Samstag, 10. Oktober 2026

Die Große

Von Kunst wird immer wieder behauptet, sie sei das Kind ihrer Zeit. Und als großer Künstler gilt dementsprechend vielen der, der seine Zeit adäquat zur Darstellung bringt.

Nun ist die Aussage, daß große Kunst die jeweilige Zeit der Entstehung spiegelt, eine banale Festellung. Schließlich bewegt sich der Künstler, noch wenn er im sprichwörtlichen Elfenbeinturm sich aufhielte, hier auf der Erde und nicht auf dem Saturn, und dementsprechend wird er, als aufmerksamer Zeitgenosse, mitbekommen, was in seiner Zeit passiert. Die Reduktion des Kunstwerks auf die jeweilige Zeit seiner Entstehung, wird dem Kunstwerk nicht gerecht.

Die großen Kunstwerke – wohlgemerkt die großen Kunstwerke - demonstrieren vielmehr geradezu alarmierend, daß das geschaffene Werk die jeweilige Zeit transzendiert und also Sachverhalte artikuliert, die über die jeweilige Zeit hinausgehen. Denn die jeweilige Zeit ist dürftig. Das Kunstwerk jedoch kündet von der Fülle.

Es hängt mit diesem über die dürftige Zeit hinausgehenden Charakter des großen Kunstwerks zusammen, daß es allzuoft in seiner Zeit nicht verstanden wird.

Schuberts neunter Symphonie wurde, auch in Folge der Schumannschen Bewunderung, der Beinamen Die Große verliehen. Die Zeitgenossen freilich, von wenigen Ausnahmen abgesehen, haben Schuberts Große keineswegs stürmisch akklamiert. Die Violinisten spöttelten über Feinheiten der Schubertschen Behandlung der Geigen. Die Hornisten fühlten sich überfordert. Das großzügige Prädikat Die Große vergab man nicht. Im verwöhnten Wien, Schuberts Heimatstadt, wurde die Symphonie erst 1850 und also 22 Jahre nach dem Tode des Komponisten ungekürzt aufgeführt.

Alles in allem dauerte es Jahre, bis die Symphonie gültig als das erkannt wurde, was sie tatsächlich ist: groß.

Und dies ist kein musikalischer Einzelfall. Was war mit Bachs Matthäuspassion? Was mit Bruckners Symphonien?

Die Regel für die Meisterwerke der Kunst scheint zu sein, daß sie in ihrer jeweiligen Zeit zu wiederholten Malen mißverstanden oder verkannt oder ignoriert werden. Denn das Zeitübergreifende, welches sie repräsentieren, ja, das Ewige, von dem sie künden, ist immer ein Skandalon in einer Welt, die nicht aufgestört sein will, sondern sich bürgerlich einrichtet. Das Ewige jedoch ist stets Movens des Aufbruchs. Wie das deutsche Wort es wunderbar aussagt: Auf-bruch. Ein Zerbrechen geschieht, und das ist schmerzhaft. Aber der Bruch ist nicht das Intendierte, sondern der Bruch ist Übergang. Übergang in das AUF.

Man höre den zweiten Satz von Schuberts Großer Symphonie. In der zweiten Fortissimo-Aufgipfelung geschieht gleichsam der Zusammenbruch. Und dann die Stille. Und dann der Aufbruch in das stille Unauslöschliche: 

Grafik: Schuberts Brille. wikicommons 

Samstag, 3. Oktober 2026

 Die sogenannten Werte

Wer hat diesen modernen Galimathias nicht bereits ad nauseam vernommen?

Die Abtreibung zu unterstützen bedeutet, unsere Werte der sexuellen Befreiung und Gesundheit (sic! health service) zu unterstützen.

Den assistierten Suizid zu unterstützen, bedeutet unsere Werte von Selbstbestimmung und Autonomie zu verteidigen.

Die Ukraine zu unterstützen, bedeutet unsere demokratischen Werte zu fördern.

Usw. usw.

Zwei klammheimliche Vor-Urteile prägen diese Annahmen.

Zum einen wird das Proklamierte als Selbstverständlichkeit ausgegeben. Das Selbstverständliche ist bekanntlich dasjenige, worüber man nicht diskutieren muß, ganz einfach deswegen nicht, weil sich das Selbstverständliche von selbst versteht.

Und das Zweite: Das sogenannte Selbstverständliche ist keineswegs die gewonne Einsicht in einen wahren Zusammenhang beziehungsweise der Verweis auf ein unumstößliches, da gegebenes Faktum der menschlichen Verfassung, sondern ist lediglich ein beliebiger Wert und darum (was nicht ausdrücklich formuliert wird) bei Bedarf leichtfertig austauschbar.

In der »Diktatur des Relativismus«, wie der vormalige Papst Benedikt XVI. unsere Zeit qualifizierte, haben besagte Werte bezeichnenderweise Hochkonjunktur.  Wohlgemerkt: Es geht nicht um Werte als gültige Maßstäbe, so wie es manche Altvorderen sahen (etwa ein Dietrich von Hildebrand), sondern um sogenannte Werte, mit denen operiert wird in Art von Jetons aus Plastik. 

Das Verführerische an den Werten ist allemal, daß sie einerseits so hehr und menschenliebend daherkommen, während sie andererseits bequem zu entsorgen sind, wenn ihre Brauchbarkeit ausgedient hat. Da das Recyclen gang und gäbe ist, fallen auch die Werte unter das Recyclingdiktat. Gestern Papierblock, heute Toilettenpapier. Selbstverständlich reißfest und hygienisch einwandfrei.

Wir brauchen nicht länger eine Tyrannei. Wir haben die Tyrannei der westlichen Werte.

Und es sind nicht deine oder meine Werte, sondern – Seid umschlungen, Millionen – unsere Werte. Das liberale Pathos der Verbrüderung gehört unabdingbar zur medialen Darbietung der Werte. Derjenige, der sich der Tyrannei widersetzt, ist folgerichtig derjenige, der sich aus der Wertegemeinschaft absetzt. Er darf geschmäht werden, an den Pranger gestellt werden, medial zur Strecke gebracht werden, da er der beschworenen Solidarität, die notfalls mit christlichen Requisiten bebildert wird, nicht genügt. Schließlich kämpfen wir für den guten Wertezweck, noch dann, wenn der Wert ein hohler Popanz ist oder ein heidnischer Moloch.

Robert Spaemann hat es auf den Punkt gebracht: »Der Liberalismus ist indifferent gegenüber Inhalten. Fragen nach dem guten Leben schiebt er in den sogenannten Wertebereich ab. Werte aber hält er für relativ, um dann jedoch um so vehementer zu verteidigen, was er unsere Werte nennt« (Über Gott und die Welt. Eine Autobiographie in Gesprächen, Stuttgart 2012, 271).

Und weiter Spaemann, pointiert: »Man redet ja auch oft von den christlichen Werten. Die Kirche solle christliche Werte verkünden. Aber es gibt keine christlichen Werte. Jesus hat den Menschen die Augen geöffnet für Werte, die es schon gab, bevor er erschien. Auch die Wahrheit des Satzes des Pythagoras gab es schon, ehe es Pythagoras gab.« (Ebd., 245)

Würde man die Rede von den Werten ernst nehmen, so käme man à la longue bei der Gretchenfrage an: Wie hältst du es mit dem Verbindlichen? Das Verbindliche freilich, und das versteht sich mal von selbst, ist das dem Beliebigen Entzogene, es bindet, während der liberale Wertekonsument gerade Bindungen gleich welcher Art perhorresziert.


