Freitag, 6. Dezember 2019

Heilung nach Abtreibung

Heilung nach Abtreibung. Gibt es das?

Die Antwort ist: Ja.

In dem vorliegenden Buch berichten Frauen und Männer, die ein Rachels Weinberg® Seminar besucht haben, über ihre Erfahrungen.

Rachels Weinberg®, ein spirituelles Einkehrwochenende, welches mittlerweile (Stand 2019) in über 80 Ländern und 33 Sprachen professionelle Hilfe anbietet, ist ein Einkehrwochenende (von Freitagnachmittag bis Sonntagnachmittag), welches speziell für Menschen entwickelt wurde, die nach einer (oder mehreren) Abtreibung(en) an den Abtreibungsfolgen schwer leiden.

Folgen können etwa sein: Depressionen, Panikattacken, quälende Flashbacks, Migräneanfälle, Robotergefühl, Selbstwertverlust, Substanzenabusus (Medikamenten-, Drogen-, Alkoholabusus), suizidale Gedanken, Kommunikations- und Beziehungsstörungen, Schlafstörungen, Eßstörungen, Libidoverlust usw.

Rachels Weinberg® nimmt den Schmerz der Frauen und Männer ernst und hilft. Ein professionelles Team (Therapeut, ausgebildete Beraterinnen, Priester) begleitet durch die Einkehr. Durch Gespräche, geistliche Übungen, das Sakrament der Versöhnung, eine Gedenkfeier und eine Abschlußmesse werden die Teilnehmer von der Todeserfahrung der Abtreibung hin zur neuen Bejahung des Lebens geführt.

Eine Teilnehmerin schreibt:
»Am Ende dieser Einkehr fühlte ich Befreiung und Hoffnung! Befreiung von dem Gefühl, schrecklich wertlos und hoffnungslos zu sein. Es war unglaublich zu erleben, daß so viele andere genauso fühlten und ihren ganzen Mut zusammengenommen hatten, um zu diesem Einkehrwochenende zu kommen.«

Nähere Infos zu Rachels Weinberg® unter:
Österreich: www.rachelsweinberg.at
Deutschland: www.rachelsweinberg.de
International: www.rachelsvineyard.org

Das Buch:
    • Paperback, 120 Seiten. 9€ (A/D). 14 CHF.
    • ISBN: 978-3-9503846-4-2
    • Zu bestellen über den Buchhandel oder beim Immaculata-Verlag:    office@immaculata.at


Samstag, 30. November 2019

Advent II

Was hat Daniel in der Löwengrube mit dem Advent zu tun?

Daniel, der Prophet, der ins babylonische Exil verschleppt ist, weigert sich dort, zu einem anderen Gott als dem einzig rechtmäßigen zu beten. Daraufhin klagen ihn die eifersüchtigen Hofschranzen beim König Darius an und fordern seine Hinrichtung - er soll in die Löwengrube geworfen werden.

Der König, der Daniel zugetan ist, will ihn retten, doch er vermag sich den mörderischen Einflüsterungen seiner Entourage nicht zu widersetzen und willigt schließlich in das Todesurteil ein.

Der britische Maler Briton Rivière (1840 – 1920) stellt die biblische Szene, die im Buch Daniel 6,17ff berichtet wird, in dramatischen Gegensätzen dar. Dort die fletschenden, zum Sprung bereiten ausgehungerten Löwen, hier der aufrechtstehende, gefesselte Gefangene. Während die Raubtiere in hellgelben Farben das Bild dominieren, steht die Hauptperson Daniel, schwarz gewandet, am rechten Rand des Tableaus.

In Anlehnung an das Diktum des weisen Laotse: Wahre Worte sind nicht schön, schöne Worte sind nicht wahr, ließe sich angesichts der obigen Darstellung die Behauptung wagen: Augenscheinliches ist nicht wahr, Wahres ist nicht augenscheinlich.

