Samstag, 4. Juli 2026

 La grande illusion

oder:

Das Unauslöschliche 

Sie ist wohl unausrottbar: Die Illusion des homo sapiens, es gäbe weiterhin den natürlichen Urzustand des Menschen, gleichsam den paradiesischen locus admirabilis, irgendwo, und nichts wäre schöner, als wenn der Mensch in diesem herbeigesehnten Ort wieder ansässig würde – jetzt und hier.

Künstler hingen dieser fatalen Illusion ebenfalls an. Etwa Paul Gauguin. 

Er sucht das paradiesische Idyll in Panama, Martinique, und schließlich in der Südsee. Die Imagination gaukelt den ewigen sonnigen Tag vor. Mit wunderbaren Strandkulissen, kühlen Drinks, unbeschwertem Leben, reizenden Gespielinnen, geldlosem Tageintagaus. Unschuld über Unschuld. Das gute Leben. Die »glücklichen Bewohner«, so Gauguin über das vermeinliche ozeanische Paradies, »(...) kennen vom Leben nichts anderes als seine Süße. Für sie heißt Leben Singen und Lieben.«

Gauguins Desillusionierung kommt auf dem Fuße. Bereits in Martinique wird er von Malaria und Ruhr schwer in Mitleidenschaft gezogen. Die sonnige Südsee entpuppt sich schnell als salzige Bitternis. Die edlen Wilden sind Menschen aus Fleisch und Blut und also auch mit Krankheiten geschlagen. Das zurecht gezimmerte Bild des Künstlers hält der Prüfung durch die Realität nicht Stand. Der Tod ist auch in Tahiti anzutreffen. Eine junge Einheimische, mit der er zusammenlebt, bringt eine Tochter zur Welt, die bald darauf verstirbt. Geldsorgen, Verzweiflung, Syphilis, ein Suizidversuch – diese wenig malerischen Requisiten gehören zu Gaugins ozeanischem Alltag.

Seine Kunstagenten sind derweil sehr pragmatisch und zementieren zugleich auf ihre Art das polynesische Südseeidyll: Sie legen dem Künstler nahe, nicht in sein Heimatland zurückzukehren, ansonsten könnte es geschehen, daß sein wohlfeiles Porträt des ach so unschuldigen und freizügigen Malerlebens in die Brüche ginge, was selbstverständlich dem Verkauf seiner lauschigen Gemälde nicht gerade förderlich wäre. Die Utopie muß weitergehen, auch wenn sie wortwörtlich ein Ort ohne Ort ist.

Das Leben Paul Gauguins vergeht derweil  im Ausweglosen, und es ist zu zerrissen, um daraus eine ironische Glosse zu machen. Hier lebt und stirbt ein fortwährend Gehetzter. Die Schuldigen sind die Anderen. Die weißen Europäer, die marode zivilisierte Welt, die Missionare, die bornierten Kunsthändler, die katholische Kirche.

Daß er zeitlebens einer Chimäre nachjagt, ist als Haltung so alt wie die Menschheit. Es ist der Starrsinn, der Münchhausen gleich sich selbst die Regeln des Lebens konstruiert. Das kommt einem heuzutage sehr bekannt vor. Denn konstruiert wird seit Jahren permanent. Gegen alle Vernunft und gegen jede bessere Einsicht. Der Zeitgenosse will die Tatsache sich nicht eingestehen, daß auch er, ob er will oder nicht, sich in einer Welt bewegt (und, notabene, es gibt keine andere Welt), die, wie die Theologie es ausdrückt, durch die Erbsünde infiziert ist.

Bei dem Wort Erbsünde freilich gehen die intellektuellen Bobos gleich an die Decke. Sünde generell ist abgeschafft. Maximal gibt es noch Diätsünden oder Verstöße gegen das Klima. Das war’s dann. Die nüchterne, wirklichkeitsgemäße Bestandsaufnahme des gebildeten katholischen Gewissens bleibt gleichwohl da, weil die Wahrheit da bleibt. 

Der Mensch ist zwar gut geschaffen, aber seit dem verhängnisvollen Sündenfall der Stammeltern des Menschengeschlechts ist die Natur des Menschen angekränkelt. Von seinem Schöpfer eigentlich zu der wunderbaren Freiheit geschaffen, stets und überall das Gute zu wählen, was tatsächlich gleichbedeutend damit ist, der wahre Freie zu sein, zieht es der Mensch vor, immer wieder der Schwerkraft des Bösen nachzugeben. Und blind ist nicht der, der diese Tatsache sachlich feststellt, sondern der, der diese Tatsache leugnet. 

Und da diese wahre Tatsache nicht auslöschbar ist, auch nicht auf Tahiti, scheint es uns ein Reflex des Unauslöschbaren, daß der Künstler Paul Gauguin in einem seiner späten Werke in das großformatige Tableau, in gelb leuchtender Farbe, die zentralen Fragen des Lebens hineinschreibt und dem Betrachter zumutet: D’où Venons Nous. Que Sommes Nous. Où Allons Nous (Woher kommen wir? Wer sind wir? Wohin gehen wir?).

Nach der Fertigstellung des Bildes versucht Gauguin, seinem Leben durch Arsen ein Ende zu setzen.

Dadurch werden die drei Fragen, einem Fanal gleich, nur um so brennender. 

Grafik: wikicommons

Samstag, 27. Juni 2026

 Die Nachfolger 

Über Heilige kursieren vorrangig zwei Vorurteile.

Das eine ist eines mit abwehrenden Händen. Da heißt es: Schön und gut, die Heiligen sind super, ab das ist nichts für mich. Es kann nicht jeder den Mount Everest besteigen. Ich kraxle im Tiefland herum, und das ist schon mühsam genug. Ich bewundere zwar die Extremsportler, doch meine Kräfte reichen nicht für solche Höchstleistungen.

Das zweite Vorurteil ist die Kehrseite des ersten. Da redet man davon, daß die Heiligen auch nur Menschen sind wie du und ich. Man soll mal nicht übertreiben. 

Naturgemäß sind beide Urteile falsch.

Wenn es im Evangelium (Mt 5,48) heißt - und dies aus dem Munde Jesu selbst - : Seid also vollkommen, wie euer himmlischer Vater vollkommen ist!, dann hat sich das erste Vorurteil erledigt. Der Ruf zur Heiligkeit ist nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Daß wir den Ruf ignorieren, mag leider die Regel sein, aber das ändert nichts am ursprünglichen Ruf. Der Unterschied zwischen einem Ignatius oder einer Bernadette und uns liegt nicht darin, daß die Beiden Extremsportler waren, sondern darin, daß sie gehorchten und nachfolgten. Ohne Ausreden.

Kommen wir zum zweiten Vorurteil. Vielleicht ist es das gefährlichere, denn es gibt sich den Anstrich des Jovialen, während es tatsächlich von Dummheit zeugt. Die Biographie auch nur eines Heiligen kann einen des Besseren belehren.

Nehmen wir zur Probe aufs Exempel den wenig bekannten Vorarlberger Priester Pater Franz Reinisch, dessen Seligsprechungsprozeß mittlerweile abgeschlossen ist. War Pater Reinisch so gewöhnlich und mittelmäßig wie du und ich?

Bereits 1937 wird er von der Gestapo ins Visier genommen. Denn P. Reinisch ist kein Duckmäuser, kein Feigling, erst recht kein Mitläufer. Aus seiner Ablehnung der nationalsozialistischen  Ideologie macht er keinen Hehl. In seinen Predigten redet er unumwunden die Wahrheit. Kein Wunder, daß die Gestapo schließlich ein Redeverbot und also auch ein Predigtverbot über ihn verhängt.

Und weiter: Für Pater Franz ist es nach langer Gewissensprüfung klar, daß, sollte er zur Wehrmacht einberufen werden, er den Fahneneid nicht leisten wird, da der sogenannte Führer ein Verbrecher ist. Die Konsequenzen seiner Weigerung treten unverzüglich ein, nachdem er 1942 einberufen wird: Verhaftung, Verhöre, Einlieferung in das Berliner Wehrmachtsgefängnis.

Und weiter: Die Prüfungen für den aufrechten Pallotinerpater erschöpfen sich nicht in einem System des Unrechts. Er stößt selbst bei Mitbrüdern auf Unverständnis. Darüber hinaus: Die österreichischen Bischöfe haben Angst und reden von Soldatenpflicht. Und um das Maß vollzumachen, verweigert ein Gefängnispfarrer dem Inhaftierten die heilige Kommunion, weil ihn dessen Insubordination in Rage bringt.

Pater Reinisch: Ein harmloser Typ wie du und ich? Ein Katholik unter ferner liefen? 

Am 21. August 1942, in der Frühe um 5:03 Uhr, wird der Zeuge Hw. Franz Reinisch enthauptet. Er ist 39 Jahre alt.

Grafik:
wikicommons

Samstag, 20. Juni 2026

 »Nicht sagte es, Petrus habe schwimmend das Schiff erreicht...«

für K. + K.

»Der Glaube vermag soviel, daß er sogar Menschen befähigt, auf dem Meere zu wandeln. Petrus war Mensch wie wir, bestehend aus Fleisch und Blut und von gleichen Lebensmitteln sich ernährend. Als Jesus zu ihm sagte: Komm!, da glaubte er und wandelte auf den Wassern.

