion verstanden wird, als sei diese nicht mehr als eine Art banaler Verschwiegenheit oder Zurückhaltung oder Unauffälligkeit.

Das lateinische Grundwort, von dem das Nomen sich ableitet, lautet, discernere und meint unterscheiden. Die discretio ist damit die Tugend, die in allen Lebensbereichen die Gabe der Unterscheidung pflegt, beherzigt, ausübt. Sie ist die Tugend der Mitte, die die zerstörerischen Extreme befriedet und den Ausgleich zu schaffen weiß zwischen Spannung und Entspannung. Sie vermeidet alles Laute und Vordergründige, sie kommt und ist beheimatet in der Stille und Verborgenheit, weil sie aus Erfahrung weiß, daß Gott selbst, der am Anfang das Wort der Unterscheidung sprach: bara, es werde, der verborgene Gott ist, der sich schließlich in der Menschwerdung des Sohnes diskret verbirgt und offenbart.

Eine Ahnung oder auch ein Gespür für diese grundlegende Tugend zu empfangen, ist in Zeiten, wo es schrill und entblößt zugeht und in denen nicht das Stille gepriesen wird, sondern das Marktschreierische, schwer. Ein Romanus würde heute ins Rampenlicht gezerrt und interviewt und zu Tode photographiert. Für unsichtbare Freunde ist wenig bis kein Platz, wo die In-Diskretion an der Tagesordnung ist.

Und doch bleiben diese unscheinbaren Dinge: Ein Seil und eine Glocke. Wie wenig. Wie viel.

Grafik: Benedikt und Romanus. Illustration from Vita et miracvla Sanctiss.mi Patris Benedicti, 1579, by Bernardino Passeri. Plate 5. Typ 525.79.674, Houghton Library, Harvard University. Wiki.commons

Freitag, 5. Juli 2019

Mit Staunen


Wenn es um‘s Wetter geht, wissen es bekanntlich alle besser. Dann sind plötzlich alle Meteorologen.

Wie in der Geschichte, die wir in der Grundschule lernten.

Da beschwerten sich die Leute beim Lieben Gott über das Wetter. Zu kalt, zu warm, zu regnerisch, zu neblig. Mit einem Wort: Zu falsch halt.

Und da der Liebe Gott viel Geduld mit den Erdenbürgern hat, macht er besagten Leuten einen Vorschlag. Einen Monat lang sollen sie das Wetter in ihre Hand nehmen.

Gesagt, getan.

Doch o weh. Nach einem Monat sieht die Ernte schlecht aus. Das Land liegt brach. Das Vieh jault. Die Menschen stöhnen. Was ist nur schief gelaufen?

Tja, die braven Leutchen haben bei all ihrem furiosen Wettereifer darauf vergessen, daß es auch noch den Wind gibt. Dieser Wind, der, wie geschrieben steht, weht, wo er will, und der selbst unsichtbar sein mag, und ohne den dennoch nichts blühen und gedeihen kann.

Vielleicht hätte es den braven Bürgern damals geholfen, zwei Minuten sich hinzusetzen und einem Gesang zu lauschen, den einer ihrer Mitbürger komponiert hatte. Man darf vermuten, daß auch dieser Mitbürger heiße Sommer kannte, mit Schweiß und Durst und stickigen Nächten. Doch merkwürdig. Dieser Mitbürger als Musiker, den man in späten Jahren liebevoll Papa Haydn nannte, war einverstanden mit den Anordnungen des Lieben Gottes. Und weil er einverstanden war, setzte er sich eines Tages hin und begann, das Schöpfungswerk, zu dem bekanntlich auch das Wetter gehört, zu preisen.

Und diesen Lobpreis vernehmend, gerieten schon anno dazumal die Wiener in Begeisterung. Ja, so ist es. Alles ist sehr gut. Auch das Wetter. Und die Wiener, die doch so gerne motschgern, riefen nun: »Es lebe Papa Haydn! Es lebe die Musik!« Und die kaiserlichen Majestäten riefen: »Bravo!«

Und mit Staunen sieht dieses Wunderwerk der Himmelsbürger frohe Schar.

Grafik: Aufführung der Schöpfung 1808 im Festsaal der alten Universität Wien. wikicommons

Samstag, 29. Juni 2019

Die sonderbaren Bewegungen


Was wissen wir über den Anderen? Was wissen wir wirklich? Wie tief reicht unser Wissen? Was wissen wir von der Geschichte des Anderen, seinen verborgenen Kämpfen, seinen Niederlagen, seinen Siegen, seinen Verwundungen?

