Freitag, 18. Januar 2019

Das Kreuz


«Alle Vorkommnisse unseres Lebens, was immer es sei, ohne Ausnahme, sind Liebeszeichen Gottes. Die Anfänger im Erlernen dieser Sprache glauben, nur einige Worte sagten: Ich liebe dich. Die diese Sprache kennen, wissen, daß alles nur eine einzige Bedeutung hat. Gott hat kein Wort, um Seinen Geschöpfen zu sagen: Ich hasse dich.»
Kann man das wirklich so sagen? Sind tatsächlich alle Vorkommnisse unseres Lebens Liebeszeichen Gottes?

Nehmen wir ein extremes Beispiel. Im August 1945 werden die Städte Hiroshima und Nagasaki von Atombomben zerstört. Wo sind da die Liebeszeichen Gottes, von denen Simone Weil schreibt?

Natürlich meint Weil nicht, daß Gott der Verursacher dieser Katastrophen ist, denn dann wäre Gott nicht mehr der Gott der Liebe, sondern der Gott, der die Zerstörung und den Tod will. Wenn wir also den Satz recht verstehen wollen, müssen wir tiefer schauen.

Am besten ist es, wir lassen einen Zeugen zu Wort kommen. Der Röntgenologe Dr. Takashi Nagai, der mit seiner Familie in Nagasaki lebte, hat die verheerenden Auswirkungen der Atombombe, die am 9. August 1945 auf Nagasaki fiel, erfahren. Sein Haus wird dem Erdboden gleich gemacht. Unter Schutt und Asche findet er die verkohlten Überreste seiner geliebten Frau Midori. Neben dem Knochenstaub etwas Glitzerndes – der geschmolzene, wiewohl noch erkennbare Rosenkranz Midoris. Nagai selbst, schwer verwundet, wird wenige Jahre später, nach einer längeren Zeit der Bettlägerigkeit, an der Strahlenkrankheit sterben.

Im November 1945, zur Zeit, als der erkrankte Nagai noch zu gehen vermag, lädt ihn der Bischof von Nagasaki ein, bei der Totenmesse für die Opfer der Katastrophe als Vertreter der Laien eine Ansprache zu halten. Er bereitet sich intensiv auf diese Rede vor. Und dann spricht er die folgenden, ungeheuerlichen Worte aus:

»Gibt es da nicht einen tiefgründigen Zusammenhang zwischen der Vernichtung Nagasakis und dem Ende des Krieges? War Nagasaki vielleicht das auserwählte Opfer, das Lamm ohne Makel, das als brennendes Ganzopfer auf einem Opferaltar getötet wurde und damit für die Sünden aller Nationen während des Zweiten Weltkriegs Sühne leistete? (...) Laßt uns dankbar sein, daß Nagasaki als brennendes Ganzopfer auserwählt wurde! Laßt uns dankbar sein, daß die Welt durch dieses Opfer Frieden erhalten hat und Japan die religiöse Freiheit.«

In der Wüste Nagasakis ringt sich Nagai den Blick ab, der durch die Wüste hindurch in das Herz Gottes schaut. Der christliche Gott ist der Gott des Kreuzes. Aus der schrecklichsten Katastrophe der Weltgeschichte – Golgota – macht Gott das Liebesopfer seines Sohnes, welches uns, den Sündern, Rettung bringt.

Die Atombombenasche Nagasakis ist die sichtbar gewordene Sünde der Sünder. Doch da ist ein Arzt, der diese Sünde stellvertretend und sühnend auf sich nimmt und damit an Gottes ewigem Plan der Liebe mitarbeiten will. Der, mit anderen Worten, das Kreuz umarmt und so – ohne Haß, ohne Verbitterung – Mitarbeiter Gottes wird, indem er die unverbrüchliche Liebe Gottes in die Wüste hineinträgt und bekennt: »Als ich mit Gott durch die nukleare Wüste von Urakami (dem Vorort Nagasakis, wo er wohnt) ging, hat Er mich die Tiefen Seiner Freundschaft gelehrt.«

Während Exerzitien fragte einmal der Exerzitiengeber die Exerzitanten: Was sieht die Muttergottes am Kreuz stehend?

