Samstag, 25. Juni 2022

Der Sieg



Congratulations!

Amerika hat es geschafft. Nach nahezu 50 Jahren eines infamen Abtreibungsgesetzes, das 1973 unter dem Namen Roe v. Wade die Abtreibung in den USA gesetzlich erlaubte und damit für die Tötung von geschätzten 63 Millionen Kindern im Mutterleib verantwortlich war, ist Roe v. Wade Geschichte. Am Hochfest des Heiligsten Herzens Jesu hat der Oberste Gerichtshof der Vereinigten Staaten das mörderische Gesetz aufgehoben.

Der Sieg ist historisch. Und er verdankt sich dem unermüdlichen, tapferen, entsagungsreichen Kampf der amerikanischen pro-life-Bewegung. 50 Jahre lang hat diese Bewegung standgehalten, hat gebetet, gekämpft, hat übelste Attacken über sich ergehen lassen, hat Unrecht, Diskriminierungen, Schläge, Verspottungen, Verfolgungen und unzählige mediale Ehrabschneidungen ertragen und dennoch weitergekämpft.

Hier seien stellvertretend für so viele Kämpfer drei grandiose Pro Lifer genannt, ohne deren mutige und beharrliche Standhaftigkeit dieser Sieg nicht gekommen wäre.

Monsignore Philip J. Reilly, der Gründer der weltweiten Lebensschutzbewegung Helpers for God’s Precious Infants, hat jahrezehntelang mit seinen Mitstreitern vor den berüchtigten Abtreibungsstätten gebetet und beraten. Seine maßgebliche Inspiration verbreitete sich weltweit: Die Abtreibungsstätten sind das Golgotha der Jetztzeit, Und wie damals, vor 2000 Jahren, Maria und Johannes unter dem Kreuz Christi standen, um dem Gekreuzigten ihre Liebe zu erweisen, so stehen die Gehsteigberater und Beter von Monsignores Bewegung seit Jahrzehnten vor den Abtreibungsstätten, um den gemarterten, getöteten Kindern ihre Liebe zu schenken und für all diejenigen zu beten, die an der Abtreibung beteiligt sind – denn sie wissen nicht, was sie tun (s. Lukasevangelium 23,34). Sie, die Prolifer, leben das Evangelium. Denn sie bringen – gemäß dem Wort aus dem Prolog des Evangelisten Johannes – das Licht in die Finsternis.

Lila Rose ist die Gründerin von Live Action. Mit 15 startete sie die Initiative. Mit 18 drehte sie ihr erstes Undercover-Video in einer Abtreibungsfiliale des US-Abtreibungsriesen Planned Parenthood (deutscher Ableger: pro familia). Seitdem folgte Video auf Video und Audiotape auf Audiotape. Und jede Aufzeichnung dokumentiert den alltäglichen Horror: Planned Parenthood lügt und betrügt. Zum Beispiel: Es deckt den Mißbrauch an 13jährigen Teenagern, es deckt die Vergewaltiger und Zuhälter von jungen Mädchen, es steht brutal auf der Seite der Täter, wenn nur weiterhin das blutige Geld fließt.

Da Planned Parenthood aufgrund der investigativen Dokumentationen von Live Action seine finanziellen Felle fortschwimmen sah, drohte der Abtreiberkonzern, gerichtlich gegen Lila vorzugehen. In den Abtreibungsfilialen von Planned Parenthood hing ihr Bild  - sie war Wanted, Angestellte wurden vor ihr gewarnt, die Panik vor dem nächsten Undercover-Bericht grassierte. Denn Lila Rose machte sichtbar und hörbar, was hinter verschlossenen Türen passiert: Wie mit kriminellen Machenschaften Mädchen und Frauen rücksichtslos von der Abtreibungsindustrie ausgebeutet werden. Und das Ganze läuft unter dem heuchlerischen Label: Gesundheitsfürsorge.  

Und schließlich David Daleiden.

Als junger Mann in den Zwanzigern beschließt er mit seinem Team, den Abtreibungsgiganten Planned Parenthood und dessen inhumane Praktiken aufzudecken. Zu diesem Zweck lassen sich die mutigen jungen Leute professionell ausbilden, gründen eine Biotech-Scheinfirma, lernen die Terminologie und das Gehabe, welches in der Abtreibungsgegenwelt Usus ist, um schließlich 30 Monate lang ihr Human-Capital-Project, welches im Enthüllungsjournalismus einzig dasteht, zielstrebig zu verfolgen. Das Ergebnis kann sich wortwörtlich sehen lassen: Videos, die einen den Atem anhalten lassen.

Alle bislang veröffentlichten Videos sind horrend. Spitzenleute des Abtreibungskonzerns geben den Undercover-Ermittlern, die sie für interessierte Käufer von fetalem Gewebe halten, bereitwilligst Auskunft über ihr mörderisches und finanziell lukratives Geschäft. Nicht nur, daß sie Kinder bis zur Geburt abtreiben, sondern auch, daß sie gezielt mit abgetriebenen Kindern und deren Organen illegalen Handel treiben.

Die Abtreibungsprozeduren richten sich nach Angebot und Nachfrage. Werden frische Lungen oder frische Leber benötigt? Kein Problem. Der Abtreiber wird dafür sorgen, daß der potentielle Käufer die Ware erhält. Originalton: »Wir haben's sehr gut hingekriegt, Herz, Leber und Lunge zu bekommen, denn wir wissen: Ich werde diesen Teil nicht kaputt machen, also werde ich hauptsächlich unten zudrücken und oberhalb zudrücken, und werd' schauen, daß ich alles intakt rausbekomme« (Zitat aus dem 1. veröffentlichten Video. S. dazu die Homepage des Center for Medical Progress: http://www.centerformedicalprogress.org/cmp/investigative-footage/).

Im siebten Video berichtet Holly O'Donnell, ehemalige Angestellte von StemExpress – einer Zulieferfirma, die Körperteile abgetriebener Planned-Parenthood-Babies an Universitäten und andere Stellen weiterverkauft – über die grauenvolle Gewinnung eines intakten Baby-Gehirns aufgrund der Spätabtreibung eines ungeborenen männlichen Kindes, dessen Herz nach der Abtreibung noch schlägt. Eine Supervisorin fragt O'Donnell: »Wollen Sie mal was Cooles sehen?« Darauf schlägt die Supervisorin auf das Herz des spätabgetriebenen Babies, welches zu schlagen beginnt.

»Noch ein Junge«, sagt plötzlich ein medizinischer Assistent im vierten Schockvideo der veröffentlichten Serie, in dem Mitarbeiter zu sehen sind, wie sie abgetriebene Baby-Körperteile in einer Schale sortieren: ein Herz, eine Niere, Füße. Und dann der Ausruf: »Noch ein Junge!«

Nach über einem Dutzend veröffentlichter Videos kommt der Abtreibungskoloß ans Zittern. Das öffentliche Image bekommt Risse. Daß die Abtreibung ein big business ist, liegt offen zutage. Aus dem Firmennamen Planned Parenthood hat das findige Internet den neuen Namen abgeleitet: Planned Profithood. Und seit die Lawine größer und größer wird, versucht die Abtreibungsindustrie, dem Hauptermittler, David Daleiden, das journalistische Handwerk zu legen, indem sie ihm multiple Strafanzeigen an den Hals hängt, die den couragierten Ermittler finanziell und existentiell ruinieren sowie mundtot machen sollen.

Denn eben das fürchten die Abtreiber am meisten: Daß man sieht, klipp und klar sieht, was die Geschäftemacher der Abtreibungsindustrie tatsächlich tun und was Abtreibung tatsächlich ist. Wenn die Masken fallen und das Mimikry entlarvt ist.

Monsignore (wie ihn seine Freunde liebevoll nennen), Lila, David und so vielen bekannten und unbekannten pro life Helden von Heute gilt unser Dank – congratulations!

Grafik: Photo by Henley Design Studio. Unsplash.com

Samstag, 18. Juni 2022

Das Kreuz III

Ein berühmter, bereits verstorbener polnischer Filmregisseur sagte anläßlich seiner akklamierten Filmtrilogie in einem Interview, er habe keine Antworten.

Das ist dürftig. Und es ist unwahr. Denn die sogenannte Antwortlosigkeit ist auch eine Antwort, halt eine dürftige.

Doch im modernen Feuilleton ist diese Antwort gern gesehen. Man attestiert ihr bereitwillig die Aura des Aufklärerischen, des Abgeklärten, des Existentialistischen, während sie tatsächlich bodenlos relativistisch ist.
 
