Samstag, 24. Oktober 2026

 Die Geduld

Im Lateinischen heißt Geduld patientia.

Es ist eine gewollte Fügung, daß in diesem Wort das zweite mitschwingt: pati – leiden.

Denn der Geduldige wird oft genug die Erfahrung machen, daß die Erprobung seiner Geduld in die Bereitschaft führt, Leiden auf sich zu nehmen.

Was erfahren zum Beispiel Eltern, die miterleben müssen, wie ihre Kinder zunehmend auf Abwege geraten und sich jeder Unterweisung, und sei sie noch so liebevoll vorgebracht, verweigern? Die geduldig immer wieder auf Fehlentwicklungen hinweisen, warnen, ermahnen, zu überzeugen versuchen, und dennoch abgewiesen werden? Geduld erweist in solchen Fällen ihre Strahlkraft im Leiden.

Die lateinische Fassung der Bibel hat diesbezüglich ein gewaltiges Wort formuliert: In patientia vestra possidebitis animas vestras – in  eurer Geduld werdet ihr eure Seelen besitzen (Lk 21,19 – die Einheitsübersetzung übersetzt: Wenn ihr standhaft bleibt, werdet ihr das Leben gewinnen).

Dies ist kein Spruch aus dem Poesiealbum, sondern in komprimiertester Form christliche Lebensweisheit. Wer geduldig ausharrt, wer - wie Paulus im Epheserbrief 4,3 mahnt: »Seid demütig, friedfertig und geduldig, ertragt einander in Liebe, und bemüht euch, die Einheit des Geistes zu wahren durch den Frieden, der euch zusammenhält« - wer diese paulinische Weisung zu beherzigen versucht, der tut mehr als ein wohlfeiles humanistisches Werk, der ist allen Ernstes einer, der seine Seele und die Seelen anderer ernst nimmt und also einer, der in ungeheuchelter Liebe aufs Ganze geht.

Das Bibelgriechisch – und auch das ist weiterführend – hat das Wort hypomonē für Geduld. Wörtlich übersetzt bedeutet dies darunter bleiben. Man kann es sich derart vorstellen: Wenn ein Druck oder auch ein Hindernis, sei es von innen, sei es von außen, sehr groß ist, so daß die Seele unter dem überragenden Gewicht stöhnt und ächzt, macht der Geduldige sich so klein, daß das Gewicht gleichsam über ihn hinweggeht.

War es die heilige Thérèse vom Kinde Jesu, welche folgendes Bild benutzte? Ein kleines Kind steht vor einem großen Pferd. Es würde gerne an dem Pferd vorbeigehen, aber das Pferd ist zu riesig, zu unüberwindlich für das kleine Kind. Was also tun? Das Kind wählt schließlich den kleinen Weg: Es krabbelt zwischen den Beinen des Pferdes hindurch in das freie Offene. Es bleibt darunter, und genau so eröffnet sich der Ausweg.

Die Kleine Thérèse ist dabei durchaus Schülerin der anderen, sogenannten großen Teresa. Denn auch diese wußte um die unschätzbare Tugend der Geduld. Nach ihrem Tod fand man in ihrem Brevier diese Zeilen, vermutlich von ihrem Seelenfreund Johannes vom Kreuz verfaßt. Sie trug sie offensichtlich täglich mit sich, ein vademecum der besonderen Art. In der Mitte des kleinen Gebets, vor dem finalen Höhepunkt, steht der Preis der Geduld. Und dieser Preis ist, durch und durch christlich, zugleich ein Paradox. Denn die Geduld mag zwar zur Kleinheit des Darunterbleibens animieren, zum Nichts, dem nada des heiligen Johannes vom Kreuz, doch ebenso erlangt sie nicht nur etwas, sondern tatsächlich Alles – todo.

»Nichts soll dich ängstigen,
nichts dich erschrecken,
alles vergeht,

Gott bleibt derselbe.
Geduld
erreicht alles;

wer Gott hat,
dem fehlt nichts.
Gott nur genügt.«
Cave: Die Geduld erreicht alles.

 Grafik: aus Karmel Impulse, Heft 4/2007