Grafik:
Lupo / pixelio.de


Samstag, 26. September 2026

 Fatima: Wenn… wenn nicht...

Am 13. Juli 1917, während ihrer dritten Erscheinung in Fatima, sagt die Muttergottes – nach der Vision der Hölle – unter anderem das Folgende zu den drei Hirtenkindern:

»Wenn man auf meine Wünsche hört (d.h. die Weihe Rußlands an Marias Unbeflecktes Herz sowie die Sühnekommunion an den ersten Samstagen), wird Rußland sich bekehren und es wird Friede sein. Wenn nicht, wird es seine Irrlehren über die Welt verbreiten, wird Kriege und Kirchenverfolgungen heraufbeschwören. Die Guten werden gemartert werden, der Heilige Vater wird viel zu leiden haben, verschiedene Nationen werden vernichtet werden, am Ende aber wird mein Unbeflecktes Herz triumphieren. Der Heilige Vater wird mir Rußland weihen, das sich bekehren wird, und der Welt wird eine Zeit des Friedens geschenkt werden.«

Etliche haben sich gefragt, wie man sich die Vernichtung verschiedener Nationen vorzustellen habe? Würde es einen neuen Weltkrieg geben? Eine planetarische Katastrophe? Oder ein Unglück gewaltigen Ausmaßes?

Mittlerweile sind über 100 Jahre seit dem eindringlichen Weckruf der Muttergottes vergangen. Ihrer Forderung, 1917 ausgesprochen, wurde nicht nachgekommen. Und damit sind wir bei den Konsequenzen angekommen.

Rußland hat seine Irrtümer weltweit verbreitet. Es war das erste Land, welches staatlicherseits die Abtreibung legalisierte. Es war das Jahr 1920, die Zeit der bolschewistischen Revolution. 100 Jahre später ist die Abtreibung, zumal in den Ländern der sogenannten Ersten Welt, das vergötzte Goldene Kalb, der Moloch, welcher von der EU frenetisch als Recht gefeiert wird.

Und nicht nur die Abtreibung. In ihrem Schlepptau schleicht die Kontrazeption, die gleichfalls hymnisch gepriesen wird – als Befreiung der Frau, als Ende der sexuellen Zwangsjacke.

Und die Konsequenzen?

Ganze Nationen sterben aus. Europa vergreist.

Das ist keine Verschwörungstheorie, auch keine Unglücksprophetie, sondern Mathematik. Denn dort, wo Kinder verhütet beziehungsweise abgetrieben werden, und dies seit Jahrzehnten, sterben die Nationen. Maßgebliche Demographen - womit wir Demographen meinen, die keine ideologische Agenda vertreten - haben das demographische Abwärts früh aufgezeigt anhand der desaströsen Geburtenziffern, die jeder stabilen Bevölkerungspolitik Hohn sprechen. Doch die demographischen Daten interessieren nicht, sie stören den Tanz auf dem Vulkan. Und also geht der Krieg gegen die Kinder schamlos weiter.

Maria hatte, bei Befolgung ihrer Bitte, eine »Zeit des Friedens« verheißen. Maria hatte gewarnt. Maria hatte das Mittel der Heilung genannt. Und wir? Und die Kirche?

Von der »Zeit des Friedens« kann 2026 keine Rede sein.

Grafik: Von Bingar1234 - Eigenes Werk, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=95089700

Samstag, 8. August 2026

Sub specie aeternitatis

»Dies ist aller Gastfreundschaft tiefster Sinn, daß ein Mensch dem andern Rast gibt auf der großen Wanderschaft zum ewigen Zuhause.«

Romano Guardini

 

Grafik:  Foto von Vimar Martinez auf unsplash

Samstag, 1. August 2026

 Der Blender

Wer kennt das nicht? Menschen, die Blender sind. Das können nächste Bekannte sein, das können Politiker, VIP’s, Künstler, Kleriker sein.

Und es ist immer wieder verblüffend festzustellen, wie hörig Menschen, zumal die saturierten Bürger, den Blendern auf den Leim gehen. Vielleicht deswegen, weil sich der Verführte aus Eitelkeit gerne verführen läßt, indem er wähnt, er habe so, als Verführter, Anteil am falschen Glanz des Blenders. Denn, notabene, der Blender versteht zu beeindrucken. Oft mit geschmackvollen petits fours, oft mit eleganten Schlagworten, immer wieder mit circensischer Akrobatik.

Man nehme Thomas Mann. Seit Jahrzehnten ist der Lübecker Senatorensohn das verhätschelte Objekt der Neueren Deutschen Literaturwissenschaft und des Feuilletons. Gleich ob Zauberberg oder Lotte in Weimar, man läßt sich hymnisch über die Sprachakrobatik des Literaten aus. Und da paßt es, daß seine Ehefrau den in der Familie gängigen Namen des Verwöhnten offenbart: Der Zauberer.

Ja, Thomas Mann, der Zauberer. Ein rhetorisches Kaninchen nach dem anderen wird aus dem Zylinder hervorgezaubert. Nur: Was ist eigentlich in dem famosen Zylinder?

Wer hinschaut, tatsächlich hinschaut (J. H. Newman: »Jeder kann denken, nur disziplinierte, erzogene, geformte Geister können wahrnehmen.«), entdeckt: Nichts. Leere parodistische Worthülsen. Eitle ironische Verrenkungen. Ziselierte Petitessen. Im Grunde bourgeoiser, geschwätziger Nippes.

Da tut es gut, bisweilen auf couragierte Denker zu stoßen, die auf das Flötenspiel der Blender nicht hereinfallen. Theodor Haecker hat Thomas Mann schneidend entlarvt. Der Literaturwissenschaftler Walter Muschg desgleichen. Ein paar Sätze aus dessen Tragische Literaturgeschichte rücken die Maßstäbe zurecht. Darum seien sie hier zitiert:

»In der deutschen Literatur verkörpert Thomas Mann diesen geistigen Bankrott des Bürgertums unübertrefflich. (…) Er wollte von Anfang an als ein Meister des lächelnden Nichternstnehmens, der Ironie, genommen sein und sprach bezaubernd intelligent über alles, was die Lesermassen der letzten bürgerlichen Generation in Deutschland am liebsten hörten (…).
Seit dem Wegzug nach Übersee will dieser letzte Repäsentant des bürgerlichen Zeitalters nicht mehr als Deutscher, sondern als Amerikaner gelten. Die Entwurzelung befreite ihn von den Bedenken, die seinen Hang zur Anarchie noch eingeengt hatten, und er fand seinen wahren Stil: die Parodie. Er parodiert alles, was dem Bürger heilig ist: zuerst die Bibel, dann Goethe, dann die deutsche Musik, dann die mittelalterliche Legende. Die Parodie ist die List, mit der er sein Unvermögen verdeckt, die Sprache des Dichters zu reden. Er glaubt mit seiner Doppelzüngigkeit alle bisherigen Begriffe der Dichtung hinter sich zu lassen und ergötzt eine verlorene Welt, die seinen Glauben teilt, ohne ihr die Spur eines rettenden Gedankens zu geben (…).
Ein großer Erzähler ist ein Lebensstrom für sein Volk. Die Bücher Thomas Manns sind das letzte große Versäumnis der bürgerlichen deutschen Literatur. Künftige Leser werden an ihnen vor allem verstehen lernen, warum  das Deutschland, das er repräsentierte, vom Teufel geholt wurde.«
Grafik: Joseph Sharp auf unsplash.com

Samstag, 25. Juli 2026

 Heiter


In welcher Stimmung feierte der HERR das Letzte Abendmahl?