Ludwig Wittgenstein (1889-1951), der nachgerade weltberühmt gewordene österreichische Philosoph, hat oft genug, was bezeugt ist, Menschen vor den Kopf gestoßen. Das konnten Familienangehörige sein, Freunde, Zufallsbekanntschaften, wer immer.

Daß er, um den Titel eines Zeitgenossen des Philosophen zu bemühen, ein Schwieriger war, ist unbestritten. Er selbst hat in Aufzeichnungen, Notizen oder Briefen zum Ausdruck gebracht, wie er sich abmühte in seinem Leben, um nicht zu sagen, wie er sich quälte.

Drei seiner Brüder enden durch Suizid. Ein vierter Bruder ist zeitweilig selbstmordgefährdet. Ludwig selbst, jüngstes der Wittgensteingeschwister, zieht immer wieder den Suizid in Erwägung, nach eigenem Geständnis bereits als Zehn-, Elfjähriger.

Das Leben ein Krieg. Diesen Eindruck gewinnt man oft genug, wenn man in seinen Aufzeichnungen liest oder Näheres über sein Leben erfährt. Daß er schließlich im tatsächlichen Krieg, dem Ersten Weltkrieg, sich freiwillig meldet, verwundert nicht, denn der militärische Kampfplatz ist ein willkommener Platz, um dem Tod zu begegnen: »Ich fürchte mich nicht davor, erschossen zu werden«, heißt es im Tagebuch. Und an anderer Stelle: »Wir sind in unmittelbarer Nähe des Feindes (…) Jetzt wäre mir die Gelegenheit gegeben, ein anständiger Mensch zu sein, denn ich stehe vor dem Tod Aug in Aug. Möge der Geist mich erleuchten.« Der Tod auf dem Feld wäre anständig, der Selbstmord ist, so er, »immer eine Schweinerei«.

Was wissen wir über einen Anderen? Über den Mitmenschen?

Die nächsten Familienangehörigen Ludwigs stehen öfters vor einem Rätsel. Warum handelt Ludwig so, wie er handelt? Warum verzichtet er auf sein Vermögen und begeht, gemäß den Worten des betreffenden Bankdirektors, »finanziellen Selbstmord«? Warum verdingt er sich – er, der Hochbegabte - , nachdem er aus Krieg und Kriegsgefangenschaft zurückgekehrt ist, als Volksschullehrer in niederösterreichischen Käffern? Muß das sein?

Seine Schwester Hermine berichtet darüber in ihren autobiographischen Notizen. Da heißt es:
»Seinen zweiten Entschluß, einen ganz unscheinbaren Beruf zu wählen und womöglich Volksschullehrer auf dem Lande zu werden, konnte ich selbst zuerst gar nicht verstehen, und da wir Geschwister uns sehr oft durch Vergleiche miteinander verständigen, sagte ich ihm damals anläßlich eines langen Gesprächs: Wenn ich mir ihn mit seinem philosophisch geschulten Verstand als Volksschullehrer vorstellte, so schiene es mir, als wollte jemand ein Präzisionsinstrument dazu benützen, um Kisten zu öffnen.«

Auf diese Vorhaltung der Schwester hin antwortet Ludwig:
»Du erinnerst mich an einen Menschen, der aus dem geschlossenen Fenster schaut und sich die sonderbaren Bewegungen eines Passanten nicht erklären kann; er weiß nicht, welcher Sturm draußen wütet und daß dieser Mensch sich vielleicht nur mit Mühe auf den Beinen hält.«

Diese Antwort trifft.

Wie oft urteilen wir und halten unser Urteil für hinreichend, ja selbst unfehlbar? Doch unser Urteil hat sich nie die Mühe gemacht, den »sonderbaren Bewegungen« desjenigen, den wir beurteilen, wirklich auf den Grund zu gehen. Wir sind irritiert, das Sonderbare oder Unverständliche stört uns, und wir reagieren als Gestörte, die es vorziehen, ein wohlfeiles Urteil abzugeben und so gleichsam uns selbst vor dem Mißliebigen zu imprägnieren, ohne darüber nachzudenken, daß wir im Sicheren sitzen, im Geschlossenen, in der warmen Stube, während der Andere sich gerade im offenen Sturm befindet. Und die schlimmsten Stürme sind nicht die winterlichen, sondern die seelischen.

