Donnerstag, 22. Juni 2017

»Schaffe Schweigen!«


Gott ist nicht »Jemand neben«.

So korrigiert Hans Urs von Balthasar in einem Interview aus den achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts seinen Gesprächspartner.

Heute scheint die Fehldeutung, welche der Interviewer unbedacht nahelegte, eine allseits gängige. Der Mensch hantiert mehr schlecht als recht in seinen Angelegenheiten, und der Liebe Gott, wenn Er überhaupt noch eine Rolle spielt, ist irgendwo nebenan, meist weit weg, ein unbedeutender Statist in der Gleichung des Alltags.

Darauf die Korrektur des Theologen von Balthasar: Gott ist kein Neben, sondern Gott ist Alles in allem.

Doch dies zu beherzigen, würde bedeuten, daß der Mensch in sein Inneres hinabsteigt, denn dort, in der innersten Herzmitte, würde der Suchende eben den Gott finden, den er im belanglosen Nebenan aussiedelt.

Nun ist es kein Geheimnis, daß der Mensch der Jetztzeit überall mehr anzutreffen ist als bei sich zuhause. Und das heißt einschlußweise, daß der Mensch heute die meiste Zeit fern von Gott ist.

Dieses Fernsein ist eine Erfahrung, die in der Geistesgeschichte der Menschheit oft zur Sprache gebracht wurde. Ein berühmtes Beispiel: Augustinus. Im zu Herzen gehenden zehnten Buch, XXVII, 38, seiner Confessiones bekennt er wehmütig:
»Spät hab ich Dich geliebt, Du Schönheit, ewig alt und ewig neu, spät hab ich Dich geliebt. Und sieh, Du warst innen, ich aber außen. Dort suchte ich nach Dir, auf die schönen Gestalten, die Du schufst, warf ich mich Mißgestalt. Du warst bei mir, ich war nicht bei Dir. Sie hielten mich fern von Dir, die Dinge, die gar nicht wären, wären sie nicht in Dir. Du hast gerufen, geschrien, meine Taubheit zerrissen, hast geleuchtet, geblitzt und meine Blindheit verscheucht, hast geduftet, und ich atmete ein und lechze jetzt nach Dir, ich habe gekostet, nun hungre und dürste ich, Du hast mich berührt, und ich bin nach Deinem Frieden entbrannt.« (Übersetzung von Balthasar)
Seit dem heiligen Kirchenvater sind 1600 Jahre vergangen, und jetzt, am Beginn des dritten Jahrtausends, schaut es so aus, als ob das Draußen, von dem Augustinus spricht, das Omnipräsente sei. Es drängt sich laut und gebieterisch in den Vordergrund. Es reklamiert jeden denkbaren Platz für sich. Online sollen wir sein, am besten permanent, von früh bis spät, denn nur wer online ist, so die Suggestion, ist up to date. Aber tatsächlich erkaufen wir das ständige äußerliche Vernetztsein mit dem Verlust der inneren Stille, in der das wahre Wort sich kundtut, welches niemals altert.

Von diesem Wort schreibt Paulus:
»Das Wort ist dir nahe, es ist in deinem Mund und in deinem Herzen. Gemeint ist das Wort des Glaubens, das wir verkündigen; denn wenn du mit deinem Mund bekennst: Jesus ist der Herr und in deinem Herzen glaubst: Gott hat ihn von den Toten auferweckt, so wirst du gerettet werden. Wer mit dem Herzen glaubt und mit dem Mund bekennt, wird Gerechtigkeit und Heil erlangen«.
(Römerbrief 10,8 ff)
Das Wort ist dir nahe.

Und wie gelangt man zu diesem verschütteten Wort?

