Samstag, 18. Januar 2020

Der Einzelne


   Arles, Südfrankreich, 353
In der vom damaligen Kaiser Konstantius einberufenen Synode in Arles wird den versammelten Bischöfen – unter ihnen Bischof Paulinus von Trier – ein Entwurf vorgelegt, der die Verurteilung des Bischofs Athanasius verlangt. Athanasius von Alexandria ist es maßgeblich zu verdanken, daß auf dem ersten Ökumenischen Konzil zu Nicäa (325) die Irrlehre des Arius, der die Geschöpflichkeit Jesu Christi behauptet, als häretisch verurteilt wird. In der Folgezeit wird Athanasius für diese seine Rechtgläubigkeit verfolgt, verbannt, ostraziert.

Als es auf der Synode zu Arles zur finalen Abstimmung kommt – wobei der Kaiser jedem der anwesenden Bischöfe die Verbannung androht für den Fall, daß er die Position des Athanasius einnimmt – stimmen sämtliche Bischöfe für die Verurteilung des Athanasius und also gegen die Rechtgläubigkeit – bis auf einen Einzelnen: Bischof Paulinus von Trier, der sich auf die Seite des Athanasius stellt. Sein Zeugnis hat Konsequenzen: Paulinus wird nach Phrygien verbannt (heutige Türkei). Fünf Jahre später stirbt er dort, in der Verbannung. Der Gedenktag des heiligen Bischofs und Märtyrers ist der 31. August.

   London, England, 1534
Er ist geachtet, begabt, berühmt. Studium in Cambridge. Priesterweihe. Promotion. Vizekanzler, schließlich Kanzler der Universität. Professor. Glänzender Kirchenschriftsteller. Humanist. Bischof. Beichtvater der Königinmutter und der Gattin Heinrichs VIII.

Dann – er geht auf die Sechzig zu – der Abstieg. 1527 bezieht er unmißverständlich Stellung gegen die Scheidungsabsichten des Herrschers Heinrich. Jahre später weigert er sich, die katholische, gültig geschlossene Ehe des Potentaten als ungültig zu attestieren. Einen entsprechenden Eid leistet er nicht. Im selben Jahr verweigert er die Ablegung eines weiteren, vom Parlament beschlossenen Eides, nämlich des sogenannten Suprematseides, mit dem Heinrich VIII. sich von der römisch-katholischen Kirche lossagt und usurpatorisch zum Oberhaupt der neuen Kirche Englands deklariert.

Darauf folgt die Rache Heinrichs, der den standhaften Bischof einkerkern läßt. Wo sind in dieser Zeit die bischöflichen Mitbrüder?

Während seiner Haft wird Bischof Fisher von Papst Paul III. zum Kardinal ernannt. Bald nach der Ernennung stirbt er – als Hochverräter enthauptet. 1886 wird er selig-, 1935 heiliggesprochen.

   St. Radegund, Oberösterreich, 1943
Als Österreich im April 1938 darüber abstimmt, ob es dem nationalsozialistischen Reich angeschlossen sein will oder nicht, stimmen in dem kleinen oberösterreichischen Dorf St. Radegund alle mit ja – bis auf einen einzigen: Franz Jägerstätter, der mit nein abstimmt. Er ist ein einfacher Bauer, der seinen Glauben mehr und mehr ernstnimmt. Als er Jahre später, 1943, sich endgültig weigert, den Dienst an der Waffe für das kriminelle Naziregime anzutreten - eine Entscheidung, die er sich betend und in inneren Kämpfen abringt, dabei (wie R. Rohr notiert) nicht einmal von seiner Frau unterstützt, die ihm, Rohr, dies persönlich mit Tränen in den Augen erzählt habe – , da bezahlt Jägerstätter diese einsame Entscheidung mit seinem Leben.

In seinen Aufzeichnungen heißt es: »Die Nachfolge Christi fordert Heldensinn. Weichliche und unentschlossene Charaktere taugen nicht dazu.«

Und weiter: »Zwischen Christentum und Weltgeist besteht allzeit ein unversöhnlicher Gegensatz. Wer es mit der Welt nicht verderben will, wird sicher Christus untreu werden.«

Er wurde Christus nicht untreu. Er war kein weichlicher Charakter. Am 9. August wird er von den Nazis mit dem Fallbeil hingerichtet. 2007 wird Franz Jägerstätter seliggesprochen.

