Samstag, 10. Januar 2026

Die 2 Fragen

Ist es nicht erstaunlich?

In den liturgischen Texten der Weihnachtszeit wird das Kind in der Krippe immer wieder als »starker Gott« tituliert. 

Wie bitte? Ein Kind ist qua natura das wehrlose Geschöpf überhaupt. Es ist zur Gänze abhängig, schwach, ohnmächtig, auf die Hilfe der Anderen angewiesen. Was soll da die Rede vom starken Gott?

Es leuchtet ein, daß unsere gängigen Kategorien, die Stärke mit Muskelkraft, Durchsetzungsvermögen oder gar Ellbogenmentalität assoziieren, beziehungsweise im Politischen mit Macht, Waffen und militärischer Überlegenheit, an dem göttlichen Kind scheitern.

Und doch ist die Rede vom starken Gott, auf dieses Kind angewandt, sehr wahr. Denn die Stärke und Vollmacht, die die Liturgie zur Sprache bringt, ist die Stärke und Vollmacht der Liebe. Das Kind in der Krippe ist stark, weil es die vollkommene Liebe ist. Es symbolisiert diese Liebe nicht; es ist sie.

Daher sollten wir, wenn wir Weihnachten nicht als ein nostalgisches Ereignis abhaken, sondern als das bleibende Heilsereignis für einen jeden von uns wahrnehmen, die zwei Fragen hören, die das Christkind in der Krippe uns stellt.

Die erste Frage lautet: Glaubst du an Meine Vollmacht und Stärke der Liebe?

Hier muß man, um jedem Mißverständnis a priori zu wehren, sogleich eine Einschaltung vornehmen. Wenn das Christkind von Liebe spricht, dann ist damit nicht die Hollywoodliebe gemeint, sondern die echte: Die Liebe, die sich verschenkt, die nicht an sich denkt, die sich nicht aufbläht, die sich freut an der Wahrheit, die sich opfert.

Doch das Christkind beläßt es nicht bei dieser einzelnen Frage. Es stellt eine zweite, zusätzliche Frage, die auf das innigste mit der ersten verknüpft ist. Und diese Frage lautet: Glaubst du, daß ich die Vollmacht habe, dich, wenn du es zuläßt, zu einem Liebenden zu machen?

Es mag sein, daß es welche gibt, die auf beide Fragen sogleich mit ja antworten. Andere freilich gibt es auch, und vielleicht sind es viele, die mit ihrer Antwort warten; denn sie kommen ins Überlegen. Sie denken nach. 

Samstag, 3. Januar 2026

Vanitatum vanitas

Ihr Leben:

Mit achtzehn Jahren heiratet sie ihren ersten Mann, mit dem sie bereits als Vierzehnjährige Sex  hat. Die Ehe wird wenige Jahre später geschieden. Andere Ehemänner folgen. Ebenso Trennungen, Ehebrüche, Scheidungen, neue Affairen. 

Abtreibungen gehören wie selbstverständlich dazu. Mit siebzehn hat sie in der Schweiz ihre erste Abtreibung. Bei der zweiten Abtreibung, wenige Jahre später, kommt es zu einem Herzstillstand, so daß sie beinahe auf dem Operationstisch verstorben wäre. Danach riskiert kein Arzt mehr, eine Abtreibung  bei ihr vorzunehmen. In Fernsehinterviews vertritt sie ungeniert das Recht der Frau, ihr Kind abzutreiben, sprich zu töten, wenn die Frau die Schwangerschaft nicht will.

