Samstag, 12. Oktober 2019

Ich kenne im Leben


»Ich kenne im Leben nur eine einzige Schwierigkeit:
Den Vollzug der Wahrheit, Wahrhaftigkeit.«

Reinhold Schneider
(1903 - 1958)


Grafik: www.baden-baden.de

Samstag, 5. Oktober 2019

JA

Der Titel der Erzählung lautet Ja.

Erstveröffentlichung 1978. Eine der späteren Auflagen kommt in schwarzer Buchhülle daher, und in weiß steht der nackte Titel: Ja.

Man muß kein Germanist sein, um zu wissen, daß die Vokabel ja eine der Affirmation ist. Die kürzeste Art der Bejahung überhaupt. Wer ja sagt, bejaht.

Das Heimtückische an Thomas Bernhards Erzählung besteht aber nun gerade darin, daß er seine Obsession der Auslöschung naturgemäß bis zur Übertreibung treibt. Selbst das Ja muß zunichte gemacht werden. Denn die Vokabel der Bejahung verkehrt Bernhard ins genaue Gegenteil, zum Kürzel der Annihilation. Die Erzählung endet mit den Worten: »(…) «daß ich sie, die Perserin, ganz unvermittelt und tatsächlich in meiner rücksichtslosen Weise gefragt hatte, ob sie selbst sich eines Tages umbringen werde. Darauf hatte sie nur gelacht und Ja gesagt.»

Manche mögen diese semantische Verdrehung eine Pointe nennen, manche einen genialen literarischen Coup. Tatsächlich ist sie – ante diem - die Abbreviatur der modernen Wirrnis. In einer Welt, die zunehmend das Oben nach Unten kehrt und das Unten nach Oben, in der das Gute böse genannt wird und das Böse sich als glitzerndes Gutes präsentiert, in einer Welt, die der Propaganda eher folgt als dem nüchternen, sachlichen Wort, in einer solchen kopfstehenden Welt wird systematisch das exerziert, was bereits Bernhards Titel vorgibt: Daß man den nackten Herzwörtern und ihren Inhalten zu Leibe rückt, bis von den lebensstiftenden Bejahungen nichts mehr übrigbleibt als die tödliche Verneinung. 

Wäre es nach Thomas Bernhard gegangen, hätte die optische Aufmachung des Buches seinerzeit wie folgt ausschauen sollen: Weißer Umschlag, schwarze Schrift, mit schwarzem Streifen unter dem Titel. Es wäre wie eine Trauer- Und Todesanzeige gewesen, so daß von Beginn an bis zum bitteren Ende der Leser gleichsam eingetaucht gewesen wäre in die suizidale Verdrehung.

Seit der Erstausgabe der Erzählung Ja sind über vierzig Jahre vergangen. Der Schock des ersten Lesens, damals, ist vermutlich heute keiner mehr. Denn der Anschlag auf das Ja, in welcher Ausprägung immer, zumal der Anschlag auf das Ja zum Leben, ist seitdem Standard und Mode. Und Bernhard wurde der verhätschelte Feuilletonliebling etlicher Anschläge. 

Und doch hat derselbe Bernhard, der in seiner Erzählung der Bejahung den Boden unter den Füßen wegzieht, am Beginn seines Ruhms (datiert 12. XI. 62), einen Text mit dem Titel Zwei Freunde geschrieben, der, erst posthum veröffentlicht, einen der beiden Protagonisten fragen läßt:  »(...)kann ein Mensch sein in jeder Beziehung? Und er bejate. Und er bejate das immer wieder damals (...)«.

Und er bejate.

Das ist der Bernhard, der es besser wußte. Damals. In der Freundschaft. 1962.

Freitag, 27. September 2019

Der endgültige Kampf


»Wir stehen heute vor der größten Schlacht, die die Menschheit je gesehen hat. Ich denke nicht, daß die christliche Gemeinschaft das schon ganz begriffen hat. Wir befinden uns heute im endgültigen Kampf zwischen der Kirche und der Anti-Kirche, zwischen dem Evangelium und dem Anti-Evangelium.«

So Kardinal Karol Wojtyła, der spätere Papst Johannes Paul II., am 9. November 1976.

Seinerzeit mögen etliche diese Aussage des Kardinals für überzogen gehalten haben. Was meinte er nur? Schließlich war Europa ein prosperierender Kontinent, die Weltwirtschaft florierte, der Zweite Weltkrieg lag Dezennien zurück.

Aber der Kardinal ließ sich nicht beirren.

Während seines Pontifikats faßte Johannes Paul II. die Schlacht, von der er sprach, in die Begriffe, die seitdem zu den präzisen Kennmarken der beiden sich bekämpfenden Lager geworden sind: Hier die Kultur des Lebens, dort die Kultur des Todes.

Und auch da protestierten die notorischen Protestler. Dies sei die obsolete Rhetorik der katholischen Kirche. Die Moderne wisse es besser, schließlich sei die Moderne der Hort und die Garantie von Toleranz und Liberalität.

Johannes Paul II. starb 2005. Seine Diagnose bleibt, unangefochten. Wer eines Beweises bedarf, sollte – unter anderen multiplen Beweisen – mal über diese rezente Begebenheit nachdenken:

Soeben hat New South Wales, ein Bundesstaat im Südosten Australiens (mit Sydney als Hauptstadt), ein Abtreibungsgesetz verabschiedet, das im Grunde die Abtreibung des ungeborenen Kindes bis zur Geburt gestattet.

Und was geschieht im Parlament, wo dieses mörderische Gesetz beschlossen wird?

Pro-Abtreibungspolitiker fallen sich um den Hals, umarmen einander, beglückwünschen sich und jubeln.

Haben wir wirklich verstanden, was uns die Nachrichten da präsentieren? Die Tatsache, daß nun Kinder bis zur Geburt getötet werden können, ist für gewählte Volksvertreter Grund zu Jubel und Applaus und Glückwünschen. Eine Umarmung – Gebärde der Zuneigung und Nähe – wird pervertiert zu einer Geste des Grauens.

»Wir stehen heute vor der größten Schlacht, die die Menschheit je gesehen hat. Ich denke nicht, daß die christliche Gemeinschaft das schon ganz begriffen hat. Wir befinden uns heute im endgültigen Kampf zwischen der Kirche und der Anti-Kirche, zwischen dem Evangelium und dem Anti-Evangelium.«
Der Sieger in diesem Kampf - lassen wir uns nicht beirren - ist Derjenige, der derselbe ist, gestern, heute und in Ewigkeit: Christus. Er hält die Arme offen für die wahre Umarmung.

Grafik: Photo by Robert Nyman on Unsplash

Samstag, 21. September 2019

Die grünen Auen, die Todesschatten und das Haus des Herrn


Eine Umfrage würde wahrscheinlich ergeben, daß der Psalm 23 (Vulgata 22) zu den beliebtesten Gebeten der Kirchgänger zählt.

Der Herr ist mein Hirte. Und nicht nur das. Er führt mich zu den grünen, saftigen Wiesen, Er schenkt mir Ruhe, Er erquickt mich, Er deckt mir den Tisch.

Wunderbar. Was will man mehr.

Aber vielleicht ergeht es uns so, wie es einstens Card. Newman (der heuer am 13. Oktober heiliggesprochen wird) seinen Zeitgenossen diagnostizierte, mehr als einhundert Jahre vor unserer Zeit:

»Was ist jetzt die Religion der Welt? Sie hat die lichtere Seite des Evangeliums aufgegriffen, seine Botschaft des Trostes, seine Gebote der Liebe; alle dunkleren, tieferen Ansichten von der Lage des Menschen und seinen Aussichten sind vergleichsweise vergessen. Das ist die einem zivilisierten Zeitalter natürliche Religion, und geschickt hat Satan sie aufgezogen und vollendet zu einem Trugbild der Wahrheit.«

Wir wollen das Sanfte, das Liebliche, das durch und durch Konfliktfreie. Und weil wir so erpicht sind auf die grünen Augen, die kein Wässerchen trüben darf, radieren wir aus, was dem Lieblichen in die Quere kommt.

