Montag, 22. März 2021

Hildegard von Bingen – Die Geliebte

VI.

Geboren wird Hildegard in eine »weibische Zeit«. So kennzeichnet sie selbst ihr Zeitalter. Es ist eine Zeit der großen Gefährdungen und Versuchungen, eine Zeit der Betrügereien, der Täuschungen, der Häresien. Es ist vor allem die Zeit geistigen und moralischen Niedergangs, in der selbst der Klerus seine Aufgaben sträflich vernachlässigt: »Weh, wehe – die heutige Zeit ist nicht kalt, sie ist auch nicht warm, sie ist einfach lau.«  

Dem Menschen ist jedoch aufgetragen, was sie einst dem Erzbischof von Bremen vorschreibt: »Sei ein heller Stern, der in der Finsternis der Menschen in ihrer Verderbnis leuchtet (…).«

Sie selbst, Hildegard, ist zeitlebens eine im Licht Lebende. Das Licht, das unfaßbare, das ursprüngliche, hat ein Beiwort. Hildegard spricht immer wieder vom lebendigen Licht. Auch das Adjektiv wahr legt sie dem Licht bei. Oder das Adjektiv mild. Oder geheimnisvoll.

Und dann gibt es noch den Schatten des Lichts, in dem Hildegard, so sie, beständig lebe, gleichsam das Fenster zum übergroßen lebendigen Licht.

Spät, vier Jahre vor ihrem Tod, schreibt sie an Wibert ausführlich über das Geheimnis ihrer visionären Gabe. Da heißt es:

»Von meiner Kindheit an, als meine Gebeine, Nerven und Adern noch nicht erstarkt waren, erfreue ich mich dieser Gabe der Schau in meiner Seele bis zur gegenwärtigen Stunde, da ich doch schon mehr als siebzig Jahre alt bin (…) Das Licht, das ich schaue, ist nicht an den Raum gebunden. Es ist viel, viel lichter als eine Wolke, die die Sonne in sich trägt. Weder Höhe noch Länge noch Breite vermag ich an ihm zu erkennen. Es wird mir als der Schatten des Lebendigen Lichtes bezeichnet (…) Die Gestalt dieses Lichtes vermag ich aber nicht zu erkennen, wie ich ja auch die Sonnenscheibe nicht ungehindert anschauen kann. In diesem Licht sehe ich zuweilen, aber nicht oft, ein anderes Licht, das mir das lebendige Licht genannt wird. Wann und wie ich es schaue, kann ich nicht sagen.«

Als die Seherin Hildegard 1179 in ihrem Kloster auf der Bergeshöhe stirbt, bleibt das Licht. Denn es sei – so steht es in ihrer Lebensbeschreibung – am Tag ihres Heimgangs in die Ewigkeit am Himmel eine wunderbare Lichterscheinung aufgestrahlt, welche »die nächtliche Finsternis vom Sterbehaus zu vertreiben« schien. »In diesem Lichte«, so fährt die Vita fort, »sah man ein rotschimmerndes Kreuz, das zuerst klein war, dann aber zu ungeheurer Größe anwuchs.« Die Lichterscheinung hüllt schließlich »den ganzen Berg in strahlendes Licht«

Und die Verfasser der Vita bezeugen abschließend: »Wir müssen wohl glauben, daß Gott durch diese Zeichen offenkundig machte, mit welcher Lichtfülle Er seine Geliebte im Himmel verherrlicht hat.«

Am 7. Oktober 2012 hat Papst Benedikt XVI. Hildegard von Bingen zur Kirchenlehrerin (Doctor Ecclesiae universalis) erhoben.

Samstag, 13. März 2021

Hildegard von Bingen – Die Feder

Vielleicht denkt mancher, eine Visionärin sei eine in ihrem religiösen Elfenbeinturm Lebende, die wenig von den aktuellen Weltläuften erfahre. Weit gefehlt.

Der Briefwechsel Hildegards macht überdeutlich das prophetische Sprechen Hildegards in ihre Zeit hinein. Und dieses Sprechen ist von stupender Aufrichtigkeit, Geradheit und Unbestechlichkeit. Ein Beispiel mag dies veranschaulichen.

