Samstag, 1. September 2018

Der Nachbar II


»Es war an Weihnachten«, so mein Nachbar, »vor drei Jahren. Eine meiner Bekannten hatte mir vier CD’s geschenkt, aber nicht gesagt, worum es sich bei den Aufnahmen handelte. Sie hatte nur gesagt, ich solle sie mir anhören, es sei eine Überraschung. Ich hatte das Geschenk angenommen und dann zur Seite gelegt, ich hätte es mehr oder weniger vergessen, wenn nicht acht Tage später, es war am Neujahrstag, eine große Langeweile mich überfallen hätte. Alles ödete mich an. Mein Zimmer, die Stadt, die Leute, die Welt. Alles war schrecklich bekannt, nichts Neues weit und breit, immer derselbe Prozeß, der sich zwar neue Namen gab, aber unter jedem Namen kam, wenn der Lack abblätterte, die altbekannte nichtssagende Monotonie zum Vorschein, die ihrerseits, wenn ich ehrlich war,  die verlogene Vokabel war für einen Befund, der als korrekte Diagnose den Begriff der Verzweiflung verdient gehabt hätte. In diesem Stadium fiel mir ein, daß ich irgendwo etwas hingelegt hatte, das ich an Weihnachten bekommen und nicht ausgepackt hatte. Ich suchte nach den CD’s und legte die erste in das Abspielgerät. Ich weiß die Stunde, da es war, es war früher Nachmittag, am ersten Jänner, um fünfzehn Uhr. Ich erwartete Musik, irgend etwas, ich rechnete nicht mit dem, was folgte. Nach einer längeren Stille begann eine Stimme. Sie setzte unmittelbar ein, ohne Erklärung, ohne Einleitung, ohne jedwede Vorbemerkung, da sie offensichtlich überzeugt war, daß das, was sie vortrug, genügte. Ich hätte das Gerät ausschalten können, ich hätte mich hinlegen und den ganzen Nachmittag schlafen können, auf der Liege oder in meinem Bett. Ich hätte irgend jemanden anrufen können. Ich hätte irgend etwas anderes machen können. Aber ich blieb und hörte zu. Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott. Im Anfang war es bei Gott. Alles ist durch das Wort geworden, und ohne das Wort wurde nichts, was geworden ist. In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen. Und das Licht leuchtet in der Finsternis, und die Finsternis hat es nicht erfaßt. Es gab nichts zu erwidern. Alles, was ich hörte, war wahr. Ich hörte und hörte. Die Worte waren Wasser. Ich trank und trank. Ich hatte wenige Minuten vorher nicht gewußt, welchen Durst ich hatte. Jetzt trank ich, die Worte drangen in mich ein, ich spürte sie in meinem Mund, in meiner Kehle, in meiner Speiseröhre. Ich roch ihren Duft, sie dufteten wie frisch gemähtes Heu und mein Durst entzündete gleichsam das Heu und es loderte in mir. Das Wort war unaufhaltsam. Es fiel auf trockenen Boden, auf rissige Erde, und es schaffte die Erde neu. Es war mein Zimmer, hier, in der Sterneckstraße, es war der erste Jänner, es war das Geschenk der Bekannten, das ich hörte, und meine Erde wurde neu geschaffen. Hatte ich mit geschlossenen Augen zugehört? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur dies: Ich hörte die Stimme und die Stimme sagte: Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt, und wir haben seine Herrlichkeit gesehen, und ich sah. Ich sah die Herrlichkeit dieses Nachmittags. Ich sah mein Fenster, das auf die gegenüberliegende Hauswand blickt, ich sah diesen Sessel und meine Hände und das Abspielgerät und das Licht dieses Nachmittags, das den Schnee auf den Fenstersimsen der gegenüberliegenden Häuserwand funkeln ließ. Kein Zweifel war möglich. Das Wort, das ich gehört hatte, hatte meine Augen geöffnet. Ich blieb still. Ich hörte staunend dem Wort weiter zu. Seht das Lamm Gottes, hörte ich. Ich hörte: Am dritten Tag fand in Kana in Galiläa eine Hochzeit statt, und die Mutter Jesu war dabei. Ich hörte: Er, der von oben kommt, steht über allen. Er, der aus dem Himmel kommt, steht über allen. Was er gesehen und gehört hat, bezeugt er, doch niemand nimmt sein Zeugnis an. Und ich rief: Ich nehme dein Zeugnis an, ich nehme dein Zeugnis an. Und ich hörte immer zu: Da fragten sie ihn: Wie sind deine Augen geöffnet worden?, und die Tränen liefen mir die Wangen hinab.«

Er sprach nicht von Vergangenem. Ich sah mein Gegenüber und sah die Tränen in seinen Augen schimmern. Ich sah seine ganze Freude und seine ganze Wehmut. Er sagte: »Ich bin ein Sünder. Schau«, und er schwieg. Dann sagte er:

»Am nächsten Tag ging ich zu meinem Augenarzt. Er machte auf mein Drängen hin einen Sehtest mit mir. Ich erkannte die Buchstaben und die Zahlen. Der Sehtest bestätigte, was ich bereits wußte. Der Jubel in mir war unbeschreiblich. Der Arzt sagte wenig. ‚Sie sehen’, sagte er. Dann sagte er, bezugnehmend auf meine Erfahrung vom Vortrag, die ich ihm in kurzen Worten während des Sehtests erzählt hatte: ‚Aber man wird Ihnen nicht glauben. Wir Menschen sind halt so, Sie dürfen uns keine Vorwürfe machen. Nicht jeder ist ein Mediziner und hat Geräte zur Verfügung, um mit Ihnen einen Sehtest zu veranstalten. Ich rate Ihnen, unauffällig weiter durch das Leben zu gehen. Freuen Sie sich über Ihre Besserung, aber behalten Sie sie für sich.’ ‚Ich kann sie nicht für mich behalten’, erwiderte ich. Aber er streckte bereits seine Hand zu mir hin, denn der nächste Patient im zweiten Ordinationszimmer wartete. Ich verließ die Arztpraxis und stand draußen, wo ab und an Schneeflocken aus der Höhe fielen. Zugleich mit dem Geschenk des Augenlichts hatte ich das Geschenk der Einsicht erhalten. Obwohl ich bislang nie Schnee gesehen hatte, wußte ich, dies ist Schnee. Und ich wußte auch alles andere: Daß dies eine Straßenbahn ist, und dies die Farbe rot, und dies der Himmel. Ich ging zu meinem Vater. Meine Mutter war vor vier Jahren gestorben, mein Vater lebte allein in seinem weiten Haus. Die Einsamkeit erdrückte ihn täglich, seine Gedanken kreisten um das immer selbe: Warum war er zurückgeblieben, während seine Gattin davongegangen war? Wir saßen im Wohnzimmer. Er erzählte Nebensächlichkeiten, die sein Leben waren. Ich versuchte, ihm zu erzählen, was mir passiert war. Es bedurfte mehrerer Anläufe. Er hörte zu, aber es kam mir vor, als hörte er einer fremden Geschichte zu, nicht der Geschichte seines Sohnes. Ich hätte einen Ausbruch der Freude erwartet, einen Umschwung, ein Ich-weiß-nicht-was, aber es blieb alles beim Alten. Als ich zu Ende erzählt hatte, war eine Pause, dann stand er auf und sagte, er müsse noch zum Friedhof. Er ging in das Vorhaus, wo sein Gewand hing. Ich begleitete ihn auf die Straße und die wenigen Schritte bis zur Kreuzung. Dann trennten wir uns.« (Fortsetzung folgt)