Freitag, 27. Oktober 2017

Das Kreuz


»Warum fürchtest du dich vor dem Teufel? Biete ihm nur die Stirn. Fürchtest du für deine Stirne? Siehe – sie ist ja bezeichnet mit dem heiligen Kreuz.«


Grafik:    Photo by Nick Herasimenka on Unsplash

Freitag, 20. Oktober 2017

»Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar.«


Drei Beispiele.

Beispiel 1

Pascal Merciers Roman Nachtzug nach Lissabon wurde ein Bestseller. Zwei Millionen mal verkauft, schließlich mit Weltstar Jeremy Irons verfilmt.

Berichtet wird von einem Gymnasiallehrer, der sein Gymnasium plötzlich verläßt, um sein Leben neu zu leben. Bevor er geht, erinnert er sich noch einmal an seine Schüler, etwa an Sarah Winter. Von ihr heißt es lapidar:
»Sarah Winter, die morgens um zwei vor seiner Wohnungstür gestanden hatte, weil sie nicht wußte, was sie mit ihrer Schwangerschaft machen sollte. Er hatte Tee gekocht und zugehört, sonst nichts. ›Ich bin so froh, daß ich Ihrem Rat gefolgt bin‹, sagte sie eine Woche später, ›es wäre viel zu früh gewesen für ein Kind.‹«

Beispiel 2

Per Olov Enquist, Das Buch von Blanche und Marie. Erzählt wird die semihistorische Geschichte von Blanche Wittmann (einer Patientin des berühmten Pariser Nervenarztes Charcot, des Lehrers von Sigmund Freud) und der zweifachen Nobelpreisträgerin Marie Curie. Die Geschichte zweier Frauen, die vor der Zeit das leben, was man später ein emanzipiertes, selbstbestimmtes Frauenleben nennen wird. Über Blanche heißt es:
»Aus dem Tagebuch geht hervor, daß Blanche schon als Sechzehnjährige befruchtet wurde. Ihr Vater, der Apotheker war und seine Tochter auf viele Weisen liebte, führte da, auf ihre eindringlichen Aufforderungen hin, eine Abtreibung bei der Tochter durch. Als er das Instrument in sie einführte, begann er, eine Melodie zu summen, die, wie sie glaubte, von Verdi stammte. Da hatte sie Angst bekommen, weil sie erkannte, daß auch ihr Vater, der ja nur in gewissem Maße für die Situation verantwortlich und am Ende gezwungen gewesen war, ihren tränenreichen Bitten und den Appellen an seine Vatergefühle nachzugeben, vor Angst außer sich war.«

Beispiel 3

Commissario Brunetti in seinem ersten Fall. Mitten in der Romanhandlung taucht die beiläufige Frage auf, welche Zeitungen man denn so liest. Darauf der Kommissar:
»(…) wir lesen L’Osservatore Romano«, erklärte Brunetti, indem er das offizielle Organ des Vatikans nannte, in dem noch immer gegen Scheidung, Abtreibung und den verderblichen Mythos der Gleichberechtigung gewettert wurde.«

Das soll genügen, es ist eh stets die alte, abgedroschene Leier.

Abtreibung, so der inszenierte Diskurs, ist, wie die amerikanischen militanten Abtreibungsbefürworter lauthals behaupten, no big deal. Eine Lappalie, und demensprechend lapidar abzuhandeln. Bei einem Täßchen Tee oder, Donna-Leon-like, als ätzender, geschickt plazierter Zwischendurchprügel auf die katholische Kirche. Und wenn von Angst die Rede ist, dann nicht, weil die Abtreibung als der Horror verstanden würde, der sie tatsächlich ist, sondern weil krude Vater-Tochter-Gefühle ins Spiel kommen, welche, ganz im Gegenteil, die Abtreibung zum väterlichen Liebesakt (sic!) der Tochter gegenüber pervertieren. Verdi inklusive.

Man versteht, wenn man diese Ungeheuerlichkeiten liest, besser, warum ein Platon die Dichter aus seinem idealen Staat verbannte. Denn der griechische Weise hatte erkannt, wie viel Macht in der literarischen Lüge liegt. Und eben dieses Lügen war dem Weisen zuwider, denn die Lüge, so war ihm klar, verdirbt den Menschen. Mit anderen Worten: Wenn Dichter, dann nur unter der Voraussetzung, daß sich der Dichter der Wahrheit verpflichtet weiß, ganz gemäß dem Wort der österreichischen Dichterin Ingeborg Bachmann, anläßlich einer Preisverleihung: »Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar.«

Heute allerdings gehört die Lüge bereits zum sogenannten guten Ton. Abtreibung – na und? Mehr noch. Wer zum gesellschaftlich tonangebenden Zirkel dazugehören will, der muß auf jeden Fall in der Frage der Abtreibung sein Einverständnis signalisieren, und sei es auch nur in einem beiläufigen Schwenk. Dann, und nur dann, gehört auch er dazu.

