Freitag, 9. November 2018

Die Rose, immer


 Benedikt XVI. hat bekanntlich der jetzigen Zeit die Diagnose Diktatur des Relativismus ausgestellt.

Diktatur meint ein Regime, welches tyrannisch, gegebenenfalls mit Gewalt, seine Ideologie durchsetzt. Relativismus meint eine Haltung, der alles gleichgültig ist, die unablässig die Gleichwertigkeit aller Meinungen postuliert, Wahrheit als obsoletes Konstrukt brandmarkt, dabei jedoch – denn wir befinden uns wie gesagt in einer Diktatur - jeden Abweichler der zwangsverordneten Maßnahmen rigoros an den Pranger stellt, wiewohl sie doch angeblich jede Ansicht für gleichberechtigt hält.

Nun ist diese Diktatur des Relativismus nicht vom Himmel gefallen. Sie hat vielmehr ihre emsigen Förderer, Werbeträger, Multiplikatoren, Höflinge – und Literaten. Denn damit die Diktatur ihren akademisch-ästhetischen Anstrich bekommt, dazu bedarf es des Literaten, der geschickt die notwendige Patina zur Verfügung stellt, die der Diktatur quasi den Nimbus des Auratischen verleiht.

Umberto Eco ist einer der Vorreiter der relativistischen Agenten und Mitläufer. Sein Roman Der Name der Rose wurde nicht zufällig ein internationaler Bestseller. Er paßte haargenau in die Diktatur des Relativismus, und raffinierter noch, er jonglierte mit katholischen Requisiten, plazierte die Handlung in eine altehrwürdige Abtei, zitierte das Stundengebet der Kirche, spielte mit biblischen Referenzen und gab sich als Kenner der monastischen Praktiken, so daß der von der kriminalistischen Geschichte narkotisierte Leser den Roman gar für eine moderne Variante einer seriösen Wahrheitssuche mißverstehen konnte.

Ein Freund hatte mir seinerzeit, verführt von den multiplen religiösen Bezügen, den Roman zur Lektüre empfohlen. Verführt, denn tatsächlich zelebriert der Roman die genüßliche Zerstörung jedes Wahrheitsanspruchs und legt die Abtei, welche, wenn es mit rechten Dinge zuginge, das katholische Bollwerk wäre, am Ende der Handlung in Schutt und Asche.

Die vermeintliche Suche nach Sinn ist eine Illusion. Es gibt keinen. Das nominalistische Fazit des Romans, das, wenn man es jeder intellektuell glitzernden Falschmünzerei entkleidet, der schieren Verzweiflung das Wort redet, lautet: »Vielleicht gibt es am Ende nur eins zu tun, wenn man die Menschen liebt: sie über die Wahrheit zum Lachen bringen, die Wahrheit zum Lachen bringen, denn die einzige Wahrheit heißt: lernen, sich von der krankhaften Leidenschaft für die Wahrheit zu befreien.«

Aber, so höre ich den Leser des Romans entgegnen. Aber der Roman ist doch nicht so ernst zu nehmen, seine Lektüre macht Spaß, darum geht‘s, um den Spaß an der Literatur. Es ist dasselbe Argument, mit dem der Harry-Potter-Leser anmarschiert kommt: Aber der Spaß. Man soll nicht übertreiben, das Ganze nicht so ernst nehmen.

Damit tut man Eco keinen Gefallen, der einst sehr wohl die Wahrheit kannte. Als Sechzehnjähriger war er frommer Kirchgänger, nach seinen eigenen Worten ging er täglich zur heiligen Kommunion. Und als junger Mann promovierte er über die Ästhetik des heiligen Thomas von Aquin. Danach geschieht der Abfall. Eco gibt den katholischen Glauben auf, und der Spott und der Zynismus und der beißende Skeptizismus beginnen ihre zerstörerische Maulwurfsarbeit. Das ist Ecos Entscheidung. Kein ominöses Fatum, sondern die Entscheidung des Literaten Eco für die Destruktion.

Nicht einmal die Rose darf am Ende bleiben. Denn auch die Rose ist lediglich ein Name, ein verwelktes Zeichen, nichtssagende Konvention.

Ach je. Jeder Liebende weiß es besser. Goethe weiß es besser:

Ist’s möglich, daß ich, Liebchen, dich kose,
Vernehme der göttlichen Stimme Schall!
Unmöglich scheint immer die Rose,
Unbegreiflich die Nachtigall.

Grafik: Photo by Tom The Photographer on Unsplash

Freitag, 2. November 2018

Der Arme-Seelen-Ablaß


»Vom 1. bis 8. November kann täglich einmal ein vollkommener Ablaß für die Verstorbenen gewonnen werden«, so steht es in den kirchlichen Weisungen.

Was heißt das?

Nehmen wir ein Beispiel.

Robert, ein 54jähriger, der gerade mit seinen Arbeitskollegen Geburtstag gefeiert und dabei, was eigentlich nicht seine Art ist, zu viel Alkohol konsumiert hat, setzt sich nach der Feier in sein Auto und fährt nach Hause. Da er jedoch nicht mehr nüchtern ist, verursacht er auf dieser Fahrt einen Unfall, bei dem er selbst stirbt und ein fremder Autofahrer lebensgefährlich verletzt wird und für immer querschnittgelähmt bleibt.

Nehmen wir an, daß Robert ansonsten ein frommer Katholik ist, d.h. ein Katholik, der regelmäßig zu den Sakramenten geht, der zur Beichte geht, der Todsünden meidet und derart sich bemüht, ein rechtschaffenes Leben zu leben.

Und nehmen wir weiter an, daß er im Augenblick seines Todes, in einem Akt gottgeschenkter Gnade, seine Sünde der Trunkenheit bereut und also vom Herrn Verzeihung erlangt hat.

Was Robert jedoch weiterhin anhaftet, ist die Tatsache, daß er durch seine Sünde quasi eine Art geistige Finsternis in die Welt gebracht hat. Zudem: Was ist mit dem Opfer des Unfalls, dem Querschnittgelähmten, der jahre- oder jahrzehntelang an den Rollstuhl gefesselt ist aufgrund der Sünde von Robert? Robert selbst kann diese Tat nicht mehr rückgängig machen, die schrecklichen Konsequenzen des von Robert verschuldeten Unfalls - sowohl die geistigen wie die materiellen - verbleiben daher als sogenannte zeitliche Sündenstrafen auf Robert lasten.

Und hier nun greift der Ablaß.

Derjenige, der den Ablaß betet, kann die Früchte des Ablasses dem verstorbenen Robert zuwenden, damit dessen zeitliche Sündenstrafen angemessen abgebüßt werden. Der Ablaß ist folglich ein überbordendes Geschenk der Kirche, die noch über den Tod hinaus Sorge trägt für ihre Kinder, und dies, indem sie zum einen die Gemeinschaft der Gläubigen dem Beter bewußt macht, eine Gemeinschaft, in der jeder – in Art von kommunizierenden Röhren – Verantwortung für den Nächsten trägt, und zum zweiten dort Hoffnung schenkt, wo rein menschlich gesehen keine Hoffnung in Sicht ist (denn Robert kann, wie gesagt, das Geschehene nicht ungeschehen machen).

Den Beter des Ablasses hat man sich derart vorzustellen, daß er die Früchte des Ablasses gleichsam wie einen Schatz der Kirche anheimgibt, die diesen Gnadenschatz verwaltet und austeilt. Der Beter bittet für Robert, d.h. er bittet darum, daß die Frucht des Ablasses Robert zugute kommt und auf diese Weise der Beter mitwirken darf daran, daß die zeitlichen Sündenstrafen Roberts getilgt werden und seine Zeit im Fegefeuer abgekürzt wird. In den Worten einer katholischen Dogmatik: »Die Sündenstrafen, die der Ablaß nachläßt, sind die von der göttlichen Gerechtigkeit über den Sünder verhängten Strafen, welche entweder in diesem Leben oder im Fegefeuer abgebüßt werden können.«

Wenn man es recht versteht, und das heißt, wenn man es nicht rechnerisch-kalkulatorisch versteht, nicht als eine Abrechnung, so als sei Gott eine Art göttlicher Finanzbeamter, sondern im Verständnis der Logik der göttlichen Gnadenerweise, dann wird man erkennen, daß alles (auch der Ablaß), wie Pater Pio es ausdrückte, ein Liebesspiel ist: Tutto è scherzo d‘amore.