1178, und also ein Jahr vor ihrem Tod, läßt Hildegard einen mutmaßlich exkommunizierten Adligen auf ihrem Klosterfriedhof beerdigen. Tatsächlich hat sich jedoch dieser Adlige vor seinem Tode durch den Empfang der Sakramente wieder mit der Kirche versöhnt. Da die Wiederaufnahme in die Kirche jedoch nicht offiziell stattgefunden hat, sondern lediglich im quasi privaten Rahmen, verlangt das Mainzer Domkapitel von Hildegard die Entfernung der Leiche aus der geweihten Erde.

Der Erzbischof von Mainz ist, als diese Auseinandersetzung beginnt, nicht in Mainz, sondern in Rom, und kann daher nicht eingreifen. Hildegard weigert sich standhaft, der ungerechten Anordnung des Domkapitels nachzukommen. Daraufhin wird die Kirchenstrafe des Interdikts über sie und über ihre Klostergemeinschaft verhängt. Das heißt im Klartext: Verbot der gottesdienstlichen Handlungen, Verbot der Sakramentenspendung, Verbot des Gesangs der Tagzeitenliturgie.

Die Beschneidung des klösterlichen Lebens konnte drastischer nicht sein. Bedenkt man allein die Tatsache, daß der tägliche Psalmengesang, der das benediktinische Klosterleben strukturiert und prägt, für Hildegard, die Schöpferin etlicher geistlicher Hymen und Antiphonen, zugleich geschuldetes Gotteslob wie musikalischer himmlischer Balsam für Körper, Geist und Seele ist, mag man die Grausamkeit der Maßnahme ermessen.

Die Replik Hildegards an die Mainzer Prälaten läßt an geistlicher Schärfe nichts zu wünschen übrig (was man, notabene, auch in Zeiten wie den unsrigen gut bedenken sollte): 

»Diejenigen also, die der Kirche in Bezug auf das Singen des Gotteslobes Schweigen auferlegen, werden – da sie auf Erden das Unrecht begingen, Gott die Ehre des Ihm zustehenden Lobes zu rauben – keine Gemeinschaft haben mit dem Lob der Engel im Himmel, wenn sie das nicht durch wahre Buße und demütige Genugtuung gutgemacht haben.«
Und dennoch: Hildegard ist bereit, den Schmerz des Verzichts zu leben, wenn es die Wahrheit verlangt. Sie ist zu keinem fadenscheinigen Kompromiß, erst recht nicht zu einer Lüge bereit (die Lüge nennt sie »das Laster der Unmenschlichkeit«). Und die Wahrheit, die nicht auslöschbar ist, setzt sich endlich durch. Nach Monaten schrecklicher Prüfung wird das Interdikt aufgehoben. Zeugen bestätigen, daß der Exkommunizierte tatsächlich im Frieden mit der Kirche verstorben ist; sogar der Priester, der ihm die Beichte abgenommen hatte, sagt zu Hildegards Gunsten aus.

Mit diesem letzten Kampf neigt sich das Leben der Äbtissin dem Ende zu. Ein Leben, welches bei aller Begnadung zugleich ein Leben der steten Angefochtenheit ist: »Ich (...) bin ständig von zitternder Furcht erfüllt. Denn keine Sicherheit des Könnens erkenne ich in mir.«

Sie weiß, daß sie die Arme ist, die ganz zu Gott hin Geöffnete, die alle ihre vorzüglichen Gaben nicht sich verdankt, sondern ihrem Schöpfer, in dessen liebender Umarmung sie sich aufhält: »Und so bin ich keineswegs durchtränkt mit einer menschlichen Wissenschaft, auch nicht mit besonderen Geisteskräften, strotze auch keineswegs von körperlicher Gesundheit, sondern fuße allein auf der Hilfe Gottes.«

Sie ist »eine kleine Feder«, die nicht aus sich selbst heraus fliegt, sondern im Windhauch Gottes sich bewegen läßt, so die wirklichkeitsgetreue Selbsteinschätzung der Äbtissin. Gott hat es gefallen, das Federchen zu berühren, auf »daß sie in Wundern emporfliege«. Oder wie es an anderer Stelle heißt: »Doch strecke ich meine Hände zu Gott empor, daß ich von Ihm gehalten werde, wie eine Feder, die ohne jedes Gewicht von Kräften sich im Wind dahinwehen läßt.«

Und das Federchen ist, auch dies gehört zur Selbstbescheidung, nur das Fenster, fenestrum. Wort und Werk der Seherin sind zu verstehen fenestraliter, sie sind nicht das Urlicht selbst, sondern öffnen gleichsam wie ein Fenster den Blick in die Mysterien der Schöpfung, sind durchlässig für das Licht von oben und durchscheinend auf IHN hin, der alles umfängt.