Der Glaube war ihm auf den Wassern ein festerer Halt als jeder Untergrund. Der schwere Körper wurde durch die Schwungkraft des Glaubens in die Höhe gehalten. Doch nur solange, als er glaubte, hatte er auf dem Wasser eine feste Basis. Als er zweifelte, da begann er unterzusinken. In dem Maße, als der Glaube nachließ, wurde auch der Körper mit abwärts gezogen. Jesus, der den leidenden Seelen aufhilft, sprach zu ihm, da er seine Not sah: Kleingläubiger, warum zweifelst du? 

Da ihn Jesus an der Hand nahm und ihm Kraft gab und er wieder glaubte, von da ab wandelte er - an der Hand des Herrn - in gleicher Weise wieder auf den Wogen. Dies deutete uns das Evangelium an, wenn es erklärte: Sie stiegen ins Schiff. 

Nicht sagte es, Petrus habe schwimmend das Schiff erreicht, sondern es gibt zu erkennen, er sei in das Schiff gestiegen, nachdem er den gleichen Weg, auf dem er zu Jesus gekommen, noch einmal gegangen war.«

Cyrill von Jerusalem (313-387)
V. KATECHESE AN DIE TÄUFLINGE, frei vorgetragen in Jerusalem. 
Über den Glauben 


Grafik: File:Bowyer Bible print 3715 Jesus walks on the sea Matthew 14 30-31 Schellenberg (46303).jpg

Freitag, 12. Juni 2026

Die beiden Abgründe 

Flut ruft der Flut zu beim Tosen deiner stürzenden Wasser…

So übersetzt die Einheitsübersetzung 2016 den Beginn von Vers 8 aus Psalm 42.

In der Vulgata lautet dieser Anfang: abyssus abyssum invocat…

Wörtlich übersetzt heißt dies: Abgrund ruft Abgrund.

Mir scheint, diese Fassung ist dem Hochfest des Heiligsten Herzens Jesu angemessen. Denn an diesem Hochfest begegnen einander zwei Abgründe: Der unendliche Abgrund der Liebe Christi, offenbar geworden in Seinem durchbohrten Herzen, und der endliche Abgrund des menschlichen Herzens, welches sich nach der unendlichen Erfüllung sehnt.

Denn der Mensch, wenn er sich ohne Illusionen anschaut, erkennt, daß alle weltlichen Glücksversprechen seine tiefe Sehnsucht nicht zu sättigen vermögen. Und selbst die wahren Augenblicke oder auch Stunden des Glücks bleiben nur vorübergehende, denn wie schon Faust klagte: »Werd‘ ich zum Augenblicke sagen: Verweile doch! du bist so schön!« Doch der Augenblick verweilt nicht, er ist flüchtig.

Und dennoch: Die menschliche Sehnsucht ist keine flüchtige. Sie bleibt und sucht nach Sättigung.

Der Ort nun, der Ort der Öffnung und also Zugang zu der ersehnten Sättigung ist, zeigt sich am Kreuz – im durchbohrten Herzen Jesu. Und der Kreuzesruf Jesu Mich dürstet ist die exakte Einladung des gekreuzigten Menschensohnes an uns, zu kommen und an der unendlichen Quelle der Sättigung Ruhe für unser unruhiges Herz zu finden.

Mutter Teresa hatte es verstanden. Wenn in ihren Kapellen neben dem Kreuz diese beiden Worte Jesu stehen: Mich dürstet bzw. I thirst, so antwortet sie darauf: Ich will diesen Durst Jesu stillen.

Und mehr noch. Am Ende ihres Lebens richtete die Heilige von Kalkutta an sämtliche Mitschwestern noch einmal einen leidenschaftlichen Aufruf. 

»Warum«, so fragt sie, »sagt Jesus: Mich dürstet? Was bedeutet das? … Wenn du dir aus Mutters Brief irgendetwas merken willst, dann behalte dies im Gedächtnis: Mich dürstet ist etwas viel Tieferes, als wenn Jesus einfach nur sagte: Ich liebe dich. Solange du nicht tief in deinem Innersten weißt, daß Jesus nach dir dürstet, solange hast du noch nicht begonnen zu begreifen, wer Er für dich sein möchte. Oder wer Er will, daß du für Ihn bist.«

Derart findet die echte Begegnung der beiden Abgründe statt: abyssus abyssum invocat. Der Herr in seinem unendlichen Durst ruft, der Mensch in seinem endlichen kleinen Durst antwortet.

Und da diese Begegnung der Liebe am Kreuz stattfindet, ist der Mensch bereit, seine Sehnsucht nach unendlicher Liebe reinigen zu lassen. Auch dies bedeutet es nämlich, sich dem göttlichen Abgrund auszuliefern: Sich in Seinem Feuer reinigen zu lassen. In den Worten des Hebräerbriefs 12,29: denn unser Gott ist verzehrendes Feuer.

Unsere falschen Vorstellungen von Liebe werden verbrannt. Unser natürliches Zurückschrecken vor diesem verzehrenden Feuer wird freilich aufgefangen dadurch, daß wir nicht allein am Kreuz stehen, sondern mit Maria. Sie lehrt uns standzuhalten. Sie kollabiert nicht am Kreuz, sondern, wie der Evangelist Johannes 19,25 ausdrücklich vermerkt: Sie steht am Kreuz.

Mit Maria halten wir stand. Und nur dann werden wir verwandelt. 

Wir werden, was wir im Tiefsten sein wollen. 

Liebende.

Grafik: Foto von Jon Tyson auf Unsplash 

Samstag, 6. Juni 2026

 »Du aber sei nüchtern in allen Dingen.«

Naturgemäß darf die ganz große Propaganda nicht fehlen. Und dafür ist allemal Hollywood zuständig. 

Und nicht irgendein Regisseur, sondern gleich derjenige, der sich beim Thema bestens auskennt und den sogenannten blockbuster liefern wird – Steven Spielberg.

Das Thema: Die Aliens beziehungsweise deren Invasion beziehungsweise die sympathischen außerterrestrischen Intelligenzen.

Dabei geht es nicht um Unterhaltung oder Science Fiction. Oh nein. Hollywood greift diesmal in die verwegenste Höhenlage. Es geht um nichts weniger als um die Wahrheit. Um die Offenbarung. Um die längst überfällige Offenlegung des bislang Verborgenen.

Nächste Woche kommt die Propagandawalze in die Kinos. Der finale Trailer, der bereits auf dem Markt ist und Filmausschnitte mit Spielberg-Interviewsequenzen kombiniert, läßt das Schlimmste befürchten. 

 

Spielbergs raunende Zwischenkommentare und Fragen nach dem Motto: Wäre es nicht toll, wenn das Gezeigte alles wahr wäre?, sind selbstverständlich rhetorische Fragen. Der betriebene cineastische Aufwand will die definitive Konditionierung des Zuschauers. Nach dem Film soll es nur mehr den einen und immer gültigen Konsens der one world geben: Die Außerirdischen gibt es nicht nur, sie sind bereits da.

Nonnen, rosenkranzbetend, in der Erwartung der Aliens, dürfen selbstredend in der betrügerischen  Propagandatrommel nicht fehlen, auch nicht wohlplazierte Kreuze als verführerische Requisiten . 

Denn die eigentliche Stoßrichtung des Films, der sich im übrigen nahtlos in positive Äußerungen amerikanischer Toppolitiker (Trump, Rubio et al) und NASA-Experten einreiht, ist die Attacke auf die katholische Kirche, wozu Spielberg der geeignete Mann ist, hatte er doch schon in seinem 2001 veröffentlichen Film AI die theologische Wahrheit des Menschen als Imago Dei blasphemisch verhöhnt. Die katholische Kirche, und nur sie, ist das Zeichen des Widerspuchs, welches zu demolieren ist, da sie unbeirrt und wohlbegründet daran festhält, daß Aliens nicht nur nicht existieren, sondern daß dann, wenn sogenannte UFO-Phänomene oder vergleichbare Manifestationen gesichtet werden, es sich dabei nicht um authentische Kundgaben außerirdischen Lebens handelt, sondern um dämonische Vorspiegelungen. 

Es paßt in diesen Zusammenhang, daß ausgerechnet diese Woche und also exakt vor der Kinopremiere von Disclosure Day / Der Tag der Wahrheit ein berühmter amerikanischer Exorzist, der genau diese Wahrheit vertritt, nämlich daß die außerirdischen Phänomene diabolische Machinationen sind, schnurstracks von seinem Bischof, der seit langem durch seine heterodoxen Äußerungen das episkopale Lehramt verrät, des Amtes enthoben wurde. Die Propaganda, so die unmißverständliche Lektion, duldet keinen Widerspruch. Sie soll schließlich global sein. Und die zweite Lektion: Die Kirche macht endlich einen Schwenk, es wurde aber auch Zeit.

