Freitag, 13. Juli 2018

Der Elefant im Raum


Ein überaus wißbegieriger und neugieriger Mann geht ins Museum. Er notiert und notiert, was ihm so alles auffällt. All die putzigen, niedlichen Dinge, die ihm gefallen. Daraufhin verläßt der Mann das Museum. Eines hat unser wißbegieriger Mann freilich nicht aufgeschrieben, es ist ihm glattwegs entgangen - daß im Museum ein Elefant war.

Die Geschichte geht zurück auf den russischen Dichter Krylov, der in einer seiner Fabeln diesen Mann schildert. Seitdem ist der »Elefant im Raum«, zumal in den angelsächsischen Ländern, sprichwörtlich geworden.

Jetzt hat eine berühmte Kanadierin eben dieses geflügelte Wort in einer höchst außergewöhnlichen Situation in den Mund genommen.

Die Rede ist von der 44jährigen Mary Wagner. International bekannt wurde Wagner durch die von ihr initiierten und mittlerweile von anderen aufgegriffenen sogenannten red-roses-Aktionen. Was das ist?

Wagner geht in Abtreibungsstätten und verteilt dort an Frauen, die im Wartezimmer auf die Abtreibung warten, rote Rosen und bittet die Frauen, ja zu ihrem Kind zu sagen und gemeinsam mit ihr den Tötungsort zu verlassen.

Dann geschieht stets das Gleiche. Mary Wagner wird von herbeigerufenen Polizisten abtransportiert und vor Gericht gestellt. Inzwischen hat Mary Wagner etliche Gefängnisstrafen abgesessen.

In ihrem letzten Prozeß, in diesem Monat Juli, wurde nun Wagner erneut zu einer Gefängnisstrafe verurteilt. Den zuständigen Richter bat sie vor der Urteilsverkündigung, nachzudenken über »den anderen Elefanten im Raum - jenes kleine, ungeborene Kind, welches laut kanadischem Recht kein menschliches Wesen ist.«

Tja, wie kommt es, daß das Alleroffensichtlichste nicht wahrgenommen wird?

Wenn man in Österreich bleibt: Wie kommt es, daß, wiewohl Abtreibung seit Jahrzehnten praktiziert wird und also Tausende und Abertausende von Österreicherinnen und Österreichern betroffen sind, das Thema »Abtreibung« weiterhin der Elefant im Raum ist?

Die eine Antwort lautet: Weil man das Schreckliche nicht wahrhaben will. Es ist wie bei kleinen Kindern. Diese machen in ihren Spielen die Augen zu, verdecken das Gesicht mit den Händen und wähnen, nicht mehr dazusein, unsichtbar zu sein.

Die Erwachsenen wählen die Tarnkappe des Verschweigens, im Wahn, der Horror sei damit verschwunden. Aber nichts ist verschwunden. Auch der Schmerz der Abtreibung verschwindet nicht dadurch, daß man das Verschwinden wünscht. Und auch Sünden – und Abtreibung ist schwere Sünde – lösen sich nicht in Luft auf, dadurch daß man sie verdrängt. Der Elefant ist weiterhin da. Die Wahrheit ist weiterhin da.

Und nicht nur das. Der Elefant, den man nicht wahrnehmen will, wird nicht kleiner, sondern größer. Und irgendwann wird er zu trampeln beginnen. In der Seele von Einzelnen wie in gesellschaftlichen Organismen. Das wird dann keinesfalls museal oder gar gemütlich sein. Und man kann nur hoffen, daß es dann Lebensretter gibt, die zur Stelle sind.

Grafik: https://unsplash.com/photos/VZILDYoqn_U/Photo by Caleb Woods on Unsplash

Freitag, 6. Juli 2018

Ach, ich fühl's


Neulich in der Oper. Parsifal.

Neben mir, wie sich herausstellt, eine begeisterte Wagnerianerin. In der Pause sprechen wir miteinander. Ich frage sie, was denn die Botschaft Wagners sei. Da sei keine Botschaft, so sie.

Etwas später kommt sie auf meine Frage zurück. Es würde nicht um Botschaft gehen, sondern um Gefühle. Wagners Musik spreche ihre Gefühle an. Sie höre die Musik und sei sogleich wieder am Wickel. Das könne man nicht erklären, das sei halt so.