Diese Frage wurde mir neulich vorgelegt.

Der Zusammenhang ist klar. Es ist Gründonnerstag. Der Herr versammelt seine zwölf Jünger um sich und feiert mit ihnen das letzte Fest vor Seinem Tod. ER weiß, daß wenige Zeit später der Aufbruch in den Ölgarten sein wird. ER weiß, daß einer der Zwölf Ihn verraten wird. ER weiß, daß die Schergen schon warten. ER weiß, daß Seine Passion die unausdenkbare Leidensgeschichte ist, die keines Menschen Ohr gehört hat, geschweige denn verstehen oder gar ermessen wird. ER weiß, daß man Ihn nicht einfach umbringen wird, sondern daß ER, aus freiem Willen, sich verhöhnen, verspotten, geißeln und kreuzigen lassen wird, daß Er wortwörtlich das Lamm sein wird, welches geschlachtet wird.

Wie nun feiert Er dieses letzte Fest vor Seiner Passion?

Die Antwort lautet: Heiter.

Wie bitte? Heiter?

Ja. Heiter.

Diese Antwort gibt kein Geringerer als der heilige Kirchenlehrer Albertus Magnus (1200 - 1280) in seinem Kommentar zu »De corpore Domini (Über den Leib des Herrn)«. Der große Gelehrte schreibt:
»Mit welcher Heiterkeit im Geben und wie heiter Er diese Gabe gab (de hilaritate autem in donando et quam hilariter donavit hoc donum), kann kein Mensch mit Worten würdig ausdrücken! Wäre nämlich beim Geben irgendeine Traurigkeit im Herzen zurückgeblieben, dann hätte Er sich nicht ganz gegeben. Nur das ist wirklich gegeben, was ganz gegeben ist. Nichts behielt Christus für sich zurück, alle Gaben, die Er als Mensch und als Gott zu geben hat, gab Er uns.
Sein Herz war froh und glücklich im Bewußtsein, daß Seine übergroße Liebe seinen Gliedern zuteil würde, und diese durch das Geschenk der Kommunion mit Ihm innigst vereint und Ihm eingegliedert würden.
Einer großzügigen Person ist es eigen, daß sie froh und glücklich ist, wenn sie Großes schenken kann, und umgekehrt traurig ist, wenn es ihr nicht möglich ist, etwas Großes zu schenken. Der Geber wie der Empfänger können also nicht anders als fröhlich sein, da sie aneinander Anteil haben. Obwohl es eine Traurigkeit gab wegen des bevorstehenden Leidens, so war doch die Heiterkeit sehr groß (maxima fuit hilaritas), das Geschenk der innigen Gemeinschaft geben zu können.
Wer wird bei solchen Zeichen göttlichen Erbarmens nicht auch froh werden?«
Denkt man unbefangen und mehr und mehr über Alberts Antwort nach, so wird einem klar, daß sowohl die Antwort wie die Begründung der Antwort die einzig angemessene ist. Und was bleibt, ist das Staunen. Das heilsame Staunen.

Grafik: Simon Uschakow, 1685. wikicommons.


Text: 

 Albertus Magnus, Über die Eucharistie, übersetzt von Marianne Schlosser (Christliche Meister 64), Johannes Verlag Einsiedeln 2017, 198f. 

(Mit leichten Änderungen.)

 


Samstag, 4. Juli 2026

 La grande illusion

oder:

Das Unauslöschliche 

Sie ist wohl unausrottbar: Die Illusion des homo sapiens, es gäbe weiterhin den natürlichen Urzustand des Menschen, gleichsam den paradiesischen locus admirabilis, irgendwo, und nichts wäre schöner, als wenn der Mensch in diesem herbeigesehnten Ort wieder ansässig würde – jetzt und hier.

Künstler hingen dieser fatalen Illusion ebenfalls an. Etwa Paul Gauguin. 

Er sucht das paradiesische Idyll in Panama, Martinique, und schließlich in der Südsee. Die Imagination gaukelt den ewigen sonnigen Tag vor. Mit wunderbaren Strandkulissen, kühlen Drinks, unbeschwertem Leben, reizenden Gespielinnen, geldlosem Tageintagaus. Unschuld über Unschuld. Das gute Leben. Die »glücklichen Bewohner«, so Gauguin über das vermeinliche ozeanische Paradies, »(...) kennen vom Leben nichts anderes als seine Süße. Für sie heißt Leben Singen und Lieben.«

Gauguins Desillusionierung kommt auf dem Fuße. Bereits in Martinique wird er von Malaria und Ruhr schwer in Mitleidenschaft gezogen. Die sonnige Südsee entpuppt sich schnell als salzige Bitternis. Die edlen Wilden sind Menschen aus Fleisch und Blut und also auch mit Krankheiten geschlagen. Das zurecht gezimmerte Bild des Künstlers hält der Prüfung durch die Realität nicht Stand. Der Tod ist auch in Tahiti anzutreffen. Eine junge Einheimische, mit der er zusammenlebt, bringt eine Tochter zur Welt, die bald darauf verstirbt. Geldsorgen, Verzweiflung, Syphilis, ein Suizidversuch – diese wenig malerischen Requisiten gehören zu Gaugins ozeanischem Alltag.

Seine Kunstagenten sind derweil sehr pragmatisch und zementieren zugleich auf ihre Art das polynesische Südseeidyll: Sie legen dem Künstler nahe, nicht in sein Heimatland zurückzukehren, ansonsten könnte es geschehen, daß sein wohlfeiles Porträt des ach so unschuldigen und freizügigen Malerlebens in die Brüche ginge, was selbstverständlich dem Verkauf seiner lauschigen Gemälde nicht gerade förderlich wäre. Die Utopie muß weitergehen, auch wenn sie wortwörtlich ein Ort ohne Ort ist.

Das Leben Paul Gauguins vergeht derweil  im Ausweglosen, und es ist zu zerrissen, um daraus eine ironische Glosse zu machen. Hier lebt und stirbt ein fortwährend Gehetzter. Die Schuldigen sind die Anderen. Die weißen Europäer, die marode zivilisierte Welt, die Missionare, die bornierten Kunsthändler, die katholische Kirche.

Daß er zeitlebens einer Chimäre nachjagt, ist als Haltung so alt wie die Menschheit. Es ist der Starrsinn, der Münchhausen gleich sich selbst die Regeln des Lebens konstruiert. Das kommt einem heuzutage sehr bekannt vor. Denn konstruiert wird seit Jahren permanent. Gegen alle Vernunft und gegen jede bessere Einsicht. Der Zeitgenosse will die Tatsache sich nicht eingestehen, daß auch er, ob er will oder nicht, sich in einer Welt bewegt (und, notabene, es gibt keine andere Welt), die, wie die Theologie es ausdrückt, durch die Erbsünde infiziert ist.

