Samstag, 19. August 2017

Der hl. Dominikus und der Rosenkranz


Von der streitenden Kirche, die im Lateinischen ecclesia militans bezeichnet wird, hört man heutzutage wenig.

Woran liegt‘s?

Vermutlich daran, daß man nirgends anecken will. Denn die streitende Kirche setzt voraus, daß es Lehren, Situationen, Meinungen etc. gibt, die für einen Christen unannehmbar sind und gegen die folglich kämpferisch Stellung zu beziehen ist.

Das Leben ist, und dies ist durchgängige biblische Sichtweise, kein gemütlicher Spaziergang, sondern ein Kampf. Ein geistlicher Kampf. Kampf meint freilich zuallererst Kampfansage an die eigene Bequemlichkeit, Lauheit und Feigheit, die sich gerne einrichten würden im Gehäuse der Welt, selbst auf die Gefahr hin, damit den christlichen Sendungsauftrag zu verraten, der uns als Fremdlinge in die Welt schickt, nicht als gemütlich Seßhafte.

Die Heiligen aller Zeiten haben dies bestens verstanden. Sie sind dem Kampfe nicht ausgewichen, sondern haben sich unerschrocken mitten in den Kampfplatz gestellt. So auch der Gründer des Dominkanerordens, dessen 800jähriges Gründungsjubiläum bis zum Beginn des Jahres 2018 gefeiert wird, der hl. Dominikus.

Einer seiner Biographen schreibt über die Zeit, in die der Heilige hineingeboren wurde: »Es ist die Zeit, in der die Bischöfe fast lauter stumme Hunde sind, um ein hartes Wort Papst Innozenz‘ III. aufzugreifen; es stammt aus dem Propheten Jesaja (Jes 56,10). Vielleicht aus Mangel an Wissen wagen sie nicht zu bellen! Die Kirche befand sich damals in der traurigen Zeit des schlimmen Schweigens (pessima taciturnitas)«.

Naturgemäß schweigt der hl. Dominkus nicht auf schlimme Weise. Er spricht, mit Freimut, in Wahrheit und mit Liebe. Denn es geht ihm nicht darum, den Gegner – sei es den Irrgläubigen, den im Glauben Unwissenden oder den gänzlich Fernstehenden (wie man heute sagen würde) beziehungsweise den der Kirche feindlich Gesinnten – zu zerstören, sondern ihn zu überzeugen und derart seine Seele zu retten, und dies kraft der Gnade, des echten apostolischen Lebenszeugnisses und der verantwortungsvollen Rede und Antwort.

Was nun die Gnade betrifft, so kam die Mittlerin aller Gnaden, die Jungfrau Maria, dem heiligen Dominikus wirkmächtig zu Hilfe.

Wie diese Hilfe ausschaute, ist auf unzähligen Abbildungen zu sehen: In Kirchen, Kapellen, Oratorien, Museen. Eine davon kann man im Kunsthistorischen Museum (KHM) zu Wien betrachten, auf einem berühmten Gemälde von Caravaggio.

Zu sehen ist die Madonna, die dem heiligen Dominikus, der ihr zur Linken mit offen dargebotenen Händen steht, Rosenkränze überreicht hat. Und diese Rosenkränze soll der heilige Ordensgründer weiterreichen an die vor ihm knienden Menschen, die – mit sehnsüchtiger Gebärde – sich nach eben diesen Rosenkränzen ausstrecken.

Nun ist die Übergabe der heiligen Rosenkränze in dieser heiligen Reihenfolge - aus den Händen der Muttergottes in die Hände des heiligen Dominikus in die Hände des Volkes - mehr als ein frommes Geschichterl. Denn man muß wissen, daß eben der Rosenkranz kein frommer Devotionsgegenstand unter unzähligen anderen ist, sondern vom Himmel gezielt eingesetztes Instrument der Gnade im Kampf gegen die Häresien. Und der hl. Dominikus und seine Brüder sind die Herolde im Gebet und in der Verbreitung dieses himmlischen Kampfmittels.

Der selige Papst Pius IX. drückte es folgendermaßen aus:

»Nachdem der heilige Dominikus den Predigerorden gegründet hatte, war sein Verlangen, den Irrtümern der Albigenser (einer damaligen häretischen Sekte, die von zwei gleich mächtigen schöpferischen Prinzipien, nämlich dem Guten und dem Bösen, ausging) ein Ende zu setzen. Von göttlicher Inspiration bewegt, begann er, die Hilfe der Unbefleckten Muttergottes anzurufen, der allein es gegeben ist, alle Häresien des Universums auszumerzen; und er predigte den Rosenkranz als unfehlbaren Schutz gegen Häresien und Laster«.