Ja, so ist es wohl. Wagner spricht die Gefühle an. Und mehr noch: Wagner hitzt die Gefühle an. Man höre etwa Wotans Abschied am Ende der Walküre. Brünhilde, die Tochter, hat das väterliche Wort gebrochen. Gezwungenermaßen muß Wotan sie bestrafen. Aber zuvor wird der Abschied inszeniert.

Doch im Grunde ist es kein Abschied, sondern der Rausch des Abschieds. Die Droge des Abschieds. Die Intoxikation des Abschieds.

Es hängt mit dieser Gefühlsorgiastik zusammen, daß es die Wagnerianer gibt, jedoch keine Mozartianer. Denn Wagners rauschhafte Musik produziert den narkotisierten Fan, der schließlich nicht in die Oper geht, sondern nach Bayreuth pilgert. Tertium non datur.

Um die Differenz zu einer Musik zu erfassen, die bei aller Eindringlichkeit des Ausdrucks sich die Anästhisierung des Zuhörers nicht gestattet, höre man einen anderen Abschied – Paminas Arie Ach, ich fühl‘s.

Der Text könnte dramatischer nicht sein:

Ach, ich fühl's, es ist verschwunden,
Ewig hin der Liebe Glück!
Nimmer kommt ihr, Wonnestunden,
Meinem Herzen mehr zurück!
Sieh, Tamino, diese Tränen
Fließen, Trauter, dir allein.
Fühlst du nicht der Liebe Sehnen,
So wird Ruh im Tode sein!

Pamina besingt den herzzerreißenden Schmerz der empfundenen Trennung, des Verlusts, der Sehnsucht, der verwundeten Liebe. Auch hier das Gefühl: Ach, ich fühl‘s. Nur was macht Mozart?

Während Wagner den Hörer überwältigt, eröffnet Mozart dem Hörer den Raum der Freiheit. Da ist kein herrisches Einschließen in den Gefühlsuntergang, kein Verlust der klaren Augen. Vielmehr glückt es Mozart im tiefsten Schmerz wie in der höchsten Schönheit den Raum zu öffnen in die Transzendenz hin, denn eben dorthin, in den Raum des Unverfügbaren, verweist jede Empfindung, die mehr ist als Exzess und verführerischer Sog.

Nochmals anders gesagt: Wagner führt ins Staunen über die geniale Raffinesse der musikalischen Mittel. Das ist stupend. Mozart führt gleichfalls ins Staunen – in das Staunen des Mitleids. Pamina singt, und da ihr interesseloser Gesang es nicht auf Überwältigung abgesehen hat, vermag er die tiefen, vielleicht verschütteten Saiten in der eigenen Brust zum Erklingen zu bringen, so daß sich Zwei begegnen – Pamina und das Du des Hörers. Während im Wagnerrausch das Nirwana lockt, in dem schließlich unterschiedslos alle versinken: Wotan, Brünhilde, Isolde, der Holländer, der Zuhörer e tutte quante.

Aber genug der Worte. Ecco la musica:

Freitag, 29. Juni 2018

Die Schlüssel. Zum Leben


Auf die berühmte Frage Jesu an Seine Jünger: Ihr aber, für wen haltet ihr mich?, antwortet Simon Petrus: Du bist der Messias, der Sohn des lebendigen Gottes! (Mt 16, 15f)

Was hätten wir geantwortet? Was antworten wir? Heute?

Vermutlich hat man dieses Evangelium schon oft gehört. Und vermutlich hat man oft das wesentliche Adjektiv in der Antwort des Simon Petrus überhört: lebendig.

Hätte Simon Petrus geantwortet: Du bist der Messias, der Sohn Gottes, hätte diese Antwort auch gestimmt. Aber der erste Apostel bekennt mehr, er lobpreist: Du bist der Messias, der Sohn des lebendigen Gottes!

Der Gott, den Petrus bekennt, ist der lebendige Gott. Er ist nicht der Gott der Toten, nicht der museale Gott und auch nicht der kulturell gezähmte Gott, sondern der durch und durch lebendige Gott.

Guardini hat diesem Gott ein schlichtes Buch gewidmet, dem er den Titel gab: Vom lebendigen Gott. Guardini wußte, daß diese Kennzeichnung ins Herz der Dinge führt. Denn letztlich münden alle unsere theologischen Überlegungen in dieses Prädikat: Daß unser Gott lebendig ist.

