Samstag, 28. Februar 2026

 Ästhetik und Moral

Es ist Jahrzehnte her. Mit einem Freund sprach ich über Kunst und Architektur und über das, was Kunst aussagt. Es war uns klar, daß es die gleichsam nackte, neutrale Kunst nicht gibt. Eine gotische Kathedrale und ein Wolkenkratzer sind nicht nichtssagende architektonische Gebilde, sondern  Aussagen, die Weltanschauungen oder private Vorlieben oder Deutungshoheiten oder ideologische Konzepte spiegeln. Ich fragte den Freund irgendwann im Laufe dieses Gesprächs, was denn die Botschaft eines modernen Betonkomplexes sei. Darauf seine direkte Antwort: »Lärm.«

Die Antwort fand ich erstaunlich. Sie leuchtete mir auch ein. Und sie kommt mir wieder  in den Sinn, da ich über den englischen Architekten Augustus Welby Northmore Pugin (1812 – 1852) lese. 

Der Nachwelt ist Pugin, selbst wenn sein Name den Meisten unbekannt sein dürfte, gleichwohl ein Denkmal, weil er der Schöpfer des berühmten Glockenturms von Big Ben in London ist. Doch Pugins Einfluß reicht weiter als bis zu einer touristischen Sehenswürdigkeit. Der junge, hochtalentierte Architekt, der bereits fünfzehnjährig durch sein zeichnerisches Genie auffällt, macht seinen Zeitgenossen noch einmal klar, daß Ästhetik und Moral keine unverbundenen Glieder sind, sondern wesentlich einander bedingen, indem letztere die Grundlagen legt für die ästhetischen Wertvorstellungen, und also auch Architektur und Moral in einem Verwandschaftsverhältnis stehen.

Pugins Leitbild ist dabei die Gotik, zu deren Neubelebung er mit seinem Können eintritt. Was man, ihm folgend, schließlich Gothic Revival nennt, ist kein nostalgisches totes Erinnern, sondern die bewußte Aufnahme einer spirituellen Ordnung, da der gotische Stil in seiner unmißverständlichen vertikalen Ausrichtung das architektonische Zeichen setzt, welches dem Leben Orientierung, Sinn und Halt vermittelt. 

Doch wäre Pugins Vertiefung und Förderung der gotischen Gesinnung, die sich in etlichen von ihm gestalteten Kirchengebäuden ausdrückt, undenkbar ohne seine Konversion vom Anglikanismus zur katholischen Kirche im Alter von 22 Jahren. Ausschlaggebend für die Konversion ist unter anderem sein Kennenlernen der römisch-katholischen Liturgie. »Wer eine so erhabene Art zu beten und Gott zu verehren hat«, so er, »der muß in der Wahrheit sein, in der Wahrheit der göttlichsten Art.«

Das Kirchengebäude ist nicht Selbstzweck, sondern dient der Verherrlichung des göttlichen Meisters. Die Liturgie ist nicht Selbstzweck, sondern dient der Verherrlichung des göttlichen Meisters. Omnia ad maiorem Dei gloriam – Alles zur größeren Ehre Gottes. Der Zusammenklang von sinnstiftender Architektur, göttlicher Liturgie und katholischer Weisheit ist das ekstatische Aufstrahlen des splendor veritatis, des Glanzes der Wahrheit, welches Aufstrahlen, wenn es erfahren wird, das Leben ändert, nicht nur das Leben Pugins, sondern eines jeden Lebens.

»Ich lernte die Wahrheit der katholischen Kirche in den Krypten der alten europäischen Kirchen und Kathedralen kennen«, bekennt der britische Architekt. Seine Bauten und theoretischen Schriften fließen aus dem Ergriffenwerden von dieser lebensspendenden Wahrheit. Und diese Wahrheit, wen wundert’s, ist letztlich Lobpreis, darum besingt Pugin »die übermenschliche Schönheit der katholischen Kunst und Liturgie«.

Grafiken: Portrait Pugins von einem unbekannten Künstler. Entwurf für Altar- und Prozessionskreuze. Beide: wiki commons 
 

Samstag, 21. Februar 2026

 Wo läufst Du hin?