Bei dem Wort Erbsünde freilich gehen die intellektuellen Bobos gleich an die Decke. Sünde generell ist abgeschafft. Maximal gibt es noch Diätsünden oder Verstöße gegen das Klima. Das war’s dann. Die nüchterne, wirklichkeitsgemäße Bestandsaufnahme des gebildeten katholischen Gewissens bleibt gleichwohl da, weil die Wahrheit da bleibt. 

Der Mensch ist zwar gut geschaffen, aber seit dem verhängnisvollen Sündenfall der Stammeltern des Menschengeschlechts ist die Natur des Menschen angekränkelt. Von seinem Schöpfer eigentlich zu der wunderbaren Freiheit geschaffen, stets und überall das Gute zu wählen, was tatsächlich gleichbedeutend damit ist, der wahre Freie zu sein, zieht es der Mensch vor, immer wieder der Schwerkraft des Bösen nachzugeben. Und blind ist nicht der, der diese Tatsache sachlich feststellt, sondern der, der diese Tatsache leugnet. 

Und da diese wahre Tatsache nicht auslöschbar ist, auch nicht auf Tahiti, scheint es uns ein Reflex des Unauslöschbaren, daß der Künstler Paul Gauguin in einem seiner späten Werke in das großformatige Tableau, in gelb leuchtender Farbe, die zentralen Fragen des Lebens hineinschreibt und dem Betrachter zumutet: D’où Venons Nous. Que Sommes Nous. Où Allons Nous (Woher kommen wir? Wer sind wir? Wohin gehen wir?).

Nach der Fertigstellung des Bildes versucht Gauguin, seinem Leben durch Arsen ein Ende zu setzen.

Dadurch werden die drei Fragen, einem Fanal gleich, nur um so brennender. 

Grafik: wikicommons

Samstag, 27. Juni 2026

 Die Nachfolger 

Über Heilige kursieren vorrangig zwei Vorurteile.

Das eine ist eines mit abwehrenden Händen. Da heißt es: Schön und gut, die Heiligen sind super, ab das ist nichts für mich. Es kann nicht jeder den Mount Everest besteigen. Ich kraxle im Tiefland herum, und das ist schon mühsam genug. Ich bewundere zwar die Extremsportler, doch meine Kräfte reichen nicht für solche Höchstleistungen.

Das zweite Vorurteil ist die Kehrseite des ersten. Da redet man davon, daß die Heiligen auch nur Menschen sind wie du und ich. Man soll mal nicht übertreiben. 

Naturgemäß sind beide Urteile falsch.

Wenn es im Evangelium (Mt 5,48) heißt - und dies aus dem Munde Jesu selbst - : Seid also vollkommen, wie euer himmlischer Vater vollkommen ist!, dann hat sich das erste Vorurteil erledigt. Der Ruf zur Heiligkeit ist nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Daß wir den Ruf ignorieren, mag leider die Regel sein, aber das ändert nichts am ursprünglichen Ruf. Der Unterschied zwischen einem Ignatius oder einer Bernadette und uns liegt nicht darin, daß die Beiden Extremsportler waren, sondern darin, daß sie gehorchten und nachfolgten. Ohne Ausreden.

Kommen wir zum zweiten Vorurteil. Vielleicht ist es das gefährlichere, denn es gibt sich den Anstrich des Jovialen, während es tatsächlich von Dummheit zeugt. Die Biographie auch nur eines Heiligen kann einen des Besseren belehren.

Nehmen wir zur Probe aufs Exempel den wenig bekannten Vorarlberger Priester Pater Franz Reinisch, dessen Seligsprechungsprozeß mittlerweile abgeschlossen ist. War Pater Reinisch so gewöhnlich und mittelmäßig wie du und ich?

Bereits 1937 wird er von der Gestapo ins Visier genommen. Denn P. Reinisch ist kein Duckmäuser, kein Feigling, erst recht kein Mitläufer. Aus seiner Ablehnung der nationalsozialistischen  Ideologie macht er keinen Hehl. In seinen Predigten redet er unumwunden die Wahrheit. Kein Wunder, daß die Gestapo schließlich ein Redeverbot und also auch ein Predigtverbot über ihn verhängt.

Und weiter: Für Pater Franz ist es nach langer Gewissensprüfung klar, daß, sollte er zur Wehrmacht einberufen werden, er den Fahneneid nicht leisten wird, da der sogenannte Führer ein Verbrecher ist. Die Konsequenzen seiner Weigerung treten unverzüglich ein, nachdem er 1942 einberufen wird: Verhaftung, Verhöre, Einlieferung in das Berliner Wehrmachtsgefängnis.

Und weiter: Die Prüfungen für den aufrechten Pallotinerpater erschöpfen sich nicht in einem System des Unrechts. Er stößt selbst bei Mitbrüdern auf Unverständnis. Darüber hinaus: Die österreichischen Bischöfe haben Angst und reden von Soldatenpflicht. Und um das Maß vollzumachen, verweigert ein Gefängnispfarrer dem Inhaftierten die heilige Kommunion, weil ihn dessen Insubordination in Rage bringt.

Pater Reinisch: Ein harmloser Typ wie du und ich? Ein Katholik unter ferner liefen? 

Am 21. August 1942, in der Frühe um 5:03 Uhr, wird der Zeuge Hw. Franz Reinisch enthauptet. Er ist 39 Jahre alt.

Grafik:
wikicommons

Samstag, 20. Juni 2026

 »Nicht sagte es, Petrus habe schwimmend das Schiff erreicht...«

für K. + K.

»Der Glaube vermag soviel, daß er sogar Menschen befähigt, auf dem Meere zu wandeln. Petrus war Mensch wie wir, bestehend aus Fleisch und Blut und von gleichen Lebensmitteln sich ernährend. Als Jesus zu ihm sagte: Komm!, da glaubte er und wandelte auf den Wassern.

Der Glaube war ihm auf den Wassern ein festerer Halt als jeder Untergrund. Der schwere Körper wurde durch die Schwungkraft des Glaubens in die Höhe gehalten. Doch nur solange, als er glaubte, hatte er auf dem Wasser eine feste Basis. Als er zweifelte, da begann er unterzusinken. In dem Maße, als der Glaube nachließ, wurde auch der Körper mit abwärts gezogen. Jesus, der den leidenden Seelen aufhilft, sprach zu ihm, da er seine Not sah: Kleingläubiger, warum zweifelst du? 

Da ihn Jesus an der Hand nahm und ihm Kraft gab und er wieder glaubte, von da ab wandelte er - an der Hand des Herrn - in gleicher Weise wieder auf den Wogen. Dies deutete uns das Evangelium an, wenn es erklärte: Sie stiegen ins Schiff. 

Nicht sagte es, Petrus habe schwimmend das Schiff erreicht, sondern es gibt zu erkennen, er sei in das Schiff gestiegen, nachdem er den gleichen Weg, auf dem er zu Jesus gekommen, noch einmal gegangen war.«

Cyrill von Jerusalem (313-387)
V. KATECHESE AN DIE TÄUFLINGE, frei vorgetragen in Jerusalem. 
Über den Glauben 


Grafik: File:Bowyer Bible print 3715 Jesus walks on the sea Matthew 14 30-31 Schellenberg (46303).jpg

Freitag, 12. Juni 2026

Die beiden Abgründe 

Flut ruft der Flut zu beim Tosen deiner stürzenden Wasser…

So übersetzt die Einheitsübersetzung 2016 den Beginn von Vers 8 aus Psalm 42.