Wer die Ablaßregelung der Kirche ignoriert, weil er sie aufgrund von Vorurteil oder Ignoranz für eine Art mittelalterlichen Mummenschanz oder Aberglauben hält, der könnte beherzigen, was der heilige Pfarrer von Ars hinsichtlich der Ablaßgewinnung sagte: »Wir gehen über die Ablässe hinweg, wie man nach der Ernte über das Stoppelfeld geht. Wie sehr werden wir das in der Sterbestunde bereuen!«

Der Allerseelenablaß: Die Bedingungen

Vom 1. bis 8. November kann täglich einmal ein vollkommener Ablaß für die Verstorbenen gewonnen werden.
Neben den üblichen Voraussetzungen (Beichte, wobei eine zur Gewinnung mehrerer vollkommener Ablässe genügt; entschlossener Abkehr von jeder Sünde; Kommunionempfang und Gebet in den Anliegen des Papstes – diese Erfordernisse können mehrere Tage vor oder nach dem Kirchen- bzw. Friedhofsbesuch erfüllt werden) sind erforderlich:
a) an Allerheiligen oder am Allerseelentag oder am Sonntag vor oder nach Allerheiligen (einschließlich des Vortages ab 12 Uhr): Besuch einer Kirche oder öffentlichen Kapelle, Vaterunser und Glaubensbekenntnis; in Hauskapellen können nur die zum Haus Gehörenden den Ablaß gewinnen;
oder
b) vom 3. bis zum 8. November: Friedhofsbesuch und Gebet für die Verstorbenen.
Fehlt die volle Disposition oder bleibt eine der Bedingungen unerfüllt, ist es ein Teilablaß für die Verstorbenen. Ein solcher kann in diesen und auch an den übrigen Tagen des Jahres durch Friedhofsbesuch wiederholt gewonnen werden.

Freitag, 26. Oktober 2018

Cis Moll


Faust, in Goethes gleichnamigem Werk, quält sich ab mit der Frage, was denn die Welt im Innersten zusammenhält. Und er scheitert an dieser Frage.

Nach zahllosen Irrungen und Verhängnissen, nach Teufelspakt und bitterem Erwachen findet Faust am Ende des zweiten Teils die erlösende Antwort: Es ist die Liebe, die – was der tragische Held schon im Hohelied des Apostels Paulus hätte nachlesen können – alles trägt und niemals aufhört: Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis; das Unzulängliche, hier wird's Ereignis; das Unbeschreibliche, hier ist's getan; das Ewig-Weibliche zieht uns hinan.

Das Schöne an diesem geheimnisvollen Fazit ist, daß diese Liebe, wenn man nur aufmerksam genug ist, sich wahrnehmen läßt in unendlichen Variationen, Melodien, Verästelungen, Tröstungen und Heiterkeiten.

Ein Beispiel.

Am Ende seines Lebens, gerade mal einunddreißigjährig, kommen Musikanten bei Schubert zusammen und spielen ihm das cis-Moll Quartett, op 131, von Beethoven vor. Es ist Schuberts eigener Wunsch, dieses späte Streichquartett Beethovens zu hören, welches Beethoven selbst ein Jahr vor seinem Tod komponierte.

Daß dieses Werk, wie die späten Streichquartette insgesamt, zu den einsam dastehenden Meisterwerken musikalischer Kunst gehört, wurde oft genug, gerade auch von Musikern, betont. Strawinsky etwa schrieb hinsichtlich dieses Quartetts: »Die am meisten zu Herzen gehende Musik ist für mich der Beginn der Andante moderato – Variation. Seine Stimmung ist mit nichts vergleichbar (…) und seine Intensität wäre, wenn sie auch nur einen Takt länger anhielte, nicht auszuhalten.«

Schubert, der zeit seines Lebens Beethoven liebevoll verehrt, der oft genug sich überkritisch zermürbt im Gedanken, ob überhaupt jemand nach Beethoven noch etwas zuwege zu bringen vermag, hört das Quartett und ist begeistert, entzückt, ergriffen.

Fünf Tage später ist Schubert tot.

