Samstag, 1. August 2026

 Der Blender

Wer kennt das nicht? Menschen, die Blender sind. Das können nächste Bekannte sein, das können Politiker, VIP’s, Künstler, Kleriker sein.

Und es ist immer wieder verblüffend festzustellen, wie hörig Menschen, zumal die saturierten Bürger, den Blendern auf den Leim gehen. Vielleicht deswegen, weil sich der Verführte aus Eitelkeit gerne verführen läßt, indem er wähnt, er habe so, als Verführter, Anteil am falschen Glanz des Blenders. Denn, notabene, der Blender versteht zu beeindrucken. Oft mit geschmackvollen petits fours, oft mit eleganten Schlagworten, immer wieder mit circensischer Akrobatik.

Man nehme Thomas Mann. Seit Jahrzehnten ist der Lübecker Senatorensohn das verhätschelte Objekt der Neueren Deutschen Literaturwissenschaft und des Feuilletons. Gleich ob Zauberberg oder Lotte in Weimar, man läßt sich hymnisch über die Sprachakrobatik des Literaten aus. Und da paßt es, daß seine Ehefrau den in der Familie gängigen Namen des Verwöhnten offenbart: Der Zauberer.

Ja, Thomas Mann, der Zauberer. Ein weißes Kaninchen nach dem anderen wird aus dem Zylinder hervorgezaubert. Nur: Was ist eigentlich in dem famosen Zylinder?

Wer hinschaut, tatsächlich hinschaut (J. H. Newman: »Jeder kann denken, nur disziplinierte, erzogene, geformte Geister können wahrnehmen.«), entdeckt: Nichts. Leere parodistische Worthülsen. Eitle ironische Verrenkungen. Ziselierte Petitessen. Nihilistische Pretiosen. Im Grunde bourgeoises, geschwätziges Nippes.

Da tut es gut, bisweilen auf couragierte Denker zu stoßen, die auf das Flötenspiel der Blender nicht hereinfallen. Theodor Haecker hat Thomas Mann schneidend entlarvt. Der Literaturwissenschaftler Walter Muschg desgleichen. Ein paar Sätze aus dessen Tragische Literaturgeschichte rücken die Maßstäbe zurecht. Darum seien sie hier zitiert:

»In der deutschen Literatur verkörpert Thomas Mann diesen geistigen Bankrott des Bürgertums unübertrefflich. (…) Er wollte von Anfang an als ein Meister des lächelnden Nichternstnehmens, der Ironie, genommen sein und sprach bezaubernd intelligent über alles, was die Lesermassen der letzten bürgerlichen Generation in Deutschland am liebsten hörten (…).
Seit dem Wegzug nach Übersee will dieser letzte Repäsentant des bürgerlichen Zeitalters nicht mehr als Deutscher, sondern als Amerikaner gelten. Die Entwurzelung befreite ihn von den Bedenken, die seinen Hang zur Anarchie noch eingeengt hatten, und er fand seinen wahren Stil: die Parodie. Er parodiert alles, was dem Bürger heilig ist: zuerst die Bibel, dann Goethe, dann die deutsche Musik, dann die mittelalterliche Legende. Die Parodie ist die List, mit der er sein Unvermögen verdeckt, die Sprache des Dichters zu reden. Er glaubt mit seiner Doppelzüngigkeit alle bisherigen Begriffe der Dichtung hinter sich zu lassen und ergötzt eine verlorene Welt, die seinen Glauben teilt, ohne ihr die Spur eines rettenden Gedankens zu geben (…).
Ein großer Erzähler ist ein Lebensstrom für sein Volk. Die Bücher Thomas Manns sind das letzte große Versäumnis der bürgerlichen deutschen Literatur. Künftige Leser werden an ihnen vor allem verstehen lernen, warum  das Deutschland, das er repräsentierte, vom Teufel geholt wurde.«
Grafik: Joseph Sharp auf unsplash.com