Und wenn der Mensch sein Leben ernsthaft betrachtet, wird er feststellen, daß die fundamentale Frage, die seinem Leben eingeschrieben ist, genau diejenige ist, nämlich ob er sein Leben lebt oder nicht lebt. Die Frage nach Leben und Tod ist keine dramatisch ferne, sondern die eigentliche, die alltägliche. Manchmal kann man sie als Graffiti gesprüht an einer Häuserwand finden: Heute schon gelebt? Was sich witzig anhören mag, ist tatsächlich die Frage der Fragen.

Wie aber recht leben?

Die Bibel und mit ihr die katholische Kirche gibt die Antwort: Wer leben will, wahrhaft leben, muß sich an den halten, der DAS LEBEN ist, an Jesus Christus. Nur Ihm, der von sich selbst sagt: Ich bin das Leben (Joh 14,6), ist die Vollmacht eigen, uns zum Leben zu bringen und uns den Weg zum erfüllten Leben zu öffnen. Das heißt zugleich, daß jeder, der sich Christus anheimgibt, von Ihm über kurz oder lang in die schärfste Konfrontation gestellt wird, die da lautet: Mensch, wie hältst du es mit dem Leben?

Das ist zuvörderst keine allgemein unverbindliche Frage, sondern die existentielle: Mensch, wie hältst du es mit deinem Leben? Lebst du oder stirbst du?

Die Möglichkeiten zu sterben, sind heute raffinierter denn je, denn die Götzen sind raffinierter denn je. Wer weiß etwa nicht, daß man heutzutage locker drei Stunden im Internet verbringen kann, dabei einen interessanten Artikel nach dem anderen konsumierend, während man in Wahrheit drei virtuelle Stunden damit verbracht hat, um vor dem Leben zu fliehen?

Vielleicht war die Versuchung des Menschen, den Tod zu wählen, und das heißt den Tod in den unzähligen modernen Masken des Todes zu wählen, nie so massiv und verführerisch wie heute. In dieser kollektiven Anhänglichkeit an die Kultur des Todes (so nannte es Papst Johannes Paul II.) wundert es nicht, daß die nekrophile Sucht bisweilen monströs sichtbar wird.

So wurde etwa im vergangenen Mai bei einer Auktion im New Yorker Sotheby‘s ein neuer Rekordpreis für ein modernes Gemälde erzielt. Der Käufer, ein japanischer Geschäftsmann, legte 110,5 Millionen Dollar hin für das begehrte Objekt. Und was ist auf dem Gemälde zu sehen? - Ein Totenkopf. Der Maler des Gemäldes ist mit 27 Jahren durch eine Drogenüberdosis ums Leben gekommen.

Halten wir nach einem Bild der Kultur des Lebens Ausschau, so könnten wir uns an die Schüssel des heiligen Petrus halten.

Du bist der Messias, der Sohn des lebendigen Gottes! So die Antwort des Simon Petrus. Und aus dem Munde Jesu vernimmt der erste Apostel die Worte:

Ich werde dir die Schlüssel des Himmelreichs geben; was du auf Erden binden wirst, das wird auch im Himmel gebunden sein, und was du auf Erden lösen wirst, das wird auch im Himmel gelöst sein (Mt 16,19).

Die Schlüssel sind zum ikonographischen Symbol des Petrus‘ geworden. Schlüssel schließen, Schlüssel öffnen. Die Schlüssel des Petrus, des Stellvertreters Christi, sind Lebensschlüssel. Das läßt sich am Sakrament der Beichte, dort, wo gebunden beziehungsweise gelöst wird, bestens aufzeigen.

Sünden führen zum Tod, denn sie entfernen vom lebendigen Gott. In der Beichte werden die Sündenverstrickungen gelöst, das Tor zum Leben wird neuerlich geöffnet. Wer dagegen an seinen Sünden eigenwillig festhält, der bleibt gebunden, er verzichtet auf das lösende Wort der Absolution, er wählt die verschlossene Kultur des Todes.

