Donnerstag, 23. März 2017

Hymne an das Leben

von Mutter Teresa

Das Leben ist eine Chance – nutze sie.
Das Leben ist Schönheit – bewundere sie.
Das Leben ist Glückseligkeit – koste sie.
Das Leben ist ein Traum – mach ihn wahr.
Das Leben ist eine Herausforderung – nimm sie an.
Das Leben ist eine Pflicht – erfülle sie.
Das Leben ist ein Spiel – spiele es.
Das Leben ist kostbar – behüte es.
Das Leben ist Reichtum – bewahre ihn.
Das Leben ist Liebe – gib dich ihr hin.
Das Leben ist ein Geheimnis – entdecke es.
Das Leben ist ein Versprechen – vollende es.
Das Leben ist Traurigkeit – überwinde sie.
Das Leben ist ein Lied – singe es.
Das Leben ist ein Kampf – kämpfe ihn.
Das Leben ist ein Abenteuer – wage es.
Das Leben ist Glück – verdiene es.
Das Leben ist das Leben – verteidige es.

Grafik:    https://unsplash.com/@ajoreilly

Donnerstag, 16. März 2017

»Wähle also das Leben!«

Wer ein bißchen bibelfest ist, weiß, daß dieser Imperativ gleichsam das Testament des Moses ist, welches er seinem Volk eindringlich ans Herz legt, bevor dieses ins Gelobte Land einzieht.

Ausführlicher heißt es:
»Hiermit lege ich dir heute das Leben und das Glück, den Tod und das Unglück vor. Wenn du auf die Gebote des Herrn, deines Gottes, auf die ich dich heute verpflichte, hörst, indem du den Herrn, deinen Gott, liebst, auf seinen Wegen gehst und auf seine Gebote, Gesetze und Rechtsvorschriften achtest, dann wirst du leben und zahlreich werden und der Herr, dein Gott, wird dich in dem Land, in das du hineinziehst, um es in Besitz zu nehmen, segnen. Wenn du aber dein Herz abwendest und nicht hörst, wenn du dich verführen läßt, dich vor anderen Göttern niederwirfst und ihnen dienst - heute erkläre ich euch: Dann werdet ihr ausgetilgt werden; ihr werdet nicht lange in dem Land leben, in das du jetzt über den Jordan hinüberziehst, um hineinzuziehen und es in Besitz zu nehmen. Den Himmel und die Erde rufe ich heute als Zeugen gegen euch an. Leben und Tod lege ich dir vor, Segen und Fluch. Wähle also das Leben, damit du lebst, du und deine Nachkommen. Liebe den Herrn, deinen Gott, hör auf seine Stimme und halte dich an ihm fest; denn er ist dein Leben.«
(Deuteronomium 30,15–20)
»Wähle also das Leben!« Dieser Imperativ ist so etwas wie ein roter Faden in der gesamten Heiligen Schrift. Denn wer das Leben wählt, der wählt Gott. Schließlich ist Gott der Schöpfer des Lebens, und schließlich sagt Jesus im Neuen Testament in einer seiner berühmten ICH-BIN-Worte: »Ich bin das Leben.«

Davon ausgehend, läßt sich sagen: Die fundamentale Berufung eines jeden Menschen ist exakt das: Zu leben. Die erste Berufung ist nicht, Arzt zu sein oder Schauspieler oder Vater oder Dompteur oder Zuckerbäcker, sondern vielmehr ganz ursprünglich und ganz nackt: Zu leben. Und diese Berufung verbindet uns alle.

Man sollte meinen: Logisch! Denn alles andere ergibt sich ja daraus. Zu lieben (welch’ hehre Berufung) ist nur möglich, wenn derjenige, der da liebt, das Grundlegende tut: Die Tatsache anzunehmen, daß er am Leben ist und daß dieses sein Leben lebenswert und also kostbar ist.

Wenn man das einmal gründlich verstanden hat, und die Betonung liegt auf gründlich, dann versteht man mehr über die Misere der Jetztzeit.