Kierkegaard hat die Medizin, die der Patient, wenn er gesunden will, zuallererst zu schlucken hat, ohne jede Umschweife formuliert: »O, schaffe Schweigen!«

Grafik:    https://unsplash.com/photos/oLdm7mnhDic

Donnerstag, 15. Juni 2017

Fronleichnam

»Es gibt nichts Kleineres, Süßeres oder Stilleres als der in der Hostie gegenwärtige Christus. Dieses kleine Stück Brot verkörpert die Demut und die vollkommene Stille Gottes. Seine Zärtlichkeit und Seine Liebe zu uns. Wenn wir wachsen und von der Liebe Gottes erfüllt sein wollen, müssen wir unser Leben auf drei große Wahrheiten gründen – das Kreuz, die Hostie und die Jungfrau: crux, hostia et virgo … Gott hat diese drei Geheimnisse der Welt geschenkt, um unser inneres Leben zu ordnen, zu vertiefen und zu heiligen und uns so zu Jesus zun führen. Drei Geheimnisse, die in der Stille betrachtet werden müssen.«
Robert Kardinal Sarah (und Nicolas Diat), Die Kraft der Stille, Kißlegg 2017, 63.

Grafik:    FX de Boissoudy, Emmaüs »Comme il était à table avec eux«

Freitag, 9. Juni 2017

Der Broadway und der schmale Weg


2008: Die Olympischen Spiele in Peking.

Im 400 Meterlauf der Damen erwartet man, daß die Athletin Sanya Richards die Goldmedaille gewinnen wird. Aber sie wird überraschenderweise nur Dritte. Allerdings gewinnt sie mit der Mannschaft die Goldmedaille in der 4 x 100 Meter Staffel. Sie steht also doch noch auf dem Siegertreppchen. Die Goldmedaille blitzt. Und vier Jahre später wird sie noch einmal Gold gewinnen, diesmal in London.

Doch da ist etwas anderes, kein Gold, kein Glamour, kein Glitzern. Etwas, das die Gewinnerin von einst erst jetzt der Öffentlichkeit mitteilte.

Einen Tag vor ihrem Abflug zu den Olympischen Spielen in Peking hat die Athletin eine Abtreibung. Das, wofür sie jahrelang gschuftet hat, scheint plötzlich in weite Ferne gerückt. Schwanger sein, ein Kind austragen, gerade jetzt, paßt nicht in ihre Karriere. Was werden ihre Sponsoren sagen, was ihre Familie, was ihre Fans?

Zudem: Sie kennt etliche andere weibliche Spitzensportlerinnen, die gleichfalls Abtreibungen hinter sich haben, denn die sportlichen Ziele dem Geschenk des Lebens überzuordnen, so Richards-Ross, ist quasi die Norm im Sportbusiness.

Per Telefon trifft sie schließlich mit ihrem damaligen Verlobten (ihrem jetzigen Ehemann), der gleichfalls Spitzensportler ist und gerade in einem Trainingslager weilt, die Entscheidung, das Kind abzutreiben. In die Abtreibungsklinik geht sie allein.

Danach, nach der Abtreibung, erkennt sie den Horror. Wörtlich: »Ich hatte eine Entscheidung getroffen, die mich zerbrach; zudem eine, von der ich nicht sogleich heilen würde. Die Abtreibung würde nun für immer ein Teil meines Lebens sein. Ein scharlachroter Buchstabe, von dem ich nie gedacht hatte, ihn einmal zu tragen. Ich war ein Champion – kein gewöhnlicher, sondern ein Weltklassechampion, ein Champion, der Rekorde brach. Von den Höhen dieser Realität stürzte ich in die Tiefe der Verzweiflung.«

Emotional wie spirituell gerät ihr Leben ins Wanken. Bereits während sie im Stadion die 400 Meter läuft, kreisen ihre Gedanken um die Abtreibung. In den Straßen Pekings, so sie, habe sie die härteste Zeit ihres Lebens erfahren. Und sie wäre daran kaputt gegangen, wenn Gott nicht dagewesen und ihr geholfen hätte.

Ihr Mann und sie sprechen jahrelang nicht über die Abtreibung. Als sie endlich das Vergangene anschauen, kommen ihre wahren Gefühle hoch. Er gesteht, ihr gemeinsames Kind sei ein Segen gewesen, den sie zurückwiesen, weil sie alles unter Kontrolle hatten haben wollen.