Als sie von ihrem zweiten Mann schwanger wird, trägt sie das Kind aus, gibt den kleinen Nicolas-Jacques aber sogleich in Betreuung, da sie mit dem Kind nichts anzufangen weiß. Als sie 1995 – Nicolas ist mittlerweile ein junger Mann, 35 Jahre alt – ihre Autobiographie veröffentlicht, schreibt sie über die damalige Schwangerschaft, sie sei wie ein »Alptraum« gewesen. Und ihr Sohn liest auch diese Sätze seiner Mutter: »Es war wie ein Tumor, der sich von mir ernährt hatte, den ich in meinem geschwollenen Fleisch getragen hatte und der nur auf den gesegneten Moment wartete, in dem er mich endlich loswerden würde.« Geht es noch grausamer? Ja. Sie hätte, so sie, es vorgezogen, »einen kleinen Hund zur Welt (zu bringen).« 

Tätsächlich sind die Hunde und die Robben und die Katzen und welche Tiere immer ihre Lieblinge, nachdem sie sich aus dem Filmgeschäft zurückgezogen hat. Robbenbabies streichelt sie, liebkost sie und umarmt sie fotowirksam; auch das wird ihrem Sohn nicht entgehen.

Depressionen gehören gleichfalls zu ihrem Leben. Viermal versucht sie, durch Selbstmord aus dem Leben zu scheiden. In einem späten Interview resümiert sie: »Ich bereue nichts.«

Jetzt ist B. B. (denn um sie geht’s) verstorben. Und die Nachrufe explodieren. Ein ungetrübter Blick hätte davon geschrieben, wie bodenlos zerrüttet, um das Mindeste zu sagen, das Leben des ehemaligen Filmstars war. Doch weit gefehlt. In den Nekrologen wird die Verstorbene als Inbild selbstbestimmter Weiblichkeit, als unabhängiger Geist, als Frau mit dem unwiderstehlichen  sogenannten sex appeal gerühmt, während ihre unübersehbare Verzweiflung gerade mal zwei Halbsätze wert sind. Unter diesen Voraussetzungen werden Kritiker, die sich den eitlen Nachrufen und Sirenengesängen entziehen, vermutlich als prüde abgestempelt. 

Der Kunstwissenschaftler Sedlmayr schrieb einst: »Der Verfall des Grabmals (…) gehört zu den furchtbarsten Zügen des 19. und 20. Jahrhunderts (…) denn alle Kultur beruht – neben dem Kult der Erde – im buchstäblichen Sinn auf dem Kult der Toten.«

Diese Aussage ließe sich in der Jetztzeit paraphrasieren derart, daß der Verfall der Nekrologe den Geisteszustand der Moderne beunruhigend offenbart. Ein kaputtes Leben wird schöngeredet zum femininen role model, die Reuelosigkeit gilt als Gütesiegel der Freiheit, denn was zählt, ist der egoistische plaisir, welcher sich nimmt, was er sich nehmen will. Wenn dabei andere und eventuell auch man selbst unter die Räder gerät, dann ist es halt so. C’est la vie. Doch kein geschminkter Schmollmund und keine Verführungstricks und erst recht nicht blinde Nekrologe können das zu Tage Liegende retuschieren: C’est la mort. 

 Grafik: pixabay by That-MamaRama-Life

Samstag, 27. Dezember 2025

Schneeweißchen, Rosenrot, Eisenhans und Co.

Wer kennt sie nicht? Die Märchen der Gebrüder Grimm?

Was macht letztlich die Anziehungskraft dieser Märchen aus? Warum sind die Grimmschen Märchen auch Erwachsenen ans Herz zu legen?

Die Antwort ist einfacher als man denkt. Die Märchen sind wahr. Das ist des Rätsels Lösung.

Geht man davon aus, daß in der Sammlung der Gebrüder Grimm nicht lediglich ein einzelner Autor sich ausspricht, sondern daß in diesen kunstvollen Gebilden die Stimme eines ganzen Volkes sich artikuliert, dann darf man weiter annnehmen, daß sich hier ein Konzentrat an volkstümlicher Weisheit zu Wort meldet.