Denn unser Heute ist geradezu davon gebrandmarkt, daß diese erste Berufung vergessen oder ignoriert oder bei Seite geschoben oder lächerlich gemacht oder mit Füßen getreten oder schlicht und ergreifend für null und nichtig erklärt wird. Die vielbeschworene bioethische Debatte gäbe es nicht, wenn wir die erste Berufung beherzigen würden.

Fragen Sie mal in einer gemütlichen Runde, was ein jeder für seine erste Berufung hält? Sie werden erstaunt sein, welche Antworten Ihnen präsentiert werden. Und man kann nahezu die Wette eingehen, daß niemand sagen wird: Ich will leben, das ist meine erste Berufung.

Oder: Was meinen Sie, warum in einer x-beliebigen europäischen Stadt die Mehrheit der Heranwachsenden stundenlang im Internet verbringt oder sich mehr und mehr daran gewöhnt, den Cannabis-Joint zu rauchen? Weil Surfen und Rauchen so spannend ist? – O nein, das ist nicht der Grund. Es ist weitaus ernster. Die erste Berufung, nämlich zu leben, diese Grundlage von allem ist schwer verwundet, und schwere Verwundungen tun weh und also flieht man sie. Und darüberhinaus, man hat die wunderbare erste Berufung vermutlich nie wirklich gelernt.
Früher wurde einem im humanistischen Gymnasium die profunde Weisheit vermittelt: Non scholae, sed vitae discimus (Nicht für die Schule, sondern für’s Leben lernen wir). Das Leben, darum ging’s.

Und heute?

Heute locken die virtuellen Welten. Ein Klick genügt. Und schon stirbt man im künstlichen Paradies, während das schöne, eigene Leben darauf wartet, gewählt zu werden.

Grafik:    https://unsplash.com/@slavromanov

Freitag, 10. März 2017

David oder das beschädigte Leben

1504, September. Nach zwei Jahren hartnäckiger, leidenschaftlicher Arbeit ist es soweit. Vor den Augen der staunenden Menge erstrahlt das Kunstwerk, welches, laut einem Zeitgenossen, selbst alle antiken Meisterwerke übertrumpft: Der David des Michelangelo Buonarroti.

Der Künstler ist gerade mal 29 Jahre alt. In Florenz, seiner Heimatstadt, ist er spätestens seit diesem Zeitpunkt eine Berühmtheit. Die über fünf Meter große Statue trägt maßgeblich dazu bei, daß der Name Michelangelo fortan in der Welt der Renaissance einen mächtigen, prachtvollen Klang hat.

Dabei ist das Geschick des David, der in makelloser Schönheit seine souveräne fortezza offenbart, keinesfalls so geradlinig verlaufen, wie man vermuten könnte.

Als Michelangelo den mehrere Tonnen schweren Marmorblock zu bearbeiten beginnt, erhebt sich vor ihm ein beschädigter Stein, an dem bereits zwei Künstler gescheitert sind. Wer will sich an diesem ramponierten Marmor abmühen? Der Stein gilt seit langen Jahren als unbrauchbar, ruiniert, verhauen.

Doch Michelangelo, dem man später den Beinamen der Göttliche geben wird, läßt sich nicht beirren. Er sieht im Stein das zukünftige Meisterwerk. Ja, im Stein verborgen ruht bereits das makellose Bild, welches der Künstler unter seinen Meißelschlägen zum Vorschein bringt. Durch die Wegnahme geschieht die Vollkommenheit, denn der Wegnahme, wie ein Theologe es ausdrückte, folgt die Liebe immer.

Und ist nicht dies ein tiefes Gleichnis für unser aller Leben? Nicht die Tatsache, daß ein Leben beschädigt ist, ist ausschlaggebend. Wesentlich vielmehr ist die Geduld und Beharrlichkeit und Zuversicht des je Einzelnen, den Meißelschlägen des großen göttlichen Bildhauers nicht auszuweichen. Denn in den Augen Gottes zählt das concetto, welches unter noch so vielen entstellenden Schichten tief innen in unserer vita ruht, selbst dann, wenn dieses verborgene Bild nur mehr als verglimmender Docht scheint.