Und der Relativismus zeigt sich. Im ersten Film der Trilogie sieht dies derart aus: Die Hauptdarstellerin – soeben durch einen Autounfall, bei dem ihr Mann und ihre Tochter ums Leben gekommen sind, Witwe geworden – streift durchs Leben. Mit einem der Mitarbeiter ihres verstorbenen Mannes verbringt sie eine Nacht, um ihn anschließend vor die Tür zu setzen.

Mit einer jungen Frau, die in ihrem Miethaus unter ihr wohnt, kommt sie in näheren Kontakt, es entwickelt sich eine Art Freundschaft. Besagte junge Frau ist Nutte und findet das gut so.

Der verstorbene Komponist, so entdeckt seine Witwe post mortem, hat seine Frau seit Jahren mit einer Juristin betrogen. Die Witwe will die fremde Frau, die ein Kind von dem Komponisten erwartet, kennenlernen. Am Ende des Kontaktes vermacht die Witwe ihr großbürgerliches Domizil der Juristin und dem noch ungeborenen Kind. Warum? Ihr Mann habe schließlich diese Frau geliebt.

Tja, Liebe ist offensichtlich alles. Der Slogan kommt einem bekannt vor. Dazu paßt dann auch noch, daß der Komponist vor seinem Tod an einem großen Werk mit Chor arbeitete, dessen Textgrundlage… na was wohl? … das Hohelied der Liebe des Apostels Paulus ist. In Griechisch!

Doch auch dieses bombastische musikalische Zitat ändert nichts an der relativistischen Struktur des Films. Die Frage ist, woher dieser Relativismus des polnischen Regisseurs, der die religiösen Quellen seiner Heimat durchaus kennt.

Und da sind wir bei der echten Antwort angekommen. Auch sie zeigt sich, denn die Wahrheit zeigt sich.

Etwa in der Mitte des Films kommt es zu einer weiteren Begegnung der Hauptdarstellerin, diesmal mit einem jungen Burschen. Man trifft sich in einem Café. Antoine, so der Name des Burschen, hat diese Begegnung gesucht, denn er war damals Zeuge des Unfalls. Und an der Unfallstätte fand er eine Halskette samt Kreuz. Diese Halskette will er der Witwe zurückgeben, denn schließlich gehört sie ihr.

Und was passiert? Die Witwe nimmt Kette und Kreuz nicht an, sie läßt sie Antoine und verläßt das Lokal.

Klarer könnte die Antwort nicht sein. Wer das Kreuz, welches absolut ist, zurückweist, der endet im Relativismus. Darüber täuschen weder träumerische Großaufnahmen noch betörende Filmmusiken noch cineastische Preise hinweg. Die Leere breitet sich aus. Die emphatisch beschworene Liebe ist letztlich eine schale, nichtssagende Vokabel unter anderen.

Zu den letzten Bildern des Films gehört in einem Reigen verstörender Momentaufnahmen auch der Blick auf den jungen Burschen, der weiterhin das Kreuz in Händen hält. Man kann nur hoffen, daß Antoine, als Zeuge im wahren Wortsinn, die Zukunft lebt, die der Regisseur ein und eine halbe Stunde lang verbarrikadiert.

Grafik: Photo by Sophia Sideri, unsplash.com

Samstag, 11. Juni 2022

Die Wahrnehmung

                »Nur wer ein Auge dafür hat, sieht etwas Schönes und Gutes, in jedem Wetter, er findet Schnee, brennende Sonne, Sturm und ruhiges Wetter schön,
hat alle Jahreszeiten gern und ist im Grunde damit zufrieden,
daß die Dinge so sind, wie sie sind.«
         

Vincent van Gogh


Grafik: Van Gogh, Sternennacht. wikicommons

Samstag, 4. Juni 2022

Die sogenannten Experten und der gesunde Menschenverstand

Nennen wir ihn Heinz.

Es war Sommer. Wir saßen im Innenhof des Miethauses, neben einem kleinen Garten. Vier Freunde. Heinz war zu Besuch gekommen. Heinz, der als Cellist in einem Orchester und in einem Quartett spielte, und dies seit Jahren.

