Donnerstag, 16. Mai 2019

Matt. Teil III


Der Beter

Nach unzähligen durchzechten Sonnabenden ist es ein Sonnabend – der Tag, der im liturgischen Leben der katholischen Kirche seit je als Tag der Muttergottes begangen wird - , an dem die Wende in Matts Leben eintritt. Die voraufgegangene Woche ist er, wiewohl er ansonsten ein zuverlässiger Arbeiter ist, bei seiner Arbeitsstelle nicht angetreten. Er trinkt und trinkt. Der Tiefpunkt ist erreicht. Am Sonnabend stellt er sich, zusammen mit seinem Bruder Philipp, an einer Straßenecke auf, wo auf jeden Fall seine Arbeitskollegen mit dem soeben ausgezahlten Lohn vorbeikommen müssen. Matt, der kein Knauser ist und dessen Großzügigkeit man kennt, hofft, daß die Kollegen heute ihn und den Bruder zum Stammtisch einladen werden, da sie beide zurzeit mittellos sind. Aber es kommt anders. Ganz anders.

Die Kollegen grüßen zwar kurz, gehen aber dann an Matt und seinem Bruder vorbei, ohne ein Wort der Einladung auszusprechen. Das trifft. Als er sich schließlich abwendet und nach Haue geht, ist er nicht mehr derselbe. Am selben Sonnabend, wenige Stunden später, sagt er seiner Mutter, die sich wundert, daß ihr Sohn heute früher als sonst nachhause gekommen und zudem nüchtern ist: „Ich mache das Versprechen.“

Elizabeth weiß sogleich, was damit gemeint ist. Denn das Versprechen ist ein Begriff, den man in Dublin kennt. Begründet durch den Kapuzinerpater Father Matthew, ist das Versprechen ein Nüchternheitsgelübde und meint die Tatsache, daß ein Alkoholkranker vor Gott verspricht, zukünftig sich des Alkohols zu enthalten. Eben dazu ist Matt nun bereit. Er macht sich auf den Weg zum Erzbischöflichen Priesterseminar, legt dort bei einem Priester die Beichte ab und gibt das Versprechen der Enthaltsamkeit für zunächst drei Monate. Am nächsten Tag, dem Sonntag, empfängt er nach einer furchtbaren Nacht zum erstenmal wieder nach langer Zeit den Leib des Herrn.

Die nächsten Wochen, Monate und wahrscheinlich auch Jahre sind Zeiten des Kampfes, der Versuchungen, der Entzugserscheinungen. Wenn die Versuchung ihn zu überwältigen droht, sagt er sich, daß er ja nach drei Monaten wieder zu trinken beginnen könne. Tatsächlich aber legt er nach Ablauf der drei Monate neuerlich das Versprechen ab und zwar wiederum für drei Monate; nach dieser Frist erneuert er das Versprechen bis zum Ende des Jahres und schließlich auf immer.

Einmal hält er es nicht mehr aus und geht in ein Gasthaus. Er will wieder trinken. Aber merkwürdigerweise kommt in dem geschäftigen Betrieb niemand zu ihm, um seine Bestellung aufzunehmen, so daß er schließlich aufsteht und das Lokal verläßt. Aufgrund der überwundenen Versuchung faßt er den Entschluß, fortan kein Geld mehr in der Tasche mitzunehmen.

Ungezählte andere Male hält er sich bis spätnachts in den Kirchen Dublins auf, um dort, im schützenden Raum des Heiligen, vor jeder Anfechtung beschützt zu sein. Und Gott kämpft für Matt.

So an dem Tag, als der Dämon ihn schrecklich quält. Er will zur heiligen Kommunion gehen, aber eine unbezwingbare Macht hält ihn an den Boden gefesselt, so daß er wie gelähmt ist, während ihm die verführerische Stimme einflüstert, er werde mit dem Trinken nie aufhören, es sei umsonst. In der zweiten Kirche, die er aufsucht, wiederholt sich diese schreckliche Trostlosigkeit. Und ebenso in der dritten Kirche. Auf den Stufen der Dubliner Pro-Kathedrale fällt er schließlich auf die Knie und betet mit ausgebreiteten Armen: Jesus, hab' Erbarmen, Maria, hilf, Jesus, hab' Erbarmen, Maria, hilf. Und es wird ihm geholfen.

Denn Matt hört nicht auf zu beten. Er weiß aus Erfahrung, daß er die Kraft zum Durchhalten nur im Gebet findet. Aus Matt wird in den nächsten Jahren und Jahrzehnten der große, sehr große Beter und Büßer. Der Bußpsalm Misere gehört zu seinen bevorzugten Gebeten. Täglich betet er den Rosenkranz, seine Liebe zur Muttergottes ist kindlich-überschwänglich. Die verlorenen Jahre der Sucht und des Eigennutzes bereut er und wandelt sie gleichsam zu Gold in dem neuen Leben asketischer Einfachheit und Strenge.

Die Mutter, die er nach dem Tode des Vaters zu sich in sein bescheidenes Zimmer nimmt, sieht, in der Nacht aufwachend, wie ihr Sohn aufrecht kniend im Gebet versunken ist. Matt selbst ist alles Zurschaustellen zuwider. Er ist der Arbeiter, der seiner Arbeit nachgeht und im Stillen unauffällig weiterbetet, auch, wenn möglich, in den Pausen während der Arbeit, wo er sich bescheiden in einem unbemerkten Winkel zurückzieht.

Drei Stunden Schlaf genügen ihm. Um fünf Uhr früh geht er zur heiligen Messe. Danach nimmt er ein karges Frühstück zu sich und geht zur Baustelle, wo er um sechs Uhr mit der Arbeit beginnt. Als die Frühmesse eines Tages auf ein Viertel nach sechs Uhr verlegt wird, kündigt Matt seine Stelle und tritt in einen Holzhandel ein, da ihm nur durch diesen Arbeitswechsel gewährleistet ist, weiterhin vor Arbeitsbeginn am heiligen Meßopfer teilzunehmen. Denn das Zentrum seines Lebens ist die Heilige Messe und der Empfang der heiligen Kommunion.

An Sonntagen besucht er gleich mehrere heilige Messen. Zeugen, die ihn bei der heiligen Feier wahrgenommen haben, sprechen von seiner wunderbaren Andacht und dem ehrfürchtigen Hingerissensein in das Geheimnis. Man sieht ihn stets kniend, aufrecht, ohne sich abzustützen. Er setzt sich nie in der heiligen Messe. Wenn das Kirchentor noch geschlossen ist, kann es sein, daß der Mesner, wenn er das Tor aufsperrt, Matt bereits betend auf den Kirchenstufen antrifft. Andere sehen ihn vor dem Beginn der heiligen  Messe immer wieder betend vor der Statue Unserer Lieben Frau am Marienaltar oder sie sehen ihn versunken vor dem Kreuz.

Zum Gebet kommt das Fasten und kommt das Almosengeben. Er ißt wenig. Seine Bedürfnisse schränkt er auf das Lebensnotwendige ein. Zwei Anzüge genügen ihm, einer zum Arbeiten und der andere zum Gang in die Kirche, denn wenn man den Herrn besucht, zieht man sich festlich an. Sein Bettpolster ist ein Holzbrett. Von dem schwer verdienten Lohn gibt er das, was ihm übrigbleibt, weg – für arme Familien, für die Priesterausbildung, für die Mission. In dem einzig erhaltenen Brief von seiner Hand, beigelegt einer Spende und verfaßt am 31. Dezember 1924, einem halben Jahr vor seinem Tod, stehen die rührenden Zeilen: „Matt Talbot hat die letzten 18 Monate nicht gearbeitet. Ich war krank, und der Priester und der Arzt hatten mich schon aufgegeben. Ich denke, ich kann nie wieder arbeiten. Hier haben Sie ein Pfund von mir und zehn Schillinge von meiner Schwester.“

Das ist Matt. Der auferstandene Matt. Zwei Stecknadeln, angebracht in Kreuzesform am Ärmelaufschlag erinnern ihn unauffällig an die Botschaft der Liebe, die ihn trägt und verwandelt und antreibt. Die Kollegen erleben ihn stets freundlich und geradlinig. Sie merken, daß Barney, wie sie ihn nennen, ein anderer geworden ist, auch wenn ihnen entgeht, wie tief die Wandlung ist, die Matt ergriffen hat. Matt ist nicht länger der Mann, der seine Abende in Wirtshäusern vergeudet, aber das heißt nicht, daß er auf seine Kollegen herabschaut. Er betet auch für sie und hilft, wo er zu helfen vermag. Und er ist Mitglied der Gewerkschaft, weil ihm das bedrückende Los der Arbeiter zu Herzen geht.

Dublin verläßt Matt nie. Seine Welt ist hier, sein Wirkungskreis ist hier: verborgen, unaufdringlich, in treuer, alltäglicher Beharrlichkeit. Er bleibt unverheiratet, wiewohl es die Aussicht auf eine Heirat gibt. Doch nachdem er eine Novene gebetet hat, weiß er, daß der Herr von ihm will, unverheiratet zu bleiben. Stattdessen ist er Mitglied frommer Gemeinschaften und Mitglied des Dritten Ordens der Franziskaner. Am 4. Mai 1890 unterschreibt er seine Mitgliedschaft im Herz-Jesu-Bund, wo er die lebenslange Abstinenz verspricht sowie die Sühne für die Sünden der vergangenen Sucht.

Und die Heiligen werden seine Freunde. Die frühen irischen Mönche in ihrer Entschiedenheit, ihrer Unbedingtheit und ihrem Feuer haben es ihm angetan. Matts Bußpraxis gemahnt an deren Eifer. Aber auch die Heiligen, die in ihrer Jugend gesündigt haben, ziehen ihn an. Er liest die Bekenntnisse des heiligen Augustinus und er liest über Margarete von Cortona. Und dann all die anderen heiligen Freunde, die ihm Vertraute werden: Der heilige Ignatius von Loyola, die große und die kleine Theresia, die heilige Caterina von Siena, der heilige Franz von Sales, Kardinal Newman und naturgemäß Franziskus, dessen Braut Armut in Matts Herz das offene, willfährige Echo findet.

Denn Matt bleibt der arme Matt, er gehört den Kleinen an, die der Herr im Evangelium seligpreist. Doch dieser Kleine, der gerade mal zwei Jahre Schulbildung absolviert hat, ist kein tumber Tor, sondern ein eifriger Leser, der Nahrung findet im geliebten göttlichen Wort der Bibel, welches er tagein tagaus aufnimmt, in den Heiligenviten, in den Schriften der geistlichen Lehrmeister und in den Lehren der Kirche. Und wenn Matt auf Stellen trifft, die er nicht auf Anhieb versteht, dann bittet er seine Priesterfreunde, die ihm bereitwillig weiterhelfen auf seinem Weg der Heiligkeit, um Aufklärung.