Die Wegnahme schmerzt oft genug, vielleicht heute mehr denn je, da uns doch unablässig eingeredet wird, daß das Zunehmen, in welcher Art auch immer, das Entscheidende sei. Während doch weiterhin das zitternde Ich im Inneren darauf wartet, das Licht der Welt zu erblicken, denn für dieses offenbarende Licht ist es erschaffen.

Wie sagte es ein Künstler unserer Zeit, der mit seinem Flugzeug irgendwann in das Unbekannte aufbrach:
»Vollkommenheit entsteht offensichtlich nicht dann, wenn man nichts mehr hinzuzufügen hat, sondern wenn man nichts mehr wegnehmen kann.«   (Antoine de Saint-Exupéry)

Grafik:   Von Jörg Bittner Unna – Eigenes Werk, CC BY 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=56633987

Freitag, 3. März 2017

»Vor Gott war ich nicht Jane Roe.«

Sie ist ein veritables Zeichen der Zeit. An ihrem Leben wird sichtbar, was Abtreibung und was die Abtreibungsgegenwelt ist. Aber an ihr wird auch sichtbar, daß die Abtreibung, ohne jeden Zweifel, einmal ein Ende hat.

Unter dem Decknamen Jane Roe wird Norma McCorvey eine traurige Berühmtheit. Denn das infame Urteil Roe versus Wade, das 1973 in die Annalen der amerikanischen Gesetzgebung eingeht, da dieses Urteil die sogenannte Legalisierung der Abtreibung in den USA begründet und im weiteren den Startschuß abgibt für die sukzessiven Abtreibungsgesetze in den europäischen Ländern, dieses infame Urteil hängt wie eine Klette an Norma McCorvey. Sie ist die Klägerin im Abtreibungsprozeß, sie ist der Präzedenzfall, der Abtreibung schließlich juristisch festschreibt.

Aber was die wenigsten wissen: Norma ist von Anfang an die instrumentalisierte, mißbrauchte Person zweier Abtreibungsanwältinnen. Um das strikte Abtreibungsgesetz in den Vereinigten Staaten zu kippen, braucht es ein tumbes, willfähriges Opfer – Norma. Sie wird systematisch für ihre Jane-Roe-Rolle präpariert. Die tatsächliche Norma ist nie von Belang. Kein Wunder, daß McCorvey Jahre später in ihrer Autobiographie unverhüllt davon spricht, lediglich benutzt worden zu sein.

In dieser Autobiographie, Won by Love, kommt alles ans Licht: Die Lügen der Abtreibungsindustrie, das desaströse Leben Normas, ihre abusiven Beziehungen, das permanente Mißbrauchtwerden.

Nach Roe vs. Wade arbeitet sie, gleichsam das Poster-Girl der Abtreibungsszene, in einer Abtreibungsklinik. Nur: Die Realität ist weit davon entfernt, glamourös zu sein. Mehr und mehr versinkt Norma in Drogen und Alkohol, denn das Geschäft mit dem Tod ist anders nicht zu ertragen.

Ihre wortwörtliche Konversion – weg vom Tod hin zum Leben – verdankt sie Lebenschützern, die vor der Abtreibungsstätte, in der sie arbeitet, ihren Dienst tun. Emily, die kleine Tochter eines der Lebenschützer, bringt Normas Herz zum Schmelzen. Im Antlitz des Kindes, in dessen liebevoller unverdienter Zuwendung, scheint das Wunder der menschlichen Person auf. Und eines Tages, in einer überwältigenden blitzhaften Erleuchtung, sieht sie Emily schrecklich entstellt: »Ich sah Emily nicht als das kleine Kind, sondern als winziges, abgetriebenes Baby (…).« Sich Rechenschaft gebend über den außergewöhnlichen Vorgang, kommt sie zu dem Schluß: »Es war das erste Mal, daß die Abtreibung für mich ein Gesicht bekam.«

