Freitag, 4. August 2017

Ars


Manchmal (sehr selten) ist man an einem Ort und kann erleben, daß selbst die Luft anders ist.

Ich erinnere mich sehr genau, als ich zum ersten Mal in Ars war.

Alles war anders. Die Luft, der Himmel, der Weizen. Und ich mußte nicht lange überlegen, wem diese Transformation zu verdanken war. Offensichtlich war das Gebet des armen Pfarrers, wie der heilige Pfarrer von Ars sich zu nennen pflegte, weiterhin wirkmächtig genug, um selbst metereologische Änderungen als das Allerselbstverständlichste möglich zu machen.

Das ist die Macht der Heiligen. Wo ein Heiliger lebt und schafft, dort wird die gefallene Erde zurückgewonnen. Dort ersteht das Leben neu. Tatsächlich neu.

Voltaires Diktum, daß es darauf ankomme, seinen Garten zu bebauen – ein Ausspruch, der als satirische Demaskierung aller geistlichen hohen Ansprüche gedacht war – findet ausgerechnet bei den Heiligen, den Paradebeispielen hoher Tugend, seine Einlösung. Denn sie, diese mutigen, furchtlosen, unberechenbaren heiligen Männer und Frauen, haben, aus der Hingabe an die Quelle allen Lebens – Christus –, den Garten in der Tat bebaut, die Erde erneuert, und dies ohne großen Pomp und prätentiöses Gerede, stattdessen in aller Einfachheit, Stille, Beharrlichkeit und Demut.

Und das Schöne: Die Menschen, die um den Heiligen sind und die ihr Land und ihre Scholle durchaus kennen, nehmen wahr, wie das altbekannte Land sich wandelt – zum Guten hin. Gleich, ob der Heilige Pater Pio heißt oder Franziskus oder Hildegard oder halt Jean-Baptiste Marie Vianney.

Und nicht nur das. Selbst die Tiere merken auf. Auch sie, eingefügt in die in Unordnung geratene Schöpfung, nehmen instinktiv wahr, wenn die Gegenwart des heiligen Menschen da ist, der ohne Wenn und Aber allen Ernstes Tag und Nacht vom Heiligen lebt und dadurch die verlorene kosmische Ordnung wieder herstellt.

Ich muß diesbezüglich an ein sehr gut dokumentiertes Ereignis aus dem Leben des Curé d’Ars denken.
»Im Jahre 1856«, so einer der Biographen des heiligen Priesters, »war am Sonntag in der Fronleichnamsoktav eine Kutsche bis vor die Kirche vorgefahren, aus deren weitgeöffneten Türen das ausgesetzte Allerheiligste leuchtete. Die Pferde hielten plötzlich in vollem Galopp und ließen sich nicht mehr von der Stelle weitertreiben, mochte der Postillion noch so erbost auf sie einschlagen, sie blieben stehen wie die Eselin unter dem Stock des Propheten Bileam …«
Das ist Ars.