Freitag, 19. Juli 2019

Amen


Für Ch. D. H. 

»Es ist nicht verständlich, eine unbezweifelbare Wahrheit erst noch erproben zu wollen.«

Miguel de Cervantes Saavedra


Grafik: Photo by Daoudi Aissa on Unsplash

Freitag, 12. Juli 2019

Die discretio


Der heilige Papst Gregor der Große, der Benediktinerpapst auf dem Stuhl Petri, berichtet in seinem berühmt gewordenen zweiten Buch der Dialoge über das Leben des Mönchsvaters Benedikt. Aus den Anfängen der Vita des späteren Abtes wird folgende Begebenheit berichtet:

Benedikt hat - betend, bescheiden - sein erstes Wunder gewirkt.. Und wie es so zu gehen  pflegt: Das Wunder wird bekannt, und die Leute beginnen den Wundertäter zu bewundern. Um jeglicher Ehr- und Ruhmsucht den Boden zu entziehen, flieht Benedikt seine vertraute Umgebung.

Auf seiner Flucht begegnet er einem Mönch namens Romanus. Es ergibt sich ein Zwiegespräch. Romanus erfährt von den Plänen Benedikts, sich in die Einsamkeit zurückzuziehen, weg von den Fallstricken der Welt. Und Romanus hilft dem Fliehenden. Er gibt ihm ein Mönchsgewand und, nachdem Benedikt sich in eine Höhle zurückgezogen hat, hilft Romanus in den nächsten drei Jahren dem abgeschiedenen Einsiedler, indem er diesen mit notwendiger Nahrung versorgt. Dies geschieht, in den Worten des Biographen Gregor, wie folgt:

»Vom Kloster des Romanus führte aber kein Weg zur Höhle Benedikts, weil der Fels oberhalb der Höhle steil aufragte. Romanus ließ daher das Brot immer von diesem Felsen an einem langen Seil hinab; an dem Strick befestigte er auch eine kleine Glocke, damit der Mann Gottes an ihrem Klang erkennen konnte, daß ihm Romanus das Brot brachte. Dann kam er heraus, um es anzunehmen.«

Nach drei Jahren endet gemäß dem göttlichen Plan der Vorsehung das Einsiedlerleben Benedikts. Er wird gerufen in das Hinaus. Die Zeit der Begegnungen beginnt.

Doch die drei verborgenen Jahre in der Höhle von Subiaco sind prägende Jahre, und zu ihnen gehört – wie es ein großer Benediktiner des 20. Jahrhunderts ausgedrückt hat - »die Treue eines unsichtbaren Freundes«.

In der Regel des heiligen Benedikt, die späterhin zum Fundament des entstehenden Ordens wird, nimmt die Tugend der discretio eine zentrale Stellung ein. Damit ist mehr gemeint, als was heute gemeinhin unter Diskretion verstanden wird, als sei diese nicht mehr als eine Art banaler Verschwiegenheit oder Zurückhaltung oder Unauffälligkeit.

Das lateinische Grundwort, von dem das Nomen sich ableitet, lautet, discernere und meint unterscheiden. Die discretio ist damit die Tugend, die in allen Lebensbereichen die Gabe der Unterscheidung pflegt, beherzigt, ausübt. Sie ist die Tugend der Mitte, die die zerstörerischen Extreme befriedet und den Ausgleich zu schaffen weiß zwischen Spannung und Entspannung. Sie vermeidet alles Laute und Vordergründige, sie kommt und ist beheimatet in der Stille und Verborgenheit, weil sie aus Erfahrung weiß, daß Gott selbst, der am Anfang das Wort der Unterscheidung sprach: bara, es werde, der verborgene Gott ist, der sich schließlich in der Menschwerdung des Sohnes diskret verbirgt und offenbart.

Eine Ahnung oder auch ein Gespür für diese grundlegende Tugend zu empfangen, ist in Zeiten, wo es schrill und entblößt zugeht und in denen nicht das Stille gepriesen wird, sondern das Marktschreierische, schwer. Ein Romanus würde heute ins Rampenlicht gezerrt und interviewt und zu Tode photographiert. Für unsichtbare Freunde ist wenig bis kein Platz, wo die In-Diskretion an der Tagesordnung ist.

Und doch bleiben diese unscheinbaren Dinge: Ein Seil und eine Glocke. Wie wenig. Wie viel.

Grafik: Benedikt und Romanus. Illustration from Vita et miracvla Sanctiss.mi Patris Benedicti, 1579, by Bernardino Passeri. Plate 5. Typ 525.79.674, Houghton Library, Harvard University. Wiki.commons

Freitag, 5. Juli 2019

Mit Staunen


Wenn es um‘s Wetter geht, wissen es bekanntlich alle besser. Dann sind plötzlich alle Meteorologen.

Wie in der Geschichte, die wir in der Grundschule lernten.

Da beschwerten sich die Leute beim Lieben Gott über das Wetter. Zu kalt, zu warm, zu regnerisch, zu neblig. Mit einem Wort: Zu falsch halt.

Und da der Liebe Gott viel Geduld mit den Erdenbürgern hat, macht er besagten Leuten einen Vorschlag. Einen Monat lang sollen sie das Wetter in ihre Hand nehmen.

Gesagt, getan.

Doch o weh. Nach einem Monat sieht die Ernte schlecht aus. Das Land liegt brach. Das Vieh jault. Die Menschen stöhnen. Was ist nur schief gelaufen?

Tja, die braven Leutchen haben bei all ihrem furiosen Wettereifer darauf vergessen, daß es auch noch den Wind gibt. Dieser Wind, der, wie geschrieben steht, weht, wo er will, und der selbst unsichtbar sein mag, und ohne den dennoch nichts blühen und gedeihen kann.

Vielleicht hätte es den braven Bürgern damals geholfen, zwei Minuten sich hinzusetzen und einem Gesang zu lauschen, den einer ihrer Mitbürger komponiert hatte. Man darf vermuten, daß auch dieser Mitbürger heiße Sommer kannte, mit Schweiß und Durst und stickigen Nächten. Doch merkwürdig. Dieser Mitbürger als Musiker, den man in späten Jahren liebevoll Papa Haydn nannte, war einverstanden mit den Anordnungen des Lieben Gottes. Und weil er einverstanden war, setzte er sich eines Tages hin und begann, das Schöpfungswerk, zu dem bekanntlich auch das Wetter gehört, zu preisen.

Und diesen Lobpreis vernehmend, gerieten schon anno dazumal die Wiener in Begeisterung. Ja, so ist es. Alles ist sehr gut. Auch das Wetter. Und die Wiener, die doch so gerne motschgern, riefen nun: »Es lebe Papa Haydn! Es lebe die Musik!« Und die kaiserlichen Majestäten riefen: »Bravo!«

Und mit Staunen sieht dieses Wunderwerk der Himmelsbürger frohe Schar.

Grafik: Aufführung der Schöpfung 1808 im Festsaal der alten Universität Wien. wikicommons

Samstag, 29. Juni 2019

Die sonderbaren Bewegungen


Was wissen wir über den Anderen? Was wissen wir wirklich? Wie tief reicht unser Wissen? Was wissen wir von der Geschichte des Anderen, seinen verborgenen Kämpfen, seinen Niederlagen, seinen Siegen, seinen Verwundungen?

Ludwig Wittgenstein (1889-1951), der nachgerade weltberühmt gewordene österreichische Philosoph, hat oft genug, was bezeugt ist, Menschen vor den Kopf gestoßen. Das konnten Familienangehörige sein, Freunde, Zufallsbekanntschaften, wer immer.

Daß er, um den Titel eines Zeitgenossen des Philosophen zu bemühen, ein Schwieriger war, ist unbestritten. Er selbst hat in Aufzeichnungen, Notizen oder Briefen zum Ausdruck gebracht, wie er sich abmühte in seinem Leben, um nicht zu sagen, wie er sich quälte.

Drei seiner Brüder enden durch Suizid. Ein vierter Bruder ist zeitweilig selbstmordgefährdet. Ludwig selbst, jüngstes der Wittgensteingeschwister, zieht immer wieder den Suizid in Erwägung, nach eigenem Geständnis bereits als Zehn-, Elfjähriger.

Das Leben ein Krieg. Diesen Eindruck gewinnt man oft genug, wenn man in seinen Aufzeichnungen liest oder Näheres über sein Leben erfährt. Daß er schließlich im tatsächlichen Krieg, dem Ersten Weltkrieg, sich freiwillig meldet, verwundert nicht, denn der militärische Kampfplatz ist ein willkommener Platz, um dem Tod zu begegnen: »Ich fürchte mich nicht davor, erschossen zu werden«, heißt es im Tagebuch. Und an anderer Stelle: »Wir sind in unmittelbarer Nähe des Feindes (…) Jetzt wäre mir die Gelegenheit gegeben, ein anständiger Mensch zu sein, denn ich stehe vor dem Tod Aug in Aug. Möge der Geist mich erleuchten.« Der Tod auf dem Feld wäre anständig, der Selbstmord ist, so er, »immer eine Schweinerei«.

Was wissen wir über einen Anderen? Über den Mitmenschen?

Die nächsten Familienangehörigen Ludwigs stehen öfters vor einem Rätsel. Warum handelt Ludwig so, wie er handelt? Warum verzichtet er auf sein Vermögen und begeht, gemäß den Worten des betreffenden Bankdirektors, »finanziellen Selbstmord«? Warum verdingt er sich – er, der Hochbegabte - , nachdem er aus Krieg und Kriegsgefangenschaft zurückgekehrt ist, als Volksschullehrer in niederösterreichischen Käffern? Muß das sein?

Seine Schwester Hermine berichtet darüber in ihren autobiographischen Notizen. Da heißt es:
»Seinen zweiten Entschluß, einen ganz unscheinbaren Beruf zu wählen und womöglich Volksschullehrer auf dem Lande zu werden, konnte ich selbst zuerst gar nicht verstehen, und da wir Geschwister uns sehr oft durch Vergleiche miteinander verständigen, sagte ich ihm damals anläßlich eines langen Gesprächs: Wenn ich mir ihn mit seinem philosophisch geschulten Verstand als Volksschullehrer vorstellte, so schiene es mir, als wollte jemand ein Präzisionsinstrument dazu benützen, um Kisten zu öffnen.«

Auf diese Vorhaltung der Schwester hin antwortet Ludwig:
»Du erinnerst mich an einen Menschen, der aus dem geschlossenen Fenster schaut und sich die sonderbaren Bewegungen eines Passanten nicht erklären kann; er weiß nicht, welcher Sturm draußen wütet und daß dieser Mensch sich vielleicht nur mit Mühe auf den Beinen hält.«

Diese Antwort trifft.

Wie oft urteilen wir und halten unser Urteil für hinreichend, ja selbst unfehlbar? Doch unser Urteil hat sich nie die Mühe gemacht, den »sonderbaren Bewegungen« desjenigen, den wir beurteilen, wirklich auf den Grund zu gehen. Wir sind irritiert, das Sonderbare oder Unverständliche stört uns, und wir reagieren als Gestörte, die es vorziehen, ein wohlfeiles Urteil abzugeben und so gleichsam uns selbst vor dem Mißliebigen zu imprägnieren, ohne darüber nachzudenken, daß wir im Sicheren sitzen, im Geschlossenen, in der warmen Stube, während der Andere sich gerade im offenen Sturm befindet. Und die schlimmsten Stürme sind nicht die winterlichen, sondern die seelischen.

Zu entgegnen: Mit dieser Argumentation wäre jedes Fehlverhalten eines Anderen entschuldbar, ist eine Erwiderung, die das Gemeinte verfehlt. Denn es geht hier nicht um Entschuldigungen, sondern um etwas, was jeder Begegnung zuvorliegt: Der Wille zum Wohlwollen.

Bin ich bereit, so viel an Wohlwollen aufzubringen, daß der Andere nicht zuallererst das Urteil erfährt, sondern die Annahme? Die prinzipielle Annahme. Erst dann, wenn diese Annahme gegeben ist, ist überhaupt Gespräch, Begegnung und auch Urteil möglich. Denn das Urteil steht nicht am Anfang, sondern – wenn es notwendig ist – im Danach.

