La grande illusion
oder:
Das Unauslöschliche
Sie ist wohl unausrottbar: Die Illusion des homo sapiens, es gäbe weiterhin den natürlichen Urzustand des Menschen, gleichsam den paradiesischen locus admirabilis, irgendwo, und nichts wäre schöner, als wenn der Mensch in diesem herbeigesehnten Ort wieder ansässig würde – jetzt und hier.
Künstler hingen dieser fatalen Illusion ebenfalls an. Etwa Paul Gauguin.
Er sucht das paradiesische Idyll in Panama, Martinique, und schließlich in der Südsee. Die Imagination gaukelt den ewigen sonnigen Tag vor. Mit wunderbaren Strandkulissen, kühlen Drinks, unbeschwertem Leben, reizenden Gespielinnen, geldlosem Tageintagaus. Unschuld über Unschuld. Das gute Leben. Die »glücklichen Bewohner«, so Gauguin über das vermeinliche ozeanische Paradies, »(...) kennen vom Leben nichts anderes als seine Süße. Für sie heißt Leben Singen und Lieben.«
Gauguins Desillusionierung kommt auf dem Fuße. Bereits in Martinique wird er von Malaria und Ruhr schwer in Mitleidenschaft gezogen. Die sonnige Südsee entpuppt sich schnell als salzige Bitternis. Die edlen Wilden sind Menschen aus Fleisch und Blut und also auch mit Krankheiten geschlagen. Das zurecht gezimmerte Bild des Künstlers hält der Prüfung durch die Realität nicht Stand. Der Tod ist auch in Tahiti anzutreffen. Eine junge Einheimische, mit der er zusammenlebt, bringt eine Tochter zur Welt, die bald darauf verstirbt. Geldsorgen, Verzweiflung, Syphilis, ein Suizidversuch – diese wenig malerischen Requisiten gehören zu Gaugins ozeanischem Alltag.
Seine Kunstagenten sind derweil sehr pragmatisch und zementieren zugleich auf ihre Art das polynesische Südseeidyll: Sie legen dem Künstler nahe, nicht in sein Heimatland zurückzukehren, ansonsten könnte es geschehen, daß sein wohlfeiles Porträt des ach so unschuldigen und freizügigen Malerlebens in die Brüche ginge, was selbstverständlich dem Verkauf seiner lauschigen Gemälde nicht gerade förderlich wäre. Die Utopie muß weitergehen, auch wenn sie wortwörtlich ein Ort ohne Ort ist.
Das Leben Paul Gauguins vergeht derweil im Ausweglosen, und es ist zu zerrissen, um daraus eine ironische Glosse zu machen. Hier lebt und stirbt ein fortwährend Gehetzter. Die Schuldigen sind die Anderen. Die weißen Europäer, die marode zivilisierte Welt, die Missionare, die bornierten Kunsthändler, die katholische Kirche.
Daß er zeitlebens einer Chimäre nachjagt, ist als Haltung so alt wie die Menschheit. Es ist der Starrsinn, der Münchhausen gleich sich selbst die Regeln des Lebens konstruiert. Das kommt einem heuzutage sehr bekannt vor. Denn konstruiert wird seit Jahren permanent. Gegen alle Vernunft und gegen jede bessere Einsicht. Der Zeitgenosse will die Tatsache sich nicht eingestehen, daß auch er, ob er will oder nicht, sich in einer Welt bewegt (und, notabene, es gibt keine andere Welt), die, wie die Theologie es ausdrückt, durch die Erbsünde infiziert ist.
Bei dem Wort Erbsünde freilich gehen die intellektuellen Bobos gleich an die Decke. Sünde generell ist abgeschafft. Maximal gibt es noch Diätsünden oder Verstöße gegen das Klima. Das war’s dann. Die nüchterne, wirklichkeitsgemäße Bestandsaufnahme des gebildeten katholischen Gewissens bleibt gleichwohl da, weil die Wahrheit da bleibt.
Der Mensch ist zwar gut geschaffen, aber seit dem verhängnisvollen Sündenfall der Stammeltern des Menschengeschlechts ist die Natur des Menschen angekränkelt. Von seinem Schöpfer eigentlich zu der wunderbaren Freiheit geschaffen, stets und überall das Gute zu wählen, was tatsächlich gleichbedeutend damit ist, der wahre Freie zu sein, zieht es der Mensch vor, immer wieder der Schwerkraft des Bösen nachzugeben. Und blind ist nicht der, der diese Tatsache sachlich feststellt, sondern der, der diese Tatsache leugnet.
Und da diese wahre Tatsache nicht auslöschbar ist, auch nicht auf Tahiti, scheint es uns ein Reflex des Unauslöschbaren, daß der Künstler Paul Gauguin in einem seiner späten Werke in das großformatige Tableau, in gelb leuchtender Farbe, die zentralen Fragen des Lebens hineinschreibt und dem Betrachter zumutet: D’où Venons Nous. Que Sommes Nous. Où Allons Nous (Woher kommen wir? Wer sind wir? Wohin gehen wir?).
Nach der Fertigstellung des Bildes versucht Gauguin, seinem Leben durch Arsen ein Ende zu setzen.
Dadurch werden die drei Fragen, einem Fanal gleich, nur um so brennender.
Grafik: wikicommons
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