Karin Struck ist da ein dekuvrierendes Exempel. In den siebziger, achtziger Jahren publizierte sie bei Suhrkamp, was einer literarischen Weihe gleichkam. Entsprechend akklamierend reagierte das Feuilleton. Die Autorin wurde als Mitbegründerin der Stilrichtung Neue Subjektivität beachtet, geachtet, gefeiert.

Dann jedoch machte Struck einen kapitalen strategischen Fehler. Sie begann, ihre Abtreibung zu thematisieren. Und dies nicht in rosaroten, sondern in grellen, nichts beschönigenden Farben. Damit hatte Struck ihr künstlerisches Todesurteil unterschrieben. Diese neue Subjektivität war schlicht und ergreifend verboten! Sie hätte einfach wissen müssen, daß das goldene Kalb der Abtreibung nicht angetastet werden darf.

Die letzten Jahre ihres Lebens, mittlerweile zur katholischen Kirche konvertiert, widmete Karin Struck dem Kampf gegen die Lüge, welche Abtreibung zu einer Errungenschaft stilisiert. Sie starb, nicht einmal sechzig Jahre alt, in diesem Kampf.

Dienstag, 10. Oktober 2017

Gnothi seauton!


Das Wort, welches in der Oper Don Giovanni vermutlich am häufigsten vorkommt, lautet scellerato (Wüstling, Frevler, Verworfener). Gemeint ist damit die Titelperson. Und tatsächlich ist Don Giovanni genau das: Ein Wüstling.

Was freilich die um ihn Gruppierten nicht einsehen wollen, ist, daß sie selbst beitragen zu diesem Dasein des Wüstlings. Nicht so, als sei der Wüstling ein Opfer der Gesellschaft – was die postmoderne Version des Dramas wäre: der Wüstling ist eigentlich unschuldig, die Anderen, die Gesellschaft ist schuldig –, sondern vielmehr so, daß in Mozarts Oper alle schuldig sind, es gibt keine Unschuldigen.

Das ist das Schreckliche und auch Unauslotbare dieser Oper.

Daß es nur Mitschuldige gibt, erkennt man auch daran, daß Don Giovanni zwar titelgebend, aber eigentlich kein Held ist, noch nicht einmal ein Anti-Held. Dazu bedürfte er wenigstens der zugkräftigen, strahlenden Arien. Doch Fehlanzeige. Der Titelheld hat keine großen Heldenarien vorzuweisen. Selbst seine Champagnerarie kann mit vergleichbaren anderen großen Arien nicht mithalten. Wie überhaupt in der ganzen Oper kein sogenannter Hit anzutreffen ist, auch kein echter Sympathieträger. Bezeichnenderweise. Denn dort, wo alle schuldig sind, gibt es keine herausragenden Arien und keine Stars mehr. Eine Gala samt famosen publikumswirksamen Schmankerln kann man mit Don Giovanni nicht bestreiten.

Was heißt das nun?

Es heißt, daß Mozart zeigt, was zur Unschuld gehörte: Selbsterkenntnis. Aber diese findet in Don Giovanni nicht statt. Darüber kann auch das Abschlußsextett (welches nachträglich hinzukomponiert wurde) nicht hinwegtäuschen. Wie im Finale der Cosi fan tutte wird dem Zuhörer nun die Moral von der Geschicht’ präsentiert. Die sechs überlebenden Protagonisten schmettern heraus, wie es dem Bösen ergeht, nämlich daß der Böse bestraft wird: »So endet, wer Böses tut.«

Die sechs »guten Leutchen« (e noi tutti, o buona gente) haben durchaus recht, denn Mozart hat es offen gelegt: Der Böse wird bestraft. Don Giovannis Höllensturz ist kein billiger, romantischer Effekt, sondern brutale Konsequenz eines frivolen Lebens, in dem Betrug und Lüge im Dauereinsatz waren.

Heute, in einem Zeitalter, welches die Hölle zum Werberequisit degradiert mit Feuergeprassel und lustigen Bockshörnern, schmunzelt man aufgeklärt über diese Höllenfahrt, findet sie womöglich prickelnd oder spannend und den Wüstling virtuos und tollkühn. Sei’s drum. Die Höllenfahrt des Don Giovanni bleibt dennoch, was sie in Mozarts Oper ist: Höllensturz. Grausam, präzise, logisch.