Und wie selbstverständlich war das Gespräch auf Musik gekommen. Auf Mozart und Schumann und Messiaen. Und wir vier waren der gleichen Ansicht: Die postmoderne Musik konnte mit diesen Komponisten nicht mithalten. Wir sagten ohne Umschweife, daß diese neue Musik, die sich als Nachfolgerin der klassischen verstand, seit Jahrzehnten in eine Sackgasse geraten sei, zumal durch ihre elektronischen Experimente und Verstümmelungen.

Heinz verteidigte die modernen Versuche, und man merkte, daß er zunehmend die Fassung verlor.

Irgendwann stand er erbost auf. Er rannte aus dem Innenhof und hinein in das ebenerdige Zimmer, wo er seine Siebensachen abgestellt hatte. Dieses Zimmer ging hinaus zum Garten, sein Fenster stand offen. Es dauerte nicht lange, bis wir verstanden.

Heinz, der imstande gewesen wäre, aus dem Stegreif die Solopartie eines berühmten Cellokonzertes zu spielen, wollte uns eine Kostprobe dessen geben, was er leidenschaftlich verteidigte. Er hatte offensichtlich wutentbrannt sein Cello aus dem Kasten genommen und gab uns jetzt die Probe aufs Exempel. 

Aus dem geöffneten Fenster klangen die neuen Töne. Aber das Erschreckende war, daß nicht eigentlich Töne erklangen, sondern gequältes, qietschendes, die Ohren verletzendes Gekratze. Keine Harmonien. Keine Melodie. Stattdessen Zerstörung jedes musikalischen Gefüges.

Wir verstummten. Was wir vernahmen, bestätigte in einer Weise, die uns zuinnerst traf, das, was wir zuvor gesagt hatten. Wir verstanden, daß wir die Diskussion beenden sollten, denn was hätten wir, die wir die späten Beethovenquartette liebten, diesem Gekrächze gegenüber sagen sollen?

Und ich habe seitdem auch dies verstanden: Es gibt den gesunden Menschenverstand, der sich vor den Meinungen der sogenannten Experten nicht zu fürchten und nicht einzuschüchtern lassen braucht. Wer sich eingeübt hat in die Maßstäbe großer Kunst, bildet irgendwann den inneren Kompaß aus. Denn Mozart ist ein Kompaß. Beethoven ist ein Kompaß. Sie zerstören nicht, sondern bauen auf. Sie bergen und bringen den schönen Glanz der Wahrheit. Sie sind wahrhaft tröstlich. 

In den Worten eines großen Malers: »Kunst ist es, diejenigen zu trösten, die vom Leben gebrochen werden« (van Gogh).

Samstag, 28. Mai 2022

Der Marienmonat und der Missionar und Molokai

Molokai wurde bekannt durch den heiligen Damien de Veuster. Es ist die Insel der Leprakranken. Dorthin ließ sich der belgische Missionar 1873 senden, um sein Leben für die Leprakranken hinzugeben.

Ein anderer Missionar, ebenfalls nach Molokai aufgebrochen, berichtet Jahrzehnte später von seinem Aufenthalt auf der Leprainsel.

Es ist der Marienmonat Mai. Der Missionar kommt auf die Insel, um dort den Marienmonat zu eröffnen und zugleich die Statue Unserer Lieben Frau von Fatima zu segnen und aufzustellen.

Auf der Insel angekommen, erfaßt den Missionar das Erschrecken angesichts der entstellten Kranken. Mutlosigkeit will sich breit machen. Wie soll das gehen? Die wunderschöne Statue der Madonna aufstellen und dabei in die ungestalten, zerstörten Gesichter der Leprosen schauen?

Während er noch seinen bedrückenden Gedanken nachhängt, kommt eine Schwester und bittet ihn, sofort zu einem Sterbenden zu kommen. Die Marienstatue solle er mitnehmen, denn der Sterbende wünsche sich, bevor er sterbe, die Madonna zu sehen.

Der Missionar, die Madonna in den Armen, folgt der Schwester mit beklommenem Herzen. Sie erreichen das Lager des Sterbenden. Dieser stammelt bewegt: »Die Madonna.« 

Ist es nun die Beklemmung des Missionars, seine Angst zu versagen oder ganz einfach seine Hilflosigkeit? Als er sich dem Bett des Kranken nähert, stolpert er und fällt. Bevor er zu Boden geht, ruft er, um die Statue zu retten, aus: »Maria, hilf.«

Als er sich erhebt, gilt sein erster Blick der Madonna. Die Muttergottes ist an vielen Stellen verletzt. Die Hände halten zwar weiterhin den Rosenkranz, sind aber beschädigt. Der Lack im Gesicht ist an etlichen Stellen abgesplittert, auf den Wangen sind nun dunkle Flecken zu sehen, das Lächeln der Muttergottes weist einen schmerzlichen Zug auf. Nur die Augen sind unversehrt und schauen mit derselben Güte und Zärtlichkeit den Betrachter an.

Der Missionar zögert. Was soll er tun? Die Schwester ruft ihn ans Lager des Sterbenden. Dieser, als er die Madonna wahrnimmt, wird von einer Welle der Liebe und Sehnsucht und Glaubenserschütterung erfaßt. Er versteht, ohne viele Worte: Die himmlische Mutter kommt zu ihrem sterbenden Kind.

Denn so ist Maria. Sie steigt herab. Aus Liebe zu ihrem kranken, entstellten Kind verzichtet sie auf ihre makellose Schönheit.

Samstag, 21. Mai 2022

Die Freude

In der Freude will jeder sein. Depression ist keine Wunschvorstellung. Nur: Wie kommt man zur Freude?

Im Johannesevangelium spricht Jesus nicht nur von der Freude, sondern von der vollkommenen Freude. Und diese vollkommene Freude – man höre und staune - ist dem Menschen zugedacht. Es heißt in Joh 15, 9-11:

»In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Jüngern: Wie mich der Vater geliebt hat, so habe auch ich euch geliebt. Bleibt in meiner Liebe! Wenn ihr meine Gebote haltet, werdet ihr in meiner Liebe bleiben, so wie ich die Gebote meines Vaters gehalten habe und in seiner Liebe bleibe. Dies habe ich euch gesagt, damit meine Freude in euch sei und damit eure Freude vollkommen werde.«

Vollkommene Freude – das will man. Aber vielleicht haben wir das Wesentliche überhört. Denn bevor Jesus von der vollkommenen Freude für uns spricht, erwähnt er ausdrücklich Seine Freude: Seine Freude soll in uns sein.

Die Abfolge ist klar. Derjenige, der Jesus nachfolgen will, muß in Jesu Liebe bleiben. Das ist grundlegend. Der Prüfstein, ob dieses Bleiben tatsächlich verwirklicht wird, ist das Einhalten der Gebote. Das Befolgen der Gebote zeigt nämlich, daß man nicht nur schöne Worte im Mund führt, sondern sich wirklich um ein christliches, gottwohlgefälliges Leben bemüht. Der Kompaß der Überprüfung ist dabei stets derselbe: Jesus. An Ihm ist ablesbar, was zu lieben heißt und was zu gehorchen heißt.

Was aber meint Jesus genau, wenn Er von Seiner Freude spricht? Worin besteht Jesu Freude?

Das ganze Johannesevangelium (wie im übrigen auch die anderen Evangelien) geben darauf eine unmißverständliche Antwort. Die Freude Jesu ist die, ganz im Willen des Vaters geborgen zu sein. Ganz Sohn zu sein. In den Worten von Joh 4,34: »Meine Speise ist es, den Willen dessen zu tun, der mich gesandt hat.«. Mit anderen Worten: Die Freude Jesu besteht in der unverbrüchlichen Liebesgemeinschaft mit dem Vater. Diese Gemeinschaft der Liebe ist Alles: Ursprung, Leben, Licht, Fülle, Rast, Labsal, seliges Glück, unendlicher Austausch.

In diesen strömenden Austausch der Liebe lädt uns Jesus ein. Denn die Liebe will mitteilen und schenken. Wenn wir bereit sind, uns hineinnehmen zu lassen in die Teilnahme, dann wachsen wir hinein in das Versprochene: In die vollkommene Freude.

Die Freude ist folglich das Zweite.

Wir neigen wohl alle zu dem Fehler, krampfhaft die Freude zu suchen. Aber die Freude findet man so nicht. Denn der erste, entscheidende Schritt ist nicht zu überspringen: Unser Ja dazu, Jesu Freude aufzunehmen. Nicht unsere Vorstellungen von Freude durchzusetzen, sondern einverstanden zu sein, Seine Freude zu bejahen.