 

Mittwoch, 10. März 2021

Hildegard von Bingen – Die Ärztin

V.

Nach dem bisher Gesagten dürfte es einleuchten, daß dann, wenn von der Ärztin Hildegard und der ihr zugeschrieben Heilkunst die Rede ist, mehr auszusagen ist als ein plattes therapeutisches Konzept, dem es lediglich um die Instandsetzung kranker Funktionen geht.

Heilkunst ist Kunst des Heilens und also Lebenskunde. Alle Lebensbereiche sind im Blick der Benediktinerin, die gesamte materielle Welt als Reservoir des göttlichen Heilungswillens – Edelsteine, Steine, Metalle, Kräuter, Bäume, Pflanzen, Tiere – wird befragt, dies stets in der Haltung der discretio, der Unterscheidung, die für Hildegard Mutter aller Tugenden ist. 

Zu dieser Gabe des Unterscheidens gehört, sich einerseits nicht im Fragmentarischen zu verlieren, andererseits nie außer Acht zu lassen, daß der aktuelle Stand des Menschen ein gebrechlicher Zwischenstand ist (destitutio), nämlich zwischen dem verlorenen schönen Urstand (constitutio) und seinem Ziel der Wiederherstellung (restitutio).

Zu fragen hat sich der Kranke: Wie sinnvoll ist meine Lebensführung? Traue ich der guten Schöpfung, der lebensfrischen, nie versiegenden Grünkraft, die meine umfassende Gesundung will? Bin ich bereit, den Weg der Bekehrung und Buße zu gehen und mich und mein habituelles Unglück loszulassen und meine Wunden dem großen Arzt Christus – dem magnus medicus, dem Christus medicus - hinzuhalten und zu übergeben in der Überzeugung: »Heilig bist Du, der Du die eiternden Wunden reinigst.«? Oder, wie es in Scivias aus dem Munde Christi selbst heißt: »Ich bin der große Arzt für alle Krankheiten, und Ich handle wie ein Doktor, der einen Kranken sieht, der so sehr nach einer Medizin verlangt.«

Die Medizin, das remedium, will im wahren Wortsinn re-medium sein, Mittel, um den Menschen zurückzuführen in seine ursprüngliche Ganzheit. Naturkunde, Krankheitslehre, Diätetik, Anthropologie, Kosmologie und theologische Durchdringung verbinden sich in Hildegards Lebenskunde zu einem harmonischen Gefüge.

Für den Arzt bedeutet dies, so der  Medizinhistoriker Schipperges: 

»Krankheit wird nicht als ein pathogenetischer Prozeß beschrieben, sondern eher als Unterbleiben und Versagen, als ein modus deficiens, während Gesundsein als produktives Geschehen gedeutet wird, als creatio continua, eine permanente Zeugung aus dem lichten Grün der viriditas. Deshalb besteht auch das Ethos des Arztes nicht im Sanieren, sondern in der Barmherzigkeit, die man einem notleidenden Menschen entgegenzubringen bereit ist. In der Situation der Not ist es die Hilfe, die von der Barmherzigkeit getragen wird. Es ist die Gestalt der Barmherzigkeit, die denn allein auch der Erscheinung der Herzenshärte die gebührende Antwort zu geben vermag.«

Diese Gestalt der Barmherzigket spricht im Liber vitae meritorum, dem Buch der Lebensverdienste: »Ich aber, die Barmherzigkeit (misericordia), ich bin in Luft und Tau und in aller grünenden Frische ein überaus liebliches Heilkraut. Übervoll ist mein Herz, jedwedem Hilfe zu schenken (…) Den Gebrechlichen helfe ich auf und führe sie zur Gesundung.«

Hildegard selbst ist zeit ihres Lebens von Krankheiten heimgesucht. Sie weiß, was es bedeutet, krank zu sein und zu leiden, ein homo patiens zu sein. Diesbezügliche Äußerungen ihrerseits sind zahlreich; in der Vita II, 14 heißt es:

»Niemals habe ich geruhsam dahingelebt, sondern in vielfachen Trübsalen mich abgemüht (…) Gott verstrickte mich in so viele Unbilden, daß ich nicht mehr zu denken wagte, welch große Güte Er mir in seiner Gnade schenken werde, zumal ich sah, in welches Unglück die gerieten, die sich der Wahrheit widersetzten. Von der Trübsal und den Schmerzen, die ich durch die trockene Hitze zu erleiden hatte, wurde mein Körper so zusammengeknetet, wie wenn lehmige Erde mit Wasser zusammengemengt wird.«

Und in einem Brief an Wibert von Gembloux, ihren späteren Sekretär, schreibt sie: »Und ich werde durch Krankheiten stark gehemmt und oft derart in schwere Schmerzen verstrickt, daß sie mich zu Tode zu bringen drohen. Doch hat Gott mich bis jetzt immer wieder neu belebt.«

Die Gewißheit von Gottes Plan und die Begegnung mit dem Arzt Christus tragen sie letztlich durch alle Prüfungen, wie es anderer Stelle in der Vita heißt (II, 10): »Wären die quälenden Schmerzen, die ich an meinem Leibe erlitt, nicht von Gott gekommen, ich hätte nicht länger zu leben vermocht.«

Darum auch läßt sie sich von den Drangsalen nicht entmutigen, auch aus teuflischen Anfechtungen geht sie kraft der Gnade als Siegerin hervor, denn: »Obgleich ich auch durch dies gepeinigt wurde, so sprach, sang und schrieb ich doch in der göttlichen Schau, was der Heilige Geist durch mich verkünden wollte.«


Montag, 1. März 2021

Hildegard von Bingen – Die Erschütterte

IV.

Wo ist der Platz des Menschen in dem besungenen Kosmos, in der Symphonie der Grünkraft?      

Homo est clausura mirabilium Dei – der Mensch ist die Eingeborgenheit der Wundertaten Gottes. Er ist Sein Werk (opus Dei), ja er steht als vollkommenes Werk Gottes mitten im Weltenbau, gestaltet mit Leib und Seele, Geschöpf und Schöpfer zugleich: »Sein Haupt nach aufwärts gerichtet, die Füße auf festem Grund, vermag er sowohl die oberen als die unteren Dinge in Bewegung zu versetzen.«                  

Alles am ursprünglichen Menschen ist Wohlklang. Gott, der überaus herrliche Künstler, formt sein Ebenbild in leib-seelischer Ganzheit, als Mann und Frau, und Er bildet sein Werk in Analogie zum kosmischen Weltgefüge und schenkt ihm in liebender Zuneigung alle Vermögen, damit der Mensch im Bauplan der Welt Verantwortung zu übernehmen und vernunftbegabt maßvolle, diskrete Entscheidungen zu treffen vermag: »Und Gott übergab dem Menschen die ganze Schöpfung, auf daß er sie mit seiner Manneskraft durchdringe, damit er alles wisse und alles erkenne. Denn der Mensch als solcher stellt die gesamte Schöpfung dar (homo omnis creatura), und der Hauch des Lebens, der kein Lebensende hat, kommt in ihm wesentlich zur Erscheinung.«

Woher dann der Absturz des Menschen? Woher seine Hinfälligkeit? Sein Kranksein?

Das Drama beginnt am Ursprung, im Garten der Liebe, im Paradies. Der erste Mensch, noch ganz Licht, hervorgegangen aus der Hand des höchsten Künstlers (summus artifex), berufen zur Freude des Lebens, wählt in fehlgeleiteter Freiheit den Ungehorsam gegenüber seinem Schöpfer. In kleinlicher egoistischer Sicht, die den Blick auf das gerechte, lichtvolle Ganze und das Wohl der Schöpfung auslöscht, wählt er die Entstellung und die Spaltung.

Da jedoch der Mensch, das auserlesene Geschöpf Gottes, nie nur der solipsistische Einzelne ist, sondern in ihm die Mit-Welt zusammenklingt (symphonein), reißt er in seinem Sündenfall die gesamte Schöpfung in den Mißklang und die Entwurzelung mit hinein. Es ist mehr als eine mittelalterliche Anekdote, wenn in Hildegards Schau die heile Welt eine singende ist, Weltmusik (musica mundana), während der Teufel, der ewig Unheile, lediglich krächst.