In der Vulgata lautet dieser Anfang: abyssus abyssum invocat…

Wörtlich übersetzt heißt dies: Abgrund ruft Abgrund.

Mir scheint, diese Fassung ist dem Hochfest des Heiligsten Herzens Jesu angemessen. Denn an diesem Hochfest begegnen einander zwei Abgründe: Der unendliche Abgrund der Liebe Christi, offenbar geworden in Seinem durchbohrten Herzen, und der endliche Abgrund des menschlichen Herzens, welches sich nach der unendlichen Erfüllung sehnt.

Denn der Mensch, wenn er sich ohne Illusionen anschaut, erkennt, daß alle weltlichen Glücksversprechen seine tiefe Sehnsucht nicht zu sättigen vermögen. Und selbst die wahren Augenblicke oder auch Stunden des Glücks bleiben nur vorübergehende, denn wie schon Faust klagte: »Werd‘ ich zum Augenblicke sagen: Verweile doch! du bist so schön!« Doch der Augenblick verweilt nicht, er ist flüchtig.

Und dennoch: Die menschliche Sehnsucht ist keine flüchtige. Sie bleibt und sucht nach Sättigung.

Der Ort nun, der Ort der Öffnung und also Zugang zu der ersehnten Sättigung ist, zeigt sich am Kreuz – im durchbohrten Herzen Jesu. Und der Kreuzesruf Jesu Mich dürstet ist die exakte Einladung des gekreuzigten Menschensohnes an uns, zu kommen und an der unendlichen Quelle der Sättigung Ruhe für unser unruhiges Herz zu finden.

Mutter Teresa hatte es verstanden. Wenn in ihren Kapellen neben dem Kreuz diese beiden Worte Jesu stehen: Mich dürstet bzw. I thirst, so antwortet sie darauf: Ich will diesen Durst Jesu stillen.

Und mehr noch. Am Ende ihres Lebens richtete die Heilige von Kalkutta an sämtliche Mitschwestern noch einmal einen leidenschaftlichen Aufruf. 

»Warum«, so fragt sie, »sagt Jesus: Mich dürstet? Was bedeutet das? … Wenn du dir aus Mutters Brief irgendetwas merken willst, dann behalte dies im Gedächtnis: Mich dürstet ist etwas viel Tieferes, als wenn Jesus einfach nur sagte: Ich liebe dich. Solange du nicht tief in deinem Innersten weißt, daß Jesus nach dir dürstet, solange hast du noch nicht begonnen zu begreifen, wer Er für dich sein möchte. Oder wer Er will, daß du für Ihn bist.«

Derart findet die echte Begegnung der beiden Abgründe statt: abyssus abyssum invocat. Der Herr in seinem unendlichen Durst ruft, der Mensch in seinem endlichen kleinen Durst antwortet.

Und da diese Begegnung der Liebe am Kreuz stattfindet, ist der Mensch bereit, seine Sehnsucht nach unendlicher Liebe reinigen zu lassen. Auch dies bedeutet es nämlich, sich dem göttlichen Abgrund auszuliefern: Sich in Seinem Feuer reinigen zu lassen. In den Worten des Hebräerbriefs 12,29: denn unser Gott ist verzehrendes Feuer.

Unsere falschen Vorstellungen von Liebe werden verbrannt. Unser natürliches Zurückschrecken vor diesem verzehrenden Feuer wird freilich aufgefangen dadurch, daß wir nicht allein am Kreuz stehen, sondern mit Maria. Sie lehrt uns standzuhalten. Sie kollabiert nicht am Kreuz, sondern, wie der Evangelist Johannes 19,25 ausdrücklich vermerkt: Sie steht am Kreuz.

Mit Maria halten wir stand. Und nur dann werden wir verwandelt. 

Wir werden, was wir im Tiefsten sein wollen. 

Liebende.

Grafik: Foto von Jon Tyson auf Unsplash 

Samstag, 6. Juni 2026

 »Du aber sei nüchtern in allen Dingen.«

Naturgemäß darf die ganz große Propaganda nicht fehlen. Und dafür ist allemal Hollywood zuständig. 

Und nicht irgendein Regisseur, sondern gleich derjenige, der sich beim Thema bestens auskennt und den sogenannten blockbuster liefern wird – Steven Spielberg.

Das Thema: Die Aliens beziehungsweise deren Invasion beziehungsweise die sympathischen außerterrestrischen Intelligenzen.

Dabei geht es nicht um Unterhaltung oder Science Fiction. Oh nein. Hollywood greift diesmal in die verwegenste Höhenlage. Es geht um nichts weniger als um die Wahrheit. Um die Offenbarung. Um die längst überfällige Offenlegung des bislang Verborgenen.

Nächste Woche kommt die Propagandawalze in die Kinos. Der finale Trailer, der bereits auf dem Markt ist und Filmausschnitte mit Spielberg-Interviewsequenzen kombiniert, läßt das Schlimmste befürchten. 

 

Spielbergs raunende Zwischenkommentare und Fragen nach dem Motto: Wäre es nicht toll, wenn das Gezeigte alles wahr wäre?, sind selbstverständlich rhetorische Fragen. Der betriebene cineastische Aufwand will die definitive Konditionierung des Zuschauers. Nach dem Film soll es nur mehr den einen und immer gültigen Konsens der one world geben: Die Außerirdischen gibt es nicht nur, sie sind bereits da.

Nonnen, rosenkranzbetend, in der Erwartung der Aliens, dürfen selbstredend in der betrügerischen  Propagandatrommel nicht fehlen, auch nicht wohlplazierte Kreuze als verführerische Requisiten . 

Denn die eigentliche Stoßrichtung des Films, der sich im übrigen nahtlos in positive Äußerungen amerikanischer Toppolitiker (Trump, Rubio et al) und NASA-Experten einreiht, ist die Attacke auf die katholische Kirche, wozu Spielberg der geeignete Mann ist, hatte er doch schon in seinem 2001 veröffentlichen Film AI die theologische Wahrheit des Menschen als Imago Dei blasphemisch verhöhnt. Die katholische Kirche, und nur sie, ist das Zeichen des Widerspuchs, welches zu demolieren ist, da sie unbeirrt und wohlbegründet daran festhält, daß Aliens nicht nur nicht existieren, sondern daß dann, wenn sogenannte UFO-Phänomene oder vergleichbare Manifestationen gesichtet werden, es sich dabei nicht um authentische Kundgaben außerirdischen Lebens handelt, sondern um dämonische Vorspiegelungen. 

Es paßt in diesen Zusammenhang, daß ausgerechnet diese Woche und also exakt vor der Kinopremiere von Disclosure Day / Der Tag der Wahrheit ein berühmter amerikanischer Exorzist, der genau diese Wahrheit vertritt, nämlich daß die außerirdischen Phänomene diabolische Machinationen sind, schnurstracks von seinem Bischof, der seit langem durch seine heterodoxen Äußerungen das episkopale Lehramt verrät, des Amtes enthoben wurde. Die Propaganda, so die unmißverständliche Lektion, duldet keinen Widerspruch. Sie soll schließlich global sein. Und die zweite Lektion: Die Kirche macht endlich einen Schwenk, es wurde aber auch Zeit.