Dann, erst dann, werden wir wahrhaft Frohe. Dann, erst dann, verstehen wir nämlich, daß, wie Paulus es nennt, »denjenigen, die Gott lieben, alles zum Guten gereicht« (Röm 8,28).

Unser Irrtum ist, daß wir, da wir unsere weltlichen Konzepte von Freude für die gültigen halten, die Freude ausschließlich an wohlige Ereignisse binden. Wenn wir von Heiligen lesen, die in Schmerz oder Krankheit nicht verzweifelten, sondern eine tiefe Freude erfuhren, kommt uns dies, gelinde gesagt, verwegen vor. Wir lesen es und wehren das Gelesene zugleich ab, indem wir entgegnen: Das sind halt Heilige. Damit halten wir uns die Heiligen vom Leib, obgleich wir wissen, daß Jesus uns selbst zu dieser Heiligkeit beruft (»Seid also vollkommen, wie auch euer Vater im Himmel vollkommen ist.« Mt 5,48).

Was machen die Heiligen anders als wir?

Sie haben sich, ohne jeden Vorbehalt, die Freude Jesu schenken lassen. Damit sind sie Mitbürger des Himmels geworden. Sohn im Sohn. Der Vater, den wir im Vater Unser bekennen, ist tatsächlich ihr Vater geworden. Sie wissen, daß dieser Vater allmächtige, unwandelbare, unfaßbare Liebe ist. Und da dem so ist, zweifeln sie nicht länger. Die Liebe des Vaters ist Liebe. Immer. Daher die reine Dankbarkeit des Heiligen: »Die Liebe zu Gott ist rein, wenn Freude und Leid die gleiche Dankbarkeit einflößen« (Simone Weil).

Gleich was geschieht, der Heilige weiß, daß Alles aus der liebenden Hand des Vaters zu ihm kommt. Er ist gelassen. Wie es im Prinzip und Fundament der Exerzitien des heiligen Ignatius von Loyola heißt: »Auf diese Weise sollen wir von unserer Seite Gesundheit nicht mehr verlangen als Krankheit, Reichtum nicht mehr als Armut, Ehre nicht mehr als Schmach, langes Leben nicht mehr als kurzes, und folgerichtig so in allen übrigen Dingen.« 

Der Heilige bleibt in der befreienden Indifferenz. Er murrt nicht, wenn er krank ist. Wozu auch? Noch die Krankheit ist ein Liebesbeweis Gottes. Das mag sich verrückt anhören. Und es ist auch verrückt. Denn die Liebe, von der wir hier sprechen, ist verrückt, was so viel meint wie, daß sie nicht mit menschlichen, kleinlichen Maßstäben zu messen ist.

Irgendwann werden es auch die Anderen wahrnehmen. Wieso gibt es da jemanden, der sich freut? Nicht nur an Sonnentagen, sondern auch, wenn die Wolken die Sonne verdecken? Manche werden über diese Freude, die, da sie eine geistliche Freude ist und also Geschenk des Heiligen Geistes und also nicht von dieser Welt, staunen. Andere werden, aus Neid und der dämmernden bitteren Erkenntnis, daß ihr Leben ein verfehltes ist, diese selbstverständliche Freude des Heiligen zu schmähen suchen.

Der Heilige selbst kann Stunden erleben, da er in der Versuchung ist, die Quelle der Freude sich trüben zu lassen. Celano, der frühe Biograph des heiligen Franziskus, bemerkt:

»Daher trachtete der Heilige danach, stets im Jubel des Herzens zu verharren, die Salbung des Geistes und das Öl der Freude zu bewahren (vgl. Ps 45,8). Die Krankheit des Überdrusses suchte er als die schlimmste mit der größten Sorgfalt zu vermeiden. Sobald er merkte, daß sie auch nur ein wenig in seinem Geist Eingang gefunden hat, eilte er schnell zum Gebet. Er pflegte nämlich zu sagen: Der Knecht Gottes, der, wie es vorkommen kann, aus irgendeinem Grund verwirrt ist, muß sich sofort zum Gebet erheben und so lange vor dem höchsten Vater verharren, bis er ihm die Freude seines Heiles wiedergibt (vgl. Ps 51,14).«

Vor dem höchsten Vater: Denn eben dort empfängt der Heilige stets neu seine Sicherheit des herrlichen Geliebtseins.

