Freitag, 22. Januar 2021

Viriliter age! - II

Es ist der 22. Mai 1958.

Jérôme Lejeune ist 32 Jahre alt. In dem Arbeitsheft, welches er seit dem 10. Juli 1957 gewissenhaft führt und in das er seine wissenschaftlichen Ergebnisse einträgt, notiert er unter obigem Datum die spektakuläre Zahl 47. Zum ersten Mal entdeckt er bei der genetischen Chromosomenanalyse eines sogenannten mongoloiden Kindes das Vorhandensein eines überschüssigen 47. Chromosoms anstelle der regulären 46 Chromosomen.

Im selben Jahr, im Dezember 1958, nach einem dreimonatigen Aufenthalt in den Vereinigten Staaten, kommt es zu einer Bestätigung des Erstfunds. Bei zwei weiteren Fällen nämlich identifiziert Lejeune erneut die Chromosomenanomalie, und zwar beide Male am 21. Chromosomenpaar.

Diese Entdeckung ist, das kann man ohne Übertreibung sagen, bahnbrechend. Die Genetik beziehungsweise Zytogenetik wird mit Lejeunes Entdeckung revolutioniert, denn zum ersten Mal ist nun mit wissenschaftlicher Methodik ein direkter Zusammenhang zwischen einer geistigen Beeinträchtigung und einer chromosomalen Anomalie dokumentiert worden.

Lejeune wäre, wenn es mit rechten Dingen zugegangen wäre, zum bleibenden Star der wissenschaftlichen genetischen Gemeinschaft reüssiert. Tatsächlich aber wird er in weiten Kreisen der scientific community zur persona non grata. Wie das?

1969 wird Lejeune der renommierte William Allan Memorial Award verliehen. Es ist die höchste Auszeichnung der genetischen Zunft. Lejeune, der seit seiner Entdeckung in maßloser Enttäuschung feststellen muß, daß man seine genetischen Erkenntnisse zur pränatalen Diagnostik mißbraucht und das heißt zur eugenischen Eliminierung von ungeborenen Kindern, die Trisomie 21 aufweisen, steht vor der Wahl: Soll er bei der Preisverleihung eine klassisch harmlose Dankesrede halten und den medizinischen Mißbrauch verschweigen oder soll er seine ärztliche Verantwortung wahrnehmen und für die leuchtende Wahrheit des Lebens Zeugnis ablegen?

Während der Preisverleihung in San Franzisco, angesichts der versammelten namhaften Genetiker, drückt Lejeune in seiner Ansprache unumwunden seine Ablehnung der eugenischen Praktiken aus. Er sagt: »Töten oder Nichttöten, das ist die Frage. Seit Jahrhunderten hat die Medizin stets zugunsten des Lebens und der Gesundheit gekämpft, gegen die Krankheit und gegen den Tod. Wenn wir diese Grundlagen ändern, ändern wir die Medizin: Unsere Aufgabe ist es nicht, die Strafe zu verhängen, sondern die Strafe umzuwandeln.« Und er schlägt vor, daß man das berühmte Nationale Gesundheitsinstitut ersetzen solle durch ein Nationales Tötungsinstitut, denn dieser Name würde zu dessen Aktivität besser passen.

Die Reaktion der Honoratioren ist eisiges Schweigen.

Die steile Karriere Lejeunes ist danach beendet. Darüberhinaus: Mit seinem entschiedenen Auftreten gegen die Abtreibung in Frankreich, die mit der Loi Veil schließlich per Gesetz eingeführt wird, ist sein wissenschaftliches Prestige für etliche Kollegen erledigt. Forschungsgelder werden ihm gestrichen, auf Kongresse wird er nicht länger eingeladen, man bedroht ihn selbst körperlich.

Er hatte sich keinen Illusionen hingegeben. Nach seiner Rede in San Fransisco hatte er in sein Tagebuch geschrieben:

»Ich weiß sicher, und ich wuße es schon lange vorher, daß die wissenschaftliche Welt mir diese Missetat nicht verzeihen würde. Nonkonformist genug zu sein, um noch an die christliche Moral zu glauben und zu sehen, wie sie in voller Harmonie mit der modernen Genetik steht, das ist halt zu viel des Guten. Wenn jemals Chromosomen eine vage Chance auf den Nobelpreis hatten, so weiß ich, daß ich dem mit meiner Mahnung den Hals umgedreht habe. Aber zwischen dem und dem Halsumdrehen von kleinen Kindern, da gab‘s nichts zu überlegen.«

In der Tat, da gibt es nichts zu überlegen.

       
Grafik: fondationlejeune

Samstag, 16. Januar 2021

Viriliter age! (Psalm 26,14)

»So wurde Daniel aus der Grube herausgeholt; man fand an ihm nicht die geringste Verletzung, denn er hatte seinem Gott vertraut.« 

Buch Daniel 6,24 

Grafik: Briton Rivière, Daniel in the Lions. wikicommons

Freitag, 8. Januar 2021

Die Freiheit

Man macht immer wieder unvermutete, grandiose Entdeckungen.