Zu entgegnen: Mit dieser Argumentation wäre jedes Fehlverhalten eines Anderen entschuldbar, ist eine Erwiderung, die das Gemeinte verfehlt. Denn es geht hier nicht um Entschuldigungen, sondern um etwas, was jeder Begegnung zuvorliegt: Der Wille zum Wohlwollen.

Bin ich bereit, so viel an Wohlwollen aufzubringen, daß der Andere nicht zuallererst das Urteil erfährt, sondern die Annahme? Die prinzipielle Annahme. Erst dann, wenn diese Annahme gegeben ist, ist überhaupt Gespräch, Begegnung und auch Urteil möglich. Denn das Urteil steht nicht am Anfang, sondern – wenn es notwendig ist – im Danach.

Grafik: Ludwig Wittgenstein, 1929. wikimedia.org/public domain

Freitag, 21. Juni 2019

Die Welt von heute


Wenn eine Nation zerbricht, dann geschieht dies nicht von ungefähr. Das Zerbrechen hat seine Ursachen. Und die ersten Ursachen sind nicht die politischen oder ökonomischen, sondern die moralischen. Wenn eine Nation sittlich verlottert und also den Blick für das Wesentliche verliert, dann ist ihr Untergang nur mehr eine Frage der Zeit.

In seinem posthum erschienenen autobiographischen Werk Die Welt von gestern notiert Stefan Zweig (1881-1942):

»Suche ich mich redlich zu erinnern, so weiß ich kaum einen Kameraden meiner Jugendjahre, der nicht einmal blaß und verstörten Blicks gekommen wäre, der eine, weil er erkrankt war oder eine Erkrankung befürchtete (gemeint ist eine Geschlechtserkrankung, vor allem Syphilis), der zweite, weil er unter einer Erpressung wegen einer Abtreibung stand, der dritte, weil ihm das Geld fehlte, ohne Wissen seiner Familie eine Kur durchzumachen (auch hier ist auf die Geschlechtskrankheit angespielt), der vierte, weil er nicht wußte, wie die Alimente für ein von einer Kellnerin ihm zugeschobenes Kind zu bezahlen, der fünfte, weil ihm in einem Bordell die Brieftasche gestohlen worden war und er nicht wagte, die Anzeige zu machen.«

Zweigs Erinnerungsbuch widmet sich zumal Wien und der k. u. k. Zeit. Die Pseudomoral sieht er partout, zieht freilich aus dem Befund das fatale Fazit, als sei es im Grunde damit getan, das Pseudo zu streichen, um solcherart zur Genesung fortzuschreiten, so als wäre die Urgewalt des Eros mühelos zu bewältigen, wenn man ihn nur frei und ungezwungen, mit einem Wort humanistisch walten läßt.

Joseph Roth, Zeitgenosse Zweigs, kann einen eines Besseren belehren, gleich, ob man sich den Radetzkymarsch oder Die Kapuzinergruft zu Gemüte führt. Roths Helden sind allesamt humanistisch Gebildete. Aber was sagt das schon, wenn ihr Humanismus gleichsam leere Staffage ist, die – so am Ende des Radetzkymarsches – den jungen Trotta dahin bringt, daß er am Grab eines Gefallenen nicht einmal mehr das Vaterunser als letzte Zuwendung zuwege bringt?

Eine Zeit, die sich ihrer humanistischen Attitüde rühmt, ist kein Bollwerk gegen gleich welche Verführung, geschweige denn vermag sie der sittlichen Verwahrlosung zu wehren. Die Tage einer solchen Zeit sind gezählt und zu leicht befunden. Wenn Zweig, erwachsen geworden, im selben Erinnerungsbuch die jungen Menschen, die er nun erlebt, als »antikisch frei« verklärt, fern jeder Verklemmung, so als hätten diese jungen Menschen endlich die Bürde der Pseudomoral abgeschüttelt, dann ist dies bestenfalls eine Sottise.

Er hätte dazu nur die Geschichte einer österreichischen berühmten Familie studieren brauchen, um zu sehen, wie brüchig der hochgerühmte Humanismus und die ebenso hochgerühmte Kultur sind, wenn Allzumenschliches als Herausforderung auf einen zukommt.

