Mittwoch, 30. November 2016

»Wie heißt du?«

Die Kirche ist voll. Der Pastor auf der Kanzel. Es ist zehn Uhr am Sonntag.



Und alles könnte so normal sein, wenn da nicht die Eisenbahngleise wären, die ausgerechnet hinter der Kirche vorbeiziehen. Und ausgerechnet zum Sonntagsgottesdienst muß jeden Sonntag ein Zug vorbeifahren und die sonntägliche Andacht stören.

Man ist bereits daran gewöhnt. Man weiß, nach kurzer Zeit ist der Spuk vorbei, und die Andacht geht ihren gewohnten Gang.

Nur einmal, da ist es anders. Der Zug bleibt stehen, exakt bei der Kirche. Aber damit nicht genug. Es sind plötzlich Schreie zu hören, unüberhörbare Schreie. Verzweifelte Schreie. Hilfeschreie.

Der Zug ist offensichtlich kein normaler Zug. Was macht man gegen diese verstörenden Schreie?

Genau. Der Prediger predigt lauter. Man muß die Feinde lieben, so das Thema der Sonntagspredigt. Aber die Gläubigen sind in Unruhe. Manche stehen von ihren Bänken auf. Andere sind entsetzt. Das Schreien von draußen ist nicht wegzuleugnen.

Gott sei Dank gibt es die sonntägliche Schola, und die kann doch zu singen anfangen. Aber anders als an den gewöhnlichen Sonntagen muß sie heute etwas lauter singen, schließlich gilt es, diese schrecklichen Schreie zu übersingen, damit die Welt wieder in Ordnung ist.


Doch ein Zehnjähriger spielt nicht mit. Er singt nicht mit. Er verläßt den Raum und geht nach draußen. Er geht zu einem der Waggons mit den eingepferchten, schreienden Menschen. Ein junges Mädchen schaut ihn zwischen einer Bretterlücke an. »Wie heißt du?«, fragt sie den Jungen, der schweigt und schaut und still weint …

Eine wahre Geschichte. Erzählt aus der Perspektive eines alten Mannes, der sich in seinen Alpträumen immer wieder an diese Szene erinnert: Er, als junger Bursche, vor den Augen des eingepferchten jungen Mädchens: »Wie heißt du?«

Das war’s? Noch ein Kurzfilm über 1944?

Nein. Denn der Film handelt von damals und heute. Dazu freilich muß man Sing a little louder (Sing ein bisserl lauter), so der Titel des Films, ganz anschauen.

Dann versteht man auch besser das Wort von Dietrich Bonhoeffer, welches die Filmemacher inspirierte:
»Schweigen im Angesicht des Bösen ist selbst böse: Gott wird uns nicht als schuldlos betrachten. Nicht zu sprechen ist sprechen. Nicht zu handeln ist handeln.«

Freitag, 25. November 2016

Pater Pio II

Warum ist das Knien eine urmenschliche, durch und durch personale Gebärde? – Weil der Mensch, indem er sich zur Erde niederbeugt, mit seinem Leib bekennt, daß er aus Staub gebildet ist, aus Lehm. Und damit anerkennt der Mensch, daß er Geschöpf ist und also sein Leben dem Größeren verdankt – Gott, dem Schöpfer.

Dies vorausgeschickt, leuchtet ein, daß derjenige, der die Unperson schlechthin ist – in den Worten der Heiligen Schrift: der Mörder von Anbeginn (Joh 8,44) – eben die kennzeichnende Gebärde des Knieens verweigert, um derart seine zwanghafte Revolte gegen den Schöpfer endlos stupide zu reproduzieren.

Pater Pio, der heilige Kapuzinermönch, erzählt diesbezüglich eine bezeichnende Geschichte. Der heilige Pater spricht von »einem einfachen Priester«, aber es ist wohl bekannt, daß dieser einfache Priester zugleich eine Erfahrung weitergibt, die Pater Pio selbst zuteil wurde.