Denn auch dies zeigt Matts Leben: Wer die Kirche liebt, der wird von der Kirche herrlich geführt. Wunderbare Priester stellt die Vorsehung an Matts Seite. Nachdem ihn jahrelang der Dominikanerpriester Father James Walsh geistlich begleitet und in die Reichtümer der spirituellen Überlieferung eingeführt hat, findet er nach dessen Tod 1915 in dem fünfzehn Jahre jüngeren Monsignore Michael Hickey, einem heiligmäßigen Priester und Beichtvater, den neuen geistlichen Seelenfreund, der ihn unterstützt, führt und oftmals in seinem bescheidenen Zimmer besucht, wenn nötig auch, um seinen Schützling um dessen fürsprechendes Gebet zu bitten.

Matt, der robuste, zuverlässige Arbeiter, der die letzten Jahrzehnte eigentlich nie ernsthaft krank gewesen ist, ist bereits in seinen Sechzigern, als er in einem Dubliner Spital stationär aufgenommen werden muß. Er ist herzleidend. Die Arbeit am Holzplatz fällt ihm zusehends schwerer. Aber er liebt seine Arbeit, und die vier Wochen im Spital, fern von seiner geliebten Beschäftigung, müssen ihm wie eine Art Zeitverschwendung vorgekommen sein. Wenn es irgend geht, ist er in der Kapelle des Spitals und kniet vor dem Tabernakel. Als er schließlich entlassen wird, freut er sich darauf, bald wieder arbeiten gehen zu können. Tatsächlich aber ist die Zeit, die ihm noch verbleibt, eine Frist, die gekennzeichnet ist durch Abbau der Kräfte, Krankheit, Spitalsaufenthalte und Vorbereitung auf den Tod.

Dabei bleibt Matt der anspruchslose Patient, der nichts begehrt, nichts fordert. Als man ihn eines Tages auf seinem Zimmer vermißt und überall nach ihm sucht, findet ihn die zuständige Schwester schließlich dort, wo Matts Zuhause ist: In der Kapelle, beim Herrn. Und als sie ihm leise Vorhaltungen macht, entgegnet Matt mit seinem üblichen ruhigen Lächeln: „Ich habe den Schwestern und den Doktoren gedankt, und ich dachte, es ist nur richtig, dem Großen Heiler Dank zu sagen.“

Der Große Heiler kommt zu Matt am 7. Juni 1925. Es ist der Dreifaltigkeitssonntag. In der Frühe hat Matt die heilige Messe in der St. Franz Xaver Kirche besucht. Danach geht er wie gewohnt nach Hause zu seinem spärlichen Frühstück. Da er sich schwach fühlt, ruht er ein wenig aus, um sodann aufzubrechen und – wie an so vielen Sonntagen in den letzten Jahren und Jahrzehnten – eine zweite Sonntagsmesse zu besuchen. Er macht sich auf den Weg zur Zehnuhrmesse in der Erlöserkirche. Es ist ein sommerlicher Tag. Als er auf der Straße zusammenbricht, kommt eine Frau, die den Sturz gesehen hat, mit ihrem Sohn hinüber zu dem auf den Boden Liegenden. Sie tragen ihn über die Straße, wollen ihn ins Haus bringen, legen ihn aber zu guter Letzt nieder. Es ist gegen neun Uhr vierzig. Und vielleicht hört Matt, als er hier, am Boden liegend, schließlich seine Seele dem Schöpfer zurückgibt, noch einmal die Glocken der Erlöserkirche, die sonntäglich zum Heiligen Meßopfer läuten. 

Freitag, 10. Mai 2019

Matt. Teil II

 
 
Das Dublin, in dem Mathew Talbot am 2. Mai 1856 geboren wird, ist nicht die glitzernde Weltstadt des 3. Jahrtausends. Nicht einmal zehn Jahre vor Matts Geburt wird Irland von einer schrecklichen Hungersnot heimgesucht, der etwa eine Million Menschen zum Opfer fallen. Dublin, die spätere Hauptstadt der grünen Insel, beherbergt in seinen Fabriken und in seinen Docks am Hafen eine Vielzahl von Arbeitern, die mühsam ihr Leben fristen. In großen, eintönigen Mietskasernen in den Vorstädten leben oft vielköpfige Arbeiterfamilien auf engstem Raum beisammen; so auch die Familie Talbot.

Zwölf Kinder sind sie, neun Söhne und drei Töchter. Matt ist der Zweitälteste. Zwei Brüder sterben noch im Kindesalter. Vier weitere Brüder sterben als junge Männer, offensichtlich vom Alkohol verbraucht. Charles, der Vater, ist gleichfalls Trinker, wie überhaupt die Trinksucht unter den Arbeitern das grassierende Übel ist.

Elizabeth Talbot, Charles Frau, versucht ihr Bestes, um den alltäglichen Belastungen und dem drohenden Ruin gegenzusteuern. Elfmal muß die Familie übersiedeln. Die Trunksucht droht die Familie zu zerstören. Doch Elizabeth bleibt der stille Halt in der Familie, die unermüdlich Betende, die sich am Rosenkranz festhält und die Hoffnung nicht aufgibt. Ihrem Gebet und ihren Bitten ist es zu verdanken, daß schließlich der Vater mit der Wirtshausgeherei aufhört und seinen Lohn nicht länger vertrinkt.

Der Trinker

Mathew, kurz Matt genannt, absolviert, für arme Arbeitersöhne durchaus nicht unüblich, nur zwei Jahre Schule und tritt sodann mit erst zwölf Jahren ins Arbeitsleben ein - er wird Laufbursche in einer Weinhandlung. Das Arbeitsleben sagt ihm zu, zumal er kein Freund von langem Schulbanksitzen ist. Aber in der neuen Umgebung lernt er bald das, was ihn die nächsten Jahre verheerend niederdrückt. Ebenso wie eine Vielzahl seiner Arbeitskollegen nimmt er seinen an den Wochenenden ausgezahlten kärglichen Lohn, um ihn abends mit anderen Zechkumpanen in einer Kneipe zu vertrinken. Man kann ihm nicht nachsagen, er sei das Muttersöhnchen oder gar der Grünschnabel, der noch der Milch bedarf. Matt, obgleich erst zwölf, dreizehn, vierzehn Jahre alt, hält mit den Großen mit, und wenn er abends nach Hause kommt, legt er sich nieder, um seinen Rausch auszuschlafen.

Matts Vater, inzwischen trocken, sieht das Verhängnis und versucht, sei es durch Worte, sei es durch gelegentliche Prügel, den Sohn zu ändern. Aber keine Maßnahme fruchtet. Matt spürt zwar bisweilen die Scham des Säufers angesichts des Elends, welches er anrichtet, aber dies ändert nicht sein Verhalten. Die Sucht ist bereits dermaßen stark, daß Matt zum Gewohnheitstrinker geworden ist, der vom Trinken, trotz mancher gutgemeinter Vorsätze, nicht mehr lassen kann.

Der Vater, der im Hafen arbeitet, beschafft seinem Sohn dort eine neue Stelle, in der Hoffnung, daß dieser Arbeitswechsel und die Nähe des Vaters Matt zur Raison bringen. Aber auch diese Maßnahme erweist sich als vergeblich. Der Whisky ist fortan Matts bevorzugtes Getränk. Das Groteske dabei: Etliches, was an Whiskyflaschen durch die Hände der Zechbrüder geht, stammt aus den Lagerräumen, über die Matts Vater die Aufsicht führt. Diese empörende Entdeckung geht an Matt nicht spurlos vorüber. Zwar ist er bereits zu sehr dem Alkohol verfallen, um mit dem Trinken zu brechen, gleichwohl nagen die bedrückenden Zustände derart an ihm, daß er schließlich nach zwei Jahren die Arbeit kündigt. Bevor er eine neue Stelle ausfindig gemacht hat, vermittelt ihn sein Vater als Hilfsmaurer in eine neue Firma.

Matt ist jetzt achtzehn Jahre alt. Das Elend seiner Trinksucht wird noch weitere zehn Jahre andauern. Jahre, in denen er zugleich erlebt, wie, bis auf den ältesten Bruder John, alle anderen seiner Brüder unter dem Einfluß des Alkohols zusehends verfallen.

Die Wochentagslöhne verschwinden in den Kneipen. Zuhause gibt Matt seiner Mutter bisweilen einen minimalen Beitrag als Kostgeld, während Elizabeth weiterhin betet, verzeiht, ermahnt, hofft. Und ist die Scham, die trotz aller Verdunkelung in Matts Leben schwach glimmt, nicht auch Frucht der mütterlichen Tränen und Gebete? 

Eines Sonnabends, an dem Matt wie gewohnt in der Stammkneipe sitzt und mit den Zechkumpanen eine Sauftour abhält, kommt ein Fremder ins Gasthaus, der eine Geige unter dem Arm trägt. Der Unbekannte wird zum Mittrinken eingeladen. Der Whisky fließt reichlich. Als man merkt, daß die Rechnung heute höher ausfallen wird, entwendet Matt zusammen mit einem Kumpel klammheimlich das Instrument des Fremden und versetzt es gegen Bares in einem benachbarten Lokal. Darauf geht es zurück in die Stammkneipe. Als man spätnachts aufbricht, bemerkt der Fremde, daß seine Geige verschwunden ist. Er versteht die Welt nicht mehr, er versteht nicht, was man ihm angetan hat. Seine Klage, die unbeantwortet bleibt, wird Matt in seinem späteren Leben als peinigenden Stachel der Erinnerung immer wieder spüren. Und er wird in Wirtshäusern und Armenunterkünften nach diesem Fremden suchen, um wiedergutzumachen, was er dem Geigenspieler angetan hat. Und da er ihn nicht findet, wird er das Geld, das er damals für die versetzte Geige einstrich, in den Opferstock einer Kirche einzahlen, um heilige Messen für den Fremden lesen zu lassen und so seine Schuld zu begleichen.


Grafik: Statue von Matt in Dublin. wiki commons by Keresaspa - Own work, CC BY 3.0.

Freitag, 3. Mai 2019

Matt. Teil I


Sofort. So lautet das Schlagwort heute. Die Geduld gehört nicht zu den Tugenden des modernen Menschen, denn die Geduld gilt ihm als Methode der Vertröstung, des Aufschubs und also als Widerpart zur Mentalität des Sofort.

Wo allerdings das Sofort regiert, da ist die Sucht auf dem Sprung. Denn die Sucht verspricht den sofortigen Eintritt in die verlockenden virtuellen Paradiese. Dementsprechend breiten sich die Süchte heute epidemisch aus. Internetsucht, Alkoholsucht, Drogensucht, Pornographiesucht, Spielsucht... Hauptsache die schnelle Flucht aus der Realität findet statt.