Und man darf damit rechnen, daß die Masse leichtgläubig (Corona läßt grüßen) den raffiniert zubereiteten Köder schlucken wird. Ist nicht die weltweite Krise derart gigantisch, daß nur mehr Superintelligenzen, halt Aliens aus anderen Galaxien, sie bewältigen können? Müssen wir uns nicht glücklich schätzen, daß endlich die UFOs landen, weil deren Insassen – die außerirdischen Adepten der globalen Nächstenliebe – Mitleid mit unseren Ausweglosigkeiten haben?

Der standhafte Christ sollte seine Bibel nehmen und den Völkerapostel Paulus zu Rate ziehen. Hier, nicht im Kintopp, findet er die wahre Antwort und die wahre  Offenbarung:


»Denn es wird eine Zeit kommen, da sie die heilsame Lehre nicht ertragen werden; sondern nach ihrem eigenen Begehren werden sie sich selbst Lehrer aufladen, nach denen ihnen die Ohren jucken, und werden die Ohren von der Wahrheit abwenden und sich den Fabeln zukehren. Du aber sei nüchtern in allen Dingen, leide willig, tu das Werk eines Predigers des Evangeliums, erfülle redlich deinen Dienst.«

Und dem eventuell Verunsicherten, der diesbezüglich nach fundierter katholischer Katechese sucht, wird diese Lektüre weiterhelfen: 

Daniel O’Connor, The First and Last Deception. Aliens, UFOS, AI, and The Return of Eden’s Demise, New York 2025.


Samstag, 30. Mai 2026

 Das Kreuz und die Helden


Das Kreuz ist 1,10 Meter hoch, 70 cm breit und 11 cm dick. Es wiegt 35 Kilogramm.

Sein Träger: Maël le Lagadec. 

Maël, Franzose, 18 Jahre alt, ist Landschaftsgärtner und widmet sich erst seit einem halben Jahr dem Bergsteigen. Doch diesmal ist die Route eine besondere.

Auf dem Pic d’Aneto, dem höchsten Gipfel auf der spanischen Seite der Pyrenäen, wurde das Gipfelkreuz, das seit 1951 die Region auf 3500 Metern Höhe überragt, in einem Vandalismusakt gestohlen. Marc, gemeinsam mit seinem Freund Julien, beschließt daraufhin, das zerstörte Kreuz durch ein neues zu ersetzen. »Ich bin Landschaftsgärtner, aber ich wollte dieses Kreuz mit meinen eigenen Händen schaffen und es auf dem Gipfel hissen.«

Das neue Kreuz ist aus einem einzigen Block gefertigt. Das Material ist Walnußholz, welches wegen besserer Wetterbeständigkeit mit einem Bootslack versiegelt wird. Marc bringt vier Lilien an den jeweiligen Ecken des Kreuzes an: »Die Lilie ist ein starkes Symbol für Königtum, für Loyalität gegenüber Frankreich und Spanien.«

Der Aufstieg zum Gipfel des Aneto ist anstrengend. Nebel hüllt den Berg ein. Der Gefährte Julien bleibt auf den letzten Metern vor Erschöpfung zurück.

Nach Stunden der Mühe und Entsagung kommt Marc, der am 8. Mai um Mitternacht aufgebrochen ist, am Samstag, dem 9. Mai, um 14:40 Uhr an: »Ich komme ganz oben an. Nach all den Anstrengungen knie ich mich hin und weine. Die Anstrengung war sehr intensiv. Ich kann es noch gar nicht fassen. Es ist der Stolz, es geschafft zu haben.«

Das Kreuz ist aufgerichtet, vier Meter von der Statue der Muttergottes entfernt.

Die Nachricht verbreitet sich schnell. Hunderttausende von Glückwünschen erreichen den Alpinisten.

Zwei Wochen später erfährt er, daß ein neuerlicher Vandalenakt geschehen ist. Marcs Holzkreuz wurde ausgerissen und den Abhang hinuntergeworfen. 

Was nun?

Zwei spanische Alpinisten finden das ausgerissene Kreuz im Schnee und bringen es zurück zum  Gipfel.

Stat Crux dum volvitur orbis.

 

Grafik:   © Aucun(e) - Maël Le Lagadec 

Donnerstag, 21. Mai 2026

 Pfingsten 2026

»Die Sünde wider den Hl. Geist: der erkannten Wahrheit widerstreben.«

sel. Franz Jägerstätter († 1943)

 

Samstag, 16. Mai 2026

Die 2. Szene  

Sic transit gloria mundi.

 Der Satz ist spätestens seit dem 17. Jahrhundert als Memento während der feierlichen Krönungszeremonie des Papstes bekannt.

Der Papst wird auf der Sedia gestatoria, dem päpstlichen Tragsessel, in feierlicher Prozession in die Petersbasilika getragen; dabei nähert sich ihm dreimal der Zeremonienmeister und verbrennt vor den Augen des neu gewählten Pontifex mit einer brennenden Fackel ein Büschel Werg, wobei er die Worte spricht: Pater Sancte, sic transit gloria mundi (Heiliger Vater, so vergeht der Ruhm der Welt).

Überdeutlich wird auf diese Weise dem Stellvertreter Christi vor Augen geführt, daß sein Amt keines der weltlichen Macht und Dominanz ist, sondern eines geistlicher Vollmacht, welche Vollmacht unbeirrt die Augen dorthin zu richten hat, wo die ewigen Güter sind, die kein Rost und keine Motte und kein Feuer zerstören kann.

Daß diese Wahrheit weniger esoterisch ist, als ein antichristlicher Affekt wähnt, macht bisweilen selbst ein Spielfilm kund. 

Der Adler der Neunten Legion ist ein Römerepos. Erzählt wird die Geschichte des römischen Tribuns Marcus Flavius Aquila, der in Britannien für Rom kämpft, und dies um so leidenschaftlicher, als seine Familienehre in Mitleidenschaft gezogen ist; hat doch sein Vater, ebenfalls Offizier des römischen Heeres, in einer Schlacht in Nordbritannien 5.000 Mann verloren und weiters den Adler der Neunten Legion, die berühmte Standarte, eingebüßt, was bereits an sich als Schande gilt. Und darüber hinaus steht der perfide Verdacht im Raum, daß besagter Vater vielleicht aus feigem Entschluß das Statussymbol preisgegeben hat.

Der Sohn bricht schließlich - zusammen mit dem britischen Sklaven Esca, dem er aus Mitgefühl das Leben gerettet hat -, in das feindliche Gebiet auf, da die Sage geht, der Adler sei im Norden Britanniens wieder aufgetaucht. Die Reise in das Territorium des Feindes ist, wie man denken kann, eine gefährliche und letztlich mörderische. Denn tatsächlich finden Meister und Sklave den goldenen Adler, rauben ihn nächtlicherweise aus dem Lager des Feindes und fliehen anschließend in halsbrecherischer Weise Richtung Süden.

Es kommt, wie es kommen muß. In einem finalen Gefecht zwischen dem barbarischen Feind und den beiden Flüchtigen, die überraschenderweise von einem versprengten Trupp der übriggebliebenen Neunten Legion Hilfe erfahren, siegen die Römer, doch der Preis ist hoch: Die Schlacht ist überaus grausam und blutig, viele der Männer auf beiden Seiten sind tot. 

Marcus Flavius errichtet nach dem Gemetzel einen Holzstoß, darauf legt er den getöteten römischen Anführer der Hilfseskorte und hält eine Abschiedsrede, bevor er den Holzstoß in Flammen aufgehen läßt.

Diese Szene hat es in den endgültigen Schnitt gebracht. Doch man sollte sich unbedingt auch die 2. Szene anschauen, nämlich den alternativen Schluß, der es nicht in die Letztfassung des Films brachte, sondern lediglich im Bonusmaterial der DVD angeschaut werden kann. Doch eben dieser Alternativsschluß übersetzt in famoser bildkräftiger Art das christliche Memento des vergänglichen Ruhms in den Raum eines heidnischen Rituals.

Der berühmte, dekorierte Tribun Marcus Flavius Aquila nimmt nämlich schließlich den goldenen Adler und legt ihn auf den Feuerstoß. Die Flammen züngeln. Das Gold beginnt zu schmelzen und zu tropfen. Das Feuer verzehrt - sic transit gloria mundi.

Doch der Film beläßt es nicht bei diesem potentiell deprimierenden Ende. Denn der Tribun hat zwar die vergängliche heidnische Trophäe dahingegeben, dafür aber während seiner Queste Herz und Verstand geöffnet für die goldenen Werte: Freiheit, Freundschaft, Familie, ein einfaches Leben. Nicht der Tod steht damit am Ende des Films, sondern das schlichte Bekenntnis zum Leben. 

Samstag, 9. Mai 2026

 Ben Hur 2016

Oh je, dachte vielleicht so mancher. Ein Remake eines Klassikers. Und das 2016. Kann das gut gehen?

Ja, es kann.

Das liegt nicht zuletzt darin, daß, entgegen üblicher Hollywoodstrategien, die, in gleich welchem Filmgenre, stets Sex und Perversion obsessiv an den Mann zu bringen versuchen, der kasachische Regisseur Timur Bekmambetov und seine evangelikalen Produzenten eben dies unterlassen.

Das Erstaunliche: Ben Hur 2016 geniert sich nicht, den historischen Jesus von Nazareth auftreten zu lassen, und mehr noch, dessen Botschaft ist das eigentliche Movens der Neuauflage. Denn das Thema, welches den ganzen Film grundiert, ist das der Vergebung. Erübrigt sich anzumerken, daß dieses Sujet naturgemäß ein spirituelles ist.

Und was ist mit dem Wagenrennen? Denn Ben Hur ist nun einmal auch dies: Ein Actionstreifen, in dem die finale Auseinandersetzung der zwei Brüder das grandiose Spektakel ist, welches den Adrenalinschub anheizen soll. 

Keine Sorge. Auch da braucht das Remake keine Vergleiche zu scheuen. Das Wagenrennen ist ein Wagenrennen, und die Spannung ist explosiv. Körperkameras bringen das atemberaubende Geschehen an die Nerven, und die Frage der mörderischen Rache und Vergeltung ist das furiose Dynamit, welches den Sand der Arena aufsprühen und die knallenden Peitschenhiebe fetzen läßt.

Burt Lancaster, der seinerzeit, in den 50er Jahren, ursprünglich für die Darstellung des Judah Ben- Hur vorgesehen war, lehnte, so vermerken die Trivia zu der damaligen Produktion, die Rolle ab, da ihm, dem selbsternanntern Atheisten, »die gewalttätige Moral in der Geschichte nicht gefiel« und weil er das Christentum nicht fördern wollte. 

Ben Hur 2016
läßt solche Selbstverblödungen souverän hinter sich. Am Ende umarmen sich zwei wiedergefundene, verwundete Brüder. Und dann das wunderbare Wort des Judah Ben-Hur an den niedergestreckten Gefährten seiner Jugend: »Das, was ich kann, ist dich tragen.« Und auch dieses herrliche Wort, zuletzt: »Bist du bereit, Bruder?«

Samstag, 2. Mai 2026

 Der Unterschied II

»Bonum ex integra causa, malum ex quocumque defectu.«

Der lateinische Satz bringt einen mittelalterlichen Grundsatz zum Ausdruck. Gemeint ist: Wahrhaft gut ist, was in allen seinen Teilen gut ist; das Schlechte dagegen ergibt sich bereits aus einem beliebigen Defekt.

Entsprechend müssen gute Handlungen alle drei moralischen Bestimmungen erfüllen: Gegenstand, Umstände und Absicht der Handlung müssen gut sein, das heißt, sie müssen sittlich angemessen sein und mit der Ordnung der Vernunft im Einklang stehen, damit die betreffende Handlung als gut angesehen werden kann.

Das mag sich für manchen komplizierter anhören als es tatsächlich ist. 

Nehmen wir ein Sitzpolster.

Der Stoff (Seide) ist kostbar. Die Farben sind wunderschön. Die Maße ideal.

Alles bestens, so könnte man denken. Doch leider ragt aus der Mitte des Polsters eine spitze Nadel heraus, die es unmöglich macht, das Sitzpolster zu benutzen. Zur Integrität eines Sitzpolsters – was jedem einleuchtet – gehört aber nun einmal, daß man sich draufsetzen kann. In diesem besonderen Fall wäre also durch die spitze Nadel, dieses ungehörige Detail, das Polster seiner echten Wesenheit, nämlich Sitzgegenstand zu sein, beraubt und zu einem schlechten Polster mutiert.

Vermutlich hat niemand Schwierigkeiten, dieses Exempel nachzuvollziehen und zu bejahen. 

Doch wie steht es mit folgendem:
Jemand schaut einen Film. Irgendwann präsentiert der Film anzügliche, unsittliche Aufnahmen. Stimmt der Betrachter zu, wenn ihm mitgeteilt wird, daß die unsittlichen Sequenzen den gesamten Film korrumpieren, da die anstößigen Bilder der Moral und der Ordnung der Vernunft widersprechen und also die Integrität des Films grobschlächtig zerrütten und derart den Film zu einem schlechten machen?

Der Unterschied zwischen dem Heiligen und dem Konsumenten liegt vermutlich genau hier: Der Heilige drückt, wenn er die anstößigen Bilder wahrnimmt, den Ausknopf, da er das ihm eingeschriebene Gesetz der Integrität kennt und liebt und lebt. Der Konsument dagegen schaut weiter, da er an das Anstößige schon gewohnt ist und darüber hinaus eventuelle Einwände mit routinierten fadenscheinigen Argumenten narkotisiert.

Wie sagt der Völkerapostel Paulus? - »Ihr habt im Kampf gegen die Sünde noch nicht bis aufs Blut Widerstand geleistet« (Eph 12,4).

Grafik: Kingrise auf Pixabay

Samstag, 25. April 2026

Prinzip und Fundament 
  

»(…) bin ich überzeugt, daß die Menschheit der Gegenwart diese grundlegende Botschaft braucht, die in Jesus Christus Mensch geworden ist: Gott ist die Liebe. Alles muß von hier ausgehen, und alles muß hierher führen: jede pastorale Tätigkeit, jede theologische Abhandlung.«

Benedikt XVI. 
aus seiner Predigt während der Vesper am 22. April 2007

 

 Grafik: Foto von THLT LCX auf unsplash  

Samstag, 18. April 2026

 Was ist das für so viele?  

Im Evangelium nach Johannes berichtet der Evangelist im 6. Kapitel vom berühmten Zeichen der Brotvermehrung. »Viele Menschen« (Vers 5) sind gekommen, um Jesu Worte zu hören. Und Jesus will die Hungrigen speisen. Doch wie eine solch große Menge speisen? 

»Hier ist ein kleiner Junge«, so der Apostel Andreas, einer der Begleiter Jesu, »der hat fünf Gerstenbrote und zwei Fische; doch was ist das für so viele?«

Was ist das für so viele?


Mir fällt dazu eine Geschichte ein, die Mutter Teresa erzählt hat:

»Vor einigen Jahren«, so Mutter Teresa, »gab es in Calcutta eine große Zuckerknappheit.
Eines Tages kam ein vierjähriges Kind mit seinen Eltern zu mir, um mich zu sehen. Sie brachten mir ein kleines Gefäß mit Zucker. Während sie es mir überreichten, sagte der Kleine zu mir: Ich habe drei Tage keinen Zucker genommen. Nimm es, es ist für Deine Kinder.
Dieser Junge liebte mit einer großen Liebe. Mit einem großen persönlichen Opfer hat er es bezeugt. Ich möchte deutlicher werden: Er war nicht älter als drei oder vier Jahre. Er konnte noch kaum seinen Namen sagen. Er war mir nicht bekannt. Ich konnte mich nicht erinnern, ihn jemals gesehen zu haben. Auch seine Eltern hatte ich nie getroffen.
Das Kind hatte Erwachsene von mir sprechen hören und danach jenen Entschluß gefaßt.«

»Ein kleines Gefäß mit Zucker.«

Was ist das für so viele?

Diese Frage, so zeigt das Evangelium und auch die Geschichte von Mutter Teresa, ist die falsche Frage. Warum? - Weil sie rechnet. Die Liebe aber rechnet nicht.

Die beiden kleinen Jungen geben einfach. Das nennt man Hingabe. Sie rechnen nicht, sondern schenken.

Und die schenkende Liebe ist immer fruchtbar. Das sehen wir im Evangelium überdeutlich: 5000 Männer werden satt, weil dieser kleine Junge sein ALLES gab.

Denn alles ist ein Liebesspiel. In den Worten Pater Pios: Tutto è scherzo d’amore. Alles ist ein Spiel der Liebe. 

Es ist bezeichnend, daß derjenige im heutigen Evangelium, der sein Alles gibt, ein Kind ist. Das erinnert uns an die Worte Jesu (Mt 18,3): Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, werdet ihr nicht in das Himmelreich hineinkommen.

Kinder – wenn sie nicht verzogen sind - fällt es offensichtlich leichter, in das Spiel der Liebe einzutreten. Wir Erwachsenen sind da gefährdeter. Die Weisung Jesu: Werdet wie die Kinder! ergeht nicht umsonst genau da, als die Jünger sich streiten darum, wer im Himmelreich der Größte ist. Vielleicht hätte ein Erwachsener, angesichts der Tausenden von Hungrigen, gesagt: Warum soll ich mein Alles hergeben? Da sind bestimmt andere, die mehr haben als ich, sollen die mal anfangen zu geben.

Doch unser Glück hängt nicht von einem Rangstreit ab, sondern davon, inwiefern wir bereit sind, in das göttliche Spiel der Liebe einzutreten.

Denn was ist das größte Spiel der Liebe?
Es ist das, was weltweit in jeder Stunde gefeiert wird: Die hl. Messe.

Was bringen wir in jede hl. Messe? Brot und Wein. Unser armseliges Leben.

Was ist das für so viele?

Doch Gott verwandelt unsere kleinen Gaben in Sein ALLES, in Seinen Leib und Sein Blut.

Machen wir uns nichts vor: Das, was wir herschenken, ist angesichts der Fülle Gottes, immer nahezu ein Nichts. Und doch – und das ist die unfaßbare gütige Herablassung Gottes uns gegenüber – will ER, daß wir teilhaben am göttlichen Austausch der Liebe. Darum lädt Er uns ein, unsere Gaben zu bringen.