Der Bericht des Heiligen lautet:
»Ich habe in einem Buch von einem einfachen Priester gelesen, der in der Sakristei Beichte hörte. Plötzlich trat ein Mann ein, um die vierzig, mit schwarzen Augen, grau meliertem Haar, dunkler Jacke und gestreiften Hosen. Er überholte alle Wartenden, trat vor den Beichtvater hin und blieb stehen. Der Priester forderte ihn auf, niederzuknien. Der Mann erwiderte: ›Ich kann nicht!‹

Der Priester dachte, er könne krankheitshalber nicht knien und fragte sogleich nach den begangenen Sünden. Der Mann zählte so viele Sünden auf, daß es schien, als ob er alle Sünden dieser Welt begangen hätte. Nachdem der Priester diesem seltsamen Pönitenten die entsprechenden Ratschläge erteilt hatte, forderte er ihn erneut auf, wenigstens sein Haupt etwas zu neigen, da er ihm die Lossprechung erteilen wolle.

Aber der Mann erwiderte wieder: ›Ich kann nicht!‹

Daraufhin sagte der Priester: ›Mein Freund, wenn du am Morgen die Hosen anziehst, beugst du da nicht auch den Kopf ein wenig nach unten? Ja oder nein?‹

Der Mann schaute den Priester empört an und antwortete: ›Ich bin Luzifer, in meinem Reich beugt man sich vor nichts und niemandem.‹«
Und Pater Pio beschließt seinen Bericht mit den Worten:
»Wenn sich Luzifer und die Dämonen noch nicht einmal vor Gott beugen können, dann wird es ihnen erst recht nicht möglich sein, jemals ins Paradies einzutreten.«

Grafik:   Pierino Galeone, Pater Pio – mein Vater, Kisslegg 22011, 74.

Donnerstag, 17. November 2016

Pater Pio I


Die hl. Mutter Teresa sagte bekanntlich:
»Ich habe eine Überzeugung, die ich Ihnen allen mitteilen möchte: Der größte Zerstörer des Friedens ist heute der Schrei des unschuldigen, ungeborenen Kindes.«
Der hl. Pater Pio gab auf eine Frage von Prof. Francesco Lotti die Antwort:
»Ein Tag ohne Abtreibung würde genügen, und Gott würde der Welt Frieden schenken bis ans Ende der Tage.«
Das sind die Antworten der Heiligen.

Grafik:   www.mysticsofthechurch.com

Mittwoch, 9. November 2016

Priestertum und Lebensschutz

Priestertum und Lebensschutz gehören untrennbar zusammen. Wie könnte es auch anders sein, hat doch Jesus Christus selbst, der Hohepriester, von sich gesagt: ICH bin das Brot des Lebens (Joh 6,35). Der Priester, der alter Christus, steht in der Nachfolge dieses Ich-Bin-Bekenntnisses. – Einige grundsätzliche Anmerkungen zu Priestersein und Lebensschutz von Father Frank Pavone, Direktor von Priests for Life.

1.   Unser Dienst für die ungeborenen Kinder im Mutterleib ist nicht etwas, was zu unserem Dienst als Priester, den wir bereits ausüben, dazukäme oder gar von ihm losgelöst sei. Das Evangelium von Jesus Christus ist identisch mit dem Evangelium des Lebens. Die Erhöhung des Menschen bis in die Höhen des Himmels ist die Hoffnung, die wir der Menschheit anbieten. Es ist unmöglich, diese Hoffnung anzubieten und zugleich die Probleme zu ignorieren, die eben diese Menschheit entwürdigen und zerstören.

2.   Die Abtreibungsgewalt zerstört mehr Menschenleben in dieser Welt als alles andere. Weltweit werden jedes Jahr etwa 42–50 Millionen Kinder durch Abtreibung getötet. Weder Kriminalität noch Krankheit, weder Naturkatastrophen noch Kriege, noch terroristische Handlungen, noch Armut, noch Aids fordern mehr Opfer.