Zum Beispiel: Peter Roseggers Roman aus der Zeit der Tiroler Freiheitskämpfe mit dem Titel Peter Mayr. Der Wirt an der Mahr.

Mayr zählt, ebenso wie Andreas Hofer, zu den berühmten Tiroler Gestalten, die sich der Invasion der Napoleonischen Truppen und derer Verbündeten seinerzeit kämpferisch entgegenstellten. Und ebenso wie Hofer bezahlte Mayr diesen Kampf mit seinem Leben.

Rosegger stellt den Kampf des bäuerlichen Wirten derart dar, daß er – trotz künstlerischer Freiheiten, die er sich nimmt – den Schwerpunkt seiner Erzählung historisch exakt in Mayrs Lebenseinstellung verankert, welche leitmotivisch im Titel des letzten Romankapitels gipfelt: »Ich will nicht mein Leben durch eine Lüge erkaufen!«

Denn als Mayr, der geradlinige, gleichwohl schuldig gewordene Mann als Rebell gefangen und schließlich vom Kriegsgericht zum Tode verurteilt wird, bietet man ihm, nach der Intervention seiner Frau beim zuständigen General, die Revision des Verfahrens sowie die damit in Aussicht gestellte Freisprechung an – allerdings um den Preis, daß er öffentlich, ein paar Worte würden genügen, erklärt, von dem voraufgegangenen Friedensschluß der Kriegsparteien nichts gewußt zu haben. Mit anderen Worten: Mayr soll seine Rettung mit einer Lüge erkaufen.

Ein fünftklassiger Autor hätte die finale Gewissensprüfung des Helden als bombastisches Rührstück inszeniert. Mayr in der Arrestzelle, besucht von der Gattin samt Kindern, die ihren Ehemann umzustimmen sucht. Tränen, Ohnmacht, wieder Tränen, Haareraufen und das komplette Arsenal des Schmierentheaters.

Anders Rosegger. Er verbietet sich jeden Kitsch. Er schildert, ganz seinem Helden gemäß, geradlinig die Ereignisse, ohne die Tunke pathetischer Unerträglichkeit.

»Die paar Worte sagst halt«, so seine Frau. Darauf er: »Welche paar Worte?«

Gerade weil der zum Tode Verurteilte seine Frau und seine Kinder liebt, gibt er ihnen zu guter Letzt das Erbe mit auf den Weg, welches wahrhaft Erbe ist: »An den Waffen sind wir nicht zugrunde gegangen, an der Lüge sind wir zugrunde gegangen. Und ich soll sie jetzt anerkennen, mit Blut und Leben heiligen, vor Gott und Welt sagen: Seht, ich halte es mit der Lüge? - Nein, mein Weib, meine Kinder, ihr seid mein Alles, mein Alles auf Erden, aber um diesen Preis kann ich nicht bei euch bleiben. Ich sage es euch, ich will lieber mit der Wahrheit sterben, als mit der Lüge leben.«

Der so spricht, ist, in der Schilderung Roseggers, kein kalter Unangefochtener, kein auf den Wolken Schwebender, sondern der bodenständige, grundehrliche Bauer, zu dessen Lebensweg auch dies gehört: Das Wanken und das Zittern und der »Blick voll unendlicher Todesangst«, als er zum Richtplatz geführt wird und das Unausweichliche sieht.

Doch auch dies: Das Kruzifix, das ihm der begleitende Kapuzinerpater reicht: »Peter nahm das Kreuz, drückte es an den Mund. Dann nickte er, es wäre schon besser, und erhob sich.«

Es ist der 20. Feber 1810, als der Freiheitskämpfer Peter Mayr unter den Gewehrsalven zusammenbricht. Es ist um die Mittagszeit.

Grafik: Schützenkompanie Bozen

Samstag, 2. Januar 2021

Der Heilige Wandel

Der Heilige Wandel ist ein Terminus der Kunstgeschichte. Bezeichnet wird damit ein Motiv der sakralen Kunst, in dem die Heilige Familie als Gehende dargestellt wird.

Das schaut zumeist derart aus, daß der Jesusknabe in der Mitte geht, während Maria und Josef ihm zur Seite sind, wobei das Jesuskind wohlgeleitet durch die Hand der Muttergottes sowie die Hand des heiligen Josef seinen Weg vorwärtsgeht.

Man könnte dieses Geschehen betrachten beim Hineingehen in dieses neue Jahr. Denn  auch dies ist Nachfolge: Zu gehen, wie Jesus gegangen ist, und das heißt an den Händen Marias und Josefs.