Papst Benedikt XVI. sprach in einer Generalaudienz aus dem Jahre 2010 davon, daß der heilige Dominikus »vor allem die Marienverehrung … seinen geistlichen Kindern als kostbares Erbe hinterließ; diese haben in der Geschichte der Kirche das große Verdienst, das Gebet des heiligen Rosenkranzes zu verbreiten (…).«

Heute, da die Häresien gleichsam überall aus dem Boden sprießen, wobei, im Unterschied zu den Zeiten eines heiligen Dominikus, diese Häresien nicht länger als Irrlehren kenntlich sind, sondern quasi als neue Heilslehren gehandelt werden und längst in der gängigen Meinung des sogenannten mainstreams, auch des kirchlichen mainstreams, angekommen sind, ist es folglich dringender denn je, dieses so wirksame geistliche Mittel des Rosenkranzes zu beherzigen, zu pflegen, zu verbreiten. 

„Kinder helft mir, die Übel der Kirche und der Gesellschaft zu bekämpfen, aber nicht mit dem Schwerte, sondern mit dem Rosenkranz!“

Diesem Aufruf des seligen Papstes Pius IX. hätte der heilige Dominikus, wie man getrost annehmen darf, ohne weiteres zugestimmt.

Grafik: https://www.khm.at/objektdb/detail/425/?offset=21&lv=list

Freitag, 11. August 2017

Der Spargel



Es gibt viele Möglichkeiten, Gott aus dem Weg zu gehen.

Vielleicht besteht eine der raffiniertesten Methoden, seinen Unglauben zu pflegen (denn es handelt sich um Unglauben und um Methode), welche selbst unter Katholiken weitverbreitet ist, darin, aus dem Lieben Gott jemanden zu machen, der zwar allmächtig sein mag und auch weise und auch meinethalben liebevoll, aber gewiß nicht Einer, der selbst die Haare auf meinem Kopf allesamt gezählt hat (Mt 10,30), wie es die Heilige Schrift ausdrückt. Mit anderen Worten: Gott mag alles mögliche sein, nur Eines ist Er nicht und darf Er auch nicht sein: konkret.

Und in der Attitüde des jovialen und  verzeihenden Bonhomme, der die Spielregeln der Welt durchschaut hat, sagt der betreffende Ungläubige dann womöglich noch: Ich versteh‘ das ja, denn der Liebe Gott hat sich um weitaus wichtigere Dinge zu kümmern als um meine Angelegenheiten.

Dieser Liebe Gott ist freilich kein Lieber Gott, sondern ein kümmerlicher und bedauernswerter.

Und um diesen Zerrbild den Garaus zu machen, könnte es hilfreich sein, mal ein klitzekleines konkretes Beispiel aus dem Leben des heiligen Johannes vom Kreuz an sich heran zu lassen.

Es ist am Ende seines Lebens, als Juan, ausgezehrt, krank, verstoßen, verbraucht bis auf die Knochen, sich auf der letzten seiner ungezählten Reisen seines Lebens befindet. Die Karmelitin Teresia Benedicta a Cruce (bürgerlich Edith Stein) berichtet über diese letzte Reise in ihrem Buch Kreuzeswissenschaft. Darin heißt es:

»Es ist ein richtiger Leidensweg. Er (Johannes vom Kreuz) hat seit mehreren Tagen nichts mehr genießen können und kann sich vor Schwäche kaum im Sattel halten. Und sein krankes Bein schmerzt, als würde es ihm abgeschnitten. Dort war ja der Sitz des Übels: Es war erst angeschwollen, dann hatten sich nacheiander fünf eiternde Wunden geöffnet. Sie gaben dem Heiligen Anlaß zu dem Gebet: ›Vielmals danke ich Dir, mein Herr Jesus Christus, daß Eure Majestät mir an diesem Fuß allein die fünf Wunden verleihen wollte, die Eure Majestät an Füßen, Händen und Seite hatte: wodurch habe ich eine so große Gnade verdient?‹
Und er klagte auch bei den denkbar größten Schmerzen nicht, sondern ertrug alles mit der größten Geduld.
Nun muß er in diesem Zustand sieben Meilen weit auf Bergwegen reiten. Es geht sehr langsam voran. Er spricht mit dem Bruder, der ihn begleitet, von Gott.
Als sie drei Meilen zurückgelegt haben, schlägt der Gefährte eine Rast am Ufer des Guadalimar vor: ›Im Schatten dieser Brücke können Hochwürden etwas ruhen; die Freude, das Wasser zu sehen, wird Ihnen Appetit auf einen Bissen machen.‹ ›Gern will ich ruhen, denn ich habe es nötig; aber essen kann ich nicht, denn von allem, was Gott geschaffen hat, habe ich auf nichts Appetit als auf Spargel, und die gibt es jetzt nicht.‹ 
Der Bruder hilft ihm absteigen und niedersitzen. Da bemerken sie auf einem Stein ein Bündel Spargel, mit einem Weidenband gebunden, wie für den Markt. Der Bruder glaubt an ein Wunder. Aber Johannes will nichts davon hören. Er läßt ihn nach dem Eigentümer suchen, und als nirgends jemand zu entdecken ist, muß er einen cuarto als Entschädigung auf den Stein legen.«