Die Schlüssel des Petrus sind Schlüssel zum Leben. Wie könnte es auch anders sein, schließlich ist er der erste der Apostel, der das Geheimnis des lebendigen Gottes öffentlich bekannt hat.


Grafik: Münster, Überwasserkirche / cathédrale Notre-Dame de Paris / wikicommons


Freitag, 22. Juni 2018

Zeugen


Eigentlich ist es einfach. Das christliche Leben lernt man durch die Zeugen. Denn was macht der Zeuge? - Genau. Er zeugt. Er zeugt Nachkommen und er be-zeugt die Wahrheit. Der erste Zeuge, wie könnte es anders sein, ist Christus,  Er ist, so nennt Ihn das letzte Buch der Bibel, der treue Zeuge (Offb 1,5).

Der 2016 im Alter von 87 Jahren in den Kardinalsrang erhobene Priester Ernest Simoni ist ein Zeuge in der Nachfolge Christi. 27 Jahre verbrachte er als Gefolterter in den kommunistischen Lagern Albaniens. 27 Jahre der Erniedrigung, der Torturen, der schrecklichen Schmähungen. 

Am 21. Juni 2018 hat Ernest Kardinal Simoni im Stift Heiligenkreuz den erstmals verliehenen Thomas-Morus-Preis, gestiftet vom Alten Orden vom St. Georg, erhalten.

Da steht er nun: Ein kleiner Mann, mit unbestechlichen Augen, der zu Versöhnung und mehr Glauben und mehr Liebe aufruft. Ein kleiner Mann, der – stellvertretend für die ungezählten Toten des albanischen Unrechtsregimes – mit seiner Existenz bezeugt, daß die Liebe immer siegt. 

Und den Kardinal wahrnehmend, begreift man besser das christliche Mysterium, welches im Geheimnis der Weihnacht seinen sichtbaren Weg unter uns offenbart.

Es ist die ewige Geschichte der Geburt der Liebe unter der Verfolgung. Die Namen der Verfolger wechseln. Herodes, Hoxha. Die ewige Geschichte der Wahrheit bleibt. Und der Christ ist aufgerufen, sich hineinnehmen zu lassen in die Geschichte des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe. Gewiß zu sein, daß das Kreuz nur ein anderer Name für Ewigkeit ist. Daß der Glaube in der Liebe wirksam ist und daß die Liebe stets stärker ist. In den Worten des heiligen Apostels und Evangelisten Johannes: Und das ist der Sieg, der die Welt besiegt hat: unser Glaube (1 Joh 5,4).

Und man versteht auch dies: Der Christ braucht keine Angst zu haben. Denn wer auf der Seite Christi steht, steht auf der Seite des Siegers, noch dann, wenn die Herrscher den Christen in die Abwasserkloaken verbannen – so geschehen bei dem Priester Simoni, der, nach etlichen Jahren der Folterung und Inhaftierung, schließlich in den unterirdischen Kloaken arbeiten muß, weil das Regime derart wähnt, den Priester, der von seiner Seelsorge nicht abläßt, endlich zu zerbrechen.

Ein kleiner Mann. Ein kleiner Mann, der den christlichen Preis bezahlt hat. Der seine Feinde nie gehaßt hat. Der evangeliumsgemäß sagt: Es wird dem Knecht nicht anders ergehen als dem Meister. Aber der weiß, daß das Weizenkorn, wenn es stirbt, reiche Frucht bringt.

Die Zeugen sind nicht tot, sie leben mitten unter uns. Sie sind diejenigen, die sich, unter Schmerzen und Schreien, wie es bei Geburten ist, vom Gott der Liebe gebären lassen in die Welt hinein, damit die Welt erkennt, wer Gott ist und wer der Mensch. Sie gehören zu denjenigen, die – wie damals, zu Bethlehem – als Hirten zur Krippe gehen und in dem schwachen Kind die verborgene, verrückte, allmächtige Liebe Gottes zum Menschen wahrnehmen und die an diese Macht der Liebe glauben. Die dem Licht der Weihnacht vertrauen, welches bekanntlich in der Finsternis leuchtet.

Und die das Licht nicht für sich behalten, sondern, da Zeugen ein Tu-Wort ist, es weiterreichen.

An uns.

