Samstag, 27. Dezember 2025

Schneeweißchen, Rosenrot, Eisenhans und Co.

Wer kennt sie nicht? Die Märchen der Gebrüder Grimm?

Was macht letztlich die Anziehungskraft dieser Märchen aus? Warum sind die Grimmschen Märchen auch Erwachsenen ans Herz zu legen?

Die Antwort ist einfacher als man denkt. Die Märchen sind wahr. Das ist des Rätsels Lösung.

Geht man davon aus, daß in der Sammlung der Gebrüder Grimm nicht lediglich ein einzelner Autor sich ausspricht, sondern daß in diesen kunstvollen Gebilden die Stimme eines ganzen Volkes sich artikuliert, dann darf man weiter annnehmen, daß sich hier ein Konzentrat an volkstümlicher Weisheit zu Wort meldet.

Verschwiegen wird nichts. Es geht um die uralten und immer neu zu lebenden Geschichten des Lebens, und diese Geschichten drehen sich um das, was das Leben ausmacht: Liebe, Verrat, Kämpfe, Bosheit, gute Menschen, schlechte Menschen, Treue, Ausdauer, Verwicklungen, glückliche Fügungen und Lösungen. Da sind die Hexen und bösen Zauberer, die Prinzen und Prinzessinnen gewalttätig in Objekte bannen oder gleich in die Unterwelt einschließen. Da sind einfache Liebende, deren Herz einfach gut ist und die es vermögen, den Bann des Bösen zu brechen. Da sind immer wieder die tapferen Helden, die trotz verhängter bösartiger Machenschaften und Fallstricken nicht aufgeben auf ihrer Suche nach dem wahren Glück und der wahren Geliebten.

Die Botschaft des Märchens ist dabei unaufdringlich, schlicht, poetisch, ergreifend: Das Gute siegt. Immer. 

Damit aber ist das Märchen eine Art Exerzitium, welches in tiefer, spielerischer Weise die Schwere der Verstrickungen des Lebens auflöst in die trostvolle Botschaft, die den Kern des Märchens ausmacht, daß nämlich die Geschichten deswegen gut enden, weil die Schöpfung, in der die Märchen spielen, grundlegend gut ist.

Um diese selbstverständliche Botschaft, die letztlich eine zutiefst fromme ist, zu vermitteln, braucht das Märchen keinen Katechismus zu zitieren. Es läßt einfach die angemaßte Macht der Hexe null und nichtig werden und den Verwunschenen zum Leben auferstehen. Der »gottlose Zwerg« erhält seine »wohlverdiente Strafe«, und der Königssohn steht in goldenem Gewand da. Eine fromme Magd genügt, oder ein frommer Müller, oder  ein tüchtiger Handwerksbursche, oder »zwei Kinder ... fromm und gut«, um das Lot der Welt wieder in Ordnung zu bringen. 

Denn die Aussage am Schöpfungsmorgen ist dem guten Märchen unverlierbare Gewißheit: Gott sah alles an, was Er gemacht hatte: es war sehr gut (Gen 1,31).


Grafik: Abb. aus dem schönen Band: Brüder Grimm. Kinder- und Hausmärchen. Kleine Ausgabe 1825, hg. v. Axel Winzer, Berlin 2025 (Vlg. Frölich & Kaufmann).

Samstag, 20. Dezember 2025

 Die Tage der Erwartung 

 

Was bedeutet das: »Der Herr ist nahe«? 

In welchem Sinn sollen wir diese Nähe Gottes verstehen? 

Als der Apostel Paulus an die Philipper schreibt, denkt er offensichtlich an die Wiederkunft Christi und lädt sie ein, sich zu freuen, da diese Wiederkunft eine Gewißheit ist. Dennoch weist der hl. Paulus in seinem Brief an die Thessalonicher darauf hin, daß niemand die Zeit und Stunde des Kommens des Herrn kennen kann (vgl. 1 Thess 5,1–2) und warnt vor jeder Panikstimmung, so als stünde die Ankunft Christi gewissermaßen unmittelbar bevor (2 Thess 2,1–2). 