Und nun öffnen sich beide der Gnade, der Bekehrung, der Heilung, der Vergebung. Heute, so die Athletin, geht sie an die Öffentlichkeit, um anderen postabortiven Frauen zu helfen. Sie sei noch nicht ganz geheilt, noch immer breche sie bisweilen in Tränen aus, wenn sie an das Geschehene zurückdenke. Gleichwohl wisse sie, daß Gott ihr vergeben habe; jetzt müsse sie sich auch selbst vergeben.

Wie heißt es im Matthäusevangelium? Da spricht Jesus von den zwei Wegen: Geht durch das enge Tor! Denn das Tor ist weit, das ins Verderben führt, und der Weg dahin ist breit und viele gehen auf ihm. Aber das Tor, das zum Leben führt, ist eng und der Weg dahin ist schmal und nur wenige finden ihn.


Es ist die immerselbe Story. Der Broadway glitzert. Phantome glitzern. Gold lockt. Der enge Weg ist einfach und unaufdringlich, wie das Leben. Denn das Leben spricht für sich.

Zurzeit erwarten Sanya und ihr Ehemann Aaron ihr zweites Kind.

Grafiken:    Erik van Leeuwen, http://www.erki.nl/, GFDL, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=8679087 und UpstateNYer, eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=8138348.

Freitag, 2. Juni 2017

153


Es ist die dritte Erscheinung des Auferstandenen.

Sieben Jünger gehen fischen. Es ist Nacht. Eigentlich die günstige Zeit, um Fische zu fangen. Aber in dieser Nacht fingen sie nichts, notiert Johannes, der Evangelist, einer der sieben Fischer (21,3).

Und dann naht bereits der Morgen und die Morgendämmerung. Und am Ufer steht ein Mann, und dieser Mann sagt zu den Fischern: Werft das Netz auf der rechten Seite des Bootes aus, und ihr werdet etwas fangen (6).

Und die sieben Fischer, gestandene Männer, gehorchen. Sie werfen das Netz erneut aus. Und das Wunder geschieht: Sie konnten es nicht wieder einholen, so voller Fische war es (6). Und Johannes, der Zeuge des Wunders, schreibt schließlich, daß Petrus das Netz an Land zieht: Es war mit 153 großen Fischen gefüllt, und obwohl es so viele waren, zerriß das Netz nicht (11).

Man hat viel über diese Zahl 153 nachgedacht. Symbolisieren die eingefangenen Fische den ganzen Erdkreis, den die Fischer für Christus einbergen sollen? Der heilige Hieronymus jedenfalls behauptet seinerzeit, griechische Zoologen hätten 153 unterschiedliche Fischarten identifiziert; die Zahl rückt damit wie selbstverständlich in den Bereich universaler Soteriologie.

Adrienne von Speyr, eine Mystikerin des 20. Jahrhunderts, hat die Zahl in stupender Schau anhand von Primzahlen, die entsprechenden Heiligen zugeordnet sind, ausgelegt, nachzulesen in ihrem nachgelassenen Werk Das Fischernetz.

Eine volkstümliche Auslegung, gleichsam eine Auslegung für die Kleinen, die der Herr seligpreist, könnte dies ergeben: 153 – das sind die 150 Perlen des klassischen Rosenkranzes, der freudenreichen, schmerzhaften und glorreichen Geheimnisse, samt den drei Perlen, in denen um die drei göttlichen Tugenden Glaube, Hoffnung und Liebe gebetet wird.

153 – das ist das Netz dieses einfachen, meditativen Gebetes, in dem die Muttergottes ihre Kinder heimholen will hin zu ihrem Sohn. Und das Netz, so groß es auch sein mag, wird nicht reißen. Und dieses meditative Netz hat eine Wirksamkeit, welche die Vorstellungskraft der gläubigen Fischer aller Zeiten bei weitem übersteigt. Denn die Maschen dieses Fischernetzes gehen durch die Hände der Mittlerin aller Gnaden, deren Fürsprechmacht unberechenbar ist, und jede einzelne Masche ist Loblied des Schöpfers, der, wie am Schöpfungsmorgen, so auch heute und jeden Tag neu am Ufer unseres Lebens steht und sagt: Werft das Netz aus und fangt!

Grafik:    rosenkranzbeten.info