3.   Die Abtreibung ist nicht nur eine Sünde gegen das Leben, sie ist eine Sünde gegen die Hoffnung. Frauen treiben nicht ab, weil sie die »Freiheit der Wahl« haben, sondern vielmehr weil sie das Gefühl haben, keine Freiheit und keine Wahl zu haben. Es ist nicht Freiheit, sondern es ist die zwingende Macht der Verzweiflung, die Frauen und Männer in die Abtreibungsstätten treibt. Unsere Aufgabe besteht folglich nicht darin, ihnen ihre »Rechte« zu nehmen, sondern ihre Verzweiflung. Die Kirche bietet Hoffnung und spricht zu ihnen dieselben Worte, die Jesus zu uns allen spricht: »Ich bin bei dir.«

4.   Indem man für das Leben ist, ist man für die Frau. Diejenigen, die die Abtreibung unterstützen, versuchen der Öffentlichkeit weis zu machen, daß sie auf der Seite der Frau stehen, während wir zum Baby halten. Aber der tatsächliche Unterschied zwischen den beiden Seiten der Auseinandersetzung besteht darin, daß jene sagen, man könne Mutter und Kind trennen, wir dagegen sagen: das ist unmöglich. Mutter und Kind sind unzertrennbar füreinander bestimmt. Zerstört man das Kind, zerstört man auch die Mutter; indem man dem Kind dient, dient man auch der Mutter. Die Lebensrechtsbewegung sagt: »Liebt sie beide!«

5.   Unsere Solidarität mit der Frau führt uns dazu, Alternativen zur Abtreibung anzubieten. Indem die Kirche mit den Lebenszentren, wo Schwangerschaftsberatung angeboten wird, weltweit zusammenarbeitet, vermag sie das größte Leuchtfeuer der Hoffnung zu werden, derart, daß die Menschen einsehen, sie brauchen nicht ihre Kinder zu zerstören, um ihre Probleme zu lösen.

6.   Diese Solidarität mit der Frau erstreckt sich auch auf diejenigen, die bereits eine Abtreibung hinter sich haben. Das Evangelium des Lebens ist das Evangelium der Barmherzigkeit. Die Hoffnung auf Barmherzigkeit gilt dabei gleichermaßen für Frauen und Männer, für all diejenigen, die ein Kind (oder Kinder) durch Abtreibung verloren haben, wie auch für diejenigen, die an der Abtreibung beteiligt waren. Der weltweite Dienst von Rachel’s Vineyard® (Rachels Weinberg®, vgl. Jer 31,15–17), unter der Schirmherrschaft von Priests for Life, organisiert jedes Jahr Hunderte von Heilungswochenenden. Dort finden Eltern und Familien von abgetriebenen Kindern zu innerem Frieden, zur Versöhnung mit Christus und zur Versöhnung mit seiner Kirche.

7.   Wenn wir also über Abtreibung predigen, dann wollen wir zuerst über die Solidarität mit den Frauen vor und nach einer Abtreibung sprechen. Und dann wollen wir den Menschen zu verstehen geben, daß Abtreibung sie genauso betrifft, wie Armut, Krankheit und Krieg sie betreffen. Warum mischen wir uns ein, wenn Menschen von diesen Dingen betroffen sind? Weil sie unsere Brüder und Schwestern sind. Ebenso sind die Kinder, die durch Abtreibung getötet werden, unsere Brüder und Schwestern. Ebenso sind es die Mütter und Väter, die Hoffnung und Kraft brauchen, um ja zum Leben zu sagen.

8.   Jede kirchliche Lehre, jedes Sakrament und jede Zeit im Kirchenjahr kann mit unserer Pflicht verknüpft werden, menschliches Leben zu verteidigen. Jesus spricht zum Beispiel in der Eucharistiefeier vier Worte, welche der Welt das Leben spenden; doch die Kultur des Todes verdreht dieselben Worte, um die Gewalt zu rechtfertigen: »Das ist mein Leib.« Die Befürworter der Abtreibung sagen: »Dies ist mein Körper. Ich kann mit ihm machen, was ich will, auch wenn dabei mein Baby umkommt.« Jesus dagegen sagt: »Das ist mein Leib, der für euch hingegeben wird, damit ihr das Leben habt.«

Die Eucharistie ist in der Tat der Sieg des Lebens über den Tod, wodurch die Macht des Todes – und damit auch der Abtreibung – überwunden wird. Darum ist es für uns Priester nicht nur angemessen, darüber zu predigen, sondern wir sollen sogar mit der absoluten Überzeugung predigen, daß der Kampf fürs Leben bereits gewonnen ist und daß wir der Abtreibung ein Ende bereiten können, indem wir diesen Sieg des Lebens verkünden, feiern und dienend verwirklichen.