So erkannte die Kirche, vom Heiligen Geist erleuchtet, bereits damals immer besser, daß die »Nähe« Gottes keine Frage von Raum und Zeit ist, sondern eine Frage der Liebe: die Liebe schafft Nähe!

 Benedikt XVI.  

Grafik:  Foto von Victor Lu auf unsplash

Samstag, 13. Dezember 2025

 Das letzte Opfer

»Denn keiner von uns lebt sich selbst und keiner stirbt sich selber« (Röm 14,7)      

1556

Rom. Es ist der 30. Juli 1556. Der General des Jesuitenordens, Ignatius von Loyola, liegt im Sterben. Er bittet seinen Sekretär Polanco zum Papst zu gehen und um den päpstlichen Segen für den Sterbenden anzusuchen. Polanco ist ob dieser Bitte überrascht, »so krank sei er doch nicht; die Ärzte hätten von seiner baldigen Genesung gesprochen; ob er nicht den Auftrag bis zum andern Morgen verschieben dürfe, da er in dieser Nacht noch die überseeische Post zu erledigen habe.« In der Indifferenz des Jesuiten entgegnet der Ordensgründer: »Schön, wie Sie wollen. Ich überlasse mich ganz Ihnen.« Und Polanco eilt nicht zum Papst. Tatsächlich aber kommt der Tod, wie von Ignatius angedeutet, in der Frühe des 31. Juli. Er stirbt allein, ohne priesterlichen Beistand, ohne Viaticum. Der Sekretär eilt zwar, seinen Irrtum erkennend, in der Frühe zum Papst, doch es ist zu spät.

1981 

Châteauneuf-de-Galaure. Ein kleines Dorf im Süden Frankreichs, 45 km westlich von Grenoble. In einem Bauernhof, in der Höhe,  auf dem Hügel des Dorfes, liegt Marthe Robin seit fünf Jahrzehnten in ihrem Kinderbett: verkrümmt, unbeweglich, sich einzig von der heiligen Eucharistie ernährend. Den Ärzten ein Mirakel. Augenzeugen, unter anderem ihr geistlicher Begleiter, bezeugen die Vorkommnisse und die Tatsache, daß die Bettlägerige jede Woche die Passion Christi erlebt. Am Tag des Todes der Mystikerin, am 6. Februar 1981, findet man die Tote auf dem Boden der Kammer, offensichtlich gewaltsam aus dem Bett geworfen, derart bis zuletzt den geistlichen Kampf lebend. 

2025

Ich muß an eine Ordensschwester denken, die ich sehr schätzte. Ihr Leben: Ein Leben für andere. Und jeder, der sie kannte, wußte um ihr Lachen, ihre ausstrahlende Freude, noch dann, als sie, altersbedingt, zurückgezogen in einem Kloster für alte Schwestern lebte. 

Sie war die Verliebte. Ich, und so viele andere, hatten sie stets als die Verliebte wahrgenommen. Die Verliebte in ihren himmlischen Bräutigam.

Wenn ich sie in ihrem Kloster besuchte, hatte sie mir des öfteren mitgeteilt, daß sie, wenn es so weit wäre,  genau so bestatten sein wolle, wie es sich gehöre. Wie hätte es auch anders sein können? Ihr Bräutigam war in die nackte Erde gelegt worden. Also war es für sie eine unumstößliche Notwendigkeit, auch im Tod ihrem Bräutigam nachzufolgen. Eingeäschert zu werden, davor graute ihr, es war eine Abscheulichkeit für sie. 

Sie starb. Ich fuhr zu ihrem Begräbnis. In der Klosterkirche war vor dem Altar eine Art Katafalk errichtet. Ich verstand zunächst nicht. Ich wollte nicht verstehen. Erst nach Minuten drängte sich mir das Unausweichliche auf. Vorne, vor dem Altar, stand kein Sarg. Auf dem geschmückten Gerüst stand eine Urne. Ich wollte es nicht fassen. Und doch war es wahr. Schwester M., meine Schwester M., die ich fünf Wochen vor ihrem Tod zum letzten Mal gesehen hatte, war eingeäschert worden.