Foto:
S.E. Ernest Kardinal Simoni mit dem Apostolischen Nuntius in Österreich, S.E. Dr. Peter Stephan Zurbriggen. © Alter Orden vom St. Georg

Freitag, 15. Juni 2018

Heimat


»(…) das allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war: Heimat«.

So das oft zitierte Finale von Blochs Werk »Das Prinzip Hoffnung«. Dieses Ende mag sich rhetorisch geschmeidig anhören; aber es ist dennoch ein Mißklang. Denn in den Ohren des Marxisten Bloch mag das Diktum zwar stimmen, für einen Christen ist es schlicht und ergreifend falsch.

Denn der Mensch, so die christliche Anthropologie, kommt aus der Heimat und geht, wenn er sein Leben recht anschaut, auf die endgültige Heimat hin. Der Mensch ist kein Streuner im Universum, seine Aufgabe ist nicht die prometheische Selbstkonstruktion, auch nicht das Erschaffen von Heimat.

Der Mensch ist vielmehr aufgerufen, seiner in ihn eingeschriebenen Sehnsucht zuzuhören und in der Erinnerung des Zuhörens sich bewußt zu werden, daß er sich dem Größeren verdankt, dem Schöpfer, Demjenigen, bei Dem jede Heimat gegründet ist. Der Apostel Paulus kann daher von der Zuversicht schreiben, daheim beim Herrn zu sein (2 Kor 5,8), weil er weiß, wo die wahre Heimat zu finden ist, und das Ziel jeder Heimatsuche kennt: Unsere wahre Heimat ist im Himmel (Phil 3,20).

Wie sehr die Sehnsucht nach Heimat und das intuitive Wissen um die verborgene Präsenz der Urerinnerung im Menschen lebt und letztlich unauslöschlich ist, wird bisweilen selbst in Filmen akut, deren Inhalt auf den ersten Blick wenig bis nichts mit Heimat zu tun hat. So etwa in dem Science-Fiction-Film Der Hüter der Erinnerung (Originaltitel: The Giver) aus dem Jahre 2014.

Geschildert wird die dystopische neue Welt der Zukunft. Menschen werden in dieser Welt normiert zu Drohnen im Einheitsstaat. Die Fiktion lautet, daß erst die Ausschaltung jeder Individualität die negativen menschlichen Reaktionen wie Neid, Eifersucht, Aggression etc. liquidiert. Der Preis der Gleichmacherei ist der Verlust der Erinnerungen und der Emotionen, der durch eine entsprechende morgendliche Injektion besorgt wird. Der Mensch, ab sofort perfekt demokratisiert, ist auswechselbar. Bezeichnenderweise werden die Familienstrukturen aufgelöst, Kinder werden per Leihmütter ausgetragen, Babies, die dem normierten Maß nicht entsprechen, werden ohne jede emotionale Beteiligung getötet.

Die prekäre Stelle im System bildet der sogenannte Hüter der Erinnerung. Ihm, der am Rande der Gesellschaft in Isolation lebt, ist vorbehalten, die menschlichen Erinnerungen zu speichern, um in Notfällen der brave new world aufgrund seiner Erinnerungskapazitäten beizustehen und Ratschläge zu erteilen.

Besagter Hüter bildet im Film einen jungen Adepten aus, der die Nachfolge des altgewordenen Hüters antreten soll.

Prekär wird diese Konstruktion dann, wenn der Hüter und sein Schüler ihre Kompetenz nutzen – nicht, um das System zu stabilisieren, sondern um den diktatorischen Gesellschaftsapparat zu stürzen. Eben diese humane Revolte schildert der Film.

Daß es im Grunde um die Suche und die Sehnsucht nach echter, gültiger Heimat geht, zeigen die letzten Sequenzen.

Der Neophyt hat eines der Babies, die getötet werden sollen, aus der staatlichen Klinik gekidnappt und befindet sich auf der Flucht in die rettende Zone jenseits der Staatsgrenzen. Dort, so die Verheißung, liegt das unterdrückte Land der Erinnerung. Und gelingt es jemandem, dorthin aufzubrechen, gegen alle Verfolgungen und Widerstände hindurch, ist das Reich der Erinnerung wieder etabliert.

Jonas, so der Name des jungen Protagonisten, schafft die Flucht und schafft die Überquerung der Grenze. Und dann kommt das letzte Bild und die letzte Einstellung.