Der kleine Junge des Evanegliums hat es verstanden. Der kleine Junge in der Geschichte Mutter Teresas hat es gleichfalls verstanden. Wenn wir mit ganzem Herzen geben, ohne Hintergedanken, dann gibt es keine zu geringen Gaben. Denn dann sind wir Mit-Arbeiter Gottes, und ER vollendet unsere Hingabe. Er beschenkt uns mit Sich Selbst. 

Grafik: Brotvermehrungskirche in Tabgha, Mosaik: vier Brote und zwei Fische. wiki commons. 

Samstag, 4. April 2026

Lamentationes 2026 

»Das ganze Leben des Christen ist heilige Sehnsucht. Wonach du dich aber sehnst, das siehst du noch nicht. Aber durch die Sehnsucht gewinnst du die Fähigkeit, dich beim Kommen dessen, was du sehen willst, erfüllen zu lassen (...). Wir haben es schon einmal gesagt: Leere aus, was angefüllt werden soll! Mit Gutem sollst du angefüllt werden, drum gieß das Böse aus! Mit Honig gleichsam will Gott dich anfüllen; wenn du voll Essig bist, wo wirst du den Honig unterbringen? Ausgeschüttet muß der Gefäßinhalt und gereinigt muß das Gefäß werden; gereinigt muß es werden, wenn’s auch Mühe schafft und Plag, damit es brauchbar werde. Strecken wir uns also nach Gott aus, damit er uns erfülle, wenn Er kommt!«    Hl. Augustinus

Grafik: wiki commons

Samstag, 28. März 2026

 Stabat mater

Gastbeitrag von Elpinike

 

O quam tristis et afflicta / fuit illa benedicta! 

Unter dem Kreuz steht die Mutter. Sie darf nicht helfen, nicht einmal trösten; jede der kleinen Gesten, die Mütter für ihre Kinder haben, ist ihr verwehrt. Dem fremden Wachsoldaten bleibt vorbehalten, Jesus die letzte Labung zu reichen. Maria kann nur ausharren und zuschauen, wie ihr Sohn stirbt, Stunde um Stunde.

Denkt sie dabei an die Worte des Engels? Sie sei gesegnet, hat er gesagt, und ihr Kind werde Sohn Gottes genannt werden. Müßte der Sohn Gottes nicht eigentlich eine geachtete Persönlichkeit sein, ein wichtiger Mann im Lande? Nun wird er als Verbrecher hingerichtet.

Ist Maria unter dem Kreuz an Gott verzweifelt – oder hat sie sich die Hoffnung bewahrt? Antonín Dvořáks Stabat Mater gibt die Antwort auf diese Frage. Die Musik setzt ein wie das leise Schluchzen eines Menschen, den die Trauer innerlich leer zurückgelassen hat. Doch dabei bleibt es nicht. Gedanken und Gefühle kehren machtvoll zurück, der Schmerz bricht sich Bahn.

Dvořák schöpfte hier aus eigenem Erleben. Sein Stabat Mater, 1877 vollendet, entstand unter dem Eindruck des Todes seiner drei Kinder innerhalb von zwei Jahren. Kann man nach diesem Verlust weiterleben? Ja, sagt uns der Komponist: Durch das Leiden tönt die Hoffnung, zunächst zaghaft, dann immer stärker, bis sie zum Schluß alles überstrahlt.

Das ist nämlich die Antwort: Das Leben siegt, nicht der Tod, die Hoffnung siegt, nicht die Verzweiflung. Maria hat es gewußt. Antonín Dvořák hat es gewußt. Mit ihnen weiß es auch der Zuhörer.

Samstag, 21. März 2026

Passionssonntag 2026

Über Franz Xaver (1506 - 1552), Sohn einer baskischen Adelsfamilie, Mitgründer des Jesuitenordens, Chinamissionar und, aufgrund seines unermüdlichen  Missionseifers, Patron sämtlicher Missionare, schreibt der katholische Prälat Ludwig Gschwind (in: Das Kreuz. Zeichen Christi, Augsburg 2004, 134f):

 »Franz Xaver [zog weiter] nach Malakka und auf die Molukken. Bei der stürmischen Überfahrt verlor Franz Xaver sein Kreuz, das ihn seit seinem Aufbruch aus Rom begleitet hatte. Als er schließlich wohlbehalten gelandet war, machte er einen Spaziergang am Ufer. Er traute seinen Augen nicht, als er sah, daß eine Krabbe sein Missionkreuz auf dem Rücken herantrug. Er sah dies als einen weiteren Hinweis, daß auf seinem Wirken Gottes Segen ruhe.« 

Die hier berichtete Geschichte ist weitaus mehr als eine wohlgefällige Anekdote aus der Zeit der katholischen Gegenreformation. Sie zeichnet in wenigen präzisen Strichen das, was der Zeitgenosse 2026 selten bis nie bedenkt: Die Heilsnotwendigkeit des Kreuzes Christi. Dort, wo, wie in den ehemals katholischen Ländern des Westens, Kreuze zunehmend abgehängt werden – sei es in Schulzimmern, in Gerichtssälen oder Spitälern – zeigt der Himmel selbst in der Biographie des heiligen Franz Xaver (und im Grunde der Lebensgeschichte aller Heiligen), daß das Kreuz kein verlorenes Requisit ist, sondern das Wasserzeichen der Schöpfung, von dem Heil und Segen ausstrahlen.

Die Heiligen verehren das Kreuz. Sie umarmen es. Und indem sie sich vor dem Kreuz, und das heißt vor dem Gekreuzigten, beugen, erfahren sie, wie das Holz des Gekreuzigten sie trägt.

Das ist kein frommes Geplapper, sondern Erfahrung jeder Zeit. Ich muß an eine fromme Frau denken, die plötzlich eine schwere Krebsdiagnose bekommt. Ich besuche sie und bin erschrocken über das sichtbare Ausmaß der Erkrankung. Wird die Erkrankte das Jahr überleben? Es vergehen Wochen, bis wir uns wiedersehen. Ich frage sie, ob es in den vergangenen Monaten eine Erfahrung oder eine Erkenntnis oder eine geistliche Gewißheit gegeben habe, die sie mir mitteilen wolle. Sie überlegt nicht lange. Sie sagt: »Ja, trotz allen möglichen Krisen – ich habe mich getragen gefühlt.« 

Der moderne, sich auf seine sogenannte Autonomie berufende Mensch verschmäht und verleugnet das Kreuz und hält sich viel darauf zugute. Seine tools, so der Neusprech, sind andere. Das Kreuz hat ausgedient. Die Konsequenz der Verschmähung ist jedoch nicht die Gesundung des modernen Menschen, sondern seine wachsende Atomisierung und Orientierungslosigkeit. Und vielleicht muß der westliche Patient, was wir ihm nicht wünschen, noch tiefer fallen, bis er im Abgrund der Verkommenheit und selbstgewählten Ausweglosigkeit neu das weggeräumte Kreuz hervorholt und ineins damit des Verlangens nach dem einzig rettenden Siegeszeichen eingedenk ist, welches die Heiligen mit den Worten begrüßt haben: Ave crux, spes unica (Sei gegrüßt, o Kreuz, einzige Hoffnung).

Der fünfte Sonntag der Fastenzeit wird nach der Überlieferung der Passionssonntag genannt. In den Kirchen des katholischen Erdkreises werden die Kreuze verhüllt. Doch dieses liturgische Verhüllen ist kein Verbergen, sondern ein tieferes Enthüllen. Wie so oft im menschlichen  Leben, wo erst ein Entzug die unermeßliche Kostbarkeit des Entzogenen neu erhellt, so mag das unter der violetten Farbe des Fastentuches verhüllte Kreuz – so die liturgische Hoffnung – eine innere Wunde der Sehnsucht zu erwecken, welche in ihrer süßen Schmerzhaftigkeit uns nachdenken läßt über das, was in unserem Leben wirklich zählt und trägt. Oder vielmehr: Wer uns trägt.

Grafik: wiki commons. Autor: Bene16

Samstag, 14. März 2026

 Laetare 2026

Alles, was der Herr gesagt hat, hat Er uns gesagt, damit Seine Freude in uns sei und unsere Freude vollkommen sei. Nun ist aber unter den Dingen, die Er uns gesagt hat, eines, das nicht den anderen gleicht und das unsere ganze Aufmerksamkeit verdient. Während das vom Herrn in Seinen Ermahnungen zur Freude vorangestellte Motiv immer ein Vorteil ist, den der ausnutzt,  der Sein Wort annimmt und es ausführt (z.B.: Mt 5,12: »Freut euch und frohlocket, denn groß ist euer Lohn«), sehen wir, daß am Ende des letzten Ostermahles, da Er im Begriffe ist, sich von den Seinen zu trennen, um Sich auszuliefern, in einem Augenblick also, wo jene, die alles um Seinetwillen verlassen hatten, sich rettungslos fühlten und mehr als je Trost nötig hatten, da sehen wir, daß der Herr sie plötzlich auffordert, sich zu freuen, aber diesmal nicht mehr, indem sie an einen Lohn denken sollten, sondern an Seine Freude. Und Er betont, daß dieses ihrerseits ein Beweis der Liebe sei: »Wenn ihr mich liebtet, würdet ihr euch freuen, daß ich zum Vater gehe (Joh 14,28).«

Das ist also die besondere Freude des Christen, seine Freude als Jünger des Herrn! Mit absoluter Sicherheit zu wissen, daß der Herr heute und für immer in einem Zustand der Glorie ist, den das Evangelium mit diesen Worten schildert: »Er sitzet zur Rechten Gottes« (Mk 16,19).

aus: Pius-Aimone Reggio O.P., Vergiß die Freude nicht  

Grafik:  Foto von Carlos N. Cuatzo Meza auf Unsplash

Samstag, 7. März 2026

 Imago Dei 

Ignatius. Bernadette. Jerzy A. Popiełuszko.