Ich habe erst später, nachdem ich stundenlang versucht hatte, meines Zorns Herr zu werden, verstanden, daß der Bräutigam von Sr. M. von ihr das letzte Opfer verlangt hatte. 

Grafik: https://sacerdos-viennensis.blogspot.com. Am Grab des hl. Ignatius in Rom.

Samstag, 6. Dezember 2025

 Die Chaconne

Sie gehört zu den herausragenden und schwierigsten Werken der Literatur für Violine solo: Die Chaconne (Giaccona) von Johann Sebastian Bach, der letzte Satz der Partita Nr. 2 in d-moll.

In der gesamten Geigenliteratur, und auch im Schaffen Bachs selbst, steht das Werk als ein erratischer Block. Es mag, wie viele vermutet haben, mit den außergewöhnlichen Lebensumständen Bachs zusammenhängen, unter denen die Chaconne entstanden ist.

Bach ist für drei Monate auf einer musikalischen Auslandsreise unterwegs. Als er schließlich nach der langen Dienstreise nach Hause zurückkehrt, trifft er den Tod an: Seine Frau Maria Barbara lebt nicht mehr, sie ist vor einer Woche verstorben. 

Die Tonart der Chaconne ist d-moll, eine Tonart, die man oft mit dem Tod in Verbindung gebracht hat. Mozarts Requiem ist in dieser Todestonart komponiert, Schuberts Der Tod und das Mädchen steht in d-moll, Bruckners letzte, dem Lieben Gott gewidmete Sinfonie, ist in d-moll. Legt es sich nicht nahe anzunehmen, daß die Chaconne Bachs der musikalische Abschied von seiner Frau ist? Und paßt zu dieser Annahme nicht auch, daß einer der Söhne des Komponisten berichtet, daß sein Vater das Werk oftmals für sich allein gespielt habe, auf seinem Lieblingsinstrument, dem Clavichord? 

Darüberhinaus: Im Jahre 1994 macht die Musikwissenschaftlerin Helga Thoene die Entdeckung, daß Bach, verborgen in seinem musikalischen Epitaph, mehrere Choralthemen anklingen läßt, und diese Choralanklänge kreisen um die heilsgeschichtlichen Ereignisse von Tod und Auferstehung (etwa die Choralzitate aus Jesu meine Freude, Jesu Deine Passion, Befiehl du deine Wege…). In einem musikalischen Experiment werden diese Zusammenhänge für den heutigen Hörer erstmals präsent: In der CD Morimur spielt der Geiger Christoph Poppen die Chaconne, während das Hilliard Ensemble zugleich vokal die Choralthemen unterlegt.

Verhält es sich nun so, wie diese wenigen Sätze skizzieren, wenn es also gilt, daß die Trauer wie die musikalische Transformation der Trauer (der Weg geht von Moll zu Dur und wieder zurück nach Moll) die Chaconne prägen, dann überrascht es nicht, wenn ein Geiger, der in eminenter Weise um die Trauer weiß, das Werk mit ungeheurer Intensität zu spielen weiß.

Sergey Khachatryan, so der Name des Geigers, ist armenischer Abstammung. In einem im Internet zugänglichen Video ist ein Encore von ihm zu hören, welches vom armenischen Komponisten Komitas stammt, wobei Khachatryan diese Zugabe bewußt der Erinnerung an den Genozid an seinem armenischen Volk während der Jahre 1915/16 widmet. Wer den Schmerz, die Trauer, die unverstellte Sehnsucht hören will, der kann dies in vier Minuten ergreifend hören. Und man versteht zuhörend besser, daß ein Geiger, über seine jeweilige Individualität hinaus, stets auch, in einer geheimnisvollen diachronen Verbundenheit, die alle statischen Grenzen der Zeit überwindet, der Bruder seiner Brüder ist und also der Bruder der Gemarterten.

Früh hat Khachatryan Bachs Partiten eingespielt. Seine Darbringung der Chaconne spricht für sich.