Grafik: Ludwig Wittgenstein, 1929. wikimedia.org/public domain

Freitag, 21. Juni 2019

Die Welt von heute


Wenn eine Nation zerbricht, dann geschieht dies nicht von ungefähr. Das Zerbrechen hat seine Ursachen. Und die ersten Ursachen sind nicht die politischen oder ökonomischen, sondern die moralischen. Wenn eine Nation sittlich verlottert und also den Blick für das Wesentliche verliert, dann ist ihr Untergang nur mehr eine Frage der Zeit.

In seinem posthum erschienenen autobiographischen Werk Die Welt von gestern notiert Stefan Zweig (1881-1942):

»Suche ich mich redlich zu erinnern, so weiß ich kaum einen Kameraden meiner Jugendjahre, der nicht einmal blaß und verstörten Blicks gekommen wäre, der eine, weil er erkrankt war oder eine Erkrankung befürchtete (gemeint ist eine Geschlechtserkrankung, vor allem Syphilis), der zweite, weil er unter einer Erpressung wegen einer Abtreibung stand, der dritte, weil ihm das Geld fehlte, ohne Wissen seiner Familie eine Kur durchzumachen (auch hier ist auf die Geschlechtskrankheit angespielt), der vierte, weil er nicht wußte, wie die Alimente für ein von einer Kellnerin ihm zugeschobenes Kind zu bezahlen, der fünfte, weil ihm in einem Bordell die Brieftasche gestohlen worden war und er nicht wagte, die Anzeige zu machen.«

Zweigs Erinnerungsbuch widmet sich zumal Wien und der k. u. k. Zeit. Die Pseudomoral sieht er partout, zieht freilich aus dem Befund das fatale Fazit, als sei es im Grunde damit getan, das Pseudo zu streichen, um solcherart zur Genesung fortzuschreiten, so als wäre die Urgewalt des Eros mühelos zu bewältigen, wenn man ihn nur frei und ungezwungen, mit einem Wort humanistisch walten läßt.

Joseph Roth, Zeitgenosse Zweigs, kann einen eines Besseren belehren, gleich, ob man sich den Radetzkymarsch oder Die Kapuzinergruft zu Gemüte führt. Roths Helden sind allesamt humanistisch Gebildete. Aber was sagt das schon, wenn ihr Humanismus gleichsam leere Staffage ist, die – so am Ende des Radetzkymarsches – den jungen Trotta dahin bringt, daß er am Grab eines Gefallenen nicht einmal mehr das Vaterunser als letzte Zuwendung zuwege bringt?

Eine Zeit, die sich ihrer humanistischen Attitüde rühmt, ist kein Bollwerk gegen gleich welche Verführung, geschweige denn vermag sie der sittlichen Verwahrlosung zu wehren. Die Tage einer solchen Zeit sind gezählt und zu leicht befunden. Wenn Zweig, erwachsen geworden, im selben Erinnerungsbuch die jungen Menschen, die er nun erlebt, als »antikisch frei« verklärt, fern jeder Verklemmung, so als hätten diese jungen Menschen endlich die Bürde der Pseudomoral abgeschüttelt, dann ist dies bestenfalls eine Sottise.

Er hätte dazu nur die Geschichte einer österreichischen berühmten Familie studieren brauchen, um zu sehen, wie brüchig der hochgerühmte Humanismus und die ebenso hochgerühmte Kultur sind, wenn Allzumenschliches als Herausforderung auf einen zukommt.

In der Familie Wittgenstein, einer der reichen und angesehensten Familien der k. u. k. Zeit wie der darauffolgenden Jahrzehnte, geschieht 1931 und also bereits nach dem Zusammenbruch der Monarchie und ihrer von Zweig konstatierten Pseudomoral folgendes Hausdrama:

Der berühmte Pianist Paul Wittgenstein hat eine seiner Schülerinnen, die einundzwanzigjährige Bassia, geschwängert. Was tun? Das Normalste wäre, dazu zu stehen, zumal die finanziellen Mittel der überaus vermögenden Familie mehr als ausreichend sind, um die junge Frau zu unterstützen.

Aber es kommt anders. Die Schwester Pauls, Gretl, die berühmte Margaret Wittgenstein-Stonborough (von Klimt porträtiert), organisiert, gegen den Willen der jungen Mutter, die eigentlich das Kind behalten will, eine Abtreibung. Das Problem wird damit, wie man so sagt, aus der Welt geschafft. Später wird die junge Frau Gretl beschuldigen, sie zur Abtreibung gezwungen zu haben, und etwa ein Jahr nach der Abtreibung ist die junge Frau tot, gestorben an einem nach der verpfuschten Abtreibung aufgetretenen Krebs.

1931. Man weiß, wie es historisch weiterging. Ist es so erstaunlich, daß eine Nation, in der diejenigen, die kultiviert und bestens sozialisiert sind, die in der Gesellschaft Einfluß haben und als Leitbilder angesehen werden, gleichwohl rücksichtslos ein alltägliches Verbrechen begehen – denn das ist die Abtreibung – , daß eine solche Nation nicht bestehen kann, es sei denn, sie bekehrt sich?

Wir leben Jahrzehnte später, nicht mehr 1931. Doch wie steht es um das Heute?

Der Biograph der Familie Wittgenstein, Alexander Waugh, ebenfalls bestens ausgebildet, zudem Enkel des weltberühmten Schriftstellers Evelyn Waugh, schreibt ausführlich über dieses Abtreibungsgeschehen und die Folgen. Gretl, die Hauptakteurin der Tragödie, nennt er: »Gretl, mit ihrem großen Herzen (…).« Dazu erübrigt sich jedes weitere Wort.

Doch damit sind wir exakt im Heute, in unserer verwahrlosten Zeit, die sich nicht schämt, über besagte Gretl, eine Frau, die 1931 Horror in das Leben Etlicher gebracht hat, diesbezüglich zu notieren (so der Biograph): »Obwohl sie so viel getan hatte, um zu helfen (…).« Helfen? Ist das der Tiefpunkt der humanistischen Mimikry?

Grafik: Rainer Sturm / pixelio.de


Samstag, 15. Juni 2019

Helden



Daß die großen Tech-Firmen mehr und mehr zu Tech-Tyrannen werden, wird mehr und mehr offenbar. Gleich ob Google, youtube,Twitter oder Facebook – wer nicht in die Agenda der Globalisten paßt, wird gnadenlos zensiert und ausrangiert. Das ist keine Verschwörungstheorie, sondern nackte Wahrheit.

Jetzt das neueste Beispiel.

Ein junger Software-Ingenieur bei Pinterest, dem Social-Media-Giganten, der 300 Millionen Nutzer für sich verbucht, wurde Knall auf Fall die Kündigung unter die Nase gehalten. Denn Eric Cochran, so der Name des Helden in the brave new world, hatte Project Veritas, einem Privatunternehmen in den Staaten, welches die Machenschaften von Firmen aufdeckt, Unterlagen zugespielt, aus denen klar hervorgeht, wie Pinterest mißliebige Personen klammheimlich ausschaltet.

Getroffen hatte es Lila Rose und ihre Plattform Live Action. Rose ist seit Jahren eine der profilierten Lebensschützerinnen in den USA. Ihre Internetpräsenz gehört zu den meist frequentierten in der pro-life-Bewegung. Rose ist immer wieder Gast in Talkshows und versteht ihre Positionen bestens argumentativ zu vertreten.

Was machten nun die Macher von Pinterest?

Sie rubrizierten Live Action bewußt unter dem Label Pornographie, um es derart zu blockieren und für Nutzer unauffindbar zu machen. Cochran, der Whistleblower, belegt an den nun veröffentlichten Dokumenten, wie Pinterest, welches sich als tolerant und weltoffen präsentiert, tyrannisch diejenigen verbannt, die Inhalte vertreten, die christliche Prinzipien vertreten, etwa die unhintergehbaren Fundamente des Lebensschutzes. Und die anderen Tech-Tyrannen sekundieren: Youtube etwa sperrt das enthüllende Video von seiner Plattform, um Pinterest derart reinzuwaschen.

Cochran wörtlich in einem ersten Interview nach seiner Entlassung:

»Es geht um Abtreibung. (…) Sie (die Tech-Giganten) verteidigen zu 100% die Abtreibungslobby. Und die Lebensschützer, die es in den großen Tech-Firmen gibt – und es gibt sehr viele – sie müssen zu Project Veritas kommen und offenlegen, was passiert. Es ist notwendig, daß sie, so wie ich es gemacht habe, diese Tech-Konzerne dahin bringen, daß sie explizit öffentlich zugeben, daß sie auf Seiten der Abtreibungslobby stehen.«

Eric Cochran, Lila Rose: Mutig. Intelligent. Pro-life. Helden für heute.

Freitag, 7. Juni 2019

Die Wahl


»Man kann aus dreierlei Beweggründen handeln – als Affe, als heidnischer Philosoph oder als Christ. Wer sich mit den rein sinnlichen Dingen begnügt, ahmt das Wissen und Wirken des Affen nach, der allerdings neugieriger als jedes andere Tier ist und nachäfft, was er andere tun sieht.«

Sel. Niels Stensen
(Arzt, Wissenschaftler, Bischof, 1638 - 1686)


Grafik: Photo by Audronė Locaitytė on Unsplash

Freitag, 31. Mai 2019

Benedicere


Dann führte er sie hinaus in die Nähe von Betanien. Dort erhob er seine Hände und segnete sie.
Und während er sie segnete, verließ er sie und wurde zum Himmel emporgehoben; sie aber fielen vor ihm nieder. Dann kehrten sie in großer Freude nach Jerusalem zurück.
Und sie waren immer im Tempel und priesen Gott.
So beschließt der Evangelist Lukas seinen Bericht über die Himmelfahrt Jesu. Der Abschied Jesu von seinen Jüngern vollzieht sich segnend. Dieser Segen ist kein ephemeres Ereignis, sondern eines der Ewigkeit. In diesem Segen sind die Jünger des Herrn fortan geborgen. Er ist ihre Rüstung, ihre glorreiche Imprägnierung.

Und wie ist die Reaktion der Jünger?

Die Prostratio (als niederfallendes Anbeten des Herrschers des Weltalls), die Freude (als überragendes Erfülltwerden mit der göttlichen Verheißung) und der Lobpreis.

Das Lateinische, ebenso wie das Griechische, verwendet für die beiden Handlungen des Segnens und des Lobpreisens das identische Wort: benedicere beziehungsweise eulogein.

Das ist mehr als eine semantische Zufälligkeit. Hier kommt Wesentliches zur Sprache. Derjenige, der von Gott gesegnet wird, lobpreist. Es ist die naturgemäße Reaktion dessen, der den göttlichen Beistand empfängt und in diesem schützenden Mantel geborgen ist.

Anders gesagt: Derjenige, der sich ganz öffnet für die Gabe des himmlischen Segens, der wird in diesem Segen eingetaucht in das Licht des Schöpfungsmorgens. In diesem Licht leuchten die Verhältnisse und Dinge und Beziehungen in ihrem reinen, ursprünglich gemeinten Dasein. In diesem Licht gibt es nicht den Widerstand gegen die Allmacht des Schöpfers, sondern einfach die nicht zu fassende, dankbare Anerkennung der Tatsache, Kind eben dieses Schöpfers zu sein.

Und da jeder Dank sich ausdrücken will, weil nämlich der Mund davon sprechen will, wovon das Herz voll ist, beginnt der Jubel der Lippen – der Preisgesang auf den gütigen Gott. Und da der Leib mitfeiern will, stimmt er ein in das Benedicere und verneigt sich – tief, und tiefer, da er auch dies anerkennt: Daß er Staub ist, der begnadet ist vom Licht aus der Höhe.


Grafik: Schnorr von Carolsfeld, Himmelfahrt Christi. commons.wikimedia

Freitag, 24. Mai 2019

Matt. Teil IV


Der Sklave
 
Niemand kennt den Toten. Ein herbeigerufener Dominikanerpriester kniet bei dem Toten nieder und betet. Die Ambulanz, die endlich eintrifft, bringt den Toten ins Spital Mater Misericordiae (Mutter der Barmherzigkeit). Die diensthabende Schwester Ignatius bereitet den Verstorbenen für das Begräbnis vor. Wer ist er? Ein armer Bettler? Einer, der herumzieht? Ein unbekannter armer Schlucker?