Das Laute, Reißerische, Blutrünstige und brutal ins Auge Springende, die scheinbare Löwenübermacht, das, was die Szene grell beherrscht, ist in Wahrheit das Gefesselte. Der geknebelte Mann dagegen, im priesterlichen Gewand der Asche und Noblesse und Zurückgenommenheit, ist der Stille, der Freie, der tatsächliche Sieger.

Was das mit dem Advent zu tun hat?

Sagen wir es so: Der Advent will uns einüben in das andere Sehen, das tiefe Sehen, das neue Sehen, damit dann, wenn in der Verborgenheit der tiefsten Nacht – der Mitternacht – das ewige Wort vom Thron steigt, unsere Sinne derart geschult sind, daß wir den Augenschein hinter uns lassen und wahrzunehmen vermögen, wer in der Krippe liegt.

Nochmals anders gesagt: Wenn wir derart in der Nacht zu schauen lernen, dann sind wir auf dem besten Weg, Glaubende zu werden.


Freitag, 22. November 2019

Omnia ad maiorem Dei gloriam


Illusionen und Vorurteile haben es an sich, zäh zu sein.

Große Werke, so meinen wohl etliche, bedürfen zu ihrer Entstehung optimaler Bedingungen. Und dann imaginiert die Phantasie die idyllischen, angeblich notwendigen Bedingungen. Vielleicht ein netter abgelegener Ort – am besten ein Kurort, warum nicht Aflenz - , ein schmuckes Häuschen inklusive, ein schattiger Apfelbaum zum Luftholen, eine Studierstube mit den angemessenen Annehmlichkeiten und die güldene Feder zum Notieren der Inspirationen.

Die Wirklichkeit ist freilich eine andere. Eine ganz andere. (Es sei denn, man ist Thomas Mann mit seinen obligaten Villen).

Anton Bruckner zum Beispiel.

Sein Leben ist gut dokumentiert. Würde die bourgeoise Illusion recht behalten, dann dürfte dem österreichischen Komponisten nichts gelungen sein, da seine Biographie der bürgerlichen Idylle gänzlich zuwiderläuft.

Gehässigkeiten, Scheitern, Unbilden, Überlastung, Kabalen, Neid, Intrigen reihen sich in seiner Vita. Für die snobistische Wiener Schickeria, die sich notorisch für etwas Besseres hält, war der tumbe Tor aus Oberösterreich das gefundene Fressen. Anekdoten zirkulierten, die dessen ungeschlachtes Naturell karikierten. Seine Devotheit und sein bäurisches Äußeres wurden landauf landab ins Lächerliche gezogen, seine katholische Frömmigkeit mitleidig belächelt.

Der damalige tonangebende Wiener Musikkritiker ließ in der reifen Schaffensphase des Komponisten keine Gelegenheit vorübergehen, um den überragenden Tonsetzer niederzumachen. Musikkollegen, die es hätten besser wissen müssen, etwa Brahms, mokierten sich gleichfalls über das Genie, welches ein Trottel war. Die dritte Symphonie wurde ein kompletter Reinfall. Die Wiener Philharmoniker streikten. Das Publikum lief davon. Die siebte Symphonie, die Bruckner schließlich die Anerkennung verschaffte, die ihm, hätte man die Ohren aufgetan und die Häme ad acta gelegt, längst gebührte, wurde – was mehr sagt als tausend Worte - nicht in seinem Wohnort Wien uraufgeführt, sondern in Leipzig.

Selbst die nahestehenden Freunde verstanden oft genug nicht die Größe dessen, der neben ihnen im Wirtshaus saß. Darum erdreisteten sich wohlmeinende Musikanten, in die Werke des Genies hineinzupfuschen. Instrumentationen wurden willkürlich geändert, Retuschen und Streichungen vorgenommen und dem Komponisten Änderungen dringendst nahegelegt.

Wen wundert‘s, daß bei all den unverschämten Widrigkeiten, mit denen man dem Komponisten zusetzte, der Komponist selbst an Nervenkrisen, Grübeleien und der Zählkrankheit litt.

Und doch. Und doch.