Von da ist es nur mehr ein kurzer Übergang zu der augenöffnenden Wahrheit, die ihr das verschafft, was sie »meine vollständige pro-life-Bekehrung« nennt, indem sie unretuschiert das reale Gepräge der Abtreibungsgegenwelt, »die schreckliche Realität« wahrnimmt:
»Es war so, als ob Binden von meinen Augen abfallen würden, und plötzlich erkannte ich die Wahrheit. Es ist ein Baby! Ich war niedergeschmettert. Es ging mir so schlecht, daß ich am liebsten davongerannt wäre (…) Ich hatte der schrecklichen Realität ins Auge zu schauen. Abtreibung hatte nichts mit ›Gewebeklumpen‹ zu tun, nichts mit ›ausgebliebenen Blutungen‹. Es ging um Kinder, die im Schoß ihrer Mütter getötet wurden.«
Won by love. Die Liebe der kleinen Emily siegt.

Norma wird schließlich Christin und läßt sich taufen. Wenige Jahre später will sie in die katholische Kirche aufgenommen werden. Father Pavone, der Direktor von Priests for Life, nimmt sie auf. Sie ist angekommen. Sie weiß, daß sie zuhause ist. Sie weiß, daß sie vor Gott nie Jane Roe war.

Und aus Norma wird die Lebenschützerin, welche die ganzen letzten Jahre ihres Lebens – betend vor Abtreibungskliniken, als Rednerin auf Kongressen, als Buchautorin und unermüdliche Verbreiterin der Botschaft des Lebens – einer einzigen Aufgabe widmet: dem Kampf, daß das furchtbare Unrecht, welches den Namen Roe v. Wade trägt, aus der Welt geschafft wird.

Heuer, am 18. Februar 2017, ist Norma McCorvey endgültig heimgegangen. Requiescat in pace!



Donnerstag, 23. Februar 2017

Himmelsschrei

www.himmelsschrei.com
Ein jeder, der sich mit dem Thema Abtreibung beschäftigt, und dies nicht, um politisch korrekt daherzuschwätzen, sondern um redlich-verantwortungsvoll sich den Fakten zu stellen, wird einsehen, daß die wirkmächtigsten Waffen gegen dieses epidemische Übel die geistigen sind: Gebet, Fasten, Opfer.

Man denke an das Wort Jesu aus dem Markusevangelium, der den konsternierten Jüngern, die einen mondsüchtigen Knaben nicht vom Dämon der Fallsucht befreien konnten, auf deren Frage nach der Ursache ihres Unvermögens die bündige Antwort erteilt: Diese Art (von Dämonen) kann nur durch Gebet (andere Lesart: durch Gebet und Fasten) ausgetrieben werden (Markus-Evangelium 9,29).

Darum ist es äußerst begrüßenswert, daß eine neue Initiative eben diese Weisung Jesu ernstnimmt und in die Tat umsetzt.

Es ist sehr einfach: Die neue Homepage Himmelsschrei lädt dazu ein, zu beten und zu fasten, um das Ende der Abtreibungsgeißel zu beschleunigen. »Alles menschliche Mühen«, so die Verantwortlichen, »ist angesichts des Ausmaßes dieses Unrechtes wie ein Tropfen im Ozean, deshalb möchten wir mit vereinten Kräften den Himmel bestürmen.«

In einem beigefügten Fastenkalender kann man sich unkompliziert eintragen, um sich derart mit anderen im selben Anliegen zu vereinen.

Dank allen, die mitmachen!

Grafik:   Screenshot der vorgestellten Homepage.

Freitag, 17. Februar 2017

»Sieh, o Mensch …«

»Sieh, o Mensch, das Leben, das dir hier auf Erden gegeben ist, nicht für eine Stätte des Vergnügens an, darin jedem Befriedigung seiner Neigung werde; denn dieses Leben ist eine Laufbahn zum fernen Ziel … Dieses Leben ist ein Kampfplatz …

Der Geist des Menschen ist auf dieser Erde nicht daheim; er ist aus Gott und kann nur in Gott seine wahre Ruhe, nur in Gott das ewige Leben, die unvergängliche Krone finden. Der Menschengeist ist dazu hierher verpflanzt, damit er im Wettlauf geübt, im Kampf gehärtet, tüchtig werde, am Ziel den Preis zu erlangen.