Wie bitte? Ein Bündel Spargel?

Ja, ein Bündel Spargel. Denn der Liebe Gott ist sich tatsächlich nicht zu schade, sich noch um ein Bündel Spargel für einen seiner Lieblinge zu kümmern.

Grafik: http://www.karmelocd.de/

Freitag, 4. August 2017

Ars



Manchmal (sehr selten) ist man an einem Ort und kann erleben, daß selbst die Luft anders ist.

Ich erinnere mich sehr genau, als ich zum ersten Mal in Ars war.

Alles war anders. Die Luft, der Himmel, der Weizen. Und ich mußte nicht lange überlegen, wem diese Transformation zu verdanken war. Offensichtlich war das Gebet des armen Pfarrers, wie der heilige Pfarrer von Ars sich zu nennen pflegte, weiterhin wirkmächtig genug, um selbst metereologische Änderungen als das Allerselbstverständlichste möglich zu machen.

Das ist die Macht der Heiligen. Wo ein Heiliger lebt und schafft, dort wird die gefallene Erde zurückgewonnen. Dort ersteht das Leben neu. Tatsächlich neu.

Voltaires Diktum, daß es darauf ankomme, seinen Garten zu bebauen, ein Ausspruch, der als satirische Demaskierung aller geistlichen hohen Ansprüche gedacht war, findet ausgerechnet bei den Heiligen, den Paradebeispielen hoher Tugend, seine Einlösung. Denn sie, diese mutigen, furchtlosen, unberechenbaren heiligen Männer und Frauen, haben, aus der Hingabe an die Quelle allen Lebens – Christus - , den Garten in der Tat bebaut, die Erde erneuert, und dies ohne großen Pomp und prätensiöses Gerede, stattdessen in aller Einfachheit, Stille, Beharrlichkeit und Demut.

Und das Schöne: Die Menschen, die um den Heiligen sind und die ihr Land und ihre Scholle durchaus kennen, nehmen wahr, wie das altbekannte Land sich wandelt – zum Guten hin. Gleich, ob der Heilige Pater Pio heißt oder Franziskus oder Hildegard oder halt Jean-Baptiste Marie Vianney.

Und nicht nur das. Selbst die Tiere merken auf. Auch sie, eingefügt in die in Unordnung geratene Schöpfung, nehmen instinktiv wahr, wenn die Gegenwart des heiligen Menschen da ist, der ohne Wenn und Aber allen Ernstes Tag und Nacht vom Heiligen lebt und dadurch die verlorene kosmische Ordnung wieder herstellt.
 
Ich muß diesbezüglich an ein sehr gut dokumentiertes Ereignis aus dem Leben des Curé d‘ Ars denken.
»Im Jahre 1856«, so einer der Biographen des heiligen Priesters, »war am Sonntag in der Fronleichnamsoktav eine Kutsche bis vor die Kirche vorgefahren, aus deren weitgeöffneten Türen das ausgesetzte Allerheiligste leuchtete. Die Pferde hielten plötzlich in vollem Galopp und ließen sich nicht mehr von der Stelle weitertreiben, mochte der Postillion noch so erbost auf sie einschlagen, sie blieben stehen wie die Eselin unter dem Stock des Propheten Bileam...«
 Das ist Ars.

Donnerstag, 27. Juli 2017

Die Kathedrale


Es ist bekannt, daß Marcel Proust von der Kathedrale in Chartres begeistert war.

Aber es war nicht die in Stein gefaßte tiefe Frömmigkeit einer ganzen Nation (die den Ehrentitel älteste Tochter der katholischen Kirche trägt) die den Verfasser der Recherche in Bann schlug, sondern die ästhetische Vollkommenheit der Kathedrale: Die herrlichen Glasrosetten, die Geschichte der französischen Könige, die sich im Licht der Fenster brach, die harmonische Gliederung eines vollendeten Kunstwerks.