In der Familie Wittgenstein, einer der reichen und angesehensten Familien der k. u. k. Zeit wie der darauffolgenden Jahrzehnte, geschieht 1931 und also bereits nach dem Zusammenbruch der Monarchie und ihrer von Zweig konstatierten Pseudomoral folgendes Hausdrama:

Der berühmte Pianist Paul Wittgenstein hat eine seiner Schülerinnen, die einundzwanzigjährige Bassia, geschwängert. Was tun? Das Normalste wäre, dazu zu stehen, zumal die finanziellen Mittel der überaus vermögenden Familie mehr als ausreichend sind, um die junge Frau zu unterstützen.

Aber es kommt anders. Die Schwester Pauls, Gretl, die berühmte Margaret Wittgenstein-Stonborough (von Klimt porträtiert), organisiert, gegen den Willen der jungen Mutter, die eigentlich das Kind behalten will, eine Abtreibung. Das Problem wird damit, wie man so sagt, aus der Welt geschafft. Später wird die junge Frau Gretl beschuldigen, sie zur Abtreibung gezwungen zu haben, und etwa ein Jahr nach der Abtreibung ist die junge Frau tot, gestorben an einem nach der verpfuschten Abtreibung aufgetretenen Krebs.

1931. Man weiß, wie es historisch weiterging. Ist es so erstaunlich, daß eine Nation, in der diejenigen, die kultiviert und bestens sozialisiert sind, die in der Gesellschaft Einfluß haben und als Leitbilder angesehen werden, gleichwohl rücksichtslos ein alltägliches Verbrechen begehen – denn das ist die Abtreibung – , daß eine solche Nation nicht bestehen kann, es sei denn, sie bekehrt sich?

Wir leben Jahrzehnte später, nicht mehr 1931. Doch wie steht es um das Heute?

Der Biograph der Familie Wittgenstein, Alexander Waugh, ebenfalls bestens ausgebildet, zudem Enkel des weltberühmten Schriftstellers Evelyn Waugh, schreibt ausführlich über dieses Abtreibungsgeschehen und die Folgen. Gretl, die Hauptakteurin der Tragödie, nennt er: »Gretl, mit ihrem großen Herzen (…).« Dazu erübrigt sich jedes weitere Wort.

Doch damit sind wir exakt im Heute, in unserer verwahrlosten Zeit, die sich nicht schämt, über besagte Gretl, eine Frau, die 1931 Horror in das Leben Etlicher gebracht hat, diesbezüglich zu notieren (so der Biograph): »Obwohl sie so viel getan hatte, um zu helfen (…).« Helfen? Ist das der Tiefpunkt der humanistischen Mimikry?

Grafik: Rainer Sturm / pixelio.de


Samstag, 15. Juni 2019

Helden



Daß die großen Tech-Firmen mehr und mehr zu Tech-Tyrannen werden, wird mehr und mehr offenbar. Gleich ob Google, youtube,Twitter oder Facebook – wer nicht in die Agenda der Globalisten paßt, wird gnadenlos zensiert und ausrangiert. Das ist keine Verschwörungstheorie, sondern nackte Wahrheit.

Jetzt das neueste Beispiel.

Ein junger Software-Ingenieur bei Pinterest, dem Social-Media-Giganten, der 300 Millionen Nutzer für sich verbucht, wurde Knall auf Fall die Kündigung unter die Nase gehalten. Denn Eric Cochran, so der Name des Helden in the brave new world, hatte Project Veritas, einem Privatunternehmen in den Staaten, welches die Machenschaften von Firmen aufdeckt, Unterlagen zugespielt, aus denen klar hervorgeht, wie Pinterest mißliebige Personen klammheimlich ausschaltet.

Getroffen hatte es Lila Rose und ihre Plattform Live Action. Rose ist seit Jahren eine der profilierten Lebensschützerinnen in den USA. Ihre Internetpräsenz gehört zu den meist frequentierten in der pro-life-Bewegung. Rose ist immer wieder Gast in Talkshows und versteht ihre Positionen bestens argumentativ zu vertreten.

Was machten nun die Macher von Pinterest?

