Samstag, 1. Juli 2017

Gerettet


Ein 13jähriger Bursche beim Schlittschuhlaufen auf einem zugefrorenen Gewässer. Eine Winterszene, wie sie sich soundsoviele Male ereignet. Nichts Besonderes.

Doch dann geschieht folgendes: Das Eis unter den Füßen des Jungen beginnt zu brechen. Die Eisdecke gibt nach. Der Dreizehnjährige stürzt und versinkt im eiskalten Wasser. Er schreit und schreit.

Ein zweiter Bursche, Christoffer mit Namen, der Bruder des Verunglückten, kommt dem Untergehenden zu Hilfe. Es gelingt ihm tatsächlich, den Gefährdeten aus dem eiskalten Tod zu befreien. Der Gerettete kriecht ans Ufer. Kraftlos. Erschöpft.

Und jetzt geschieht das Schreckliche: Der Bruder, der Retter, bricht seinerseits ein und stürzt in die eiskalte Flut. Der gerettete Bruder am Ufer, unterkühlt, ohne Energie, ist zu schwach, ihm zu Hilfe zu kommen. Er muß tatenlos zusehen, wie sein um ein Jahr jüngerer Bruder in den Fluten untergeht.

Die Nachwelt weiß um diese Geschichte, weil der gerettete Bruder später Berühmtheit, ja schließlich Weltberühmtheit erlangt. Es handelt sich um Caspar David Friedrich, den Vorzeigemaler der romantischen Bewegung.

Das traumatische Erlebnis seiner Jugend, wen wundert’s, hat den Maler nachhaltig geprägt. Sein späterer Kampf mit der Depression ist bekannt. Von einem Selbstmordversuch in seinen jungen Mannesjahren ist die Rede. Und die Tatsache, daß immer wieder schwermütige Sujets in seinen Bildern bestimmend wirken – programmatisch in dem wüsten Gemälde mit dem Titel Das Eismeer –, sagt mehr als viele Worte.

Und dennoch wäre eine Sicht auf Friedrichs Biographie, die bei dieser düsteren Diagnose stehenbliebe, zu kurz gegriffen. Denn das eigentlich Erstaunliche ist, daß der Maler, trotz lebensbedrohlicher Traumatisierung, sich durchkämpft zum Leben. Theologisch gesprochen: Der Schrecken des Todes, den Friedrich in seiner ganzen Härte in jungen Jahren erfährt, wandelt sich unter dem letztlich unbegreiflichen Einfluß der Gnade weg von der Verzweiflung hin zum Gekreuzigten: Zum Kreuz, welches trotz erfahrener und womöglich im Inneren weiterhin drohender, berstender Eisschollen dennoch feststeht.

»Auf einem Felsen«, so der Maler, »steht aufgerichtet das Kreuz, unerschütterlich fest, wie unser Glaube an Jesum Christum. Immer grün durch alle Zeiten während stehen die Tannen ums Kreuz, gleich unserer Hoffnung auf ihn, den Gekreuzigten.«

Dies schreibt er als Kommentar zu seinem bereits damals bewunderten Tetschener Altarbild. Zu sehen ist ein steil aufragendes Kreuz, welches verklärt in den Strahlen der abendlichen Sonne die unverbrüchliche Ordnung der Welt garantiert. Keine Klage. Kein Weh erhebt sich hier. Stattdessen der ruhige, sieggewisse, stille Gesang des Gekreuzigten.

In dieser künstlerischen Überwindung von der gescheiterten jungen Hoffnung zur Hoffnung der abendlichen Höhe scheint uns mehr als nur biographische Transformation aufzustrahlen. Es dünkt uns ein tiefes Gleichnis, das uns alle betrifft.

Denn – in welcher Härte immer –: Das Kreuz ist da, in jedem Leben. Die Schläge kommen, die Wunden kommen. Doch wie gehen wir mit dem um, was uns verletzt, verstört, lebensgefährlich trifft?

Die Rebellion liegt gleichsam stets in Reichweite. Sie ist der schnelle Zorn, der sich dem Unvermeidlichen nicht beugen will. Non serviam. Aber diese Rebellion, wie jeder Aufruhr, bleibt letztlich unfruchtbar.

Die tatsächliche Aufgabe, und es ist wortwörtlich das uns Aufgegebene, besteht dagegen darin, den Schlag, der uns trifft, mit Hilfe der stets dargereichten Gnade anzunehmen, gerade dann, wenn uns das Unverständliche überwältigen will, und uns derart wandeln zu lassen in das größere Geheimnis hinein – in das Einverständnis.

Das Mittel dahin? Laut einem Herrenwort die Geduld, so jedenfalls im Lukasevangelium, Kapitel 21, Vers 19: In patientia vestra possidebitis animas vestras (wörtlich: In der Geduld werdet ihr eure Seelen besitzen, nach der Vulgata).

Und ist es nicht so: Sind die Gemälde des Caspar David Friedrich sehr oft nicht genau das: Meditationen der Geduld?

Grafik:    wiki commons