Ein im deutschsprachigen Raum nahezu unbekannter Ire hat hundertfünfzig Jahre vor dem Flächenbrand der süchtigen Moderne die Sucht am eigenen Leib erfahren, und dies in sehr jungen Jahren. Man hätte ihn für verloren halten können. Ein Trinker, der noch ein Teenager ist, täglich dem Suff verfallen – wer würde für einen solchen ausweglosen Fall auch nur einen Deut geben?

Und doch, Matt Talbot, so der Name des scheinbar Verlorenen, geht nicht unter. Kraft der Gnade findet er zum wahren Leben.

Exakt darum ist Matt der passende Patron für unsere Zeit. Ihn sollten die Süchtigen anrufen. Denn Matt weiß, wie Befreiung geschieht, und er, Matt, wird den Verzweifelten beistehen, damit sie aus dem Gefängnis der Sucht herauskommen.

»Sei nie zu hart einem Mann gegenüber, der das Trinken nicht aufgeben kann«, so Matt. »Das Trinken aufzugeben (und man könnte ebenso gut sagen: Die Pornographie aufzugeben oder die Drogen oder eine andere Sucht) ist ebenso hart, wie den Toten wieder zum Leben zu erwecken. Aber beides ist möglich und sogar leicht für unseren Herrn. Wir brauchen nur abhängig zu sein von Ihm.«

Matts Geschichte: Die Geschichte einer Auferstehung.

Freitag, 26. April 2019

Der Held


Versteht man das?

Der Herr ist von den Toten auferstanden. Die Kirche besingt dieses Ereignis und diesen Tag mit der Antiphon, die sie nicht müde wird, immer wieder neu anzustimmen: Dies ist der Tag, den der Herr gemacht hat, laßt uns jubeln und seiner uns freuen - 


 
Denn dieser Tag ist der Tag aller Tage. Der Tag, der jedem Tag erst das Gepräge gibt, indem er das ewige Wasserzeichen der Auferstehung der Schöpfung einprägt.

Und der Held dieses Tages ist Jesus Christus.

Nur, was macht dieser Held?

Sagen wir zunächst, was Er nicht macht.

Er stellt sich nicht auf den Tempelvorplatz und ruft: Schaut her! Er stellt sich auch nicht auf den Marktplatz in Jerusalem und macht die große, beeindruckende Demonstration. Er trommelt nicht und schreit nicht.

Nein, der Held des Tages geht zwei verlorenen Seelen nach. Kleopas, so heißt der eine der Beiden, befindet sich mit seinem Gefährten auf dem Weg nach Emmaus. Und beide sind niedergeschlagen, enttäuscht, entmutigt. Ein heutiger Berichterstatter würde vermutlich von Depression sprechen.

Und eben diesen zwei Depressiven geht der Auferstandene nach. Sie sind Ihm wichtig, derart, daß er lange mit ihnen spricht, sie belehrt, sie tröstet, sie nährt.

In seinem irdischen Leben hat sich Jesus als der Gute Hirte bezeichnet (Johannes-Evangelium 10,11). Hier, in der lukanischen Emmauserzählung, strahlt wunderbar einfach auf, was es heißt, der Gute Hirte zu sein. Dem Guten Hirten ist jede einzelne Seele kostbar. Der Gute Hirte ist zwar der Held, aber er schielt nicht nach Art eines Überwältigers nach Applaus und Sensation und großer Show, sondern er ist der Gärtner, der das kleine Samenkorn sieht und hegt und hütet, denn jede Seele ist Ihm unendlich kostbar.

Kleopas heißt der Eine. Und der Andere?

Dienstag, 16. April 2019

Karwoche 2019. Das Menetekel


Kathedrale Notre-Dame de Paris, in Flammen.

Stat crux dum volvitur orbis.
Das Kreuz steht, während der Erdkreis sich dreht.


Grafik: via @princess_redd / Twitter

Freitag, 12. April 2019

et factum est


Wo der deutschsprachige Leser des Evangeliums sich gewohnt hat an Formulierungen wie: Und es geschah…, da stehen im Lateinischen die Worte: Et factum est oder auch: et facta sunt (man lese nur mal etwa das erste Kapitel des Lukas-Evangeliums).

Als Lehnwörter sind diese Begriffe bekannt. Das Faktum benennt eine Tatsache, eine unumstößliche Wirklichkeit. Fakten sind gegeben, Fakten sind da.

Exakt dies will das Neue Testament betonen, wenn es von Jesus berichtet. Die Evangelisten, die Apostel, die Verkünder sind gestandene Augenzeugen, sie berichten nicht über Erfundenes oder über abstruse, verquere Hirngespinste, sondern über felsenfeste Fakten, die überprüfbar sind, die wortwörtlich begreifbar sind, über Tatsachen, an denen nicht zu rütteln ist, da sie nun mal Tatsachen sind. Punkt.

Vor allem der Evangelist Johannes wird nicht müde, seinen Zuhörern dieses Grundlegende immer wieder vor Augen zu führen. Z.B. im ersten seiner Briefe:

»Was von Anfang an war, was wir gehört haben, was wir mit unseren Augen gesehen, was wir geschaut und was unsere Hände angefaßt haben, das verkünden wir: das Wort des Lebens. Denn das Leben wurde offenbart; wir haben gesehen und bezeugen und verkünden euch das ewige Leben, das beim Vater war und  uns offenbart wurde. Was wir gesehen und gehört haben, das verkünden wir auch euch, damit auch ihr Gemeinschaft mit uns habt.» (1ff)

Und derselbe Evangelist prägt den Fundamentalsatz der Christologie, die Tatsache aller Tatsachen: Et verbum caro factum est – Und das Wort ist Fleisch geworden.

Es hängt nicht zuletzt mit der Insistenz des Christentums auf den Fakten zusammen, daß das Christentum durch die Jahrhunderte hin zur wohlfeilen Zielscheibe wurde. Wer Fakten benennt, zieht nämlich die klare Trennungslinie zwischen Tatsachen und Nicht-Tatsachen, zwischen Fakten und Fiktionen. Dies ist aber, gerade in der gegenwärtigen Zeit, Stein des Anstoßes schlechthin. Denn die Moderne oder Postmoderne oder Postpostmoderne rühmt sich, endlich jenseits der Fakten angekommen zu sein, im schieren Konstruktivismus – anything goes.

Zwei markante Beispiele unter multiplen anderen: Die Abtreibung und der Genderaberwitz.

Mit der aggressiven Durchsetzung der Abtreibung wurde in den sechziger Jahren die Wirklichkeit zum Nonsens herabgestuft. Gegen jede wissenschaftliche Evidenz und jeden bis dato unangefochtenen Konsens, daß nämlich der Zeitpunkt der Konzeption der Beginn der Schwangerschaft und also der Beginn des menschlichen Lebens ist, wurde nun plötzlich das ungeborene Kind zum bloßen Zellhaufen degradiert. Nicht das Faktum des Lebens in seinem frühesten Stadium zählte, sondern die Ideologie der Machbarkeit und deren faktenresistente Sicht der Dinge.

Fünfzig Jahre später treibt die Verweigerung der Fakten ihre dekadenten späten Blüten. Der Biologie an sich, den nackten organischen Tatsachen, wird nun der Garaus gemacht. Mannsein und Frausein, mit anderen Worten die Grunddaten menschlicher Existenz, sind neuerdings lediglich Konstrukte und folglich Modelliermasse nach Belieben. Chromosomen - beliebig. Neurologische Befunde - irrelevant. Zellulare Eindeutigkeiten - belanglos. Ein Irrsinn, zweifelsohne, aber dieser Irrsinn hat Methode und bringt es mittlerweile landauf landab zu hochdotierten und subventionierten Lehrstühlen.

Da ist es reine, kristallklare Luft, in die Welt der Evangelien und der neutestamentlichen Schriften insgesamt einzutreten. Es ist der Sauerstoff der taghellen Tatsachen. Und dieses Elixier ist dringender denn je benötigt – um widerständig zu sein, wenn die Welt ringsum den Nebel und das Närrische als die alleinseligmachende Droge verkauft.

Wie herrlich, wie einfach, wie wirklich:

»Denn wir sind nicht klug ausgedachten Geschichten gefolgt, als wir euch die machtvolle Ankunft unseres Herrn Jesus Christus kundtaten, sondern wir waren Augenzeugen Seiner Macht und Größe.« (2. Petrusbrief 1, 16)

Grafik: Photo by Robert Nyman on Unsplash

Samstag, 6. April 2019

Non consuetudo sed veritas


Vielleicht ist der Mann vierzig oder fünfzig oder älter. Weiß man nicht. Was man jedoch weiß, ist, daß er seit 38 Jahren krank ist, schwer krank. Und seit 38 Jahren wartet er auf Heilung.

An diesen Mann stellt der berühmte Arzt, der um die lange Krankheit des Darniederliegenden weiß, die Frage: Willst du gesund werden?

Soll das ein Witz sein? Der Mann ist ein Langzeitkranker. Der sieht seit 38 Jahren andere herumrennen und arbeiten und Feste feiern. Und ausgerechnet diesen Kranken fragt der berühmte Arzt: Willst du gesund werden?

Es ist kein Witz. Denn das Evangelium nach Johannes erzählt keine Witze, sondern wahre Geschichten. Und diese Geschichte steht zu Beginn des fünften Kapitels des Evangeliums.

Was also meint der Arzt Jesus, wenn er ernsthaft diese Frage stellt?

Läßt man die Frage wirken, so enthüllt sich das Gemeinte und damit die Berechtigung der Frage. Denn tatsächlich hat der Kranke genau dies zu wissen: Ob er wirklich gesund werden will. Wirklich.

Man denke sich einen alten Raucher, der seit fünfzig Jahren einen Glimmstengel nach dem anderen sich anzündet, der ein Lungenkarzinom hat und der gefragt wird, ob er gesund werden will. Ja, wird er vermutlich antworten. Wenn man ihn anschließend auffordert, die gehorteten Glimmstengel in den Abfallkübel zu werfen, wird er vermutlich entgegnen, das sei in der Bitte um Gesundung nicht eingeschlossen gewesen.

Das Beispiel zeigt, worum es geht.

Da der Mensch nicht nur Leib ist, sondern zugleich Seele und Geist, ist Gesundung kein partielles Geschehen, sondern ein ganzheitliches. Die tiefsten Krankheitsprozesse liegen freilich nicht im Leib, sondern im Geist. Und die geistigen Pathologien werden oft genug nicht erkannt, geschweige denn beim Namen genannt. Dies hängt damit zusammen, daß die Gewohnheit Rechte für sich reklamiert, gerade auch die kranke Gewohnheit. Und schließlich hält man die Gewohnheit, wenn sie nur durch die Zeit und das gesellschaftliche Komplizentum ausreichend zementiert worden ist, für eine berechtigte Gewohnheit, sprich für eine Wahrheit. Nur, wie bereits Tertullian feststellte, hat Christus nicht gesagt: Ich bin die Gewohnheit, sondern: Ich bin die Wahrheit (non consuetudo sed veritas).