Die sieben Bände von Auf der Suche nach der verlorenen Zeit hat darum Proust, angeregt durch Chartres, quasi als seine Kathedrale konzipiert. Die Recherche, so Prousts hoher Anspruch, soll gleichfalls ein vollendetes, hochaufragendes Kunstwerk sein, eine Kathedrale, erbaut aus Worten, Worten, Worten.

Das freilich, was die gotische Kathedrale im eigentlichen Sinn zur Kathedrale macht, nämlich das Licht von oben, oder, in der Deutung des Kunsthistorikers Sedlmayr, die Tatsache, daß die Erbauer der Kathedrale gleichsam das himmlische Jerusalem in einem Monument aus Stein und Glas und Licht wie in einem Vor-Schein auf Erden zu repräsentieren gedachten, dieses geistliche Konzept kommt in Prousts Recherche nicht vor.

Der säkularisierte Jude Proust schafft eine säkularisierte Kathedrale, das heißt ein literarisches Werk, welches überaus verbos und in technisch brillanter Architektur daherkommt, aber letztlich, um in der Sprache der Bildhauerei zu bleiben, keine Kathedrale schafft, sondern eine Pyramide.

Dies erkennt man nicht zuletzt daran, daß in dem Proustschen monumentalen Wortgebilde das fehlt, was in der Kathedrale förmlich in jeden Stein eingemeißelt ist: Das Mitleid.

Denn Chartres, erstanden in mühseligster, jahrzehntelanger Arbeit und oft genug mitfinanziert durch die Scherflein ärmster Bevölkerungsschichten, gibt den Menschen des hohen Mittelalters die leuchtende Hoffnung mit auf deren Weg. Der Mensch, so erzählen die Steine der Kathedrale, ist auf einem verschlungenen Weg. Das Labyrinth, in den Boden eingelassen, ist der Weg des Pilgers. Aber dieser Weg führt nicht in den schönen Schein, sondern in die strahlende Wahrheit der himmlischen Rose.

Gerade weil der Mensch der Hoffnung so sehr bedarf und ohne sie stirbt, erhebt sich die Kathedrale voll wahrhaftigen Mitleids als Denkmal der certissima spes, der sichersten Hoffnung auf das himmlische Jerusalem für den, der den Pilgerweg gläubig-vertrauensvoll geht.

Im Kontrast dazu sollte man, paradigmatisch für Prousts säkulare Kathedrale beziehungsweise Pyramide, die Episode am Ende des zweiten Bandes der Recherche sich zu Gemüte führen. Man braucht diese Episode nicht groß zu kommentieren. Ihre Mitleidslosigkeit wäre als Tragödie zu beklagen, wenn die Mauern, in die sie eingefaßt ist, Mauern des Mitleids wären. Aber das sind sie nicht. Wo das Licht von oben kompositorisch ausgelassen ist, da ist die Logik der Mitleidslosigkeit zwingend. Da sind rote Schuhe wichtiger als der bevorstehende Tod eines Freundes.

Hier die Geschichte.

Charles Swann, distinguierter Kunsthändler, der in Paris in den höchsten Adelskreisen des Faubourg verkehrt, wird eingeladen, im nächsten Jahr den Herzog und die Herzogin de Guermantes bei deren Reise nach Venedig zu begleiten. Swann bedauert, absagen zu müssen, und dies aus gesundheitlichen Gründen, denn es steht aufgrund seriöser ärztlicher Auskunft zu befürchten, daß er das nächste Jahr bereits tot sein wird.

Beide, Herzog wie Herzogin, dementieren diese ärztliche Prognose respektive gehen gesellschaftlich geschickt darüber hinweg. Es ist jetzt nicht die Zeit für die düsteren Todesprophezeiungen des Freundes, wohl aber dringende Zeit für gesellschaftliche Verpflichtungen. Der Herzog drängt darum seine Gattin, sich zu beeilen, denn um 20.00 Uhr werden sie bei einem Empfang erwartet, und die Herzogin hat sich dem Anlaß entsprechend noch umzukleiden.

Swann wird vom Herzog gebeten, bereits zu gehen, ansonsten würde Madame de Guermantes, sollte sie Swann nach dem Garderobenwechsel noch antreffen,  erneut Konversation betreiben und sich also beim wichtigen Soiréetermin, der keinerlei Aufschub dulde, ungebührlich verspäten.

Swann verläßt daraufhin mit dem Erzähler (Marcel) das herzogliche Palais, will allerdings draußen abwarten, bis die Kutsche des Herzogenpaars abgefahren ist.