Viele Antworten wurden gegeben. Sie sieht die Brutalität der Henker. Die Blindheit der Beteiligten. Das Blut und die Schrecken und die Qualen. Und all diese Antworten stimmten naturgemäß.

Doch der Exerzitienmeister sagte: Maria sieht die Barmherzigkeit des Vaters.

Verstehen kann man das nicht, oder nur sehr begrenzt. Denn wer würde sich anmaßen, das Kreuz verstehen zu wollen? Letztlich wird das Kreuz nicht verstanden, sondern erlitten. Und derjenige, der sich durch das Leiden hindurchführen läßt, der sich im Feuer dieses Leidens ausbrennen läßt, der irgendwann nur mehr Gott im Blick hat, der kommt schließlich kraft der Gnade dahin, in allen Vorkommnissen des Lebens die unfaßbaren Liebeszeichen Gottes zu sehen. Und dann, so geschehen beim Arzt Takashi Nagai und bei vielen anderen, wird man ein Tröstender.

Grafik: Photo by Orkhan Farmanli on Unsplash

Freitag, 11. Januar 2019

Die Freude


An Weihnachten verkündet der Engel den Hirten die Freude, und zwar die große Freude: Der Engel sagte zu ihnen: Fürchtet euch nicht, denn ich verkünde euch eine große Freude (Lk 2, 10).

Als die drei Weisen aus dem Morgenland, geführt vom Stern, in Bethlehem ankommen, da heißt es in der Heiligen Schrift, daß sie von sehr großer Freude erfüllt wurden (Mt 2,10).

Am Beginn des Neuen Testaments steht damit die Freude. Aber wie kommt man zu dieser Freude, die schließlich das gesamte Neue Testament zur Frohen Botschaft macht?

Zwei Grundvoraussetzungen für die Freude sollten wir beherzigen. Die erste lautet: Ohne die Liebe gibt es keine Freude!

Ein Beispiel: Jemand schenkt einer Hausfrau ein Kochbuch. Wenn diese Hausfrau eine Abscheu vor dem Kochen hat, dann ist dieses Geschenk eine Fehlinvestition. Liebt sie es allerdings zu kochen und mag sie es, ihren Mann und ihre Kinder zu bekochen, dann wird sie sich über dieses Geschenk freuen.

Die zweite Grundvoraussetzung für die Freude lautet: Daß ich die geliebte Sache auch besitze und damit genießen kann!

Um bei der Hausfrau zu bleiben: Was habe ich davon, gerne zu kochen, aber mir fehlen permanent die Zutaten, um gute Gerichte zu kochen?

Wer sich also freuen will, sollte dies gut bedenken: Liebe ich? Und werde ich auch besitzen, was ich liebe, oder zumindest irgendwann in den Besitz des Geliebten gelangen?

Die heiligen Drei Könige lieben, in der Tat, denn ihre Sehnsucht nach der Wahrheit ist bereits Liebe, Liebe, die sich ausstreckt, die sich sehnt und die schließlich aufbricht, als der autoritative Stern dieser Sehnsucht den Weg weist.

Wer diese liebevolle Sehnsucht der drei morgenländischen Weisen sehen will, der sollte sich mal das berühmte spätantike Mosaik in Ravenna anschauen, welches in der vorwärtsdrängenden Bewegung der drei Pilger eben die Dynamik der Liebe wunderbar in Stein faßt.

Und die drei Magier finden auch und besitzen. Zunächst haben sie freilich den weiten Weg zu absolvieren. Doch man darf getrost sein, daß sie während ihrer Pilgerreise von der Gewißheit gehalten wurden, einmal zu besitzen, beziehungsweise zumindest von der Vor-Freude bewegt wurden, einmal in den Besitz des Ersehnten zu gelangen.