Und man darf damit rechnen, daß die Masse leichtgläubig (Corona läßt grüßen) den raffiniert zubereiteten Köder schlucken wird. Ist nicht die weltweite Krise derart gigantisch, daß nur mehr Superintelligenzen, halt Aliens aus anderen Galaxien, sie bewältigen können? Müssen wir uns nicht glücklich schätzen, daß endlich die UFOs landen, weil deren Insassen – die außerirdischen Adepten der globalen Nächstenliebe – Mitleid mit unseren Ausweglosigkeiten haben?

Der standhafte Christ sollte seine Bibel nehmen und den Völkerapostel Paulus zu Rate ziehen. Hier, nicht im Kintopp, findet er die wahre Antwort und die wahre  Offenbarung:


»Denn es wird eine Zeit kommen, da sie die heilsame Lehre nicht ertragen werden; sondern nach ihrem eigenen Begehren werden sie sich selbst Lehrer aufladen, nach denen ihnen die Ohren jucken, und werden die Ohren von der Wahrheit abwenden und sich den Fabeln zukehren. Du aber sei nüchtern in allen Dingen, leide willig, tu das Werk eines Predigers des Evangeliums, erfülle redlich deinen Dienst.«

Und dem eventuell Verunsicherten, der diesbezüglich nach fundierter katholischer Katechese sucht, wird diese Lektüre weiterhelfen: 

Daniel O’Connor, The First and Last Deception. Aliens, UFOS, AI, and The Return of Eden’s Demise, New York 2025.


Samstag, 30. Mai 2026

 Das Kreuz und die Helden


Das Kreuz ist 1,10 Meter hoch, 70 cm breit und 11 cm dick. Es wiegt 35 Kilogramm.

Sein Träger: Maël le Lagadec. 

Maël, Franzose, 18 Jahre alt, ist Landschaftsgärtner und widmet sich erst seit einem halben Jahr dem Bergsteigen. Doch diesmal ist die Route eine besondere.

Auf dem Pic d’Aneto, dem höchsten Gipfel auf der spanischen Seite der Pyrenäen, wurde das Gipfelkreuz, das seit 1951 die Region auf 3500 Metern Höhe überragt, in einem Vandalismusakt gestohlen. Marc, gemeinsam mit seinem Freund Julien, beschließt daraufhin, das zerstörte Kreuz durch ein neues zu ersetzen. »Ich bin Landschaftsgärtner, aber ich wollte dieses Kreuz mit meinen eigenen Händen schaffen und es auf dem Gipfel hissen.«

Das neue Kreuz ist aus einem einzigen Block gefertigt. Das Material ist Walnußholz, welches wegen besserer Wetterbeständigkeit mit einem Bootslack versiegelt wird. Marc bringt vier Lilien an den jeweiligen Ecken des Kreuzes an: »Die Lilie ist ein starkes Symbol für Königtum, für Loyalität gegenüber Frankreich und Spanien.«

Der Aufstieg zum Gipfel des Aneto ist anstrengend. Nebel hüllt den Berg ein. Der Gefährte Julien bleibt auf den letzten Metern vor Erschöpfung zurück.

Nach Stunden der Mühe und Entsagung kommt Marc, der am 8. Mai um Mitternacht aufgebrochen ist, am Samstag, dem 9. Mai, um 14:40 Uhr an: »Ich komme ganz oben an. Nach all den Anstrengungen knie ich mich hin und weine. Die Anstrengung war sehr intensiv. Ich kann es noch gar nicht fassen. Es ist der Stolz, es geschafft zu haben.«

Das Kreuz ist aufgerichtet, vier Meter von der Statue der Muttergottes entfernt.

Die Nachricht verbreitet sich schnell. Hunderttausende von Glückwünschen erreichen den Alpinisten.

Zwei Wochen später erfährt er, daß ein neuerlicher Vandalenakt geschehen ist. Marcs Holzkreuz wurde ausgerissen und den Abhang hinuntergeworfen. 

Was nun?

Zwei spanische Alpinisten finden das ausgerissene Kreuz im Schnee und bringen es zurück zum  Gipfel.

Stat Crux dum volvitur orbis.

 

Grafik:   © Aucun(e) - Maël Le Lagadec 

Donnerstag, 21. Mai 2026

 Pfingsten 2026

»Die Sünde wider den Hl. Geist: der erkannten Wahrheit widerstreben.«

sel. Franz Jägerstätter († 1943)

 

Samstag, 16. Mai 2026

Die 2. Szene  

Sic transit gloria mundi.

 Der Satz ist spätestens seit dem 17. Jahrhundert als Memento während der feierlichen Krönungszeremonie des Papstes bekannt.

Der Papst wird auf der Sedia gestatoria, dem päpstlichen Tragsessel, in feierlicher Prozession in die Petersbasilika getragen; dabei nähert sich ihm dreimal der Zeremonienmeister und verbrennt vor den Augen des neu gewählten Pontifex mit einer brennenden Fackel ein Büschel Werg, wobei er die Worte spricht: Pater Sancte, sic transit gloria mundi (Heiliger Vater, so vergeht der Ruhm der Welt).

Überdeutlich wird auf diese Weise dem Stellvertreter Christi vor Augen geführt, daß sein Amt keines der weltlichen Macht und Dominanz ist, sondern eines geistlicher Vollmacht, welche Vollmacht unbeirrt die Augen dorthin zu richten hat, wo die ewigen Güter sind, die kein Rost und keine Motte und kein Feuer zerstören kann.

Daß diese Wahrheit weniger esoterisch ist, als ein antichristlicher Affekt wähnt, macht bisweilen selbst ein Spielfilm kund. 

Der Adler der Neunten Legion ist ein Römerepos. Erzählt wird die Geschichte des römischen Tribuns Marcus Flavius Aquila, der in Britannien für Rom kämpft, und dies um so leidenschaftlicher, als seine Familienehre in Mitleidenschaft gezogen ist; hat doch sein Vater, ebenfalls Offizier des römischen Heeres, in einer Schlacht in Nordbritannien 5.000 Mann verloren und weiters den Adler der Neunten Legion, die berühmte Standarte, eingebüßt, was bereits an sich als Schande gilt. Und darüber hinaus steht der perfide Verdacht im Raum, daß besagter Vater vielleicht aus feigem Entschluß das Statussymbol preisgegeben hat.

Der Sohn bricht schließlich - zusammen mit dem britischen Sklaven Esca, dem er aus Mitgefühl das Leben gerettet hat -, in das feindliche Gebiet auf, da die Sage geht, der Adler sei im Norden Britanniens wieder aufgetaucht. Die Reise in das Territorium des Feindes ist, wie man denken kann, eine gefährliche und letztlich mörderische. Denn tatsächlich finden Meister und Sklave den goldenen Adler, rauben ihn nächtlicherweise aus dem Lager des Feindes und fliehen anschließend in halsbrecherischer Weise Richtung Süden.

Es kommt, wie es kommen muß. In einem finalen Gefecht zwischen dem barbarischen Feind und den beiden Flüchtigen, die überraschenderweise von einem versprengten Trupp der übriggebliebenen Neunten Legion Hilfe erfahren, siegen die Römer, doch der Preis ist hoch: Die Schlacht ist überaus grausam und blutig, viele der Männer auf beiden Seiten sind tot. 

Marcus Flavius errichtet nach dem Gemetzel einen Holzstoß, darauf legt er den getöteten römischen Anführer der Hilfseskorte und hält eine Abschiedsrede, bevor er den Holzstoß in Flammen aufgehen läßt.