Die Abbildung im Rupertsberger Scivias - Kodex zeigt den gefallenen Menschen als denjenigen, der quer zur Schöpfung liegt. Er hat seinen Platz in der Ordnung der Dinge eingebüßt, wird zum Umherschweifer, zum Ruhelosen, zum Heruntergekommenen. Mit der unvernünftigen, finsteren Entscheidung zur Sünde hält das Arsenal des Abtrünnigen Einzug in die urständige Augenweide der Schöpfung: Angst, Krankheit, Sorge, Not, Wankelmut, Umherschweifen, Siechtum, Mißtrauen, Unglauben, Verkrümmung ins Eigene, Gebrechlichkeit, Verstimmung, Verwirrung, Unbeständigkeit und Tod.

Das Erschütternde der Schau Hildegards: Aus dem Wunderwerk der Welt in ihrem lichten anmutigen Schwung wird der Ort der Plage und Schwere. Die Klage der Elemente ist herzzerreißend: »Wir können nicht mehr laufen und unsere Bahn nach unseres Meisters Bestimmung vollenden. Denn die Menschen kehren uns mit ihren schlechten Taten wie in einer Mühle von unterst zu oberst. Wir stinken schon wie die Pest und vergehen vor Hunger nach der vollen Gerechtigkeit.«

Auf diesen Schrei der Not antwortet Gott, der Vir Deus: »Jegliches Geschöpf strebt hin zu seinem Schöpfer. Nur der Mensch ist ein Rebell.« Der Mensch hat »immer den Geschmack des Paradiesapfels im Munde«.

Da jedoch Gott der Gott des Erbarmens ist, beläßt er den Menschen nicht im Unglück der Ferne, sondern geht ihm nach, ja wird zu Seinem Gefährten im Wunder der Inkarnation. Zum gefallenen Menschen kommt der göttliche Arzt, Christus, der barmherzige Samariter: »Dieser goß Öl und Wein in seine Wunden, das Öl Seiner Menschwerdung (...)«

Ergreift der Mensch die ausgestreckte Hand des Menschensohnes, die stets in der heiligen Herberge der Kirche auf ihn wartet, dann beginnt, bereuend und weinend, seine Rückkehr in die verlorene Heimat, in das Refugium der Freude, in die Kirche, die goldene Stadt. Die Reue ist der Schlüssel zur Heimkehr: »Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel. Das heißt: Gegen das himmlische Kunstwerk, das sich selbst bin.«

Montag, 22. Februar 2021

Hildegard von Bingen – Die Sängerin

III.

Hildegard wird nicht müde, in immer wieder neuen, bild- und wortgewaltigen Anläufen das Schöpfungswerk des Allherrschers als ein Werk der berauschen Liebe zu zeigen:

»Der Schöpfer«, so sie, »hat sein Geschöpf dadurch geschmückt, daß er ihm seine große Liebe schenkte. So ist alles Gehorchen der Kreatur nur ein Verlangen nach dem Kuß des Schöpfers. Und alle Kreatur empfängt den Kuß ihres Schöpfers, da Gott ihr alles schenkt, was sie braucht. Ich nun, ich vergleiche die große Liebe des Schöpfers zu seinem Geschöpf und des Geschöpfs zum Schöpfer mit jener Liebe und Treue, mit der Gott den Mann und die Frau in einem Bund vereinte, auf daß sie schöpferisch fruchtbar werden.«

Der Kosmos ist ein auf Freude eingestimmter, jeder neue Tag eine hingehaltene Schale, die uns »Grund der Freude ist und des Frohlockens«, während die Traurigkeit die »Schwungkraft der Seele« lähmt.