Und tatsächlich besitzen sie zu guter Letzt, denn sie kommen an. Und jetzt werden sie erfüllt von der Freude, von der großen Freude.

 Grafik:  Sant’Apollinare Nuovo, Ravenna. wiki commons

Freitag, 4. Januar 2019

Little Boy


für V. H.

Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und eure Wege sind nicht Meine Wege.

Diese berühmte Stelle aus dem Propheten Jesaja (55,8) kommt einem in den Sinn, wenn man über den Film Little boy nachdenkt.

Ein kleiner Junge, der seinen Daddy über alles liebt, kann es nicht fassen, daß dieser geliebte Mensch abberufen wird, weg von der Familie, in den Krieg. Und um diesem schrecklichen Schicksalsschlag zu wehren und seinen Daddy schnellstmöglich wieder zuhause zu haben, beginnt der kleine Pepper zu beten, und dies leidenschaftlich, stürmisch, denn der Kleine nimmt sich die Weisung Jesu zu Herzen: Wenn euer Glaube auch nur so groß ist wie ein Senfkorn, dann werdet ihr zu diesem Berge sagen: Rück von hier nach dort!, und er wird wegrücken. Nichts wird euch unmöglich sein (Mt 17,20).

Wird Little boy erfolgreich sein? Wird sein Gebet die erwarteten Früchte bringen?

Der Inhalt des Films soll hier nicht weiter verraten werden. Nur soviel: Irgendwann versteht man den doppelten Boden des Films. Denn es gibt die Gedanken der Menschen, und es gibt die Gedanken Gottes. Und wie es halt so ist, wenn Menschen denken, dann denken sie zumeist sehr menschlich, und das heißt kleinlich, bisweilen furchtbar kleinlich. Eine Atombombe auf Hiroshima beendet den Krieg im Pazifik. Das legen die Menschen, wenig erleuchtet, als eine Gebetserhörung aus.

Wie anders dagegen die Logik Gottes. Eine Atombombe, dies grauenhafte Werkzeug der Zerstörung, ist nicht im Liebesplan Gottes, wohl aber Auswuchs eines depravierten menschlichen Kalküls. Der Gott der Liebe ist, weil Er der Gott der Liebe ist, der Gott der Zuwendung, der Güte, der Auferbauung. In den Worten Simone Weils (erinnern Sie sich?): «Alle Vorkommnisse unseres Lebens, was immer es sei, ohne Ausnahme, sind Liebeszeichen Gottes. Die Anfänger im Erlernen dieser Sprache glauben, nur einige Worte sagten: Ich liebe dich. Die diese Sprache kennen, wissen, daß alles nur eine einzige Bedeutung hat. Gott hat kein Wort, um Seinen Geschöpfen zu sagen: Ich hasse dich.»

Und es bedarf der wahrhaften Umkehr des Herzens, der biblischen metanoia, was ja wörtlich die Umkehrung der Gesinnung meint, um sich der Logik der Liebe zu nähern und einverstanden zu sein, in die Schule dieser Liebe zu gehen. Dann, erst dann, tritt man ein in die Welt des Gebets und dessen Erhörung. Doch davor liegen zumeist etliche Ent-Täuschungen. Die heilige Kleine Thérèse, die sich selbst den Namen Kleine Thérèse gab, sah diesbezüglich klar. Sie betete: «Mein Gott, mach, daß ich die Dinge sehe, wie sie sind, und daß nichts mir Sand in die Augen streut.»

Wird Pepper erhört?

Ja. Aber anders, als es sich menschliches Rechnen ausrechnet. «Die Liebe», so weiterhin die heilige Kirchenlehrerin Thérèse vom Kinde Jesu, «rechnet nicht.» Wie schwer fällt es freilich dem Erwachsenen, nicht nur dem Neunmalklugen, diese fehlenden Rechnungen gutzuheißen. Nicht zu zählen, sondern zu lieben. Kinder, manchmal auch erwachsene Kinder, können es.