Eine noch so tief verwurzelte Gewohnheit ist, wenn sie das Leben mindert oder schädigt oder zerstört, nicht als vermeintliche Wahrheit zu hätscheln, sondern zu verwerfen. Wer jedoch will das? Wirklich.

Was, wenn nach 38 Jahren ein Gedankengebäude, an welches man sich seit 38 Jahren klammert und welches man für eine Art zweite Haut nimmt, durch die Gesundung einstürzt? Will man das?

Denn die Frage: Willst du gesund werden? ist die Frage danach, ob man zu dem eindeutigen, tiefen, unverwechselbaren Ja kommen will, das jedes Leben erst zu dem macht, was es von Hause aus ist: LEBEN. Sagt man JA zu seinem Leben? Oder hält man, zumeist sehr subkutan, die Aber bereit und die Dementis und die Widersprüche, die im Letzten allesamt nein zum Leben sagen und damit das Leben schleichend vergiften?

Ja oder nein sind keine theoretischen Konstrukte. Da Ja ist sehr pragmatisch, das Nein gleichfalls. Denn beide Haltungen haben Konsequenzen. Paulus sagt es in aller gebotenen Eindringlichkeit:

Denn Gottes Sohn Jesus Christus, der euch durch uns verkündigt wurde - durch mich, Silvanus und Timotheus -, ist nicht als Ja und Nein zugleich gekommen; in ihm ist das Ja verwirklicht. Er ist das Ja zu allem, was Gott verheißen hat. Darum rufen wir durch ihn zu Gottes Lobpreis auch das Amen (2 Kor 1,20).

Antworte ich auf die Frage Jesu mit Ja, dann entscheide ich mich damit für die Zustimmung zur Welt. Ich bin einverstanden. Einverstanden mit der Fundamentaltatsache, daß es Welt und also mich gibt. Und mehr noch: Damit, daß mein Leben kostbar ist. Immer.

Will ich diese Gesundheit? Das Ja zur Kostbarkeit meines Lebens?

Wenn ja, dann bin ich dort angekommen, wo der göttliche Arzt mich hinführen will: Zu dem Einverständnis, welches eine Form der Anbetung ist.

Darum auch setzt sich die Geschichte des Geheilten, die das Johannesevangelium erzählt, aus zwei Begegnungen zwischen dem Arzt und dem Patienten zusammen. Bei der zweiten Begegnung, nach der Heilung, sagt Jesus zu dem Geheilten: Jetzt bist du gesund; sündige nicht mehr, damit dir nicht noch Schlimmeres zustößt.

Die Begegnung findet bezeichnenderweise im Tempel statt, also dort, wo Gott gepriesen wird. Und jetzt erfährt der Geheilte den Namen des Arztes. Dieser Name – Jesus - bedeutet übersetzt: Gott rettet, Gott heilt. Mit anderen Worten: Im Tempel, an der Gottesstätte, wird dem ehemals Kranken offenbart, daß in dem Arzt Gott selbst auf ihn zugekommen ist, um ihn gesund zu machen. Der Spender des Lebens hat ihn heil gemacht. Und dort, im Tempel, wird die Heilung bezeugt und besungen, denn im Gotteshaus ist das Ja zum Leben grundgelegt.

Und die Geschichte geht noch weiter. Offenbar hat der Geheilte das Wesen seiner Heilung verstanden, denn es heißt: Der Mann ging fort und teilte den Juden mit, daß es Jesus war, der ihn gesund gemacht hatte. Er weiß nun erstens um den Urheber seines wirklichen Lebens, und er weiß zweitens, daß er dieses Leben zu bezeugen hat. Denn das Leben, das wirkliche, will bezeugt sein.

Grafik: Pieter Aertsen, Heilung des Gelähmten von Bethesda. 1575, Rijksmuseum Amsterdam. wikicommons


Samstag, 30. März 2019

Der Sieg


Für M. S.

»Und das ist der Sieg, der die Welt besiegt hat:
Unser Glaube.«
Erster Johannesbrief 5,4

»Der Glaube, diese Gabe aller Gaben, ohne den kein Friede und Genügen in der Welt.«
Michelangelo


Grafik: David (Ausschnitt). Michelangelo. Von Jörg Bittner Unna - Eigenes Werk, CC BY 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=38304758

Donnerstag, 21. März 2019

Veritas eius


In seiner Einführung in das liturgische Jahr schreibt Dom Prosper Guéranger OSB (1805 - 1875), wie die Kirche ihre Kinder in der Fastenzeit sieht; es heißt:

»Sie sieht sie als eine große Armee, die Tag und Nacht gegen die Feinde Gottes ankämpft. Daher nennt sie am Aschermittwoch die Fastenzeit die Zeit des Kampfes der Soldaten Christi. Um neue Menschen zu werden, die würdig sind, an dem himmlischen Gesang teilzunehmen, müssen wir in  der Tat erst über unsere Feinde triumphiert haben: Über den Teufel, das Fleisch und die Welt. Verbunden mit unserem Herrn, der auf dem Berg gegen den Satan und eine dreifache Versuchung erfolgreich ankämpfte, müssen wir gewappnet und wachsam sein. Um uns in unserer Siegeszuversicht zu stärken, weist uns die Kirche auf den Psalm 91 hin, den sie zu den Meßtexten des ersten Fastensonntags zählt und dem sie für das Stundengebet dieses Tages einige Verse entnimmt.« (St. Ottilien, EOS Editions, Studien zur monastischen Kultur, Bd. 8, Sankt Ottilien 2014, 112). 

Psalm 91 beginnt mit den bekannten Worten: Wer im Schutz des Allerhöchsten wohnt... Es ist der Psalm, der sonntags im Nachtgebet der Kirche, der Komplet, gebetet wird. Bevor der Tag zu Ende geht, gedenkt der Beter noch einmal der schützenden Hand Gottes, die ihn vor allen Gefahren behütet, und nicht nur das, die ihm auch die sichere Vollmacht gibt, selbst auf Löwen und Drachen und Nattern zu treten.

Zu Beginn dieses großen Gebets, im fünften Vers, stehen die Worte: Schild und Schutz ist dir Seine Treue, du brauchst dich vor dem Schrecken der Nacht nicht zu fürchten.

Die Vulgata, die lateinische Übersetzung der Bibel gemäß dem heiligen Kirchenvater Hieronymus, schreibt: Scuto circumdabit te veritas eius, non timebis a timore nocturno.

Wörtlich: Mit einem Schild wird dich Seine Wahrheit umgeben, du brauchst dich vor dem nächtlichen Schrecken nicht zu fürchten.

Der Beter des Psalms weiß, daß er tagein tagaus auf einem Kampfplatz sich befindet. Nicht nur nachts, sondern auch, wie ausdrücklich festgestellt wird, am Tag und zu Mittag. Es ist die Zeit der Dämonen und der dämonischen Angriffe.

Aber der Beter weiß auch dies: Daß er behütet ist, von Gott selbst und von Gottes Boten, den Engeln. Und was diesem Wissen das felsenfeste Fundament gibt, ist das, was der fünfte Vers benennt: Seine Wahrheit.

Weil Gott der Gott der Wahrheit ist, ist der Beter, der sich auf Ihn verläßt, nicht länger in der Gefahrenzone. Denn der Schild der Wahrheit beschützt vor dem eigentlich Abgründigen, vor dem, was jeden Anschlag zu einem potentiell tödlichen macht: der Abwesenheit der Wahrheit.

Der Gefährdete braucht nichts mehr als die Wahrheit. Er muß wissen, woran kann er sich wirklich festhalten, woran orientieren, was gilt wirklich, was ist Illusion, was Zuflucht und  Burg und Unterkunft? Vage Auskünfte helfen demjenigen, der von vergifteten Pfeilgeschossen umgeben ist, nicht weiter. Die Natter der Lüge wird nicht besiegt durch verharmlosende Allerweltsrhetorik. Der Soldat Christi braucht die Wahrheit. Die Wahrheit, die den Drachen zertritt. Die Wahrheit, die die Furcht nimmt, zumal nachts, wenn es finster ist und folglich die Angriffe am heimtückischsten sind.

Und daß es diese Wahrheit gibt, ist bereits Sieg. Denn für den Beter des Psalms ist es unhinterfragt, daß es die Wahrheit gibt. Der neumodische Zweifel, der heutzutage zu einer taumelnden Tugend hochgejubelt wird, wäre dem Beter von Psalm 91 ein Greuel. Seine Wahrheit wird mich bergen. Das ist ein Indikativ und also eine Wirklichkeitsaussage, keine kritische Anfrage oder Nachfrage oder Hinterfragung oder wie die modischen Attitüden lauten. Es ist schlicht und einfach die gläubige Zuversicht dessen, der betet.

Grafik: Photo by Thomas Tucker on Unsplash





Freitag, 15. März 2019

»Herr, lehre doch mich.«


Am Aschermittwoch wird die Asche über unser Haupt gestreut oder auch das Aschenkreuz auf unsere Stirn gezeichnet, wobei der Priester die Worte spricht: Bedenke, Mensch, daß du Staub bist und zum Staub zurückkehren wirst.

Memento mori. Wie oft vergessen wir diese Mahnung, obgleich doch das Faktum der Sterblichkeit uns alle vereint. Hier, in der absoluten Endlichkeit (und das Eigenschaftswort absolut ist an dieser Stelle richtig plaziert), hört jede Differenz auf, gleich, ob es um die Unterschiede zwischen arm und reich, gesund und krank, angesehen oder verachtet geht. Der Tod macht alle gleich.

Wer über die Unausweichlichkeit des Todes nachsinnt, steht vor dem Geheimnis, welches in die Verzweiflung oder in das Aufbäumen oder in den letzten ekstatischen Rausch führen kann – so etwa in Mahlers Lied von der Erde, welches ein langer elegischer Abgesang an die unverfügbare und zugleich leidenschaftlich begehrte Wunderkraft der Welt ist.

Johannes Brahms hat sein memento mori komponiert. Ein deutsches Requiem ruft unser Ende in die Erinnerung. Im dritten Satz seines siebenteiligen Werkes wird die zerreißende Spannung von hilfloser Unausweichlichkeit und Suche nach rettender Erlösung schmerzlich hörbar.