Eben dieser Anton Bruckner, der Zermürbte und Gequälte und Geprügelte, schreibt die herrliche dritte Symphonie und die herrliche vierte Symphonie und die unfaßbare fünfte Symphonie und die strahlende Sechste und die himmlisch fließende Siebente und die monumentale Achte und die einsam aufragende neunte Symphonie.

Wer Bruckner entdeckt, hat einen Schatz für‘s Leben entdeckt. Eine Insel ist zum Aushalten, wenn im Koffer die Werke Bruckners dabei sind. Celibidache, einer der großen Brucknerdirigenten, meinte: »Daß es Bruckner gegeben hat, ist für mich das größte Geschenk Gottes.« Das ist naturgemäß eine Übertreibung, aber Liebhaber dürfen das.

Die letzte Ruhe fand Anton Bruckner nicht in Wien, sondern im Linzer Stift St. Florian. Dort, unterhalb der Orgel, steht sein Sarkophag. Und eingraviert in den Sockel des Sarkophags findet sich die Schlußzeile des Te Deum als Inschrift: Non confundar in aeternum (In Ewigkeit werde ich nicht zuschanden).

Da Bruckner seine letzte Symphonie nicht beenden konnte, verfügte er, daß das Te Deum gleichsam als vierter Satz im Anschluß an die Neunte, die bezeichnenderweise Dem Lieben Gott gewidmet ist, zur Aufführung zu bringen sei.

Die letzte Symphonie und das Te Deum: Während jene im pianissimo verhauchend ausklingt, jubelt dieses fortissimo in finaler Gewißheit. Beides ist Bruckner: Die grenzenlose Kleinheit und der majestätische Gipfel. Denn Bruckners Musik der Sehnsucht schafft das Unmögliche, das, was den Großen gegeben ist, und was etwa die Grabinschrift des heiligen Ignatius von Loyola zum Ausdruck bringt: Non coerceri maximo, contineri tamen a minimo divinum est (in der Übersetzung Hugo Rahners: Nicht begrenzt werden vom Größten und dennoch einbeschlossen sein vom Geringsten, das ist göttlich).


Freitag, 15. November 2019

Verbergt nicht


»Verbergt nicht Eure Feigheit unter dem Mantel der Klugheit.«

Aus dem III. Flugblatt der Weißen Rose



Grafik: Mahnmal Weiße Rose, München, wikicommons, by Adam Jones, Ph.D.

Freitag, 8. November 2019

Die konkrete Verantwortung

»Konkrete Verantwortung kann es nur geben, wenn sie zugleich von anderen Verantwortlichkeiten dispensiert (…) Wenn wir alle unsere Handlungen messen müßten an dem, was universell für alle das Beste ist, dann könnten wir überhaupt nicht handeln.«

Robert Spaemann, von dem dieses Diktum stammt, liefert in dem späten Interviewband Über Gott und die Welt zugleich ein konkretes Beispiel, um das Gemeinte zu verdeutlichen:

»Die Nationalsozialisten stellten einen Polizisten vor die sadistische Alternative, eigenhändig ein zwölfjähriges jüdisches Mädchen zu erschießen oder in Kauf zu nehmen, daß zehn andere Juden erschossen würden. Der Polizist schoß. Er glaubte, die Verantwortung zu haben für den Tod der anderen, wenn er nicht geschossen hätte. Anschließend landete er in der Psychiatrie. Nein, er hätte diese Verantwortung nicht gehabt. Er hatte in diesem Augenblick nur die Verantwortung für das Kind.«

In Shusako Endos berühmtem Roman Schweigen, 2016 von Martin Scorsese verfilmt, kommt es am Ende zu folgender Zuspitzung: Der Priester Sebastiao Rodrigues, Jesuit, ist zur Zeit der Christenverfolgung im Japan des 17. Jahrhunderts in Gefangenschaft. Mitgefangene von ihm werden grausamst gefoltert. Das Angebot, welches ihm schließlich von den Exekutoren wie von einem seiner Mitbrüder, der seit Jahren abgefallen ist, gemacht wird: Wenn er, Sebastiao, gleichfalls dem christlichen Glauben abschwört und dies derart bezeugt, daß er gotteslästerlich mit seinen Füßen auf ein Jesusbild tritt, werden seine Mitgefangenen begnadigt.