Als sie den Toten entkleidet, wird sie der Ketten an Matts Leib gewahr, die er offensichtlich bei früheren Aufenthalten, um im Verborgenen zu bleiben, abgelegt hatte.

In den Akten zum Seligsprechungsprozeß steht als Zeugenaussage:

„Mitten um seinen Bauch herum gab es zwei Ketten und einen verknoteten Strick. Die ein Kette hielten wir für eine Kette, wie man sie gewöhnlich als Pferdestrang benutzt, die andere war etwas dünner. Beide waren durch einen verknoteten Strick miteinander verflochten, und mittels Schnüren waren Medaillen an der Kette befestigt. Beide waren verrostet und tief in das Fleisch eingegraben. Am linken Arm wurde gleichfalls eine dünne Kette gefunden, die straff oberhalb des Ellbogens gewunden war, und am rechten Arm war oberhalb des Ellbogens eine verknotete Schnur. An seinem linken Bein war unterhalb des Knies rundherum eine Kette mit einer Schnur gewickelt, und am rechten Bein gab es, in der gleichen Position, einen schwer verknoteten Strick. Um seinen Hals gab es einen sehr schweren Rosenkranz; daran waren große und viele religiöse Medaillen angebracht. Einige der Medaillen hatten die Größe einer halben Crown-Münze, andere waren gewöhnliche Medaillen der Sodalitäten.“

Torheit? Ja, Torheit. Die Torheit des Kreuzes. Die Torheit dessen, der sich gebunden und ausgeliefert weiß an die Unbegreiflichkeit Gottes und dies durch die Hände der Muttergottes. Die Torheit dessen, der Sklave der Liebe sein will.

Denn was heißt Sklave? Es heißt, daß das eigene Leben nicht mehr einem selbst gehört, sondern einem anderen. Man selbst ist enteignet, der Andere hat das Verfügungsrecht auf all das Meine. Doch anders als bei dem traditionellen Begriff von Sklave, der etwa an gewalttätige Verschleppungen von Sklaven des afrikanischen Kontinents denken läßt, ist der geistliche Sklave ein freiwilliger Sklave. Und das ist entscheidend. Man nimmt ihm nicht das Leben, sondern er gibt es freiwillig hin, aus Liebe, und darin seinen göttlichen Meister nachahmend.

Der heilige Ludwig Maria Grignion de Montfort (gestorben 1716) hat die Bedeutung der spirituellen Sklavenschaft neu zum Leben erweckt, dabei den Schwerpunkt darauf legend, daß die Sklavenschaft mit Maria gelebt wird.

Grignions Intuition ist kein Spleen, keine spirituelle Überzogenheit, sondern fußt geradewegs in der Heiligen Schrift. Im berühmten Christushymnus des Philipperbriefes, einem der frühesten christlichen Bekenntnistexte zum Erlösungsgeschehen, in dem die Gesinnung Jesu Christi in knappen Schlüsselsätzen zusammengefaßt wird, schreibt der Apostel Paulus: Seid untereinander so gesinnt, wie es dem Leben in Christus Jesus entspricht: Er war Gott gleich, hielt aber nicht daran fest, wie Gott zu sein, sondern er entäußerte sich und wurde wie ein Sklave und den Menschen gleich (Phil 2,5f)

Hier fällt das Wort: doulos, Sklave. Unabgeschwächt, in aller Nacktheit und Deutlichkeit. Und der heilige Grignion de Montfort nimmt dieses Wort und seinen Inhalt in eben solchem Ernst an und macht es neu fruchtbar. In einem seiner Gebete an Christus, die Ewige Weisheit, schreibt er:

»Ewige Weisheit... ich bete dich an... in der Ewigkeit im Schoße deines Vaters und zur Zeit deiner Menschwerdung im Schoß deiner lobwürdigen Mutter Maria... Ich danke dir dafür, daß du dich selbst verleugnet und die Gestalt eines Sklaven angenommen hast, um mich aus der Sklaverei des Teufels zu befreien. Ich lobe und preise dich, daß du deiner heiligen Mutter Maria in allem untertan sein wolltest, um mich durch sie zu deinem treuen Sklaven zu machen. Aber ich habe das Gelübde und die Versprechen meiner Taufe nicht gehalten...«

Die von Grignion gewünschte Weihe an die Heiligste Dreifaltigkeit durch die Hände der Muttergottes – kurz Marienweihe genannt – ist die Umsetzung dieses Gebetes: Der sich Maria Weihende will endlich sein Taufversprechen leben und durch diesen Akt der Hingabe auf sanfte, kurze, vollkommene und sichere Weise der Gesinnung Christi gleichförmig werden, denn wer könnte ihn besser zur Christusförmigkeit erziehen als Maria, die Mutter Jesu, die vom Erlöser selbst gewürdigt worden ist, Gefäß seiner Menschwerdung zu sein?

Die Spiritualitätsgeschichte nach Montfort ist ohne Montfort nicht zu denken. Etliche religiöse Gemeinschaften – von unzähligen Privatgelübden und Privatinitiativen zu schweigen – verdanken ihren mächtigen Entstehungsimpuls der geistgewirkten Eingebung des Heiligen aus Rennes. Die Weihe an die Heiligste Dreifaltigkeit durch die Hände der Muttergottes wird ein Markstein in der Geschichte des geistlichen Lebens zumal im zwanzigsten Jahrhundert. Um nur einige Bewegungen zu nennen, deren Entstehung wie Spiritualität ohne die Marienweihe nicht denkbar wäre: Legio Mariae, Madonna House, Foyer de Charité.

Und es ist aus den Erinnerungen des heiligen Papstes Johannes Pauls II. bekannt, wie sehr Grignion die Frömmigkeit und den Lebensweg des Papstes prägte, bis dahin, daß sein päpstliches Wappen mit dem Leitspruch Totus tuus  (Ganz der Deine) direktes Kürzel der Marienweihe ist.

Matt seinerseits ist ein leuchtender Zeuge in dieser Überlieferungskette. Vermutlich  um das Jahr 1913 liest er Grignions Werk der Vollkommenen  Hingabe an Maria. Darin empfiehlt der Heilige im Kapitel Die besonderen Übungen der Ganzhingabe als ein geistliches Exerzitium unter anderen, welches die Abhängigkeit von der Muttergottes sowie die Nachfolge des Gekreuzigten sichtbar machen soll, das Tragen eiserner Kettchen. Matt, der nicht für halbe Sachen zu haben ist, setzt, mit Zustimmung seines geistlichen Begleiters, diese Praxis in die Tat um, und dies in direkter, leidenschaftlicher Weise, indem er die ursprüngliche Intuition des heiligen Grignion de Montfort ungeschmälert, unmittelbar, ohne jede geschmäcklerische Interpretation oder Verkürzung lebt.

»Warum zögern wir, das Wort Sklave zu benutzen? Wir haben nicht gezögert, Sklaven der Sünde zu werden«, gibt Catherine de Hueck-Doherty, die Gründerin der geistlichen Gemeinschaft Madonna House einmal zu bedenken.

Matt gibt dem Wort seine Dignität zurück, indem er mit den Augen der Immaculata den Sklaven Jesus Christus betrachtet. Und diesem Sklaven, der arm wird unsretwegen, der Seine Herrlichkeit verläßt um unseres Heiles willen, ja dessen ganzes Leben Sklavendienst ist pro nobis – diesem Sklaven will Matt ähnlich werden. Und die Ketten um Matts Leib sind sichtbarer Ausdruck seines Lehnsverhältnisses, die ihn täglich gemahnen an das Wesentliche: Daß sein Leben nicht ihm gehört, sondern seinem Herrn, und daß er folglich sein Leben für seinen Herrn hingeben will und für die Mitmenschen, die ihm der Herr anvertraut.

Und damit drücken die Ketten Matts wie selbstverständlich auch dies aus: Matt geht den Weg nicht allein, sondern strikt mit Maria, denn auch der Herr hat den Weg über seine Magd Maria genommen (für welchen Titel – Magd – im übrigen der griechische Text des Neuen Testaments gleichfalls das Nomen doule wählt).

Die moderne Ikone, die das Geheimnis Matts widerzuspiegeln versucht, drückt dieses Wesen der vollkommenen Dienerschaft oder – um mit Grignion zu sprechen – der esclavage d'amour et de volonté (Sklavenschaft der Liebe und des Willens) – sehr gut aus.

Man sieht den ehrwürdigen Diener Gottes Matt kniend, rosenkranzbetend, vor einem Bild der Muttergottes mit Kind. Um den Leib Matts windet sich eine Kette, die ihren Ausgang nimmt am Muttergottesbild. Matt hat sich freiwillig  wortwörtlich an Maria und ihren Sohn gebunden. Die Rosenkranzkette in seinen Händen ist die geistliche Schnur, welche die vollkommene Hingabe Matts noch einmal im Zeichen des Gebets versinnbildet. Und genau so, als Angeketteter, der sich ohne jeglichen Vorbehalt restlos in den Dienst der Muttergottes und Jesu Christi stellt, wird Matt der wahrhaft Freie. Denn die zerstörerische Kette, die ihn jahrelang fesselte und niederdrückte, die Kette der Sucht, liegt zerbrochen vor Matts Füßen. Die Alkoholflasche hat keine Gewalt mehr über Matt, dessen Leben nun seinem Meister Jesus gehört.

Und es mag ein Hinweis darauf sein, daß die  Haltung der Ganzhingabe, der freiwilligen Abhängigkeit von Maria und ihrem Sohn, durchaus schriftgemäß ist, wenn auf der Ikone neben dem knienden Matt die Heilige Schrift zu sehen ist, quasi als verbriefte autoritative Besiegelung seines geistlichen Weges.

Wie oft und in wie vielen heiligen Messen hat der Katholik das Herrenwort gehört: Getrennt von Mir könnt ihr nichts tun (Joh 15,5), oder jenes des heiligen Paulus: Obgleich ich frei von allen bin, habe ich mich für alle zum Sklaven gemacht, um möglichst viele zu gewinnen (1 Kor 9,19).  Hier ist einer, der diese Worte hört und nie mehr vergißt. Der sein Leben jeden Tag mehr umgestalten läßt in das heilige Wort hinein, bis schließlich am Ende seines Lebens die Ketten, die er trägt, mit seinem Fleisch verwachsen sind.

Für Grignion war es selbstverständlich, daß die Marienweihe ein Akt ist, der eine Seele voraussetzt, welcher Gott in besonderer Weise dieses Geheimnis der Weihe anvertrauen will. Darum spricht Grignion diese Seele bevorzugt mit den Worten an: Ame prédestinée – Du auserwählte Seele. Es ist die Seele mit dem einfachen, reinen Blick, die bescheidene, demütige Seele. Denn das Wunder der Umgestaltung in Christus, auch dies läßt sich an Matts Leben ablesen,  geschieht in gänzlicher Bescheidenheit.

Als Matt auf der Straße zusammenbricht, weiß niemand der Herbeieilenden, wer da auf dem Erdboden liegt. Es sagt mehr als tausend Worte, daß erst die Entkleidung, nach Matts Tod, Matts Geheimnis aufstrahlen läßt.

Und noch einmal mehr als viele Worte sagt die Tatsache, daß nur ein Foto von Matt auf die Nachwelt gekommen ist, ein Foto zudem, welches zugleich enthüllt und verbirgt. Denn Matt scheut das Spektakuläre. Auch darum ist er der Heilige für uns, die wir heute in der Flut der Sensationen und Spektakel und Nichtigkeiten unterzugehen drohen. Da ist es gut, Matt in seine stille Kammer zu folgen, ihn niederknien zu sehen und gemeinsam mit ihm ein Armer zu werden.

Papst Paul VI. hat Matt am 3. Oktober 1975 zum Ehrwürdigen Diener Gottes ernannt.