Da macht uns nun gerade der idyllische Psalm 23 einen Strich durch die Rechnung. Denn in ihm plätschern nicht nur die Wasser der Erquickung, in ihm werden auch die dunkleren, tieferen Ansichten der Lage des Menschen zur Sprache gebracht.

Denn in der Mitte dieses großen Gebetes drohen schlagartig die Schatten des Todes (so die kräftigere Fassung der Vulgata: in medio umbrae mortis). Und die friedliche Atmosphäre ist eine offensichtlich bedrohte, denn sie ist den Feinden abgerungen, denen, die den Beter bedrängen.

Fatal wäre es, wenn diese dunklen Seiten des Psalms unterschlagen oder routinemäßig überlesen und vergessen würden. Das hieße aus dem Gebet eine billige Vertröstung machen. Die Heilige Schrift jedoch – wie könnte es auch anders sein – entzieht sich jedem Trugbild der Wahrheit.

Es stimmt schon: Der Herr ist mein Hirte. Und es gibt die grünen Auen. Und der Herr will uns in die Ewigkeit führen, in das Haus des Herrn. Doch der Gang in dieses Haus ist ein mit Mühen und Kämpfen beladener. Auch die Züchtigung, die uns überhaupt nicht schmeckt, wird es auf diesem Gang geben, denn der Stab des Hirten ist nicht nur der wegweisende Halt, auch nicht nur die Waffe gegen die Wölfe, sondern bei Bedarf das Mittel, um uns, die Irregehenden, zu züchtigen und auf den rechten Weg zurückzubringen.

Wer dies bejaht, der hat es gut. Der ist umgeben von der Süße der Verheißung.

Denn auch dies gehört zur Größe dieses Gebetes: Die Todesschatten dräuen nicht zu Beginn, sondern sind eingebettet in den strahlenden Anfang und das aufatmende Ende. Der Beter, der bejaht, braucht keine Angst zu haben. Er ist tatsächlich geborgen. Der Sieger ist der Hirte. Dem Schaf obliegt es, die Bedingungen dieses Hirten, der bekanntlich nicht auf einer Wiese, sondern am Kreuz gesiegt hat, anzunehmen.

Grafik: Photo by Adrian Dascal on Unsplash

Samstag, 14. September 2019

Jetzt mußt du dich vorbereiten


»Ich habe einmal in der Sowjetunion mit einem Mönch gesprochen und ihn gefragt, wie man sich als Komponist bessern könne. Er antwortete mir, er wisse dafür keine Lösung. Ich erzählte ihm, daß ich auch Gebete schriebe, Musik zu Gebeten oder Psalmtexten, und daß dies mir als Komponist vielleicht helfen könne. Darauf sagte er: Nein, du irrst dich. Alle Gebete sind schon geschrieben. Du brauchst keine mehr zu schreiben. Das ist alles vorbereitet. Jetzt mußt du dich vorbereiten. - Ich glaube, darin steckt eine Wahrheit. Wir müssen damit rechnen, daß unsere Lieder eines Tages ein Ende nehmen. Vielleicht kommt auch für den größten Künstler der Moment, in dem er nicht mehr Kunst machen will oder muß. Und vielleicht schätzen wir gerade dann sein Schaffen noch höher ein; weil es diesen Augenblick gegeben hat, in dem er über sein Werk hinausgelangt ist.« Arvo Pärt, estnischer Komponist
Grafik:  
Michelangelos letztes Werk, Rondanini Pietà, Ausschnitt. wikicommons

Freitag, 6. September 2019

P. Pio III

Seelen zu retten, ist kein geschmackvoller Zeitvertreib.

Aus etlichen Augenzeugenberichten weiß man, daß der Heilige von San Giovanni Rotondo mit einer verzärtelten Seelsorge nichts anzufangen wußte. Pönitenten - was durchaus keine Seltenheit war – wurde von Pater Pio die Absolution verweigert, weil sie mangelhaft disponiert waren, fehlende Reue an den Tag legten oder aus Neugierde zum heiligen Pater gekommen waren. Schroffheit in der Wortwahl war an der Tagesordnung.