Der Musikwissenschaftler Ludwig Nohl notiert: »Das cis-Moll-Quartett war die letzte Musik, die er gehört!« Und weiter: »Dem Liederkönig hatte der König der Harmonie die Hand freundlich zur Überfahrt geboten.«

Denn die Liebe hört niemals auf, und auch der Tod setzt der Liebe keine Schranken.

Freitag, 19. Oktober 2018

Die Kunst und das Heilsame

»Aber abseits wer ist’s?
Ins Gebüsch verliert sich sein Pfad,
Hinter ihm schlagen
Die Sträuche zusammen,
Das Gras steht wieder auf,
Die Öde verschlingt ihn.«
Mit diesen trüben Worten beginnt die Alt-Rhapsodie von Johannes Brahms, eine Vertonung von Ausschnitten der Goetheschen Harzreise im Winter.

Der Text und auch die Musik lassen keinen Zweifel: Hier ist das Portrait eines durch und durch Verzweifelten, eines im Leben Niedergeschlagenen, eines Schwerkranken. Die Welt, sub specie aeternitatis, als Hinweis der Herrlichkeit gedacht, wird dem Verzweifelten zur Wüste, zur Öde, zum Ort, der letztlich als unbewohnbar gilt. Aus der Fülle der Liebe, so heißt es wenig später, trinkt sich der abseitig Verlierende Menschenhaß, Balsam wird ihm zu Gift.

Die Erfahrung, die Goethe beschreibt, und die, an ihn anknüpfend, Brahms vertont, ist eine, die den Menschen heimsucht. Es mag sein, daß jemand dieser Heimsuchung in extremis ausgesetzt ist, während ein anderer nur schwache Ausläufer der Gefährdung erlebt. Aber die grundlegende Herausforderung, nämlich die der Auseinandersetzung zwischen dem Abgründigen und das heißt dem nach Unten Ziehenden und dem jedem Leben eingeschriebenen Drang zu leben und also den Blick zu heben ins Offene (Hölderlin: »Komm! Ins Offene, Freund!«), ist einem jeden Menschen aufgegeben.

Und sowohl Goethe wie auch Brahms wissen, aus eigenem biographischen Erleben, um diesen entscheidenden Kampf, und beide wissen zudem, daß der Kunst, die den Namen Kunst verdient, bei aller Durchdringung des Dunklen, letztlich aufgegeben ist, sich durchzuringen zum Hellen.

Darum beläßt es Brahms nicht bei der Düsternis der Schilderung des Wundwaiden, sondern er fragt: »Ach, wer heilet die Schmerzen?« Und die Musik des Norddeutschen geht nicht über die Verzweiflung des Getroffenen hinweg, sondern geht verständnisvoll dessen Schritte mit, um ihn jedoch schließlich der größeren Frage anheimzugeben, die den Blick des Kranken, der sich verkrampft in die ungenügende Selbstsucht, zu weiten ins einzig Notwendende: »Ist auf deinem Psalter, Vater der Liebe, ein Ton seinem Ohre vernehmlich?«.

Und dieser Ton, den gibt es. Denn Brahms läßt diesen Ton vernehmen. Im unaufdringlichen, doch um so herzergreifenderen Übergang zum trostvollen C-Dur macht der große Künstler Brahms nicht nur dem Niedergeschlagenen der Rhapsodie, sondern im Grunde jedem Niedergeschlagenen hörbar, daß es die Öffnung gibt, die Quelle, die Liebe, die Erquickung – und dies nicht irgendwo oder in einem fernen Utopia, sondern hier, mitten in der Wüste:
»Ist auf deinem Psalter,
Vater der Liebe, ein Ton
Seinem Ohre vernehmlich,
So erquicke sein Herz!
Öffne den umwölkten Blick
Über die tausend Quellen
Neben dem Durstenden
In der Wüste!«
(Der Wechsel hin zum Trost ab Minute 9.40)



Samstag, 13. Oktober 2018

Finita la musica



»Nur der Teufel kennt keine Musik.«

Hildegard von Bingen


Grafik:    Photo by Claus Grünstäudl on Unsplash

Samstag, 6. Oktober 2018

Wahrheit statt Gewohnheit



Von Marcel Proust, dem berühmten Autor der Recherche (Auf der Suche nach der verlorenen Zeit), gibt es eine kurze Skizze, in der er einen Konzertbesuch schildert. Nun wäre Proust nicht Proust, wenn nicht das Mondäne stets bei ihm mit von der Partie ist. Doch zu Prousts Begabung gehört gerade auch, daß er im Medium des Mondänen wünschelrutengängergleich plötzlich die moralische Lehre aufblitzen läßt, die alles Mondäne überschreitet.