Das Thema der Fastenzeit ist die Bekehrung.

Das deutsche Wort drückt es sehr gut aus, denn es enthält das alte Wort kehr, welches die Wendung zum Ausdruck bringt, die Wende weg vom falschen Weg hin zum guten Weg. Das Grimmsche Wörterbuch notiert: »die kehre ist ursprünglich das wenden mit dem rosse, pfluge u. ä., besonders im turnier, im kampf zu ross, das wenden und rückgehn mit dem rosse zum neuen anlauf wider den gegner.«

Der Gegner im geistlichen Kampf der Fastenzeit ist oftmals kein Feind im Außen, sondern der Feind im Inneren. Meine Trägheit, meine falschen Gewohnheiten, mein Starrsinn, meine Lauheit, meine Ichsucht. Und die vierzig heiligen Tage wollen mein Bewußtsein schärfen für diesen inwendigen Menschen, damit dessen Weg nicht in die Irre geht.

Ein Bild von Max Hunziker, dem 1976 in Zürich verstorbenen Künstler, kann weiterhelfen.

Ein Mann im Sternengewand, sehr imposant die Mitte des Bildes ausfüllend, wird von einem Mann im blauen Gewand offensichtlich aufgehalten. Aber dieses Aufhalten ist kein brutales, sondern ein sehr menschliches. 

Drei Berührungen finden statt: Das Stirn an Stirn, die Hand auf der Schulter und die beiden sich berührenden Hände. Eine Brücke oberhalb der Hände deutet an, daß kein gewaltsames Trennen, sondern ein heilsames Verbinden stattfindet. 

Doch worum geht’s?

Hunziker hat in seine Grafik ein epigrammatisches Wort des schlesischen Barockdichters Angelus Silesius integriert, zu lesen am unteren Bildrand. Da heißt es:

Halt an, wo läufst du hin? Der Himmel ist in dir:
suchst du Gott anderswo, du fehlst ihn für und für.
Ist es das, was der Mann vergessen hat: Daß er ein Gezeichneter ist, nämlich ein von Gott Gezeichneter – Imago Dei, Ebenbild Gottes? Daß er, seitdem Gott ihn schuf, mit einem Sternengewand bekleidet ist?

Die Erfahrung des Davonlaufens vor der ureigenen Bestimmung ist eine Gefährdung, die in der Geschichte der Menschen immer wieder zur Sprache kommt. Um ein sehr prominentes Beispiel zu nennen: Augustinus. In seinen Bekenntnissen schildert er in schmerzlicher Retrospektive seitenlang seine Irrwege, die allesamt weg führten von seiner wesentlichen Berufung. Gerade weil er ein Hochbegabter war, waren seine Versuchungen, sein sittliches wie intellektuelles Vermögen zu verschleudern, markergreifend. 

Durch mehrere glückliche Fügungen in seinem tragischen Lauf schließlich aufgehalten und zur Besinnung gebracht, singt er, die Kehre vollziehend, dem Gott der Güte sein spätes ergreifendes Lied:
Spät habe ich Dich geliebt, Du Schönheit, ewig alt und ewig neu, spät habe ich Dich geliebt! Und sieh, bei mir drin warst Du, und ich lief hinaus und suchte draußen Dich, und häßlich ungestalt warf ich mich auf das Schöngestaltete, das Du geschaffen. Du warst bei mir, und ich war nicht bei Dir. Und was von Dir solang mich fernhielt, waren Dinge, die doch, wenn sie in Dir nicht wären, gar nicht wären. Du aber riefst und schriest und brachst mir meine Taubheit. Du blitztest, strahltest und verjagtest meine Blindheit. Du duftetest, und ich trank Deinen Duft und atme nun in Dir. Gekostet hab ich Dich, nun hungre ich nach Dir und dürste. Und Du berührtest mich, ich aber glühte in Sehnsucht auf, in Sehnsucht nach Deinem Frieden.
Und sieh, bei mir drin warst Du, und ich lief hinaus, Du warst bei mir, und ich war nicht bei Dir. Dies ist die kurze Zusammenfassung des falschen Weges. Doch der Schöpfer aller Dinge geht Seinem Geschöpf nach, weil Er nicht will, daß das kostbare Kind verlorengeht. 