Verschwiegen wird nichts. Es geht um die uralten und immer neu zu lebenden Geschichten des Lebens, und diese Geschichten drehen sich um das, was das Leben ausmacht: Liebe, Verrat, Kämpfe, Bosheit, gute Menschen, schlechte Menschen, Treue, Ausdauer, Verwicklungen, glückliche Fügungen und Lösungen. Da sind die Hexen und bösen Zauberer, die Prinzen und Prinzessinnen gewalttätig in Objekte bannen oder gleich in die Unterwelt einschließen. Da sind einfache Liebende, deren Herz einfach gut ist und die es vermögen, den Bann des Bösen zu brechen. Da sind immer wieder die tapferen Helden, die trotz verhängter bösartiger Machenschaften und Fallstricken nicht aufgeben auf ihrer Suche nach dem wahren Glück und der wahren Geliebten.

Die Botschaft des Märchens ist dabei unaufdringlich, schlicht, poetisch, ergreifend: Das Gute siegt. Immer. 

Damit aber ist das Märchen eine Art Exerzitium, welches in tiefer, spielerischer Weise die Schwere der Verstrickungen des Lebens auflöst in die trostvolle Botschaft, die den Kern des Märchens ausmacht, daß nämlich die Geschichten deswegen gut enden, weil die Schöpfung, in der die Märchen spielen, grundlegend gut ist.

Um diese selbstverständliche Botschaft, die letztlich eine zutiefst fromme ist, zu vermitteln, braucht das Märchen keinen Katechismus zu zitieren. Es läßt einfach die angemaßte Macht der Hexe null und nichtig werden und den Verwunschenen zum Leben auferstehen. Der »gottlose Zwerg« erhält seine »wohlverdiente Strafe«, und der Königssohn steht in goldenem Gewand da. Eine fromme Magd genügt, oder ein frommer Müller, oder  ein tüchtiger Handwerksbursche, oder »zwei Kinder ... fromm und gut«, um das Lot der Welt wieder in Ordnung zu bringen. 

Denn die Aussage am Schöpfungsmorgen ist dem guten Märchen unverlierbare Gewißheit: Gott sah alles an, was Er gemacht hatte: es war sehr gut (Gen 1,31).


Grafik: Abb. aus dem schönen Band: Brüder Grimm. Kinder- und Hausmärchen. Kleine Ausgabe 1825, hg. v. Axel Winzer, Berlin 2025 (Vlg. Frölich & Kaufmann).

Samstag, 20. Dezember 2025

 Die Tage der Erwartung 

 

Was bedeutet das: »Der Herr ist nahe«? 

In welchem Sinn sollen wir diese Nähe Gottes verstehen? 

Als der Apostel Paulus an die Philipper schreibt, denkt er offensichtlich an die Wiederkunft Christi und lädt sie ein, sich zu freuen, da diese Wiederkunft eine Gewißheit ist. Dennoch weist der hl. Paulus in seinem Brief an die Thessalonicher darauf hin, daß niemand die Zeit und Stunde des Kommens des Herrn kennen kann (vgl. 1 Thess 5,1–2) und warnt vor jeder Panikstimmung, so als stünde die Ankunft Christi gewissermaßen unmittelbar bevor (2 Thess 2,1–2). 

So erkannte die Kirche, vom Heiligen Geist erleuchtet, bereits damals immer besser, daß die »Nähe« Gottes keine Frage von Raum und Zeit ist, sondern eine Frage der Liebe: die Liebe schafft Nähe!

 Benedikt XVI.  

Grafik:  Foto von Victor Lu auf unsplash

Samstag, 13. Dezember 2025

 Das letzte Opfer

»Denn keiner von uns lebt sich selbst und keiner stirbt sich selber« (Röm 14,7)      