Diese Szene hat es in den endgültigen Schnitt gebracht. Doch man sollte sich unbedingt auch die 2. Szene anschauen, nämlich den alternativen Schluß, der es nicht in die Letztfassung des Films brachte, sondern lediglich im Bonusmaterial der DVD angeschaut werden kann. Doch eben dieser Alternativsschluß übersetzt in famoser bildkräftiger Art das christliche Memento des vergänglichen Ruhms in den Raum eines heidnischen Rituals.

Der berühmte, dekorierte Tribun Marcus Flavius Aquila nimmt nämlich schließlich den goldenen Adler und legt ihn auf den Feuerstoß. Die Flammen züngeln. Das Gold beginnt zu schmelzen und zu tropfen. Das Feuer verzehrt - sic transit gloria mundi.

Doch der Film beläßt es nicht bei diesem potentiell deprimierenden Ende. Denn der Tribun hat zwar die vergängliche heidnische Trophäe dahingegeben, dafür aber während seiner Queste Herz und Verstand geöffnet für die goldenen Werte: Freiheit, Freundschaft, Familie, ein einfaches Leben. Nicht der Tod steht damit am Ende des Films, sondern das schlichte Bekenntnis zum Leben. 

Samstag, 9. Mai 2026

 Ben Hur 2016

Oh je, dachte vielleicht so mancher. Ein Remake eines Klassikers. Und das 2016. Kann das gut gehen?

Ja, es kann.

Das liegt nicht zuletzt darin, daß, entgegen üblicher Hollywoodstrategien, die, in gleich welchem Filmgenre, stets Sex und Perversion obsessiv an den Mann zu bringen versuchen, der kasachische Regisseur Timur Bekmambetov und seine evangelikalen Produzenten eben dies unterlassen.

Das Erstaunliche: Ben Hur 2016 geniert sich nicht, den historischen Jesus von Nazareth auftreten zu lassen, und mehr noch, dessen Botschaft ist das eigentliche Movens der Neuauflage. Denn das Thema, welches den ganzen Film grundiert, ist das der Vergebung. Erübrigt sich anzumerken, daß dieses Sujet naturgemäß ein spirituelles ist.

Und was ist mit dem Wagenrennen? Denn Ben Hur ist nun einmal auch dies: Ein Actionstreifen, in dem die finale Auseinandersetzung der zwei Brüder das grandiose Spektakel ist, welches den Adrenalinschub anheizen soll. 

Keine Sorge. Auch da braucht das Remake keine Vergleiche zu scheuen. Das Wagenrennen ist ein Wagenrennen, und die Spannung ist explosiv. Körperkameras bringen das atemberaubende Geschehen an die Nerven, und die Frage der mörderischen Rache und Vergeltung ist das furiose Dynamit, welches den Sand der Arena aufsprühen und die knallenden Peitschenhiebe fetzen läßt.

Burt Lancaster, der seinerzeit, in den 50er Jahren, ursprünglich für die Darstellung des Judah Ben- Hur vorgesehen war, lehnte, so vermerken die Trivia zu der damaligen Produktion, die Rolle ab, da ihm, dem selbsternanntern Atheisten, »die gewalttätige Moral in der Geschichte nicht gefiel« und weil er das Christentum nicht fördern wollte. 

Ben Hur 2016
läßt solche Selbstverblödungen souverän hinter sich. Am Ende umarmen sich zwei wiedergefundene, verwundete Brüder. Und dann das wunderbare Wort des Judah Ben-Hur an den niedergestreckten Gefährten seiner Jugend: »Das, was ich kann, ist dich tragen.« Und auch dieses herrliche Wort, zuletzt: »Bist du bereit, Bruder?«

Samstag, 2. Mai 2026

 Der Unterschied II

»Bonum ex integra causa, malum ex quocumque defectu.«

Der lateinische Satz bringt einen mittelalterlichen Grundsatz zum Ausdruck. Gemeint ist: Wahrhaft gut ist, was in allen seinen Teilen gut ist; das Schlechte dagegen ergibt sich bereits aus einem beliebigen Defekt.

Entsprechend müssen gute Handlungen alle drei moralischen Bestimmungen erfüllen: Gegenstand, Umstände und Absicht der Handlung müssen gut sein, das heißt, sie müssen sittlich angemessen sein und mit der Ordnung der Vernunft im Einklang stehen, damit die betreffende Handlung als gut angesehen werden kann.

Das mag sich für manchen komplizierter anhören als es tatsächlich ist. 

Nehmen wir ein Sitzpolster.

Der Stoff (Seide) ist kostbar. Die Farben sind wunderschön. Die Maße ideal.

Alles bestens, so könnte man denken. Doch leider ragt aus der Mitte des Polsters eine spitze Nadel heraus, die es unmöglich macht, das Sitzpolster zu benutzen. Zur Integrität eines Sitzpolsters – was jedem einleuchtet – gehört aber nun einmal, daß man sich draufsetzen kann. In diesem besonderen Fall wäre also durch die spitze Nadel, dieses ungehörige Detail, das Polster seiner echten Wesenheit, nämlich Sitzgegenstand zu sein, beraubt und zu einem schlechten Polster mutiert.

Vermutlich hat niemand Schwierigkeiten, dieses Exempel nachzuvollziehen und zu bejahen. 

Doch wie steht es mit folgendem:
Jemand schaut einen Film. Irgendwann präsentiert der Film anzügliche, unsittliche Aufnahmen. Stimmt der Betrachter zu, wenn ihm mitgeteilt wird, daß die unsittlichen Sequenzen den gesamten Film korrumpieren, da die anstößigen Bilder der Moral und der Ordnung der Vernunft widersprechen und also die Integrität des Films grobschlächtig zerrütten und derart den Film zu einem schlechten machen?

Der Unterschied zwischen dem Heiligen und dem Konsumenten liegt vermutlich genau hier: Der Heilige drückt, wenn er die anstößigen Bilder wahrnimmt, den Ausknopf, da er das ihm eingeschriebene Gesetz der Integrität kennt und liebt und lebt. Der Konsument dagegen schaut weiter, da er an das Anstößige schon gewohnt ist und darüber hinaus eventuelle Einwände mit routinierten fadenscheinigen Argumenten narkotisiert.

Wie sagt der Völkerapostel Paulus? - »Ihr habt im Kampf gegen die Sünde noch nicht bis aufs Blut Widerstand geleistet« (Eph 12,4).

Grafik: Kingrise auf Pixabay

Samstag, 25. April 2026

Prinzip und Fundament 
  

»(…) bin ich überzeugt, daß die Menschheit der Gegenwart diese grundlegende Botschaft braucht, die in Jesus Christus Mensch geworden ist: Gott ist die Liebe. Alles muß von hier ausgehen, und alles muß hierher führen: jede pastorale Tätigkeit, jede theologische Abhandlung.«

Benedikt XVI. 
aus seiner Predigt während der Vesper am 22. April 2007

 

 Grafik: Foto von THLT LCX auf unsplash  

Samstag, 18. April 2026

 Was ist das für so viele?  

Im Evangelium nach Johannes berichtet der Evangelist im 6. Kapitel vom berühmten Zeichen der Brotvermehrung. »Viele Menschen« (Vers 5) sind gekommen, um Jesu Worte zu hören. Und Jesus will die Hungrigen speisen. Doch wie eine solch große Menge speisen? 