Dienstag, 25. Dezember 2018

Das Weihnachtsmärchen


Wer über Weihnachten nachdenkt, denkt über Märchen nach. Doch während man nach der Lektüre von Märchen oft genug seufzt: Zu schön, um wahr zu sein, ist das Weihnachtsmärchen genau das: Schön und wahr.

Künstler verstehen dies. Ein Boticelli etwa, der in seiner Mystischen Geburt Christi Engel im Reigentanz zeigt, weil diesem unfaßbaren Märchen der selige Tanz entspricht, der göttliche Reigen, der das Unausdenkbare in Schönheit besingt und beschreitet und feiert und preist.

Oder ein Schubert. Ja, der Schwammerl, wie ihn seine Freunde liebevoll nannten. Bei all seinen biographisch bedingten Schwierigkeiten mit der Kirche, schwingt er sich in seiner im Todesjahr 1828 komponierten Es-Dur-Messe zum Tanz der Menschwerdung auf. Man muß sein Et incarnatus est anhören, den genialen tänzerischen, schwebend-ernsten Takt mitvollziehen, um einen Geschmack davon zu bekommen, welch‘ ein Wunder wir lobsingen, wenn wir einander wünschen: Frohe, gesegnete Weihnachten!   

Grafik: wiki commons

Montag, 24. Dezember 2018

Hodie. Heute


«Alle Vorkommnisse unseres Lebens, was immer es sei, ohne Ausnahme, sind Liebeszeichen Gottes. Die Anfänger im Erlernen dieser Sprache glauben, nur einige Worte sagten: Ich liebe dich. Die diese Sprache kennen, wissen, daß alles nur eine einzige Bedeutung hat. Gott hat kein Wort, um Seinen Geschöpfen zu sagen: Ich hasse dich.»

Simone Weil
(1909 - 1943)

Grafik: Georges de La Tour, Das Neugeborene, wiki commons

Freitag, 14. Dezember 2018

Der Augenblick


für M. T.

Behüte mich wie den Augapfel, den Stern des Auges, heißt es im Psalm 17,8. Die Vulgata, die traditionelle lateinische Übersetzung, schreibt sehr konkret: custodi me ut pupillam oculi (behüte mich wie die Pupille des Auges).

Man könnte dies für blumige, metaphorische Redeweise halten. Die Hebräer in ihrem semitischen Denkgestus übertreiben halt gerne.

Der Festtag Unserer Lieben Frau von Guadalupe, den die katholische Kirche am 12. Dezember begeht, kann einen dagegen eines Besseren belehren.

Wie bekannt sein dürfte, gehört das Gnadenbild von Guadalupe aus dem Jahre 1531 zu den sogenannten Acheiropoieta, das heißt zu den nicht von Menschenhand geschriebenen Ikonen. Die Entstehung des Bildes, sein Ursprung, seine Konsistenz, seine Bildsprache sind gänzlich mirakulös.

Nur kurz: In der vierten Erscheinung der Muttergottes, die dem getauften Indio Juan Diego auf einem Hügel nahe der heutigen Hauptstadt Mexiko gewährt wird, sagt Maria zu dem Seher, er solle auf den Gipfel des Hügels gehen und dort (es ist Winterzeit, der Boden ist steinig!) Blumen pflücken. Dies sei das Zeichen, welches dem zuständigen Bischof die Echtheit der Erscheinungen beweise.

Juan Diego tut, wie ihm aufgetragen ist. Er findet die Blumen, er pflückt sie, er sammelt sie in seinem Umhang und geht zurück zur Muttergottes. Diese ordnet die Blumenpracht und schickt ihn weiter zum Bischof.

Als man den Seher schließlich in der bischöflichen Residenz einläßt und Juan Diego vor dem Oberhirten und weiteren Versammelten steht und seinen Umhang öffnet, um die wundersamen Blumen zu zeigen, offenbart sich während des Öffnens ein weitaus größeres Wunder: Auf dem Umhang Juan Diegos entsteht, vor den Augen der Versammelten, das Bild der Muttergottes – seitdem von ungezählten Millionen von Gläubigen ehrfurchtsvoll verehrt.