Drei Heilige. Sehr unterschiedliche Heilige.

Der erste ein Ordensgründer (Gesellschaft Jesu, SJ, Jesuiten), der durch seine Gründung bis heute weltweit wirkt. Die zweite eine Analphabetin, die gewürdigt wird, achtzehnmal die Muttergottes zu sehen, und die nach den Erscheinungen hinter Klostermauern verschwindet. Der dritte ein Priester, der während des polnischen Widerstands gegen das kommunistische Regime sein Leben in der Solidarność Bewegung einsetzt und schließlich von Männern des kommunistischen Staatsicherheitsdienstes entführt, gefoltert und ermordet wird.

Drei Heilige, deren Ausstrahlungskraft ungebrochen ist. Doch was ist letztlich dasjenige, was die Menschen zu den Heiligen zieht und sie nicht der Vergessenheit anheimfallen läßt? Als mögliche Antwort darauf könnte man einmal das Wort des heiligen Ignatius bedenken: »Wenige Menschen ahnen, was Gott aus ihnen machen würde, wenn sie sich nur ganz seiner Führung anvertrauten.«

Die Heiligen haben exakt das getan: Sich bedingungslos der Führung Gottes anvertraut. Das nennt man Glauben. Denn echter Glaube besteht darin, keine Bedingungen zu stellen, sondern alle Bedingungen angesichts der Größe und Güte Gottes ad acta zu legen, im Vertrauen darauf, daß Seine Pläne in jedem Fall und stets die besten sind. Und diesen Glauben der Heiligen, ob wir es uns bewußt eingestehen oder nicht, bewundern wir, weil wir insgeheim wissen, daß er die einzig angemessene Antwort auf die vorrangige Liebesinitiative Gottes ist.

Doch dieses innere Wissen ist allzuoft nur die eine Hälfte unserer Reaktion auf das Leben der Heiligen. Denn wiewohl wir gewohnheitsmäßig deren Leben, Taten, Entschiedenheit und Entschlußkraft bewundern, lassen wir zugleich eine Art inneren Vorbehalt in uns zu, indem wir auf das Herrenwort Jesu hin: Ihr nun sollt vollkommen sein, wie euer himmlischer Vater vollkommen ist (Mt 5,48) welches Wort ja an uns alle ergeht, routinemäßig erwidern: Schon, ja, das stimmt, aber… und mit unserem aber meinen wir, daß es halt bestimmte Menschen gibt, die besonders von Gott ausgezeichnet wurden, die Heiligen halt, während wir, der Durchschnitt, mit weniger Gnade über die Runden kommen müssen und also vom steilen Weg der Heiligkeit dispensiert sind.

Das ist natürlich verkorkste Theologie. Denn jeder von uns ist als imago Dei erschaffen, als Ebenbild Gottes. Das macht unsere unvergleichliche Stellung im Kosmos aus. Unsere Aufgabe ist es nicht, zu rechnen und zu schielen, wer wie viel Gnade abbekommen hat, sondern mit der Gnade, die uns zuteil wird, mitzuarbeiten, um so das Original zu werden, zu dem Gott uns berufen hat. Papst Leo der Große schärfte nicht umsonst den Gläubigen seiner Zeit die Weisung ein: »Mensch, erkenne Deine Würde!« 

Diese Würde ist keine billige Gnade, sondern verlangt als Antwort unsere Bereitschaft zum schmalen, engen Weg. Auch das steht im Evangelium: Geht durch das enge Tor! Denn weit ist das Tor und breit der Weg, der ins Verderben führt, und es sind viele, die auf ihm gehen. Wie eng ist das Tor und wie schmal der Weg, der zum Leben führt, und es sind wenige, die ihn finden (Mt 7,13f). 

Es bleibt, ohne wohlfeile Ausrede, folglich die Frage an uns: Wollen wir, wie die von uns bewunderten Heiligen, die Würde, den Weg, den Glauben? Wollen wir leben?

Grafiken: wiki commons

Samstag, 28. Februar 2026

 Ästhetik und Moral

Es ist Jahrzehnte her. Mit einem Freund sprach ich über Kunst und Architektur und über das, was Kunst aussagt. Es war uns klar, daß es die gleichsam nackte, neutrale Kunst nicht gibt. Eine gotische Kathedrale und ein Wolkenkratzer sind nicht nichtssagende architektonische Gebilde, sondern  Aussagen, die Weltanschauungen oder private Vorlieben oder Deutungshoheiten oder ideologische Konzepte spiegeln. Ich fragte den Freund irgendwann im Laufe dieses Gesprächs, was denn die Botschaft eines modernen Betonkomplexes sei. Darauf seine direkte Antwort: »Lärm.«

Die Antwort fand ich erstaunlich. Sie leuchtete mir auch ein. Und sie kommt mir wieder  in den Sinn, da ich über den englischen Architekten Augustus Welby Northmore Pugin (1812 – 1852) lese. 

Der Nachwelt ist Pugin, selbst wenn sein Name den Meisten unbekannt sein dürfte, gleichwohl ein Denkmal, weil er der Schöpfer des berühmten Glockenturms von Big Ben in London ist. Doch Pugins Einfluß reicht weiter als bis zu einer touristischen Sehenswürdigkeit. Der junge, hochtalentierte Architekt, der bereits fünfzehnjährig durch sein zeichnerisches Genie auffällt, macht seinen Zeitgenossen noch einmal klar, daß Ästhetik und Moral keine unverbundenen Glieder sind, sondern wesentlich einander bedingen, indem letztere die Grundlagen legt für die ästhetischen Wertvorstellungen, und also auch Architektur und Moral in einem Verwandschaftsverhältnis stehen.

Pugins Leitbild ist dabei die Gotik, zu deren Neubelebung er mit seinem Können eintritt. Was man, ihm folgend, schließlich Gothic Revival nennt, ist kein nostalgisches totes Erinnern, sondern die bewußte Aufnahme einer spirituellen Ordnung, da der gotische Stil in seiner unmißverständlichen vertikalen Ausrichtung das architektonische Zeichen setzt, welches dem Leben Orientierung, Sinn und Halt vermittelt. 

Doch wäre Pugins Vertiefung und Förderung der gotischen Gesinnung, die sich in etlichen von ihm gestalteten Kirchengebäuden ausdrückt, undenkbar ohne seine Konversion vom Anglikanismus zur katholischen Kirche im Alter von 22 Jahren. Ausschlaggebend für die Konversion ist unter anderem sein Kennenlernen der römisch-katholischen Liturgie. »Wer eine so erhabene Art zu beten und Gott zu verehren hat«, so er, »der muß in der Wahrheit sein, in der Wahrheit der göttlichsten Art.«

Das Kirchengebäude ist nicht Selbstzweck, sondern dient der Verherrlichung des göttlichen Meisters. Die Liturgie ist nicht Selbstzweck, sondern dient der Verherrlichung des göttlichen Meisters. Omnia ad maiorem Dei gloriam – Alles zur größeren Ehre Gottes. Der Zusammenklang von sinnstiftender Architektur, göttlicher Liturgie und katholischer Weisheit ist das ekstatische Aufstrahlen des splendor veritatis, des Glanzes der Wahrheit, welches Aufstrahlen, wenn es erfahren wird, das Leben ändert, nicht nur das Leben Pugins, sondern eines jeden Lebens.

»Ich lernte die Wahrheit der katholischen Kirche in den Krypten der alten europäischen Kirchen und Kathedralen kennen«, bekennt der britische Architekt. Seine Bauten und theoretischen Schriften fließen aus dem Ergriffenwerden von dieser lebensspendenden Wahrheit. Und diese Wahrheit, wen wundert’s, ist letztlich Lobpreis, darum besingt Pugin »die übermenschliche Schönheit der katholischen Kunst und Liturgie«.

Grafiken: Portrait Pugins von einem unbekannten Künstler. Entwurf für Altar- und Prozessionskreuze. Beide: wiki commons 
 

Samstag, 21. Februar 2026

 Wo läufst Du hin?

Das Thema der Fastenzeit ist die Bekehrung.

