Donnerstag, 22. Juni 2017

»Schaffe Schweigen!«


Gott ist nicht »Jemand neben«.

So korrigiert Hans Urs von Balthasar in einem Interview aus den achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts seinen Gesprächspartner.

Heute scheint die Fehldeutung, welche der Interviewer unbedacht nahelegte, eine allseits gängige. Der Mensch hantiert mehr schlecht als recht in seinen Angelegenheiten, und der Liebe Gott, wenn Er überhaupt noch eine Rolle spielt, ist irgendwo nebenan, meist weit weg, ein unbedeutender Statist in der Gleichung des Alltags.

Darauf die Korrektur des Theologen von Balthasar: Gott ist kein Neben, sondern Gott ist Alles in allem.

Doch dies zu beherzigen, würde bedeuten, daß der Mensch in sein Inneres hinabsteigt, denn dort, in der innersten Herzmitte, würde der Suchende eben den Gott finden, den er im belanglosen Nebenan aussiedelt.

Nun ist es kein Geheimnis, daß der Mensch der Jetztzeit überall mehr anzutreffen ist als bei sich zuhause. Und das heißt einschlußweise, daß der Mensch heute die meiste Zeit fern von Gott ist.

Dieses Fernsein ist eine Erfahrung, die in der Geistesgeschichte der Menschheit oft zur Sprache gebracht wurde. Ein berühmtes Beispiel: Augustinus. Im zu Herzen gehenden zehnten Buch, XXVII, 38, seiner Confessiones bekennt er wehmütig:
»Spät hab ich Dich geliebt, Du Schönheit, ewig alt und ewig neu, spät hab ich Dich geliebt. Und sieh, Du warst innen, ich aber außen. Dort suchte ich nach Dir, auf die schönen Gestalten, die Du schufst, warf ich mich Mißgestalt. Du warst bei mir, ich war nicht bei Dir. Sie hielten mich fern von Dir, die Dinge, die gar nicht wären, wären sie nicht in Dir. Du hast gerufen, geschrien, meine Taubheit zerrissen, hast geleuchtet, geblitzt und meine Blindheit verscheucht, hast geduftet, und ich atmete ein und lechze jetzt nach Dir, ich habe gekostet, nun hungre und dürste ich, Du hast mich berührt, und ich bin nach Deinem Frieden entbrannt.« (Übersetzung von Balthasar)
Seit dem heiligen Kirchenvater sind 1600 Jahre vergangen, und jetzt, am Beginn des dritten Jahrtausends, schaut es so aus, als ob das Draußen, von dem Augustinus spricht, das Omnipräsente sei. Es drängt sich laut und gebieterisch in den Vordergrund. Es reklamiert jeden denkbaren Platz für sich. Online sollen wir sein, am besten permanent, von früh bis spät, denn nur wer online ist, so die Suggestion, ist up to date. Aber tatsächlich erkaufen wir das ständige äußerliche Vernetztsein mit dem Verlust der inneren Stille, in der das wahre Wort sich kundtut, welches niemals altert.

Von diesem Wort schreibt Paulus:
»Das Wort ist dir nahe, es ist in deinem Mund und in deinem Herzen. Gemeint ist das Wort des Glaubens, das wir verkündigen; denn wenn du mit deinem Mund bekennst: Jesus ist der Herr und in deinem Herzen glaubst: Gott hat ihn von den Toten auferweckt, so wirst du gerettet werden. Wer mit dem Herzen glaubt und mit dem Mund bekennt, wird Gerechtigkeit und Heil erlangen«.
(Römerbrief 10,8 ff)
Das Wort ist dir nahe.

Und wie gelangt man zu diesem verschütteten Wort?