Herr, lehre doch mich, so beginnt es. Es ist die Bitte an Gott, den Beter in die Schule Gottes zu nehmen. Er, Gott, der Begründer des Geheimnisses des Todes, muß den Beter unterrichten, damit dieser verstehen lernt. Denn der Mensch ist ein Unverständiger, Unbelehrbarer. Blindlings sammelt er Schätze und weiß doch nicht, wer es kriegen wird. Er ist ein Schemen, sein kurzes Leben wie ein Nichts vor dem allmächtigen Gott.

Der Ausweg aus der Unausweichlichkeit des Todes ist nicht die Kurzsichtigkeit, nicht die Illusion, nicht das Hasten und sich Betäuben, sondern, ganz im Gegenteil, die demütige Bitte an den Herrn, dem Menschen das Ziel klar vor Augen zu rücken: Herr, lehre doch mich, daß ein Ende mit mir haben muß, und daß mein Leben ein Ziel hat, und ich davon muß. Der Tod ist Tod, er wird nicht bemäntelt. Aber der Tod ist ineins Ziel und damit nicht Nichts.

Damit gibt Brahms bereits zu Beginn die Richtung an. Doch Brahms wäre nicht Brahms, wenn er mühelos den Weg ins Helle weisen würde. Zum dritten Satz des Requiems und zur Ernsthaftigkeit des Komponisten Brahms gehört, daß er die Klage des sterblichen Menschen lange ertönen läßt. Denn derjenige, der diese Klage vernimmt, der den Terror des Todes vernimmt, steht vor der Versuchung, angesichts dieses Schreckens zu verzweifeln. Was bleibt, wenn der Tod scheinbar Alles nimmt?

In den Worten der Komposition, welche Worte dem Psalm 84 entnommen sind: Herr, wes soll ich mich trösten?

Und man muß den hämmernden Schrei dieser zermürbenden Frage hören und die im Schrei mitschwingende Angst des Verhallenden, mit anderen Worten die Befürchtung, der Schrei könnte ins Leere gehen und also ohne Antwort bleiben – all diese Beklemmungen, die Brahms in ihrer ganzen Bedrückung hörbar macht - , um sodann, geboren aus der tiefsten Not, anzukommen bei der Antwort der Güte: Ich hoffe auf Dich. Die gerechten Seelen sind in Gottes Hand und keine Qual rühret sie an.

Die gerechten Seelen. Das ist keine kitschige Vertröstung eines deus ex machina, sondern die Antwort des biblischen Beters. Und zu dieser Antwort gehört, daß sie keiner platten paradiesischen Allerweltsstimmung das Wort redet, sondern im Nüchternen verbleibt. Denn die Rede ist von den gerechten Seelen. Der Gerechte ist, laut biblischer Auskunft, derjenige, der siebenmal am Tag fällt. Aber der Gerechte bleibt nicht am Boden liegen, sondern er steht auf, seine Sünde vermag ihn nicht zu halten (Spr 24,16). Darum wartet seiner die Erfüllung.

Was aber ist mit den ungerechten Seelen? Über sie heißt es im selben Buch der Sprichwörter, daß die Gottlosen im Unglück versinken.

Brahms gedenkt der gerechten Seelen. Er komponiert die Hoffnung. Und die Hoffnung, auch dies biblischer Befund, läßt nicht zugrunde gehen (Römerbrief 5,5). Doch zur Hoffnung gehört, sie zu ergreifen – im Herrn. Darum heißt es im letzten Satz des Requiems mit den Worten der Offenbarung des Johannes: Selig sind die Toten, die in dem Herren sterben, von nun an.

In dem Herren!

Grafik: Photo by Ahna Ziegler on Unsplash

Freitag, 8. März 2019

»Kein Künstler ist jemals morbid.«


Die Fabel ist bekannt.

Ein gut aussehender Zwanzigjähriger wird von einem Maler portraitiert. Als das Bild schließlich fertig ist, ist der Portraitierte von der dargestellten eigenen Schönheit wie berauscht. Warum, so fragt er sich, wird er altern, das Portrait jedoch in unverminderter Makellosigkeit bestehen bleiben. Ist das nicht ungerecht?

Und angesichts dieses Portraits verkauft er in einem Akt entsetzlicher Verblendung seine Seele: Das Portrait soll altern, während er selbst, Dorian Gray, der ewige Adonis bleibt.

Der Roman erzählt den Fortgang und Ausgang dieses bösen Tauschs. Denn tatsächlich altert das Bild, während der Portraitierte seine Jugendlichkeit wahrt.

Und mehr noch. Während Gray zunehmend in Lastern versinkt und schließlich den Maler ermordet, zeigt das Portrait unerbittlich den Verfall des Dargestellten, dessen Verruchtheit und Lasterhaftigkeit. Bis schließlich, am Ende des Abstiegs, Gray, angeekelt von seiner mörderischen Unzucht, sich besinnt, den Beginn einer Bekehrung erprobt und in einem Anfall rasender Aufwallung sein Portrait zu vernichten sucht, dabei jedoch sich selbst tödlich trifft – er stirbt, während das Portrait überlebt.

Und erst jetzt, im Finale, ist Dorian Gray Dorian Gray. Nicht länger der junggebliebene Narziß, sondern der am Boden Liegende, der Tote und Verweste, der mit allen entsetzlichen Schwären einer mißhandelten Seele Gezeichnete, der offenbare Sünder.

Hat also Oscar Wilde, der Verfasser dieser schaurigen Story, eine Moritat geschrieben?

Das Bildnis des Dorian Gray hat alle Zutaten einer Moritat. Und wenn Wilde der große Künstler gewesen wäre, für den ihn manche halten mögen, hätte es tatsächlich eine große Moritat werden können. Aber herausgekommen ist ein fadenscheiniger Zwitter, kein Vollendetes. Und das liegt an Wilde selbst.

Denn das eigentlich Abgründige an seinem Roman ist die Gestalt des Lords Henry Wotton. Wotton ist der Verführer des jungen Gray. Und Verführer meint hier Verführung im schrecklichsten Sinnes des Wortes. Er ist derjenige, der seinen Schützling, dessen anfängliche Reinheit Wilde des öfteren betont, mit giftigen Sottisen und zynischen Spitzfindigkeiten unausgesetzt becirct, bis der von ihm Hypnotisierte der Pestilenz des dekadenten Lebemannes erliegt.

Und diese Kapitulation des Jüngeren wird dadurch erleichtert, daß die reiche Gesellschaftsschicht, in der sich Wotton und Gray bewegen, die ätzenden, haarsträubenden Pretiosen des Dandys Wotton bestaunen und beklatschen. Je abstruser dessen Theorien, desto willfähriger machen sie unter den gelangweilten Snobs der viktorianischen High Society die Runden.

Am Ende liegen Leichen am Boden. Ein Ermordeter, zwei Selbstmorde, ganz zu schweigen von den seelisch Ruinierten. Und was macht Wilde?

Wilde läßt seinen verdorbenen Helden untergehen und dessen Portrait überleben. Cave: Die Kunst, auf sie kommt es an, das ästhetische Credo ist unantastbar. Aus dem Ausbund des Schaurigen geht das reine Portrait hervor.

Eben damit leistet Wilde seinem Roman den Bärendienst. Denn große Kunst hätte unweigerlich den zur Rechenschaft gezogen, den das Urteil treffen muß – den depravierten Lord. Doch diesen läßt Wilde ungeschoren davonkommen. Damit verrät er die wahre Kunst. Denn jede große Kunst ist, da sie den wahren Gesetzen des Lebens und nicht den künstlichen Paradiesen des fin de siècle folgt, per se moralisch. An Dickens hätte Wilde dies ablesen können.

Das wahrhaft Ungeheure des Romans ist folglich diese Tatsache: Das Scheusal geht leer aus. Ohne Strafe. Ohne Ächtung. Ohne die kleinste Blessur. Und das liegt darin, daß Wilde in die destruktive Raffinesse seines Lords verliebt ist. Er legt dem Verführer ein genüßliches Paradox nach dem anderen in den Mund, und der Leser spürt hinter Wotton den selbstgefälligen agent provocateur Wilde. Wo es geraten gewesen wäre, sich von Wotton zu distanzieren, um die Gewichte von Gut und Böse eindeutig zu markieren, verwischt Wilde die Grenzen und gefällt sich - auf Kosten der Integrität der Kunst - im glitzernden Rausch der leeren gesellschaftlichen Capricen.

Gray ist Opfer beider – von Wotton und von Wilde. Die Unentschiedenheit Wildes, sein Liebäugeln mit der Schlange der Verführung, läßt ihn über seinen jugendlichen Helden - der von einem Buch, welches Wotton ihm aushändigt, endgültig zersetzt wird – sagen: »Das Buch, das Dorian vergiftet oder vervollkommnet (...)« (so in einem Brief Wildes an R. Payne).

Wie bitte? Vergiften oder vervollkommnen? Was nun? Hier gibt es nur ein entweder/oder. Tertium non datur. Wer beides in einem Atemzug nennt, der liefert Gray ans Messer, das aber heißt, der verleiht dem morbiden Lord und seinem perfiden falschen Glanz den Nimbus des genialen spiritus rector.

Poor Wilde. »Kein Künstler ist jemals morbid«, heißt es in einem der vorangestellten Motti des Romans. Es wäre schön gewesen, wenn sich Wilde an diese Maxime gehalten hätte.


Freitag, 1. März 2019

Gordische Knoten


»Wenn ich eine Stunde hätte, um den Planeten zu retten, dann würde ich 59 Minuten damit verbringen, das Problem genau zu definieren, und eine Minute damit, das Problem zu lösen.«

Einstein soll dies gesagt haben.

Was gemeint ist, ist klar. Wer die Probleme richtig anschaut und analysiert, wer die korrekte, langwierige Diagnose stellt, der hat im Grunde das Problem gelöst.

Lang ist‘s her, daß Einstein dies feststellte. Unsere Zeit entscheidet sich anders. Nicht die korrekten, zeitaufwendigen Diagnosen sind gefragt, sondern die schnellen, am besten rasend schnellen Lösungen, die – man ahnt es bereits – keine Lösungen sind, weil sie nur schnell, aber wenig erleuchtet sind.

Dieser Wahn des Schnellen hält mittlerweile auch Einzug in das religiöse Leben. Das Spirituelle soll gefälligst ebenso schnell gehen. Spirituell und schnell, das reimt sich sogar. Na bravo!

Leider, oder Gott sei Dank, ist aber das Geistige kein Fast-Food-Produkt. Gut Ding will Weile haben. Und wer sein Leben ins Reine bringen will, der muß sich Zeit nehmen und darf Mühen nicht scheuen. Er muß die rechte Diagnose stellen. Und dazu gehört, daß er zuallererst einmal recht hinschaut, Bequemlichkeiten ablegt, Nebensächliches wegschafft, die Details ordnet, die Zusammenhänge wahrzunehmen beginnt, Unliebsames nicht verdrängt, sondern ins Licht hebt und bei Bedarf auf einen weisen Ratgeber hört.