1556

Rom. Es ist der 30. Juli 1556. Der General des Jesuitenordens, Ignatius von Loyola, liegt im Sterben. Er bittet seinen Sekretär Polanco zum Papst zu gehen und um den päpstlichen Segen für den Sterbenden anzusuchen. Polanco ist ob dieser Bitte überrascht, »so krank sei er doch nicht; die Ärzte hätten von seiner baldigen Genesung gesprochen; ob er nicht den Auftrag bis zum andern Morgen verschieben dürfe, da er in dieser Nacht noch die überseeische Post zu erledigen habe.« In der Indifferenz des Jesuiten entgegnet der Ordensgründer: »Schön, wie Sie wollen. Ich überlasse mich ganz Ihnen.« Und Polanco eilt nicht zum Papst. Tatsächlich aber kommt der Tod, wie von Ignatius angedeutet, in der Frühe des 31. Juli. Er stirbt allein, ohne priesterlichen Beistand, ohne Viaticum. Der Sekretär eilt zwar, seinen Irrtum erkennend, in der Frühe zum Papst, doch es ist zu spät.

1981 

Châteauneuf-de-Galaure. Ein kleines Dorf im Süden Frankreichs, 45 km westlich von Grenoble. In einem Bauernhof, in der Höhe,  auf dem Hügel des Dorfes, liegt Marthe Robin seit fünf Jahrzehnten in ihrem Kinderbett: verkrümmt, unbeweglich, sich einzig von der heiligen Eucharistie ernährend. Den Ärzten ein Mirakel. Augenzeugen, unter anderem ihr geistlicher Begleiter, bezeugen die Vorkommnisse und die Tatsache, daß die Bettlägerige jede Woche die Passion Christi erlebt. Am Tag des Todes der Mystikerin, am 6. Februar 1981, findet man die Tote auf dem Boden der Kammer, offensichtlich gewaltsam aus dem Bett geworfen, derart bis zuletzt den geistlichen Kampf lebend. 

2025

Ich muß an eine Ordensschwester denken, die ich sehr schätzte. Ihr Leben: Ein Leben für andere. Und jeder, der sie kannte, wußte um ihr Lachen, ihre ausstrahlende Freude, noch dann, als sie, altersbedingt, zurückgezogen in einem Kloster für alte Schwestern lebte. 

Sie war die Verliebte. Ich, und so viele andere, hatten sie stets als die Verliebte wahrgenommen. Die Verliebte in ihren himmlischen Bräutigam.

Wenn ich sie in ihrem Kloster besuchte, hatte sie mir des öfteren mitgeteilt, daß sie, wenn es so weit wäre,  genau so bestatten sein wolle, wie es sich gehöre. Wie hätte es auch anders sein können? Ihr Bräutigam war in die nackte Erde gelegt worden. Also war es für sie eine unumstößliche Notwendigkeit, auch im Tod ihrem Bräutigam nachzufolgen. Eingeäschert zu werden, davor graute ihr, es war eine Abscheulichkeit für sie. 

Sie starb. Ich fuhr zu ihrem Begräbnis. In der Klosterkirche war vor dem Altar eine Art Katafalk errichtet. Ich verstand zunächst nicht. Ich wollte nicht verstehen. Erst nach Minuten drängte sich mir das Unausweichliche auf. Vorne, vor dem Altar, stand kein Sarg. Auf dem geschmückten Gerüst stand eine Urne. Ich wollte es nicht fassen. Und doch war es wahr. Schwester M., meine Schwester M., die ich fünf Wochen vor ihrem Tod zum letzten Mal gesehen hatte, war eingeäschert worden.

Ich habe erst später, nachdem ich stundenlang versucht hatte, meines Zorns Herr zu werden, verstanden, daß der Bräutigam von Sr. M. von ihr das letzte Opfer verlangt hatte. 

Grafik: https://sacerdos-viennensis.blogspot.com. Am Grab des hl. Ignatius in Rom.

Samstag, 6. Dezember 2025

 Die Chaconne

Sie gehört zu den herausragenden und schwierigsten Werken der Literatur für Violine solo: Die Chaconne (Giaccona) von Johann Sebastian Bach, der letzte Satz der Partita Nr. 2 in d-moll.

In der gesamten Geigenliteratur, und auch im Schaffen Bachs selbst, steht das Werk als ein erratischer Block. Es mag, wie viele vermutet haben, mit den außergewöhnlichen Lebensumständen Bachs zusammenhängen, unter denen die Chaconne entstanden ist.