Selbst Mitbrüdern und Nahestehenden des Heiligen waren die harschen Ermahnungen, Schelten und Hinausschmisse des Padre bisweilen zu deftig oder zu wenig zartfühlend.

Ein Biograph schreibt diesbezüglich: »Oft waren P. Pios Stellungnahmen gegen die Überschreitung der göttlichen Gesetze so hart, daß seine Begleiter sich eine sanftere, verständnisvollere Linie gewünscht hätten.«

Aber was verstehen wir schon von der Leidenschaft des Heiligen, Seelen zu retten? Während wir von Achtsamkeit und attraktiver Kirche und Nettsein als den pastoralen Shibboleths plaudern, vergießt der Heilige sein Blut.

Als ein Mitbruder des Stigmatisierten sich einmal wundert »über die Strenge des Paters, anläßlich einer kompromißlosen Stellungnahme gegen die Sünde der Abtreibung«, entgegnet der Heilige im Blick auf das Volk Gottes, welches allzu oft von seinen Hirten im Stich gelassen wird:

»Weißt du, wo das Problem liegt? Unsere Kirchgänger, die keine Strafpredigt brauchen, verwöhnen wir mit guten Worten und überflüssigen Ratschlägen, und die, die etwas Licht bräuchten, lassen wir im Stich, ohne das Allernötigste für ihre Rettung. Die brüderliche Strenge ist mehr wert als alle Nettigkeit der Welt.«

Grafik: Pater Pio in jungen Jahren. wikicommons.
Lit.: Der Padre. Der hl. Pio von Pietrelcina. Die Mission, Seelen zu retten. Augenzeugenberichte I. San Giovanni Rotondo 2010.

Freitag, 30. August 2019

Zum Beispiel: Die Hochzeit des Figaro


Vielleicht ist die berührendste Szene im Film Die Verurteilten diejenige, als der unschuldig verurteilte Andy Dufresne eines Tages im Gefängnis von einem der Gefängniswärter damit überrascht wird, daß die von Dufresnes in den letzten sechs Jahren erfolgten Bittgesuche an Wohltätigkeitsvereine beantwortet worden wird – im Büro des Wärters stehen plötzlich Kisten mit Geschenken an die Gefangenen. Und Andy wird beauftragt, schnellstmöglich das Gelieferte wegzuschaffen.

Und jetzt kommt‘s.

Andy, allein im Büro, schaut sich die geschickten Schätze an und entdeckt unter anderem eine Schallplatte von Mozarts Hochzeit des Figaro. Er nimmt die Platte aus der Hülle und legt sie zum Abspielen auf den Plattenspieler, der sich im Büro befindet

Aber nicht nur das.

Er verschließt schließlich die Bürotüre und stellt die Lautsprecheranlage derart um, daß alle im Gefängnistrakt – vergleichbar einer offiziellen Verlautbarung – mithören können, was da abgespielt wird: Mozarts herrlicher Gesang.

Es dauert nicht lange, bis der wütende Gefängnisdirektor samt Personal an die verschlossene Bürotüre hämmert und Andy anbrüllt, er solle die Türe öffnen und das Gerät abstellen. Aber Andy macht genau das Gegenteil, er dreht die Lautstärkeregler noch einmal höher, damit auch wirklich jeder der Gefangenen die wunderbaren Töne zu hören vermag und in der grausamen Tristesse des Gefängnisalltags den geöffneten Himmel zu genießen vermag.

Exakt dies ist die Wahrheit der Kunst. Denn jede große Kunst sprengt die Gefängnisse, seien es die äußeren, seien es die inneren. Große Kunst führt in die Freiheit. Mozart führt in die Freiheit. Denn große Kunst ist Liebe.