Die Wissenschaft der Weltdinge ist »fröhliche Wissenschaft«. Denn wohin der Mensch mit geradem Blick schaut, sieht er die freundschaftliche Verbundenheit der Kreaturen untereinander, die ihrerseits hervorgeht aus der Seligkeit des Schöpfers und Seiner überbordenden Liebe: »Die Kräuter bieten einander den Duft ihrer Blüten an, ein Stein strahlt seinen Glanz auf die anderen. Alles, was lebt, hat einen Urtrieb nach liebender Umarmung. Auch steht die ganze Natur dem Menschen zu Diensten, und in diesem Liebesdienst legt sie ihm freudig ihre Güter ans Herz«, so der verhaltene Lobgesang im Buch der Lebensverdienste (Liber vitae meritorum). Für Hildegard, so hat es Papst Benedikt ausgedrückt, »ist die ganze Schöpfung eine Symphonie des Heiligen Geistes, der in sich selbst Freude und Jubel ist.«

Mit anderen Worten: Der Kosmos ist, recht verstanden, Liturgie, ist die eine große musikalische Wirklichkeit, in der alle Lebensvollzüge miteinander in wohlgefälliger Kommunikation stehen, so daß selbst solch‘ einfache, alltägliche Vorgänge wie Essen und Trinken oder Wachen und Schlafen sinngesättigt sein sollen, indem sie sich einfügen in die Ordnung der Lebensvollzüge und auf ihre Art so den allgegenwärtigen Austausch der Liebe zwischen allem Geschaffenen widerspiegeln.
                                      
Hildegard: Sie ist die Sängerin der Schöpfung: »Ich nehme die Blüte der Rose zärtlich ins Herz, indem ich allen Gotteswerken ein Lob singe.« In ihrem Werk ist, bei allem Schauen auch der Abgründe menschlicher Sündhaftigkeit, der unbeirrt strömende Seinsoptimismus der Seherin zu spüren, ihre Freude an den Gaben des guten Schöpfers, ihr Staunen über das Schönsein der Dinge, das trunken-nüchterne Glück der Seele, die ihrem himmlischen Bräutigam zujubelt und im wahren Wortsinn begeistert ist darüber, in allen Bezügen und Beziehungen die unerschöpfliche Grünkraft am Werk zu sehen.

Mit diesem Ausdruck – Grünkraft, viriditas – faßt Hildegard die ewigkeitshaltige, belebende, frisch blühende gute Kraft, die von Gott selbst ausgeht und allem Leben innewohnt und alles Leben zur Reife bringen will. Die Grünheit ist nicht bloß im Blühen und Grünen der organischen Natur zu erkennen, sondern durchströmt jedes Wachstum, jeden Körper, jede Seele. Sie ist weit mehr als eine Farbe, sie ist, geistig wie leiblich, Symbol jener Urkraft, die stets die Gesundung des Kosmos will, ist Zeichen des heilen Seins, darum kann Hildegard feststellen: »Es gibt eine Kraft aus der Ewigkeit, und diese Kraft ist grün.«

Wer daher die viriditas pflegt und mit ihr zusammenarbeitet, der wird fruchtbar, wer sie mißachtet, wird dürr, entzieht sich der Gnade und erstickt im Unglauben.



Samstag, 13. Februar 2021

Hildegard von Bingen – Die Prophetin

II.

Es ist ein Ereignis im Leben der deutschen Prophetin, welches für immer ihre Lebensbahn bewegt. Sie selbst hat darüber berichtet, und es ist wesentlich, ihrem feierlichen Bekennnis, durch welches die einmalige Erschütterung durchtönt, zuzuhören, will man alles Weitere verstehen. Hildegard schreibt:

»Es geschah im Jahre 1141 nach der Menschwerdung des Gottessohnes Jesus Christus, als ich 42 Jahre und 7 Monate alt war. Aus dem offenen Himmel fuhr blitzend ein feuriges Licht hernieder. Es durchdrang mein Gehirn und setzte mein Herz und die ganze Brust wie eine Flamme in Brand. Es verbrannte nicht, aber es war heiß, wie die Sonne einen Gegenstand erwärmt, auf den ihre Strahlen fallen. Und plötzlich verstand ich die Bedeutung der Schriftauslegung, nämlich des Psalters, des Evangeliums und der anderen katholischen Bände des Alten und auch des Neuen Testaments (…).
Da sah ich plötzlich einen überhellen Glanz, aus dem mir eine Stimme vom Himmel zurief: Du hinfälliger Mensch, du Asche, du Fäulnis von Fäulnis, sage und schreibe nieder, was du siehst und hörst. Doch weil du furchtsam bist zum Reden, in deiner Einfalt die Offenbarung nicht auslegen kannst, und zu ungelehrt bist zum Schreiben, rede und schreibe darüber nicht nach Menschenart, nicht aus verstandesmäßiger menschlicher Erfindung heraus, oder in eigenwilliger menschlicher Gestaltung, sondern so, wie du es in himmlischen Wirklichkeiten in den Wundertaten Gottes siehst und hörst.«
                 