Eine andere Frage ist, ob die Donna Anna und Donna Elvira und Don Ottavio und Leporello und das junge Paar Masetto und Zerlina aus der finalen Tragödie etwas gelernt haben? Ist es damit getan, ständig nach vendetta zu rufen und sich so gütlich zu halten? Wo bleibt die Selbsterkenntnis?

Zum Beispiel: Warum fällt Donna Elvira nicht nur einmal, sondern immer wieder auf die Lügen des Verführers herein? Oder Don Ottavio: Warum singt er zwar zwei schöne Arien und himmelt seine Geliebte an, versagt aber kläglich, wenn es darum ginge, den Wüstling das Handwerk zu legen? Von Masetto und Zerlina ganz zu schweigen, die am Hochzeitstag (!) Don Giovannis Kabalen erliegen. Und Donna Anna? Sie bleibt, so die Ansicht vieler, in merkwürdigem Zwielicht. Könnte es sein, daß auch sie dem Daimon Don Giovannis erlegen ist?

Und der agile Leporello? Auch er: Nichts dazugelernt. Nach der Höllenfahrt seines Herrn will er ein Gasthaus aufsuchen und einen neuen, besseren Herrn acquirieren. Nichts Neues unter der Sonne.

Und doch ist, analog zum Ende der Cosi, nichts mehr beim Alten. Die Welt wackelt. Im Abschlußsextett der Cosi beschwören die Damen und Herren die schöne Ruhe, während die Musik in einem halsbrecherischen Karussell sich aus den Angeln dreht. In Don Giovanni ist der Wüstling am Ende tot und man macht einen auf: Operation gelungen, Patient tot, während ringsum der Gestank des Schwefels in der Luft hängt.

Vielleicht ist die schreckliche Spannweite der Oper letztlich an einem kleinen Wörtchen ablesbar: la mano – die Hand.

Als Don Giovanni Zerlina zu verführen beginnt, singt er ihr die schmeichlerischen Worte ins Ohr: La ci darem la mano (Dort reichen wir uns die Hand). Am Ende, vor seinem Höllensturz, sagt der steinerne Gast, die Statue des Komturs, zum Wüstling: Dammi la mano in pegno (Reich mir die Hand zum Pfand!), und Don Giovanni reicht dem unheimlichen Gast die Hand, um sogleich in Schrecken einzugestehen: Welche Eiseskälte!

Aus der verführerischen, lügnerischen Hand zu Beginn wird am Ende die kalte, wahre Hand des Todes. Die Lüge wird aufgedeckt. Die Maske fällt. Zum Vorschein kommt der Tod, der wahre Antreiber des frivolen Spiels. Um so schlimmer, daß Don Giovanni in seiner Besessenheit seinen eigenen Lügen ein Leben lang auf den Leim ging. Aber wie könnte es auch anders sein. Er, an erster Stelle, demonstriert schließlich in seinen mille e tre Eroberungen, was alle Mitspieler kennzeichnet: Die Weigerung, sich selbst wahrzunehmen.

Gnothi seauton – Erkenne dich selbst! –, so lautete die Inschrift am delphischen Orakel.

Der Imperativ gilt zu jeder Zeit. Die bourgoisen Damen und Herren, gleich ob sie Donna Anna oder Donna Elvira oder Don Ottavio heißen, müssen sich fragen, was sie selbst dazu beigetragen haben, daß Don Giovanni Don Giovanni blieb. Sie selbst! Man kann nur hoffen, daß sie, wie alle anderen Akteure, nach dem Fall des Vorhangs zu dieser Selbstkonfrontation bereit sind. Denn das uralte Lied, welches sie am Schluß allesamt anstimmen, »l’antichissima canzon« (oder the age-old moral, wie das englische Libretto übersetzt), wäre dann exakt dies: Selbstkonfrontation.

Grafik:    operanews.com, Don Giovanni (Ildar Abdrazakov) descends into hell in Michael Grandage’s Met staging. © Johan Elbers 2015

Freitag, 6. Oktober 2017

Es


Vielleicht geht es Ihnen ähnlich?

Manchmal möchte man einen guten Film anschauen. Und dann geht man vielleicht in ein Papierwarengeschäft und schaut sich das preiswerte Angebot an DVD’s an. Und was stellt man fest?

Der Horror hat Hochsaison. Sage und schreibe ein geschätztes Drittel des Angebots, wenn nicht noch mehr, präsentiert sich als gruselige, blutrünstige Schocker. Bereits die Covers sprechen für sich. Es geht stets mörderisch zu, abgebildete Gesichter sind zu Fratzen denaturiert, bluttriefende Messer sind Standardrequisiten.