Ein Letztes. Wer wirklich in der geistlichen Freude ist, ist unbesiegbar. Nicht, weil er aus Eigenem so stark und mächtig wäre, sondern weil er, um die eigene katastrophale Schwäche wissend, sich in den Schutzschild des Vaters flüchtet, um dort, in dessen unbesiegbarer Liebe, geborgen zu sein. Der Teufel, der kommt um zu stehlen und zu morden und zu verderben (s. Joh 10,10), beißt sich an dem wahren Frohen die Zähne aus.

Grafik: praedica.de

Samstag, 14. Mai 2022

Vincent

Manche Lebensläufe sind derart erschütternd, daß man Mühe hat weiterzulesen. Dabei ist man lediglch der Leser, und man wird weiterlesend gewahr, daß das eigentlich Erschütternde die Tatsache ist, daß ein konkreter Mensch dieses Leben gelebt hat - nicht in Buchstaben, sondern im Fleisch und im Blut.

Eine Geschichte des Scheiterns. Kunsthändler, Verkäufer, Lehrer, Missionar – allesamt Stationen auf einem Weg der Niederlagen. Ein Beispiel unter anderen: Das Elend der Grubenarbeiter und Weber läßt ihn, als einen vom Evangelium Entzündeten, nicht kalt. Er predigt mit glühendem und gepeinigtem Herzen. Dem protestantischen Konsistorium ist dieser Eifer zu viel des Guten. Dem Prediger mit dem großen Herzen wird gekündigt.

Seine Versuche, eine Künstlerkolonie zu gründen, gehen in die Brüche oder kommen über Gedankenentwürfe nicht hinaus. Die Freundschaft mit Gauguin endet nahezu tödlich.

Die hunderte von Zeichnungen und Bilder und Skizzen, die er anfertigt, werden, bis auf wenige, durchwegs mißverstanden, abgelehnt, belächelt oder gleich als wertlos abgetan. Ein einziges Werk von ihm findet zu seinen Lebzeiten einen Käufer.

Abgrundtiefe Einsamkeit, Melancholie, Traurigkeit, seelische Finsternisse, Hunger, Not, Armut, Elend, Unverständnis… die Liste der Trübsale ist lang.  »Hätte man mich nur nicht durch den Dreck geschleift«, stöhnt er einmal.

Und doch entstehen in diesem gequälten Leben die Meisterwerke. Das ist das Wunder. Statt sich zu verlieren im Meer der Schmerzen, hißt er die Segel, selbst wenn es zerfetzte Tücher sind, um Bilder zu schaffen, die das Unendliche widerspiegeln. Oder den Adel des Schmerzes. Oder das Brennen des südlichen Himmels. Oder die gelben Kornfelder und die zerbrechliche Gestalt eines Antlitzes.

Damit wir, die Nachgeborenen, im Staunen bleiben, verzehrt sich sein Leben in den Staub. Gab es Liebe? Ja. Die unverbrüchliche Liebe des Bruders, der zu ihm hält, wenn andere ihn fallen lassen. Dieser große Bruder, der sich zu verstehen bemüht und der die Hand ausstreckt und hilft und finanziert. Und der, noch nicht einmal ein halbes Jahr nach dem Tod des Verkannten, im Alter von nur 33 Jahren in einer Nervenheilanstalt stirbt und schließlich an der Seite seines geliebten Bruders begraben wird.

Dieser ist 38 Jahre alt geworden. »Arbeiter in Christo« hatte er sich in einem Brief an den Bruder genannt. Er hatte sich dazu entschieden, »besser ein Schaf zu sein als ein Wolf«. Sein Name wurde immer wieder falsch geschrieben. Darum beschloß er, die Bilder, die er für vollendet hielt, mit seinem Vornamen zu signieren: Vincent.

Grafik: Van Gogh, Vase mit 12 Sonnenblumen. wikicommons

Samstag, 7. Mai 2022

Nach oben

»Die Schwerkraft des Geistes läßt uns nach oben fallen.«

Simone Weil

Grafik: Photo by Karl Fredrickson on Unsplash