Grafik: wikicommons

Freitag, 25. Dezember 2020

Weihnachten 2020

         »Gottes Sohn wurde Mensch, damit der Mensch Heimat habe in Gott.«

Hildegard von Bingen
(Mystikerin, Ärztin, Komponistin, 1098 - 1179)

 

 Grafik: wikicommons. Ausschnitt

Freitag, 18. Dezember 2020

O Mensch

 

»O Mensch, schau dir den Menschen an: Er hat Himmel und Erde und die ganze übrige Kreatur in sich selber! In ihm ist alles verborgen schon vorhanden. Gott hat den Menschen nach dem Bauwerk des Weltgefüges, nach dem ganzen Kosmos gebildet. O wie herrlich ist die Gottheit, welche, indem sie schafft und wirkt, ihre eigene Wirklichkeit offenbart.«

Hl. Hildegard von Bingen
(Mystikerin, Ärztin, Komponistin, 1098 - 1179)



Grafik:
scott payne auf pixabay

Samstag, 12. Dezember 2020

Gaudete


Woran denkt, wer den Namen Johannes des Täufers vernimmt?

Vermutlich an einen asketischen, hageren Mann, der seine Zuhörer mit strengsten Worten harsch zurechtweist. Ein Mann, der - wie der Evangelist Matthäus festhält - ein Gewand aus Kamelhaaren trägt und sich von Heuschrecken und wildem Honig ernährt. Ein Mann der Buße und Unerbittlichkeit (s. Mt 3,1ff).

Woran wahrscheinlich die Wenigsten denken, ist, daß eben dieser asketische Mann ein Zeuge der Freude ist. Ja, der Freude.

Das beginnt bereits sehr früh. Schon zu dem Zeitpunkt, als seinem Vater durch einen Engel des Herrn die Geburt dieses Sohnes angekündigt wird, heißt es aus dem Munde des Engels: »Du wirst dich freuen und jubeln und viele werden sich über seine Geburt freuen« (Lk 1,14)

Und so geht es weiter. Als der kleine Johannes als ungeborenes Kind noch im Schoß seiner Mutter Elisabeth ruht, berichtet Lukas über den Besuch der Muttergottes bei Elisabeth. Und da ruft die Mutter des zukünftigen Zeugen aus: »Siehe, in dem Augenblick, als ich deinen Gruß hörte, hüpfte das Kind vor Freude in meinem Leib« (Lk 1,44).

Und wieder später – Johannes ist bereits der große Verkündiger, der auf Jesus, das Lamm Gottes, hinweist – steht geschrieben, diesmal aus dem Munde des Täufers selbst: »Wer die Braut hat, ist der Bräutigam; der Freund des Bräutigams aber, der dabeisteht und ihn hört, ist voller Freude über die Stimme des Bräutigams. Diese Freude hat sich nun bei mir vollendet« (Joh 3,29).

Wie könnte es auch anders sein? Derjenige, der verzichtet auf die Vergeudungen des Vergänglichen und sich sammelt auf das einzig Notwendige hin, der geht nicht leer aus, wie das Vorurteil vermeint, sondern wird ganz im Gegenteil erfüllt mit den Gaben, die bleiben - den Gaben von oben. Und eine dieser grandiosen Gaben ist die Freude.

Wer also nach einem Fürsprecher der Freude sucht, der sollte zu Johannes dem Täufer gehen.

Grafik: wikicommons
       

Samstag, 5. Dezember 2020

Die fehlenden Fenster


Vermutlich kennen Sie die Geschichte?

Eines Tages beschließen die Schildbürger ein Rathaus zu bauen. Der Schweinehirt überzeugt die Versammelten, daß es ein besonderes Rathaus werden muß, eine architektonische Besonderheit. Gesagt, getan.

Schon geht man ans Werk, man mißt, man plant, man baut, und Wochen später steht das neue Rathaus in seiner ganzen Pracht da. Und naturgemäß muß ein solches Rathaus gebührend eingeweiht werden. Mit den entsprechenden Honoratioren und mit allem, was Rang und Namen hat.

Gesagt, getan. Beim Einweihungsfest will verständlicherweise jeder in das neue Rathaus, um dessen Wunder zu bestaunen. Ein Gedränge herrscht, aber auch ein Gepolter. Gepolter? Ja, Gepolter. Denn die hineingehen, treten anderen, die bereits drinnen sind, auf die Füße, oder stolpern, oder fallen gar und stürzen, so daß sie froh sind, wenn sie wieder im Freien sind. Was aber die Draußenstehenden nicht davon abhält, selbst nach drinnen zu gehen. Bis auch sie mit Beulen, Schrammen und hinkend das neue Rathaus hinter sich lassen.

Der schlaue Schneider weiß endlich, was los ist. Woher all die Beulen und Blessuren und blauen Flecken? Woher das Kopfanstoßen und die zerschundenen Gesichter? Im neuen Rathaus… im neuen Rathaus… man sagt es ungern, aber es muß gesagt werden: Im neuen Rathaus ist es stockfinster.

Wie das?

Man kann es drehen und wenden, wie man will. Am Ende bleibt nur die bittere Wahrheit: Es fehlen die Fenster. Es fehlt das Licht!

Wie bitte?

Tja. Was soll man sagen? Man lernt nie aus. Und neulich sagte tatsächlich jemand, die Rathausgeschichte sei womöglich eine Adventsgeschichte. Kann das sein? Gibt es ein schlaues Schneiderlein, welches um die Antwort weiß?

Grafik: nomevisualizzato/pixabay.com