Und dieses langsame, geduldige Vorgehen ist bereits Beginn der heilsamen Lösung. Nicht umsonst heißt es im Lukasevangelium (in der Vulgata-Fassung): In patientia vestra possidebitis animas vestras – wörtlich: In eurer Geduld werdet ihr eure Seelen besitzen (21,19).

In der Geduld, nicht in der Raserei.

Man wird entgegenhalten: Aber selbst im Evangelium gibt es doch die schnellen Heilungen. Sofort ist eine Vokabel, die bei den neutestamentlichen Heilungsberichten öfters vorkommt.

Das stimmt. Doch die Spontanheilungen sind nicht die Regel, sondern die Ausnahme, und diese Ausnahme hilft uns, das Ziel nicht aus den Augen zu verlieren. Denn wie oft wollen wir aufgeben, wenn die Heilung nicht so schnell eintritt, wie wir es gerne hätten. Dann  kann es sein, daß wir versucht sind zu kapitulieren. Spontane, sofortige Heilungen, von Jesus gewirkt, zeigen uns sodann im unwiderstehlichen Licht der Tageshelle, daß das Ziel keine Illusion ist, sondern Wirklichkeit. Doch diese Wirklichkeit negiert nicht den ordentlichen Weg, den Weg, welcher der langsame ist.

Und schließlich: Auch der langsam Voranschreitende wird die Erfahrung der Schnelle machen, die Erfahrung der Überraschung. Auch das drückt ja Einstein aus.

Denn wer der Geduld des organischen Reifens nicht ausweicht, wird eines Tages erleben, wie schnell plötzlich die reife Frucht ihm in den Schoß fällt - der gordische Knoten ist durch. Nur, dem befreienden Schlag gingen etliche Trainingsstunden voraus. Stunden von Schweiß und Mühe und Muskelaufbau. Dann plötzlich der befreiende Schlag oder auch der befreiende Blitz oder auch die sich öffnende Tür. Mit einem Wort: Die sechzigste Minute!

Grafiken: Photo by Jake Oates on Unsplash

Freitag, 22. Februar 2019

Die Abwesenden


Wer kennt das nicht?

Man sitzt in der U-Bahn oder in der Straßenbahn und ist umgeben von den Abwesenden. Da sitzen Zehnjährige, Zwanzigjährige, Dreißigjährige und auch Vierzigjährig-Fünfzigjährige und haben ihre Stöpsel im Ohr oder sind abgesunken in diese kleinen, glitzernden Mattscheiben vor ihnen.

Die Generation der Abwesenden.

Nur: Warum sind sie abwesend? Warum diese Flucht in die virtuellen Welten?

Die Soziologen geben ihre Antworten. Die Pädagogen geben ihre Antworten. Die Politiker, die bekanntlich zu allem was sagen, melden sich auch zu Wort. Und die Schar der Konsumenten hat gleichfalls Antworten parat.

Was man jedoch im Stimmengewirr nahezu nie vernimmt, ist die unbequeme Antwort, daß ein hoher Prozentsatz oder vielleicht sogar die Mehrzahl dieser Abwesenden Abtreibungsüberlebende sind.

Mit diesem Begriff bezeichnen der Kinderpsychiater Philip G. Ney und seine Frau, die Ärztin Marie Peeters-Ney, all die Personen, die, aus welchen Gründen immer, eine Abtreibung überlebt haben. Danach ist beispielsweise ein Abtreibungüberlebender ein Kind, welches in eine Familie hineingeboren wird, in der eine oder mehrere Abtreibungen stattgefunden haben. Warum hat besagtes Kind überlebt, während seine Geschwister durch Abtreibung getötet worden sind?

Die Neys haben in jahrzehntelanger Forschungsarbeit die Symptome mit Krankheitswert von Abtreibungsüberlebenden untersucht und gaben schließlich dem Symptomenkomplex die Bezeichnung: PASS – Post-Abortion-Survivor-Syndrom (das Syndrom der Abtreibungsüberlebenden).

Welche pathologischen Konsequenzen hat das Faktum der geschehenen Abtreibung auf diejenigen, die der Abtreibung entkommen sind? Welche Auswirkungen hat es auf Kinder, wenn man sie, die geborenen, zu sogenannten „Wunschkindern“ stilisiert, d.h. zu Kindern, die deswegen das Licht der Welt erblicken durften, weil sie erwünscht waren – was einschließt, daß es offensichtlich andere Kinder gibt, die nicht  erwünscht, keine Wunschkinder sind und daher beseitigt werden dürfen? Welche globalen Auswirkungen hat das Phänomen der globalen Abtreibung und ihrer Opfer?

Läßt man die Daten und Schlußfolgerungen, welche die Neys darlegen, an sich heran, dann ist es ein Schock. Denn aufgrund der vorliegenden Resultate beginnt sich der Blick zu schärfen und man versteht besser, was heute passiert.

Zum Beispiel: Warum gibt es die no-future-Generation? Warum grassieren unter Jugendlichen Computerspiele, in denen das Ego-Shooting (das Abknallen von Personen) erklärtes Ziel ist? Wie kommt es, daß Menschen und ganze Bewegungen sich leidenschaftlich für bedrohte Tiere einsetzen, während sie zur selben Zeit den bedrohten Menschen aus dem Blick verlieren? Oder: Woher die Gewalt, die Verzweiflung, die zerbrochenen Beziehungen, die Bindungslosigkeit, die Scheu vor der Verantwortung, die aus den Fugen geratene menschliche Ökologie? 

Denkt man über die Ergebnisse der Neys nach und schaltet den eigenen gesunden Menschenverstand nicht vorzeitig aus, dann leuchtet es einem irgendwann ein, warum es zunehmend die Generation der Abwesenden gibt.

Diejenigen, die da im Bus sitzen und ihren konkreten, realen Sitznachbarn nicht mitbekommen, weil sie untergehen im neuesten Computerspiel oder in der dreiundfünfzigsten sms, welche es einem nicht anwesenden Fernen zu schreiben gilt, fürchten die Konfrontation mit der nackten Wirklichkeit. Denn sie wissen oder ahnen oft genug, daß die Wirklichkeit eine horrende ist. Was nämlich ist horrender als aufzuwachsen in einer Familie, in der die eigenen Geschwister durch Abtreibung getötet wurden?

Woher soll ein Grundvertrauen in die Wirklichkeit kommen, in das reale Heute, wenn der Ort, wo zuallererst einmal dieses Vertrauen eingeübt wird – die Familie - , gerade der Ort wurde, in dem eben dieses Vertrauen zerstört wurde? Und wenn das eigene Leben offenbar am seidenen Faden des Erwünschtseins hängt?

Die Verführung liegt so nahe, in die Scheinwelt des Virtuellen zu flüchten, wenn die tatsächliche Welt extrem verletzt. Ein Geschwister, welches aufgrund von Abtreibung fehlt, ist nicht zu löschen, während man Mails, die unbequem sind, mit einem Klick aus dem Leben schaffen kann.

Es ist simpel, auf die Abwesenden einzuschlagen und womöglich vom Damals zu schwärmen, als »die Jugend« und die Welt überhaupt noch so frisch und fröhlich waren. Gescheiter wäre es, an die eigene Brust zu schlagen und sich zu fragen, wo man selbst zur Generation der Abwesenden beigetragen hat oder diese Generation im Stich läßt? Augenöffnend wäre allemal, das Buch der Neys zu lesen. Man kann es hier bestellen: immaculata.at.

 Grafik: immaculata.at

Freitag, 15. Februar 2019

Das ganze Leben


Der verräterische Satz fällt neun Seiten vor Schluß: «Er war nie in die Verlegenheit gekommen», heißt es da über den Protagonisten Andreas Egger, «an Gott zu glauben (…).»

Dieses Bekenntnis gehört im modernen Literaturbetrieb dazu, es ist gleichsam das Schibboleth, welches erst die Tür zum Erfolg öffnet. Nach diesem kurzen Credo des selbstverständlichen Atheismus ist man im Feuilleton willkommen.

Es verwundert dann nicht länger, wenn im Buch selbst viel gestorben wird und die Traurigkeit eine ebenfalls selbstverständliche ist. Denn wo Gott fehlt, will sich die Freude, vom dauerhaften Glück ganz zu schweigen, nicht einstellen. Das heidnische Fatum hat das Sagen, mit anderen Worten die unvernünftige, grausame Natur. Die aufkeimende Liebe zwischen Egger und seiner Baut, dann Ehefrau Marie, geht, noch ehe sie zum rechten Blühen kommt, in den Massen einer gnadenlosen Lawine unter, die Marie auf immer unter sich begräbt.

Erbarmen? Gnade? - Fehlanzeige.

Denn  die gottlose Welt, die Robert Seethaler schildert, ist kein christliches Schöpfungsbuch, welches über sich hinausweist, sondern das huis clos eines Sartre, diesmal transponiert in den alpenländischen Lebenslauf eines Erniedrigten und Gemarterten.

Egger, so Seethaler, verzweifelt dennoch nicht. Egger, so weiterhin Seethaler, konnte „auf sein Leben (…) ohne Bedauern zurückblicken, mit einem abgerissenen Lachen und einem einzigen, großen Staunen.»

Camus läßt grüßen. Sein Sisyphos, der immer wieder den Felsblock zum Gipfel wälzt, um sodann, zurückgeworfen, aufs neue in der Niederung beginnen zu müssen, soll man sich, so Camus, als Glücklichen vorstellen.

Seethalers Egger soll man sich als Staunenden vorstellen. Das ist die halsbrecherische Volte des Existentialisten. Es gibt zwar am Ende nichts zu lachen, aber dennoch verleiht der Autor seinem Helden das große Staunen. Denn die pure Endlichkeit, so ist zu vermuten, hält niemand aus, auch kein Egger, auch kein Seethaler. Die Sehnsucht des Menschen, die ins Un-Endliche drängt, bricht sich staunend Bahn noch im existentialistischen geschlossenen Raum. Und vielleicht ist das die wirkliche Lektion dieses Romans, der sich Ein ganzes Leben nennt.

Denn auch dieser Titel ist falsch. Das Leben der Hauptperson ist bestenfalls ein halbiertes Leben. Dort, wo man dem Menschen die Ewigkeit nimmt, bleibt ein Kastrat zurück. In den Worten Camus‘: «Diese Welt vernichtet mich.»

Aber diese Welt ist, Gott sei Dank, mehr als diese Welt. Das ist keine Ewigkeitsvertröstung, sondern reale Sicht auf die nicht auslöschbare Sehnsucht des Menschen.

