Freitag, 21. September 2018

Homo patiens


Ihre Bühnenpräsenz hat man gerühmt. Ihre unvergleichliche Jahrhundertstimme. Ihre darstellerische Kraft und Ausstrahlung. Ihr Gespür für kleinste Nuancen und musikalische Schattierungen.

Ja, das stimmt alles.

Aber vielleicht ist das Eindrücklichste, was Maria Callas verkörperte, das, was man gerne vergessen will: Daß der Mensch ein Leidender ist - homo patiens.

Man höre sich etwa nur die Eingangsarie der Lucia di Lammermoor an, so, wie die Callas sie singt. Die Arie gehört nicht zu den herausragenden der Opernliteratur, auch nicht zu den Bravourstücken der Lucia. Da wird man eher die berühmte Wahnsinnsarie bemühen.

Aber das macht nichts. Callas gelingt es, vom ersten Takt an, das Leiden hörbar zu machen. Und diese Gabe durchzieht ihre Diskographie. Und diese Gabe ist kein Konstrukt, über welches sich akademisch diskutieren ließe. Zu dieser Gabe gehört geradezu die granitene Einfachheit. Die Callas singt, und der Zuhörer weiß: So ist es. Das Leiden entzieht sich der Interpretation. Callas stellt das Faktum dar, das Unumstößliche. Der Mensch ist ein Leidender. Nicht weil die Callas es gerne so hätte, sondern weil es so ist.

Visconti, der Filmregisseur, der die Callas bewunderte und für sie zum Opernregisseur wurde, erzählt in einem Interview folgende bezeichnende Geschichte. Er ist in der Opernloge und hört wie hypnotisiert der Callas zu. Irgendwann registriert er, daß noch jemand in der Loge ist, und er dreht sich nach dem fremden Gast um. Es ist Elisabeth Schwarzkopf, die berühmte Sopranistin. Und Visconti sieht, wie der bekannten Sängerin die Tränen die Wangen hinunterrinnen.

Daß die Callas auf der Bühne das urmenschliche Faktum der Leidensfähigkeit des homo sapiens hörbar macht, ist ihrem künstlerischen Ethos zu verdanken. Sie wolle, so sagte sie, der Kunst dienen. Und das hieß, sie wollte der Wahrheit des Darzustellenden dienen.

Jenseits der Bühne mochte es sein, daß die Callas in der Welt des Glamours und des Jetsets und der stets extravaganteren Modecreationen sich verzweifelnd verlor. Auf der Bühne fiel dies von ihr ab. Da regierte der unbedingte Wahrheitsanspruch der Kunst. Und dieser Kunst stellte sie sich als Dienerin, nicht als Beherrscherin, zur Verfügung.

»Ein Mensch, der nicht gelitten hat, was weiß der?«, fragt ein deutscher Mystiker.

Maria Callas hat gelitten. Das ist keine Indiskretion, sondern Tatsache. Doch ist es gefährlich, als Leidende die Bühne zu betreten. Die Gefahr besteht darin, das eigene Leiden gleichsam exhibitionistisch zur Schau zu stellen. Eben dieser Klippe entgeht die Callas. Statt exhibitionistisch zu sein, ist sie existentiell. Sie singt ihr Leben, während der Zuhörer wahrnimmt, daß zugleich sein Leben in der Waagschale liegt.

Diese Woche, am 16. September, jährte sich der Todestag der Maria Callas.