Im Schnee, das gerettete Kind im Arm, nähert sich Jonas in der neuentdeckten Wildnis einem alleinstehenden, erleuchteten Haus. Sehr von ferne, wie Klänge aus nahezu verschollener Zeit und gleichwohl sehr real, ist ein Gesang zu vernehmen. Es ist der Gesang, der sehr still ist und in seiner Stille offenbarend, der Gesang, der seit je zum Herzen spricht, das heimatliche Lied des cor ad cor: Stille Nacht, heilige Nacht...



Donnerstag, 7. Juni 2018

An alle Haustierbesitzer


»Es ist nur verständlich, daß die Wölfe die Abrüstung der Schafe verlangen, denn deren Wolle setzt dem Biß einen gewissen Widerstand entgegen.«

Gilbert Keith Chesterton


Grafik: Photo by Hetty Stellingwerf on Unsplash

Samstag, 2. Juni 2018

An alle Brillenträger


»Die Geheimnisse des Glaubens sind wie die Sonne: Hineinschauen kann man nicht, aber in ihrem Licht sehen wir alles andere.«

Gilbert Keith Chesterton


Grafik: Photo by Louis Moncouyoux on Unsplash

Donnerstag, 24. Mai 2018

Die Seifenblasen


Wenn man jedes Jahr über 300.000 Abtreibungen und also über 300.000 Kindstötungen allein in Amerika zu verantworten hat, dann weiß auch die (ehemalige) Chefin des weltweit größten Abtreibungskonzerns Planned Parenthood, daß diese Statistik bei etlichen Amerikanern nicht so gut ankommt. Was tun?

Der Trick ist einfach. Man manipuliert die Sprache. Nicht nur, daß Abtreibung als Gesundheitsservice (»health service«) dargestellt wird. Es kommt noch besser: Eigentlich verdient der Abtreibungskonzern, so das immer wiederkehrende Mantra, ja nicht an Abtreibungen, sondern vielmehr an den anderen Basisleistungen für Frauen – etwa den Mammographien.

Und dieses wohlfeile Mantra wiederholen sodann die Anhänger des Konzerns, zumal die VIP‘s, zum Beispiel der einstige US-Präsident Obama, der seit Bill Clinton zu den vehementesten Befürworten der Abtreibungsagenda zählte und eingeschworener Intimus der Abtreibungschefin war.

Das Dumme ist nur, daß es die Recherchen der Lebensschützer gibt, die die Seifenblasen der Abtreibungsindustrie zum Platzen bringen. Was die Welt der Abtreibungsindustrie zusammenhält, ist nämlich das Immerselbe: Das falsche Spiel, das tödliche Neusprech. Die Mimikry und der Mammon.

Wer dies für eine böswillige Unterstellung hält, sollte sich das folgende Kurzvideo anschauen. Ms. Richards, die heuer zurückgetretene Chefin des Abtreibungskonzerns, muß 2015 – nach publik gewordenen Skandalen in ihren Abtreibungsstätten – ein peinliches Verhör im Kongreß über sich ergehen lassen. Dabei gesteht sie ein, daß - man höre und staune - es in ihren Einrichtungen keine Mammographiegeräte gäbe und dies auch nie behauptet worden sei.

Im Gegenschnitt sieht und hört man jedoch genau das Gegenteil. Aus dem Munde derselben Ms. Richards, der Chefin von Planned Parenthood, wird - man höre und staune - noch wenige Jahre zuvor hochdramatisch behauptet, daß dann, wenn ein restriktives Abtreibungsgesetz in Kraft treten würde, welches die aus Steuergeld finanzierten Subventionen für den Abtreibungskonzern kürzen würde, eben dann millionenfach Frauen grundlegende Gesundheitsleistungen entbehren würden, etwa Mammographien.

Da haben wir es wieder, das altbekannte Mantra, die Seifenblase. Planned Parenthood als die Speerspitze gynäkologischer Gesundheitsservices mit den wunderbaren Mammographieangeboten, die es freilich de facto überhaupt nicht gibt, weil sie schieres Nirwana sind.

Man braucht die folgenden eine Minute und sechs Sekunden nicht weiter zu kommentieren. Wer Ohren hat zu hören, der höre:

Grafik: Photo by Julie Laiymani on Unsplash