Samstag, 24. August 2019

Vango

Es ist eine mathematische Gleichung: Ein Buch für Kinder und Jugendliche ist dann und nur dann wirklich gut ist, wenn es auch ein Erwachsener mit großem Gewinn zu lesen vermag. Man mache die Probe mit Alice oder mit Emil oder mit dem Kleinen Hobbit oder mit Tom und Huck.

Oder mit Vango.

Timothée de Fombelle, der Verfasser des zweiteiligen Meisterwerks Vango (Teil I: Zwischen Himmel und Erde. Teil II: Prinz ohne Königreich) beherrscht die alte, schöne Kunst des Erzählens. Und die hat spannend zu sein, derart, daß der Leser mit Fieber und auch Bangen  wissen will, wie die Geschichte, die sich vor seinen Augen entrollt, enden wird.

Aber das ist nicht alles. Es genügt nicht, eine Fabel spannend und rhetorisch geschickt zu erzählen. Der gute Erzähler muß auch die guten Themen haben, die Themen, die jedes menschliche Leben angehen, die der gute Erzähler freilich so zu präsentieren weiß, daß sie das trockene, allzu menschlich-allgemeine Gewand ablegen und sich im Licht zeigen, im Licht der Kunst, die den dramatis personae gerecht werden und also wahr sein will.

Zum Beispiel: Wer bin ich?

Mithin die Frage nach der Identität des Einzelnen. Daß diese Frage keine nebensächliche ist, versteht sich von selbst. De Fombelles Buch ist befeuert von dieser Frage. Es ist die verzehrende Frage Vangos, damit zugleich die Frage nach dem geheimnisvollen Ursprung. Doch ist nicht jeder Ursprung geheimnisvoll?

Sodann die Frage nach dem Guten und dem Bösen. Dieser Frage kann kein Autor ausweichen. Eine der Hauptgestalten des Romans, der Mönch Zefiro, erlebt an einem Wendepunkt der Geschichte, »als er das Böse triumphieren sah«, die Versuchung, an der Macht des Bösen zu verzweifeln. Doch de Fombelle zeigt gleichfalls den Sieg über das Böse. Und es zeichnet ihn aus, daß er diesen Sieg noch im Untergang zeigt.


Und schließlich das Thema der Themen: Die Liebe. Gibt es die Liebe in einer Welt, in der getötet wird, in der die korrupte Macht regiert, in der ein Menschenleben wenig gilt? Gibt es, angesichts von Verwüstung und Verrat, die Liebe und die Treue und die Wahrheit und die Schönheit der erfüllenden Begegnung?

Am Ende von Vango ist der Leser beglückt. Wunderbar, wie die Fäden zusammenlaufen und der Gobelin sich enthüllt. Wunderbar, wie eine äußerst fruchtbare, frohe Fantasie - welche im übrigen die Tatsache widerspiegelt, daß, in den Worten Nietzsches, im echten Manne ein Kind versteckt ist, das spielen will - nicht dammbrechend über die Ufer tritt, sondern sich diszipliniert und zügelt, damit in dem opulenten Gemälde jedes Detail schließlich den ihm gebührenden Platz erhält. Und dies alles ohne krampfhafte Verbiegung, sondern in der spielerischen Kunst des Selbstverständlichen.

In einem Interview wiederholt de Fombelle mit insistierender Emphase, daß er versucht, nicht zu lügen. J'essaie de pas mentir.

Chapeau, Monsieur de Fombelle!

Samstag, 17. August 2019

Es genügt


»Es genügt, daß die Schönheit unseren Überdruß streift, damit unser Herz wie Seide zwischen den Händen des Lebens zerreißt.«

Nicolás Gómez Dávila


Grafik: Photo by Galen Crout on Unsplash

Freitag, 9. August 2019

Die Wahrnehmung


Wie geistreich und also im wahren Wortsinn aufschlußreich ist doch die Sprache.

Nehmen wir das Wort Wahrnehmung.

Das Wort drückt mehr aus als den bloßen physiologischen Sehvorgang. Das Wort will ins Bewußtsein heben, daß wir dann, wenn wir recht schauen, Wahres aufnehmen.

Damit wird zugleich ein dreifach Wesentliches einschlußweise zur Sprache gebracht. Erstens, daß die Wirklichkeit, die sich uns darbietet, erkennbar ist. Zweitens, daß diese Erkennbarkeit deswegen gilt, weil der absolute Logos keine sinnlose, a-logische Welt geschaffen hat, sondern eine, die, eben diesem Logos gemäß, den Gesetzmäßigkeiten des wahren Sinns folgt. Und schließlich drittens, daß wir, wenn wir uns diesem Erkenntnisvorgang stellen, zuallererst Aufnehmende sind.