Egger wird schließlich neben seiner Frau Marie ins Grab gelegt. Aha, denkt der Leser verdutzt, Sehnsucht über den Tod hinaus, gar Liebe über den Tod hinaus. Mon Dieu, höre ich da Ionesco sagen, comme c'est bizarre, que c'est curieux, et quelle coïncidence!

Doch das absurde Rätsel löst sich, wenn man bedenkt, daß Egger, was Seethaler nicht weiß (als Künstler jedoch ahnt), das ganze Leben noch vor sich hat.

Grafik: Photo by Pablo Heimplatz on Unsplash

Freitag, 8. Februar 2019

Mysterium iniquitatis


Kann man verstehen, wenn Menschen frenetisch applaudieren und jubeln darüber, daß endlich Menschen bis zur Geburt getötet werden können?

So geschehen in New York, Jänner 2019, als der New Yorker Gouverneur Andrew Cuomo das neueste Abtreibungsgesetz unterzeichnet und damit in Kraft setzt. Ein Gesetz, welches rechtsgültig gestattet, daß Kinder, letztlich aus jedem beliebigen Grund, bis zur Geburt getötet werden können, und dies nicht nur von Ärzten, sondern auch von nicht-ärztlichem Personal, etwa Hebammen oder Krankenpflegern.

Und die Juristen und politischen Verantwortlichen dieses infamen Gesetzes, die bei dessen Ratifizierung anwesend sind, schreien vor Begeisterung, immer wieder, geben standing ovations allen, die an der Durchsetzung dieses Gesetzes mitgearbeitet haben.

Geht es noch kränker?

Ja. Denn der Bürgermeister versteht sich als Katholik. Kinder zu töten, ist für ihn - wörtlich - ein «historischer Sieg für unsere Werte». Katholisch zu sein und Handlanger des Todes zu sein, ist für ihn kein Problem.

Geht es noch kränker?

Durchaus. Derselbe Gouverneur, der, man höre und staune, sich vehement für die Abschaffung der Todesstrafe einsetzt, benutzt in seiner Rede zum neuen Gesetzeserlaß immer wieder, wenn es darum geht, Komplizen, die sein Tötungsgesetz unterstützt haben, zu honorieren oder zu dekorieren, die Formel God bless.

Und um dem Horror auch noch die farbliche Note zu geben, ordnet der New Yorker Gouverneur an, daß die Spitze des One World Trade Building – des Hochhauses also, welches auf dem zerstörten Gelände von 9/11 errichtet wurde – nachts rosa illuminiert wird, um die Tötungslizenz weithin sichtbar zu zelebrieren. Rosa, die neue Farbe des Todes. Rosa, die Farbe des Abtreibungsnetzwerkes Planned Parenthood.

Noch einmal: Kann man verstehen, wenn Menschen frenetisch applaudieren und jubeln darüber, daß endlich Menschen bis zur Geburt getötet werden können?

Nein, verstehen kann man das nicht.

Darum auch spricht die Theologie vom mysterium iniquitatis, dem Mysterium der Bosheit. Denn das Böse entzieht sich in seinem diabolischen Gestus letztlich der Vernunft.

Das heißt nicht, daß man vor dem Bösen kapitulieren sollte, weil es eh unverständlich ist. Nein. Man muß, dringender denn je aufzeigen, wie das Böse operiert und manipuliert. Zum Beispiel die permanenten Lügen des Diabolos aufzeigen.

Wurde jahrelang nicht mit der Lüge hausieren gegangen, das ungeborene Kind sei ein Zellhaufen, nichts weiter?

Und jetzt? Ein  voll entwickeltes Kind im neunten Schwangerschaftsmonat, welches kurz vor seiner Geburt steht, ist für jeden sichtbar kein amorpher Zellhaufen. Gleichwohl wird ihm jeder Schutz abgesprochen, woraus man erkennen kann, daß, wenn man die pseudohumanitären Mantras zur Seite legt, es stets nur um die Agenda des Tötens ging, die darüber hinaus sehr lukrativ ist. Und diese Agenda hat ihre Adepten: Abgeordnete, Juristen, Geschäftsmänner, Ärzte, Bürgermeister.

Demjenigen, der wachen Auges auf youtube das Video der Signierstunde sich anschaut, gruselt es vor dem neuen Barbarismus. In die verblendeten Gesichter der Todesberauschten zu schauen, Frauen wie Männer, ist nur mehr erschreckend. Ein amerikanischer Bischof nannte ein Zweitvideo, welches die Abgeordneten im Senat zeigt, die die soeben geschehene Beschlußfassung des neuen Tötungsgesetzes beklatschen, «eine Szene aus der Hölle».

«Weh denen», so heißt es beim Propheten Jesaja 5,20ff, «die das Böse gut und das Gute böse nennen, die die Finsternis zum Licht und das Licht zur Finsternis machen (…) die den Schuldigen für Bestechungsgeld freisprechen und dem Gerechten sein Recht vorenthalten.»

Es sind apokalyptische Zeiten. Doch Maria, die Jungfrau der Apokalypse, ist wie eh und je «die Siegerin in allen Schlachten Gottes» (Pius XII.). Sie zertritt die lügnerische Schlange.

Grafik: Miguel Cabrera, The Virgin of the Apocalypse. wiki commons

Freitag, 1. Februar 2019

Betrübe dich nicht


«Bist du einmal in das Paradies göttlichen Willens eingetreten, indem du dich stets nach Ihm richtest, wenngleich die ganze Welt drunter und drüber gehen möge und dir auf das Haupt fallen wollte, betrübe dich nicht, sondern wende dich Gott zu und vertraue dich Seiner Güte an.»

Sel. Niels Stensen
(Arzt, Wissenschaftler, Bischof, 1638 - 1686)


Grafik: Das Kreuz und das Herz - Siegel/Wappen des Seligen. https://bistum-osnabrueck.de/niels-stensen/#

Freitag, 25. Januar 2019

Paulus oder die junge Gnade


Als Saulus vor Damaskus, getroffen vom göttlichen Licht, zu Boden stürzt, dürfte er um die dreißig Jahre alt gewesen sein.

In Michelangelos berühmtem Bild dieses Ereignisses (zu sehen in der Cappella Paolina in Rom), ist der zukünftige Völkerapostel jedoch nicht in der Blüte seiner Mannesjahre dargestellt, sondern als alter Mann. Warum?

Saulus, der Eiferer für das Gesetz, ist der verhärtete, unerleuchtete Eiferer. Er verfolgt die Christen, läßt sie in den Kerker werfen, ist blind vor Haß.

Verhärtung ist für die Heilige Schrift freilich kein Phänomen, welches in biologisch abgegrenzten Bezirken Halt macht. Die sklerokardia, die Herzensverhärtung, transformiert den ganzen Menschen. Da an ihrer Wurzel die Abschottung vor der Liebe ist, läßt sie den Betroffenen frühzeitig altern. Denn Jungsein und Wachstum verbinden sich nicht mit Härte und Abschottung, sondern mit Geschmeidgkeit, mit Gelassenheit, mit Liebe.

Saulus ist der Verhärtete, der Enge, bereits mit dreißig Jahren. Um tatsächlich ins Leben zu finden, d.h. um wahrhaftig ein Dreißigjähriger zu werden, der, wie man so sagt, das Leben vor sich hat, bedarf er in eminenter Weise der Gnade, die stärker ist als die Verhärtung.

Michelangelo zeigt die Faktizität dieser Gnade. Das Licht, welches majestäisch souverän den alten Verbohrten trifft, ist im Gemälde gleichsam der Riß, der die sklerokardia des Saulus aufsprengt. Dieses Licht, so zeigt Michelangelo, ist kein harmloses Fünkchen, sondern niederstürzender Blitz, in dessen Feuer der Getroffene für immer versehrt wird. Es ist das Feuer, welches aus dem alten Saulus den jungen Paulus macht.

Denn das Christentum ist immer jung. Die Gnade ist immer jung. Die Heiligen sind die stets Jungen. Oder können wir uns den Himmel vorstellen mit Rollator und zahnlosen Greisen?

Es überrascht nicht, daß dieser Paulus, der aus eigener, bitterer Erfahrung weiß, wie verhärtet jemand sein kann, der angeblich alles im Griff hat und voll im Leben steht, daß exakt dieser Paulus, nach seiner Herzerweichung, das Hohelied der Liebe schreibt: Und wenn ich die Prophetengabe hätte und alle Geheimnisse wüßte und alle Erkenntnisse und wenn ich allen Glauben hätte, so daß ich Berge versetzen könnte, hätte aber die Liebe nicht, wäre ich nichts (1 Kor 13, 2).

Aus dem verbissen Verknöcherten ist der Sänger der Liebe geworden, der in seinem zweiten Brief an die Gemeindemitglieder von Korinth (2 Kor 6,11ff) die wunderbaren Worte mitteilt: (…) unser Herz ist weit geworden. In uns ist es nicht zu eng für euch. Laßt doch als Antwort darauf auch euer Herz weit aufgehen!

Und es gehört zur genialen Intuition Michelangelos, daß er die unerhörte Wandlung des Saulus zum Paulus offenbar macht. Denn der dort am Boden Liegende ist, wie in einer Art Schwebezustand, nicht mehr der rundum Starre, Verschlossene, sondern in seinen alternden Zügen bereits der sich Verjüngende, dessen kommende jugendliche, helle, unverblühte Frische wahrnehmbar wird. Sein Antlitz ist schon im Licht, wenn auch noch die Hand dem Blitzeinschlag zu wehren sucht.

Aufstehen, so viel ist sicher, wird ein Anderer, einer, dem jetzt geholfen werden muß. Und der Mitmensch, sich bückend, ist bereits da und will dem Gestürzten beim Aufstehen helfen. Und eben so kann nun das Neue beginnen, das Herz, welches weiter wird.

Grafik: Michelangelo, Die Bekehrung des Paulus (1542–1545). wiki commons

Freitag, 18. Januar 2019

Das Kreuz


«Alle Vorkommnisse unseres Lebens, was immer es sei, ohne Ausnahme, sind Liebeszeichen Gottes. Die Anfänger im Erlernen dieser Sprache glauben, nur einige Worte sagten: Ich liebe dich. Die diese Sprache kennen, wissen, daß alles nur eine einzige Bedeutung hat. Gott hat kein Wort, um Seinen Geschöpfen zu sagen: Ich hasse dich.»
Kann man das wirklich so sagen? Sind tatsächlich alle Vorkommnisse unseres Lebens Liebeszeichen Gottes?

Nehmen wir ein extremes Beispiel. Im August 1945 werden die Städte Hiroshima und Nagasaki von Atombomben zerstört. Wo sind da die Liebeszeichen Gottes, von denen Simone Weil schreibt?