Wer mehr wissen will
Morgan Costelloe, Matt Talbot. Hope for Addicts, Dublin 2005.
Eddie Doherty, Matt Talbot, Combermere, Canada 2011 (Madonna House Publications).
Maria-Viola Wildenhain, Ein Mann aus Dublin, Leipzig 1980.
Homepage der Diözese Dublin zu Matt Talbot: http://www.matttalbot.ie/

Donnerstag, 16. Mai 2019

Matt. Teil III


Der Beter

Nach unzähligen durchzechten Sonnabenden ist es ein Sonnabend – der Tag, der im liturgischen Leben der katholischen Kirche seit je als Tag der Muttergottes begangen wird - , an dem die Wende in Matts Leben eintritt. Die voraufgegangene Woche ist er, wiewohl er ansonsten ein zuverlässiger Arbeiter ist, bei seiner Arbeitsstelle nicht angetreten. Er trinkt und trinkt. Der Tiefpunkt ist erreicht. Am Sonnabend stellt er sich, zusammen mit seinem Bruder Philipp, an einer Straßenecke auf, wo auf jeden Fall seine Arbeitskollegen mit dem soeben ausgezahlten Lohn vorbeikommen müssen. Matt, der kein Knauser ist und dessen Großzügigkeit man kennt, hofft, daß die Kollegen heute ihn und den Bruder zum Stammtisch einladen werden, da sie beide zurzeit mittellos sind. Aber es kommt anders. Ganz anders.

Die Kollegen grüßen zwar kurz, gehen aber dann an Matt und seinem Bruder vorbei, ohne ein Wort der Einladung auszusprechen. Das trifft. Als er sich schließlich abwendet und nach Haue geht, ist er nicht mehr derselbe. Am selben Sonnabend, wenige Stunden später, sagt er seiner Mutter, die sich wundert, daß ihr Sohn heute früher als sonst nachhause gekommen und zudem nüchtern ist: „Ich mache das Versprechen.“

Elizabeth weiß sogleich, was damit gemeint ist. Denn das Versprechen ist ein Begriff, den man in Dublin kennt. Begründet durch den Kapuzinerpater Father Matthew, ist das Versprechen ein Nüchternheitsgelübde und meint die Tatsache, daß ein Alkoholkranker vor Gott verspricht, zukünftig sich des Alkohols zu enthalten. Eben dazu ist Matt nun bereit. Er macht sich auf den Weg zum Erzbischöflichen Priesterseminar, legt dort bei einem Priester die Beichte ab und gibt das Versprechen der Enthaltsamkeit für zunächst drei Monate. Am nächsten Tag, dem Sonntag, empfängt er nach einer furchtbaren Nacht zum erstenmal wieder nach langer Zeit den Leib des Herrn.

Die nächsten Wochen, Monate und wahrscheinlich auch Jahre sind Zeiten des Kampfes, der Versuchungen, der Entzugserscheinungen. Wenn die Versuchung ihn zu überwältigen droht, sagt er sich, daß er ja nach drei Monaten wieder zu trinken beginnen könne. Tatsächlich aber legt er nach Ablauf der drei Monate neuerlich das Versprechen ab und zwar wiederum für drei Monate; nach dieser Frist erneuert er das Versprechen bis zum Ende des Jahres und schließlich auf immer.

Einmal hält er es nicht mehr aus und geht in ein Gasthaus. Er will wieder trinken. Aber merkwürdigerweise kommt in dem geschäftigen Betrieb niemand zu ihm, um seine Bestellung aufzunehmen, so daß er schließlich aufsteht und das Lokal verläßt. Aufgrund der überwundenen Versuchung faßt er den Entschluß, fortan kein Geld mehr in der Tasche mitzunehmen.

Ungezählte andere Male hält er sich bis spätnachts in den Kirchen Dublins auf, um dort, im schützenden Raum des Heiligen, vor jeder Anfechtung beschützt zu sein. Und Gott kämpft für Matt.

So an dem Tag, als der Dämon ihn schrecklich quält. Er will zur heiligen Kommunion gehen, aber eine unbezwingbare Macht hält ihn an den Boden gefesselt, so daß er wie gelähmt ist, während ihm die verführerische Stimme einflüstert, er werde mit dem Trinken nie aufhören, es sei umsonst. In der zweiten Kirche, die er aufsucht, wiederholt sich diese schreckliche Trostlosigkeit. Und ebenso in der dritten Kirche. Auf den Stufen der Dubliner Pro-Kathedrale fällt er schließlich auf die Knie und betet mit ausgebreiteten Armen: Jesus, hab' Erbarmen, Maria, hilf, Jesus, hab' Erbarmen, Maria, hilf. Und es wird ihm geholfen.

Denn Matt hört nicht auf zu beten. Er weiß aus Erfahrung, daß er die Kraft zum Durchhalten nur im Gebet findet. Aus Matt wird in den nächsten Jahren und Jahrzehnten der große, sehr große Beter und Büßer. Der Bußpsalm Misere gehört zu seinen bevorzugten Gebeten. Täglich betet er den Rosenkranz, seine Liebe zur Muttergottes ist kindlich-überschwänglich. Die verlorenen Jahre der Sucht und des Eigennutzes bereut er und wandelt sie gleichsam zu Gold in dem neuen Leben asketischer Einfachheit und Strenge.

Die Mutter, die er nach dem Tode des Vaters zu sich in sein bescheidenes Zimmer nimmt, sieht, in der Nacht aufwachend, wie ihr Sohn aufrecht kniend im Gebet versunken ist. Matt selbst ist alles Zurschaustellen zuwider. Er ist der Arbeiter, der seiner Arbeit nachgeht und im Stillen unauffällig weiterbetet, auch, wenn möglich, in den Pausen während der Arbeit, wo er sich bescheiden in einem unbemerkten Winkel zurückzieht.

Drei Stunden Schlaf genügen ihm. Um fünf Uhr früh geht er zur heiligen Messe. Danach nimmt er ein karges Frühstück zu sich und geht zur Baustelle, wo er um sechs Uhr mit der Arbeit beginnt. Als die Frühmesse eines Tages auf ein Viertel nach sechs Uhr verlegt wird, kündigt Matt seine Stelle und tritt in einen Holzhandel ein, da ihm nur durch diesen Arbeitswechsel gewährleistet ist, weiterhin vor Arbeitsbeginn am heiligen Meßopfer teilzunehmen. Denn das Zentrum seines Lebens ist die Heilige Messe und der Empfang der heiligen Kommunion.

An Sonntagen besucht er gleich mehrere heilige Messen. Zeugen, die ihn bei der heiligen Feier wahrgenommen haben, sprechen von seiner wunderbaren Andacht und dem ehrfürchtigen Hingerissensein in das Geheimnis. Man sieht ihn stets kniend, aufrecht, ohne sich abzustützen. Er setzt sich nie in der heiligen Messe. Wenn das Kirchentor noch geschlossen ist, kann es sein, daß der Mesner, wenn er das Tor aufsperrt, Matt bereits betend auf den Kirchenstufen antrifft. Andere sehen ihn vor dem Beginn der heiligen  Messe immer wieder betend vor der Statue Unserer Lieben Frau am Marienaltar oder sie sehen ihn versunken vor dem Kreuz.

Zum Gebet kommt das Fasten und kommt das Almosengeben. Er ißt wenig. Seine Bedürfnisse schränkt er auf das Lebensnotwendige ein. Zwei Anzüge genügen ihm, einer zum Arbeiten und der andere zum Gang in die Kirche, denn wenn man den Herrn besucht, zieht man sich festlich an. Sein Bettpolster ist ein Holzbrett. Von dem schwer verdienten Lohn gibt er das, was ihm übrigbleibt, weg – für arme Familien, für die Priesterausbildung, für die Mission. In dem einzig erhaltenen Brief von seiner Hand, beigelegt einer Spende und verfaßt am 31. Dezember 1924, einem halben Jahr vor seinem Tod, stehen die rührenden Zeilen: „Matt Talbot hat die letzten 18 Monate nicht gearbeitet. Ich war krank, und der Priester und der Arzt hatten mich schon aufgegeben. Ich denke, ich kann nie wieder arbeiten. Hier haben Sie ein Pfund von mir und zehn Schillinge von meiner Schwester.“

Das ist Matt. Der auferstandene Matt. Zwei Stecknadeln, angebracht in Kreuzesform am Ärmelaufschlag erinnern ihn unauffällig an die Botschaft der Liebe, die ihn trägt und verwandelt und antreibt. Die Kollegen erleben ihn stets freundlich und geradlinig. Sie merken, daß Barney, wie sie ihn nennen, ein anderer geworden ist, auch wenn ihnen entgeht, wie tief die Wandlung ist, die Matt ergriffen hat. Matt ist nicht länger der Mann, der seine Abende in Wirtshäusern vergeudet, aber das heißt nicht, daß er auf seine Kollegen herabschaut. Er betet auch für sie und hilft, wo er zu helfen vermag. Und er ist Mitglied der Gewerkschaft, weil ihm das bedrückende Los der Arbeiter zu Herzen geht.

Dublin verläßt Matt nie. Seine Welt ist hier, sein Wirkungskreis ist hier: verborgen, unaufdringlich, in treuer, alltäglicher Beharrlichkeit. Er bleibt unverheiratet, wiewohl es die Aussicht auf eine Heirat gibt. Doch nachdem er eine Novene gebetet hat, weiß er, daß der Herr von ihm will, unverheiratet zu bleiben. Stattdessen ist er Mitglied frommer Gemeinschaften und Mitglied des Dritten Ordens der Franziskaner. Am 4. Mai 1890 unterschreibt er seine Mitgliedschaft im Herz-Jesu-Bund, wo er die lebenslange Abstinenz verspricht sowie die Sühne für die Sünden der vergangenen Sucht.

Und die Heiligen werden seine Freunde. Die frühen irischen Mönche in ihrer Entschiedenheit, ihrer Unbedingtheit und ihrem Feuer haben es ihm angetan. Matts Bußpraxis gemahnt an deren Eifer. Aber auch die Heiligen, die in ihrer Jugend gesündigt haben, ziehen ihn an. Er liest die Bekenntnisse des heiligen Augustinus und er liest über Margarete von Cortona. Und dann all die anderen heiligen Freunde, die ihm Vertraute werden: Der heilige Ignatius von Loyola, die große und die kleine Theresia, die heilige Caterina von Siena, der heilige Franz von Sales, Kardinal Newman und naturgemäß Franziskus, dessen Braut Armut in Matts Herz das offene, willfährige Echo findet.

Denn Matt bleibt der arme Matt, er gehört den Kleinen an, die der Herr im Evangelium seligpreist. Doch dieser Kleine, der gerade mal zwei Jahre Schulbildung absolviert hat, ist kein tumber Tor, sondern ein eifriger Leser, der Nahrung findet im geliebten göttlichen Wort der Bibel, welches er tagein tagaus aufnimmt, in den Heiligenviten, in den Schriften der geistlichen Lehrmeister und in den Lehren der Kirche. Und wenn Matt auf Stellen trifft, die er nicht auf Anhieb versteht, dann bittet er seine Priesterfreunde, die ihm bereitwillig weiterhelfen auf seinem Weg der Heiligkeit, um Aufklärung.

Denn auch dies zeigt Matts Leben: Wer die Kirche liebt, der wird von der Kirche herrlich geführt. Wunderbare Priester stellt die Vorsehung an Matts Seite. Nachdem ihn jahrelang der Dominikanerpriester Father James Walsh geistlich begleitet und in die Reichtümer der spirituellen Überlieferung eingeführt hat, findet er nach dessen Tod 1915 in dem fünfzehn Jahre jüngeren Monsignore Michael Hickey, einem heiligmäßigen Priester und Beichtvater, den neuen geistlichen Seelenfreund, der ihn unterstützt, führt und oftmals in seinem bescheidenen Zimmer besucht, wenn nötig auch, um seinen Schützling um dessen fürsprechendes Gebet zu bitten.

Matt, der robuste, zuverlässige Arbeiter, der die letzten Jahrzehnte eigentlich nie ernsthaft krank gewesen ist, ist bereits in seinen Sechzigern, als er in einem Dubliner Spital stationär aufgenommen werden muß. Er ist herzleidend. Die Arbeit am Holzplatz fällt ihm zusehends schwerer. Aber er liebt seine Arbeit, und die vier Wochen im Spital, fern von seiner geliebten Beschäftigung, müssen ihm wie eine Art Zeitverschwendung vorgekommen sein. Wenn es irgend geht, ist er in der Kapelle des Spitals und kniet vor dem Tabernakel. Als er schließlich entlassen wird, freut er sich darauf, bald wieder arbeiten gehen zu können. Tatsächlich aber ist die Zeit, die ihm noch verbleibt, eine Frist, die gekennzeichnet ist durch Abbau der Kräfte, Krankheit, Spitalsaufenthalte und Vorbereitung auf den Tod.