Mensch, wie du dieses Leben ansiehst, so bist du selbst!

Du bist ein irdisches, elendes, dich selbst quälendes Wesen, wenn dir dieses Leben nur für einen Zeitvertreib, für eine Jagd nach Vergnügen gilt. Ach, du erjagst doch nichts als Herzeleid und Gewissensbisse. Du bist ein irdisches, dich selbst quälendes Wesen, wenn du nur lebst, um zu essen, um zu trinken, jeder Lust deines Herzens zu frönen.

Du bist oder wirst ein himmlisches, geistiges Wesen voll Licht, Liebe, Seligkeit, wenn du dieses Leben für einen Kampfplatz ansiehst, auf dem wider alles Ungöttliche gestritten werden muß.«

Johann Michael Sailer, Bischof zu Regensburg, † 1832, aus der Abhandlung Von einer höheren Betrachtung des menschlichen Lebens. 

Grafik:   Yamaoka / pixelio.de

Freitag, 10. Februar 2017

Bernadette

Wer über Lourdes, den französischen Wallfahrtsort schreibt, der schreibt naturgemäß über Maria. Und über Bernadette, die Seherin, der das Privileg zuteil wurde, achtzehnmal die Muttergottes zu sehen.

Man vergißt über soviel Bevorzugung vielleicht die Kehrseite dieses Lebens, die der lichtumstrahlten Gestalt der Erscheinungen korrespondiert: Nämlich daß Armut, Krankheit und Erniedrigung die lebenslangen Gefährtinnen der begnadeten Seherin waren.

Im Kloster, in welches Bernadette nach den Erscheinungen  eintritt, wird ihre Profeß immer wieder hinausgeschoben, da man sie für ein kleines, dummes Ding hält. Daß sie von Kindheit an eine Kranke ist, die an Asthma leidet, und im Kloster eine gedemütigte Schwerkranke, die an schmerzlichster Knochenmarkstuberkulose dahinsiecht, sind nur einige Fakten dieses Lebens, das, je mehr man über es erfährt, um so unbegreiflicher wird.

Zum Beispiel die dritte Erscheinung am 18. Februar 1858.

Da sagt Maria zu der vierzehnjährigen Bernadette: »Ich verspreche Ihnen nicht, Sie in dieser Welt glücklich zu machen, sondern in der anderen«.

Wer, wenn er diese himmlische Aussage vernimmt, fährt nicht innerlich zusammen? Hat Mariens Sohn nicht selbst gesagt: »Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben« (Johannesevangelium 10,10). Gilt diese Zusage Jesu nicht für Bernadette?

Doch, sie gilt auch Bernadette. So wie sie für jeden Christen gilt, der tatsächlich Christ sein will. Aber nur, wenn der Christ – und da kann Bernadette die unerbittliche, prophetische Lehrmeisterin für uns heute sein –, wenn der Christ ernst macht damit, die omnipräsente Vergötzung der Welt zu beenden. Denn dem Christen ist die Welt nicht das, für was sie sich gemeinhin präsentiert. Sie ist nicht das glitzernde Sesamöffnedich für die totale Erfüllung. Die Welt und ihre sogenannten Schätze, dies der nüchterne biblische Befund, vergehen. Wer sich daran festhält, ist über kurz oder lang nicht der Glückliche, sondern der Betrogene.

Mit Trübsinn hat das nichts zu tun, mit billiger Vertröstung auf Jenseitiges ebenso wenig. Alles dagegen mit Augen, die sich öffnen und zu sehen anfangen und derart einzuschätzen vermögen, was die Welt zu bieten hat und was nicht. Klug ist derjenige, der die Welt als eine vorläufige wahrnimmt und auf diese desillusionierende Weise der von Christus verheißenen sehr realen Lebensfülle nahekommt. Wer in der Welt in der ersten Reihe sitzen will und sich dort einrichtet, so als sei diese Welt die bleibende Stätte, wird unglücklich. Bernadette hatte selbst die geliebte Grotte loszulassen … Wer dagegen klaglos in der Welt den letzten Platz einnimmt und sich ausrichtet auf die zukünftige Stadt hin, die himmlische, die bleibende, der hat gute Chancen, schon jetzt glücklich zu werden.