Alle drei impliziten Feststelllungen sind, wenn wir es genau nehmen, heute Sprengstoff. Denn zum einen wird gerade dies – die Erkennbarkeit der Welt, ihr Erfülltsein von Wahrheit – permanent in Frage gestellt, geleugnet, aggressiv demontiert. Die Welt in toto gilt als Tummelplatz für menschliche Experimente, nicht als Vorgegebenes, welches darauf wartet, daß der Mensch es in demütiger Bereitschaft und Freude erkennt.

Das Naturrecht: Eine fade Illusion. Die Biologie des Menschen: Ein Konstrukt. Die Wahrheit: Eine Floskel beziehungsweise eine Mär für Hinterwäldler.

Und was soll endlich die Rede vom Empfangen und Aufnehmen? Der Mensch unserer Tage, der tagein tagaus die Errungenschaften einer omnipräsenten Technik vor Augen geführt bekommt, die ihm zumal als zugreifende, anpackende und dominierende Handhabe präsentiert wird, will im Reigen der technisch Überlegenen nicht als der Dumme dastehen, sondern gleichfalls ein Sieger sein, was in diesem Zusammenhang heißt: Ein Macher.

All diesen babylonischen Überstiegenheiten widerspricht die schlichte Schönheit des Wortes Wahrnehmung. Mensch, so sagt die Unaufdringlichkeit der Vokabel, leg‘ ab Deinen Übermut und wähle die Demut. Empfange zuerst, bevor Du zu bauen beginnst. Höre den Klang des Universums. Erkenne die wahre Schrift in den Dingen. Und preise den Creator der offenbaren und verborgenen Schriftzeichen. Werde weise!

Vielleicht kann der Scharfsinn eines Sherlock Holmes ein wenig weiterhelfen?

Am Beginn der Abenteuer des berühmten Meisterdetektivs gibt Holmes seinem Adlatus Dr. Watson die grundlegende Lektion.

Watson ist soeben die Treppe zur Wohnung seines Freundes hochgestiegen und sitzt ihm nun gegenüber. Aus dem zwanglosen Gespräch entwickelt sich schließlich der folgende Dialog:

»Sie sehen zwar«, so Holmes, »aber Sie nehmen nicht wahr. Der Unterschied liegt auf der Hand. Sie haben zum Beispiel regelmäßig die Stufen gesehen, die von der Eingangshalle zu diesem Zimmer heraufführen.«

»Regelmäßig.«

»Wie oft?«

»Nun, einige hundert Male.«

»Wie viele Stufen sind es also?«

»Wie viele? Das weiß ich nicht.«

»Allerdings nicht! Sie haben sie eben nicht wahrgenommen. Und gleichwohl haben Sie sie gesehen. Genau das ist der springende Punkt. Nun denn, ich weiß, daß es siebzehn Stufen sind, weil ich sie nicht nur gesehen, sondern auch wahrgenommen habe.«

Zu Beginn dieses bezeichnenden Dialogs sagt Dr. Watson zu Holmes, er sei überzeugt, daß seine, Watsons, Augen genau so gut seien wie die des Detektivs. Dem wird wohl so sein.

Nur, lieber Dr. Watson, um Fragen der Ophthalmologie scheint es hier nicht zu gehen.


Grafik: Sherlock Holmes und Dr. Watson. wikicommons

Freitag, 2. August 2019

Die beiden Bücher


Ein jeder, der einmal in der Sixtinischen Kapelle gewesen ist, wird den bleibenden Eindruck des Jüngsten Gerichts mitnehmen. Michelangelo hat das monumentale Fresko an die Stirnseite der Kapelle plaziert, hinter den Altar.

Christus, in der Glorie, erscheint zum Letzten Gericht. Mit Ihm die Muttergottes und die Heiligen. Es ist die Zeit der letzten Enthüllung, die Zeit der unwiderruflichen Offenbarung. Zur Rechten Christi (von Ihm aus gesehen) sind die Seligen, die gen Himmel auferstehen. Zur Linken Christi stürzen die Verdammten in die Hölle.

Unterhalb des Weltenrichters ist eine Gruppe von Engeln zu sehen, die mit Posaunenstößen zu diesem Letzten Gericht blasen.
Michelangelo inszeniert hier nicht seine privaten Vorlieben, sondern er hält sich an das letzte Buch der Heiligen Schrift, die Apokalypse, wo eben dies geschrieben steht, daß nämlich »die sieben Engel, die vor Gott standen (…) sich bereit machten, die sieben Posaunen zu blasen (8,2.6)«.

Und Michelangelo bringt ebenso ins Bild, was in seiner Detailgetreue schockierend ist und vielleicht vielen entgeht. Denn zu den Engeln mit ihren erschütternden Instrumenten gesellen sich zwei weitere, die jeweils ein Buch in den Händen halten.

Bücher? Ja, Bücher.