Dabei bleibt Matt der anspruchslose Patient, der nichts begehrt, nichts fordert. Als man ihn eines Tages auf seinem Zimmer vermißt und überall nach ihm sucht, findet ihn die zuständige Schwester schließlich dort, wo Matts Zuhause ist: In der Kapelle, beim Herrn. Und als sie ihm leise Vorhaltungen macht, entgegnet Matt mit seinem üblichen ruhigen Lächeln: „Ich habe den Schwestern und den Doktoren gedankt, und ich dachte, es ist nur richtig, dem Großen Heiler Dank zu sagen.“

Der Große Heiler kommt zu Matt am 7. Juni 1925. Es ist der Dreifaltigkeitssonntag. In der Frühe hat Matt die heilige Messe in der St. Franz Xaver Kirche besucht. Danach geht er wie gewohnt nach Hause zu seinem spärlichen Frühstück. Da er sich schwach fühlt, ruht er ein wenig aus, um sodann aufzubrechen und – wie an so vielen Sonntagen in den letzten Jahren und Jahrzehnten – eine zweite Sonntagsmesse zu besuchen. Er macht sich auf den Weg zur Zehnuhrmesse in der Erlöserkirche. Es ist ein sommerlicher Tag. Als er auf der Straße zusammenbricht, kommt eine Frau, die den Sturz gesehen hat, mit ihrem Sohn hinüber zu dem auf den Boden Liegenden. Sie tragen ihn über die Straße, wollen ihn ins Haus bringen, legen ihn aber zu guter Letzt nieder. Es ist gegen neun Uhr vierzig. Und vielleicht hört Matt, als er hier, am Boden liegend, schließlich seine Seele dem Schöpfer zurückgibt, noch einmal die Glocken der Erlöserkirche, die sonntäglich zum Heiligen Meßopfer läuten. 

Freitag, 10. Mai 2019

Matt. Teil II

 
 
Das Dublin, in dem Mathew Talbot am 2. Mai 1856 geboren wird, ist nicht die glitzernde Weltstadt des 3. Jahrtausends. Nicht einmal zehn Jahre vor Matts Geburt wird Irland von einer schrecklichen Hungersnot heimgesucht, der etwa eine Million Menschen zum Opfer fallen. Dublin, die spätere Hauptstadt der grünen Insel, beherbergt in seinen Fabriken und in seinen Docks am Hafen eine Vielzahl von Arbeitern, die mühsam ihr Leben fristen. In großen, eintönigen Mietskasernen in den Vorstädten leben oft vielköpfige Arbeiterfamilien auf engstem Raum beisammen; so auch die Familie Talbot.

Zwölf Kinder sind sie, neun Söhne und drei Töchter. Matt ist der Zweitälteste. Zwei Brüder sterben noch im Kindesalter. Vier weitere Brüder sterben als junge Männer, offensichtlich vom Alkohol verbraucht. Charles, der Vater, ist gleichfalls Trinker, wie überhaupt die Trinksucht unter den Arbeitern das grassierende Übel ist.

Elizabeth Talbot, Charles Frau, versucht ihr Bestes, um den alltäglichen Belastungen und dem drohenden Ruin gegenzusteuern. Elfmal muß die Familie übersiedeln. Die Trunksucht droht die Familie zu zerstören. Doch Elizabeth bleibt der stille Halt in der Familie, die unermüdlich Betende, die sich am Rosenkranz festhält und die Hoffnung nicht aufgibt. Ihrem Gebet und ihren Bitten ist es zu verdanken, daß schließlich der Vater mit der Wirtshausgeherei aufhört und seinen Lohn nicht länger vertrinkt.

Der Trinker

Mathew, kurz Matt genannt, absolviert, für arme Arbeitersöhne durchaus nicht unüblich, nur zwei Jahre Schule und tritt sodann mit erst zwölf Jahren ins Arbeitsleben ein - er wird Laufbursche in einer Weinhandlung. Das Arbeitsleben sagt ihm zu, zumal er kein Freund von langem Schulbanksitzen ist. Aber in der neuen Umgebung lernt er bald das, was ihn die nächsten Jahre verheerend niederdrückt. Ebenso wie eine Vielzahl seiner Arbeitskollegen nimmt er seinen an den Wochenenden ausgezahlten kärglichen Lohn, um ihn abends mit anderen Zechkumpanen in einer Kneipe zu vertrinken. Man kann ihm nicht nachsagen, er sei das Muttersöhnchen oder gar der Grünschnabel, der noch der Milch bedarf. Matt, obgleich erst zwölf, dreizehn, vierzehn Jahre alt, hält mit den Großen mit, und wenn er abends nach Hause kommt, legt er sich nieder, um seinen Rausch auszuschlafen.

Matts Vater, inzwischen trocken, sieht das Verhängnis und versucht, sei es durch Worte, sei es durch gelegentliche Prügel, den Sohn zu ändern. Aber keine Maßnahme fruchtet. Matt spürt zwar bisweilen die Scham des Säufers angesichts des Elends, welches er anrichtet, aber dies ändert nicht sein Verhalten. Die Sucht ist bereits dermaßen stark, daß Matt zum Gewohnheitstrinker geworden ist, der vom Trinken, trotz mancher gutgemeinter Vorsätze, nicht mehr lassen kann.

Der Vater, der im Hafen arbeitet, beschafft seinem Sohn dort eine neue Stelle, in der Hoffnung, daß dieser Arbeitswechsel und die Nähe des Vaters Matt zur Raison bringen. Aber auch diese Maßnahme erweist sich als vergeblich. Der Whisky ist fortan Matts bevorzugtes Getränk. Das Groteske dabei: Etliches, was an Whiskyflaschen durch die Hände der Zechbrüder geht, stammt aus den Lagerräumen, über die Matts Vater die Aufsicht führt. Diese empörende Entdeckung geht an Matt nicht spurlos vorüber. Zwar ist er bereits zu sehr dem Alkohol verfallen, um mit dem Trinken zu brechen, gleichwohl nagen die bedrückenden Zustände derart an ihm, daß er schließlich nach zwei Jahren die Arbeit kündigt. Bevor er eine neue Stelle ausfindig gemacht hat, vermittelt ihn sein Vater als Hilfsmaurer in eine neue Firma.

Matt ist jetzt achtzehn Jahre alt. Das Elend seiner Trinksucht wird noch weitere zehn Jahre andauern. Jahre, in denen er zugleich erlebt, wie, bis auf den ältesten Bruder John, alle anderen seiner Brüder unter dem Einfluß des Alkohols zusehends verfallen.

Die Wochentagslöhne verschwinden in den Kneipen. Zuhause gibt Matt seiner Mutter bisweilen einen minimalen Beitrag als Kostgeld, während Elizabeth weiterhin betet, verzeiht, ermahnt, hofft. Und ist die Scham, die trotz aller Verdunkelung in Matts Leben schwach glimmt, nicht auch Frucht der mütterlichen Tränen und Gebete? 

Eines Sonnabends, an dem Matt wie gewohnt in der Stammkneipe sitzt und mit den Zechkumpanen eine Sauftour abhält, kommt ein Fremder ins Gasthaus, der eine Geige unter dem Arm trägt. Der Unbekannte wird zum Mittrinken eingeladen. Der Whisky fließt reichlich. Als man merkt, daß die Rechnung heute höher ausfallen wird, entwendet Matt zusammen mit einem Kumpel klammheimlich das Instrument des Fremden und versetzt es gegen Bares in einem benachbarten Lokal. Darauf geht es zurück in die Stammkneipe. Als man spätnachts aufbricht, bemerkt der Fremde, daß seine Geige verschwunden ist. Er versteht die Welt nicht mehr, er versteht nicht, was man ihm angetan hat. Seine Klage, die unbeantwortet bleibt, wird Matt in seinem späteren Leben als peinigenden Stachel der Erinnerung immer wieder spüren. Und er wird in Wirtshäusern und Armenunterkünften nach diesem Fremden suchen, um wiedergutzumachen, was er dem Geigenspieler angetan hat. Und da er ihn nicht findet, wird er das Geld, das er damals für die versetzte Geige einstrich, in den Opferstock einer Kirche einzahlen, um heilige Messen für den Fremden lesen zu lassen und so seine Schuld zu begleichen.


Grafik: Statue von Matt in Dublin. wiki commons by Keresaspa - Own work, CC BY 3.0.

Freitag, 3. Mai 2019

Matt. Teil I


Sofort. So lautet das Schlagwort heute. Die Geduld gehört nicht zu den Tugenden des modernen Menschen, denn die Geduld gilt ihm als Methode der Vertröstung, des Aufschubs und also als Widerpart zur Mentalität des Sofort.

Wo allerdings das Sofort regiert, da ist die Sucht auf dem Sprung. Denn die Sucht verspricht den sofortigen Eintritt in die verlockenden virtuellen Paradiese. Dementsprechend breiten sich die Süchte heute epidemisch aus. Internetsucht, Alkoholsucht, Drogensucht, Pornographiesucht, Spielsucht... Hauptsache die schnelle Flucht aus der Realität findet statt.

Ein im deutschsprachigen Raum nahezu unbekannter Ire hat hundertfünfzig Jahre vor dem Flächenbrand der süchtigen Moderne die Sucht am eigenen Leib erfahren, und dies in sehr jungen Jahren. Man hätte ihn für verloren halten können. Ein Trinker, der noch ein Teenager ist, täglich dem Suff verfallen – wer würde für einen solchen ausweglosen Fall auch nur einen Deut geben?

Und doch, Matt Talbot, so der Name des scheinbar Verlorenen, geht nicht unter. Kraft der Gnade findet er zum wahren Leben.

Exakt darum ist Matt der passende Patron für unsere Zeit. Ihn sollten die Süchtigen anrufen. Denn Matt weiß, wie Befreiung geschieht, und er, Matt, wird den Verzweifelten beistehen, damit sie aus dem Gefängnis der Sucht herauskommen.

»Sei nie zu hart einem Mann gegenüber, der das Trinken nicht aufgeben kann«, so Matt. »Das Trinken aufzugeben (und man könnte ebenso gut sagen: Die Pornographie aufzugeben oder die Drogen oder eine andere Sucht) ist ebenso hart, wie den Toten wieder zum Leben zu erwecken. Aber beides ist möglich und sogar leicht für unseren Herrn. Wir brauchen nur abhängig zu sein von Ihm.«

Matts Geschichte: Die Geschichte einer Auferstehung.

Freitag, 26. April 2019

Der Held


Versteht man das?

Der Herr ist von den Toten auferstanden. Die Kirche besingt dieses Ereignis und diesen Tag mit der Antiphon, die sie nicht müde wird, immer wieder neu anzustimmen: Dies ist der Tag, den der Herr gemacht hat, laßt uns jubeln und seiner uns freuen - 


 
Denn dieser Tag ist der Tag aller Tage. Der Tag, der jedem Tag erst das Gepräge gibt, indem er das ewige Wasserzeichen der Auferstehung der Schöpfung einprägt.

Und der Held dieses Tages ist Jesus Christus.

Nur, was macht dieser Held?

Sagen wir zunächst, was Er nicht macht.

Er stellt sich nicht auf den Tempelvorplatz und ruft: Schaut her! Er stellt sich auch nicht auf den Marktplatz in Jerusalem und macht die große, beeindruckende Demonstration. Er trommelt nicht und schreit nicht.

Nein, der Held des Tages geht zwei verlorenen Seelen nach. Kleopas, so heißt der eine der Beiden, befindet sich mit seinem Gefährten auf dem Weg nach Emmaus. Und beide sind niedergeschlagen, enttäuscht, entmutigt. Ein heutiger Berichterstatter würde vermutlich von Depression sprechen.

Und eben diesen zwei Depressiven geht der Auferstandene nach. Sie sind Ihm wichtig, derart, daß er lange mit ihnen spricht, sie belehrt, sie tröstet, sie nährt.