Sie rubrizierten Live Action bewußt unter dem Label Pornographie, um es derart zu blockieren und für Nutzer unauffindbar zu machen. Cochran, der Whistleblower, belegt an den nun veröffentlichten Dokumenten, wie Pinterest, welches sich als tolerant und weltoffen präsentiert, tyrannisch diejenigen verbannt, die Inhalte vertreten, die christliche Prinzipien vertreten, etwa die unhintergehbaren Fundamente des Lebensschutzes. Und die anderen Tech-Tyrannen sekundieren: Youtube etwa sperrt das enthüllende Video von seiner Plattform, um Pinterest derart reinzuwaschen.

Cochran wörtlich in einem ersten Interview nach seiner Entlassung:

»Es geht um Abtreibung. (…) Sie (die Tech-Giganten) verteidigen zu 100% die Abtreibungslobby. Und die Lebensschützer, die es in den großen Tech-Firmen gibt – und es gibt sehr viele – sie müssen zu Project Veritas kommen und offenlegen, was passiert. Es ist notwendig, daß sie, so wie ich es gemacht habe, diese Tech-Konzerne dahin bringen, daß sie explizit öffentlich zugeben, daß sie auf Seiten der Abtreibungslobby stehen.«

Eric Cochran, Lila Rose: Mutig. Intelligent. Pro-life. Helden für heute.

Freitag, 7. Juni 2019

Die Wahl


»Man kann aus dreierlei Beweggründen handeln – als Affe, als heidnischer Philosoph oder als Christ. Wer sich mit den rein sinnlichen Dingen begnügt, ahmt das Wissen und Wirken des Affen nach, der allerdings neugieriger als jedes andere Tier ist und nachäfft, was er andere tun sieht.«

Sel. Niels Stensen
(Arzt, Wissenschaftler, Bischof, 1638 - 1686)


Grafik: Photo by Audronė Locaitytė on Unsplash

Freitag, 31. Mai 2019

Benedicere


Dann führte er sie hinaus in die Nähe von Betanien. Dort erhob er seine Hände und segnete sie.
Und während er sie segnete, verließ er sie und wurde zum Himmel emporgehoben; sie aber fielen vor ihm nieder. Dann kehrten sie in großer Freude nach Jerusalem zurück.
Und sie waren immer im Tempel und priesen Gott.
So beschließt der Evangelist Lukas seinen Bericht über die Himmelfahrt Jesu. Der Abschied Jesu von seinen Jüngern vollzieht sich segnend. Dieser Segen ist kein ephemeres Ereignis, sondern eines der Ewigkeit. In diesem Segen sind die Jünger des Herrn fortan geborgen. Er ist ihre Rüstung, ihre glorreiche Imprägnierung.

Und wie ist die Reaktion der Jünger?

Die Prostratio (als niederfallendes Anbeten des Herrschers des Weltalls), die Freude (als überragendes Erfülltwerden mit der göttlichen Verheißung) und der Lobpreis.

Das Lateinische, ebenso wie das Griechische, verwendet für die beiden Handlungen des Segnens und des Lobpreisens das identische Wort: benedicere beziehungsweise eulogein.

Das ist mehr als eine semantische Zufälligkeit. Hier kommt Wesentliches zur Sprache. Derjenige, der von Gott gesegnet wird, lobpreist. Es ist die naturgemäße Reaktion dessen, der den göttlichen Beistand empfängt und in diesem schützenden Mantel geborgen ist.

Anders gesagt: Derjenige, der sich ganz öffnet für die Gabe des himmlischen Segens, der wird in diesem Segen eingetaucht in das Licht des Schöpfungsmorgens. In diesem Licht leuchten die Verhältnisse und Dinge und Beziehungen in ihrem reinen, ursprünglich gemeinten Dasein. In diesem Licht gibt es nicht den Widerstand gegen die Allmacht des Schöpfers, sondern einfach die nicht zu fassende, dankbare Anerkennung der Tatsache, Kind eben dieses Schöpfers zu sein.

Und da jeder Dank sich ausdrücken will, weil nämlich der Mund davon sprechen will, wovon das Herz voll ist, beginnt der Jubel der Lippen – der Preisgesang auf den gütigen Gott. Und da der Leib mitfeiern will, stimmt er ein in das Benedicere und verneigt sich – tief, und tiefer, da er auch dies anerkennt: Daß er Staub ist, der begnadet ist vom Licht aus der Höhe.


