Mariä Lichtmeß II
»Exil – das ist das Erste, was wir uns bewußt machen müssen – ist nicht dasselbe wie Heimatlosigkeit. Wenn wir im Exil sind, haben wir durchaus eine Heimat; wir sind nur gerade nicht dort. Im Exil zu sein ist also etwas Hoffnungsvolles – so hoffnungsvoll, daß ein Mensch im Exil nicht bereit ist, an dem Ort, an dem er sich gerade befindet, seßhaft zu werden und ihn auf Dauer zu seiner Heimat zu machen. Das ist keine negative Ablehnung der Welt um uns herum, sondern erinnert uns daran, sie ins rechte Verhältnis zu setzen: Diese Welt ist nicht unser Zuhause und deshalb sollten wir es uns darin nicht allzu gemütlich machen« (Scott Hahn & Brandon McGinley, Katholiken im Exil, 10).Das ist die exakte Beschreibung des katholischen Standpunkts in dieser Welt.
Weil der Katholik derart steht und schaut, kann er das Spiel Gottes mitspielen. Worin besteht dieses Spiel? – In den Worten Pater Pios: »Tutto è scherzo d’amore« – Alles ist ein Spiel der Liebe.
Und für die Liebe gilt, was der Völkerapostel Paulus in seinem großen, einfachen Hymnus auf die Liebe besingt (1 Kor 13,1ff): daß die Liebe nicht ihren Vorteil sucht.
Der Katholik weiß, daß er tagein tagaus ein Beschenkter ist. Der erste Liebende, ja, der eigentliche einzig wahrhaft Liebende, ist Gott selbst, darum kann der Lieblingsjünger Jesu das christliche Prinzip und Fundament in die denkbar knappe Botschaft bringen: »Gott ist Liebe« (1 Joh 4,8.16).
Der Katholik hat es tagein tagaus mit diesem Gott der Liebe zu tun. Er wird, wenn er sich bereithält und also öffnet für seinen Gott, dessen Geschenke der Liebe empfangen. Und je mehr er diese Geschenke beherzigt, desto weniger hält er an diesen Geschenken krampfhaft fest. Wozu auch? Er weiß ja aus Erfahrung, daß derjenige, der seinen Vorteil sucht, letztlich leer ausgeht. Denn der Vorteilsuchende ist der Verdächtigende. Er ist der Mißtrauende, der sich anklammert an das Geschenkte, weil er befürchtet, wenn er das Geschenkte weitergibt, als der Zukurzgekommene dazustehen.
Doch es ist umgekehrt. Die offenen, leeren Hände – leer, weil sie das Geschenkte weiterreichen an den nächsten Bedürftigen – werden sogleich vom Lieben Gott mit neuen Gaben gefüllt. Das ist das Spiel der Liebe. Der besorgt Festhaltende verhärtet und verliert. Der unbekümmert Loslassende wird erfüllt. Wer versucht, sich einzurichten in dieser Welt der Kontingenz, vergißt, daß wir im Exil sind und daß zu unserem status viatoris das stets neu einzuübende vertrauensvolle wie erwartungsvolle Loslassen gehört, ansonsten würde man dem Toren ähneln, der aus Wind eine Windmühle bauen will, während doch der Wind bekanntlich weht, wo er will.
Simeon hält nicht fest. Das göttliche Kind liegt sacht auf seinen Unterarmen. Rembrandts letztes Bild fragt gleichsam: Bist du bereit für das scherzo d'amore?
Wer wird das Kind als nächster empfangen?
Du?
Ich?
Grafik: Rembrandt, Simeon mit Jesus im Tempel. wiki.public domain.
