Freitag, 15. März 2019

»Herr, lehre doch mich.«


Am Aschermittwoch wird die Asche über unser Haupt gestreut oder auch das Aschenkreuz auf unsere Stirn gezeichnet, wobei der Priester die Worte spricht: Bedenke, Mensch, daß du Staub bist und zum Staub zurückkehren wirst.

Memento mori. Wie oft vergessen wir diese Mahnung, obgleich doch das Faktum der Sterblichkeit uns alle vereint. Hier, in der absoluten Endlichkeit (und das Eigenschaftswort absolut ist an dieser Stelle richtig plaziert), hört jede Differenz auf, gleich, ob es um die Unterschiede zwischen arm und reich, gesund und krank, angesehen oder verachtet geht. Der Tod macht alle gleich.

Wer über die Unausweichlichkeit des Todes nachsinnt, steht vor dem Geheimnis, welches in die Verzweiflung oder in das Aufbäumen oder in den letzten ekstatischen Rausch führen kann – so etwa in Mahlers Lied von der Erde, welches ein langer elegischer Abgesang an die unverfügbare und zugleich leidenschaftlich begehrte Wunderkraft der Welt ist.

Johannes Brahms hat sein memento mori komponiert. Ein deutsches Requiem ruft unser Ende in die Erinnerung. Im dritten Satz seines siebenteiligen Werkes wird die zerreißende Spannung von hilfloser Unausweichlichkeit und Suche nach rettender Erlösung schmerzlich hörbar.

Herr, lehre doch mich, so beginnt es. Es ist die Bitte an Gott, den Beter in die Schule Gottes zu nehmen. Er, Gott, der Begründer des Geheimnisses des Todes, muß den Beter unterrichten, damit dieser verstehen lernt. Denn der Mensch ist ein Unverständiger, Unbelehrbarer. Blindlings sammelt er Schätze und weiß doch nicht, wer es kriegen wird. Er ist ein Schemen, sein kurzes Leben wie ein Nichts vor dem allmächtigen Gott.

Der Ausweg aus der Unausweichlichkeit des Todes ist nicht die Kurzsichtigkeit, nicht die Illusion, nicht das Hasten und sich Betäuben, sondern, ganz im Gegenteil, die demütige Bitte an den Herrn, dem Menschen das Ziel klar vor Augen zu rücken: Herr, lehre doch mich, daß ein Ende mit mir haben muß, und daß mein Leben ein Ziel hat, und ich davon muß. Der Tod ist Tod, er wird nicht bemäntelt. Aber der Tod ist ineins Ziel und damit nicht Nichts.

Damit gibt Brahms bereits zu Beginn die Richtung an. Doch Brahms wäre nicht Brahms, wenn er mühelos den Weg ins Helle weisen würde. Zum dritten Satz des Requiems und zur Ernsthaftigkeit des Komponisten Brahms gehört, daß er die Klage des sterblichen Menschen lange ertönen läßt. Denn derjenige, der diese Klage vernimmt, der den Terror des Todes vernimmt, steht vor der Versuchung, angesichts dieses Schreckens zu verzweifeln. Was bleibt, wenn der Tod scheinbar Alles nimmt?

In den Worten der Komposition, welche Worte dem Psalm 84 entnommen sind: Herr, wes soll ich mich trösten?

Und man muß den hämmernden Schrei dieser zermürbenden Frage hören und die im Schrei mitschwingende Angst des Verhallenden, mit anderen Worten die Befürchtung, der Schrei könnte ins Leere gehen und also ohne Antwort bleiben – all diese Beklemmungen, die Brahms in ihrer ganzen Bedrückung hörbar macht - , um sodann, geboren aus der tiefsten Not, anzukommen bei der Antwort der Güte: Ich hoffe auf Dich. Die gerechten Seelen sind in Gottes Hand und keine Qual rühret sie an.

Die gerechten Seelen. Das ist keine kitschige Vertröstung eines deus ex machina, sondern die Antwort des biblischen Beters. Und zu dieser Antwort gehört, daß sie keiner platten paradiesischen Allerweltsstimmung das Wort redet, sondern im Nüchternen verbleibt. Denn die Rede ist von den gerechten Seelen. Der Gerechte ist, laut biblischer Auskunft, derjenige, der siebenmal am Tag fällt. Aber der Gerechte bleibt nicht am Boden liegen, sondern er steht auf, seine Sünde vermag ihn nicht zu halten (Spr 24,16). Darum wartet seiner die Erfüllung.

Was aber ist mit den ungerechten Seelen? Über sie heißt es im selben Buch der Sprichwörter, daß die Gottlosen im Unglück versinken.

Brahms gedenkt der gerechten Seelen. Er komponiert die Hoffnung. Und die Hoffnung, auch dies biblischer Befund, läßt nicht zugrunde gehen (Römerbrief 5,5). Doch zur Hoffnung gehört, sie zu ergreifen – im Herrn. Darum heißt es im letzten Satz des Requiems mit den Worten der Offenbarung des Johannes: Selig sind die Toten, die in dem Herren sterben, von nun an.

In dem Herren!

Grafik: Photo by Ahna Ziegler on Unsplash