Sebastiao willigt am Ende ein und tritt auf das Jesusbild.

Mal abgesehen von den verqueren theologischen Deutungen Endos (die im übrigen von vielen seiner christlichen Landsleute vehement kritisiert wurden): Hatte Rodrigues die Verantwortung für die gefolterten Christen? - Ja. Hatte er damit die Verpflichtung, das perverse Angebot der Peiniger anzunehmen? - Nein.

Denn die konkrete erste Verpflichtung des Paters ist, der widerlichen Erpressung zu widerstehen und sich nicht umzubringen. Denn das sadistische Angebot der Folterer läuft genau darauf hinaus: Rodrigues tötet sich, um auf diese Weise das Leben der Anderen zu retten.

Dies ist keine Metapher. Im Abspann des Romans wird in knappen Sätzen der faktische Selbstmord des jungen Jesuiten registriert: Er ist nicht länger Priester, die Frau eines Verstorbenen wird ihm zugeführt, an seinem Lebensende wird er buddhistisch eingeäschert. Mit anderen Worten: Der Priester Sebastiao Rodrigues hat sich durch die Übernahme einer falschen Verantwortung und dem damit einhergehenden Verrat an seiner gottgegebenen Berufung tatsächlich ausgelöscht. Aber geistiger Selbstmord ist keine Hingabe.

Hingabe ist: Sebastiao macht den Häschern freiwillig das Angebot, stellvertretend für die Mitgefangenen in den Tod zu gehen. Sie sollen ihn in die Foltergrube hängen und die Anderen frei lassen.

Wenn die Folterer auf diese Hingabe nicht eingehen und die Mitgefangenen dennoch töten, dann ist dies ihre Entscheidung. Der Pater hat sein Äußerstes getan. Nicht er tötet, die Anderen töten. Für die perverse Logik der Folterer ist er nicht verantwortlich.

Samstag, 2. November 2019

Allerseelen 2019



Recordare Iesu pie,
Quod sum causa tuae viae:
Ne me perdas illa die.
Quaerens me, sedisti lassus:
Redemisti crucem passus:
Tantus labor non sit cassus.
Iuste iudex ultionis,
Donum fac remissionis,
Ante diem rationis.
Ingemisco, tamquam reus:
Culpa rubet vultus meus:
Supplicanti parce Deus.
Qui Mariam absolvisti,
Et latronem exaudisti,
Mihi quoque spem dedisti.
Preces meae non sunt dignae:
Sed tu bonus fac benigne,
Ne perenni cremer igne.
Inter oves locum praesta,
Et ab haedis me sequestra,
Statuens in parte dextra.

Übersetzung

Milder Jesus, wollst erwägen,
Dass Du kamest meinetwegen,
Schleudre mir nicht Fluch entgegen.
Bist mich suchend müd gegangen,
Mir zum Heil am Kreuz gehangen,
Mög dies Mühn zum Ziel gelangen.
Richter Du gerechter Rache,
Nachsicht üb in meiner Sache
Eh ich zum Gericht erwache.
Seufzend steh ich schuldbefangen,
Schamrot glühen meine Wangen,
Lass mein Bitten Gnad erlangen.
Hast vergeben einst Marien,
Hast dem Schächer dann verziehen,
Hast auch Hoffnung mir verliehen.
Wenig gilt vor Dir mein Flehen;
Doch aus Gnade lass geschehen,
Dass ich mög der Höll entgehen.
Bei den Schafen gib mir Weide,
Von der Böcke Schar mich scheide,
Stell mich auf die rechte Seite.

Sonntag, 27. Oktober 2019

Der Kopf

 
»Das gefährlichste Organ am Menschen ist der Kopf.«

Alfred Döblin
Arzt. Schriftsteller
1878 – 1957



Grafik: Photo by Good Free Photos on Unsplash

Samstag, 19. Oktober 2019

Die Tatoos

Sie sind nicht zu übersehen, die Tätowierungen. Unter den Vierzigjährigen sind mittlerweile etliche, vielleicht sogar die Mehrzahl, tätowiert. Und wenn es so viele tun, hört man auf zu fragen, warum es so viele sind. Es ist halt eine Mode, oder ein Trend, oder eine Laune. Wozu groß weiter fragen?