Die Gabe der Schau begleitet Hildegard seit Kindheitsjahren. In ihrer frühen Vita heißt es bereits im ersten Kapitel, »daß sie geheime Gesichte hatte, die sie in einer außergewöhnlichen Gabe des Schauens wahrnahm, ohne daß andere den Anblick teilten«.

Doch nun, im Alter von 42 Jahren, geschieht Neues. Hildegard wird zur Prophetin. Und die Prophetin spricht nicht in die stille Kammer hinein, sondern in die Öffentlichkeit. Mit ihrer Schrift Scivias (eine Abkürzung von Liber sci vias Domini, Wisse die Wege des Herrn), ihrem ersten großen Werk, beginnt die ins Abendland ausstrahlende Bedeutung der Seherin Hildegard. Das ist keine Übertreibung. An den hochrangigen Adressaten ihrer Briefe, den damals Mächtigen in Kirche und Staat, kann man ablesen, wie weit der Radius ihrer Bekanntheit und ihres Einflusses reicht. Päpste, Herrscher, Kaiser Friedrich Barbarossa, Landesfürsten, bedeutende Äbte und Kleriker suchen ihren Rat und ihre Weisung. Die Äbtissin vom Rupertsberg wird im 12. Jahrhundert zu einer Gestalt, die wortwörtlich Geschichte schreibt.

Der Eintritt ins öffentliche Leben, der ihr schließlich den Ruf der deutschen Prophetin einbringt, ist dabei, wie könnte es anders ein, ein umkämpfter. Hildegard scheut sich - »aus weiblicher Scheu, aus Fucht vor dem Gerede der Leute und dem verwegenen Urteil der Leute« (Vita) -  den gewaltigen, von Gott verfügten Auftrag, auszuführen. Doch jedes Mal, wenn sie zögert, dem Befehl nachzugeben, wird sie krank und bettlägerig. Ihre Bewegungen stehen still. Sie ist gelähmt. Erst das volle Ja und das Einverständnis in ihren Auftrag, der zugleich Lust und Last ist, beleben ihre Kräfte aufs Neue.

Lust und Last:  Die Gesichte der Herrlichkeit, die ihr gewährt werden, sind von strahlender Schönheit. Eine Welt der himmlischen Fügung und Harmonie und Wohlgeordnetheit eröffnet sich ihren Sinnen und ihrem Geist. Sie schaut die Wunder der Schöpfung, und »solange ich es schaue, ist alle Traurigkeit von mir genommen, so daß ich mich wie ein junges Mädchen fühle und nicht wie eine alte Frau.«

Doch sie sieht auch dies: Die Gewalttätigkeiten gegenüber dem guten Schöpfungsplan, die Verkehrheiten des Geschöpfes, die Sünden der Menschen.

Und der Prophetin ist aufgetragen, das ganze Gesicht mitzuteilen. Sie hat die zu sein, die Werkzeug ist, Kanal der Gnade, ohne dem Geschauten eigene Abstriche oder sinnentstellende Erfindungen anzutun. »Und ich sprach und schrieb nichts aus eigener Erfindung oder irgend eines Menschen, sondern wie ich es in himmlischer Eingebung sah und hörte und durch die verborgenen Geheimnisse Gottes empfing.« Der göttliche Auftraggeber nimmt sie in die Pflicht, und diese Pflicht gestattet weder Eingenmächtigkeiten noch Selbstgefälligkeiten. Sie hat aufzuschreiben und zu sprechen: »sage und schreibe«.

Samstag, 6. Februar 2021

Hildegard von Bingen – Die Geistbegabte

Verehrt wird sie seit Jahrhunderten. Der sensus fidelium hat schon zu Lebzeiten erfaßt, wer diese Frau ist – eine Heilige. Und daß Papst Benedikt XVI. während seiner Amtszeit sie 2012 zur Kirchenlehrerin erhob, war höchst geschuldete Anerkennung der prophetissima teutonica.