Auch hier ist Michelangelo durch und durch bibelfest. Denn in der Offenbarung des Johannes heißt es: »(…) und Bücher wurden aufgeschlagen; auch das Buch des Lebens wurde aufgeschlagen. Die Toten wurden nach ihren Werken gerichtet, nach dem, was in den Büchern aufgeschrieben war« (20,12).

Michelangelo faßt nun diese Bücher in zwei Exemplare: In das Buch des Lebens, welches den Seligen zur Rechten Christi, und in das Buch des Todes, welches den Verdammten zur Linken Christi hingehalten wird.

Dies ist bereits in seiner nackten Unwiderlegbarkeit schockierend genug. Doch weitaus schockierender ist ein Weiteres.


Michelangelo nimmt die Worte Christi vollkommen ernst, er schwächt die Verkündigung des Weltenrichters, der in seinem Erdenleben davon sprach, daß der Weg ins Verderben breit ist und viele auf ihm gehen, während der Weg ins Leben eng ist und nur von wenigen gefunden wird (s. Matthäus-Evangelium 7,13f), nicht ab, sondern er zeigt die Härte der christlichen Verkündigung in aller Härte seiner Kunst. Das Buch des Lebens, so Michelangelo, ist ein kleines Buch, das Buch des Todes, in dem die Vielen verzeichnet sind, die den breiten Weg des Verderbens wählten, ist dagegen ein deutlich größeres Buch.

Wer Augen hat zu sehen, der sehe. Michelangelo malt nicht ein Buch, er malt auch keine zwei gleich großen Bücher oder ein winziges Buch des Todes. Nein, Michelangelo malt das Unausweichliche, er malt die Proportionen der Wahrheit: Das Buch des Lebens ist kostbar und weitaus kleiner als das entsetzliche Buch des Todes.

Von der modernen Verkündigung oder vielmehr Verniedlichung einer billigen Gnade, die unterschiedslos alle Erdenbürger in den Himmel expediert, ist Michelangelo meilenweit entfernt. Wer um den Ernst des Lebens wissen will, der ist gut beraten, sich der heilsamen Schonungslosigkeit dieses Großen, den seine Zeitgenossen nicht umsonst als den göttlichen Michelangelo rühmten, auszusetzen.

Grafiken: Michelangelo, Jüngstes Gericht. Gesamtansicht und Ausschnitt. wiki.commons


Samstag, 27. Juli 2019

Auch Genies…


... brauchen bisweilen Zeiten der Entspannung.

Wir wünschen allen Lesern und Genies erholsame Sommertage!

Freitag, 19. Juli 2019

Amen


Für Ch. D. H. 

»Es ist nicht verständlich, eine unbezweifelbare Wahrheit erst noch erproben zu wollen.«

Miguel de Cervantes Saavedra


Grafik: Photo by Daoudi Aissa on Unsplash

Freitag, 12. Juli 2019

Die discretio


Der heilige Papst Gregor der Große, der Benediktinerpapst auf dem Stuhl Petri, berichtet in seinem berühmt gewordenen zweiten Buch der Dialoge über das Leben des Mönchsvaters Benedikt. Aus den Anfängen der Vita des späteren Abtes wird folgende Begebenheit berichtet:

Benedikt hat - betend, bescheiden - sein erstes Wunder gewirkt.. Und wie es so zu gehen  pflegt: Das Wunder wird bekannt, und die Leute beginnen den Wundertäter zu bewundern. Um jeglicher Ehr- und Ruhmsucht den Boden zu entziehen, flieht Benedikt seine vertraute Umgebung.

Auf seiner Flucht begegnet er einem Mönch namens Romanus. Es ergibt sich ein Zwiegespräch. Romanus erfährt von den Plänen Benedikts, sich in die Einsamkeit zurückzuziehen, weg von den Fallstricken der Welt. Und Romanus hilft dem Fliehenden. Er gibt ihm ein Mönchsgewand und, nachdem Benedikt sich in eine Höhle zurückgezogen hat, hilft Romanus in den nächsten drei Jahren dem abgeschiedenen Einsiedler, indem er diesen mit notwendiger Nahrung versorgt. Dies geschieht, in den Worten des Biographen Gregor, wie folgt:

»Vom Kloster des Romanus führte aber kein Weg zur Höhle Benedikts, weil der Fels oberhalb der Höhle steil aufragte. Romanus ließ daher das Brot immer von diesem Felsen an einem langen Seil hinab; an dem Strick befestigte er auch eine kleine Glocke, damit der Mann Gottes an ihrem Klang erkennen konnte, daß ihm Romanus das Brot brachte. Dann kam er heraus, um es anzunehmen.«

Nach drei Jahren endet gemäß dem göttlichen Plan der Vorsehung das Einsiedlerleben Benedikts. Er wird gerufen in das Hinaus. Die Zeit der Begegnungen beginnt.