Drei Einzelne.

Und doch: Vereint in der Gemeinschaft der Heiligen.

Grafik: Jan und Hubert van Eyck, Anbetung des Lammes. wikicommons

Freitag, 10. Januar 2020

Eine wahre Geschichte


Pater Gereon Goldmann, Franziskanerpater, der vierzig Jahre lang in Japan missionierte, erzählt in einem Video die folgende wahre Geschichte:

Eines Tages, da er Probleme mit seinen Augen hat, wird er von einem jungen Arzt zu einer bekannten japanischen Ophthalmologin überwiesen. Diese will den Patienten, da er Ausländer ist, zunächst nicht behandeln, stimmt schließlich aber doch, da Goldmann insistiert, einer Konsultation zu.

Am Ende der Behandlung, als die Augenärztin den Patienten nach dessen Beruf fragt und erfährt, daß er Priester ist, schreckt sie zurück und hält ihm entgegen, er sei von Beruf ein Lügner. Sie will damit nicht sagen, daß er subjektiv ein Lügner sei, sondern daß alles, was die Christen sagen, objektiv gelogen sei. 17 Jahre habe sie nach der Wahrheit gesucht, sei in etliche christliche Gemeinden in Tokio gegangen, habe theologische Bücher studiert, aber keine Klarheit gefunden, nur widersprüchliche Aussagen.

Als Goldmann die Ärztin verlassen will, kommt es zu einer ergreifenden Szene. Sie bittet ihn eindringlich, indem sie ihn am Weggehen hindert: »Bitte, bitte helfen Sie mir doch. Kommen Sie bitte und erzählen Sie nochmals alles von Gott, vielleicht kann ich dann glauben.«

P. Goldmann kommt die nächsten drei Jahre jeweils Donnerstagabend (mit Ausnahme der Heiligen Woche) zu der adligen Dame und unterrichtet sie, ihren Mann, der gleichfalls Arzt ist, und die beiden Kinder.

Nach drei Jahren lautet die Antwort der Ärztin, die zudem jeden Sonntag als Katechumenin in die hl. Messe kommt, unverändert: »Das kann ich nicht glauben.«

P. Goldmann bricht daraufhin, nicht weiter wissend, die Katechesen ab, während die Ärztin nach wie vor zu den heiligen Messen kommt, allerdings nach der Messe wortlos davongeht.

Zwei Monate später steht sie plötzlich in des Paters Büro und teilt diesem mit, daß ihr Mann zu einem Kongreß in Spanien eingeladen sei. Sie begleite ihren Mann. Von dem Pater möchte sie wissen, was sie in Deutschland, welches Land sie auch bereisen wollen, anschauen solle. P. Goldmann gibt ihr die entsprechenden Adressen. Die Ärztin fährt daraufhin mit ihrem Mann nach Europa, besucht die christlichen Familien, deren Adressen der Pater ihr gab, und hat selbst sogar in Rom eine Audienz beim Papst, die Goldmann aufgrund seiner Beziehungen arrangiert hat.

Als die Augenärztin nach Japan zurückkehrt, sucht sie den Pater auf und sagt: »Die Augen meines Herzens sind geöffnet. Bitte taufen Sie mich. Ich habe die Kirche erlebt, ich kann jetzt glauben.« Und P. Goldmann tauft sie.

In einem späteren Gespräch fragt sie der Pater, was denn passiert sei, daß sie 17 Jahre gesucht habe? Was der eigentliche Grund für den Beginn ihrer Suche gewesen sei?

Ihre ganze Familie, so daraufhin sie, sei buddhistisch. Sie sei groß geworden in einem Schloß im Norden Japans. Und zu diesem Schloß gehöre, wie durchaus üblich in alten Familien, ein sogenanntes Schatzhaus, in dem die adligen Familien uralte kostbare Gegenstände verwahren.

Während ihres Studiums, als sie in den Semesterferien nachhause kommt, ist das Schatzhaus, welches normalerweise verschlossen ist, offen, da die Bediensteten zwecks Lüftung des Raumes und der Gegenstände sämtliche kostbaren Gerätschaften nach draußen gebracht haben. Wertvolle Bilder, Statuen, Gemälde, kostbare Seidengewänder sind auf die Wiese nach draußen gebracht.