Bach ist für drei Monate auf einer musikalischen Auslandsreise unterwegs. Als er schließlich nach der langen Dienstreise nach Hause zurückkehrt, trifft er den Tod an: Seine Frau Maria Barbara lebt nicht mehr, sie ist vor einer Woche verstorben. 

Die Tonart der Chaconne ist d-moll, eine Tonart, die man oft mit dem Tod in Verbindung gebracht hat. Mozarts Requiem ist in dieser Todestonart komponiert, Schuberts Der Tod und das Mädchen steht in d-moll, Bruckners letzte, dem Lieben Gott gewidmete Sinfonie, ist in d-moll. Legt es sich nicht nahe anzunehmen, daß die Chaconne Bachs der musikalische Abschied von seiner Frau ist? Und paßt zu dieser Annahme nicht auch, daß einer der Söhne des Komponisten berichtet, daß sein Vater das Werk oftmals für sich allein gespielt habe, auf seinem Lieblingsinstrument, dem Clavichord? 

Darüberhinaus: Im Jahre 1994 macht die Musikwissenschaftlerin Helga Thoene die Entdeckung, daß Bach, verborgen in seinem musikalischen Epitaph, mehrere Choralthemen anklingen läßt, und diese Choralanklänge kreisen um die heilsgeschichtlichen Ereignisse von Tod und Auferstehung (etwa die Choralzitate aus Jesu meine Freude, Jesu Deine Passion, Befiehl du deine Wege…). In einem musikalischen Experiment werden diese Zusammenhänge für den heutigen Hörer erstmals präsent: In der CD Morimur spielt der Geiger Christoph Poppen die Chaconne, während das Hilliard Ensemble zugleich vokal die Choralthemen unterlegt.

Verhält es sich nun so, wie diese wenigen Sätze skizzieren, wenn es also gilt, daß die Trauer wie die musikalische Transformation der Trauer (der Weg geht von Moll zu Dur und wieder zurück nach Moll) die Chaconne prägen, dann überrascht es nicht, wenn ein Geiger, der in eminenter Weise um die Trauer weiß, das Werk mit ungeheurer Intensität zu spielen weiß.

Sergey Khachatryan, so der Name des Geigers, ist armenischer Abstammung. In einem im Internet zugänglichen Video ist ein Encore von ihm zu hören, welches vom armenischen Komponisten Komitas stammt, wobei Khachatryan diese Zugabe bewußt der Erinnerung an den Genozid an seinem armenischen Volk während der Jahre 1915/16 widmet. Wer den Schmerz, die Trauer, die unverstellte Sehnsucht hören will, der kann dies in vier Minuten ergreifend hören. Und man versteht zuhörend besser, daß ein Geiger, über seine jeweilige Individualität hinaus, stets auch, in einer geheimnisvollen diachronen Verbundenheit, die alle statischen Grenzen der Zeit überwindet, der Bruder seiner Brüder ist und also der Bruder der Gemarterten.

Früh hat Khachatryan Bachs Partiten eingespielt. Seine Darbringung der Chaconne spricht für sich.  

Samstag, 29. November 2025

 Advent

Im Blick auf Weihnachten 


Love took my hand and smiling did reply,

Who made the eyes but I?  

Liebe ergriff meine Hand und sagte lächelnd:

Wer schuf die Augen, wenn nicht Ich? 

(aus: George Herbert, Love) 

 

 Grafik:  Foto von Azmaan Baluch auf unsplash

Samstag, 22. November 2025

 Etüden

 für K. W. 

Jeder Geigenschüler kennt sie - die Etüden von O. Ševčík

Etüde ist ein nüchternes Wort. Es enthält das Tuwort étudier, was studieren, üben meint.


Und genau darum geht es bei Ševčíks EtüdenÜbungen in allen Variationen  und Schwierigkeitsgraden. Die Schule der Violintechnik. Wie viele Geigenschüler haben gestöhnt, wenn sie diese Übungen als Hausaufgaben zu exerzieren hatten, wieder und wieder.