Kierkegaard hat die Medizin, die der Patient, wenn er gesunden will, zuallererst zu schlucken hat, ohne jede Umschweife formuliert: »O, schaffe Schweigen!«

Grafik:    https://unsplash.com/photos/oLdm7mnhDic

Donnerstag, 15. Juni 2017

Fronleichnam

»Es gibt nichts Kleineres, Süßeres oder Stilleres als der in der Hostie gegenwärtige Christus. Dieses kleine Stück Brot verkörpert die Demut und die vollkommene Stille Gottes. Seine Zärtlichkeit und Seine Liebe zu uns. Wenn wir wachsen und von der Liebe Gottes erfüllt sein wollen, müssen wir unser Leben auf drei große Wahrheiten gründen – das Kreuz, die Hostie und die Jungfrau: crux, hostia et virgo … Gott hat diese drei Geheimnisse der Welt geschenkt, um unser inneres Leben zu ordnen, zu vertiefen und zu heiligen und uns so zu Jesus zun führen. Drei Geheimnisse, die in der Stille betrachtet werden müssen.«
Robert Kardinal Sarah (und Nicolas Diat), Die Kraft der Stille, Kißlegg 2017, 63.

Grafik:    FX de Boissoudy, Emmaüs »Comme il était à table avec eux«

Freitag, 9. Juni 2017

Der Broadway und der schmale Weg


2008: Die Olympischen Spiele in Peking.

Im 400 Meterlauf der Damen erwartet man, daß die Athletin Sanya Richards die Goldmedaille gewinnen wird. Aber sie wird überraschenderweise nur Dritte. Allerdings gewinnt sie mit der Mannschaft die Goldmedaille in der 4 x 100 Meter Staffel. Sie steht also doch noch auf dem Siegertreppchen. Die Goldmedaille blitzt. Und vier Jahre später wird sie noch einmal Gold gewinnen, diesmal in London.

Doch da ist etwas anderes, kein Gold, kein Glamour, kein Glitzern. Etwas, das die Gewinnerin von einst erst jetzt der Öffentlichkeit mitteilte.

Einen Tag vor ihrem Abflug zu den Olympischen Spielen in Peking hat die Athletin eine Abtreibung. Das, wofür sie jahrelang gschuftet hat, scheint plötzlich in weite Ferne gerückt. Schwanger sein, ein Kind austragen, gerade jetzt, paßt nicht in ihre Karriere. Was werden ihre Sponsoren sagen, was ihre Familie, was ihre Fans?

Zudem: Sie kennt etliche andere weibliche Spitzensportlerinnen, die gleichfalls Abtreibungen hinter sich haben, denn die sportlichen Ziele dem Geschenk des Lebens überzuordnen, so Richards-Ross, ist quasi die Norm im Sportbusiness.

Per Telefon trifft sie schließlich mit ihrem damaligen Verlobten (ihrem jetzigen Ehemann), der gleichfalls Spitzensportler ist und gerade in einem Trainingslager weilt, die Entscheidung, das Kind abzutreiben. In die Abtreibungsklinik geht sie allein.

Danach, nach der Abtreibung, erkennt sie den Horror. Wörtlich: »Ich hatte eine Entscheidung getroffen, die mich zerbrach; zudem eine, von der ich nicht sogleich heilen würde. Die Abtreibung würde nun für immer ein Teil meines Lebens sein. Ein scharlachroter Buchstabe, von dem ich nie gedacht hatte, ihn einmal zu tragen. Ich war ein Champion – kein gewöhnlicher, sondern ein Weltklassechampion, ein Champion, der Rekorde brach. Von den Höhen dieser Realität stürzte ich in die Tiefe der Verzweiflung.«

Emotional wie spirituell gerät ihr Leben ins Wanken. Bereits während sie im Stadion die 400 Meter läuft, kreisen ihre Gedanken um die Abtreibung. In den Straßen Pekings, so sie, habe sie die härteste Zeit ihres Lebens erfahren. Und sie wäre daran kaputt gegangen, wenn Gott nicht dagewesen und ihr geholfen hätte.