Die letzten Jahre und Jahrzehnte hat man im Gefolge des Zweiten Vatikanums immer wieder die berühmten Zeichen der Zeit beschworen. Hier haben wir nun auch ein solches Zeichen der Zeit, welches im Licht des Evangeliums gedeutet sein will. Und da schlagen wir mal das Folgende vor.

In einer Zeit, in der die Tötung ungeborener Kinder jedes Jahr, und dies seit Jahrzehnten, 40 Millionen und mehr beträgt, und in einer Zeit, in der diese globale Tötung weitestgehend verschwiegen beziehungsweise tabuisiert wird, schafft sich die Wahrheit dieses kaschierten Horrors nun Raum auf den Mattscheiben in unseren Wohnzimmern. Denn dies ist ein geistlicher Grundsatz: Die Wahrheit mag man unterdrücken, sie ist gleichwohl nicht auslöschbar.

Dies gilt im Leben des Einzelnen wie im Leben von Kollektiven. Das ehemalige kommunistische Regime in der Sowjetunion versuchte siebzig Jahre lang, und dies mit brutalsten Methoden, dem christlichen Leben den Garaus zu machen. Christliche Dissidenten wurden in Gulags abtransportiert und gefoltert, umerzogen, terrorisiert, ermordet, Bürger unterlagen der fortwährenden Bespitzelung und Überwachung, Kirchen und Klöster wurden geschändet, zerstört, aufgelöst und bestenfalls als museale Relikte einer feudalen Zeit geduldet.

Doch trotz aller verzweifelten Anstrengungen des Regimes, die Wahrheit der christlichen Religion zu unterdrücken und auszulöschen, blieb die Wahrheit da.

Auch die Wahrheit der millionenfachen Kindstötungen bleibt da. Sie mag unter den medialen Teppich gekehrt werden, sie mag selbst zu einem furchtbaren Recht mutieren. Das blutige, versteckte Geschäft wird dennoch sichtbar, unter anderem auf den millionenfach reproduzierten Covers von Horrorvideos, die jedem ad oculos demonstrieren, in welcher blutigen Zeit wir leben.

Freilich: Man kann auch weiterhin die Augen verschließen und so tun, als sei alles in bester Ordnung, solange es im DVD-Regal der Papierwarengeschäfte ja auch Filme von Rosamunde Pilcher gibt oder vom stets gut gelaunten Bud Spencer oder dem obercoolen Frauenverführer 007 Bond. Man müsse, so das wohlfeile Räsonnement, schließlich keinen Horrorfilm konsumieren.

Ja, muß man nicht. Sollte man auch nicht. Aber das Menetekel bleibt trotzdem da und wartet darauf, entziffert zu werden.

Dazu paßt der neueste Horrorstreifen, diesmal von Profi Stephen King. Es, so der Titel. Und bereits der ist verräterisch genug. Das Böse ist bereits dermaßen anonym geworden, daß es keinen Namen mehr hat. Es ist einfach da und zerstört. Es raubt die Kinder. Es bringt Kinder um. Und Es versteckt sich. Aber nicht irgendwo, sondern im Unterirdischen, in der Abwasserkanalisation. Denn zum Horror gehört zweierlei: Daß er sich verbirgt, maskiert, und daß er von den Verantwortlichen nicht wahrgenommen werden will.

Bezeichnenderweise sagt einer der Protagonisten, in dessen Stadt Derry die Morde geschehen, daß sich die Leute dort daran gewöhnt haben, woanders hinzuschauen: “In Derry, people have a way of looking the other way.” Man schaut weg. Das ist bequemer. Das beruhigt scheinbar die Nerven. Während Es weiterhin im Untergrund Kinder tötet.

Und bezeichnenderweise sind es Kinder, die in der Routine des Wegschauens noch nicht so trainiert sind, die in Kings Werk mit der Aufdeckungsarbeit beginnen.

Als Kings Buch 1990 erstmals verfilmt und im Fernsehen gezeigt wurde, war der Horror selbst den Drehbuchautoren wohl zu viel. Am Ende ließen sie Ben und Beverly, zwei der Hauptdarsteller, heiraten, und – die Beiden erwarteten ein Kind.

Das Kind: Wer würde darin nicht den Träger der Hoffnung und der Zukunft sehen? Doch Zukunft setzt voraus, daß die Schrecken der Gegenwart nicht länger vertuscht, sondern aufgedeckt und beendet werden. Es muß demaskiert werden. Die Abtreibung muß demaskiert werden. Denn die Wahrheit ist da, vor unseren Augen.

Grafik:    https://unsplash.com/photos/hn5YtNkWUXw/