In einem früheren Beitrag (hier) haben wir davon geschrieben, daß ein hoher Prozentsatz der heutigen jungen Generation zu den sogenannten Abtreibungsüberlebenden gehört. D.h.: Sie leben und haben zugleich Geschwister, die nicht leben.

Wie das? Die Antwort: Weil ihre Geschwister durch Abtreibung oder Verhütung (Stichwort: Frühabtreibung) das Licht der Welt nicht erblickt haben.

Das ist freilich kein harmloser statistischer Befund, sondern für die betroffenen Überlebenden ein zutiefst verstörender. Denn was ist mehr aus der Lebensbahn werfend, als zu ahnen oder zu wissen, daß man in einer Familie aufwächst oder aufgewachsen ist, in der ein Familienmitglied getötet wurde, während man selbst zum Wunschkind stilisiert wurde und also überleben durfte?

Diese Zusammenhänge berücksichtigend, versteht man besser, warum diese Generation mehr und mehr in die virtuellen Räume flieht. Wer die Wirklichkeit, und das meint hier an allererster Stelle die Familie, als einen Ort der unberechenbaren, lebensgefährlichen Bedrohung erfährt, der wird aus diesem Schrecken verständlicherweise hinaus wollen – er flieht. Und was ist naheliegender, als in das omnipräsente Online-Angebot zu fliehen. Im Internet ist man selbst der Herr. Wenn es zu bedrohlich wird, dann kann man über den Bildschirm wischen oder einen neuen Klick setzen, und schon ist man raus aus der Gefahrenzone und mitten in einer neuen, sterilen virtuellen Welt.

Mit der Wirklichkeit geht dies allerdings nicht. Diese bleibt. Man kann sich nicht herauskatapultieren aus der eigenen Familie in eine Familie, in der alles klinisch keimfrei ist. Die Wirklichkeit ist da und bleibt da. Ein durchbohrtes Herz ist ein durchbohrtes Herz.

Was hat das mit den Tatoos zu tun? - Wir meinen sehr viel.

Was ist die nackte Wirklichkeit schlechthin? Unser Leib. Die Redensart sagt nicht umsonst: Niemand kann aus seiner eigenen Haut. Der Körper ist widerständig. Er zeigt sich uns jeden Tag. Er ist da, wie halt die Wirklichkeit da ist.

Der schwer Verletzte – und Abtreibungsüberlebende sind schwer Verletzte – wagt nun ein Äußerstes. Bereits gewohnt daran, die Wirklichkeit, die er als traumatisierend erfährt, zu manipulieren, beginnt er der gleichsam nackten Wirklichkeit wortwörtlich zu Leibe zu rücken: Seinem Körper.

Wenn es ihm gelingt, den Leib, dieses stets sichtbare Faktum, zu transformieren, dann beweist er sich damit, daß er stärker ist als die Wirklichkeit, die ihn seelisch tagein tagaus bedrängt. Ich erfinde mich neu, also bin ich. Die Haut wird neu geboren, unter Tätowierungsschmerzen, aber oft genug zeigt die neue Formung – verräterisch genug - das zugrundeliegende Movens, welches diese Häutung bestimmt, und welches nicht das Leben ist, sondern der Tod, derart, daß Totenschädel, in allen unmöglichen Variationen, zu den bevorzugten Tätowierungsmotiven avancieren.

Wer wissen will, wie die Welt ist, in der wir leben, sollte die Augen aufmachen. Die Wahrheit zeigt sich. Auch in Tätowierungen. Bei ästhetischen Kriterien sollten wir jedoch nicht stehenbleiben. Es geht um weitaus mehr. Wir sollten lernen, tiefer zu schauen. Besser zu schauen. Denn die wahren Zusammenhänge warten darauf, wahrgenommen zu werden.

Grafik: Photo by Allef Vinicius on Unsplash