Das deutsche Wort drückt es sehr gut aus, denn es enthält das alte Wort kehr, welches die Wendung zum Ausdruck bringt, die Wende weg vom falschen Weg hin zum guten Weg. Das Grimmsche Wörterbuch notiert: »die kehre ist ursprünglich das wenden mit dem rosse, pfluge u. ä., besonders im turnier, im kampf zu ross, das wenden und rückgehn mit dem rosse zum neuen anlauf wider den gegner.«

Der Gegner im geistlichen Kampf der Fastenzeit ist oftmals kein Feind im Außen, sondern der Feind im Inneren. Meine Trägheit, meine falschen Gewohnheiten, mein Starrsinn, meine Lauheit, meine Ichsucht. Und die vierzig heiligen Tage wollen mein Bewußtsein schärfen für diesen inwendigen Menschen, damit dessen Weg nicht in die Irre geht.

Ein Bild von Max Hunziker, dem 1976 in Zürich verstorbenen Künstler, kann weiterhelfen.

Ein Mann im Sternengewand, sehr imposant die Mitte des Bildes ausfüllend, wird von einem Mann im blauen Gewand offensichtlich aufgehalten. Aber dieses Aufhalten ist kein brutales, sondern ein sehr menschliches. 

Drei Berührungen finden statt: Das Stirn an Stirn, die Hand auf der Schulter und die beiden sich berührenden Hände. Eine Brücke oberhalb der Hände deutet an, daß kein gewaltsames Trennen, sondern ein heilsames Verbinden stattfindet. 

Doch worum geht’s?

Hunziker hat in seine Grafik ein epigrammatisches Wort des schlesischen Barockdichters Angelus Silesius integriert, zu lesen am unteren Bildrand. Da heißt es:

Halt an, wo läufst du hin? Der Himmel ist in dir:
suchst du Gott anderswo, du fehlst ihn für und für.
Ist es das, was der Mann vergessen hat: Daß er ein Gezeichneter ist, nämlich ein von Gott Gezeichneter – Imago Dei, Ebenbild Gottes? Daß er, seitdem Gott ihn schuf, mit einem Sternengewand bekleidet ist?

Die Erfahrung des Davonlaufens vor der ureigenen Bestimmung ist eine Gefährdung, die in der Geschichte der Menschen immer wieder zur Sprache kommt. Um ein sehr prominentes Beispiel zu nennen: Augustinus. In seinen Bekenntnissen schildert er in schmerzlicher Retrospektive seitenlang seine Irrwege, die allesamt weg führten von seiner wesentlichen Berufung. Gerade weil er ein Hochbegabter war, waren seine Versuchungen, sein sittliches wie intellektuelles Vermögen zu verschleudern, markergreifend. 

Durch mehrere glückliche Fügungen in seinem tragischen Lauf schließlich aufgehalten und zur Besinnung gebracht, singt er, die Kehre vollziehend, dem Gott der Güte sein spätes ergreifendes Lied:
Spät habe ich Dich geliebt, Du Schönheit, ewig alt und ewig neu, spät habe ich Dich geliebt! Und sieh, bei mir drin warst Du, und ich lief hinaus und suchte draußen Dich, und häßlich ungestalt warf ich mich auf das Schöngestaltete, das Du geschaffen. Du warst bei mir, und ich war nicht bei Dir. Und was von Dir solang mich fernhielt, waren Dinge, die doch, wenn sie in Dir nicht wären, gar nicht wären. Du aber riefst und schriest und brachst mir meine Taubheit. Du blitztest, strahltest und verjagtest meine Blindheit. Du duftetest, und ich trank Deinen Duft und atme nun in Dir. Gekostet hab ich Dich, nun hungre ich nach Dir und dürste. Und Du berührtest mich, ich aber glühte in Sehnsucht auf, in Sehnsucht nach Deinem Frieden.
Und sieh, bei mir drin warst Du, und ich lief hinaus, Du warst bei mir, und ich war nicht bei Dir. Dies ist die kurze Zusammenfassung des falschen Weges. Doch der Schöpfer aller Dinge geht Seinem Geschöpf nach, weil Er nicht will, daß das kostbare Kind verlorengeht. 

Sei es ein Mann im blauen Gewand, sei es ein Engel, sei es ein biblisches Wort, das plötzlich in die Mitte der Existenz fällt und erhellt – der inwendige Mensch, wenn er bereit ist, sich aufhalten zu lassen, findet zu sich und seinen wahren Quellen. Und dann, und das will die Fastenzeit, erblühen neue Begegnungen, neue Wörter, neuer Atem, neues Gebet.

Grafik: Max Hunziker, Halt an, wo läufst du hin, 1955. © Verlag am Eschbach, Eschbach, Rechtsnachfolge: Ursula Kunz, Zürich. 

Samstag, 14. Februar 2026

 Quadragesima 2026

»In jedem Widerstand gegen die Arbeit erkennen wir den Widerstand des Menschen gegen Gott. Die Anstrengung, die der Mensch zur Verarbeitung und Veredlung der Materie aufwendet, ähnelt der Anstrengung Gottes, der sich bemüht, den Menschen zu veredlen. Gott verbessert unaufhörlich in uns Sein Werk, weil Er uns den göttlichen Stempel und das Licht Seines Antlitzes aufdrücken will.« 

Stefan Wyszyński, Der Christ und die Arbeit

Grafik: Christ and Adam at Chartres, by Jim Forest

Samstag, 7. Februar 2026

Endlich: Die Kurzfassungen (Version Mann / Version Frau) des Klassikers Abtreibungsüberlebende sind da.

Warum Kurzfassungen?
 
Wir leben bekanntlich in schnellen Zeiten: Schnelles Internet, schnelle Kommunikation, fast food … Umfangreiche Bücher haben da bisweilen einen schweren Stand. Darum der Entschluß, das so wichtige Buch Abtreibungsüberlebende (150 Seiten) in einer komprimierten Fassung (40 Seiten) herauszubringen, welche das Lesen erleichtert, ohne jedoch die maßgeblichen Inhalte zu unterschlagen.  
Zudem wurden zwei Versionen gedruckt – eine Version für Männer und eine für Frauen. 
 
Der Text bei beiden Versionen ist ident; doch die grafische Gestaltung ist unterschiedlich. Warum? Weil Frauen und Männer unterschiedlich wahrnehmen und darum bei diesem heiklen Thema auch unterschiedlich angesprochen werden sollen. Es ist ein Novum. Wir hoffen freilich, daß diese Neuigkeit Frucht bringt.
 
Der Gang der Lektüre ist ein therapeutischer. Wie das Cover bereits zeigt, ist die Ausgangssituation des Abtreibungsüberlebenden zunächst eine im wahren Wortsinn niederschmetternde. Gemeint ist ja mit dem Begriff eine Person, die irgendwann  in ihrem Leben weiß oder ahnt, daß sie eigentlich noch ein oder mehrere Geschwister hätte; doch diese Geschwister sind nicht unter uns - sie wurden abgetrieben. Was machen mit dieser vernichtenden Erkenntnis?
 
Oder mit dieser Einsicht: Irgendwann festzustellen, daß die eigenen Eltern damals in Erwägung gezogen hatten, abzutreiben (mich abzutreiben), doch wegen glücklicher Umstände scheiterte das Vorhaben, so daß ich, dessen Leben damals wortwörtlich an einem seidenen Faden hing, heute am Leben bin, tatsächlich überlebt habe?
 
Wer das kleine Büchlein liest, bleibt nicht bei der anfänglichen deprimierenden Diagnose stehen. Die Lektüre zeigt auch das Rettende auf: Den Weg aus der Niedergeschlagenheit in das Freie. In den Worten Hölderlins: Wo aber Gefahr ist, wächst / Das Rettende auch.   
 
Die rückseitigen Covers wollen eben diesen rettenden Impuls im Grafischen vergegenwärtigen: Ich will leben!
 
 
 
 
 
 
 
 
  
 
Ich will leben!
 
 
Zu bestellen sind die beiden Büchlein beim Immaculata Verlag: 
 
Der Preis pro Exemplar beträgt lediglich 3 Euros. 

Samstag, 31. Januar 2026

 Mariä Lichtmeß II

»Exil – das ist das Erste, was wir uns bewußt machen müssen – ist nicht dasselbe wie Heimatlosigkeit. Wenn wir im Exil sind, haben wir durchaus eine Heimat; wir sind nur gerade nicht dort. Im Exil zu sein ist also etwas Hoffnungsvolles – so hoffnungsvoll, daß ein Mensch im Exil nicht bereit ist, an dem Ort, an dem er sich gerade befindet, seßhaft zu werden und ihn auf Dauer zu seiner Heimat zu machen. Das ist keine negative Ablehnung der Welt um uns herum, sondern erinnert uns daran, sie ins rechte Verhältnis zu setzen: Diese Welt ist nicht unser Zuhause und deshalb sollten wir es uns darin nicht allzu gemütlich machen« (Scott Hahn & Brandon McGinley, Katholiken im Exil, 10).
Das ist die exakte Beschreibung des katholischen Standpunkts in dieser Welt.

Weil der Katholik derart steht und schaut, kann er das Spiel Gottes mitspielen. Worin besteht dieses Spiel? – In den Worten Pater Pios: »Tutto è scherzo d’amore« – Alles ist ein Spiel der Liebe.

Und für die Liebe gilt, was der Völkerapostel Paulus in seinem großen, einfachen Hymnus auf die Liebe besingt (1 Kor 13,1ff): daß die Liebe nicht ihren Vorteil sucht. 