Im Film kommentiert es der Erzähler folgendermaßen:

»Bis zum heutigen Tage weiß ich nicht, wovon die beiden italienischen Damen gesungen haben. Um die Wahrheit zu sagen, ich will‘s auch gar nicht wissen. Es gibt Dinge, die müssen nicht gesagt werden. Ich will annehmen, daß sie von etwas so Schönem gesungen haben, daß man es nicht in Worte fassen kann. Und daß es direkt ins Herz geht. Ich sage Ihnen, diese Stimmen sind höher gestiegen, als man je an so einem trostlosen Ort zu träumen gewagt hätte. Man hatte den Eindruck., als wäre ein wunderschöner Vogel in unseren freudlosen Käfig gefallen und hätte die Mauern zum Einsturz gebracht. Und für den Bruchteil einer Sekunde hatte jeder hier in Shawshank das Gefühl, frei zu sein.«

So ist es. Dem muß nichts hinzugefügt werden.

Samstag, 24. August 2019

Vango

Es ist eine mathematische Gleichung: Ein Buch für Kinder und Jugendliche ist dann und nur dann wirklich gut ist, wenn es auch ein Erwachsener mit großem Gewinn zu lesen vermag. Man mache die Probe mit Alice oder mit Emil oder mit dem Kleinen Hobbit oder mit Tom und Huck.

Oder mit Vango.

Timothée de Fombelle, der Verfasser des zweiteiligen Meisterwerks Vango (Teil I: Zwischen Himmel und Erde. Teil II: Prinz ohne Königreich) beherrscht die alte, schöne Kunst des Erzählens. Und die hat spannend zu sein, derart, daß der Leser mit Fieber und auch Bangen  wissen will, wie die Geschichte, die sich vor seinen Augen entrollt, enden wird.

Aber das ist nicht alles. Es genügt nicht, eine Fabel spannend und rhetorisch geschickt zu erzählen. Der gute Erzähler muß auch die guten Themen haben, die Themen, die jedes menschliche Leben angehen, die der gute Erzähler freilich so zu präsentieren weiß, daß sie das trockene, allzu menschlich-allgemeine Gewand ablegen und sich im Licht zeigen, im Licht der Kunst, die den dramatis personae gerecht werden und also wahr sein will.

Zum Beispiel: Wer bin ich?

Mithin die Frage nach der Identität des Einzelnen. Daß diese Frage keine nebensächliche ist, versteht sich von selbst. De Fombelles Buch ist befeuert von dieser Frage. Es ist die verzehrende Frage Vangos, damit zugleich die Frage nach dem geheimnisvollen Ursprung. Doch ist nicht jeder Ursprung geheimnisvoll?

Sodann die Frage nach dem Guten und dem Bösen. Dieser Frage kann kein Autor ausweichen. Eine der Hauptgestalten des Romans, der Mönch Zefiro, erlebt an einem Wendepunkt der Geschichte, »als er das Böse triumphieren sah«, die Versuchung, an der Macht des Bösen zu verzweifeln. Doch de Fombelle zeigt gleichfalls den Sieg über das Böse. Und es zeichnet ihn aus, daß er diesen Sieg noch im Untergang zeigt.


Und schließlich das Thema der Themen: Die Liebe. Gibt es die Liebe in einer Welt, in der getötet wird, in der die korrupte Macht regiert, in der ein Menschenleben wenig gilt? Gibt es, angesichts von Verwüstung und Verrat, die Liebe und die Treue und die Wahrheit und die Schönheit der erfüllenden Begegnung?

Am Ende von Vango ist der Leser beglückt. Wunderbar, wie die Fäden zusammenlaufen und der Gobelin sich enthüllt. Wunderbar, wie eine äußerst fruchtbare, frohe Fantasie - welche im übrigen die Tatsache widerspiegelt, daß, in den Worten Nietzsches, im echten Manne ein Kind versteckt ist, das spielen will - nicht dammbrechend über die Ufer tritt, sondern sich diszipliniert und zügelt, damit in dem opulenten Gemälde jedes Detail schließlich den ihm gebührenden Platz erhält. Und dies alles ohne krampfhafte Verbiegung, sondern in der spielerischen Kunst des Selbstverständlichen.

In einem Interview wiederholt de Fombelle mit insistierender Emphase, daß er versucht, nicht zu lügen. J'essaie de pas mentir.

Chapeau, Monsieur de Fombelle!