Sie geht zum erstenmal in das Schatzhaus. Alles ist leer. Sie steigt die Stiege hoch – auch dort ist alles leer. In einer Ecke entdeckt sie freilich runde Ballen, in der Größe eines Fußballs. Sie nimmt einen der Ballen und will von ihrem Vater wissen, was dieser Ballen bedeute.

Der Vater nimmt das Ding, öffnet es.

Uralte Kleider von Bedienten, jahrhundertealt, kommen zum Vorschein. Auf den Kleidern sind Flecken. Was ist das? Andere Ballen werden herbeigebracht. Es sind die Gewänder von zehn Frauen und sieben Männern. In der Tasche eines der Kleidungsstücke findet der Vater einen Rosenkranz, ein Kreuz und Medaillen. »Das sind ja Christen,« ruft der konsternierte Vater aus. »Da waren ja Christen bei uns im Schloß.«

Das Rätsel klärt sich, als man schließlich in der Chronik des Schlosses nachschlägt.
                 
1641 – in der großen Christenverfolgung in Südjapan – kommen verfolgte Christen auf ihrer Flucht in den Norden Japans, wo sie sich unerkannt in besagtem Schloß als Arbeiter verdingen. Als die Verfolgung der Christen auch nach Norden eindringt, werden die 17 Christen aufgespürt und, da sie ihrem Glauben nicht abschwören, zu Tode gepeitscht – vor dem Schatzhaus. Die Asche der Toten wird weggeschüttet, die Gewänder der Toten, auf denen die Blutflecken eingraviert sind, wirft man jedoch, so der Aberglaube, nicht weg, sie werden zusammengebunden in die Ecke des Schatzhauses geworfen.

Die junge Frau wird nach dieser Entdeckung krank, ein halbes Jahr lang. Was ist das für ein Gott, will sie wissen, für den sich Menschen töten lassen? Als sie ihr Studium wieder aufnimmt, beginnt zugleich damit nun ihre religiöse Suche. Sie hat die Gewänder von Märtyrern in den Händen gehalten. Was ist das für ein Gott? Was ist das für ein Glaube?

Und es vergehen Jahre, viele Jahre, bis die Gnade sie erreicht und durchdringt und sie endlich dem Pater gesteht: »Jetzt bin ich Gottes Kind.«

Grafik: Märtyrer von Nagasaki. wikicommons

Samstag, 4. Januar 2020

Ein verborgenes Leben

Was bringt einen amerikanischen Regisseur dazu, die Geschichte eines Innviertler Bauerns namens Franz Jägerstätter zu verfilmen?

Für die Amerikaner ist, wenn von Widerständlern des Zweiten Weltkriegs die Rede ist, eventuell von Stauffenberg oder Bonhoeffer interessant. Aber Jägerstätter?

Terrence Malick, der in seinen cinematographischen Tableaus manchen als der große poetische Regisseur nicht nur Amerikas, sondern des Westens gilt, vergleichbar Andrei Tarkowski und dessen östlichen Visionen, widmet seinen neuen Film, der letztes Jahr in den Staaten herausgekommen ist, Franz Jägerstätter, dem 2007 seliggesprochenen Märtyrer.

Malick hat wenige Filme gedreht. Meist zieht er sich nach einem abgeschlossenen Projekt zurück und verschwindet für Jahre in der Versenkung. Interviews oder Kontakten mit Reportern geht er notorisch aus dem Weg. Fotos gibt es nur wenige von ihm. Und betrachtet man Filme wie Tree of Life oder The Thin Red Line, so ist es evident, daß die Frage nach Sinn und Transzendenz Malick nicht losläßt.

Jetzt Jägerstätter.

Die brennende Frage des Films: Was bedeutet es, ein Gewissen zu haben? Was heißt es überhaupt, seinem Gewissen zu folgen? Was bedeutet ganz konkret die Tatsache, daß ein geschultes Gewissen gut und böse zu unterscheiden vermag und gemäß dieser Erkenntnis aufgerufen ist, die korrekte Konsequenz zu ziehen.

»Wenn Gott uns den freien Willen gibt, sind wir verantwortlich für das, was wir tun oder nicht tun. (…) Ich habe mich dem Bösen zu widersetzen.« So Jägerstätter.

Und damit ist A Hidden Life mitten unter uns angekommen. Denn ist nicht dies die Gnade unserer Zeit? Sie stellt einen jeden vor die Entscheidung: Wo stehst du? Wo willst du stehen? Bist du ein Komplize des Bösen oder widersagst du dem Bösen, noch dann, wenn der Preis des Widersagens hoch ist?

Das graue Mitläufertum, das sich verstecken will im Mainstream, scheitert. Der Zeitgenosse 2020 muß, wie Franz Jägerstätter einst, Farbe bekennen, ganz einfach deshalb, weil das Böse nebenan ist und in seinem Wohnzimmer – in den Lügen der Medien, in der globalen Gehirnwäsche, in der ubiquitären Propaganda. Da hilft es nicht, sich mit der Floskel zu betäuben: Alles halb so schlimm, oder mit der Ausrede: Die anderen laufen mit, warum soll ich gegen den Strom schwimmen? Ein Kommentator des Films im Internet schreibt: »Wir töten immer noch unschuldige Menschen, mit der ganzen Unterstützung der Regierung dahinter - die, die keine Stimme haben, die Ungeborenen. Wo werden wir stehen? Auf der Seite Gottes und der Gerechtigkeit, egal, was es kostet? Und es wird Kosten geben.«

Jägerstätter wird zum Zeugen des unausweichlichen Anspruchs des Gewissens. Ihn selbst bedrängte dieser Anspruch, zumal seine nächste Umgebung seine Entscheidung, den Dienst an der Waffe für ein verbrecherisches Regime zu verweigern, nicht nur nicht verstand, sondern Franz unter Druck setzte, seinen Entschluß rückgängig zu machen.

In seiner Not suchte er Rat bei der kirchlichen Obrigkeit. Der Besuch beim damaligen Linzer Bischof ist belegt. Franziska, seine Frau, begleitete ihn, war aber während des Gesprächs zwischen dem Bischof und ihrem Mann nicht anwesend. Sie erinnerte sich, daß Franz, als er aus dem Zimmer des Bischofs kam, sehr traurig war: »Er sagte zu mir: Sie trauen sich selber nicht, sonst kommen‘s selber dran.«

Franz kam dran. Er wurde hingerichtet. Seine Frau Franziska erlebte in ihrem Dorf einen jahrzehntelangen Karfreitag. Franz, der Verräter. Franziska, die verschrobene, fromme Mitverräterin. Spät, sehr spät, so sie, begann das Licht des Ostermorgens aufzuscheinen.

Malick zeigt auch dies: Die Liebe der Gatten. Franz und Franziska. In dem Trailer zum Film gibt es die herrlichen ersten 40 Sekunden. You remember the day when we first met? I remember… Und da ist die Stimme Franziskas aus dem Off. Und die Geige setzt ein, und die Bilder voller Poesie sind da. Und das Glück ist da.

Freitag, 27. Dezember 2019

Das Licht III


      »Gott ist Licht und keine Finsternis ist in Ihm« 

(1 Joh 1,5)



 Grafik: El Greco, Geburt Christi. wikicommons

Mittwoch, 25. Dezember 2019

Das Licht II

Der englische Journalist Malcolm Muggeridge war einer der ersten, der mit Mutter Teresa längere Interviews führte, einen Film über sie drehte und eine Art Biographie über sie verfaßte. Eine Art Biographie - denn sie selbst lehnte es ab, in den Vordergrund gerückt zu werden. Das Werk der Missionarinnen der Nächstenliebe war schließlich Sein, Jesu, Werk. Sie, Mutter Teresa und ihre Mitschwestern, waren die Werkzeuge im Plan Gottes. Nicht die Hauptakteure.

Im Original lautet das kleine Büchlein aus der Feder Muggeridges: Something Beautiful for God  (Etwas Schönes für den Lieben Gott). Und tatsächlich ist das kleine Buch genau das geworden: Ein Zeugnis mit schönen, einfachen, herrlichen Gottesgeschichten.

So erzählt Muggeridge etwa diese wunderbare Begebenheit:

Sein Team dreht im sogenannten Sterbehaus der Schwestern. Das Gebäude, ein ehemaliger hinduistischer Tempel, ist nur schwach erleuchtet, winzige Fenster in der Höhe spenden ein spärliches Licht. Die Drehbedingungen sind also denkbar ungünstig, der Raum, wo die Sterbenden, welche von den Schwestern aus den Rinnsteinen Kalkuttas aufgelesen werden, eine letzte würdevolle Heimstatt finden, ist, so Ken, der professionelle Kameramann, fürs Filmen eigentlich unmöglich. Gleichwohl, man versucht‘s.