Grafik: Schnorr von Carolsfeld, Himmelfahrt Christi. commons.wikimedia

Freitag, 24. Mai 2019

Matt. Teil IV


Der Sklave
 
Niemand kennt den Toten. Ein herbeigerufener Dominikanerpriester kniet bei dem Toten nieder und betet. Die Ambulanz, die endlich eintrifft, bringt den Toten ins Spital Mater Misericordiae (Mutter der Barmherzigkeit). Die diensthabende Schwester Ignatius bereitet den Verstorbenen für das Begräbnis vor. Wer ist er? Ein armer Bettler? Einer, der herumzieht? Ein unbekannter armer Schlucker?

Als sie den Toten entkleidet, wird sie der Ketten an Matts Leib gewahr, die er offensichtlich bei früheren Aufenthalten, um im Verborgenen zu bleiben, abgelegt hatte.

In den Akten zum Seligsprechungsprozeß steht als Zeugenaussage:

„Mitten um seinen Bauch herum gab es zwei Ketten und einen verknoteten Strick. Die ein Kette hielten wir für eine Kette, wie man sie gewöhnlich als Pferdestrang benutzt, die andere war etwas dünner. Beide waren durch einen verknoteten Strick miteinander verflochten, und mittels Schnüren waren Medaillen an der Kette befestigt. Beide waren verrostet und tief in das Fleisch eingegraben. Am linken Arm wurde gleichfalls eine dünne Kette gefunden, die straff oberhalb des Ellbogens gewunden war, und am rechten Arm war oberhalb des Ellbogens eine verknotete Schnur. An seinem linken Bein war unterhalb des Knies rundherum eine Kette mit einer Schnur gewickelt, und am rechten Bein gab es, in der gleichen Position, einen schwer verknoteten Strick. Um seinen Hals gab es einen sehr schweren Rosenkranz; daran waren große und viele religiöse Medaillen angebracht. Einige der Medaillen hatten die Größe einer halben Crown-Münze, andere waren gewöhnliche Medaillen der Sodalitäten.“

Torheit? Ja, Torheit. Die Torheit des Kreuzes. Die Torheit dessen, der sich gebunden und ausgeliefert weiß an die Unbegreiflichkeit Gottes und dies durch die Hände der Muttergottes. Die Torheit dessen, der Sklave der Liebe sein will.

Denn was heißt Sklave? Es heißt, daß das eigene Leben nicht mehr einem selbst gehört, sondern einem anderen. Man selbst ist enteignet, der Andere hat das Verfügungsrecht auf all das Meine. Doch anders als bei dem traditionellen Begriff von Sklave, der etwa an gewalttätige Verschleppungen von Sklaven des afrikanischen Kontinents denken läßt, ist der geistliche Sklave ein freiwilliger Sklave. Und das ist entscheidend. Man nimmt ihm nicht das Leben, sondern er gibt es freiwillig hin, aus Liebe, und darin seinen göttlichen Meister nachahmend.

Der heilige Ludwig Maria Grignion de Montfort (gestorben 1716) hat die Bedeutung der spirituellen Sklavenschaft neu zum Leben erweckt, dabei den Schwerpunkt darauf legend, daß die Sklavenschaft mit Maria gelebt wird.

Grignions Intuition ist kein Spleen, keine spirituelle Überzogenheit, sondern fußt geradewegs in der Heiligen Schrift. Im berühmten Christushymnus des Philipperbriefes, einem der frühesten christlichen Bekenntnistexte zum Erlösungsgeschehen, in dem die Gesinnung Jesu Christi in knappen Schlüsselsätzen zusammengefaßt wird, schreibt der Apostel Paulus: Seid untereinander so gesinnt, wie es dem Leben in Christus Jesus entspricht: Er war Gott gleich, hielt aber nicht daran fest, wie Gott zu sein, sondern er entäußerte sich und wurde wie ein Sklave und den Menschen gleich (Phil 2,5f)

Hier fällt das Wort: doulos, Sklave. Unabgeschwächt, in aller Nacktheit und Deutlichkeit. Und der heilige Grignion de Montfort nimmt dieses Wort und seinen Inhalt in eben solchem Ernst an und macht es neu fruchtbar. In einem seiner Gebete an Christus, die Ewige Weisheit, schreibt er:

»Ewige Weisheit... ich bete dich an... in der Ewigkeit im Schoße deines Vaters und zur Zeit deiner Menschwerdung im Schoß deiner lobwürdigen Mutter Maria... Ich danke dir dafür, daß du dich selbst verleugnet und die Gestalt eines Sklaven angenommen hast, um mich aus der Sklaverei des Teufels zu befreien. Ich lobe und preise dich, daß du deiner heiligen Mutter Maria in allem untertan sein wolltest, um mich durch sie zu deinem treuen Sklaven zu machen. Aber ich habe das Gelübde und die Versprechen meiner Taufe nicht gehalten...«

Die von Grignion gewünschte Weihe an die Heiligste Dreifaltigkeit durch die Hände der Muttergottes – kurz Marienweihe genannt – ist die Umsetzung dieses Gebetes: Der sich Maria Weihende will endlich sein Taufversprechen leben und durch diesen Akt der Hingabe auf sanfte, kurze, vollkommene und sichere Weise der Gesinnung Christi gleichförmig werden, denn wer könnte ihn besser zur Christusförmigkeit erziehen als Maria, die Mutter Jesu, die vom Erlöser selbst gewürdigt worden ist, Gefäß seiner Menschwerdung zu sein?

Die Spiritualitätsgeschichte nach Montfort ist ohne Montfort nicht zu denken. Etliche religiöse Gemeinschaften – von unzähligen Privatgelübden und Privatinitiativen zu schweigen – verdanken ihren mächtigen Entstehungsimpuls der geistgewirkten Eingebung des Heiligen aus Rennes. Die Weihe an die Heiligste Dreifaltigkeit durch die Hände der Muttergottes wird ein Markstein in der Geschichte des geistlichen Lebens zumal im zwanzigsten Jahrhundert. Um nur einige Bewegungen zu nennen, deren Entstehung wie Spiritualität ohne die Marienweihe nicht denkbar wäre: Legio Mariae, Madonna House, Foyer de Charité.

Und es ist aus den Erinnerungen des heiligen Papstes Johannes Pauls II. bekannt, wie sehr Grignion die Frömmigkeit und den Lebensweg des Papstes prägte, bis dahin, daß sein päpstliches Wappen mit dem Leitspruch Totus tuus  (Ganz der Deine) direktes Kürzel der Marienweihe ist.

Matt seinerseits ist ein leuchtender Zeuge in dieser Überlieferungskette. Vermutlich  um das Jahr 1913 liest er Grignions Werk der Vollkommenen  Hingabe an Maria. Darin empfiehlt der Heilige im Kapitel Die besonderen Übungen der Ganzhingabe als ein geistliches Exerzitium unter anderen, welches die Abhängigkeit von der Muttergottes sowie die Nachfolge des Gekreuzigten sichtbar machen soll, das Tragen eiserner Kettchen. Matt, der nicht für halbe Sachen zu haben ist, setzt, mit Zustimmung seines geistlichen Begleiters, diese Praxis in die Tat um, und dies in direkter, leidenschaftlicher Weise, indem er die ursprüngliche Intuition des heiligen Grignion de Montfort ungeschmälert, unmittelbar, ohne jede geschmäcklerische Interpretation oder Verkürzung lebt.

»Warum zögern wir, das Wort Sklave zu benutzen? Wir haben nicht gezögert, Sklaven der Sünde zu werden«, gibt Catherine de Hueck-Doherty, die Gründerin der geistlichen Gemeinschaft Madonna House einmal zu bedenken.

Matt gibt dem Wort seine Dignität zurück, indem er mit den Augen der Immaculata den Sklaven Jesus Christus betrachtet. Und diesem Sklaven, der arm wird unsretwegen, der Seine Herrlichkeit verläßt um unseres Heiles willen, ja dessen ganzes Leben Sklavendienst ist pro nobis – diesem Sklaven will Matt ähnlich werden. Und die Ketten um Matts Leib sind sichtbarer Ausdruck seines Lehnsverhältnisses, die ihn täglich gemahnen an das Wesentliche: Daß sein Leben nicht ihm gehört, sondern seinem Herrn, und daß er folglich sein Leben für seinen Herrn hingeben will und für die Mitmenschen, die ihm der Herr anvertraut.

Und damit drücken die Ketten Matts wie selbstverständlich auch dies aus: Matt geht den Weg nicht allein, sondern strikt mit Maria, denn auch der Herr hat den Weg über seine Magd Maria genommen (für welchen Titel – Magd – im übrigen der griechische Text des Neuen Testaments gleichfalls das Nomen doule wählt).

