Montag, 13. April 2020

Emmaus

Wer kennt sie nicht, die Geschichte der beiden Emmausjünger.

Da gehen zwei Niedergeschlagene. Ihre große Hoffnung – Jesus von Nazareth – ist einen schmählichen Tod gestorben. Wir hatten gehofft, daß er der sei, der Israel erlösen werde. Der ersehnte Messias wurde gekreuzigt.

Und zu diesen zwei Niedergeschlagenen gesellt sich ein Fremder. Und spricht mit ihnen, und fragt sie. Und diesem Fremden gegenüber, den sie nicht erkennen, erzählen sie ihre Verzweiflung, die sie für durch und durch gerechtfertigt halten.

Und was sagt der Fremde?

Er sagt zu ihnen: O stulti. So heißt es im Lateinischen. Das Deutsche übersetzt reichlich brav: Begreift ihr denn nicht? Das Lateinische ist treffender. Es schreibt: O ihr Dummen, ihr Narren. Die Beiden, die da meinen, den Fremden belehren zu müssen, sind nicht gescheit, sondern dumm.

Wie bitte?

Ist die Tatsache, daß man einen Gekreuzigten für eine Zumutung hält, jedenfalls nicht für den ersehnten Messias, eine Dummheit?

Ja, genauso ist es.

Die Beiden hätten eine Entschuldigung, wenn es die Heiligen Schriften nicht gäbe und wenn es die Worte Jesu nicht gäbe. Hatte er nicht selbst seinen Jüngern mehrmals genau dies in aller Deutlichkeit gesagt: Daß der Messias leiden müßte, verspottet werden würde, gekreuzigt würde, aber am dritten Tag auferstehen würde?

Das aber heißt, die Beiden hätten einfach den göttlichen Worten Glauben schenken sollen. Hier gibt es kein Herumlavieren, kein wenn und vielleicht und aber, sondern schlicht und einfach das marianische Ja des Glaubens, gerade dann, wenn es unseren menschlichen Horizont sprengt. Und auch dies wurde uns bekanntlich gesagt: Meine Gedanken, so spricht Gott bei Jesaia, sind nicht eure Gedanken, und eure Weg nicht Meine Wege.

Naturgemäß gefällt uns diese Logik nicht. Wer will schon als der Dumme dastehen? Mit unseren Argumenten wollen wir schlau sein und gut ankommen. Wir wollen es besser wissen, notfalls besser als der Liebe Gott höchstpersönlich. Bist du so fremd in Jerusalem, daß du als einziger nicht weißt, was in diesen Tagen dort geschehen ist? Diese Frage der beiden Emmausjünger, ausgerechnet an den Auferstandenen, drückt unsere unverbesserliche Besserwisserei schlagkräftiger aus als lange Umschreibungen. Und es wäre gut, sich anhand dieses Evangeliums mal die Frage zu stellen, an sich selbst gerichtet, worin meine notorische Dummheit besteht.

Gott sei Dank hat derjenige, den wir belehren wollen, viel Geduld und Mitleid mit uns kleinen, dummen Besserwissern. Und nochmals Gott sei Dank weiß der Dritte auf dem Wege, daß hinter unserer sturen Dummheit oft ein lauteres Herz, das eigentlich brennen will, nur darauf wartet, endlich durch den einzigen Retter erlöst zu werden – auch von der eigenen Verbohrheit, die letztlich Unglauben ist.

Und eben deswegen geht der Dritte den Weg mit uns. Um uns zu erlösen. Um uns die Augen zu öffnen in das Geheimnis des Glaubens hinein. In das Geheimnis der größeren Gedanken und der größeren Liebe hinein. In diesem Geheimnis aber hört jede Besserwisserei auf. 
Grafik: wikicommons