Um jedoch auf Nummer sicher zu gehen – falls die Aufnahmen nichts werden – dreht man auch noch im Außenhof, wo die Sonne scheint.

Die Überraschung geschieht, als der Film entwickelt wird. Muggeridge wörtlich: »Ich persönlich bin davon überzeugt, daß Ken das erste echte photographische Wunder aufgezeichnet hat.«

Was ist geschehen?

Der entwickelte Film zeigt das Sterbehaus, welches, entgegen allen Erwartungen, in einem wunderbaren milden Licht erstrahlt. »Ken«, so Muggeridge, »hat die ganze Zeit darauf bestanden, daß das Ergebnis, technisch gesehen, unmöglich sei. Als Beweis benutzte er bei einer nächsten Filmexpedition – in den Nahen Osten – das gleiche Material in ähnlich schwacher Beleuchtung, mit völlig negativem Ergebnis.«

Und der gestandene Journalist Muggeridge liefert die Erklärung des Unerklärlichen, die dem einleuchtet, der weiß, daß es mehr Dinge zwischen Himmel und Erde gibt, als es sich  Schulweisheit träumen läßt: »Mutter Teresas Heim für Sterbende fließt über von Liebe, wie man unmittelbar nach dem Betreten spürt. Diese Liebe leuchtet wie die Heiligenscheine, die Künstler rund um die Köpfe von Heiligen gesehen und sichtbar gemacht haben. Ich finde es gar nicht überraschend, daß dieses Leuchten auf einem photographischen Film erscheint.«   

Wie heißt es im Weihnachtsevangelium am Christtag: Und das Licht leuchtet in der Finsternis (Johannesprolog 1,5).

Freitag, 20. Dezember 2019

Das Licht I

Für A. de S.-M.

Eine aufgelassene Therme. Steine. Pfützen. Ausgestorbenes Gelände.

Es ist die letzte, lange Szene in Tarkowskis Film Nostalghia.

Andrei, der Schriftsteller auf der Suche nach der wahren Heimat, ist auf seinem letzten Gang. Er hat das rauhe, mit Pfützen durchsetzte Becken des Bagno Vignoni, welches der heiligen Katharina von Siena geweiht ist, zu durchqueren. Und er hat dies zu tun mit einer brennenden Kerze in der Hand.

Andrei entzündet die Kerze  und beginnt den Gang. Es ist kein leichter Gang, kein müheloses Gehen. Jeder Schritt ist eine Anstrengung, denn es gilt, den Weg zu finden und zugleich das verwundbare Licht zu schützen.

Der erste Gang scheitert. Denn das Licht in Andreis Händen erlischt.

Er geht zurück zum Beckenrand, an den Anfang, und beginnt ein zweites Mal. Diesmal kommt er weiter. Doch auch diesmal, obgleich er mit seinem Mantel das Licht zu schützen sucht, verlischt der Schein im Wind.

Wieder zurück. Wieder gehen. Ein drittes Mal. Es ist die letzte Anstrengung. Es geht um tatsächlich Alles. Es ist die Frage der Fragen: Wird es gelingen, dieses kleine Licht durch die Wüste der aufgelassenen Therme zu tragen, durch die Steine, durch die Wasserpfützen, in den rettenden Aufgang?

Mit letzter Kraft geht Andrei vorwärts. Es ist das dritte Mal. Und Andrei kommt an im Hafen der Unendlichkeit. Das Licht brennt. Andrei schafft es, die kleine Kerze mit dem kleinen Licht in Sicherheit zu bringen. Seine Hände haben nicht versagt. Seine Hände… Und eine Musik ertönt, sehr leise: Requiem...  et lux... Es sind die verhauchenden Töne des Verdischen Requiems, unter denen Andrei zusammenbricht.

Et lux perpetua.

Freitag, 6. Dezember 2019

Heilung nach Abtreibung

Heilung nach Abtreibung. Gibt es das?

Die Antwort ist: Ja.

In dem vorliegenden Buch berichten Frauen und Männer, die ein Rachels Weinberg® Seminar besucht haben, über ihre Erfahrungen.