Grafik:   www.alte-messe.de

Donnerstag, 3. November 2016

Widerstand IV – Wir

Welches sehr einfache Mittel ist uns gegeben, für die Kultur des Lebens zu kämpfen?

Die Antwort lautet: Das Ave Maria.

Wie ist das zu verstehen?

Dazu muß man einen Blick in die theologische Überlieferung werfen. Danach ist der Sündenfall im Paradies nicht die erste, sondern die zweite Katastrophe. Das theologische Nachdenken über das Geschehen im Paradies und das Versagen von Adam und Eva führt zu der schlüssigen Annahme, daß bereits vor dem Sündenfall eine Abfallbewegung im himmlischen Bereich stattfand.

Wie das?

Tatsache ist, daß Gott zu einem bestimmten Zeitpunkt in der Weltgeschichte Mensch wird, so wie wir es im großen Glaubensbekenntnis bekennen: … hat Fleisch angenommen durch den Heiligen Geist von der Jungfrau Maria und ist Mensch geworden. Diesen göttlichen Entschluß – so nun die theologische Überlegung – hat Gott vor unvordenklichen Zeiten den Bewohnern des himmlischen Äons mitgeteilt. Und genau da geschieht die erste Katastrophe.

Luzifer und sein Anhang gehen in den Protest. Sie sagen nein. Nein zum Plan Gottes. Nein zur Menschwerdung der zweiten göttlichen Person, nein zur Fleischwerdung Jesu Christi. Denn zum Plan dieser Menschwerdung gehört zugleich ein junges jüdisches Mädchen namens Maria. Und das bedeutet in Folge, daß Luzifer, der hochstehende Engel, vor diesem jungen Mädchen als der designierten Königin der Engel das Knie zu beugen hat.

Der Stolz als die kapitale Sünde des Menschen ist präfiguriert in der Revolte Luzifers und seiner Abtrünnigen. Wir wissen aus dem letzten Buch der Heiligen Schrift, wie diese luziferische Revolte endete: »Da entbrannte im Himmel ein Kampf; Michael und seine Engel erhoben sich, um mit dem Drachen zu kämpfen. Der Drache und seine Engel kämpften, aber sie konnten sich nicht halten, und sie verloren ihren Platz im Himmel. Er wurde gestürzt, der große Drache, die alte Schlange, die Teufel oder Satan heißt und die ganze Welt verführt; der Drache wurde auf die Erde gestürzt, und mit ihm wurden seine Engel hinabgeworfen« (Offb 12,7ff).

Verständlich wird nun das Weitere: In alle Ewigkeiten – denn Luzifer und sein Gefolge sind auf ewig Verdammte – weigert sich der Widersacher, Maria auch nur zu grüßen. Der englische Gruß des treuen Erzengels Gabriel ist Luzifer verhaßt. Gegrüßet seist du, Maria – diese Worte werden nie über die Lippen Luzifers kommen.

Das aber heißt für uns: Jedesmal, wenn wir das Ave Maria beten, widersagen wir dem Satan und all seiner Verlockung. In einer entschiedenen und zugleich einfachen Weise widersetzen wir uns der verführerischen Macht der Kultur des Todes, die der Widersacher ist, und wählen stattdessen betend die Schönheit der Kultur des Lebens. Wir wählen Maria.

Pater Buob konnte daher pointiert sagen, daß das Ave Maria im Grunde »der kürzeste Exorzismus« ist, »ein befreiendes Gebet«.

Grafik:   Wien, Michaelerkirche, Portal, Erzengel Michael, wikicommons©Andreas Praefcke