Erst die Technologie der Neuzeit brachte neue Details zum Vorschein, die dem Gnadenbild weiteren Glanz verleihen.

So ergab eine Computeranalyse, in welcher die Augen der Muttergottes immens vergrößert wurden, daß in den Pupillen Unserer Lieben Frau offensichtlich exakt die Personen widergespiegelt sind, die das damalige Ereignis vor Ort erlebten.

Und damit erfährt die Bitte des biblischen Beters, der Schutz vor den Frevlern sucht und daher Gott bedrängt, Er möge ihn, den Bittenden, hineinnehmen in Seine Pupille, mit anderen Worten in Sein Eigenstes, um dort, im Blick Gottes, geborgen zu sein – diese dringliche, kraftvolle Bitte erfährt im Licht Guadalupes ihre himmlische Bestätigung.

Ja, so ist es. Gott hört auf das Flehen Seiner Kinder. Er schickt Seine Mutter, und diese Mutter ist keine distanzierte Beobachterin, sondern die Mit-Leidende und Mit-Fühlende und Mit-Erlöserin. Mein liebstes, kleinstes Söhnchen, so Maria zu Juan Diego, bin ich denn nicht hier, deine Mutter? Ja, die Mutter ist da, und als solche nimmt sie ihre Schutzbefohlenen in ihren Blick, so daß jeder Augenblick tatsächlich mütterlicher Augen-Blick ist.

Grafik: wiki commons

Freitag, 7. Dezember 2018

Die Geschenke. Und das Geschenk.


»Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann.«

So, vor bereits über vierzig Jahren, das im Nachhinein berühmt gewordene Diktum des deutschen Juristen E.-W. Böckenförde.

Wer etwa, so kann man zurecht fragen, gibt dem Staat die Regel, daß die Staatsbürger friedlich zusammenleben sollen? Woher bezieht der säkulare Staat eine solche Maxime? Aus welchen Quellen bezieht das deutsche Grundgesetz seine Norm von der Unantastbarkeit der Würde jedes Einzelnen?

Der Staat selbst, will er etwa die inhärente Unveräußerlichkeit der menschlichen Würde begründen, muß Anleihen bei außerstaatlichen Instanzen machen. Um bei diesem Beispiel zu bleiben: Die christliche Anthropologie, hier die Sicht des Menschen als imago Dei, als Ebenbild Gottes, garantiert dem Menschen eben die Würde, von der der Staat zehrt.

Man kann freilich noch viel weitergehen. Dann sieht man, daß der säkulare Staat permanent auf den Schultern des Christentums steht, ohne das Fundament zu benennen oder überhaupt noch zu kennen.

Beispiel Advent.

Der Konsument wird tagein tagaus sperrfeuergleich attackiert, damit er seine sogenannten Lieben zu Weihnachten endlich mit der neuesten technischen Errungenschaft oder dem verführerischsten Parfum beschert. Weihnachten: Das überdimensionierte Konsumharmageddon.

Wieso eigentlich?

Warum beschenken wir uns nicht im Wonnemonat Mai? Wenn  die Maiglöckchen blühen und die Walzerklänge in den Prateralleen locken und die Tage wärmer sind?

Aber nein, der Mai geht nicht. Denn wir leben halt, ob es uns nun bewußt ist oder nicht, in den christlichen Ressourcen, die wir gnadenlos verbrauchen. Und jeder Konsumartikel, glitzernd verpackt und gelangweilt entpackt, weist, vom Konsumenten unbeachtet, über sich hinaus auf das größte denkbare Geschenk überhaupt: Auf die Menschwerdung des wahren Gottes Jesus Christus.

Darum ist es nicht der Mai, sondern der Dezember. Denn der säkulare Staat verbraucht die christliche Voraussetzung, die er selbst nicht zu gewährleisten vermag.