Den ersten Teil des Konzerts hat der Erzähler verpaßt. Danach – Proust ist jetzt im Auditorium – gibt man Beethovens Fünfte Symphonie. Wie Proust das Andante und überhaupt die Wirkungen der Musik beschreibt, ist bestenfalls gefälliges Feuilleton; das muß uns hier nicht interessieren.

Doch dann notiert Proust, noch im Rausch des musikalischen Genusses, in seiner »essayistischen Erzählung« das Folgende:
»In diesem Augenblick hörte ich, wie ganz in meiner Nähe eine Dame zu einer anderen sagte: Möchten Sie ein Bonbon? Der Schmerz, den ich erlitt, war erfüllt von Mitleid, mit Mißstimmung, vor allem mit Erstaunen, daß unter so heroischen Bedingungen, da alle Interessen eines großherzigen Geistes gefesselt sind, jemand noch den gefräßigen Magen, den trägen Leib spüren konnte. Erst jetzt bemerkte ich, daß viele Zuhörer dem sanften Wiegen und dann den wollüstigen oder schrecklichen Suggestionen der Musik unzugänglich geblieben waren. Wir alle, die wir ihnen erlegen waren, kamen nur zögernd wieder zu Atem, als wir uns nach dem Konzert wieder im Freien befanden, und unsere Herzen waren für einen Augenblick freigeräumt von allem, was sie hinderte, die Wahrheit und die Schönheit zu sehen.«
Bei allem Unzulänglichen in Prousts Analyse der Kunstwirkung (z. B.: große Kunst macht den Empfangenden weder zum apathischen Erliegenden noch zum körperlosen Geistwesen) ist Prousts Fazit korrekt und kann nicht präziser formuliert werden: … und unsere Herzen waren für einen Augenblick freigeräumt von allem, was sie hinderte, die Wahrheit und die Schönheit zu sehen.

Eben das macht die Kunst. Sie zeugt vom Wahren und vom Schönen, und da das Wahre und das Schöne Transzendentalien sind und also Seinsweisen, die das Begrenzte übersteigen, eröffnen sie letzthin den Weg zur Erkenntnis des einzig und vollkommen Wahren und Schönen, zu Gott.

Und Proust, der weiß Gott kein Theologe war, doch als Künstler dem Gespür des Künstlers nachzugehen verstand, zeigt zugleich die Machinationen des Menschen vis-à-vis des Großen, vis-à-vis der großen Kunst.

Da die große Kunst das Dürftige übersteigt und gnadenhafter Vorschein der wahren Heimat ist, neigt der Mensch dazu, diesen herrschaftlichen Anspruch der Größe kleinzureden oder ins Banale herabzuziehen – in den Genuß eines Bonbons.

Und selbst diejenigen, die das Moment des Großen und den Aufschwung der Seele in echter Weise erfahren haben, sind der lauernden Gefahr der Trivialisierung nicht entzogen. Bei ihnen besteht die Gefährdung darin, daß sie – was Proust gleichfalls seziert – nach einer göttlichen Atempause schließlich doch in der Weise sich weitertreiben lassen, als sei das soeben Empfangene nicht mehr als Gischt, die im Wellengang des Tageintagaus spurenlos versinkt:
»Doch bald nahm das Leben uns wieder in seinen Griff. Wir hatten beschlossen, in den noch offenen Louvre zu gehen; Leutnant S… erinnerte sich nach wenigen Minuten, daß er Besuche zu machen hatte, mein Bruder begab sich zum Tee in der Rue Royale, wo er hoffte, Madame*** zu treffen, und die anderen gingen ihre Seele verleugnen, einige, wohin sie Lust hatten, die meisten, wohin die Gewohnheit sie trieb.«
Gewohnheit statt Wahrheit.