Ihr Mann und sie sprechen jahrelang nicht über die Abtreibung. Als sie endlich das Vergangene anschauen, kommen ihre wahren Gefühle hoch. Er gesteht, ihr gemeinsames Kind sei ein Segen gewesen, den sie zurückwiesen, weil sie alles unter Kontrolle hatten haben wollen.

Und nun öffnen sich beide der Gnade, der Bekehrung, der Heilung, der Vergebung. Heute, so die Athletin, geht sie an die Öffentlichkeit, um anderen postabortiven Frauen zu helfen. Sie sei noch nicht ganz geheilt, noch immer breche sie bisweilen in Tränen aus, wenn sie an das Geschehene zurückdenke. Gleichwohl wisse sie, daß Gott ihr vergeben habe; jetzt müsse sie sich auch selbst vergeben.

Wie heißt es im Matthäusevangelium? Da spricht Jesus von den zwei Wegen: Geht durch das enge Tor! Denn das Tor ist weit, das ins Verderben führt, und der Weg dahin ist breit und viele gehen auf ihm. Aber das Tor, das zum Leben führt, ist eng und der Weg dahin ist schmal und nur wenige finden ihn.


Es ist die immerselbe Story. Der Broadway glitzert. Phantome glitzern. Gold lockt. Der enge Weg ist einfach und unaufdringlich, wie das Leben. Denn das Leben spricht für sich.

Zurzeit erwarten Sanya und ihr Ehemann Aaron ihr zweites Kind.

Grafiken:    Erik van Leeuwen, http://www.erki.nl/, GFDL, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=8679087 und UpstateNYer, eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=8138348.

Freitag, 2. Juni 2017

153


Es ist die dritte Erscheinung des Auferstandenen.

Sieben Jünger gehen fischen. Es ist Nacht. Eigentlich die günstige Zeit, um Fische zu fangen. Aber in dieser Nacht fingen sie nichts, notiert Johannes, der Evangelist, einer der sieben Fischer (21,3).

Und dann naht bereits der Morgen und die Morgendämmerung. Und am Ufer steht ein Mann, und dieser Mann sagt zu den Fischern: Werft das Netz auf der rechten Seite des Bootes aus, und ihr werdet etwas fangen (6).

Und die sieben Fischer, gestandene Männer, gehorchen. Sie werfen das Netz erneut aus. Und das Wunder geschieht: Sie konnten es nicht wieder einholen, so voller Fische war es (6). Und Johannes, der Zeuge des Wunders, schreibt schließlich, daß Petrus das Netz an Land zieht: Es war mit 153 großen Fischen gefüllt, und obwohl es so viele waren, zerriß das Netz nicht (11).

Man hat viel über diese Zahl 153 nachgedacht. Symbolisieren die eingefangenen Fische den ganzen Erdkreis, den die Fischer für Christus einbergen sollen? Der heilige Hieronymus jedenfalls behauptet seinerzeit, griechische Zoologen hätten 153 unterschiedliche Fischarten identifiziert; die Zahl rückt damit wie selbstverständlich in den Bereich universaler Soteriologie.

Adrienne von Speyr, eine Mystikerin des 20. Jahrhunderts, hat die Zahl in stupender Schau anhand von Primzahlen, die entsprechenden Heiligen zugeordnet sind, ausgelegt, nachzulesen in ihrem nachgelassenen Werk Das Fischernetz.

Eine volkstümliche Auslegung, gleichsam eine Auslegung für die Kleinen, die der Herr seligpreist, könnte dies ergeben: 153 – das sind die 150 Perlen des klassischen Rosenkranzes, der freudenreichen, schmerzhaften und glorreichen Geheimnisse, samt den drei Perlen, in denen um die drei göttlichen Tugenden Glaube, Hoffnung und Liebe gebetet wird.