Die moderne Ikone, die das Geheimnis Matts widerzuspiegeln versucht, drückt dieses Wesen der vollkommenen Dienerschaft oder – um mit Grignion zu sprechen – der esclavage d'amour et de volonté (Sklavenschaft der Liebe und des Willens) – sehr gut aus.

Man sieht den ehrwürdigen Diener Gottes Matt kniend, rosenkranzbetend, vor einem Bild der Muttergottes mit Kind. Um den Leib Matts windet sich eine Kette, die ihren Ausgang nimmt am Muttergottesbild. Matt hat sich freiwillig  wortwörtlich an Maria und ihren Sohn gebunden. Die Rosenkranzkette in seinen Händen ist die geistliche Schnur, welche die vollkommene Hingabe Matts noch einmal im Zeichen des Gebets versinnbildet. Und genau so, als Angeketteter, der sich ohne jeglichen Vorbehalt restlos in den Dienst der Muttergottes und Jesu Christi stellt, wird Matt der wahrhaft Freie. Denn die zerstörerische Kette, die ihn jahrelang fesselte und niederdrückte, die Kette der Sucht, liegt zerbrochen vor Matts Füßen. Die Alkoholflasche hat keine Gewalt mehr über Matt, dessen Leben nun seinem Meister Jesus gehört.

Und es mag ein Hinweis darauf sein, daß die  Haltung der Ganzhingabe, der freiwilligen Abhängigkeit von Maria und ihrem Sohn, durchaus schriftgemäß ist, wenn auf der Ikone neben dem knienden Matt die Heilige Schrift zu sehen ist, quasi als verbriefte autoritative Besiegelung seines geistlichen Weges.

Wie oft und in wie vielen heiligen Messen hat der Katholik das Herrenwort gehört: Getrennt von Mir könnt ihr nichts tun (Joh 15,5), oder jenes des heiligen Paulus: Obgleich ich frei von allen bin, habe ich mich für alle zum Sklaven gemacht, um möglichst viele zu gewinnen (1 Kor 9,19).  Hier ist einer, der diese Worte hört und nie mehr vergißt. Der sein Leben jeden Tag mehr umgestalten läßt in das heilige Wort hinein, bis schließlich am Ende seines Lebens die Ketten, die er trägt, mit seinem Fleisch verwachsen sind.

Für Grignion war es selbstverständlich, daß die Marienweihe ein Akt ist, der eine Seele voraussetzt, welcher Gott in besonderer Weise dieses Geheimnis der Weihe anvertrauen will. Darum spricht Grignion diese Seele bevorzugt mit den Worten an: Ame prédestinée – Du auserwählte Seele. Es ist die Seele mit dem einfachen, reinen Blick, die bescheidene, demütige Seele. Denn das Wunder der Umgestaltung in Christus, auch dies läßt sich an Matts Leben ablesen,  geschieht in gänzlicher Bescheidenheit.

Als Matt auf der Straße zusammenbricht, weiß niemand der Herbeieilenden, wer da auf dem Erdboden liegt. Es sagt mehr als tausend Worte, daß erst die Entkleidung, nach Matts Tod, Matts Geheimnis aufstrahlen läßt.

Und noch einmal mehr als viele Worte sagt die Tatsache, daß nur ein Foto von Matt auf die Nachwelt gekommen ist, ein Foto zudem, welches zugleich enthüllt und verbirgt. Denn Matt scheut das Spektakuläre. Auch darum ist er der Heilige für uns, die wir heute in der Flut der Sensationen und Spektakel und Nichtigkeiten unterzugehen drohen. Da ist es gut, Matt in seine stille Kammer zu folgen, ihn niederknien zu sehen und gemeinsam mit ihm ein Armer zu werden.

Papst Paul VI. hat Matt am 3. Oktober 1975 zum Ehrwürdigen Diener Gottes ernannt.


Wer mehr wissen will
Morgan Costelloe, Matt Talbot. Hope for Addicts, Dublin 2005.
Eddie Doherty, Matt Talbot, Combermere, Canada 2011 (Madonna House Publications).
Maria-Viola Wildenhain, Ein Mann aus Dublin, Leipzig 1980.
Homepage der Diözese Dublin zu Matt Talbot: http://www.matttalbot.ie/