In seinem irdischen Leben hat sich Jesus als der Gute Hirte bezeichnet (Johannes-Evangelium 10,11). Hier, in der lukanischen Emmauserzählung, strahlt wunderbar einfach auf, was es heißt, der Gute Hirte zu sein. Dem Guten Hirten ist jede einzelne Seele kostbar. Der Gute Hirte ist zwar der Held, aber er schielt nicht nach Art eines Überwältigers nach Applaus und Sensation und großer Show, sondern er ist der Gärtner, der das kleine Samenkorn sieht und hegt und hütet, denn jede Seele ist Ihm unendlich kostbar.

Kleopas heißt der Eine. Und der Andere?

Dienstag, 16. April 2019

Karwoche 2019. Das Menetekel


Kathedrale Notre-Dame de Paris, in Flammen.

Stat crux dum volvitur orbis.
Das Kreuz steht, während der Erdkreis sich dreht.


Grafik: via @princess_redd / Twitter

Freitag, 12. April 2019

et factum est


Wo der deutschsprachige Leser des Evangeliums sich gewohnt hat an Formulierungen wie: Und es geschah…, da stehen im Lateinischen die Worte: Et factum est oder auch: et facta sunt (man lese nur mal etwa das erste Kapitel des Lukas-Evangeliums).

Als Lehnwörter sind diese Begriffe bekannt. Das Faktum benennt eine Tatsache, eine unumstößliche Wirklichkeit. Fakten sind gegeben, Fakten sind da.

Exakt dies will das Neue Testament betonen, wenn es von Jesus berichtet. Die Evangelisten, die Apostel, die Verkünder sind gestandene Augenzeugen, sie berichten nicht über Erfundenes oder über abstruse, verquere Hirngespinste, sondern über felsenfeste Fakten, die überprüfbar sind, die wortwörtlich begreifbar sind, über Tatsachen, an denen nicht zu rütteln ist, da sie nun mal Tatsachen sind. Punkt.

Vor allem der Evangelist Johannes wird nicht müde, seinen Zuhörern dieses Grundlegende immer wieder vor Augen zu führen. Z.B. im ersten seiner Briefe:

»Was von Anfang an war, was wir gehört haben, was wir mit unseren Augen gesehen, was wir geschaut und was unsere Hände angefaßt haben, das verkünden wir: das Wort des Lebens. Denn das Leben wurde offenbart; wir haben gesehen und bezeugen und verkünden euch das ewige Leben, das beim Vater war und  uns offenbart wurde. Was wir gesehen und gehört haben, das verkünden wir auch euch, damit auch ihr Gemeinschaft mit uns habt.» (1ff)

Und derselbe Evangelist prägt den Fundamentalsatz der Christologie, die Tatsache aller Tatsachen: Et verbum caro factum est – Und das Wort ist Fleisch geworden.

Es hängt nicht zuletzt mit der Insistenz des Christentums auf den Fakten zusammen, daß das Christentum durch die Jahrhunderte hin zur wohlfeilen Zielscheibe wurde. Wer Fakten benennt, zieht nämlich die klare Trennungslinie zwischen Tatsachen und Nicht-Tatsachen, zwischen Fakten und Fiktionen. Dies ist aber, gerade in der gegenwärtigen Zeit, Stein des Anstoßes schlechthin. Denn die Moderne oder Postmoderne oder Postpostmoderne rühmt sich, endlich jenseits der Fakten angekommen zu sein, im schieren Konstruktivismus – anything goes.

Zwei markante Beispiele unter multiplen anderen: Die Abtreibung und der Genderaberwitz.

Mit der aggressiven Durchsetzung der Abtreibung wurde in den sechziger Jahren die Wirklichkeit zum Nonsens herabgestuft. Gegen jede wissenschaftliche Evidenz und jeden bis dato unangefochtenen Konsens, daß nämlich der Zeitpunkt der Konzeption der Beginn der Schwangerschaft und also der Beginn des menschlichen Lebens ist, wurde nun plötzlich das ungeborene Kind zum bloßen Zellhaufen degradiert. Nicht das Faktum des Lebens in seinem frühesten Stadium zählte, sondern die Ideologie der Machbarkeit und deren faktenresistente Sicht der Dinge.

Fünfzig Jahre später treibt die Verweigerung der Fakten ihre dekadenten späten Blüten. Der Biologie an sich, den nackten organischen Tatsachen, wird nun der Garaus gemacht. Mannsein und Frausein, mit anderen Worten die Grunddaten menschlicher Existenz, sind neuerdings lediglich Konstrukte und folglich Modelliermasse nach Belieben. Chromosomen - beliebig. Neurologische Befunde - irrelevant. Zellulare Eindeutigkeiten - belanglos. Ein Irrsinn, zweifelsohne, aber dieser Irrsinn hat Methode und bringt es mittlerweile landauf landab zu hochdotierten und subventionierten Lehrstühlen.

Da ist es reine, kristallklare Luft, in die Welt der Evangelien und der neutestamentlichen Schriften insgesamt einzutreten. Es ist der Sauerstoff der taghellen Tatsachen. Und dieses Elixier ist dringender denn je benötigt – um widerständig zu sein, wenn die Welt ringsum den Nebel und das Närrische als die alleinseligmachende Droge verkauft.

Wie herrlich, wie einfach, wie wirklich:

»Denn wir sind nicht klug ausgedachten Geschichten gefolgt, als wir euch die machtvolle Ankunft unseres Herrn Jesus Christus kundtaten, sondern wir waren Augenzeugen Seiner Macht und Größe.« (2. Petrusbrief 1, 16)

Grafik: Photo by Robert Nyman on Unsplash

Samstag, 6. April 2019

Non consuetudo sed veritas


Vielleicht ist der Mann vierzig oder fünfzig oder älter. Weiß man nicht. Was man jedoch weiß, ist, daß er seit 38 Jahren krank ist, schwer krank. Und seit 38 Jahren wartet er auf Heilung.

An diesen Mann stellt der berühmte Arzt, der um die lange Krankheit des Darniederliegenden weiß, die Frage: Willst du gesund werden?

Soll das ein Witz sein? Der Mann ist ein Langzeitkranker. Der sieht seit 38 Jahren andere herumrennen und arbeiten und Feste feiern. Und ausgerechnet diesen Kranken fragt der berühmte Arzt: Willst du gesund werden?

Es ist kein Witz. Denn das Evangelium nach Johannes erzählt keine Witze, sondern wahre Geschichten. Und diese Geschichte steht zu Beginn des fünften Kapitels des Evangeliums.

Was also meint der Arzt Jesus, wenn er ernsthaft diese Frage stellt?

Läßt man die Frage wirken, so enthüllt sich das Gemeinte und damit die Berechtigung der Frage. Denn tatsächlich hat der Kranke genau dies zu wissen: Ob er wirklich gesund werden will. Wirklich.

Man denke sich einen alten Raucher, der seit fünfzig Jahren einen Glimmstengel nach dem anderen sich anzündet, der ein Lungenkarzinom hat und der gefragt wird, ob er gesund werden will. Ja, wird er vermutlich antworten. Wenn man ihn anschließend auffordert, die gehorteten Glimmstengel in den Abfallkübel zu werfen, wird er vermutlich entgegnen, das sei in der Bitte um Gesundung nicht eingeschlossen gewesen.

Das Beispiel zeigt, worum es geht.

Da der Mensch nicht nur Leib ist, sondern zugleich Seele und Geist, ist Gesundung kein partielles Geschehen, sondern ein ganzheitliches. Die tiefsten Krankheitsprozesse liegen freilich nicht im Leib, sondern im Geist. Und die geistigen Pathologien werden oft genug nicht erkannt, geschweige denn beim Namen genannt. Dies hängt damit zusammen, daß die Gewohnheit Rechte für sich reklamiert, gerade auch die kranke Gewohnheit. Und schließlich hält man die Gewohnheit, wenn sie nur durch die Zeit und das gesellschaftliche Komplizentum ausreichend zementiert worden ist, für eine berechtigte Gewohnheit, sprich für eine Wahrheit. Nur, wie bereits Tertullian feststellte, hat Christus nicht gesagt: Ich bin die Gewohnheit, sondern: Ich bin die Wahrheit (non consuetudo sed veritas).

Eine noch so tief verwurzelte Gewohnheit ist, wenn sie das Leben mindert oder schädigt oder zerstört, nicht als vermeintliche Wahrheit zu hätscheln, sondern zu verwerfen. Wer jedoch will das? Wirklich.

Was, wenn nach 38 Jahren ein Gedankengebäude, an welches man sich seit 38 Jahren klammert und welches man für eine Art zweite Haut nimmt, durch die Gesundung einstürzt? Will man das?

Denn die Frage: Willst du gesund werden? ist die Frage danach, ob man zu dem eindeutigen, tiefen, unverwechselbaren Ja kommen will, das jedes Leben erst zu dem macht, was es von Hause aus ist: LEBEN. Sagt man JA zu seinem Leben? Oder hält man, zumeist sehr subkutan, die Aber bereit und die Dementis und die Widersprüche, die im Letzten allesamt nein zum Leben sagen und damit das Leben schleichend vergiften?

Ja oder nein sind keine theoretischen Konstrukte. Da Ja ist sehr pragmatisch, das Nein gleichfalls. Denn beide Haltungen haben Konsequenzen. Paulus sagt es in aller gebotenen Eindringlichkeit:

Denn Gottes Sohn Jesus Christus, der euch durch uns verkündigt wurde - durch mich, Silvanus und Timotheus -, ist nicht als Ja und Nein zugleich gekommen; in ihm ist das Ja verwirklicht. Er ist das Ja zu allem, was Gott verheißen hat. Darum rufen wir durch ihn zu Gottes Lobpreis auch das Amen (2 Kor 1,20).

Antworte ich auf die Frage Jesu mit Ja, dann entscheide ich mich damit für die Zustimmung zur Welt. Ich bin einverstanden. Einverstanden mit der Fundamentaltatsache, daß es Welt und also mich gibt. Und mehr noch: Damit, daß mein Leben kostbar ist. Immer.

Will ich diese Gesundheit? Das Ja zur Kostbarkeit meines Lebens?

Wenn ja, dann bin ich dort angekommen, wo der göttliche Arzt mich hinführen will: Zu dem Einverständnis, welches eine Form der Anbetung ist.

Darum auch setzt sich die Geschichte des Geheilten, die das Johannesevangelium erzählt, aus zwei Begegnungen zwischen dem Arzt und dem Patienten zusammen. Bei der zweiten Begegnung, nach der Heilung, sagt Jesus zu dem Geheilten: Jetzt bist du gesund; sündige nicht mehr, damit dir nicht noch Schlimmeres zustößt.

Die Begegnung findet bezeichnenderweise im Tempel statt, also dort, wo Gott gepriesen wird. Und jetzt erfährt der Geheilte den Namen des Arztes. Dieser Name – Jesus - bedeutet übersetzt: Gott rettet, Gott heilt. Mit anderen Worten: Im Tempel, an der Gottesstätte, wird dem ehemals Kranken offenbart, daß in dem Arzt Gott selbst auf ihn zugekommen ist, um ihn gesund zu machen. Der Spender des Lebens hat ihn heil gemacht. Und dort, im Tempel, wird die Heilung bezeugt und besungen, denn im Gotteshaus ist das Ja zum Leben grundgelegt.

Und die Geschichte geht noch weiter. Offenbar hat der Geheilte das Wesen seiner Heilung verstanden, denn es heißt: Der Mann ging fort und teilte den Juden mit, daß es Jesus war, der ihn gesund gemacht hatte. Er weiß nun erstens um den Urheber seines wirklichen Lebens, und er weiß zweitens, daß er dieses Leben zu bezeugen hat. Denn das Leben, das wirkliche, will bezeugt sein.

Grafik: Pieter Aertsen, Heilung des Gelähmten von Bethesda. 1575, Rijksmuseum Amsterdam. wikicommons


Samstag, 30. März 2019

Der Sieg


Für M. S.