Der Katholik weiß, daß er tagein tagaus ein Beschenkter ist. Der erste Liebende, ja, der eigentliche einzig wahrhaft Liebende, ist Gott selbst, darum kann der Lieblingsjünger Jesu das christliche Prinzip und Fundament in die denkbar knappe Botschaft bringen: »Gott ist Liebe« (1 Joh 4,8.16). 

Der Katholik hat es tagein tagaus mit diesem Gott der Liebe zu tun. Er wird, wenn er sich bereithält und also öffnet für seinen Gott, dessen Geschenke der Liebe empfangen. Und je mehr er diese Geschenke beherzigt, desto weniger hält er an diesen Geschenken krampfhaft fest. Wozu auch? Er weiß ja aus Erfahrung, daß derjenige, der seinen Vorteil sucht, letztlich leer ausgeht. Denn der Vorteilsuchende ist der Verdächtigende. Er ist der Mißtrauende, der sich anklammert an das Geschenkte, weil er befürchtet, wenn er das Geschenkte weitergibt, als der Zukurzgekommene dazustehen. 

Doch es ist umgekehrt. Die offenen, leeren Hände – leer, weil sie das Geschenkte weiterreichen an den nächsten Bedürftigen – werden sogleich vom Lieben Gott mit neuen Gaben gefüllt. Das ist das Spiel der Liebe. Der besorgt Festhaltende verhärtet und verliert. Der unbekümmert Loslassende  wird erfüllt. Wer versucht, sich einzurichten in dieser Welt der Kontingenz, vergißt, daß wir im Exil sind und daß zu unserem status viatoris das stets neu einzuübende vertrauensvolle wie erwartungsvolle Loslassen gehört, ansonsten würde man dem Toren ähneln, der aus Wind eine Windmühle bauen will, während doch der Wind bekanntlich weht, wo er will. 

Simeon hält nicht fest. Das göttliche Kind liegt sacht auf seinen Unterarmen. Rembrandts letztes Bild fragt gleichsam: Bist du bereit für das scherzo d'amore

Wer wird das Kind als nächster empfangen? 

Du? 

Ich?

Grafik: Rembrandt, Simeon mit Jesus im Tempel. wiki.public domain. 
 

Samstag, 24. Januar 2026

 fasce benedette

Jeder trägt sie in sich: Urworte, die unauslöschlich sind. Vater ist ein solches Urwort, König (Kaiser) desgleichen.

Es sollte nicht verwundern, wenn, zumal in verwirrten Zeiten, »die das Böse gut und das Gute böse nennen« (Jes 5,20), diese Urworte als obsolet verhöhnt werden.  

Vielleicht kennt so mancher einen Geschichtslehrer aus dem Gymnasium, der, sobald die Rede auf das Gottesgnadentum kam, ironisch den Mund verzog und derart den objektiven Befund der Karikatur preisgab. Oder, wenn die Habsburger Thema waren, automatisch der antihabsburgerische Affekt, ein Zwilling des antirömischen Affekts, sich in die Brust warf.

Ein Besuch in der Wiener Schatzkammer hätte da gut getan. Unter  den dort verwahrten Reichsinsignien befindet sich auch die Reichskrone. Um das Jahr 1000 herum geschaffen, zeigt sie auf einer ihrer prunkvollen Stirnplatten den alttestamentlichen, dem Buch der Weisheit 8,15 entnommenen Spruch: PER ME REGES REGNANT (Durch Mich regieren die Könige).

Gleich ob der Karolinger Kaiser Karl der Große oder Kaiser Karl I. von Österreich, die katholischen Herrscher wußten, daß sie dem einzigen und wahren König, nämlich Gott selbst, nicht nur ihre Herrschaft verdankten, sondern  Ihm gegenüber einmal Rechenschaft über die Ausübung ihrer Herrschervollmacht abzulegen hatten. Die Herrschaft war keine willkürlich angemaßte, sondern wortwörtlich eine von oben geschenkte – gratia Dei.

Ein bornierter Geschichtslehrer kann gegen diese Weisheit nicht an. Ebenso wenig eine Regenbogenpresse, die nicht müde wird, die Skandale und Skandälchen der modernen Jetset Royals genüßlich zu kolportieren. Die Urworte, weil sie Urworte sind, bleiben.

Und naturgemäß visualisieren und repräsentieren sich die Urworte in festlichen Gebräuchen, Riten und Symbolen. Ein kleiner Brauch, entstanden im Spätmittelater (begründet durch Papst Clemens VIII., 1592-1605), versinnbildet mehr als viele Worte die Schönheit und Ordnung des Gottesgnadentums.

Während der feierlichen Weihnachtsliturgie in der päpstlichen Basilika Santa Maria Maggiore - und also dort, wo die betlehemitische Krippe des Jesuskindes aufbewahrt wird - entnimmt der Stellvertreter Christi  mit eigener Hand winzige Holzsplitter aus der verehrten Krippen-Reliquie. Die Splitter werden sodann in die »fasce benedette« eingenäht. 

Fasce benedette – das sind die »geweihten Windeln«, die das Oberhaupt der katholischen Kirche bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts den Erstgeborenen katholischer Herrscherhäuser übersenden läßt, um derart den zukünftigen Herrscher dem besonderen Schutz Gottes anzuvertrauen und ineins damit den Thronfolger an seine Aufgabe zu gemahnen, daß er Sorge zu tragen hat für die Bewahrung und Ausbreitung des katholischen Glaubens.

Fasce benedette.
 

Der Brauch erlischt 1907. Österreich wurde dreimal das päpstliche Ehrengeschenk zuteil.

Grafik: Detail der Reichskrone. Wiener Schatzkammer. wiki commons.

Samstag, 17. Januar 2026

 Adieu

Vor drei Tagen, am 15. Jänner, war der Gedenktag der Jungfrau der Armen. 

Genauso, Jungfrau der Armen (la Vierge des Pauvres), nennt sich die Muttergottes in Banneux am Donnerstag, dem 19. Jänner 1933. Es ist während der dritten Erscheinung. Mariette, die elfjährige Seherin, fragt Maria: »Wer sind Sie, schöne Dame?«  Und die Muttergottes antwortet: »Ich bin die Jungfrau der Armen.«

Banneux, in den belgischen Ardennen gelegen, ist ein von der katholischen Kirche anerkannter Erscheinungsort, d.h. die acht Erscheinungen Mariens wurden offiziell als authentische Privatoffenbarungen anerkannt. 1985 besuchte Papst Johannes Paul II. den Wallfahrtsort.

Anders als etwa die großen marianischen Erscheinungsorte wie Lourdes, Fatima oder Guadalupe, ist Banneux ein sehr kleiner, bescheidener Wallfahrtsort geblieben. Wer dorthin pilgert, wird eine Atmosphäre der Sammlung antreffen, die – gerade weil der Ort arm, klein geblieben ist – einmalig ist. Die Armut des Ortes entspricht dem Titel der Muttergottes. Selbst die Kapelle, deren Bau die Muttergottes wünschte, ist kein Prunkbau, sondern sehr klein. Wer Kleinheit lernen will, ist in Banneux am rechten Ort.

Dem entspricht die Einfachheit der Botschaften. Nur täusche man sich nicht. Einfachheit meint nicht Belanglosigkeit. Da die Wahrheit einfach ist, sind die einfachen Botschaften der Muttergottes einfache, wahre Botschaften.

Allein dreimal ergeht die Aufforderung der Muttergottes: »Betet viel.« Wie einfach. Genau so einfach wie die wiederholte biblische Weisung: »Betet ohne Unterlaß« (z.B. 1 Thess 5,17). Doch befolgen wir diese einfachen Weisungen?

Oder: Als Abbé Jamin, der Kaplan von Banneux, der kleinen  Seherin aufträgt, sie solle von Maria ein Beglaubigungszeichen erbitten, da antwortet die Muttergottes sehr schlicht: »Glaubt an mich, ich werde an euch glauben.« Der Himmel hat uns offensichtlich genug Zeichen gegeben. Jetzt ist es an uns, zu glauben und das Empfangene zu verwirklichen. Die scharfen Worte Jesu fallen einem ein: »Diese böse und treulose Generation fordert ein Zeichen, aber es wird ihr kein anderes gegeben werden als das Zeichen des Jona« (Mt 16,4).   

Dabei ist Maria, in ihrer Einfachheit, von einer wunderbaren zärtlichen Feinheit.

So sagt sie viermal zu Mariette, jeweils am Ende einer Erscheinung: »Au revoir (Auf Wiedersehen).«

Doch bei der letzten Erscheinung sagt Maria nicht Auf Wiedersehen. Stattdessen legt Maria Mariette die Hände auf und sagt: »Adieu.« Denn dieser Abschied ist der Abschied, der sämtliche acht Erscheinungen in einem Wort zusammenfaßt. Wir sind unterwegs. Wir sind Pilger, wir alle, Mariette ebenso wie jeder Christ. Und unsere Reise, wenn sie dem wahren Kompaß folgt, geht nicht in das Nirgendwo, sondern zu Gott hin: A Dieu. 

Grafik: Triptychon der Erscheinungskapelle. https://banneux-nd.be/fr/les-apparitions/