Samstag, 19. März 2022

Josef

Laut biblischem Bericht war Josef, der Nährvater Jesu, Zimmermann.

Tekton, so das griechische Wort für Zimmermann, legt nahe, daß Josef nicht nur in der Lage war, ein Stück Holz zu bearbeiten, sondern ebenso fähig, ein Haus zu bauen und instandzuhalten.

Der Beruf des Nährvaters spricht Bände. Denn der Sohn, der ihm anvertraut ist, hat von seinem Ziehvater beruflich zu lernen, was Söhne als Männer zu tun haben: Sie sollen gestalten lernen. Sie sollen, wie die geistvolle deutsche Sprache es ausdrückt, das Bewerkstelligen lernen. Sie sollen arbeitend die Welt recht formen und so im Werk die Welt aufbauen.

Holz ist ein klassisches Material, an dem sich die Kunst des Bewerkstelligens erproben kann. Martin Schleske, einer der großen Geigenbauer der Gegenwart, hat in seinem Buch Der Klang. Vom unerhörten Sinn des Lebens anhand des Geigenbaus aufgezeigt, wie lebendig Holz ist und wie sorgfältig derjenige, der das Holz zu einem wunderbaren Klangkörper gestalten will, sein Material behandeln muß. Mit anderen Worten: Die gute Geige, glänzend in ihrem hölzernen Leib und herrliche Töne von sich gebend, ist ein Werk der Liebe, denn die Liebe baut und schafft und richtet auf.

Damit ist der heilige Josef geradezu der Lehrmeister für Männer, zumal heute, wo Männer nahezu permanent in die Versuchung geführt werden, nicht schöpferisch zu bauen, sondern unschöpferisch sich zu vergnügen. An die Stelle des handgreiflichen Werkzeugs des Zimmermanns tritt in der Moderne das Spielzeug des Handys. Tasten werden gedrückt, und die passive Berieselung beginnt. Der Personal Computer erledigt schließlich den Rest. Der Mann als Tastendrücker, als Konsument, als derjenige, der sich unterhalten läßt, statt derjenige zu sein, der den Auftrag der Weltgestaltung schöpferisch ergreift.

Der heilige Josef wird in der ihm gewidmeten Litanei als Vorbild der Arbeiter angerufen. Lateinisch exemplar opificum, Beispiel der Werkmeister, der Handwerker. Das deutsche Wort arbeiten führt sich etymologisch auf das germanische Nomen arbejidiz zurück, welches so viel meint wie Mühsal, Not.

Das ist wesentlich, wenn wir über die Stellung und das Wesen des Handwerkers nachdenken. Denn anders als es uns die moderne Handyindustrie nahelegt, gehört zur Arbeit der Schweiß, die Anstrengung. Häuser werden nicht am Handy gebaut, sondern auf der Baustelle, und dort geht es sehr oft mühsam zu. Das Vergnügen kommt danach. Oder, wie der Volksmund es ausdrückt: Ohne Fleiß kein Preis.

Der Mann, der sich der Mühsal entzieht, degeneriert. Eine Moderne, die Männer mehr und mehr in die Technik des Passiven abdrängt, indem sie den warmen, widerständigen Weltstoff durch die kalten, sogenannten elektronischen tools ersetzt, wird mitschuldig, daß die Rolle der Väter, der Söhne, des Mannes schlechthin verdunkelt wird. Der liebende Handwerker dagegen, wie es Georges de la Tours Bild unaufdringlich zeigt, trägt als Werkmeister dazu bei, die Welt zu erhellen.

Wahrscheinlich war die Bitte der Josefslitanei nie gebotener als heute: 

Du Vorbild der Arbeiter – bitte für uns!

Grafik: Georges de la Tour, Josef, der Zimmermann. wikicommons