»Und das ist der Sieg, der die Welt besiegt hat:
Unser Glaube.«
Erster Johannesbrief 5,4

»Der Glaube, diese Gabe aller Gaben, ohne den kein Friede und Genügen in der Welt.«
Michelangelo


Grafik: David (Ausschnitt). Michelangelo. Von Jörg Bittner Unna - Eigenes Werk, CC BY 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=38304758

Donnerstag, 21. März 2019

Veritas eius


In seiner Einführung in das liturgische Jahr schreibt Dom Prosper Guéranger OSB (1805 - 1875), wie die Kirche ihre Kinder in der Fastenzeit sieht; es heißt:

»Sie sieht sie als eine große Armee, die Tag und Nacht gegen die Feinde Gottes ankämpft. Daher nennt sie am Aschermittwoch die Fastenzeit die Zeit des Kampfes der Soldaten Christi. Um neue Menschen zu werden, die würdig sind, an dem himmlischen Gesang teilzunehmen, müssen wir in  der Tat erst über unsere Feinde triumphiert haben: Über den Teufel, das Fleisch und die Welt. Verbunden mit unserem Herrn, der auf dem Berg gegen den Satan und eine dreifache Versuchung erfolgreich ankämpfte, müssen wir gewappnet und wachsam sein. Um uns in unserer Siegeszuversicht zu stärken, weist uns die Kirche auf den Psalm 91 hin, den sie zu den Meßtexten des ersten Fastensonntags zählt und dem sie für das Stundengebet dieses Tages einige Verse entnimmt.« (St. Ottilien, EOS Editions, Studien zur monastischen Kultur, Bd. 8, Sankt Ottilien 2014, 112). 

Psalm 91 beginnt mit den bekannten Worten: Wer im Schutz des Allerhöchsten wohnt... Es ist der Psalm, der sonntags im Nachtgebet der Kirche, der Komplet, gebetet wird. Bevor der Tag zu Ende geht, gedenkt der Beter noch einmal der schützenden Hand Gottes, die ihn vor allen Gefahren behütet, und nicht nur das, die ihm auch die sichere Vollmacht gibt, selbst auf Löwen und Drachen und Nattern zu treten.

Zu Beginn dieses großen Gebets, im fünften Vers, stehen die Worte: Schild und Schutz ist dir Seine Treue, du brauchst dich vor dem Schrecken der Nacht nicht zu fürchten.

Die Vulgata, die lateinische Übersetzung der Bibel gemäß dem heiligen Kirchenvater Hieronymus, schreibt: Scuto circumdabit te veritas eius, non timebis a timore nocturno.

Wörtlich: Mit einem Schild wird dich Seine Wahrheit umgeben, du brauchst dich vor dem nächtlichen Schrecken nicht zu fürchten.

Der Beter des Psalms weiß, daß er tagein tagaus auf einem Kampfplatz sich befindet. Nicht nur nachts, sondern auch, wie ausdrücklich festgestellt wird, am Tag und zu Mittag. Es ist die Zeit der Dämonen und der dämonischen Angriffe.

Aber der Beter weiß auch dies: Daß er behütet ist, von Gott selbst und von Gottes Boten, den Engeln. Und was diesem Wissen das felsenfeste Fundament gibt, ist das, was der fünfte Vers benennt: Seine Wahrheit.

Weil Gott der Gott der Wahrheit ist, ist der Beter, der sich auf Ihn verläßt, nicht länger in der Gefahrenzone. Denn der Schild der Wahrheit beschützt vor dem eigentlich Abgründigen, vor dem, was jeden Anschlag zu einem potentiell tödlichen macht: der Abwesenheit der Wahrheit.

Der Gefährdete braucht nichts mehr als die Wahrheit. Er muß wissen, woran kann er sich wirklich festhalten, woran orientieren, was gilt wirklich, was ist Illusion, was Zuflucht und  Burg und Unterkunft? Vage Auskünfte helfen demjenigen, der von vergifteten Pfeilgeschossen umgeben ist, nicht weiter. Die Natter der Lüge wird nicht besiegt durch verharmlosende Allerweltsrhetorik. Der Soldat Christi braucht die Wahrheit. Die Wahrheit, die den Drachen zertritt. Die Wahrheit, die die Furcht nimmt, zumal nachts, wenn es finster ist und folglich die Angriffe am heimtückischsten sind.

Und daß es diese Wahrheit gibt, ist bereits Sieg. Denn für den Beter des Psalms ist es unhinterfragt, daß es die Wahrheit gibt. Der neumodische Zweifel, der heutzutage zu einer taumelnden Tugend hochgejubelt wird, wäre dem Beter von Psalm 91 ein Greuel. Seine Wahrheit wird mich bergen. Das ist ein Indikativ und also eine Wirklichkeitsaussage, keine kritische Anfrage oder Nachfrage oder Hinterfragung oder wie die modischen Attitüden lauten. Es ist schlicht und einfach die gläubige Zuversicht dessen, der betet.

Grafik: Photo by Thomas Tucker on Unsplash





Freitag, 15. März 2019

»Herr, lehre doch mich.«


Am Aschermittwoch wird die Asche über unser Haupt gestreut oder auch das Aschenkreuz auf unsere Stirn gezeichnet, wobei der Priester die Worte spricht: Bedenke, Mensch, daß du Staub bist und zum Staub zurückkehren wirst.

Memento mori. Wie oft vergessen wir diese Mahnung, obgleich doch das Faktum der Sterblichkeit uns alle vereint. Hier, in der absoluten Endlichkeit (und das Eigenschaftswort absolut ist an dieser Stelle richtig plaziert), hört jede Differenz auf, gleich, ob es um die Unterschiede zwischen arm und reich, gesund und krank, angesehen oder verachtet geht. Der Tod macht alle gleich.

Wer über die Unausweichlichkeit des Todes nachsinnt, steht vor dem Geheimnis, welches in die Verzweiflung oder in das Aufbäumen oder in den letzten ekstatischen Rausch führen kann – so etwa in Mahlers Lied von der Erde, welches ein langer elegischer Abgesang an die unverfügbare und zugleich leidenschaftlich begehrte Wunderkraft der Welt ist.

Johannes Brahms hat sein memento mori komponiert. Ein deutsches Requiem ruft unser Ende in die Erinnerung. Im dritten Satz seines siebenteiligen Werkes wird die zerreißende Spannung von hilfloser Unausweichlichkeit und Suche nach rettender Erlösung schmerzlich hörbar.

Herr, lehre doch mich, so beginnt es. Es ist die Bitte an Gott, den Beter in die Schule Gottes zu nehmen. Er, Gott, der Begründer des Geheimnisses des Todes, muß den Beter unterrichten, damit dieser verstehen lernt. Denn der Mensch ist ein Unverständiger, Unbelehrbarer. Blindlings sammelt er Schätze und weiß doch nicht, wer es kriegen wird. Er ist ein Schemen, sein kurzes Leben wie ein Nichts vor dem allmächtigen Gott.

Der Ausweg aus der Unausweichlichkeit des Todes ist nicht die Kurzsichtigkeit, nicht die Illusion, nicht das Hasten und sich Betäuben, sondern, ganz im Gegenteil, die demütige Bitte an den Herrn, dem Menschen das Ziel klar vor Augen zu rücken: Herr, lehre doch mich, daß ein Ende mit mir haben muß, und daß mein Leben ein Ziel hat, und ich davon muß. Der Tod ist Tod, er wird nicht bemäntelt. Aber der Tod ist ineins Ziel und damit nicht Nichts.

Damit gibt Brahms bereits zu Beginn die Richtung an. Doch Brahms wäre nicht Brahms, wenn er mühelos den Weg ins Helle weisen würde. Zum dritten Satz des Requiems und zur Ernsthaftigkeit des Komponisten Brahms gehört, daß er die Klage des sterblichen Menschen lange ertönen läßt. Denn derjenige, der diese Klage vernimmt, der den Terror des Todes vernimmt, steht vor der Versuchung, angesichts dieses Schreckens zu verzweifeln. Was bleibt, wenn der Tod scheinbar Alles nimmt?

In den Worten der Komposition, welche Worte dem Psalm 84 entnommen sind: Herr, wes soll ich mich trösten?

Und man muß den hämmernden Schrei dieser zermürbenden Frage hören und die im Schrei mitschwingende Angst des Verhallenden, mit anderen Worten die Befürchtung, der Schrei könnte ins Leere gehen und also ohne Antwort bleiben – all diese Beklemmungen, die Brahms in ihrer ganzen Bedrückung hörbar macht - , um sodann, geboren aus der tiefsten Not, anzukommen bei der Antwort der Güte: Ich hoffe auf Dich. Die gerechten Seelen sind in Gottes Hand und keine Qual rühret sie an.

Die gerechten Seelen. Das ist keine kitschige Vertröstung eines deus ex machina, sondern die Antwort des biblischen Beters. Und zu dieser Antwort gehört, daß sie keiner platten paradiesischen Allerweltsstimmung das Wort redet, sondern im Nüchternen verbleibt. Denn die Rede ist von den gerechten Seelen. Der Gerechte ist, laut biblischer Auskunft, derjenige, der siebenmal am Tag fällt. Aber der Gerechte bleibt nicht am Boden liegen, sondern er steht auf, seine Sünde vermag ihn nicht zu halten (Spr 24,16). Darum wartet seiner die Erfüllung.

Was aber ist mit den ungerechten Seelen? Über sie heißt es im selben Buch der Sprichwörter, daß die Gottlosen im Unglück versinken.

Brahms gedenkt der gerechten Seelen. Er komponiert die Hoffnung. Und die Hoffnung, auch dies biblischer Befund, läßt nicht zugrunde gehen (Römerbrief 5,5). Doch zur Hoffnung gehört, sie zu ergreifen – im Herrn. Darum heißt es im letzten Satz des Requiems mit den Worten der Offenbarung des Johannes: Selig sind die Toten, die in dem Herren sterben, von nun an.

In dem Herren!

Grafik: Photo by Ahna Ziegler on Unsplash

Freitag, 8. März 2019

»Kein Künstler ist jemals morbid.«


Die Fabel ist bekannt.

Ein gut aussehender Zwanzigjähriger wird von einem Maler portraitiert. Als das Bild schließlich fertig ist, ist der Portraitierte von der dargestellten eigenen Schönheit wie berauscht. Warum, so fragt er sich, wird er altern, das Portrait jedoch in unverminderter Makellosigkeit bestehen bleiben. Ist das nicht ungerecht?

Und angesichts dieses Portraits verkauft er in einem Akt entsetzlicher Verblendung seine Seele: Das Portrait soll altern, während er selbst, Dorian Gray, der ewige Adonis bleibt.

Der Roman erzählt den Fortgang und Ausgang dieses bösen Tauschs. Denn tatsächlich altert das Bild, während der Portraitierte seine Jugendlichkeit wahrt.

Und mehr noch. Während Gray zunehmend in Lastern versinkt und schließlich den Maler ermordet, zeigt das Portrait unerbittlich den Verfall des Dargestellten, dessen Verruchtheit und Lasterhaftigkeit. Bis schließlich, am Ende des Abstiegs, Gray, angeekelt von seiner mörderischen Unzucht, sich besinnt, den Beginn einer Bekehrung erprobt und in einem Anfall rasender Aufwallung sein Portrait zu vernichten sucht, dabei jedoch sich selbst tödlich trifft – er stirbt, während das Portrait überlebt.

Und erst jetzt, im Finale, ist Dorian Gray Dorian Gray. Nicht länger der junggebliebene Narziß, sondern der am Boden Liegende, der Tote und Verweste, der mit allen entsetzlichen Schwären einer mißhandelten Seele Gezeichnete, der offenbare Sünder.

Hat also Oscar Wilde, der Verfasser dieser schaurigen Story, eine Moritat geschrieben?

Das Bildnis des Dorian Gray hat alle Zutaten einer Moritat. Und wenn Wilde der große Künstler gewesen wäre, für den ihn manche halten mögen, hätte es tatsächlich eine große Moritat werden können. Aber herausgekommen ist ein fadenscheiniger Zwitter, kein Vollendetes. Und das liegt an Wilde selbst.

Denn das eigentlich Abgründige an seinem Roman ist die Gestalt des Lords Henry Wotton. Wotton ist der Verführer des jungen Gray. Und Verführer meint hier Verführung im schrecklichsten Sinnes des Wortes. Er ist derjenige, der seinen Schützling, dessen anfängliche Reinheit Wilde des öfteren betont, mit giftigen Sottisen und zynischen Spitzfindigkeiten unausgesetzt becirct, bis der von ihm Hypnotisierte der Pestilenz des dekadenten Lebemannes erliegt.