153 – das ist das Netz dieses einfachen, meditativen Gebetes, in dem die Muttergottes ihre Kinder heimholen will hin zu ihrem Sohn. Und das Netz, so groß es auch sein mag, wird nicht reißen. Und dieses meditative Netz hat eine Wirksamkeit, welche die Vorstellungskraft der gläubigen Fischer aller Zeiten bei weitem übersteigt. Denn die Maschen dieses Fischernetzes gehen durch die Hände der Mittlerin aller Gnaden, deren Fürsprechmacht unberechenbar ist, und jede einzelne Masche ist Loblied des Schöpfers, der, wie am Schöpfungsmorgen, so auch heute und jeden Tag neu am Ufer unseres Lebens steht und sagt: Werft das Netz aus und fangt!

Grafik:    rosenkranzbeten.info

Freitag, 26. Mai 2017

Blau


Es kann sein, daß es lange dauert.

Man ist überwältigt von der Unausweichlichkeit. Man steht und betrachtet und wird nicht losgelassen.

Und das Merkwürdige: Selbst wenn man sich von der Wand mehr und mehr entfernt, weicht das Bild nicht zurück, sondern geht mit einem. Es ist unausweichlich, dieses Jüngste Gericht.

Ich weiß nicht, wie es Michelangelo geschafft hat, aber soviel steht fest: Nachdem man dieses Jüngste Gericht gesehen hat, kann man es nicht im Kopf archivieren unter anderen Bildern, die man in Museen gesehen hat. Denn dieses Bild hängt nicht in einem Museum, sondern in einer Kapelle. Und nur dort, in der Sixtinischen Kapelle, ist dieses Bild überhaupt auszuhalten.

Und vielleicht ist man etliche Schritte vom Bild entfernt, immer weiter gleichsam zurückgewichen vor dieser erschreckenden Größe, bis man es schließlich wahrnimmt: Dieses Blau.

Das Blau des Gewands der Muttergottes. Blau ist die Farbe des Himmels. Und Rot, die zweite klassische Farbe, in die Michelangelo Maria kleidet, ist die Farbe der Liebe. So stimmt es: Blau und Rot. Die Liebe und der Himmel. Denn dorthin, in den Himmel, will uns die Liebe, die in Maria lebt, führen.

In Fatima zeigt Maria drei kleinen Hirtenkindern die Hölle. Michelangelo zeigt allen, die in die Sixtina kommen, daß es diese Hölle und ihre Verdammten gibt.

Aber Gott sei Dank gibt es dieses leuchtende Blau des Himmels. Gott sei Dank gibt es die Muttergottes, die sich an ihren Sohn, den Weltenrichter, schmiegt und liebevoll Fürsprache hält, wie wir in jedem Ave Maria beten: Bitte für uns Sünder jetzt und in der Stunde unseres Todes.

Und Gott sei Dank werden am 13. Juni alle österreichischen Bischöfe gemeinsam in Mariazell Österreich und seine Bewohner der Muttergottes, der Magna Mater Austriae, anvertrauen. Dies geschieht im Rahmen eines Festgottesdienstes, der um 11.15 Uhr beginnt. Dabei soll das Gebet verwendet werden, welches Papst Benedikt XVI. bei seinem Österreichbesuch 2007 gebetet hat:
Heilige Maria, makellose Mutter unseres Herrn Jesus Christus, in dir hat Gott uns das Urbild der Kirche und des rechten Menschseins geschenkt. Dir vertraue ich das Land Österreich und seine Bewohner an: Hilf uns allen, deinem Beispiel zu folgen und unser Leben ganz auf Gott auszurichten! Laß uns, indem wir auf Christus schauen, ihm immer ähnlicher, wirklich Kinder Gottes werden! Dann können auch wir, erfüllt mit allem Segen seines Geistes, immer besser seinem Willen entsprechen und so zu Werkzeugen des Friedens werden für Österreich, für Europa und für die Welt. Amen.