Schließlich ist es soweit. Das herzogliche Paar erscheint zur Abfahrt. Die Herzogin sagt dem wartenden Swann ein letztes Lebewohl und versichert ihm, man habe ihn töricht in Schrecken versetzt: »Ich glaube kein Wort, von dem, was Sie sagen …« Und sie hebt ihr Kleid an, um den Fuß auf den Wagentritt zu setzen.

Da passiert’s. Ihr Mann bemerkt entsetzt, daß seine Gattin, gänzlich deplaziert, zu ihrer roten Abendgarderobe ihre schwarzen Schuhe anbehalten hat.

»Gehen Sie sofort wieder hinauf und ziehen Sie die roten Schuhe an!«

»Aber mein Lieber«, brachte die Herzogin mit sanfter Stimme vor, da es ihr peinlich war, daß Charles, der mit mir hinausgehen und erst den Wagen abfahren lassen wollte, diese Worte noch hörte, »wir sind auch schon so spät dran …«

»Nicht doch, wir haben noch gut Zeit. Es ist erst zehn vor acht, wir brauchen ja schließlich keine zehn Minuten bis zum Parc Monceau, und was wollen Sie, selbst wenn es halb neun wird, gedulden sie sich auch, Sie können doch nicht in einem roten Kleid und schwarzen Schuhen erscheinen. Im übrigen werden wir nicht die letzten sein, da sind immer diese Sassenages, die kommen nie früher als zwanzig Minuten vor neun.«


Grafik:    Von Harmonia Amanda – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=7652789; Von Ssolbergj – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=23252646

Freitag, 21. Juli 2017

Alles oder Nichts


Was geschieht in der Beichte?

Die Sünden werden vergeben. »So spreche ich dich los von deinen Sünden«, so betet der Priester, und der Pönitent kann wieder aufatmen.

Um das, was hier geschieht, tiefer zu verstehen, kann es hilfreich sein, sich das Gebet anzuschauen, welches im lateinischen Rituale der Priester vor der eigentlichen Absolution zum Pönitenten hin spricht. Da heißt es: Indulgentiam, absolutionem et remissionem peccatorum tuorum tribuat tibi omnipotens et misericors Dominus. Amen (Nachlaß, Vergebung und Verzeihung deiner Sünden schenke dir der allmächtige und barmherzige Herr. Amen).

Uns geht es hier um das dritte Wort: remissionem. Wörtlich übersetzt heißt es: Zurückschickung. Dem Beichtkind wird also, nach dem gültigen Sündenbekenntnis, versichert, daß der Herr ihm die Zurückschickung der Sünden gewährt.

Was heißt das? Wohin werden die Sünden geschickt?

Dorthin, woher sie kommen – ins Nichts. Denn die Sünde ist im Grunde nichts. Daß es sie überhaupt gibt, hängt nicht damit zusammen, daß sie ein eigenes Wesen vorzuweisen hätte. Sünde ist angewiesen auf den Sünder, und das heißt, sie wird erst überhaupt zu einem Etwas durch uns, indem nämlich wir, die Sünder, dem Nichts von unserem Leben abtreten. Anders gesagt: Indem wir dem Widersacher, der Unperson, dem toten Schatten, zu dessen usurpierenden Macht aus unserem Eigenen verhelfen.

Man kann es auch mit einem der bekannten Filmtopoi erklären: Der Vampir ist der Tote der Finsternis. Zum makabren Scheinleben des Vampirs kommt es dadurch, daß der Finstere das Blut seiner Opfer saugt. Im Vorgang des Sündigens geschieht Vergleichbares: Der Sünder tritt von seinem ureigenen Leben an das finstere Nichts ab, welches sich danach aufbläht, als sei es etwas, während es weiterhin Nichts ist, allerdings nun ein Nichts, welches unter der Maske des Seins auftritt.

In der heiligen Beichte schickt der Priester in persona Christi dieses angemaßte, aufgeblähte Nichts in sein angestammtes Nichts zurück. Will man ein weiteres Bild bemühen, so könnte man sagen: Der Schatten, der sich in der Sünde zum dominierenden Dunkel aufplustert, fällt in der heiligen Beichte, da der Priester die lichtvolle Lossprechungsformel betet, in Nichts zusammen, denn vor dem Licht Christi hat der Schatten keinen Bestand.

Im Credo, dem Glaubensbekenntnis der katholischen Kirche, jeden Sonntag feierlich gebetet, wird diese Tatsache noch einmal verbindlich bekannt. Denn auch hier heißt es: in remissionem peccatorum – ich glaube an die Vergebung der Sünden. Ich glaube, daß die Sünden kraft Gottes im Nichts verschwinden.