Rachels Weinberg®, ein spirituelles Einkehrwochenende, welches mittlerweile (Stand 2019) in über 80 Ländern und 33 Sprachen professionelle Hilfe anbietet, ist ein Einkehrwochenende (von Freitagnachmittag bis Sonntagnachmittag), welches speziell für Menschen entwickelt wurde, die nach einer (oder mehreren) Abtreibung(en) an den Abtreibungsfolgen schwer leiden.

Folgen können etwa sein: Depressionen, Panikattacken, quälende Flashbacks, Migräneanfälle, Robotergefühl, Selbstwertverlust, Substanzenabusus (Medikamenten-, Drogen-, Alkoholabusus), suizidale Gedanken, Kommunikations- und Beziehungsstörungen, Schlafstörungen, Eßstörungen, Libidoverlust usw.

Rachels Weinberg® nimmt den Schmerz der Frauen und Männer ernst und hilft. Ein professionelles Team (Therapeut, ausgebildete Beraterinnen, Priester) begleitet durch die Einkehr. Durch Gespräche, geistliche Übungen, das Sakrament der Versöhnung, eine Gedenkfeier und eine Abschlußmesse werden die Teilnehmer von der Todeserfahrung der Abtreibung hin zur neuen Bejahung des Lebens geführt.

Eine Teilnehmerin schreibt:
»Am Ende dieser Einkehr fühlte ich Befreiung und Hoffnung! Befreiung von dem Gefühl, schrecklich wertlos und hoffnungslos zu sein. Es war unglaublich zu erleben, daß so viele andere genauso fühlten und ihren ganzen Mut zusammengenommen hatten, um zu diesem Einkehrwochenende zu kommen.«

Nähere Infos zu Rachels Weinberg® unter:
Österreich: www.rachelsweinberg.at
Deutschland: www.rachelsweinberg.de
International: www.rachelsvineyard.org

Das Buch:
    • Paperback, 120 Seiten. 9€ (A/D). 14 CHF.
    • ISBN: 978-3-9503846-4-2
    • Zu bestellen über den Buchhandel oder beim Immaculata-Verlag:    office@immaculata.at


Samstag, 30. November 2019

Advent II

Was hat Daniel in der Löwengrube mit dem Advent zu tun?

Daniel, der Prophet, der ins babylonische Exil verschleppt ist, weigert sich dort, zu einem anderen Gott als dem einzig rechtmäßigen zu beten. Daraufhin klagen ihn die eifersüchtigen Hofschranzen beim König Darius an und fordern seine Hinrichtung - er soll in die Löwengrube geworfen werden.

Der König, der Daniel zugetan ist, will ihn retten, doch er vermag sich den mörderischen Einflüsterungen seiner Entourage nicht zu widersetzen und willigt schließlich in das Todesurteil ein.

Der britische Maler Briton Rivière (1840 – 1920) stellt die biblische Szene, die im Buch Daniel 6,17ff berichtet wird, in dramatischen Gegensätzen dar. Dort die fletschenden, zum Sprung bereiten ausgehungerten Löwen, hier der aufrechtstehende, gefesselte Gefangene. Während die Raubtiere in hellgelben Farben das Bild dominieren, steht die Hauptperson Daniel, schwarz gewandet, am rechten Rand des Tableaus.

In Anlehnung an das Diktum des weisen Laotse: Wahre Worte sind nicht schön, schöne Worte sind nicht wahr, ließe sich angesichts der obigen Darstellung die Behauptung wagen: Augenscheinliches ist nicht wahr, Wahres ist nicht augenscheinlich.

Das Laute, Reißerische, Blutrünstige und brutal ins Auge Springende, die scheinbare Löwenübermacht, das, was die Szene grell beherrscht, ist in Wahrheit das Gefesselte. Der geknebelte Mann dagegen, im priesterlichen Gewand der Asche und Noblesse und Zurückgenommenheit, ist der Stille, der Freie, der tatsächliche Sieger.

Was das mit dem Advent zu tun hat?

Sagen wir es so: Der Advent will uns einüben in das andere Sehen, das tiefe Sehen, das neue Sehen, damit dann, wenn in der Verborgenheit der tiefsten Nacht – der Mitternacht – das ewige Wort vom Thron steigt, unsere Sinne derart geschult sind, daß wir den Augenschein hinter uns lassen und wahrzunehmen vermögen, wer in der Krippe liegt.

Nochmals anders gesagt: Wenn wir derart in der Nacht zu schauen lernen, dann sind wir auf dem besten Weg, Glaubende zu werden.