Grafik:    Last Judgement (Michelangelo).jpg. wikicommons

Donnerstag, 18. Mai 2017

Das Testament Jesu. Und Fatima

Warum soll ich mich der Muttergottes weihen? Warum ist die Andacht zum Unbefleckten Herzen Mariens und die Weihe an dieses Herz so wesentlich in der Fatimabotschaft? Warum gilt sie als Rettungsanker, als Heilmittel für die letzten Zeiten? Wo gibt es eine Grundlage für diese Verehrung in der Heiligen Schrift?

Diese Fragen stellte mir einst ein junger Mann. Er stellte sie nicht leichtfertig, auch nicht um zu provozieren. Er stellte sie, weil er nach einer sinnvollen Antwort suchte.

Ja, warum ist die »Andacht zu Meinem Unbefleckten Herzen«, wie die Muttergottes in der dritten Erscheinung am 13. Juli 1917 sagt, so heilsbedeutend? Die Antwort, wie mir scheint, ist durchaus in der Heiligen Schrift verankert.

Die sieben letzten Worte Jesu am Kreuz sind bekannt. Sie sind gleichsam das Testament Jesu. Eines dieser Worte, im Johannesevangelium überliefert (19,25ff), lautet: Bei dem Kreuz Jesu standen seine Mutter und die Schwester seiner Mutter, Maria, die Frau des Klopas, und Maria von Magdala. Als Jesus seine Mutter sah und bei ihr den Jünger, den er liebte, sagte er zu seiner Mutter: Frau, siehe, dein Sohn! Dann sagte er zu dem Jünger: Siehe, deine Mutter! Und von jener Stunde an nahm sie der Jünger zu sich.

Der Jünger, den Jesus liebte – mit diesem Jünger sind gleichsam alle gemeint, welche die Nachfolge Jesu leben wollen. Und diese haben es wie Johannes zu machen: Sie haben Maria, die Frau unter dem Kreuz, zu sich zu nehmen.

Im Griechischen heißt es: Johannes nahm Maria eis ta idia. Wörtlich müßte man übersetzen: Johannes nahm Maria in sein Eigenes auf. Damit ist mehr gemeint, als daß er die Muttergottes in seine Wohnung aufnahm. Der Evangelist will ausdrücken, daß der Lieblingsjünger Jesu Maria in seine Herzmitte aufnahm, in sein Innerstes. Was aber meint dies anderes, als daß sich der Apostel Johannes Maria ganz anvertraute, mit anderen Worten: Sich ihr weihte?

Johannes erfüllt damit den Auftrag Jesu. Und wenn 1900 Jahre später, in einem winzigen Dorf in Portugal, dieselbe Muttergottes, die unter dem Kreuz stand, von der Andacht und der Weihe an ihr Unbeflecktes Herz spricht, die – wie sie selbst sagt – »Gott will«, dann ist dies die Aktualisierung des Testaments Jesu in unsere Jetztzeit hinein. Und allem Anschein nach brauchen wir diese Gegenwärtigsetzung der Kreuzesstunde Jesu und seiner testamentarischen Verfügung um so dringender, weil wir auf die zentralen Geheimnisse des Glaubens mehr und mehr vergessen.

»Ihr habt die Hölle gesehen, wohin die Seelen der armen Sünder kommen. Um sie zu retten, will Gott die Andacht zu meinem Unbefleckten Herzen in der Welt begründen« (13. Juli 1917). Die Botschaft von Fatima wiederholt denselben Ernst und dieselbe Frohe Botschaft, die im Evangelium zu vernehmen sind. Kreuz und Erlösung, Hölle und Rettung. Und wieder ergeht der Ruf an jeden Einzelnen von uns: Siehe, deine Mutter. Und die Mutter wartet darauf, daß wir sie in unser Innerstes aufnehmen – wie Papst Franziskus, der sein Pontifikat Unserer Lieben Frau von Fatima weihte.

