Samstag, 3. Januar 2026

Vanitatum vanitas

Ihr Leben:

Mit achtzehn Jahren heiratet sie ihren ersten Mann, mit dem sie bereits als Vierzehnjährige Sex  hat. Die Ehe wird wenige Jahre später geschieden. Andere Ehemänner folgen. Ebenso Trennungen, Ehebrüche, Scheidungen, neue Affairen. 

Abtreibungen gehören wie selbstverständlich dazu. Mit siebzehn hat sie in der Schweiz ihre erste Abtreibung. Bei der zweiten Abtreibung, wenige Jahre später, kommt es zu einem Herzstillstand, so daß sie beinahe auf dem Operationstisch verstorben wäre. Danach riskiert kein Arzt mehr, eine Abtreibung  bei ihr vorzunehmen. In Fernsehinterviews vertritt sie ungeniert das Recht der Frau, ihr Kind abzutreiben, sprich zu töten, wenn die Frau die Schwangerschaft nicht will.

Als sie von ihrem zweiten Mann schwanger wird, trägt sie das Kind aus, gibt den kleinen Nicolas-Jacques aber sogleich in Betreuung, da sie mit dem Kind nichts anzufangen weiß. Als sie 1995 – Nicolas ist mittlerweile ein junger Mann, 35 Jahre alt – ihre Autobiographie veröffentlicht, schreibt sie über die damalige Schwangerschaft, sie sei wie ein »Alptraum« gewesen. Und ihr Sohn liest auch diese Sätze seiner Mutter: »Es war wie ein Tumor, der sich von mir ernährt hatte, den ich in meinem geschwollenen Fleisch getragen hatte und der nur auf den gesegneten Moment wartete, in dem er mich endlich loswerden würde.« Geht es noch grausamer? Ja. Sie hätte, so sie, es vorgezogen, »einen kleinen Hund zur Welt (zu bringen).« 

Tätsächlich sind die Hunde und die Robben und die Katzen und welche Tiere immer ihre Lieblinge, nachdem sie sich aus dem Filmgeschäft zurückgezogen hat. Robbenbabies streichelt sie, liebkost sie und umarmt sie fotowirksam; auch das wird ihrem Sohn nicht entgehen.

Depressionen gehören gleichfalls zu ihrem Leben. Viermal versucht sie, durch Selbstmord aus dem Leben zu scheiden. In einem späten Interview resümiert sie: »Ich bereue nichts.«

Jetzt ist B. B. (denn um sie geht’s) verstorben. Und die Nachrufe explodieren. Ein ungetrübter Blick hätte davon geschrieben, wie bodenlos zerrüttet, um das Mindeste zu sagen, das Leben des ehemaligen Filmstars war. Doch weit gefehlt. In den Nekrologen wird die Verstorbene als Inbild selbstbestimmter Weiblichkeit, als unabhängiger Geist, als Frau mit dem unwiderstehlichen  sogenannten sex appeal gerühmt, während ihre unübersehbare Verzweiflung gerade mal zwei Halbsätze wert sind. Unter diesen Voraussetzungen werden Kritiker, die sich den eitlen Nachrufen und Sirenengesängen entziehen, vermutlich als prüde abgestempelt. 

Der Kunstwissenschaftler Sedlmayr schrieb einst: »Der Verfall des Grabmals (…) gehört zu den furchtbarsten Zügen des 19. und 20. Jahrhunderts (…) denn alle Kultur beruht – neben dem Kult der Erde – im buchstäblichen Sinn auf dem Kult der Toten.«

Diese Aussage ließe sich in der Jetztzeit paraphrasieren derart, daß der Verfall der Nekrologe den Geisteszustand der Moderne beunruhigend offenbart. Ein kaputtes Leben wird schöngeredet zum femininen role model, die Reuelosigkeit gilt als Gütesiegel der Freiheit, denn was zählt, ist der egoistische plaisir, welcher sich nimmt, was er sich nehmen will. Wenn dabei andere und eventuell auch man selbst unter die Räder gerät, dann ist es halt so. C’est la vie. Doch kein geschminkter Schmollmund und keine Verführungstricks und erst recht nicht blinde Nekrologe können das zu Tage Liegende retuschieren: C’est la mort. 

 Grafik: pixabay by That-MamaRama-Life