Doch die drei verborgenen Jahre in der Höhle von Subiaco sind prägende Jahre, und zu ihnen gehört – wie es ein großer Benediktiner des 20. Jahrhunderts ausgedrückt hat - »die Treue eines unsichtbaren Freundes«.

In der Regel des heiligen Benedikt, die späterhin zum Fundament des entstehenden Ordens wird, nimmt die Tugend der discretio eine zentrale Stellung ein. Damit ist mehr gemeint, als was heute gemeinhin unter Diskretion verstanden wird, als sei diese nicht mehr als eine Art banaler Verschwiegenheit oder Zurückhaltung oder Unauffälligkeit.

Das lateinische Grundwort, von dem das Nomen sich ableitet, lautet, discernere und meint unterscheiden. Die discretio ist damit die Tugend, die in allen Lebensbereichen die Gabe der Unterscheidung pflegt, beherzigt, ausübt. Sie ist die Tugend der Mitte, die die zerstörerischen Extreme befriedet und den Ausgleich zu schaffen weiß zwischen Spannung und Entspannung. Sie vermeidet alles Laute und Vordergründige, sie kommt und ist beheimatet in der Stille und Verborgenheit, weil sie aus Erfahrung weiß, daß Gott selbst, der am Anfang das Wort der Unterscheidung sprach: bara, es werde, der verborgene Gott ist, der sich schließlich in der Menschwerdung des Sohnes diskret verbirgt und offenbart.

Eine Ahnung oder auch ein Gespür für diese grundlegende Tugend zu empfangen, ist in Zeiten, wo es schrill und entblößt zugeht und in denen nicht das Stille gepriesen wird, sondern das Marktschreierische, schwer. Ein Romanus würde heute ins Rampenlicht gezerrt und interviewt und zu Tode photographiert. Für unsichtbare Freunde ist wenig bis kein Platz, wo die In-Diskretion an der Tagesordnung ist.

Und doch bleiben diese unscheinbaren Dinge: Ein Seil und eine Glocke. Wie wenig. Wie viel.

Grafik: Benedikt und Romanus. Illustration from Vita et miracvla Sanctiss.mi Patris Benedicti, 1579, by Bernardino Passeri. Plate 5. Typ 525.79.674, Houghton Library, Harvard University. Wiki.commons

Freitag, 5. Juli 2019

Mit Staunen


Wenn es um‘s Wetter geht, wissen es bekanntlich alle besser. Dann sind plötzlich alle Meteorologen.

Wie in der Geschichte, die wir in der Grundschule lernten.

Da beschwerten sich die Leute beim Lieben Gott über das Wetter. Zu kalt, zu warm, zu regnerisch, zu neblig. Mit einem Wort: Zu falsch halt.

Und da der Liebe Gott viel Geduld mit den Erdenbürgern hat, macht er besagten Leuten einen Vorschlag. Einen Monat lang sollen sie das Wetter in ihre Hand nehmen.

Gesagt, getan.

Doch o weh. Nach einem Monat sieht die Ernte schlecht aus. Das Land liegt brach. Das Vieh jault. Die Menschen stöhnen. Was ist nur schief gelaufen?

Tja, die braven Leutchen haben bei all ihrem furiosen Wettereifer darauf vergessen, daß es auch noch den Wind gibt. Dieser Wind, der, wie geschrieben steht, weht, wo er will, und der selbst unsichtbar sein mag, und ohne den dennoch nichts blühen und gedeihen kann.

Vielleicht hätte es den braven Bürgern damals geholfen, zwei Minuten sich hinzusetzen und einem Gesang zu lauschen, den einer ihrer Mitbürger komponiert hatte. Man darf vermuten, daß auch dieser Mitbürger heiße Sommer kannte, mit Schweiß und Durst und stickigen Nächten. Doch merkwürdig. Dieser Mitbürger als Musiker, den man in späten Jahren liebevoll Papa Haydn nannte, war einverstanden mit den Anordnungen des Lieben Gottes. Und weil er einverstanden war, setzte er sich eines Tages hin und begann, das Schöpfungswerk, zu dem bekanntlich auch das Wetter gehört, zu preisen.

Und diesen Lobpreis vernehmend, gerieten schon anno dazumal die Wiener in Begeisterung. Ja, so ist es. Alles ist sehr gut. Auch das Wetter. Und die Wiener, die doch so gerne motschgern, riefen nun: »Es lebe Papa Haydn! Es lebe die Musik!« Und die kaiserlichen Majestäten riefen: »Bravo!«

Und mit Staunen sieht dieses Wunderwerk der Himmelsbürger frohe Schar.

Grafik: Aufführung der Schöpfung 1808 im Festsaal der alten Universität Wien. wikicommons