Oder in den Worten einer großem Mystikerin des 20. Jahrhunderts – Marthe Robin –, welche die Weisung Jesu radikal beherzigte:
»Gehen wir also zu Maria, denn sie ist unsere Mutter, die Mutter eines jeden von uns! Gehen wir zu ihr, denn sie ist die universelle Mittlerin zwischen Gott und uns. Ach, wüßten wir uns doch ganz klein zu machen! Würden wir doch unsere Blicke und unsere Herzen ihr zuwenden, die uns so sehr liebt!«

Mittwoch, 10. Mai 2017

Erfüllte Zeit


»Der Tod bleibt sich immer gleich, doch jeder Mensch stirbt seinen eigenen Tod.« So der programmatische erste Satz in Carson McCullers letztem Roman Uhr ohne Zeiger.

Die Person, die dieses Urteil trifft und die sodann über 400 Seiten lang stirbt, heißt nicht umsonst Malone, denn mitzuhören ist: I am alone. Malone ist im Grunde, wie jede der Figuren in Carson McCullers Südstaatenstädtchen, ein Vereinzelter. Als er seinen letzten Atem tut, ist gerade die Frau in die Küche gegangen, um eiskaltes Wasser ohne Eis zu holen. Der Tod ist ein Einzelgänger, wie alles in diesem Nest Milan in Georgia.

Insofern hält der Roman, was er eingangs verspricht. Eine andere Frage ist, ob dieses Versprechen wahr ist? Sind die Menschen tatsächlich so, wie sie McCullers darstellt? Sind sie letztlich bloße Monaden, deren Wege sich, warum auch immer, bisweilen kreuzen, aber diese Kreuzungen sind weiß Gott keine Berührungen, oder wenn Berührungen, dann sorgt McCullers dafür, daß diese Momente der Nähe schonungslos in die Brüche gehen.

Denn das ist das eigentlich Verstörende an diesem Werk: die Kühle der Autorin. Ein alter, seniler, skurriler Richter wird seziert, als sei McCullers dessen erbarmungslose Entomologin. Sherman, der von Haß und Selbsthaß zerfressene farbige Junge wird pfeilgerade in den Untergang bugsiert. Malone, der Todeskandidat, wird belanglos eingeführt und belanglos entlassen. Nichts Neues unter der Sonne.

Was bleibt, wenn jeder seinen eigenen Tod stirbt? Sagen wir es geradeheraus: Dann bleibt gar nichts. Und tatsächlich bleibt in Uhr ohne Zeiger nichts. Der Titel sagt es ja auch schon: Diese Uhr ist defekt, oder vielmehr, diese Uhr ist keine Uhr, sie ist ein Symbol des Nichts. Und dieses Nichts verschlingt irgendwann alles. Der Nächste im mitleidlosen Abgrund wird der übergewichtige Richter sein, sein Apoplex ist nur mehr eine Frage von Stunden. Aber auch das ist letztlich belanglos, denn wen wird’s kümmern in einer Welt, in der es Stunden eigentlich nicht mehr gibt, da es keine Uhrzeiger gibt?

Der Roman erschien 1961. Seitdem ist mehr als ein halbes Jahrhundert verstrichen. Und vermutlich werden die Meisten, wenn sie denn McCullers lesen, ihre Diagnose bejahen. Ja, Atome, brütende Egos in ihren Kokons, »Zigeuner am Rande des Universums (…), das für seine (des Menschen) Musik taub ist und gleichgültig gegen seine Hoffnungen, Leiden oder Verbrechen« (Jacques Monod), das sind wir.

Nein, das sind wir nicht. Oder vielmehr, wir sind es genau dann, wenn wir die Urbeziehung kappen, die Beziehung zu unserem Schöpfer.

Malone, kurz vor seinem Ende, beginnt plötzlich über seine unsterbliche Seele zu räsonieren. Könnte es sein, daß es diese unsterbliche Seele gibt? Und wenn ja, was geschieht mit ihr?

