Freitag, 6. Juli 2018

Ach, ich fühl’s


Neulich in der Oper. Parsifal.

Neben mir, wie sich herausstellt, eine begeisterte Wagnerianerin. In der Pause sprechen wir miteinander. Ich frage sie, was denn die Botschaft Wagners sei. Da sei keine Botschaft, so sie.

Etwas später kommt sie auf meine Frage zurück. Es würde nicht um Botschaft gehen, sondern um Gefühle. Wagners Musik spreche ihre Gefühle an. Sie höre die Musik und sei sogleich wieder am Wickel. Das könne man nicht erklären, das sei halt so.

Ja, so ist es wohl. Wagner spricht die Gefühle an. Und mehr noch: Wagner hitzt die Gefühle an. Man höre etwa Wotans Abschied am Ende der Walküre. Brünhilde, die Tochter, hat das väterliche Wort gebrochen. Gezwungenermaßen muß Wotan sie bestrafen. Aber zuvor wird der Abschied inszeniert.

Doch im Grunde ist es kein Abschied, sondern der Rausch des Abschieds. Die Droge des Abschieds. Die Intoxikation des Abschieds.

Es hängt mit dieser Gefühlsorgiastik zusammen, daß es die Wagnerianer gibt, jedoch keine Mozartianer. Denn Wagners rauschhafte Musik produziert den narkotisierten Fan, der schließlich nicht in die Oper geht, sondern nach Bayreuth pilgert. Tertium non datur.

Um die Differenz zu einer Musik zu erfassen, die bei aller Eindringlichkeit des Ausdrucks sich die Anästhisierung des Zuhörers nicht gestattet, höre man einen anderen Abschied – Paminas Arie Ach, ich fühl’s.

Der Text könnte dramatischer nicht sein:
Ach, ich fühl’s, es ist verschwunden,
Ewig hin der Liebe Glück!
Nimmer kommt ihr, Wonnestunden,
Meinem Herzen mehr zurück!
Sieh, Tamino, diese Tränen
Fließen, Trauter, dir allein.
Fühlst du nicht der Liebe Sehnen,
So wird Ruh im Tode sein!
Pamina besingt den herzzerreißenden Schmerz der empfundenen Trennung, des Verlusts, der Sehnsucht, der verwundeten Liebe. Auch hier das Gefühl: Ach, ich fühl’s. Nur was macht Mozart?

Während Wagner den Hörer überwältigt, eröffnet Mozart dem Hörer den Raum der Freiheit. Da ist kein herrisches Einschließen in den Gefühlsuntergang, kein Verlust der klaren Augen. Vielmehr glückt es Mozart im tiefsten Schmerz wie in der höchsten Schönheit den Raum zu öffnen in die Transzendenz hin, denn eben dorthin, in den Raum des Unverfügbaren, verweist jede Empfindung, die mehr ist als Exzess und verführerischer Sog.

Nochmals anders gesagt: Wagner führt ins Staunen über die geniale Raffinesse der musikalischen Mittel. Das ist stupend. Mozart führt gleichfalls ins Staunen – in das Staunen des Mitleids. Pamina singt, und da ihr interesseloser Gesang es nicht auf Überwältigung abgesehen hat, vermag er die tiefen, vielleicht verschütteten Saiten in der eigenen Brust zum Erklingen zu bringen, so daß sich Zwei begegnen – Pamina und das Du des Hörers. Während im Wagnerrausch das Nirwana lockt, in dem schließlich unterschiedslos alle versinken: Wotan, Brünhilde, Isolde, der Holländer, der Zuhörer e tutte quante.

Aber genug der Worte. Ecco la musica: