Samstag, 16. Mai 2020

Virgo potens


Der Mai ist der Monat der Muttergottes. Das ist bekannt.

Weniger bekannt ist die Stellung, die Maria im geistlichen Kampf einnimmt.

Um mal zwei Päpste der jüngeren Zeit zu zitieren. Papst Pius XII. bezeichnete die Gottesmutter im Weihegebet an das Unbefleckte Herz Mariens, 1942, als die »Siegerin in allen Schlachten Gottes«.

Papst Johannes Paul II. stellte bei einer seiner Frankreichreisen fest: »Wenn der Sieg kommt, wird er durch Maria kommen. Mehr denn je ruft die Jungfrau Maria heute ihre älteste Tochter (sc. Frankreich), aber auch alle ihre Töchter, die Nationen, auf, zu erwachen und sich zu bekehren, um ihren Sieg zu ermöglichen.«

Daß diese kämpferische Stellung Mariens so wenig bekannt ist, mag einerseits damit zusammenhängen, daß in Abbildungen der Gottesmutter vorzüglich ihre Sanftheit und Lieblichkeit dargestellt wird, andererseits damit, daß der Mensch die Wahrheit des geistlichen Kampfes ungern vernimmt. Man will in Ruhe gelassen werden, wie die Allerweltsfloskel lautet, schließlich sei das Leben schon anstrengend genug.

Ja, anstrengend ist das Leben. Aber ohne Maria, die in der Lauretanischen Litanei unter anderem als die virgo potens, die mächtige Jungfrau, angerufen wird, ist das Leben dermaßen anstrengend, daß es den Einzelnen erdrückt. Denn Maria, gerade in ihrer vollkommenen militärischen Reinheit, ist, wenn wir uns unter ihren Mantel stellen, der Schild, der uns vor den Angriffen des Bösen beschützt. Das aber heißt, mit ihr wird unser Leben ein befreites, wenn auch kein bequemes. Denn sie wird uns nicht zum Quietismus erziehen, sondern zum Mitkampf. In diesem Kampf freilich ist sie a priori die Siegerin, und folglich wir, wenn wir ihre Pädagogik annehmen, die Mitsieger.

Die Zeugnisse dieser Mitsiegerschaft sind zahllos. Hier eines:

»In Italien erzählte mir ein Exorzist, daß eines Tages ein junger Mann in großer Not zu ihm kam, weil er verzweifelt war; er konnte es nicht mehr ertragen. Er war nicht nur körperlich krank, sondern auch sein Geist wurde ständig gequält. Er hatte sich mit okkulten Praktiken beschäftigt, ganz zu schweigen von Drogen, Alkohol und anderen schädlichen Dingen!
Der Priester, in Beschlag genommen von einem anderen schwierigen Fall, kann seine Arbeit jedoch nicht unterbrechen. Da er aber das Leiden des jungen Mannes sieht, will er ihn nicht enttäuscht gehen lassen. Er erinnert sich an die Muttergottesstatue in seiner Kirche. Es ist die Muttergottes der Rue du Bac in Paris, die Jungfrau der Wundertätigen Medaille. Sie streckt ihre Hände aus und den Ringen, die sie an ihren Fingern trägt, entspringen Strahlen, welche die Gnaden symbolisieren, die Maria allen gewährt, die sie darum bitten. Der Priester sagt zu dem jungen Mann: Geh und bete vor der Statue und schau ihr in die Augen! Sie ist deine Mutter, sie wird dir helfen!
Der junge Mann kniet vor der Jungfrau Maria nieder, schreit ihr sein Elend entgegen und richtet seinen Blick auf ihre Augen. Plötzlich spürt er eine große Erleichterung, die ihm aus dem Blick der Gottesmutter zukommt. Noch nie in seinem Leben hat er eine solche mütterliche Zärtlichkeit verspürt. Voller Freude verweilt er lange vor der Statue. Es ist wie ein Balsam, der seinen Körper, sein Herz und seine Seele durchdringt! Als er weggeht, ist er geheilt und befreit!«

Die Muttergottesstatue in der Rue du Bac, einem der berühmten marianischen Wallfahrtsorte, zeigt Maria in beiden Eigenschaften: Als die liebliche Mutter und als die Siegerin in der Schlacht - unter ihren Füßen windet sich die besiegte Schlange.