Ein protestantischer Pastor wird’s wohl wissen. Also macht sich Malone auf zu ihm und fragt ihn. Doch es ist symptomatisch für die Krise der totalen Einsamkeit, daß der Pastor genauso ratlos ist wie sein Fragesteller. Die Frage nach der unsterblichen Seele versandet in banalen, nichtssagenden Allerweltsfloskeln. Und um dem absurden Theater die höhnische Krone aufzusetzen, entläßt der Pastor sein Schäfchen mit den Worten: »Ich freue mich, daß Sie vorbeigekommen sind. Meine Pfarrkinder sind mir jederzeit willkommen, wenn sie über spirituelle Fragen sprechen wollen.«

McCullers, wie man sieht, leistet ganze Arbeit. Es darf kein Halt bleiben. Kein Trost. Kein Angelpunkt, kein noch so zarter Ariadnefaden, der aus dem Nichts hinausführen könnte. Die unsterbliche Seele bleibt als kurioses Lexem in der Luft hängen, gleichfalls allein.

Aber wie gesagt, das ist die verzweifelte Perspektive des Mädchens mit den großen Augen, das Carson McCullers heißt. Der Apostel Paulus hat keinen Roman geschrieben, lediglich Briefe. Aber Paulus kommt zu einem ganz ganz anderen Resultat.

Im Römerbrief schreibt er: »Keiner von uns lebt sich selber, und keiner stirbt sich selber: Leben wir, so leben wir dem Herrn, sterben wir, so sterben wir dem Herrn. Ob wir leben oder ob wir sterben, wir gehören dem Herrn« (14,7f).

Das schreibt kein frommer Blinder, sondern ein Sehender. Einer, der zu dem lebendigen Gott gefunden hat. Wenn dies geschieht – gleich ob durch einen Sturz vor Damaskus oder durch eine große Liebe oder durch eine wahre Lektüre –, dann ändert sich alles, auch die Einkapselung. Dann ist der Schmetterling frei. Der Kokon liegt hinter einem. Dann beginnen die Berührungen. Die Beziehungen, die echten. Mitten im Universum. Denn dann hat die Uhr Zeiger und die Zeit ist erfüllt.

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Freitag, 5. Mai 2017

Lumen Christi. Und das Mikrophon

»Es war kurz nach der Erneuerung der Osternacht durch Papst Pius XII. Im Münsteraner Dom zelebrierte der Dompropst die Zeremonien der Feuerweihe vor dem Tor des Doms und des feierlichen Einzugs der Osterkerze in die Kirche. Ich war mit vielen Gläubigen in der Kirche geblieben und erwartete in der Stille des dunklen Kirchenschiffs den Einzug mit dem dreimaligen Gesang des Lumen Christi.

Aber die Stille wurde beendet durch einen Lautsprecher, der die Gebete des Priesters am Feuer draußen in den Innenraum übertrug. Ich war schockiert und schrieb dem Dompropst, daß es in dieser Zeremonie eben ein Drinnen und ein Draußen gibt und daß es dem Geist der Liturgie ganz zuwider sei, räumliche Unterschiede, die zugleich symbolischen Charakter haben, durch einen Lautsprecher zum Verschwinden zu bringen. Es sei auch überhaupt nicht nötig, daß jeder alles, was irgendwo im Rahmen der Liturgie gesprochen wird, auch am anderen Ende des Gotteshauses lückenlos hört.

Der Propst, der berühmte Domprediger Donders, eine verehrungswürdige Gestalt, antwortete mir, mein Einwand habe ihn überzeugt und er werde künftig den Einsatz des Mikrophons während dieser Feier unterlassen.«
Aus: Robert Spaemann, Über Gott und die Welt. Eine Autobiographie in Gesprächen, Stuttgart 2012, 57 – ein Beispiel, so Spaemann, »für den mich bedrückenden Einbruch der virtuellen Welt und der schleichenden Virtualisierung der realen (…)«

Am heutigen Tag wird Robert Spaemann 90. Wir gratulieren.

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