Nach einem spätmittelalterlichen Legendentext aus dem 15. Jahrhundert hat man die 12 Artikel des Credo jeweils einem Apostel zugeschrieben. Den Artikel der Sündenvergebung hat man dabei dem heiligen Judas Thaddäus zugeordnet, dem Patron der schwierigen und menschlich aussichtslosen Fälle.

Uns scheint diese Legendenfassung der volkstümlichen Frömmigkeit durchaus vielsagend. Denn ist es nicht so, daß der Sünder oft genug in der Versuchung steht, an seinen schweren Sünden zu verzweifeln, da er sie für nicht-verzeihbar hält, mit anderen Worten: Weil er wähnt, das Dunkel sei unaufhellbar?

Doch diesem Sünder versichert der hl. Judas Thaddäus, der die Lüge der Aussichtslosigkeit aufdeckt, die befreiende Wahrheit: Nicht die Finsternis siegt, sondern das Licht, denn in der heiligen Beichte geschieht die Zurückschickung deiner Sünden ins Nichts, auf daß das Alles triumphiert: »Siehe, Ich mache alles neu« (Offenbarung 21,5).

Grafik: Darstellung der Beichte der Sophie von Bayern bei Johannes Nepomuk in der Servitenkirche in Wien. Von Herzi Pinki - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=16738064

Freitag, 14. Juli 2017

Veni Sancte Spiritus


Was ist das Ziel des christlichen Lebens?

Was würden Sie antworten? Haben Sie sich schon mal die Frage gestellt?

In einem nachgerade berühmt gewordenen Gespräch mit einem Gutsbesitzer, den besagte Frage nicht in Ruhe ließ, sagt der heilige Seraphim von Sarov, daß das Ziel des christlichen Lebens darin bestehe, den Heiligen Geist zu erwerben.

Die gesamte Passage, aus der dieses Diktum stammt, lautet wie folgt:

»Man sagte Euch: Geh zur Kirche, bete zu Gott, erfülle die Gebote Gottes, tue Gutes - da hast du das Ziel des christlichen Lebens! Einige zürnten Euch sogar, daß Ihr von einer nicht gottwohlgefälligen Neugierde ergriffen wäret, und sagten: Suche nicht nach höheren Dingen über dir! Sie haben Euch nicht so geantwortet, wie sie es hätten tun sollen. Ich, der armselige Seraphim, will Euch auseinandersetzen, worin dieses Ziel nun wirklich besteht.

Gebet, Fasten, Wachen und alle anderen christlichen Werke mögen an und für sich noch so gut sein, aber das Ziel unseres Christenlebens ist nicht nur im Verrichten dieser Werke zu suchen, wiewohl sie unerläßliche Mittel sind, um dieses Ziel zu erreichen. Das wahre Ziel unseres christlichen Lebens besteht in dem Erwerben des Heiligen Geistes Gottes. Achtet wohl darauf, daß nur ein um Christi willen verrichtetes gutes Werk Früchte bringt. Alles aber, was nicht um Christi willen geschieht, wenn es auch gut ist, trägt uns keinen Lohn ein im künftigen Leben. So ist das, mein Gottesfreund!

So besteht denn in dem Erwerben eben dieses göttlichen Geistes das wahre Ziel unseres christlichen Lebens; Gebet aber, Wachen, Fasten, Almosen und andere um Christi willen getane gute Werke sind nur Mittel für die Erwerbung des Geistes Gottes.« 

Vielleicht ist so mancher erstaunt über diese Antwort des Heiligen, was nicht zuletzt daran liegen mag, daß der Heilige Geist im Leben etlicher Christen zumeist ein kümmerliches, wenn nicht vergessenes Dasein führt. Der Heilige Geist – wer ist das?

Laut Auskunft Jesu selbst ist die Person und die Vollmacht des Heiligen Geistes sehr deutlich benannt: Wenn aber jener kommt, so sagt der Herr, der Geist der Wahrheit, wird Er euch in die ganze Wahrheit führen (Joh 16,13).

Da haben wir‘s: Die Wahrheit. Und gar noch die ganze Wahrheit. Kann es sein, daß wir uns vor dieser ganzen Wahrheit sträuben? Etwa vor der ganzen Wahrheit unseres Lebens?

Ist es womöglich harmloser, um nicht zu sagen bequemer, ein Almosen zu verrichten, als inständig um die Gabe des Heiligen Geistes zu bitten, weil man subkutan weiß, daß es ungemütlich werden könnte, wenn unsere Bitte um den Geist tatsächlich erhört werden würde? Mit anderen Worten: Ist es uns lieber, die ganze Wahrheit nicht zu wissen, statt sie zu wissen und damit ineins aufgestört zu werden aus Gewohnheiten, die nicht die Wahrheit sind?

Die Feststellung des russichen Heiligen hat es in sich. Im Grunde geht sie Hand in Hand mit der klassischen ersten Frage des katholsichen Katechismus: »Wozu sind wir auf Erden?« und der entsprechenden Antwort: »Wir sind auf Erden, um Gott zu erkennen, Ihm in Liebe und Treue zu dienen und so zum ewigen Leben zu gelangen.«

Zum ewigen Leben jedoch gelangt man nicht im gewohnten Schlendrian. Und wenn noch so oft leichthin geträllert oder gar postuliert wird, daß alle, alle in den Himmel kommen, so gilt doch weiterhin, daß dieser Unernst in die Schranken zu weisen ist. Denn von Faschingsliedern werden wir nicht gerettet, wenn es ernst wird, wohl aber vom Heiligen Geist; denn es ist, so ein anderes Herrenwort, genau dieser Geist, der lebendig macht (Joh 6,63). Und das ewige Leben ist die Heimat eben jener, die lebendig sind und darum das ewige Leben, welches das Leben in Fülle (Joh 10,10) ist, genießen können.

»So ist das, mein Gottesfreund!«

Grafik: Roland Noé

Freitag, 7. Juli 2017

MitArbeiter

Vielen wird es ähnlich ergehen.

Ist es nicht widersprüchlich, so der Gedanke, was die Heilige Schrift einem bisweilen zumutet?

Da heißt es in der berühmten Bergpredigt: Bittet, dann wird euch gegeben; sucht, dann werdet ihr finden; klopft an, dann wird euch geöffnet (Mt 7,7).

In der Offenbarung des Johannes jedoch sagt Jesus: Ich stehe vor der Tür und klopfe an. Wer meine Stimme hört und die Tür öffnet, bei dem werde ich eintreten (3,20).

Vielleicht sagt nun ein mancher unwillig: Also was nun? Wer klopft? Klopft Jesus oder bin ich es, der da klopfen soll?

Der scheinbare Widersinn löst sich auf, wenn man das dritte Herrenwort, diesmal aus dem Johannesevangelium dazunimmt. Dort sagt Jesus im 15. Kapitel, Vers 5 wörtlich zu Seinen Jüngern: Getrennt von Mir könnt ihr nichts tun.

Diese Aussage Jesu ist offensichtlich ein Schlag in das Gesicht jeder menschlichen Überhebung. Die Einheitsübersetzung setzt an die Stelle des Verbs tun das Verb vollenden, was freilich ungenügend ist. Denn tatsächlich ist im Griechischen vom Tun die Rede und nicht von einem Vollenden. Letzteres würde dem Menschen die stolze Initiative überlassen, und der Herr könnte am Ende die vollendende Patina über unser Werk gießen.

Doch es ist anders. Wir sollen das Wirkliche lernen: Daß wir nichts ohne IHN vermögen.

Und das heißt dann in unserem Zusammenhang: Noch das Anklopfen muß uns beigebracht werden, denn noch nicht einmal das beherrschen wir. Und darum geht Jesus in Seiner unendlichen Entäußerung auch diesbezüglich selbst voran und ist der Erste, der anklopft. Wenn wir Sein Tun beherzigen, dann vermögen wir das Zweite: Selbst anzuklopfen, in der rechten Weise zu bitten.

Anders gesagt, mit einem weiteren Wort des hl. Apostels und Evangelisten Johannes, aus dessen drittem Brief. Unsere Aufgabe ist die der Mit-Arbeiterschaft. Wir sollen Mitarbeiter Gottes sein, wir sollen Mitarbeiter der Wahrheit werden: cooperatores veritatis (3 Joh 8). Wir sind nicht die Urheber, nicht die Copyrightinhaber. Wir sind lediglich die Verwalter, die Angestellten, die Mitarbeiter.

Der Stolze wird sich über diese Anordnung grämen oder hinwegsetzen. Doch wer vernünftig darüber nachdenkt, der wird ausrufen: Deo gratias! Gott sei Dank ist die Ordnung so, denn er weiß, daß er heillos überfordert wäre, wenn man ihm die Urheberschaft aufbürden würde. Und er ist überglücklich, daß er dennoch mitarbeiten darf.

Samstag, 1. Juli 2017

Gerettet


Ein 13jähriger Bursche beim Schlittschuhlaufen auf einem zugefrorenen Gewässer. Eine Winterszene, wie sie sich soundsoviele Male ereignet. Nichts Besonderes.

Doch dann geschieht folgendes: Das Eis unter den Füßen des Jungen beginnt zu brechen. Die Eisdecke gibt nach. Der Dreizehnjährige stürzt und versinkt im eiskalten Wasser. Er schreit und schreit.