Jetzt wurde Hildegard von Bingen offiziell in den Weltkalender der römisch-katholischen Kirche aufgenommen mit dem Gedenktag des 17. September.

Wir nehmen dies zum Anlaß, die große Frau in einer kleinen Serie vorzustellen.

I.

Eine Miniatur aus dem Rupertsberger Codex des Liber Scivias zeigt die heilige Hildegard während des Empfangs einer ihrer Inspirationen (s. Abbildung). Rot, Gold und Braun sind die vorherrschenden Farbe des kleinen Bildes.

Rot: Die Farbe des Heiligen Geistes, die Farbe der Liebe. Dem Pfingstereignis vergleichbar strömen die Beseligungen des Heiligen Geistes in fünf Feuerzungen von oben herab in die empfangsbereiten Augen und Ohren der Visionärin. Und rot gerahmt ist auch die Tafel auf ihrem Schoß, um im Wachs das Feuer der Liebe einzubergen. Und gleichfalls rot ist der Schemel zu Füßen Hildegards, denn der göttliche Gast hüllt sie ein in sein Gewand der Glut, durch und durch.

Die Visionärin, im braunen, erdfarbenen Gewand, ist von der Welt, eingezwängt in ihre irdene Zelle, beengt von den Bedingungen der Sterblichkeit, und doch bricht die rote Farbe machtvoll in diese Enge ein und verklärt Alles, so daß der goldene Glanz der Ewigkeit bereits jetzt die Klosterzelle im Licht erstrahlen läßt.

Und der Schreiber am Bildrand, ihr Sekretär Mönch Volmar, wartet und ist gespannt, um aufzuschreiben, was die Seherin ihm zum Diktat aufträgt.

Die Miniatur aus dem Klosterkodex hält wie in einem Spiegel fest, was das Leben der Hildegard von Bingen prägte: Eine Geistbegabte zu sein, die dem Einbruch der göttlichen Liebe erliegt.

Freitag, 29. Januar 2021

Viriliter age! - III

Als er stirbt, ist er gerade mal vierzehn Jahre alt. Doch jeder Mann kann an ihm lernen, was die Tugend der Tapferkeit ist.

Wahrend der freimaurerischen antikatholischen Regierungszeit unter dem mexikanischen Präsidenten Calles bildet sich der katholische Widerstand der Cristeros, die die neu erlassenen brutalen Gesetze des Präsidenten bekämpfen und dafür oft genug mit dem Leben bezahlen.

Einer der Cristeros ist José Sánchez del Río, geboren 1913. Er schließt sich als Dreizehnjähriger, im Anschluß an seine Brüder, dem religiösen Kampf an und wird schließlich als Bannerträger in die Armee der Cristeros aufgenommen.

1928 nehmen ihn die Regierungstruppen gefangen und foltern ihn grausamst. Man schlitzt ihm unter anderem die Fußsohlen auf und läßt ihn danach auf Salz laufen, man erhängt vor seinen Augen einen Mitgefangenen und verspricht ihm die Entlassung aus der Haft, wenn er dem katholischen Glauben abschwöre. Statt den Kampfruf der Cristeros: Viva Cristo Rey! (Es lebe Christus, unser König!) soll er den apostatischen Ruf: Tod Christus, dem König proklamieren.

José, unbeirrt, treu, ruft aus: Viva Cristo Rey! Viva la Virgen de Guadalupe! Die Marter wird daraufhin fortgesetzt. Zerschunden, gequält, blutig, treiben ihn die Schergen des Präsidenten zur Hinrichtungsstätte, dem örtlichen Friedhof. Da José weiterhin seinen Glauben an den König Christus bekennt, tötet man ihn schließlich per Kopfschuß. Es ist der 10. Feber 1928. Sterbend, mit letzter Kraft, zeichnet der auf der Erde Liegende mit seinen blutigen Fingern ein Kreuz auf den Boden, bevor man ihn in die Grube stößt.

Der Spielfilm For Greater Glory (auf deutsch unter dem Titel: Gottes General) schildert das heroische Leben und Sterben der Cristeros, auch das Martyrium des José Sánchez del Rio.

2016 wird José Sánchez del Río von der katholischen Kirche heiliggesprochen. Sein Gedenktag ist der 20. November.