Da fällt einem die Weisheit eines frühen Kirchenschriftstellers ein:
»Dominus noster Christus veritatem se, non consuetudinem, cognominavit – Christus hat gesagt: Ich bin die Wahrheit, nicht: Ich bin die Gewohnheit«

Freitag, 28. September 2018

Leben oder Tod


Wer auch nur ein bisserl die sogenannten Hearings im amerikanischen Senat verfolgt, die seit Wochen die Nominierung des Juristen Brett Kavanaugh zum Richter des Obersten Gerichtshofes der Vereinigten Staaten zum Thema haben, kann wie in einem Intensivkurs lernen, welches Thema Top 1 weltweit ist – es ist das Thema Leben und Lebensschutz, mit anderen Worten die pro-life-Agenda.

Und es gibt zwei Lager, die sich gegenüberstehen, und diese beiden Lager hat Johannes Paul II. für alle Zeiten gültig benannt: Das eine Lager ist die Kultur des Lebens, das andere Lager ist die Kultur des Todes.

Die letzten Wochen der Hearings zeigen nun eines in grasser Deutlichkeit: Die Verbissenheit und – man kann es nicht anders sagen – der diabolische Furor der Anhänger der Kultur des Todes, den Tod mit welchen Mitteln auch immer zu lancieren. Und dies ist keine metaphorische oder gar blumige Rede, sondern die nackte Realität.

Was fürchten die Apologeten der Kultur des Todes? Sie fürchten, daß dann, wenn Brett Kavanaugh tatsächlich als Richter des OGH der Vereinigten Staaten bestätigt würde, diese richterliche Erstinstanz nach Jahrzehnten zum ersten Mal mit Höchstrichtern besetzt wäre, die insgesamt eine pro-life-Mehrheit bildeten. Damit aber wäre die längst überfällige Revision des infamen Roe-versus-Wade-Urteils, welches 1973 die Abtreibung in den USA straffrei stellte, in Aussicht.

Nun verdienen jedoch, und das ist kein Geheimnis, etliche Firmen durch die Inkrafttretung dieses grundumstürzenden Urteils seit anno 73 sich eine goldene Nase. Zum Beispiel: Planned Parenthood of America, die Tochterfirma des internationalen Abtreibungskonzerns International Planned Parenthood Federation, macht jedes Jahr Millionen Dollar blutigen Umsatz durch die Abtreibung, sprich die Tötung von unschuldigen ungeborenen Kindern.

Ein einfaches Rechenexempel: 2009 führte PP laut eigenen Angaben 332,278 Abtreibungen durch. Durchschnittskosten pro Abtreibung: $468 (laut Guttmacher Institut). Totaleinkommen aufgrund von Abtreibungen: $155,506,104. In Worten: 155 Millionen. Totaleinkommen der PP Einrichtungen: $404,900,000.

Und wenn es darum geht, das Tötungsgeschäft weiter rollen zu lassen, dann sind den Abtreibungsbefürworten alle Mittel recht, auch die willentliche Vernichtung eines bislang unbescholtenen Kandidaten.

Was Kavanaugh in den Hearings über sich ergehen lassen muß, ist mit einem Wort ungeheuerlich. Das Neueste: Plötzlich tritt eine sogenannte Belastungszeugin auf und beschuldigt ihn der sexuellen Übergriffigkeit, die angeblich in seiner Gymnasialzeit stattgefunden habe. Sogenannte Zeugen, die die Anklägerin angibt, wissen von nichts. Nur, seit dieser Anklage geht Kavanaugh mitsamt seiner Familie durch die sprichwörtliche Hölle. Seine beiden Töchter bekommen online Todesdrohungen, er selbst wird plötzlich ohne jede Evidenz als Täter portraitiert, die liberalen Medien fallen über ihn her, so, als stünde das Urteil seit langem fest.

Und genau so ist: Das Urteil steht schon längst fest. Kavanaugh muß weg, denn es gilt um jeden Preis, die Agenda des Todes zu prolongieren. Wohlgemerkt: Um jeden Preis. Und wenn dabei Kavanaugh und seine Familie unter die Räder kommen, dann ist dies eine quantité négligeable, nach der kein liberaler Hahn kräht.