Sei es ein Mann im blauen Gewand, sei es ein Engel, sei es ein biblisches Wort, das plötzlich in die Mitte der Existenz fällt und erhellt – der inwendige Mensch, wenn er bereit ist, sich aufhalten zu lassen, findet zu sich und seinen wahren Quellen. Und dann, und das will die Fastenzeit, erblühen neue Begegnungen, neue Wörter, neuer Atem, neues Gebet.

Grafik: Max Hunziker, Halt an, wo läufst du hin, 1955. © Verlag am Eschbach, Eschbach, Rechtsnachfolge: Ursula Kunz, Zürich. 

Samstag, 14. Februar 2026

 Quadragesima 2026

»In jedem Widerstand gegen die Arbeit erkennen wir den Widerstand des Menschen gegen Gott. Die Anstrengung, die der Mensch zur Verarbeitung und Veredlung der Materie aufwendet, ähnelt der Anstrengung Gottes, der sich bemüht, den Menschen zu veredlen. Gott verbessert unaufhörlich in uns Sein Werk, weil Er uns den göttlichen Stempel und das Licht Seines Antlitzes aufdrücken will.« 

Stefan Wyszyński, Der Christ und die Arbeit

Grafik: Christ and Adam at Chartres, by Jim Forest

Samstag, 7. Februar 2026

Endlich: Die Kurzfassungen (Version Mann / Version Frau) des Klassikers Abtreibungsüberlebende sind da.

Warum Kurzfassungen?
 
Wir leben bekanntlich in schnellen Zeiten: Schnelles Internet, schnelle Kommunikation, fast food … Umfangreiche Bücher haben da bisweilen einen schweren Stand. Darum der Entschluß, das so wichtige Buch Abtreibungsüberlebende (150 Seiten) in einer komprimierten Fassung (40 Seiten) herauszubringen, welche das Lesen erleichtert, ohne jedoch die maßgeblichen Inhalte zu unterschlagen.  
Zudem wurden zwei Versionen gedruckt – eine Version für Männer und eine für Frauen. 
 
Der Text bei beiden Versionen ist ident; doch die grafische Gestaltung ist unterschiedlich. Warum? Weil Frauen und Männer unterschiedlich wahrnehmen und darum bei diesem heiklen Thema auch unterschiedlich angesprochen werden sollen. Es ist ein Novum. Wir hoffen freilich, daß diese Neuigkeit Frucht bringt.
 
Der Gang der Lektüre ist ein therapeutischer. Wie das Cover bereits zeigt, ist die Ausgangssituation des Abtreibungsüberlebenden zunächst eine im wahren Wortsinn niederschmetternde. Gemeint ist ja mit dem Begriff eine Person, die irgendwann  in ihrem Leben weiß oder ahnt, daß sie eigentlich noch ein oder mehrere Geschwister hätte; doch diese Geschwister sind nicht unter uns - sie wurden abgetrieben. Was machen mit dieser vernichtenden Erkenntnis?
 
Oder mit dieser Einsicht: Irgendwann festzustellen, daß die eigenen Eltern damals in Erwägung gezogen hatten, abzutreiben (mich abzutreiben), doch wegen glücklicher Umstände scheiterte das Vorhaben, so daß ich, dessen Leben damals wortwörtlich an einem seidenen Faden hing, heute am Leben bin, tatsächlich überlebt habe?
 
Wer das kleine Büchlein liest, bleibt nicht bei der anfänglichen deprimierenden Diagnose stehen. Die Lektüre zeigt auch das Rettende auf: Den Weg aus der Niedergeschlagenheit in das Freie. In den Worten Hölderlins: Wo aber Gefahr ist, wächst / Das Rettende auch.   
 
Die rückseitigen Covers wollen eben diesen rettenden Impuls im Grafischen vergegenwärtigen: Ich will leben!
 
 
 
 
 
 
 
 
  
 
Ich will leben!
 
 
Zu bestellen sind die beiden Büchlein beim Immaculata Verlag: 
 
Der Preis pro Exemplar beträgt lediglich 3 Euros.