Ein zweiter Bursche, Christoffer mit Namen, der Bruder des Verunglückten, kommt dem Untergehenden zu Hilfe. Es gelingt ihm tatsächlich, den Gefährdeten aus dem eiskalten Tod zu befreien. Der Gerettete kriecht ans Ufer. Kraftlos. Erschöpft.

Und jetzt geschieht das Schreckliche: Der Bruder, der Retter, bricht seinerseits ein und stürzt in die eiskalte Flut. Der gerettete Bruder am Ufer, unterkühlt, ohne Energie, ist zu schwach, ihm zu Hilfe zu kommen. Er muß tatenlos zusehen, wie sein um ein Jahr jüngerer Bruder in den Fluten untergeht.

Die Nachwelt weiß um diese Geschichte, weil der gerettete Bruder später Berühmtheit, ja schließlich Weltberühmtheit erlangt. Es handelt sich um Caspar David Friedrich, den Vorzeigemaler der romantischen Bewegung.

Das traumatische Erlebnis seiner Jugend, wen wundert’s, hat den Maler nachhaltig geprägt. Sein späterer Kampf mit der Depression ist bekannt. Von einem Selbstmordversuch in seinen jungen Mannesjahren ist die Rede. Und die Tatsache, daß immer wieder schwermütige Sujets in seinen Bildern bestimmend wirken – programmatisch in dem wüsten Gemälde mit dem Titel Das Eismeer –, sagt mehr als viele Worte.

Und dennoch wäre eine Sicht auf Friedrichs Biographie, die bei dieser düsteren Diagnose stehenbliebe, zu kurz gegriffen. Denn das eigentlich Erstaunliche ist, daß der Maler, trotz lebensbedrohlicher Traumatisierung, sich durchkämpft zum Leben. Theologisch gesprochen: Der Schrecken des Todes, den Friedrich in seiner ganzen Härte in jungen Jahren erfährt, wandelt sich unter dem letztlich unbegreiflichen Einfluß der Gnade weg von der Verzweiflung hin zum Gekreuzigten: Zum Kreuz, welches trotz erfahrener und womöglich im Inneren weiterhin drohender, berstender Eisschollen dennoch feststeht.

»Auf einem Felsen«, so der Maler, »steht aufgerichtet das Kreuz, unerschütterlich fest, wie unser Glaube an Jesum Christum. Immer grün durch alle Zeiten während stehen die Tannen ums Kreuz, gleich unserer Hoffnung auf ihn, den Gekreuzigten.«

Dies schreibt er als Kommentar zu seinem bereits damals bewunderten Tetschener Altarbild. Zu sehen ist ein steil aufragendes Kreuz, welches verklärt in den Strahlen der abendlichen Sonne die unverbrüchliche Ordnung der Welt garantiert. Keine Klage. Kein Weh erhebt sich hier. Stattdessen der ruhige, sieggewisse, stille Gesang des Gekreuzigten.

In dieser künstlerischen Überwindung von der gescheiterten jungen Hoffnung zur Hoffnung der abendlichen Höhe scheint uns mehr als nur biographische Transformation aufzustrahlen. Es dünkt uns ein tiefes Gleichnis, das uns alle betrifft.

Denn – in welcher Härte immer –: Das Kreuz ist da, in jedem Leben. Die Schläge kommen, die Wunden kommen. Doch wie gehen wir mit dem um, was uns verletzt, verstört, lebensgefährlich trifft?

Die Rebellion liegt gleichsam stets in Reichweite. Sie ist der schnelle Zorn, der sich dem Unvermeidlichen nicht beugen will. Non serviam. Aber diese Rebellion, wie jeder Aufruhr, bleibt letztlich unfruchtbar.

Die tatsächliche Aufgabe, und es ist wortwörtlich das uns Aufgegebene, besteht dagegen darin, den Schlag, der uns trifft, mit Hilfe der stets dargereichten Gnade anzunehmen, gerade dann, wenn uns das Unverständliche überwältigen will, und uns derart wandeln zu lassen in das größere Geheimnis hinein – in das Einverständnis.

Das Mittel dahin? Laut einem Herrenwort die Geduld, so jedenfalls im Lukasevangelium, Kapitel 21, Vers 19: In patientia vestra possidebitis animas vestras (wörtlich: In der Geduld werdet ihr eure Seelen besitzen, nach der Vulgata).

Und ist es nicht so: Sind die Gemälde des Caspar David Friedrich sehr oft nicht genau das: Meditationen der Geduld?

Grafik:    wiki commons