Und um das Maß voll zu machen, hat eine Untersuchung des Media Research Center gerade eben ergeben, daß die Abtreibungsgruppierungen, die maßgeblich hinter den Attacken gegen den Nominierten Kavanaugh stehen, millionenschwer von jemandem finanziert werden, der stets seine Finger im Spiel hat, wo die Agenda des Todes zur Debatte steht. Gemeint ist der Multimilliardär George Soros. Er unterstützt mit sage und schreibe 246 Millionen den Anti-Kavanaugh-Protest.

Ein Horrorfilm könnte nicht schauriger sein. Wer Augen hat zu sehen und Ohren zu hören, kann im Herbst 2018 in aller nötigen Klarheit wahrnehmen, in welchem Kampf wir tatsächlich stehen. Lebensschützer wissen es eh. Es geht um nichts weniger als um Alles - um Leben oder Tod.

Grafik:
Photo by Michal Bar Haim on Unsplash

Freitag, 21. September 2018

Homo patiens


Ihre Bühnenpräsenz hat man gerühmt. Ihre unvergleichliche Jahrhundertstimme. Ihre darstellerische Kraft und Ausstrahlung. Ihr Gespür für kleinste Nuancen und musikalische Schattierungen.

Ja, das stimmt alles.

Aber vielleicht ist das Eindrücklichste, was Maria Callas verkörperte, das, was man gerne vergessen will: Daß der Mensch ein Leidender ist - homo patiens.

Man höre sich etwa nur die Eingangsarie der Lucia di Lammermoor an, so, wie die Callas sie singt. Die Arie gehört nicht zu den herausragenden der Opernliteratur, auch nicht zu den Bravourstücken der Lucia. Da wird man eher die berühmte Wahnsinnsarie bemühen.

Aber das macht nichts. Callas gelingt es, vom ersten Takt an, das Leiden hörbar zu machen. Und diese Gabe durchzieht ihre Diskographie. Und diese Gabe ist kein Konstrukt, über welches sich akademisch diskutieren ließe. Zu dieser Gabe gehört geradezu die granitene Einfachheit. Die Callas singt, und der Zuhörer weiß: So ist es. Das Leiden entzieht sich der Interpretation. Callas stellt das Faktum dar, das Unumstößliche. Der Mensch ist ein Leidender. Nicht weil die Callas es gerne so hätte, sondern weil es so ist.

Visconti, der Filmregisseur, der die Callas bewunderte und für sie zum Opernregisseur wurde, erzählt in einem Interview folgende bezeichnende Geschichte. Er ist in der Opernloge und hört wie hypnotisiert der Callas zu. Irgendwann registriert er, daß noch jemand in der Loge ist, und er dreht sich nach dem fremden Gast um. Es ist Elisabeth Schwarzkopf, die berühmte Sopranistin. Und Visconti sieht, wie der bekannten Sängerin die Tränen die Wangen hinunterrinnen.

Daß die Callas auf der Bühne das urmenschliche Faktum der Leidensfähigkeit des homo sapiens hörbar macht, ist ihrem künstlerischen Ethos zu verdanken. Sie wolle, so sagte sie, der Kunst dienen. Und das hieß, sie wollte der Wahrheit des Darzustellenden dienen.

Jenseits der Bühne mochte es sein, daß die Callas in der Welt des Glamours und des Jetsets und der stets extravaganteren Modecreationen sich verzweifelnd verlor. Auf der Bühne fiel dies von ihr ab. Da regierte der unbedingte Wahrheitsanspruch der Kunst. Und dieser Kunst stellte sie sich als Dienerin, nicht als Beherrscherin, zur Verfügung.

»Ein Mensch, der nicht gelitten hat, was weiß der?«, fragt ein deutscher Mystiker.

Maria Callas hat gelitten. Das ist keine Indiskretion, sondern Tatsache. Doch ist es gefährlich, als Leidende die Bühne zu betreten. Die Gefahr besteht darin, das eigene Leiden gleichsam exhibitionistisch zur Schau zu stellen. Eben dieser Klippe entgeht die Callas. Statt exhibitionistisch zu sein, ist sie existentiell. Sie singt ihr Leben, während der Zuhörer wahrnimmt, daß zugleich sein Leben in der Waagschale liegt.

Diese Woche, am 16. September, jährte sich der Todestag der Maria Callas.