»Hier ist ein kleiner Junge«, so der Apostel Andreas, einer der Begleiter Jesu, »der hat fünf Gerstenbrote und zwei Fische; doch was ist das für so viele?«

Was ist das für so viele?


Mir fällt dazu eine Geschichte ein, die Mutter Teresa erzählt hat:

»Vor einigen Jahren«, so Mutter Teresa, »gab es in Calcutta eine große Zuckerknappheit.
Eines Tages kam ein vierjähriges Kind mit seinen Eltern zu mir, um mich zu sehen. Sie brachten mir ein kleines Gefäß mit Zucker. Während sie es mir überreichten, sagte der Kleine zu mir: Ich habe drei Tage keinen Zucker genommen. Nimm es, es ist für Deine Kinder.
Dieser Junge liebte mit einer großen Liebe. Mit einem großen persönlichen Opfer hat er es bezeugt. Ich möchte deutlicher werden: Er war nicht älter als drei oder vier Jahre. Er konnte noch kaum seinen Namen sagen. Er war mir nicht bekannt. Ich konnte mich nicht erinnern, ihn jemals gesehen zu haben. Auch seine Eltern hatte ich nie getroffen.
Das Kind hatte Erwachsene von mir sprechen hören und danach jenen Entschluß gefaßt.«

»Ein kleines Gefäß mit Zucker.«

Was ist das für so viele?

Diese Frage, so zeigt das Evangelium und auch die Geschichte von Mutter Teresa, ist die falsche Frage. Warum? - Weil sie rechnet. Die Liebe aber rechnet nicht.

Die beiden kleinen Jungen geben einfach. Das nennt man Hingabe. Sie rechnen nicht, sondern schenken.

Und die schenkende Liebe ist immer fruchtbar. Das sehen wir im Evangelium überdeutlich: 5000 Männer werden satt, weil dieser kleine Junge sein ALLES gab.

Denn alles ist ein Liebesspiel. In den Worten Pater Pios: Tutto è scherzo d’amore. Alles ist ein Spiel der Liebe. 

Es ist bezeichnend, daß derjenige im heutigen Evangelium, der sein Alles gibt, ein Kind ist. Das erinnert uns an die Worte Jesu (Mt 18,3): Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, werdet ihr nicht in das Himmelreich hineinkommen.

Kinder – wenn sie nicht verzogen sind - fällt es offensichtlich leichter, in das Spiel der Liebe einzutreten. Wir Erwachsenen sind da gefährdeter. Die Weisung Jesu: Werdet wie die Kinder! ergeht nicht umsonst genau da, als die Jünger sich streiten darum, wer im Himmelreich der Größte ist. Vielleicht hätte ein Erwachsener, angesichts der Tausenden von Hungrigen, gesagt: Warum soll ich mein Alles hergeben? Da sind bestimmt andere, die mehr haben als ich, sollen die mal anfangen zu geben.

Doch unser Glück hängt nicht von einem Rangstreit ab, sondern davon, inwiefern wir bereit sind, in das göttliche Spiel der Liebe einzutreten.

Denn was ist das größte Spiel der Liebe?
Es ist das, was weltweit in jeder Stunde gefeiert wird: Die hl. Messe.

Was bringen wir in jede hl. Messe? Brot und Wein. Unser armseliges Leben.

Was ist das für so viele?

Doch Gott verwandelt unsere kleinen Gaben in Sein ALLES, in Seinen Leib und Sein Blut.

Machen wir uns nichts vor: Das, was wir herschenken, ist angesichts der Fülle Gottes, immer nahezu ein Nichts. Und doch – und das ist die unfaßbare gütige Herablassung Gottes uns gegenüber – will ER, daß wir teilhaben am göttlichen Austausch der Liebe. Darum lädt Er uns ein, unsere Gaben zu bringen.

Der kleine Junge des Evanegliums hat es verstanden. Der kleine Junge in der Geschichte Mutter Teresas hat es gleichfalls verstanden. Wenn wir mit ganzem Herzen geben, ohne Hintergedanken, dann gibt es keine zu geringen Gaben. Denn dann sind wir Mit-Arbeiter Gottes, und ER vollendet unsere Hingabe. Er beschenkt uns mit Sich Selbst. 

Grafik: Brotvermehrungskirche in Tabgha, Mosaik: vier Brote und zwei Fische. wiki commons. 

Samstag, 4. April 2026

Lamentationes 2026 

»Das ganze Leben des Christen ist heilige Sehnsucht. Wonach du dich aber sehnst, das siehst du noch nicht. Aber durch die Sehnsucht gewinnst du die Fähigkeit, dich beim Kommen dessen, was du sehen willst, erfüllen zu lassen (...). Wir haben es schon einmal gesagt: Leere aus, was angefüllt werden soll! Mit Gutem sollst du angefüllt werden, drum gieß das Böse aus! Mit Honig gleichsam will Gott dich anfüllen; wenn du voll Essig bist, wo wirst du den Honig unterbringen? Ausgeschüttet muß der Gefäßinhalt und gereinigt muß das Gefäß werden; gereinigt muß es werden, wenn’s auch Mühe schafft und Plag, damit es brauchbar werde. Strecken wir uns also nach Gott aus, damit er uns erfülle, wenn Er kommt!«    Hl. Augustinus

Grafik: wiki commons

Samstag, 28. März 2026

 Stabat mater

Gastbeitrag von Elpinike

 

O quam tristis et afflicta / fuit illa benedicta! 

Unter dem Kreuz steht die Mutter. Sie darf nicht helfen, nicht einmal trösten; jede der kleinen Gesten, die Mütter für ihre Kinder haben, ist ihr verwehrt. Dem fremden Wachsoldaten bleibt vorbehalten, Jesus die letzte Labung zu reichen. Maria kann nur ausharren und zuschauen, wie ihr Sohn stirbt, Stunde um Stunde.

Denkt sie dabei an die Worte des Engels? Sie sei gesegnet, hat er gesagt, und ihr Kind werde Sohn Gottes genannt werden. Müßte der Sohn Gottes nicht eigentlich eine geachtete Persönlichkeit sein, ein wichtiger Mann im Lande? Nun wird er als Verbrecher hingerichtet.

Ist Maria unter dem Kreuz an Gott verzweifelt – oder hat sie sich die Hoffnung bewahrt? Antonín Dvořáks Stabat Mater gibt die Antwort auf diese Frage. Die Musik setzt ein wie das leise Schluchzen eines Menschen, den die Trauer innerlich leer zurückgelassen hat. Doch dabei bleibt es nicht. Gedanken und Gefühle kehren machtvoll zurück, der Schmerz bricht sich Bahn.

Dvořák schöpfte hier aus eigenem Erleben. Sein Stabat Mater, 1877 vollendet, entstand unter dem Eindruck des Todes seiner drei Kinder innerhalb von zwei Jahren. Kann man nach diesem Verlust weiterleben? Ja, sagt uns der Komponist: Durch das Leiden tönt die Hoffnung, zunächst zaghaft, dann immer stärker, bis sie zum Schluß alles überstrahlt.

Das ist nämlich die Antwort: Das Leben siegt, nicht der Tod, die Hoffnung siegt, nicht die Verzweiflung. Maria hat es gewußt. Antonín Dvořák hat es gewußt. Mit ihnen weiß es auch der Zuhörer.