Die 2 Fragen
In den liturgischen Texten der Weihnachtszeit wird das Kind in der Krippe immer wieder als »starker Gott« tituliert.
Wie bitte? Ein Kind ist qua natura das wehrlose Geschöpf überhaupt. Es ist zur Gänze abhängig, schwach, ohnmächtig, auf die Hilfe der Anderen angewiesen. Was soll da die Rede vom starken Gott?
Es leuchtet ein, daß unsere gängigen Kategorien, die Stärke mit Muskelkraft, Durchsetzungsvermögen oder gar Ellbogenmentalität assoziieren, beziehungsweise im Politischen mit Macht, Waffen und militärischer Überlegenheit, an dem göttlichen Kind scheitern.
Und doch ist die Rede vom starken Gott, auf dieses Kind angewandt, sehr wahr. Denn die Stärke und Vollmacht, die die Liturgie zur Sprache bringt, ist die Stärke und Vollmacht der Liebe. Das Kind in der Krippe ist stark, weil es die vollkommene Liebe ist. Es symbolisiert diese Liebe nicht; es ist sie.
Daher sollten wir, wenn wir Weihnachten nicht als ein nostalgisches Ereignis abhaken, sondern als das bleibende Heilsereignis für einen jeden von uns wahrnehmen, die zwei Fragen hören, die das Christkind in der Krippe uns stellt.
Die erste Frage lautet: Glaubst du an Meine Vollmacht und Stärke der Liebe?
Hier muß man, um jedem Mißverständnis a priori zu wehren, sogleich eine Einschaltung vornehmen. Wenn das Christkind von Liebe spricht, dann ist damit nicht die Hollywoodliebe gemeint, sondern die echte: Die Liebe, die sich verschenkt, die nicht an sich denkt, die sich nicht aufbläht, die sich freut an der Wahrheit, die sich opfert.
Doch das Christkind beläßt es nicht bei dieser einzelnen Frage. Es stellt eine zweite, zusätzliche Frage, die auf das innigste mit der ersten verknüpft ist. Und diese Frage lautet: Glaubst du, daß ich die Vollmacht habe, dich, wenn du es zuläßt, zu einem Liebenden zu machen?
Es mag sein, daß es welche gibt, die auf beide Fragen sogleich mit ja antworten. Andere freilich gibt es auch, und vielleicht sind es viele, die mit ihrer Antwort warten; denn sie kommen ins Überlegen. Sie denken nach.