Und diese Kapitulation des Jüngeren wird dadurch erleichtert, daß die reiche Gesellschaftsschicht, in der sich Wotton und Gray bewegen, die ätzenden, haarsträubenden Pretiosen des Dandys Wotton bestaunen und beklatschen. Je abstruser dessen Theorien, desto willfähriger machen sie unter den gelangweilten Snobs der viktorianischen High Society die Runden.

Am Ende liegen Leichen am Boden. Ein Ermordeter, zwei Selbstmorde, ganz zu schweigen von den seelisch Ruinierten. Und was macht Wilde?

Wilde läßt seinen verdorbenen Helden untergehen und dessen Portrait überleben. Cave: Die Kunst, auf sie kommt es an, das ästhetische Credo ist unantastbar. Aus dem Ausbund des Schaurigen geht das reine Portrait hervor.

Eben damit leistet Wilde seinem Roman den Bärendienst. Denn große Kunst hätte unweigerlich den zur Rechenschaft gezogen, den das Urteil treffen muß – den depravierten Lord. Doch diesen läßt Wilde ungeschoren davonkommen. Damit verrät er die wahre Kunst. Denn jede große Kunst ist, da sie den wahren Gesetzen des Lebens und nicht den künstlichen Paradiesen des fin de siècle folgt, per se moralisch. An Dickens hätte Wilde dies ablesen können.

Das wahrhaft Ungeheure des Romans ist folglich diese Tatsache: Das Scheusal geht leer aus. Ohne Strafe. Ohne Ächtung. Ohne die kleinste Blessur. Und das liegt darin, daß Wilde in die destruktive Raffinesse seines Lords verliebt ist. Er legt dem Verführer ein genüßliches Paradox nach dem anderen in den Mund, und der Leser spürt hinter Wotton den selbstgefälligen agent provocateur Wilde. Wo es geraten gewesen wäre, sich von Wotton zu distanzieren, um die Gewichte von Gut und Böse eindeutig zu markieren, verwischt Wilde die Grenzen und gefällt sich - auf Kosten der Integrität der Kunst - im glitzernden Rausch der leeren gesellschaftlichen Capricen.

Gray ist Opfer beider – von Wotton und von Wilde. Die Unentschiedenheit Wildes, sein Liebäugeln mit der Schlange der Verführung, läßt ihn über seinen jugendlichen Helden - der von einem Buch, welches Wotton ihm aushändigt, endgültig zersetzt wird – sagen: »Das Buch, das Dorian vergiftet oder vervollkommnet (...)« (so in einem Brief Wildes an R. Payne).

Wie bitte? Vergiften oder vervollkommnen? Was nun? Hier gibt es nur ein entweder/oder. Tertium non datur. Wer beides in einem Atemzug nennt, der liefert Gray ans Messer, das aber heißt, der verleiht dem morbiden Lord und seinem perfiden falschen Glanz den Nimbus des genialen spiritus rector.

Poor Wilde. »Kein Künstler ist jemals morbid«, heißt es in einem der vorangestellten Motti des Romans. Es wäre schön gewesen, wenn sich Wilde an diese Maxime gehalten hätte.


Freitag, 1. März 2019

Gordische Knoten


»Wenn ich eine Stunde hätte, um den Planeten zu retten, dann würde ich 59 Minuten damit verbringen, das Problem genau zu definieren, und eine Minute damit, das Problem zu lösen.«

Einstein soll dies gesagt haben.

Was gemeint ist, ist klar. Wer die Probleme richtig anschaut und analysiert, wer die korrekte, langwierige Diagnose stellt, der hat im Grunde das Problem gelöst.

Lang ist‘s her, daß Einstein dies feststellte. Unsere Zeit entscheidet sich anders. Nicht die korrekten, zeitaufwendigen Diagnosen sind gefragt, sondern die schnellen, am besten rasend schnellen Lösungen, die – man ahnt es bereits – keine Lösungen sind, weil sie nur schnell, aber wenig erleuchtet sind.

Dieser Wahn des Schnellen hält mittlerweile auch Einzug in das religiöse Leben. Das Spirituelle soll gefälligst ebenso schnell gehen. Spirituell und schnell, das reimt sich sogar. Na bravo!

Leider, oder Gott sei Dank, ist aber das Geistige kein Fast-Food-Produkt. Gut Ding will Weile haben. Und wer sein Leben ins Reine bringen will, der muß sich Zeit nehmen und darf Mühen nicht scheuen. Er muß die rechte Diagnose stellen. Und dazu gehört, daß er zuallererst einmal recht hinschaut, Bequemlichkeiten ablegt, Nebensächliches wegschafft, die Details ordnet, die Zusammenhänge wahrzunehmen beginnt, Unliebsames nicht verdrängt, sondern ins Licht hebt und bei Bedarf auf einen weisen Ratgeber hört.

Und dieses langsame, geduldige Vorgehen ist bereits Beginn der heilsamen Lösung. Nicht umsonst heißt es im Lukasevangelium (in der Vulgata-Fassung): In patientia vestra possidebitis animas vestras – wörtlich: In eurer Geduld werdet ihr eure Seelen besitzen (21,19).

In der Geduld, nicht in der Raserei.

Man wird entgegenhalten: Aber selbst im Evangelium gibt es doch die schnellen Heilungen. Sofort ist eine Vokabel, die bei den neutestamentlichen Heilungsberichten öfters vorkommt.

Das stimmt. Doch die Spontanheilungen sind nicht die Regel, sondern die Ausnahme, und diese Ausnahme hilft uns, das Ziel nicht aus den Augen zu verlieren. Denn wie oft wollen wir aufgeben, wenn die Heilung nicht so schnell eintritt, wie wir es gerne hätten. Dann  kann es sein, daß wir versucht sind zu kapitulieren. Spontane, sofortige Heilungen, von Jesus gewirkt, zeigen uns sodann im unwiderstehlichen Licht der Tageshelle, daß das Ziel keine Illusion ist, sondern Wirklichkeit. Doch diese Wirklichkeit negiert nicht den ordentlichen Weg, den Weg, welcher der langsame ist.

Und schließlich: Auch der langsam Voranschreitende wird die Erfahrung der Schnelle machen, die Erfahrung der Überraschung. Auch das drückt ja Einstein aus.

Denn wer der Geduld des organischen Reifens nicht ausweicht, wird eines Tages erleben, wie schnell plötzlich die reife Frucht ihm in den Schoß fällt - der gordische Knoten ist durch. Nur, dem befreienden Schlag gingen etliche Trainingsstunden voraus. Stunden von Schweiß und Mühe und Muskelaufbau. Dann plötzlich der befreiende Schlag oder auch der befreiende Blitz oder auch die sich öffnende Tür. Mit einem Wort: Die sechzigste Minute!

Grafiken: Photo by Jake Oates on Unsplash

Freitag, 22. Februar 2019

Die Abwesenden


Wer kennt das nicht?

Man sitzt in der U-Bahn oder in der Straßenbahn und ist umgeben von den Abwesenden. Da sitzen Zehnjährige, Zwanzigjährige, Dreißigjährige und auch Vierzigjährig-Fünfzigjährige und haben ihre Stöpsel im Ohr oder sind abgesunken in diese kleinen, glitzernden Mattscheiben vor ihnen.

Die Generation der Abwesenden.

Nur: Warum sind sie abwesend? Warum diese Flucht in die virtuellen Welten?

Die Soziologen geben ihre Antworten. Die Pädagogen geben ihre Antworten. Die Politiker, die bekanntlich zu allem was sagen, melden sich auch zu Wort. Und die Schar der Konsumenten hat gleichfalls Antworten parat.

Was man jedoch im Stimmengewirr nahezu nie vernimmt, ist die unbequeme Antwort, daß ein hoher Prozentsatz oder vielleicht sogar die Mehrzahl dieser Abwesenden Abtreibungsüberlebende sind.

Mit diesem Begriff bezeichnen der Kinderpsychiater Philip G. Ney und seine Frau, die Ärztin Marie Peeters-Ney, all die Personen, die, aus welchen Gründen immer, eine Abtreibung überlebt haben. Danach ist beispielsweise ein Abtreibungüberlebender ein Kind, welches in eine Familie hineingeboren wird, in der eine oder mehrere Abtreibungen stattgefunden haben. Warum hat besagtes Kind überlebt, während seine Geschwister durch Abtreibung getötet worden sind?

Die Neys haben in jahrzehntelanger Forschungsarbeit die Symptome mit Krankheitswert von Abtreibungsüberlebenden untersucht und gaben schließlich dem Symptomenkomplex die Bezeichnung: PASS – Post-Abortion-Survivor-Syndrom (das Syndrom der Abtreibungsüberlebenden).

Welche pathologischen Konsequenzen hat das Faktum der geschehenen Abtreibung auf diejenigen, die der Abtreibung entkommen sind? Welche Auswirkungen hat es auf Kinder, wenn man sie, die geborenen, zu sogenannten „Wunschkindern“ stilisiert, d.h. zu Kindern, die deswegen das Licht der Welt erblicken durften, weil sie erwünscht waren – was einschließt, daß es offensichtlich andere Kinder gibt, die nicht  erwünscht, keine Wunschkinder sind und daher beseitigt werden dürfen? Welche globalen Auswirkungen hat das Phänomen der globalen Abtreibung und ihrer Opfer?

Läßt man die Daten und Schlußfolgerungen, welche die Neys darlegen, an sich heran, dann ist es ein Schock. Denn aufgrund der vorliegenden Resultate beginnt sich der Blick zu schärfen und man versteht besser, was heute passiert.

Zum Beispiel: Warum gibt es die no-future-Generation? Warum grassieren unter Jugendlichen Computerspiele, in denen das Ego-Shooting (das Abknallen von Personen) erklärtes Ziel ist? Wie kommt es, daß Menschen und ganze Bewegungen sich leidenschaftlich für bedrohte Tiere einsetzen, während sie zur selben Zeit den bedrohten Menschen aus dem Blick verlieren? Oder: Woher die Gewalt, die Verzweiflung, die zerbrochenen Beziehungen, die Bindungslosigkeit, die Scheu vor der Verantwortung, die aus den Fugen geratene menschliche Ökologie? 

Denkt man über die Ergebnisse der Neys nach und schaltet den eigenen gesunden Menschenverstand nicht vorzeitig aus, dann leuchtet es einem irgendwann ein, warum es zunehmend die Generation der Abwesenden gibt.

Diejenigen, die da im Bus sitzen und ihren konkreten, realen Sitznachbarn nicht mitbekommen, weil sie untergehen im neuesten Computerspiel oder in der dreiundfünfzigsten sms, welche es einem nicht anwesenden Fernen zu schreiben gilt, fürchten die Konfrontation mit der nackten Wirklichkeit. Denn sie wissen oder ahnen oft genug, daß die Wirklichkeit eine horrende ist. Was nämlich ist horrender als aufzuwachsen in einer Familie, in der die eigenen Geschwister durch Abtreibung getötet wurden?

Woher soll ein Grundvertrauen in die Wirklichkeit kommen, in das reale Heute, wenn der Ort, wo zuallererst einmal dieses Vertrauen eingeübt wird – die Familie - , gerade der Ort wurde, in dem eben dieses Vertrauen zerstört wurde? Und wenn das eigene Leben offenbar am seidenen Faden des Erwünschtseins hängt?

Die Verführung liegt so nahe, in die Scheinwelt des Virtuellen zu flüchten, wenn die tatsächliche Welt extrem verletzt. Ein Geschwister, welches aufgrund von Abtreibung fehlt, ist nicht zu löschen, während man Mails, die unbequem sind, mit einem Klick aus dem Leben schaffen kann.

Es ist simpel, auf die Abwesenden einzuschlagen und womöglich vom Damals zu schwärmen, als »die Jugend« und die Welt überhaupt noch so frisch und fröhlich waren. Gescheiter wäre es, an die eigene Brust zu schlagen und sich zu fragen, wo man selbst zur Generation der Abwesenden beigetragen hat oder diese Generation im Stich läßt? Augenöffnend wäre allemal, das Buch der Neys zu lesen. Man kann es hier bestellen: immaculata.at.

 Grafik: immaculata.at