Hat sich also die Muttergottes geirrt, als sie zu Bernadette sagte, sie werde in dieser Welt nicht glücklich?

Nein, die Muttergottes hat die Wahrheit gesagt. Man muß nur genau hinhören. In dieser Welt, sagt Maria. Und so stimmt es. In dieser Welt wurde Bernadette nicht glücklich, denn niemand wird in dieser vergänglichen Welt glücklich. Nur in der anderen. Doch diese andere Welt kann, wer will, jetzt anfangen.

Darum ist es die pure Wahrheit, wenn Bernadette bekennt: »Sehen Sie, meine Geschichte ist ganz einfach. Die Jungfrau hat sich meiner bedient, dann hat man mich in die Ecke gestellt. Das ist nun mein Platz, dort bin ich glücklich, und dort bleibe ich.«

Grafik:   Wikimedia Commons

Freitag, 3. Februar 2017

Das irrende Gewissen

Herr P., von dem wir im letzten Beitrag berichteten, hat noch einen anderen Trumpf im Ärmel. Denn wenn alle Stricke reißen, sprich, wenn er doch irgendwann darauf kommen sollte, daß seine sogenannte Gewissensentscheidung bereits im Ansatz die falsche war, dann – und auch das ist übliche moderne Einrede – kann er sich derart lossprechen, daß er behauptet, er habe halt lediglich seinem irrenden Gewissen Folge geleistet.

Mit anderen Worten: Herr P. ist, wie man es auch dreht und wendet, immer auf der Siegerseite. Sein Gewissen ist nicht länger die göttliche Instanz in ihm, sondern sein Gewissen ist nun tatsächlich mutiert zu seinem Gewissen, und dieses autonome Gewissen ist imprägniert gegen alle Einwände. Herr P. bestimmt, Herr P. gibt vor, Herr P. ist der Unschuldige. Noch das irrende Gewissen bringt nicht zum Nachdenken. Ganz im Gegenteil. Das irrende Gewissen, gleichsam sakrosankt, muß jetzt dazu herhalten, endgültig zugunsten von Herrn P. zu votieren: Er hat halt nicht anders können.

Und ist Herr P. ein Theologe, dann kann man fast sicher sein, daß er Thomas von Aquin herbeizitieren wird, um kraft dessen Autorität ein für allemal seine Position zu zementieren. Schließlich habe doch auch der engelgleiche Lehrer nichts anderes behauptet, als daß man seinem irrenden Gewissen auf jeden Fall folgen müsse.

Weiß es Herr P. nicht oder verschweigt er absichtlich, was er weiß?

Denn der heilige Thomas von Aquin ist ein denkbar ungeeigneter Apologet für Herrn P.’s verwerfliches Handeln. Auch diesbezüglich stellt Robert Spaemann die Faktenlage richtig:
»Bei der Berufung auf die Heiligkeit des irrenden Gewissens wird oft Thomas von Aquin zitiert, der feststellt, es sei auch dann schuldhaft, gegen das Gewissen zu handeln, wenn das Gewissen irrt. Leider wird fast nie der zweite Teil desselben Textes zitiert, in dem es heißt, dem in sittlicher Hinsicht irrenden Gewissen folgen, sei ebenfalls schuldhaft, weil nämlich der Gewissensirrtum des Nichtvernehmens eines unbedingten Anspruchs selbst ein sittlicher Defekt sei. Es komme also vor allem darauf an, diesen Defekt zu beheben«.
(in: Grenzen, Kapitel »Das Entscheidungsrecht der Frau …«, 382–391, hier 389)
Es bleibt dabei: Herr P. hat dem Gewissen nicht zugehört, sondern schlechterdings weggehört. Das hat ein Leben gekostet.

Grafik:   Von uit privébezit, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=3660604