Natürlich meint Weil nicht, daß Gott der Verursacher dieser Katastrophen ist, denn dann wäre Gott nicht mehr der Gott der Liebe, sondern der Gott, der die Zerstörung und den Tod will. Wenn wir also den Satz recht verstehen wollen, müssen wir tiefer schauen.

Am besten ist es, wir lassen einen Zeugen zu Wort kommen. Der Röntgenologe Dr. Takashi Nagai, der mit seiner Familie in Nagasaki lebte, hat die verheerenden Auswirkungen der Atombombe, die am 9. August 1945 auf Nagasaki fiel, erfahren. Sein Haus wird dem Erdboden gleich gemacht. Unter Schutt und Asche findet er die verkohlten Überreste seiner geliebten Frau Midori. Neben dem Knochenstaub etwas Glitzerndes – der geschmolzene, wiewohl noch erkennbare Rosenkranz Midoris. Nagai selbst, schwer verwundet, wird wenige Jahre später, nach einer längeren Zeit der Bettlägerigkeit, an der Strahlenkrankheit sterben.

Im November 1945, zur Zeit, als der erkrankte Nagai noch zu gehen vermag, lädt ihn der Bischof von Nagasaki ein, bei der Totenmesse für die Opfer der Katastrophe als Vertreter der Laien eine Ansprache zu halten. Er bereitet sich intensiv auf diese Rede vor. Und dann spricht er die folgenden, ungeheuerlichen Worte aus:

»Gibt es da nicht einen tiefgründigen Zusammenhang zwischen der Vernichtung Nagasakis und dem Ende des Krieges? War Nagasaki vielleicht das auserwählte Opfer, das Lamm ohne Makel, das als brennendes Ganzopfer auf einem Opferaltar getötet wurde und damit für die Sünden aller Nationen während des Zweiten Weltkriegs Sühne leistete? (...) Laßt uns dankbar sein, daß Nagasaki als brennendes Ganzopfer auserwählt wurde! Laßt uns dankbar sein, daß die Welt durch dieses Opfer Frieden erhalten hat und Japan die religiöse Freiheit.«

In der Wüste Nagasakis ringt sich Nagai den Blick ab, der durch die Wüste hindurch in das Herz Gottes schaut. Der christliche Gott ist der Gott des Kreuzes. Aus der schrecklichsten Katastrophe der Weltgeschichte – Golgota – macht Gott das Liebesopfer seines Sohnes, welches uns, den Sündern, Rettung bringt.

Die Atombombenasche Nagasakis ist die sichtbar gewordene Sünde der Sünder. Doch da ist ein Arzt, der diese Sünde stellvertretend und sühnend auf sich nimmt und damit an Gottes ewigem Plan der Liebe mitarbeiten will. Der, mit anderen Worten, das Kreuz umarmt und so – ohne Haß, ohne Verbitterung – Mitarbeiter Gottes wird, indem er die unverbrüchliche Liebe Gottes in die Wüste hineinträgt und bekennt: »Als ich mit Gott durch die nukleare Wüste von Urakami (dem Vorort Nagasakis, wo er wohnt) ging, hat Er mich die Tiefen Seiner Freundschaft gelehrt.«

Während Exerzitien fragte einmal der Exerzitiengeber die Exerzitanten: Was sieht die Muttergottes am Kreuz stehend?

Viele Antworten wurden gegeben. Sie sieht die Brutalität der Henker. Die Blindheit der Beteiligten. Das Blut und die Schrecken und die Qualen. Und all diese Antworten stimmten naturgemäß.

Doch der Exerzitienmeister sagte: Maria sieht die Barmherzigkeit des Vaters.

Verstehen kann man das nicht, oder nur sehr begrenzt. Denn wer würde sich anmaßen, das Kreuz verstehen zu wollen? Letztlich wird das Kreuz nicht verstanden, sondern erlitten. Und derjenige, der sich durch das Leiden hindurchführen läßt, der sich im Feuer dieses Leidens ausbrennen läßt, der irgendwann nur mehr Gott im Blick hat, der kommt schließlich kraft der Gnade dahin, in allen Vorkommnissen des Lebens die unfaßbaren Liebeszeichen Gottes zu sehen. Und dann, so geschehen beim Arzt Takashi Nagai und bei vielen anderen, wird man ein Tröstender.

Grafik: Photo by Orkhan Farmanli on Unsplash

Freitag, 11. Januar 2019

Die Freude


An Weihnachten verkündet der Engel den Hirten die Freude, und zwar die große Freude: Der Engel sagte zu ihnen: Fürchtet euch nicht, denn ich verkünde euch eine große Freude (Lk 2, 10).

Als die drei Weisen aus dem Morgenland, geführt vom Stern, in Bethlehem ankommen, da heißt es in der Heiligen Schrift, daß sie von sehr großer Freude erfüllt wurden (Mt 2,10).

Am Beginn des Neuen Testaments steht damit die Freude. Aber wie kommt man zu dieser Freude, die schließlich das gesamte Neue Testament zur Frohen Botschaft macht?

Zwei Grundvoraussetzungen für die Freude sollten wir beherzigen. Die erste lautet: Ohne die Liebe gibt es keine Freude!

Ein Beispiel: Jemand schenkt einer Hausfrau ein Kochbuch. Wenn diese Hausfrau eine Abscheu vor dem Kochen hat, dann ist dieses Geschenk eine Fehlinvestition. Liebt sie es allerdings zu kochen und mag sie es, ihren Mann und ihre Kinder zu bekochen, dann wird sie sich über dieses Geschenk freuen.

Die zweite Grundvoraussetzung für die Freude lautet: Daß ich die geliebte Sache auch besitze und damit genießen kann!

Um bei der Hausfrau zu bleiben: Was habe ich davon, gerne zu kochen, aber mir fehlen permanent die Zutaten, um gute Gerichte zu kochen?

Wer sich also freuen will, sollte dies gut bedenken: Liebe ich? Und werde ich auch besitzen, was ich liebe, oder zumindest irgendwann in den Besitz des Geliebten gelangen?

Die heiligen Drei Könige lieben, in der Tat, denn ihre Sehnsucht nach der Wahrheit ist bereits Liebe, Liebe, die sich ausstreckt, die sich sehnt und die schließlich aufbricht, als der autoritative Stern dieser Sehnsucht den Weg weist.

Wer diese liebevolle Sehnsucht der drei morgenländischen Weisen sehen will, der sollte sich mal das berühmte spätantike Mosaik in Ravenna anschauen, welches in der vorwärtsdrängenden Bewegung der drei Pilger eben die Dynamik der Liebe wunderbar in Stein faßt.

Und die drei Magier finden auch und besitzen. Zunächst haben sie freilich den weiten Weg zu absolvieren. Doch man darf getrost sein, daß sie während ihrer Pilgerreise von der Gewißheit gehalten wurden, einmal zu besitzen, beziehungsweise zumindest von der Vor-Freude bewegt wurden, einmal in den Besitz des Ersehnten zu gelangen.

Und tatsächlich besitzen sie zu guter Letzt, denn sie kommen an. Und jetzt werden sie erfüllt von der Freude, von der großen Freude.

 Grafik:  Sant’Apollinare Nuovo, Ravenna. wiki commons

Freitag, 4. Januar 2019

Little Boy


für V. H.

Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und eure Wege sind nicht Meine Wege.

Diese berühmte Stelle aus dem Propheten Jesaja (55,8) kommt einem in den Sinn, wenn man über den Film Little boy nachdenkt.

Ein kleiner Junge, der seinen Daddy über alles liebt, kann es nicht fassen, daß dieser geliebte Mensch abberufen wird, weg von der Familie, in den Krieg. Und um diesem schrecklichen Schicksalsschlag zu wehren und seinen Daddy schnellstmöglich wieder zuhause zu haben, beginnt der kleine Pepper zu beten, und dies leidenschaftlich, stürmisch, denn der Kleine nimmt sich die Weisung Jesu zu Herzen: Wenn euer Glaube auch nur so groß ist wie ein Senfkorn, dann werdet ihr zu diesem Berge sagen: Rück von hier nach dort!, und er wird wegrücken. Nichts wird euch unmöglich sein (Mt 17,20).

Wird Little boy erfolgreich sein? Wird sein Gebet die erwarteten Früchte bringen?

Der Inhalt des Films soll hier nicht weiter verraten werden. Nur soviel: Irgendwann versteht man den doppelten Boden des Films. Denn es gibt die Gedanken der Menschen, und es gibt die Gedanken Gottes. Und wie es halt so ist, wenn Menschen denken, dann denken sie zumeist sehr menschlich, und das heißt kleinlich, bisweilen furchtbar kleinlich. Eine Atombombe auf Hiroshima beendet den Krieg im Pazifik. Das legen die Menschen, wenig erleuchtet, als eine Gebetserhörung aus.

Wie anders dagegen die Logik Gottes. Eine Atombombe, dies grauenhafte Werkzeug der Zerstörung, ist nicht im Liebesplan Gottes, wohl aber Auswuchs eines depravierten menschlichen Kalküls. Der Gott der Liebe ist, weil Er der Gott der Liebe ist, der Gott der Zuwendung, der Güte, der Auferbauung. In den Worten Simone Weils (erinnern Sie sich?): «Alle Vorkommnisse unseres Lebens, was immer es sei, ohne Ausnahme, sind Liebeszeichen Gottes. Die Anfänger im Erlernen dieser Sprache glauben, nur einige Worte sagten: Ich liebe dich. Die diese Sprache kennen, wissen, daß alles nur eine einzige Bedeutung hat. Gott hat kein Wort, um Seinen Geschöpfen zu sagen: Ich hasse dich.»

Und es bedarf der wahrhaften Umkehr des Herzens, der biblischen metanoia, was ja wörtlich die Umkehrung der Gesinnung meint, um sich der Logik der Liebe zu nähern und einverstanden zu sein, in die Schule dieser Liebe zu gehen. Dann, erst dann, tritt man ein in die Welt des Gebets und dessen Erhörung. Doch davor liegen zumeist etliche Ent-Täuschungen. Die heilige Kleine Thérèse, die sich selbst den Namen Kleine Thérèse gab, sah diesbezüglich klar. Sie betete: «Mein Gott, mach, daß ich die Dinge sehe, wie sie sind, und daß nichts mir Sand in die Augen streut.»

Wird Pepper erhört?

Ja. Aber anders, als es sich menschliches Rechnen ausrechnet. «Die Liebe», so weiterhin die heilige Kirchenlehrerin Thérèse vom Kinde Jesu, «rechnet nicht.» Wie schwer fällt es freilich dem Erwachsenen, nicht nur dem Neunmalklugen, diese fehlenden Rechnungen gutzuheißen. Nicht zu zählen, sondern zu lieben. Kinder, manchmal auch erwachsene Kinder, können es.