Und wahrscheinlich unterscheidet es früh den Ernsthaften vom Leichtfertigen, wie er schließlich diese Etüden wahrnimmt: Als Training oder als Qual. Derjenige, der im Violinunterricht wahrhaft weiterkommen will, weiß, daß diese Übungen ihm notwendig sind, um das Geigenspiel zu erlernen. Die Redensart Übung macht den Meister bewährt sich auch in der Disziplin des Geigenspiels. Und es wäre absurd anzunehmen, daß man im Geigenspiel irgendwann brilliert, ohne zuvor ausgiebig geübt zu haben. 

Das Kuriose ist nun jedoch, daß man im spirituellen Feld genau das immer wieder antrifft. Menschen, die einem unverblümt sagen, daß sie keinen Zugang zu Gott haben, daß Gott keine Antworten gibt und darum  Gott in ihrem Leben keine große Rolle spielt. Insinuiert wird zugleich, daß Gott sich über diesen Zustand nicht wundern dürfe, denn Er selbst sei schließlich schuld an dem Status quo. 

Wenn man sodann behutsam nachfragt, wie denn das konkrete Gottesverhältnis oder, um das Geigengleichnis in den geistlichen Bereich zu übertragen, wie denn die Gottesübungen ausschauen, dann erhält man magere Antworten. Im letzten Urlaub hat man eine Kapelle aufgesucht und ein Kerzerl angezündet. Manchmal betet man abends, schon im Bett liegend, ein Vater unser, doch bevor man mit dem Gebet zuende kommt, ist man schon mehr oder weniger im Schlafmodus. Das war's. 

Da tut es gut, sich an einen großen Seelenführer zu erinnern. Sein Name: Johannes Tauler. Was sagt Tauler? 

»Denn üben mußt du dich, willst du ein Meister werden. Doch erwarte nicht, daß Gott dir die Tugend eingieße ohne deine Mitarbeit. Man soll nie glauben, daß Vater, Sohn und Heiliger Geist in einen Menschen einströmen, der sich der Tugendübung nicht befleißigt. Man soll von solchen Tugenden auch nichts halten, solange der Mensch sie nicht durch innere oder äußere Übung erlangt hat.« 

Heute ist der Tag der hl. Cäcilia, Patronin der Kirchenmusik, der Musiker, der Instrumentenbauer, Sänger, Orgelbauer und Dichter. Wie lange hat diese Heilige geübt, bis sie zur Vollendung gelangte?

Die passio berichtet, daß die zu Beginn des 3. Jahrhunderts lebende Märtyrerin während der römischen Christenverfolgung hingerichtet wurde, weil sie sich weigerte, den heidnischen Götzen zu dienen. Der Henker schlug dreimal mit dem Schwert zu, traf Cäcilia aber erst mit dem dritten  Streich. Sie überlebte, zu Tode verwundet. In der Kirche Santa Cecilia in Trastevere, Rom, liegen ihre Gebeine.  

Als man 1599, anläßlich der Vorbereitungen auf das Heilige Jahr 1600, den Sarg der Märtyrerin öffnet, findet man den Leichnam der Heiligen völlig unverwest, eingehüllt in ein Gewand aus Goldbrokat. 

Der italienische Bildhauer Stefano Maderno (1575 - 1636) hat in seiner berühmt gewordenen Marmorplastik Cäcilia dementsprechend dargestellt: auf der Erde liegend, mit der Halswunde, wartend auf die Begegnung mit dem himmlischen Bräutigam.

Wie lange hat Cäcilia geübt?

Noch in der Agonie bekennt die Sterbende ihren Glauben. Auch dies zeigt der Bildhauer, eingemeißelt in strahlend weißen Stein. An ihrer linken Hand streckt die Heilige einen Finger aus, an der rechten drei Finger. Es ist ihr Bekenntnis des einen  Gottes in drei Personen.