Und selbst dann, wenn eine Zeit kommen sollte, in der in Österreich und Deutschland (um nur diese beiden Länder zu nennen) die christliche Substanz aufgebraucht und eine Revolution in Art der französischen eine neue Kalenderordnung einführen würde, so würden, wie es die Heilige Schrift nennt, die Steine aufschreien (Lk 19,40).

Und man darf ergänzen: Auch die Tiere. Im Frankreich der terreur verendeten irgendwann die Fiakerpferde an der revolutionären Zehntageswoche. Wo die Menschen verrohen, so die Moral von der Geschich', da schreien halt die Tiere und bekunden die Wahrheit der christlichen Zeitrechnung.

Denn das Geschenk, das den Erdkreis prägt, bleibt unvermindert da. Christus bleibt da. Die Krippe bleibt da. Das Kreuz bleibt da.

Grafik: Photo by freestocks.org on Unsplash



Samstag, 1. Dezember 2018

Advent


Vielleicht wissen die wenigsten, daß der Advent mit Abenteuer zu tun hat. Dazu sollte man einen Blick in die Sprachetymologie werfen. Beide Wörter – Advent und Abenteuer – entstammen derselben Wurzel. Im Altdeutschen wird Abenteuer aventiure genannt, da ist die sprachliche Verwandtschaft bereits deutlich. Und schaut man sich das Englische an, wird  die inhaltliche Nähe sogleich greifbar: advent und adventure.

Nun war das, was das Mittelalter eine ritterliche aventiure nannte, weitaus mehr als ein moderner Selbsterforschungstrip oder ein riskantes Überlebenstraining, welches man unternimmt, weil einen die faden Abläufe der bourgeoisen Zivilgesellschaft anöden.

Der Ritter, der auf Fahrt ging und auf dieser Fahrt die bedeutsamen Er-fahr-ungen machte – und dazu gehörten auch die obligaten Ge-fahren – kam, wenn seine Fahrt glückte, zu guter Letzt beim Wesentlichen an.

Parzival, der Archteyp des Auf-Fahrt-Gehenden, zeigt die Richtung. Aufbrechend ist er der tumbe Tor. Er scheitert an den grundlegenden Fragen des Lebens. Erst allmählich, durch das Bestehen schwerwiegender Gefahren, durch das Geflecht von Schuldverstrickung und Verzeihung hindurch sowie durch etliche Wendungen des Geschicks, das kein kaltes Fatum ist, sondern die gütige, leitende Vorsehung des gütigen Gottes, kommt der Aufgebrochene an das Ziel der Fahrt und die entscheidenden Fragen klären sich zum lebendigen Ganzen. Wer bin ich? Wo komme ich her? Wer ist der Nächste? Wer ist Gott?

Im Gral, dem Kelch des heiligen Abendmahls, der das Blut Christi empfing, leuchtet auf das Ganze, offenbart sich der Sinn.

Der Advent, will er recht gelebt sein, sollte demnach die echten abenteuerlichen Zusammenhänge bedenken. 24 Tage lang macht sich der Pilger im Advent auf die entscheidende aventiure ins Herz des Lichts. In diesen Wochen wird er, wie der mittelalterliche Wanderer, den Gefahren des Weges konfrontiert sein. Der modernen Tristesse, der Versuchung des Sich-Ablenken-Lassens von der dunklen Welt Klingsors, der Müdigkeit, der Verwechslung des wahren Zieles mit fadenscheinigen Surrogaten, des sich Einrichtens in gemütlichen, betäubenden Behausungen aller Art, des sich Verlierens im Interessanten und Nebensächlichen.

Wer freilich seine Sehnsucht nicht verderben läßt, wer durchhält trotz verführerischer Einladungen zum Verlassen des einzig gültigen, königlichen Weges, der kommt an. Bei der Krippe. Beim göttlichen Kind. Beim Gloria in excelsis Deo.

Danach, so viel ist sicher, ist der Abenteurer ein anderer.

Grafik: Photo by Ben White on Unsplash